Kamillentee ist keine Option: Gedanken zu Tucholskys Pazifismus

Dry matricaria chamomilla as used to make tea.

Vorbemerkung: Dies ist der zweite Blogpost, der initial durch einen Social Media-Post des großartigen Frédéric Valin ausgelöst wurde. Der erste solcherart motivierte Post (gefühlte Äonen her) war dieser zu Marianne Fredriksson und meine zerstörten Lektüreprinzipien.

Auf dieser Website ist schon des öfteren die Position vertreten worden, dass es keine Frage des modernen Lebens gibt, zu der Kurt Tucholsky nichts zu sagen hätte. Es wäre aber ein Missverständnis, darin ein Schon der große Meister wusste zu sehen und nun anzunehmen, seine Texte als unabänderliche, endgültige Wahrheit und Weisheit zu betrachten. Das wäre zudem entsetzlich langweilig. Denn natürlich hat es in den rund 100 Jahren seit der Entstehungszeit reichlich Entwicklungen gegeben. Der besondere Reiz besteht aus meiner Sicht jedoch in der Auseinandersetzung mit diesen historischen, aber eben nicht völlig fremden Texten (ich glaube auch, dass die Auseinandersetzung mit mittelalterlichen Epen spannend ist, aber die Transferleistung ist naturgemäß ungleich größer).

Während es einige Suche bräuchte, um beispielsweise Tucholsky in Beziehung zu etwa Smartphones oder Large Language Models zu setzen, stehen interessierte Menschen zum Themenkomplex Krieg, Militarismus und Pazifismus vor dem gegenteiligen Problem: Die Fundstellen sind unermesslich. Von den überlieferten rund dreieinhalbtausend Texten beschäftigen sich nur wenige überhaupt gar nicht damit. Spätestens nach 1918 ist der Weltkrieg (damals zählte man noch nicht – und das ist entscheidend), seine Ursachen, Auswirkungen und die Verhinderung einer Wiederholung omnipräsent. Dementsprechend unmöglich ist es mir, hier eine Gesamtbetrachtung und letztgültige Darstellung von Tucholskys Pazifismusverständnis zu geben.

Aber mich plagt ein wenig die Bequemlichkeit der lauten Stimmen der Friedensbewegung, die sich entscheidenden Fragen nicht stellt. Die sich der Erkenntnis, dass nicht pazifistische Manifeste, sondern Bomber Harris und Millionen tote Rotarmisten den zweiten Weltkrieg nebst seinen Genoziden beendeten, verweigert. Ich habe dazu auch keine widerspruchsfreien Antworten, aber als Bilanz 80 Jahren kollektiven Nachdenkens ist das doch ein etwas trübes Ergebnis.

Ärgerlich aber wird es für mich, wenn man sich hinter der zur Aufkleber- und Posterphrase verkommenen Tucholsky-Losung Soldaten sind Mörder versteckt. Tucholsky war entschiedener Kriegsgegner und Antimilitarist, aber so banal, dass sich alles auf diese Formel reduzieren ließe, ist es dann auch wieder nicht.

Tucholskys Pazifismus und Antimilitarismus ziehen sich durch sein gesamtes Werk. Wenig überraschend ist der Weltkrieg eines der bestimmendsten Themen seiner Arbeit. In seiner politischen Publizistik ist das Thema sogar überhaupt nicht wegzudenken, er greift permanent darauf zurück. Wollte man also ein umfassendes Bild seines Pazifismus zeichnen, müsste man sein Gesamtwerk betrachten. Das ist meine Sache nicht.

Ich werde aber versuchen, mich dem anzunähern und ich denke, es lassen sich einige Impulse herauslesen, die manche unterkomplexe Vorstellungen in Frage stellen und zu weiterem Nachdenken anregen können. Dazu gilt es aber, zunächst einmal Tucholsky in seiner Historizität ernst zu nehmen.

Wenn Tucholsky über Krieg spricht, spricht er über einen anderen Krieg als wir heute. Mit dem 2. Weltkrieg hat sich Krieg so massiv verändert, dass jede Mutmaßung darüber, wie Tucholsky dazu stehen würde, ahistorischer Unsinn ist.

Das lässt sich zum Beispiel sehr deutlich daran erkennen, dass Tucholsky immer auf Fronterfahrung, auf das Töten von Soldaten durch Soldaten abhebt. An vielen Stellen verweist er auf die unterschiedliche Realität des Kriegserlebens an der Front im Vergleich zur Nicht-Front. Selbst im „Soldaten sind Mörder“-Text Der bewachte Kriegsschauplatz ist das evident.

Ein Krieg, der die komplette Bevölkerung militärisch einbezieht, ein Krieg mit Flächenbombardements, mit Raketen und Drohnen, ein moderner Krieg in seiner Totalität, der für uns schon kaum noch ohne Völkermord denkbar zu sein scheint: Das ist nicht der Krieg, von dem Tucholsky spricht.

Bei aller Rechtfertigung des Begriffs von der „Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ muss man doch konstatieren, dass der erste Weltkrieg in seiner militärischen Perspektive näher an 1870 als an 1939 ist. Fragen wie „Was würde Tucholsky zum Ukraine-Krieg sagen?“ oder „Hätte Tucholsky die Landung in der Normandie begrüßt?“ führen völlig in die Irre. Und vor diesem Hintergrund würde ich urteilen: Diese Frage ist nicht zu beantworten. Ich gehe sogar noch weiter: Sie ist völlig irrelevant. Es geht nicht darum, einen Götzen zu erschaffen und diesen nun zu befragen1, auf dass er uns erleuchte. Das ist Religionsersatz und Denkfaulheit.

Relevant ist: „Was sagen wir heute zum Ukraine-Krieg? Wie stehen wir zu militärischen Interventionen angesichts eines Genozids?“ Und natürlich kann man sich bei der Beantwortung dieser Fragen auf Tucholskys Pazifismus-Verständnis beziehen und daraus Gedanken und Antworten für die heutigen Herausforderungen entwickeln.

