Auf dem Nachttisch (7)

Auf geht’s mit einer neuen Runde Kurzrezensionen. Heute geht es insgesamt sehr abenteuerlich zu, mal im historischen London, mal im zeitgenössischen Singapur und einmal rund um die Welt mit einem preußischen Bergbaubeamten.

Mat Osman: Das Vogelmädchen von London

Shay hat eine bemerkenswerte Berufskombination: Sie überbringt Botschaften, ist Falknerin und Wahrsagerin im spätelisabethanischen London. Mit dieser Mischung sind ihre Dienste gleichzeitig begehrt wie sie auch gering geschätzt werden. Reichtum gehört mithin nicht zu ihren Privilegien. Aber es dürfte wohl nur wenige Menschen geben, die mehr von dem mitbekommen, was in der Stadt geschieht. Und sie führt ein Doppelleben in dem Sinne, dass sie Teil einer Gemeinschaft ist, die Vögel als Götter verehrt und die deshalb außerhalb der offiziellen Gesellschaft lebt. Das bringt einige Komplikationen mit sich, die sich nicht verringern, als sie Vögel aus der Gefangenschaft ihrer Auftraggeber frei lässt.

Dieser Roman ist als „historischer Roman“ gelabelt und tatsächlich hatte ich beim Lesen das Gefühl, in einem historischen London unterwegs zu sein. Das heißt, nicht selten auch über dem historischen London, wie bei einer vogelaffinen Heldin nicht weiter überraschend, gehen viele Wege über die mehr oder weniger eng stehenden Häuserdächer – gerade, wenn es untergeschossig mal wieder eng wird mit den Schergen und sonstigen Unsympathen. Und auch wenn hier auf einen mysteriösen Vogelkult abgehoben wird: Die Atmosphäre der religiösen Verfolgungen in Elisabeths England wird hier spürbar und erlebbar.

Ein gut erzählter, spannender Abenteuerroman, der sich an ein junges Publikum richtet. Hat mir sehr gefallen.

Mat Osman: Das Vogelmädchen von London : Historischer Roman [OT: The ghost theatre] ; aus dem Englischen von Ulrike Seeberger, Rütten & Loening Berlin 2023, 493 Seiten, ISBN 978-3-352-00993-8 ; als Hardcover 22 € ; als ebook 16,99 € ; als Hörbuch 16,99 €

Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur

Dieses Buch wirkt wie eine Alexander von Humboldt-Biographie, wurde auch so vermarktet. Tatsächlich ist sie das aber nicht – auch wenn sich hier sehr viel über Humboldts Leben erfahren lässt. Vielmehr hat Andrea Wulf eine Geistesgeschichte Alexander von Humboldts geschrieben. Es gibt nicht viele Menschen, bei denen sich das überhaupt machen ließe. Humboldts Wirken aber ist so umfangreich, so weitreichend, dass er tatsächlich eine eigene Kategorie darstellt.

Wulf entwickelt entlang wichtiger Stationen von Humboldts Leben dessen Weltsicht, die sich aus seiner ungezügelten Neugier, seiner Begeisterung und seiner Offenheit speist. Seinen ganzheitlicher Ansatz, der sich auf besondere Weise mit einer sehr genauen Beobachtung und Messungen verbindet und der in seinem Kosmos-Werk kulminiert, stellt Andrea Wulf besonders heraus. Und immer wieder in den Zusammenhang mit Vorgängern, Zeitgenossen und Nachfolgern. Dabei entsteht ein unglaublich lebendiges Bild, entstehen Zwiegespräche, die ganz tief in die Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts eintauchen lassen. Ich war ja schon länger von Alexander von Humboldt fasziniert – Andrea Wulf hat mich für ihn begeistert.

Buchdetails:
Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur [OT: The invention of nature] ; aus dem Englischen übertragen von Hainer Kober, C. Bertelsmann München 2016, 555 Seiten, ISBN 978-3-570-10206-0 ; als Hardcover 28 € ; als Taschenbuch 16 € ; als ebook 14,99 € ; als Hörbuch 14,99 €

Silke Tobeler: Majulah! Gestrandet in Singapur

Franzi und Finn sind frisch an einer hochangesehenen Hamburger Journalistenschmiede abgelehnt worden und machen sich nach Australien auf. Sie kommen aber nur bis Singapur. Was zum einen an ihrem verwegenen Plan liegt, zunächst nur bis Singapur zu buchen und dann von dort aus günstige Anschlussflüge nach Australien zu finden. Zum anderem aber auch daran, dass sich ihre kurze Bekanntschaft als nicht sehr tragfähig erweist – schon gar nicht, um gemeinsam ans andere Ende der Welt zu flieg(h)en.

Während Finn im Gefängnis landet, weil er unvorsichtig genug ist, sich beim Kiffen erwischen zu lassen, gelangt Franzi in die Obhut eines Pfarrers, der sie in einem Kloster unterbringt. Abgeschieden von den Zumutungen der Welt lernt sie dort eine Sara Smit kennen, deren Ausstrahlung sie fasziniert und mit der sie einen wilden Road-Trip nach Malaysia und in die Vergangenheit unternimmt.

Ausgehend von der historischen Geschichte Maria Hertoghs erzählt Silke Tobeler eine Selbstfindungsgeschichte, die mich überhaupt nicht überzeugt. Ihre Figuren befinden sich in existentiellen Krisen oder kämpfen mit jahrzehntealten Traumata und entwickeln sich im Laufe der Geschichte überhaupt nicht weiter, bis sich alles in Wohlgefallen auflöst. Ihre Sara Smit weiß alles und kann alles, Franzis Offenheit ist pure Naivität und überhaupt sind die Figuren des Romans klischeehaft, statische Holzschnitte. Was sehr schade ist, denn die Grundidee ist durchaus reizvoll.

Buchdetails:
Silke Tobeler: Majulah! – Gestrandet in Singapur [auch u.d.T. Malayas Echo – das Geheimnis der Sara Smit], Nova MD Vahlendorf, 978-3-98595-010-2, 236 Seiten ; als Softcover 10,95 € ; als ebook 4,99 € ; als Hörbuch 4,29 €

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.