Hubertus Borck: Das Profil

Es ist ein bizarrer Anblick: Im Sandkasten eines Hamburger Spielplatzes wurde ein toter Mann eingegraben, nur sein Kopf schaut heraus – mit dem Blick in eine Richtung, in die er mit intaktem Genick nicht hätte schauen können. Nicht allzu lange und die ermittelnden Beamt:innen können einen Zusammenhang zum Tod einer jungen Frau herstellen, die in ihrer Wohnung schwerst misshandelt wurde.

Die Geschichte, die Hubertus Borck erzählt, ist nicht neu: Ein in seiner Kindheit traumatisierter Mann überfällt Frauen, an denen er sich stellvertretend rächt. Seine Opfer findet er über geschickte Instagram-Nutzung und macht es damit den ermittelnden Behörden nicht leicht – es ist zwar schnell offenkundig, dass es sich um einen einzigen Täter handelt, aber die Verbindung will sich partout nicht zeigen.

Borck wechselt in seiner Erzählung immer wieder die Perspektiven – mal steht der Täter im Mittelpunkt, mal Kommissarin Franka Erdmann, mal ihr neuer Assistent Alpay Eloğlu. Die Erzählstränge laufen dabei aufeinander zu und das macht er durchaus geschickt – seine Erfahrung als Drehbuchautor macht sich hier eindeutig bemerkbar.

Das ist einerseits eine Stärke dieses Thrillers – er liest sich schnell weg und ist spannend geschrieben, es fällt nicht schwer, das Gelesene in Bilder umzusetzen. Wollte man das verfilmen, wäre wahrscheinlich nicht viel Übersetzungsarbeit zu erledigen. Andererseits ist das auch eine Schwäche des Buches. Borck beschreibt gut – aber das Innenleben, die psychische Entwicklung der Figuren, das wirkt auf mich nicht überzeugend. Mir erscheint das zu oberflächlich und nicht immer nachvollziehbar, das war mir an vielen Stellen einfach zu sprunghaft und häufig auch einfach zu platt.

Und zu guter Letzt: So unbedingt brauche ich jetzt auch nicht den drölfzigsten Thriller, der ausgiebig Gewalt an Frauen zelebriert. Mir ist klar, dass Tatbeschreibungen zum Genre gehören und dass Frauen tatsächlich häufig Opfer von Gewalttaten sind. Aber übermäßig einfallsreich ist das halt auch nicht.

Buchdetails:
Hubertus Borck: Das Profil. Thriller [=Erdmann und Eloğlu 1]. Rowohlt Taschenbuch Verlag Hamburg 2022. 384 Seiten, Paperback, ISBN 978-3-499-00824-5, 12 €, als ebook 4,99 €
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Mónica Subietas: Waldinneres

Gottfried Messmer, Inhaber des Café Glück in Zürich, wohin er nach bewegten Wanderjahren zurückgekehrt ist, erhält einen merkwürdigen Anruf: Er solle in einer vertraulichen Angelegenheit in die Zürich-Bank kommen, der Leiter der Abteilung Rechtsnachfolge wolle ihn sprechen.

Es stellt sich heraus: Er ist der Erbe eines Schließfaches, das seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr bezahlt wurde. Der Inhalt – ein Spazierstock – wirft zahlreiche Fragen auf und sein Versuch, diese zu beantworten, bringt Ereignisse ins Rollen, deren Antriebsfedern vor Jahrzehnten gespannt wurden.

Mónica Subietas wählt mit der Schweiz zur Zeit der deutschen Nazi-Diktatur eine historische Folie, die mir zumindest nicht sehr präsent war. Und das Verhalten der Schweiz jüdischen Flüchtenden gegenüber darf getrost als verwerflich bezeichnet werden (passt aber natürlich ins allgemeine Bild, abgewiesen wurden sie ja nicht nur dort, sondern an vielen Grenzen der Welt).

Zum Einstieg gibt es einen Tatort: Ein Schweizer Künstler wurde in seinem Atelier angegriffen, Überlebenschancen unklar. Von hier ausgehend schlägt Subietas einen Bogen, weit zurück zum vermögenden Jakob Sandler, der sich nach dem „Anschluss“ Österreichs zur Flucht entschließt und zu Gottfrieds Vater, der einst selbst aus Deutschland in die Schweiz flüchtete.