Hierbei gilt es zunächst einmal festzuhalten, dass Tucholsky keineswegs Kampf und Gewalt ablehnt. In seinem vielleicht noch am ehesten als Grundlagentext zu sehenden „Über wirkungsvollen Pazifismus“ schreibt er:

Wieweit zu sabotieren ist, steht in der Entscheidung der Gruppe, des Augenblicks, der Konstellation, das erörtert man nicht theoretisch. Aber das Recht zum Kampf, das Recht auf Sabotage gegen den infamsten Mord: den erzwungenen – das steht außer Zweifel. Und, leider, außerhalb der so notwendigen pazifistischen Propaganda. Mit Lammsgeduld und Blöken kommt man gegen den Wolf nicht an.

Getreu dem Motto Wir wollen kämpfen mit Haß aus Liebe. aus seinem einzigen echten Manifest ist er durchaus unerbittlich in der Frage, wie gegen Militarismus und Krieg, auch gegen direkte politische Gewalt vorzugehen sei. Ein Pazifismus der (Selbst-)Aufgabe ist da nicht zu erkennen. Ich illustriere das mal mit ein paar Beispielen:

„Aber wie sollen wir gegen kurzstirnige Tölpel und eisenharte Bauernknechte anders aufkommen als mit Knüppeln? Das ist seit Jahrhunderten das große Elend und der Jammer dieses Landes gewesen: dass man vermeint hat, der eindeutigen Kraft mit der bohrenden Geistigkeit beikommen zu können.“ (Wir Negativen, 1919)

Uns radikalen Pazifisten aber bleibt, entgegen allen Schäden des Reichsgerichts, das Naturrecht, imperialistische Mächte dann gegeneinander auszuspielen, wenn der Friede Europas, wenn unser Gewissen das verlangt, und ich spreche hier mit dem vollen Bewußtsein dessen, was ich sage, aus, dass es kein Geheimnis der deutschen Wehrmacht gibt, das ich nicht, wenn es zur Erhaltung des Friedens notwendig erscheint, einer fremden Macht auslieferte.[…] Wir halten den Krieg der Nationalstaaten für ein Verbrechen, und wir bekämpfen ihn, wo wir können, wann wir können, mit welchen Mitteln wir können. Wir sind Landesverräter. Aber wir verraten einen Staat, den wir verneinen, zugunsten eines Landes, das wir lieben, für den Frieden und für unser wirkliches Vaterland: Europa. (Die großen Familien, 1928)

Ihr seid die Zukunft!
Euer das Land!
Schüttelt es ab, das Knechtschaftsband!
Wenn ihr nur wollt, seid ihr alle frei!
Euer Wille geschehe! Seid nicht mehr dabei!
Wenn ihr nur wollt: bei euch steht der Sieg!
– Nie wieder Krieg –! (Drei Minuten Gehör, 1922)

Vier Jahre Mord – das sind, weiß Gott, genug.
Du stehst vor deinem letzten Atemzug.
Zeig, was du bist. Halt mit dir selbst Gericht.
Stirb oder kämpfe! Drittes gibt es nicht. (Rathenau, 1922)

Die stupide Anschauung Ernst Jüngers, Kampf sei das Primäre, das Eigentliche, wofür allein zu leben sich verlohne, steht auf ähnlichem Niveau wie die eines falschen Friedensfreundes, der jeden Kampf verabscheut und für Kamillentee optiert. Weder ewiger Kampf ist erstrebenswert noch ewige Friedfertigkeit. Nur Krieg … das ist eine der dümmsten Formen des Kampfes, weil er von einer recht unvollkommenen Institution und für sie geführt wird.“ (Schnipsel, 1930)

Möge das Gas in die Spielstuben eurer Kinder schleichen. Mögen sie langsam umsinken, die Püppchen. Ich wünsche der Frau des Kirchenrats und des Chefredakteurs und der Mutter des Bildhauers und der Schwester des Bankiers, dass sie einen bittern qualvollen Tod finden, alle zusammen. Weil sie es so wollen, ohne es zu wollen. Weil sie herzensträge sind. Weil sie nicht hören und nicht sehen und nicht fühlen. Leider trifft es immer die Falschen.“ (Dänische Felder, 1927)

Klar scheint mir mithin zu sein, dass Tucholsky Kampf und auch Gewalt für legitim hält, nicht nur um Krieg zu verhindern, sondern auch im Krieg selbst. Ob es einen gerechtfertigten Krieg geben kann? Es gibt es wie auch oben schon klare Hinweise, dass es in seinem ethischen Verständnis Gründe für den Einsatz von Gewalt gibt. Gerechte Kriege sind aber etwas anderes und wenn es Punkte gibt, in denen er völlig eindeutig und immer wieder glasklar ist, dann in seiner Ablehnung des Krieges an sich.

Ob aber angesichts von Holocaust und Porajmos, Völkermord und „Totalem Krieg“ militärisches Eingreifen nicht dennoch nötig ist, also die Frage des Gewalteinsatzes nicht doch die Stufe des Krieges überschreiten muss, weil die Ressourcen, die nötig sind, nur noch Staaten zur Verfügung stehen und eben nicht internen Widerständlern, ist eine Frage, der wir uns stellen müssen. Denn noch einmal, das ist eine ganz andere Form des Krieges. Ein Krieg, der von Tucholskys Definition von Krieg nicht wirklich erfasst wird. Vielleicht zentral für diesen Punkt diese Passagen:

Der moderne Krieg hat wirtschaftliche Ursachen. Die Möglichkeit, ihn vorzubereiten und auf ein Signal Ackergräben mit Schlachtopfern zu füllen, ist nur gegeben, wenn diese Tätigkeit des Mordens vorher durch beharrliche Bearbeitung der Massen als etwas Sittliches hingestellt wird. Der Krieg ist aber unter allen Umständen tief unsittlich. Es ist nicht wahr, dass in unsrer Epoche und insbesondere in der Schande von 1914 irgend ein Volk Haus und Hof gegen fremde Angreifer verteidigt hat. Zum Überfall gehört einer, der überfällt, und tatsächlich ist dieses aus dem Leben des Individuums entliehene Bild für den Zusammenprall der Staaten vollkommen unzutreffend. (Wofür?, 1925)

sowie, besonders deutlich:

