Lost Generation

Es ist nun bereits ein ganzes Jahr, dass der Zustand des deutschen Schulwesens ungewohnt deutlich im Fokus der Öffentlichkeit steht. Wie in vielen Bereichen der Wirtschaft wirkt auch hier die Pandemie als Brennglas. Fehlentwicklungen und Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte treten hervor und offenbaren ein erschreckendes Bild. Und damit meine ich noch nicht einmal die Spott hervorrufenden fehlenden Internetanschlüsse oder Dienst-Emails.

@dasnuf bringt es wie immer auf den Punkt

Vielmehr ist es eine stupende Ignoranz der zuständigen Bildungspolitikerʔinnen und eine irritierende Unbeweglichkeit des Schulsystems. Mir fehlt hier der Überblick über all die Kompetenzen, Sachzwänge und Rechtsproblematiken.

Was ich jedoch sehe: Eine desillusionierte Generation. Jugendliche, die jeglichen Glauben und Motivation verlieren. Junge Menschen, die sich als Verfügungsmasse fühlen. Nichts aber ist für eine Gesellschaft verheerender als eine Jugend, die aufgegeben hat und den Glauben an ihren Einfluss und die Veränderbarkeit der Welt verliert.

Man wird hierzulande nicht müde, die Bedeutung von Bildung zu betonen und wie wahnsinnig wichtig das Wohlergehen der jungen Generation sei. Es dürfe niemand abgehängt werden und Kindeswohl und Bildungsgerechtigkeit und was an schönen Sonntagsredenschlagwörtern noch so da ist.

Wichtig genug, ihnen Sicherheit, Verlässlichkeit oder wenigstens ein funktionierendes Bildungsangebot zu bieten dann allerdings auch nicht. Stattdessen trägt man den Präsenzunterricht wie den Heiligen Gral vor sich her und behauptet, dass damit alles gut werden würde. Als ob vorher alles gut gewesen wäre. Als ob Bildungserfolg vorher nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängig gewesen wäre. Als ob die technische, administrative, methodische und didaktische Vorgestrigkeit, die unser Schulwesen prägen, Ergebnis der Pandemie wären und nicht eigentlich nur durch diese offen zutage träten. Denn, ich bitte euch: Lehrende, denen seit 12 Monaten nichts einfällt als Arbeitsblätter einzuscannen, hindert nicht die räumliche Distanz an gutem Unterricht. Bildungsministerʔinnen, die wider alle Vernunft und gegen den wissenschaftlichen Konsens Kinder in die Schulen jagen wollen, diese dann aber noch nicht einmal in die Lage versetzen, die eigenen Anordnungen umzusetzen.

Wir haben die Traumtochter aus diesem Schuljahr befreit, weil das System einfach Amok läuft. Obwohl sie ihre Schule liebt, obwohl sie ihre Klasse liebt. Aber sie ginge uns vor die Hunde, ließen wir sie in dieser toxischen Umgebung. Jetzt ist sie wieder Zuhause, dem so wichtigen Vorabschlussjahrgang entflohen und muss nicht mehr täglich von morgend um 6 bis abends um 10 Leistung erbringen, in die Schule rennen, Klausuren vor- und Unterricht nachbereiten.
Getrieben von der systemimmanenten Abschlussfixierung jagen die Lehrerʔinnen nach Noten – ohne Rücksicht auf Verluste und mit erwartbaren Ergebnissen. Ganze Jahrgänge stürzen in ihren Leistungen ab und sie ist nicht die erste und nicht die einzige, die diesem Wahnsinn entflieht. Von Freunden hört sie Geschichten von Schulen, an denen in Vorabschlussjahrgängen 10 Unterrichtsstunden en bloc – also ohne Pause – unterrichtet werden. Angeblich, weil bei Pausen das Abstandsgebot nicht eingehalten werden könne. Hausaufgaben gibt es natürlich trotzdem noch, der Stoff muss ja geschafft werden. Aber Hauptsache Präsenz!

Für wie blöd halten wir die Jugendlichen eigentlich, dass sie das nicht durchschauen? Da spielt die Perspektivlosigkeit der Bildungspolitik durchaus auch eine Rolle: Denn es gibt kein Wort dazu, ob nächstes Jahr bei den Prüfungen in irgendeiner Weise Rücksicht genommen wird. Also prügelt man das Pensum durch und verbrennt eine Generation.

Diese Jugend erlebt gerade intensiv, was es bedeutet, »beschult« zu werden. Es bedeutet, Verfügungsmasse zu sein, Objekt eines Systems zu sein, das sie nur ala Objekte, nicht als Subjekte kennt. Es geht in allen Verlautbarungen und in allen Anweisungen nur darum, dass mit ihnen etwas gemacht wird. Sie selbst spielen keine Rolle. Mut- und Ideenlosigkeit bestimmen unsere Bildungspolitik und das seit Jahrzehnten. Das ist in diesem Jahr in aller Deutlichkeit offenbar geworden. Darum und nur darum, setzen wir Schule mit Anwesenheit in einem definierten Gebäude gleich.

Doch wahrlich, ich sage euch: Das wird uns noch teuer zu stehen kommen, denn die Jugendlichen sind nicht blöd, die merken, was hier mit ihnen veranstaltet wird. Dass es nicht um sie und ihr Wohlergehen geht, sondern dass das System weiterläuft, dass einfach mal wieder a Ruh‘ is und die Eltern brav auf Arbeit traben. Das wird ihre zentrale politische Erfahrung sein, das wird sie ihr Leben lang prägen. Und das wird übel werden.

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