Mónica Subietas verknüpft mehrere Erzählstränge, den sie jeweils aus der Protagonist:innenperspektive erzählt. Das macht sie sehr geschickt, ihr gelingen dabei gute Übergänge zwischen Erinnerungen und Erleben, zwischen Zeitebenen und Protagonist:innen. Das macht den Roman sehr flüssig lesbar und erzeugt eine Spannung, die der Plot selbst nicht hergeben würde. Wie überhaupt die Handlung als solche mich nicht überzeugt, das ist doch sehr vorhersehbar und ich möchte doch fast sagen – unoriginell.

Stärker ist das Werk in der Innenperspektive der handelnden Figuren und in der Darstellung der verheerenden Folgen, die kleinste Kommunikationsfehler mit sich bringen können. Nämlich dann, wenn sie nicht aufgelöst werden. Und ich möchte der Autorin daher unterstellen, dass die unterkomplexe Handlung genau deshalb Absicht war: Ich saß als Leser immer wieder da und dachte – „Nein, nicht doch, das war doch anders – Himmerherrgott, will denn niemand die Sache aufklären?“ Und zwar weil die Protagonist:innen die ganze Zeit Geheimnisse aufzuklären versuchten, dabei völlig falsche Schlüsse zogen – Leser aber sowohl die Geheimnisse längst kennen als auch sofort ahnen, welche Schlüsse sie ziehen werden und welche Handlungen daraus folgen.

Dieser Roman ist in seinem ganzen Wesen zutiefst und in klassischem Sinne tragisch. Denn Schuld sind hier wenige – das Helfernetzwerk nicht, Gottfrieds Eltern nicht, Gottfried ebenso wenig, Jakob Sandler nicht, sein Sohn noch weniger und so weiter – alle handeln völlig nachvollziehbar und geradezu zwingend. Das Ergebnis aber ist erschütternd.

Dies ganz deutlich darzustellen, darin liegt in meinen Augen die Stärke dieses flüssig geschriebenen Romans. Dass dies etwas auf Kosten der Handlung geht, die an manchen Stellen dann doch sehr offensichtlich konstruiert erscheint, ist schade – öffnet aber den Raum für eigene Assoziationen und Gedanken.

Buchdetails:
Mónica Subietas: Waldinneres [OT: El bosque en silencio]. Roman. aus dem Spanischen übersetzt von Lisa Grüneisen. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2022, gebunden, 253 Seiten, 22 €, als ebook 18,99 €
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Bonnie Garmus: Eine Frage der Chemie

Elizabeth Zott scheint auf dem Weg nach oben: Die brillante junge Chemikerin hat eine Promotionsstelle und widmet sich zukunftsträchtiger Forschung.
Als sie sich gegen die Vergewaltigung durch ihren Vorgesetzten wehrt (sie bekommt einen Bleistift zu fassen und rammt ihn in dessen Körper), wird letztlich sie beschuldigt und muss unter erniedrigenden und entwürdigenden Bedingungen die Universität verlassen. Einen Bleistift wird sie aber von nun an immer bei sich tragen.
In dem Forschungsinstitut, in dem sie anschließend unterkommt, wird ihre wegweisende Arbeit gering geschätzt, nichtsdestotrotz aber ausgenutzt – ihre Ergebnisse werden sogar ohne ihr Wissen und ohne sie auch nur zu erwähnen unter dem Namen des Leiters veröffentlicht. Dass sie eine Beziehung mit dem Star des Instituts, dem Nobelpreiskandidaten Calvin Evans beginnt, fügt der Missachtung nun auch noch Missgunst hinzu.

Wenden wird sich das Blatt erst, als sie landesweit bekannt wird als Star einer Kochsendung, die so gar nicht in die vorgesehenen Schubladen passen will.