Der Pazifist hat jedoch in seinem Kampf gegen den Krieg recht, weil er es ablehnt, über das Leben andrer Menschen zu verfügen. Ich fühle in keiner Hinsicht vegetarisch: es mag Situationen geben, in denen Blut zu vergießen kein Unrecht ist. Als Grundforderung aber muß aufrechterhalten werden, daß niemand das Recht hat, über das Leben seiner Mitmenschen zu verfügen, um sich selber zu erhöhen. Das aber tut der Soldat.“ (Der Leerlauf eines Heroismus, 1930)

Ich fühle in keiner Hinsicht vegetarisch: es mag Situationen geben, in denen Blut zu vergießen kein Unrecht ist. Diesen Satz bitte ins Stammbuch all jener, die meinen, Frieden und Freiheit seien ohne Einsatz zu bekommen, wenn der Gegner zu allem entschlossen ist. Kurz vor seinem Tod wurde er da noch einmal deutlicher. Da sind wir schon im Jahr 1935, die Nazis fest im Sattel und die Welt halbgar irgendwie dagegen.

Will man aber den Krieg verhindern, dann muß man etwas tun, was alle diese nicht tun wollen: Man muß bezahlen.

Ein Ideal, für das man nicht bezahlt, kriegt man nicht.

Ein Ideal, für das ein Mann oder eine Frau nicht kämpfen wollen, stirbt – das ist ein Naturgesetz. Der Rest ist Familiäre Faschingsfeier im Odeon. (Beilage zum Brief an Hedwig Müller vom 16.3.1935)

Und später:

Ich habe einen Interventionskrieg stets für wahnsinnig gehalten, das wäre so, wie wenn man meine Mama, um sie zu ändern, ins Gefängnis sperren wollte. Was sollte dieser Krieg? Die boches sind boches – was nützt der Krieg? Aber:

Zwischen diesem Krieg und einer energischen und klaren Haltung aller Mächte Europas ist noch ein großer Unterschied. (Beilage zum Brief an Hedwig Müller vom 16.3.1935)

Und, vielleicht noch ganz interessant wegen des persönlichen Bezuges:

Ich habe mich dreieinhalb Jahre im Kriege gedrückt, wo ich nur konnte – und ich bedaure, daß ich nicht, wie der große Karl Liebknecht, den Mut aufgebracht habe, Nein zu sagen und den Heeresdienst zu verweigern. Dessen schäme ich mich. So tat ich, was ziemlich allgemein getan wurde: ich wandte viele Mittel an, um nicht erschossen zu werden und um nicht zu schießen – nicht einmal die schlimmsten Mittel. Aber ich hätte alle, ohne jede Ausnahme alle, angewandt, wenn man mich gezwungen hätte; keine Bestechung, keine andre strafbare Handlung hätte ich verschmäht. Viele taten ebenso. Und das nicht, weil wir etwa, im Gegensatz zu den Feldpredigern, Feldpastoren, Feldrabbinern, die Lehren der Bibel besser verstehen als sie, die sie fälschten – nicht, weil wir den Kollektivmord in jeder Form verwerfen, sondern weil Zweck und Ziel dieses Krieges uns nichts angehen. Wir haben diesen Staat nicht gewollt, der seine Arbeiter verkommen läßt, wenn sie alt sind, und der sie peinigt, solange sie arbeiten können; wir haben diesen Krieg nicht gewollt, der eine lächerliche Mischung von Wirtschaftsinteressen und Beamtenstank war, im wahren Sinne des Wortes deckte die Flagge die Warenladung. (Wo waren Sie im Kriege, Herr – ?, 1926)2

Unschwer zu erkennen, dass der Brecht’sche Gedanke vom Krieg als Fortführung der Geschäfte mit anderen Mitteln durchaus nicht originär dessen Idee war (wie ja überhaupt sehr viele der Brecht’schen Gedanken, aber das ist ein anderes Thema). Tatsächlich war der Gedanke, die Ursache der Kriege seien kapitalistische Interessen, weitaus weniger kontrovers als er es heute ist (Chapeau an die neoliberale Propaganda an dieser Stelle, das ist schon eine bemerkenswerte Leistung, aber auch das ist ein anderes Thema).

Was aber nun? Kann die Lösung sein, es einfach hinzunehmen, wenn Faschisten die Macht übernehmen? Verbrecherische Regierungen einfach machen lassen und wenn Krieg ist, hoffen, dass die Résistance regelt? Das kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Wenn das die Antwort des Pazifismus ist, ist das ein bisschen wenig. Es war übrigens auch schon Tucholsky zu wenig. Auch die folgende Passage aus dem Brief an Hedwig Müller möchte ich dem einen oder anderen Friedensbewegten ins Stammbuch schreiben:

Zu machen war:

Boykott. Blockade. Innere Einmischung in diese Barbarei, ohne Krieg zu führen. Vor allem aber, und das halte ich für das schrecklichste: die geistige Haltung hätte eben anders sein müssen, aber sie konnte nicht anders sein, denn da ist nichts. Man siegt nicht mit negativen Ideen, die ja stets das Verneinte als Maß aller Dinge anerkennen – man siegt nur mit positiven Gedanken. Europa hat keine. Beharren ist nichts. Es geht zurück. Es verliert.

Zu haben war, bei der Gemütsart der boches: Sturz des Regimes, äußerste Vorsicht der Reichswehr, Zurückdämmung der Rüstungen, Verzicht auf einen Überfall im Osten, wenigstens für lange Jahre.
Es gibt keine geistige Position, von der aus ich das sagen könnte. Es hat so etwas verfehlt savonarolahaftes: der verlangt Opfer! Und die tiefe Beschämung, daß da doch etwas nicht stimmt, verwandelt sich in Ablehnung und Wut, »man will das nicht mehr hören«, und »Auf einmal so kriegerisch?« – es gibt keine geistige Position. Daher mein Schweigen. (Beilage zum Brief an Hedwig Müller vom 16.3.1935)

Als Quintesszenz möchte ich argumentieren: Tucholsky war vor allem Antimilitarist. Seine pazifistischen Ansichten beruhen vor allem auf diesem Antimilitarismus und weitaus weniger auf einer gewaltfreien Weltanschauung.