Bonnie Garmus schreibt ein modernes Märchen. Ein Märchen um eine Frau, die zunächst an der Misogynie ihres Zeitalters zu scheitern scheint, sich aber mit unbeirrbarem Vertrauen in die Macht des wissenschaftlichen Arguments aus diesen Zwängen befreit – und damit nicht allein ihre unfassbar kluge Tochter, sondern Frauen im ganzen Land inspiriert. Es ist eine großartige Idee, sie ausgerechnet eine Kochsendung kapern zu lassen. Denn sie zeigt einerseits den Wert der Care-Arbeit von Hausfrauen auf, bleibt damit vordergründig im vorherrschenden Rollen- und Weltbild, unterläuft dieses aber gleichzeitig, indem sie die Anerkennung für die komplexe und wertvolle Arbeit aufzeigt und dabei Frauen wissenschaftliches Wissen und Verständnis vermittelt – sie also intellektuell ernst nimmt. Eine neue und befreiende Erfahrung für ihr Publikum. Sie verändert dabei nicht nur ein Leben.

Es hat Elisabeth Zott nicht gegeben. Und mir scheinen im Roman auch etliche Anachronismen verbaut zu sein. Das ist aber nicht schlimm und verringert die Lesefreude überhaupt nicht, denn letztlich ist es eben ein Märchen. Mit all der Kraft, die Märchen haben können: Inspirierend, aufrüttelnd, stärkend.

Buchdetails:
Bonnie Garmus: Eine Frage der Chemie (OT: Lessons in Chemistry). aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Piper München 2022. ISBN 978-3-492-07109-3, gebunden, 461 Seiten, 22 €, als ebook 19,99 €

Lucy Fricke: Die Diplomatin

»Im Erfahrungsbericht meines Vorgängers hatte gestanden: Genießen Sie es! Dies ist das wunderbarste Land der Welt. Ich lasse Ihnen ein paar Restaurantempfehlungen da.
Ich hatte das Papier umgedreht, die Schubladen des leeren Schreibtisches geöffnet, die Sekretärin gefragt, doch es blieb das Einzige, was er mir dagelassen hatte. Ein paar Hinweise, wo sich gut essen ließ. Vielleicht gab es mehr nicht zu sagen. Nicht ohne Grund gab es bei uns den alten Spruch: Der Vorgänger ist der größte Idiot und der Nachfolger der größte Verbrecher.«
Friederike Andermann, kurz: Fred, hat eine erstaunliche Karriere im Diplomatischen Dienst hingelegt. Kinder alleinerziehender Mütter in prekären Verhältnissen sind dort jedenfalls Mangelware. Und nun ist sie die frisch berufene Botschafterin in Montevideo.
Sie ist eine erfahrene Diplomatin, sie hat im Irak traumatisierende Dinge gesehen und erlebt, ein Botschaftsposten, dessen Hauptaufgabe darin besteht, herumzustehen und Deutschland zu sein (eine herrliche Formulierung), verspricht die dringend benötigte Ruhe. Aber es kommt anders.
Einige Jahre später ist sie Konsulin in Istanbul und dieses Mal wird sie nicht versuchen, nach den Regeln zu spielen, sondern etwas bewirken wollen.

Etwas verwundert habe ich die Verlagsbeschreibung zur Kenntnis genommen, denn ich sehe hier keine Frau, die den Glauben an die Diplomatie verliert. Vielmehr habe ich Fred als eine Frau wahrgenommen, die nach dem Möglichen sucht. Dass Fricke ihr einen persönlichen Ratgeber beiseite stellt, der seine eigene Karriere exzellent vorantreibt, indem er strikt nach den Regeln des Betriebs spielt, ist doch kein Zufall. Vielmehr verhandelt dieser Roman die Frage, wieviel persönlicher Einsatz eigentlich erforderlich ist, um das Richtige zu tun, um sich nicht selbst zu verraten. So erlebe ich Fred eher als Diplomatin, die nicht hilflos sein will, die die Chancen und Möglichkeiten ihres Berufes nutzen will.

Damit ist sie natürlich nicht das, wofür Beamtendiplomatie sonst steht, das zeichnet Lucy Fricke auch deutlich auf. »Das Amt« belohnt solches Verhalten nicht, sondern ein Verhalten, das stets dafür sorgt, für nichts verantwortlich zu sein, sich aalglatt und stromlinienförmig überall durchzuschlängeln und rückzuversichern. Nur: Solches Verhalten bewirkt halt auch nichts. Zumindest nichts gutes. Aber damit glaubt die Protagonistin doch immer noch an Diplomatie – sie glaubt nur möglicherweise nicht mehr an den Betrieb und seine kalten Regeln.

Besonders eingenommen haben mich Lucy Frickes feiner Humor, ihre nonchalant eingespielten Punchlines (»Wir haben keine Panik, wir sind Beamte.«) und ihre mit wenigen Strichen klar gezeichneten Charaktere.

Buchdetails:
Lucy Fricke: Die Diplomatin. Claassen Verlag Berlin 2022. ISBN 978-3-546-10005-2, gebunden, 253 Seiten, 22 €, als ebook 17,99 €
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David de Jong: Braunes Erbe

Weder Aufstieg noch Herrschaft der Nationalsozialisten wäre ohne helfende oder willfährige Unterstützer in der deutschen Wirtschaft möglich gewesen. Flick, Finck, Porsche-Piëch, Oetker, Reimann, Quandt – noch heute extrem reiche Familien haben einen Großteil ihres Aufstieges, ihres Reichtums und Einflusses dem nationalsozialistischen Regime und seinen verbrecherischen Regeln zu verdanken. Und die meisten von ihnen schweigen still darüber, huldigen noch heute ihren Vorfahren, in dem sie Gebäude, Stiftungen und Preise nach ihnen benennen.

David de Jong gelingt eine packende, plastische Schilderung des Aufstiegs und der dabei verwendeten Methoden. Dramaturgisch geschickt angeordnet, zeichnet er nach, wie aus Überzeugung oder schlichtem Opportunismus die Nähe zum Regime gesucht wurde. Skrupellos wurden jüdische Angestellte oder Geschäftspartner fallengelassen, Konkurrenten erpresst, hemmungslos wurden die Chancen ergriffen, die sich mit dem staatlich forcierten Herausdrängen jüdischer und »nichtarischer« Akteure aus der Wirtschaft ergaben. Und natürlich setzten alle Zwangsarbeiter ein.

Mindestens ebenso bedrückend ist allerdings die Nachkriegsgeschichte. Durch Lügen, Täuschen und Vertuschen gelang es, zügig das eigene Vermögen zu retten und sich nahtlos in die bundesrepublikanische Wirtschaft zu integrieren, deren Wachstum die Möglichkeit zu globalem Agieren gab. Es ist erschütternd, wie leicht die eigenen Lebenslügen vermittelbar wurden und wie tief verwurzelt sie noch heute in den Familiendynastien sind, die sich häufig bestenfalls halbherzig ihrer Vergangenheit stellen. Von ernsthaften Entschädigungen gar nicht erst zu reden (einzige Ausnahme: Die Familie Reimann).

Die noch heute wirksamen Verknüpfungen und Verbindungen, zum Teil noch heute ins rechtsextreme Milieu, zeigt de Jong unnachgiebig auf. Und auch wenn ich einiges schon gewusst habe: So richtig präsent war es mir nicht und ich bin de Jong sehr dankbar für seine klare, sachliche Darstellung. Es ist ein Dokument der Schande und es sollte uns alle hellhörig werden lassen, wenn mal wieder »Ideologiefreiheit« in der Wirtschaftspolitik gefordert wird – denn genau das ist und war die Standardbegründung: Mit Politik habe man gar nichts am Hut gehabt, man war ja nur Wirtschaftler. Profit um jeden Preis, das ist keine »Ideologiefreiheit«, das ist selbst eine Ideologie, und zwar eine, die Menschenleben kostet, die keine Gnade und keinen Anstand kennt, die über Leichen geht, die Gewalt akzeptiert, die Menschenrechte mit Füßen tritt. Es ist genau diese »Ideologiefreiheit«, die VW-Manager ungerührt behaupten lässt, ein Werk in Xinjang führe zu einer Verbesserung der Situation der unterdrückten, geknechteten Uiguren. Ein Werk, dass in Zusammenarbeit mit einem Staatskonzern betrieben wird – eben jenes Staates wohlgemerkt, der die Menschen dort unterdrückt. Mit demselben Zynismus behaupteten seine Vorgänger, den Zwangsarbeitern im KdW-Werk sei es sehr gut ergangen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Darstellungen zu diesem Thema, ist diese hier nicht nur fachlich fundiert und mit umfassenden Quellennachweisen belegt, sondern auch literarisch exzellent geschrieben. So muss Geschichtsvermittlung sein!