Abschließend noch ein paar Worte zum wohl berühmtesten Tucholsky-Zitat (nach oder neben der leider ebenfalls zur Phrase verkommenen Was darf die Satire?-Pointe). Spannend an diesem Satz ist vor allem seine Rezeptionsgeschichte, die von Anfang an auch eine juristische war.

Eine gute Zusammenfassung der Debatten in Weimar und Bonn/Berlin findet sich bei Michael Hepp und Viktor Otto. Ihr Buch ist bei Google Books zugänglich, vielleicht hat es auch eine Bibliothek in der Nähe.

Auf die juristische Debatte möchte ich nicht groß eingehen, zum einen, weil ich die für die Pazifismus-Frage für zweitrangig halte und zum anderen, weil ich da nicht wirklich kompetent bin. Und sie ist in den letzten dreißig Jahren tatsächlich weitergegangen. Wenn ich die Kommentare richtig verstehe, dann damit, dass die Jurisprudenz weitgehend versucht, das BVerfG-Urteil zu umgehen. Ich meine zu beobachten, dass die herrschende Meinung hier die Begründung des BVerfG nicht überzeugend findet.

Ein juristischer Punkt scheint mir aber für das Verständnis des Zitates wichtig zu sein: Die Mord-Definition der Weimarer Republik war eine deutlich andere als unsere heutige, die ja auf der Nazi-Definition von Mord beruht. Seinerzeit lautete die juristische Definition:

Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, wird, wenn er die Tötung mit Überlegung ausgeführt hat, wegen Mordes mit dem Tode bestraft.3

Das ist natürlich eine ganz andere Diskussionsgrundlage als die heutige Morddefinition mit ihrem Nazi-Geraune von niederen Beweggründen und sittlichem Empfinden.4 Und wir dürfen davon ausgehen, dass Dr. iur. Kurt Tucholsky, der während der Weimarer Republik viel zur Justiz publizierte, sich der Definition vollkommen bewusst war.

Zum Zitat selbst gibt es gar nicht so wahnsinnig viel zu sagen. Es ist ein Kernpunkt bei Tucholskys Position zum Soldatentum, dass er es strikt ablehnt, den Menschen in einen „Zivilisten“ und einen „Soldaten“ aufzusplitten. Auf das Individuum bezogen nicht eben subtil zu sehen in Kleine Begebenheit (1921). Und diese Auffassung bezieht sich dann eben auch auf die gesellschaftliche (und implizit dann eben auch juristische) Bewertung.

Im „Soldaten sind Mörder“-Text Der bewachte Kriegsschauplatz exerziert er genau das durch. Und das war es eigentlich auch schon, der Rest ist Aufregung. Tatsächlich entsteht die Bedeutung ganz klar erst durch die Rezeption, die zu Freisprüchen sowohl in der Weimarer wie auch in der Bonner und der Berliner Republik führte.

Es ist äußerst spannend, die Reaktionen zu vergleichen und ich finde es geradezu bedauerlich, wie er zu einer äußerst unterkomplexen Phrase der Friedensbewegung wurde. Aber für Tucholskys Pazifismus-Verständnis ist der Satz geradezu banal. Und leider ist seine Verwendung heute ebenfalls banal – verkommen zur Sticker- und Posterphrase, die zu nichts verpflichtet, schon gar nicht zum Nachdenken.

Textliste zum Weiter- und Nachlesen:

  1. Tatsächlich ginge das vermutlich inzwischen sogar, sobald die Gesamtausgabe mal digital vorliegt, könnte man mit den überlieferten Texten und Briefen ein LLM trainieren – das ganze kombiniert mit den Bildern, die wir haben und wir könnten wären schon sehr nah an den einschlägigen Star Trek-Episoden. Was noch fehlt: Tonaufnahmen. Das ist wirklich tragisch, denn er soll mitreißend gewesen sein. ↩︎
  2. Wer sich genauer dafür interessiert, wie sich Tucholsky verhalten hat, als er in seinem Leben tatsächlich einmal real vor der Frage stand, wie er sich im Krieg verhalten soll, dem sei der Ausstellungsband Böthig/Sax: Wo waren Sie im Kriege, Herr- ? (Begleitband zur Ausstellung im Kurt Tucholsky Museum Rheinsberg 2015) empfohlen. ↩︎
  3. aus dem Wikipedia-Artikel zum Tucholsky-Zitat ↩︎
  4. siehe hierzu beispielsweise Philipp Preschany: Über die Notwendigkeit einer Reform des Mordtatbestands (§ 211 StGB) aus rechtsgeschichtlicher Sicht in: Kriminalpolitische Zeitschrift 4/2023 ↩︎

Faschisten mit Macht

Es war einer der kleineren Aufreger bei der Ergebnisverkündung der sächsischen Landtagswahl: Die erreichte und dann doch nicht erreichte Sperrminorität für die blau lackierten Faschisten. Und ganz Deutschland seufzte erleichtert auf, als der Landeswahlleiter verkündete, dass vorher leider das falsche Sitzverteilungsverfahren angewandt wurde und die AfD doch nur 40 Sitze erreichen konnte.1

Dieses kollektive Erleichtern übersieht aber etwas: Die Freien Wähler Sachsen haben einen Sitz im Landtag, der ihnen durch das Direktmandat des vor Ort sehr beliebten Grimmaer Oberbürgermeisters zusteht. Gemäß sächsischem Wahlrecht bleibt dieses Mandat auch dann erhalten, wenn Berger die Wahl nicht annimmt. Er hat sich offiziell noch nicht entschieden, aber es erscheint doch sehr unwahrscheinlich, dass er sein Oberbürgermeisteramt aufgibt, um als einziger Landtagsabgeordneter seiner Partei im Dresdner Parlament zu sitzen. Das passt weder zu seiner Persönlichkeitsstruktur (er ist jemand, der gerne gestaltet) noch wäre es aus parteitaktischer Sicht sinnvoll. Warum einen sicheren OBM-Posten aufgeben, wenn doch einfach jemand, der sonst gar nicht zum Zuge kommt, nach Dresden kann?