Buchdetails:
David de Jong: Braunes Erbe. Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen Unternehmerdynastien. aus dem Englischen von Jörn Pinnow und Michael Schickenberg. Kiepenheuer & Witsch Köln 2022, ISBN 978-3-462-05228-2, gebunden, 496 Seiten, 28 €, als ebook 24,99 €
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Katharina Peters: Bornholmer Flucht

Sarah Pirol braucht eine Auszeit. Nach vorhergehenden intensiven Fällen, bei denen sie in sehr exponierter Stelle präsent war, scheint ein Haus auf Bornholm und etwas Zeit mit ihrem Freund eine exzellente Idee zu sein.

Doch dazu kommt es nicht. Denn ihr Freund Frederik, dänischer Investigativjournalist, ist verschwunden, das Haus offenkundig ein Tatort und in der Nähe wird ein ausgebranntes Auto inklusive Leiche gefunden.

Schnell richtet sich Sarahs Verdacht gegen ihren übermachtigen Vater, Kopf eines rechtsextremen Netzwerks und definitv nicht zufrieden mit der Entwicklung seiner Tochter, die ihn mit ihrer Arbeit hinter Gitter gebracht hat.

Natürlich kann Sarah, aufgrund offenkundiger Interessenskonflikte, nicht offiziell mitermitteln. Dass immer mehr Indizien auftauchen, die den untergetauchten Frederik schwer belasten und ihn in ein sehr zweifelhaftes Licht rücken, macht die Sache nicht einfacher.

Katharina Peters strickt einen Kriminalfall mit bekannten und bewährten Zutaten, der Wettlauf gegen die Zeit und juristische Fallstricke machen die Geschichte spannend. Überzeugend stellt sie die divergierenden Interessen und Motive dar. die aus verschiedenen Perspektiven die handlung vorantreiben. Das ist ein gelungener, solider Krimi und dass es sich um den dritten Teil einer Reihe handelt, hindert überhaupt nicht, der Band lässt sich problemlos ohne Vorkenntnisse lesen.

Buchdetails:
Katharina Peters: Bornholmer Flucht (=Sarah Pirol ermittelt 3). Aufbau Taschenbuch Berlin 2022. ISBN 978-3-7466-3771-6, kartoniert, 355 Seiten, 12,99 €, als ebook 4,99 €
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Asako Yuzuki: Butter

Eine Journalistin interviewt eine angeklagte Mehrfachmörderin, die daraufhin auf unheimliche Weise Leben beeinflusst. Klingt wie das Setting eines Psychothrillers. Ist es aber eher nicht.

Rika, Journalistin in Tokyo, bekommt die Gelegenheit, exklusiv mit Manako Kajii sprechen zu dürfen. Diese sitzt gerade im Gefängnis, angeklagt wegen mehrerer Tötungsdelikte. Ihr Fall hat große Aufmerksamkeit erregt – zum einen, weil die Täterin eine Frau ist. Und zum anderen wegen der besonderen Umstände. Die toten Männer standen alle in enger Beziehung zu ihr. Im Mittelpunkt stand dabei offenbar weniger unmittelbares sexuelles Verlangen, sondern Kajiis Kochkünste und ihre Fähigkeit, eine heimelige Wohlfühlathmosphäre zu schaffen. Ehe die Männer starben, hatten sie sich für Manako Kajii gründlich finanziell verausgabt. Alles an ihr wird damit zum Skandal: Ihr Aussehen, ihr Auftreten, ihre Aussagen.

Was sich daraufhin aus den Dialogen zwischen Rika und Manako entwickelt, ist die Geschichte einer Emanzipation. Manako Kajiis provokante Weltsicht fordert Rika heraus. Im Versuch, zum Kern von Manako durchzudringen, wird sie immer tiefer in deren Netz gezogen. Bis hin zu Erfahrungen brutaler Gewalt.

Und sie stößt schnell an die engen Grenzen der gesellschaftlich akzeptierten Verhaltensweisen von Frauen. Von Fragen des Genusses, der Sexualität bis zum Aussehen. Nahezu jedes Gramm wird misstrauisch beäugt, auch und gerade von ihrem Lebenspartner, der permanent das Gegenteil beteuert – doch ganz genauso intensiv von ihrer besten Freundin.

Im Bestreben, sich aus dem Netz und dem Einfluss von Manako Kajii zu befreien, befreit sich Rika ebenso von den Fesseln einer zutiefst patriarchalen Gesellschaft, deren Macht weniger roh und offensichtlich ist, sondern die unter der Oberfläche wirkt, dafür aber um so intensiver und nachhaltiger.

Asako Yuzuki zeigt hier sehr eindrücklich, wie die zutiefst verinnerlichten Regeln und Einflüsterungen selbst von den sich selbst als emanzipiert beschreibenden Frauen befolgt und durchgesetzt werden. Und das alles vor dem Hintergrund von sinnlichem Genuss scheinbar einfacher Speisen. Yuzukis Beschreibungskraft und Intensität sind ein echte Höhepunkte dieses Buches. Und so wie Rika ein reduziertes Gericht wie guten, intensiv schmeckenden Reis mit guter Butter zur Perfektion treibt, so ist es auch Asako Yuzukis Fähigkeit, Reduktion und Perfektion zu verbinden, die diesen Roman zu einem ganz besonderen, intensiven Erlebnis macht.

Buchdetails:
Asako Yuzuki: Butter. aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Blumenbar Berlin 2022. ISBN 978-3-351-05098-6. Gebunden, 442 Seiten, 23 €, als ebook 16,99 €
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Gesuino Némus: Süße Versuchung

Telévras ist ein Bergdorf auf Sardinien und weit weg vom Rest der Welt. Durch die knapp bemessene Infrastruktur sogar überraschend weit weg vom Meer – selbst die letzte Buslinie steht auf der Kippe, damit wäre man dort endgültig unter sich. Die Ankunft des suspendierten Inspektors Marzio Boccinu, dem mit einer Mischung aus Neugier, Skepsis und Gastfreundschaft begegnet wird, bringt eine Kette von Ereignissen in Gang, die das scheinbar so wohlgeordnete Dorfleben gehörig durcheinanderwirbeln.

Gesuino Némus schildert die eigenwilligen und stolzen Dorfbewohner als Menschen, die in einer abgehängten Gegend der Welt nach Wegen suchen, mit den auch auf sie wirkenden Änderungen der Lebensumstände umzugehen. Dabei werden die Hoffnungen je nach Charakter und Eigeninteressen auf Dorffeste, neue und alte Mythen, Fernsehshows, Tourismusvereine oder Gefängnisneubauten gesetzt. Und wie so oft, so verbergen sich auch hier unter der scheinbar harmlosen Oberfläche von Mord bis Korruption allerlei Abgründe.

Mitgerissen hat mich in diesem Roman aber weniger die Krimihandlung als vielmehr Némus‘ beeindruckende literarische Erzählkraft – er zeichnet vielschichtige Figuren und stellt sie und ihren Ort so plastisch dar, ich meinte regelrecht in diesem Dorf zu wohnen. Was mich im Verlagstext eher abgestoßen hat, nämlich die Beschreibung »die Bewohner des Dorfes, mit ihren schrulligen Gewohnheiten und verqueren Ansichten«, zeigt sich tatsächlich vielmehr als empathische und lebensnahe Charakterzeichnung und hat mich sehr für dieses Buch eingenommen.

Buchdetails:
Gesuino Némus: Süße Versuchung (=Ein-Sardinien-Krimi 2). Aus dem Italienischen von Juliane Nachtigal. Original-Titel: Ora Pro Loco. Eisele Verlag München 2022. ISBN 978-3-96161-132-4, Paperback, 16,99 € als ebook 13,99 €
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Oliver Pötzsch: Das Mädchen und der Totengräber

Im ausgehenden 19. Jahrhundert schwappte gerade mal wieder eine Ägyptomanie-Welle über Europa. Dieses Mal standen Mumien besonders hoch im Kurs. Gerade gut betuchte Damen und Herren trafen sich zum gemeinsamen Mumienauswickeln – was ein Spaß. Allerdings sollte dabei die Mumie auch wirklich alt sein, sonst wird aus dem Spektakel schnell ein Fall der Leichenschändung.