Gleichzeitig ist es offizielle Parteilinie der Freien Wähler Sachsen, nichts von der Abgrenzung zu Faschisten zu halten und selbst bei der FDP wegen zu großer Pegida-Nähe geschasste Politiker können bei den sächsischen Freien Wählern reüssieren.2

Sehr wahrscheinlich wird also folgendes passieren: Matthias Berger wird verkünden, dass leider das Ziel, als Fraktion in den Landtag einzuziehen, nicht erreicht wurde (tatsächlich haben die FW ja sogar deutlich an Zustimmung verloren) und er sich deshalb in der Verantwortung sieht, sein Amt in Grimma zum Wohle der Bürger usw. usf. zu behalten. Für ihn stattdessen in den Landtag nachrücken wird Thomas Weidinger. Der ist bereits bekannt dafür, den Beschluss seiner eigenen Bundespartei zur Nichtzusammenarbeit mit der AfD zu ignorieren.

Weidinger wird sich also entweder direkt der AfD-Fraktion anschließen oder aber fleißig mit ihnen stimmen. Und selbst wenn Berger das Mandat annimmt: Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass er anders handeln würde.3

Und zack, da hat auch die sächsische AfD ihre 41 Stimmen, die sie für die Sperrminorität braucht. Damit erhalten auch in Sachsen erwiesene Faschisten Zugriff auf die höchsten Organe der Rechtsprechung, können Verfassungsänderungen blockieren und überhaupt immer dann in Erscheinung treten, wenn es eine Zwei-Drittel-Mehrheit braucht.

Die eigentlich wehrhafte Demokratie, deren Waffen geschmiedet wurden aus der blutigen Erkenntnis heraus, dass Faschisten am Wahlerfolg nicht zu hindern sind, gibt damit einen weiteren Teil ihres Arsenals nicht nur auf, sondern überreicht ihren Feinden auch noch die Schlüssel dazu.

Michael Kretschmer, dem ich eines zumindest wirklich abkaufe, nämlich, dass er tatsächlich das meiste von dem, was er sagt, auch wirklich glaubt, ließ auf die Gesprächsangebote durch die AfD hin verlauten, dass er mit Leuten, die ihn gerade eben noch als „Volksverräter“ beschimpften, nicht über eine Zusammenarbeit sprechen könne. Diese Klarheit wünsche ich mir öfter von der CDU.

Es ist zu wünschen, dass nicht nur bei ihm, sondern in der ganzen CDU hieraus eine Erkenntnis wächst: Auch wenn die AfD sich bürgerlich gibt – es sind und bleiben Faschos. Für sie seit ihr bestenfalls Steigbügelhalter, spätestens danach werden sie auch euch jagen. Und dagegen hilft nur entschlossenes Handeln.

Noch ist es nicht zu spät, aber viel Zeit bleibt nicht mehr. Die Hand an der Macht haben sie bereits.

  1. siehe hierzu mit kurzen juristischen Einschätzungen auch: AfD ver­liert einen Sitz und ver­passt damit die Sperr­mino­rität in: Legal Tribune Online, 02. September 2024 https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/landtagswahl-sachsen-rechenfehler-keine-sperrminoritaet-fuer-rechenfehler ↩︎
  2. ergänzend zu den verlinkten Beiträgen und zur Illustrierung der Tätigkeiten Genschmars siehe auch: Sebastian Kositz: Hetze im Netz: Ermittlungen gegen Spitze des Dresdner Obdachlosenvereins in: Dresdner Neueste Nachrichten, 19. Februar 2019, 06:14 Uhr
    https://www.dnn.de/lokales/dresden/hetze-im-netz-ermittlungen-gegen-spitze-des-dresdner-obdachlosenvereins-ZR7ZNWIY3LVCESL23Z7GNLNOWA.html ↩︎
  3. Robin Hartmann: Streit bei den Freien Wählern Sachsen über die Brandmauer zur AfD. erschienen bei: mdr Aktuell, 20. Februar 2024, 5:00 https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/freie-waehler-afd-brandmauer-100.html ↩︎

Frieden schaffen nur mit Waffen?!

Sign of Calle de la Paz (street) in Centro district in Madrid (Spain). Tilework by Alfredo Ruiz de Luna. Luis García, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons

Die Mutter, die in einigen zwanzig Jahren an der zerkrümmten Leiche eines kleinen Kindes heulen wird, neben sich den Schlauch einer unnützen Sauerstoffflasche und einen bedauernden Arzt: »Gegen dieses Giftgas, gnädige Frau, sind wir zur Zeit noch machtlos – Ihr Kind ist nicht das einzige Opfer in der Stadt . . . « – diese Mutter wird sich in ruhigen Stunden immerhin fragen dürfen, wo denn eigentlich der vielverschriene Pazifismus in den letzten zwanzig Jahren gewesen sei; ob wir denn nichts getan hätten; ob es denn keinen Krieg gegen den Krieg gebe . . .1

Kurt Tucholsky, 1927

Die pazifistische Bewegung steht hierzulande vor einem grandiosen Scherbenhaufen. Wer heute noch medienwirksam das Wort Frieden in den Mund nimmt, mag sich selbst als einsamen Rufer in der Wüste wahrnehmen – tatsächlich aber ist die Chance, dass es sich dabei um Menschen handelt, die eine sehr eigene Wahrnehmung der Welt haben, ziemlich groß.

Denn erstaunlicherweise erleben wir eine Hegemonie des militärischen Standpunktes, den ich vor wenigen Jahren noch für unmöglich gehalten hätte. Dagegen halten – wohlgemerkt wahrnehmbar – scheinbar nur noch Menschen, deren Moralkompass sich an merkwürdigen Polen orientiert. Aber es ist doch keineswegs so, dass es zwischen Wir rüsten auf, bis bei Rheinmetall keiner mehr weiß, wohin mit den Sektkorken und Der arme Wladimir, alle sind so böse zu ihm keine Bandbreite an Alternativen gäbe. Genauso übrigens – aber da kenne ich mich leider so wenig aus, dass ich hierzu keine Stellung nehmen werde – wie es zwischen Bibi Netanjahu Teufelskerl! und Unterstützt die Freiheitskämpfer der Hamas ja durchaus Positionen gibt, die eingenommen werden können. Wie ist es soweit gekommen? Und was nun?

Mit Lammsgeduld und Blöken kommt man gegen den Wolf nicht an.2

Die pazifistische Bewegung moderner Prägung entstammt den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs. Diese Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts3 hat gerade im Deutschen Reich Bewegungen gefördert, die den Krieg durchaus nicht mehr als notwendigen Bestandteil der internationalen Politik sahen. Es waren nicht zuletzt die massiven Verheerungen, die schweren physischen und psychischen Schäden, die dieser erstmals vollständig in industriellem Ausmaß betriebene Krieg hinterließ, die zu einem Erwachen von pazifistischen Bewegungen führte. Und zwar von Bewegungen, die nicht mehr esoterisch-welterweckend in der Abkehr von der Moderne predigten, sondern die konkret und im Rahmen der Welt, wie sie nun einmal ist, nach Lösungen suchten.

Diese Bewegungen waren von Anfang an international und weltanschaulich durchaus divers. Es gab unzählige Friedenskongresse und Kundgebungen und Artikel und und und…

Ich möchte das hier gar nicht im Detail darstellen, denn eines ist ihnen allen gemeinsam: Sie scheiterten. Wie wir alle wissen, werden die Weltkriege seit 1939 gezählt. Schaut man aber in die Schriften und Beiträge dieser Zeit, so lässt sich erstaunlicherweise feststellen: Da wurde sehr viel erkannt und sehr viel konzeptioniert – da sind eine Menge Ideen, die auch die Friedensforschung nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgenommen hat. Gedanken zu einer gemeinsamen europäischen Zukunft nahmen hier zum Teil sehr konkrete Formen an.4

Was aber geschah tatsächlich? Eines nach dem anderen kippten die Länder Europas in autoritäre Regime, in Diktaturen, in den Faschismus. Und zwar mit Ansage und Anlauf. Wie konnte das geschehen?

Im eingangs zitierten Text von Kurt Tucholsky Über wirkungsvollen Pazifismus im Jahr 1927 geht es wie folg weiter:

Tatsächlich wird der Pazifismus von den Mordstaaten sinnlos überschätzt; wäre er halb so gefährlich und wirkungsvoll, wie seine Bekämpfer glauben, dürften wir stolz sein. Wo stehen wir –?

Die historische und theoretische Erkenntnis der anarchischen Staatsbeziehungen ist ziemlich weit fortgeschritten. Die Friedensgesellschaften der verschiedenen Länder, die inoffiziellen Staatsrechtslehrer, Theoretiker aller Grade arbeiten an der schweren Aufgabe, aufzuzeigen, wo die wahre Anarchie sitzt. […] Immer mehr zeigt sich, was wahre Kriegsursache ist: die Wirtschaft und der dumpfe Geisteszustand unaufgeklärter und aufgehetzter Massen.

Und da scheint mir auch heute, nach Jahrzehnten intensiver und erkenntnisreicher Friedensforschung tatsächlich nicht das Problem zu liegen: Wir wissen sehr gut, was Kriege verursacht, wie sie geführt werden und was sie stützt. Ob Tucholskys Einschätzung so ohne weiteres zu unterschreiben ist, sei dahingestellt – denn damals wie heute gilt: Es mangelt nicht an Erkenntnis, es mangelt nicht an Wissen. Nein: Die Pazifisten dringen nicht durch, sie schaffen es nicht, nennenswert zu handelnder Politik beizutragen, es gelingt ihnen nicht, Menschen zu erreichen – kurz: Die pazifistische Bewegung wirkt nicht.

Theoretische Schriften über den Staatsgedanken des Pazifismus, Diskussionen über dieses Thema müssen sein – sie bleiben völlig wirkungslos, wenn sie nicht in die Terminologie, in die Vorstellungswelt, in das Alltagsleben des einzelnen übersetzt werden.

Es mag ganz nett sein, sich jedes Jahr zu Ostern zu versichern, wie schlimm der Krieg ist – aber Fakt ist doch: Von Pershing bis Tomahawk hat die Friedensbewegung in diesem Land keine Stationierung verhindert. Und selbst die großen, inzwischen aufgekündigten Abrüstungsverträge entstanden auf wirtschaftlichen und nicht auf friedensbewegten Druck hin.

Und warum nicht –?

Weil wir nicht die Sprache der Leute reden.5

Die Friedensbewegung en gros hat – aus meiner Sicht – die Fehler der Zwischenkriegszeit wiederholt. Nicht, weil sie nicht radikal genug gewesen wäre oder nicht deutlich genug gezeigt hätte, wie furchtbar Krieg ist. Sie hat es nie geschafft, eine Sprache zu entwickeln, die wirkmächtig genug wäre, wirklich bis in die Tiefe der Gesellschaft zu wirken. Ihre Wirkung reicht doch noch nicht einmal bis zu ihren parlamentarischen Verbündeten, wenn wir uns anschauen mit welcher Geschwindigkeit und Selbstverständlichkeit Menschen wie Anton Hofreiter über Modellvarianten der Schwerartillerie reden. Diesem Fakt gilt es sich zu stellen. Egal, wie oft man sich auf Veranstaltungen aller Art tief in die Augen schaut und feststellt, dass ja alle miteinander gegen den Krieg sind. Nach draußen! Dahin muss der Blick und das Wort gehen, dahin, wo es weh tut, wo Menschen im Krieg etwas Heroisches, Notwendiges oder Unvermeidbares sehen. Und darum noch einen Absatz aus dem hier permanent zitierten Text des Hausheiligen dieses Blogs (ja, das ist ein ganz dezenter Lesehinweis auf den Gesamtext):

Was die Generale mit ihren ehrfurchtsvoll gesenkten Degen, mit Fahnen und ewigen Gasflammen; mit Uniformen und Hindenburg-Geburtstagsfeiern; mit Legionsabzeichen und Filmen heute ausrichten und ausrichten lassen, ist das schlimmste Gift. Entgiften wir.