Und das war auch in Wien, trotz des sehr eigenen Verhältnisses der dortigen Stadtbevölkerung zum Tod, strafbar. Leopold von Hertzfeld, nicht gerade heißgeliebter Kollege der Wiener Ermittlungsbehörden (redet Hochdeutsch, hat neumodische Ansichten und Methoden, stammt aus einer jüdischen Bankiersfamilie und ist obendrein noch Liebling des Chefs), interessiert bei der im Kunsthistorischen Museum gefundenen Mumie allerdings nicht das Auswickeln, sondern das Einpacken – denn der aufgefundene Körper gehört zu einem vermissten Professor und seine Todesumstände sind keineswegs eindeutig.

»Das Mädchen und der Totengräber« ist der zweite Fall für Leopold von Hertzfeld, Julia Wolf und Augustin Rothmayer – aber problemlos ohne Kenntnis des ersten zu lesen. Neben reichlich Lokal- und Zeitkolorit bietet Pötzsch einen verwickelten Kriminalfall, der nicht ganz so einfach zu durchschauen ist. Seine Protagonist:innen sind klar, aber nicht plump, gezeichnet und bieten Identifikationspotential. Gerade Julia Wolf, deren prekäre Lage bei ihr zu Prioritäten, Wünschen und Bedürfnissen führt, die nahezu inkompatibel mit ihrern gesellschaftlichen Möglichkeiten sind, wird in diesem Band zu einer zentralen Figur und Handlungstreiberin. Dass Pötzsch diese Gelegenheit ergreift und uns hier nicht das drölfigste Paar präsentiert, das durch unerschütterliche Liebesbande vereint den Unbillen ihrer Zeit mutig entgegensteht, ist eine echte Wohltat.

Wie überhaupt die Entwicklung der Figuren spannend und spannungsreich ist und so eine gute Ergänzung zum dramatischen Geschehen der Kriminalhandlung darstellt. Mich hat dieser historische Krimi sehr gut unterhalten, mir scheint der Zeitgeist überzeugend eingefangen, er liest sich gut weg und ich freue mich auf Band 3.

Buchdetails:
Oliver Pötzsch: Das Mädchen und der Totengräber (=Ein Fall für Leopold von Hertzfeld 2). Ullstein Berlin 2022. ISBN 978-3-86493-166-6, Paperback, 16,99 €, als ebook 10,99 €
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Michael Peinkofer: Die Welt der Orks

Die Orks Balbok und Rammar sind Könige auf einer Insel, auf der ihre Herrschaft von niemandem in Frage gestellt wird. Und so könnten sie ein bequemes Leben führen – also zumindest ein solches, das den Ork-Definitionen von »bequem« entspricht. Aber wie das so ist: Das Universum hat andere Pläne. Sturm, Donner und ein mächtiges Beben erschüttern die Insel. Während Rammar das Ganze auf sich beruhen lassen will, treiben Neugier und Sorge Balbok dazu, unbedingt nachzuschauen, ob da nicht Kuruls Keule vom Himmel gefallen ist. Und damit fängt der ganze Schlamassel an.

Michael Peinkofer schreibt hier mit geübter Hand ein klassisches Fantasy-Abenteuer mit allem, was dazu gehört: Ein Jüngling auf Aventüre, bärbeißig-liebevolle Mentoren, dunkle Zauberer, bösartige Unterdrücker, hinterhältige Antagonist:innen, Drachen und unscheinbare Bewohner:innen, die ungeahnte Fähigkeiten in sich entdecken.

Doch auch wenn hier die Konventionen des Genres an keiner Stelle verlassen werden: Peinkofer versteht sein Handwerk und so ist es ein echtes Vergnügen, den Helden auf ihrer unfreiwilligen Reise zu folgen. Seine Charakterzeichnungen sind mitreißend, seine Helden sympathisch und das Setting der geradlinigen Orks, die sich um die komplexen Strukturen der Gesellschaft, in die sie unversehens geraten, keinen Deut scheren, sorgt immer wieder für äußerst komische Situationen.

Dieses Buch war ein großes Vergnügen, ich wurde wunderbar unterhalten.

Buchdetails:
Michael Peinkofer: Die Welt der Orks. Knaur München 2022. ISBN 978-3-426-22775-6. 431 Seiten, Paperback, 16,99 €, als ebook 14,99 €
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