Das kann man aber nicht, wenn man, wie das die meisten Pazifisten leider tun, dauernd in der Defensive stehen bleibt, »Man muß den Leuten Zeit lassen –« und: »Auch wir sind gute Staatsbürger –« Ich glaube, daß man weiterkommt, wenn man die Wahrheit sagt […]

Wir kennen den Geisteszustand, der in allen Ländern im ersten Kriegstaumel geherrscht hat. Ihn hat man heraufzubeschwören, ihn genau auszumalen – und ihn zu bekämpfen. Prophezeit: so und so wird es sein. Ihr werdet zu euern sogenannten Staatspflichten gezwungen werden, die nichtig und verdammenswert sind – befolgt sie nicht. Ihr werdet eingeredet bekommen, daß drüben der Feind steht – er steht hüben. Man wird euch erzählen, daß alle Letten, Schweden, Tschechen oder Franzosen Lumpen seien – die Erzähler sind es. Ihr seid dem Staat nicht euer Leben schuldig; ihr seid dem Staat nicht euer Leben schuldig; ihr seid dem Staat nicht euer Leben schuldig.

Und die Fahne, die da im Wind flattert, weht über einem zerfetzten Kadaver. Und wenn euch ein Auge ausgeschossen wird, bekommt ihr gar nichts oder sechzehn Mark achtzig im Monat. Und jeder Schuß, den ihr abfeuern müßt, ist ein Plus im Gewinnkonto einer Aktiengesellschaft. Und ihr karrt durch den Lehm der Straßen und stülpt die Gasmasken auf, aber ihr erntet nicht einmal die Frucht eures Leidens. Und die wahre Tapferkeit, der echte Mannesmut, der anständige Idealismus des guten Glaubens – sie sind vertan und gehen dahin. Denn man kann auch für einen unsittlichen Zweck höchst sittliche Eigenschaften aufbringen: aufopfern kann man sich, verzichten, hungern, die Zähne zusammenbeißen, dulden, ausharren – für einen unsittlichen Zweck, Getäuschter, der man ist, Belogener, Mobilisierter . . . seiner primitiven Eigenschaften, der barbarischen.

Stoßen wir vor –? Sagen wir das den Leuten –?6

Die Antwort muss damals wie heute lauten: Nein. Wir stoßen nicht vor. Das muss die bittere Erkenntnis sein, wenn wir uns die rasche Militarisierung unserer Gesellschaft in den letzten Jahren anschauen. Mit dem Abtreten der letzten Kriegsgeneration aus der politischen Verantwortung sind rasant Dinge wieder möglich geworden, die vorher undenkbar schienen. Deutsche Soldaten im Auslandseinsatz erscheinen uns inzwischen völlig normal, ja wir diskutieren sogar, ob sie denn auch effektiv genug sind. Selbst Werbung der Bundeswehr an Schulen ist kein No-Go mehr. Wieder einmal wussten die Militaristen sehr viel besser, wie das Spiel gespielt wird. Und als der Krieg mit voller Wucht in das Herz Europas zurückkehrte, konnten sie ernten, was sie gesät haben. Wir auch schon vor 110 Jahren erwachten die Pazifisten viel zu spät:

Am 1. August 1914 war es zu spät, pazifistische Propaganda zu treiben7

Stellt sich jetzt also die Lenin’sche Frage: Was nun?

Kriegspropaganda allerorten

Ich möchte mich jetzt einmal auf den Elefanten im Raum dieses Textes konzentrieren: Den Krieg Russlands gegen die Ukraine. Aus dem simplen Grund, dass hier die Sachlage – entgegen allen Geraunes – simpel ist. Und gleichzeitig die Schwäche der Friedensbewegung offenbar wird, sich in Freund-Feind-Schemen zu verstricken, die letztlich der militaristischen Logik folgen. Und deren Endkonsequenz ist, dass sie heute Partei nimmt. Anstatt also Wege aus dem Krieg zu zeigen, anstatt Ansätze für eine Friedenspolitik zu liefern (nochmal: Es liegen Erkenntnisse aus Jahrzehnten Forschung vor!), verstrickt sie sich in simplifizierenden, Realitäten ignorierenden Ostermarschträumen und prangert den Imperialismus im Auge des anderen an, um ihn vor dem Kopf des einen zu ignorieren.

Recap: Was bisher geschah

Die Historie des russischen Krieges ist hinlänglich nachzulesen, ich möchte ein paar Schlaglichter herausgreifen. Nach dem Ende der Sowjetunion entstand die Situation einer eigenständigen Ukraine, die sich urplötzlich im Kreise der Atommächte wiederfand und eine stattliche Flotte im Schwarzen Meer ihr eigen nennen konnte, inklusive zweier im Bau befindlicher Flugzeugträger.

Es folgten mehrjährige Verhandlungen, an deren Ende die Ukraine ihren Flottenanteil verkaufte, den Flottenstützpunkt verpachtete und die Atomwaffen übergab.

Dass Verträge mit Russland eher so allgemeine Richtlinien sind und die russische Seite sich durchaus zu nichts verpflichtet fühlt, zeigte sich bereits 2006, als die Ukraine doch tatsächlich Schritte unternahm, um eine NATO- und eine EU-Mitgliedschaft zu erlangen.

Ausriss aus der Seite 1 der Tageszeitung junge Welt in der Ausgabe vom 15. Mai 2006 mit dem Artikel-Teaser
Schneller Marsch | Besuch in Warschau: Der ukrainische Präsident Juschtschenko will rasch in NATO und EU

Sehr plötzlich verlangte Gazprom eine sofortige Tilgung offener Rechnungen, erhöhte massiv den eigentlich vereinbarten Erdgaspreis und drohte mit Lieferstopp, der dann auch folgte. Das jahrelange Tauziehen endete erst 2010, als inzwischen ein russlandfreundlicher Präsident in Kyjiw amtierte und – vor allem – das EU-Assoziierungsabkommen nicht ratifiziert wurde. Plötzlich war wieder ein niedrigerer Erdgaspreis möglich. Nach dessen Sturz und der russischen Invasion auf der Krim galt das alles wieder nicht mehr. Das russische Gebahren wurde übrigens sogar international juristisch aufgearbeitet, mit dem Ergebnis, dass der Ukraine 2,5 Milliarden Dollar zustehen. Dieses Vorgehen der russischen Gas-Diplomatie ist nicht einmal etwas besonderes im Verhältnis der beiden Nachbarstaaten, auch in Europa hat man sich mit solchen Verträgen, die im Zweifelsfall das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen, knebeln lassen.

Worauf ich hinauswill: Das russische Verhalten ist glasklar imperialistische Politik und daraus hat Wladimir Putin niemals ein Geheimnis gemacht. Es war und ist erklärtes Ziel, den russischen Einflussbereich mindestens auf die Größe der ehemaligen Sowjetunion auszudehnen und dabei wird jedes Mittel gezogen, bis zum Krieg. Auch das wissen wir schon lange und unsere osteuropäischen Nachbarländer wurden nie müde, darauf hinzuweisen.

Russland hat – und das ist unstrittig – jeden Vertrag der letzten 30 Jahre mit der Ukraine gebrochen. Die wichtigsten wahrscheinlich der Freundschaftsvertrag von 1999 und das Budapester Memorandum von 1994, die beide die territoriale Integrität, die Anerkennung von Grenzen und der Souverinät feststellten.

Keine völkerrechtliche Vereinbarung hat Russland davon abgehalten, nicht nur gegen die expliziten, Ukraine-bezogenen Verträge zu verstoßen, sondern auch gegen übergeordnete Verträge wie die KSZE-Schlussakte oder die Charta der Vereinten Nationen.

Explizit verbotene Handlungen wie wirtschaftliche Erpressungsmaßnahmen, Invasion und Annexion des Staatsgebietes, mit deren Zusicherung die Ukraine auf Atomwaffen verzichtet hat, wurden dennoch begangen.

Es ist wirklich selten, dass die Frage, wer hier der Agressor ist, so eindeutig und klar zu beantworten ist. Und zwar, das sei hier explizit noch einmal hervorgehoben, ganz unabhängig davon, dass die Ukraine gewiss kein demokratischer Musterstaat ist. Das spielt bei dieser Frage überhaupt keine Rolle. Wir haben uns aus guten Gründen darauf geeinigt, dass man nicht einfach in Länder einmarschiert, deren Regierung einem nicht passt. Seit 2014 führt Russland einen Krieg gegen die Ukraine, seit 2022 flächendeckend. Punkt.

Wo kann hier die pazifistische Perspektive liegen?

Welche Antworten kann die Friedensbewegung hier geben? Sie kann möglicherweise viele geben, aber wir hören sie nicht.

Bankrotterklärung

Bisher war es für die westliche Friedensbewegung sehr einfach: Der böse US-amerikanische Imperialismus greift per Kommandooperation oder auch ganz offen dort ein, wo er seine Interessen bedroht sieht. Im Zweifelsfall holt er sich sogar noch die Erlaubnis der Weltgemeinschaft mit gefälschten Beweisen dafür ab. Chile, Nicaragua, Vietnam, Irak etc. etc.

Dagegen lässt sich protestieren, es gibt Medien, die das offenkundig machen und auf das Übel zeigen. Das ist richtig und mehr als notwendig. Es hat sich aber in den 70 Jahren des Protestes zweierlei gezeigt:

a) Günter Grass hatte 1967 einen Punkt:

Aber es gibt, so lesen wir,
Schlimmeres als Napalm.
Schnell protestieren wir gegen Schlimmeres.
Unsere berechtigten Proteste, die wir jederzeit
Verfassen, falten, frankieren dürfen, schlagen zu Buch.
Ohnmacht, an Gummifassaden erprobt.
Ohnmacht legt Platten auf: ohnmächtige Songs.
Ohne Macht mit Gitarre. –
Aber feinmaschig und gelassen
wirkt sich draußen die Macht aus.8

Die Proteste dagegen hatten bald etwas routiniertes. Sie schienen kaum noch auf den Einzelfall bezogen zu sein, sondern man konnte bequem die Schilder vom letzten Protest nochmal verwenden. Diese Routine, wenn nicht schon Ritualisierung, machte Friedensproteste in Ost und West erstaunlich ähnlich – und das ist bemerkenswert, denn im Osten waren die nun wirklich echte staatliche Rituale. Auch ich bin als Kind mit der Picasso-Taube demonstrieren gegangen und natürlich was der Imperialismus als Kapitalismus im Endstadium und damit Verteidiger des Faschismus (wenn nicht sogar selbst faschistisch!) der große Feind des friedenswilligen Sozialismus. Und deshalb war es natürlich auch nötig, die Kinder zeitig zu militarisieren, damit sie auch gerne den Panzer zur Verteidigung des Friedens besteigen – sorry, ich schweife ab.

Jedenfalls aus meiner Beobachtung gibt es von dort eine direkte Entwicklungslinie zu

b) einem reflexhaften Anti-Amerikanismus.

Es gibt irrsinnig viele Gründe, die US-amerikanische Außenpolitik und ihr offizielles und inoffizielles Handeln zutiefst zu verbscheuen. Und nein, natürlich ist die US-Politik nicht von irgendwelchen Werten geleitet, sondern im Wesentlichen von Interessen – und auch hier bevorzugt von ihren eigenen. Das führt zu widerlichsten Ergebnissen und die sind hart und offen anzusprechen und zu kritisieren. Gerade aus antiimperialistischer Sicht (und nur eine solche Sicht kann eine pazifistische Weltanschauung annehmen, Imperien sind per se nicht friedensfördernd, auch wenn wir in unserer Erinnerungskultur immer wieder so tun) gibt es mehr als genug Gründe, ganz genau hinzuschauen, wenn die USA politisch tätig werden.

Ein Antiimperialismus, der allerdings völlig übersieht, dass die USA nicht die einzige Weltmacht sind und auch keineswegs die einzige, die sich außenpolitische widerlichster Praktiken bedient, verdient seinen Namen nicht. Wer nicht erkennt, dass die Abhängigkeitspolitik, die Russland über Jahrzehnte betrieben hat und die China seit einigen Jahrzehnten betreibt (Afrika, anyone? Südasien, anyone? Südamerika, anyone?), Imperialismus in Lehrbuchform ist, pflegt keine kritische Weltsicht, sondern Vorurteile. Wer übersieht, wie Russland immer wieder militärisch eingegriffen hat, wenn Nachbarländer nicht gespurt haben, wer nicht sieht, dass Russland und nur Russland den Krieg gegen die Ukraine begonnen hat, pflegt keine kritische Weltsicht, sondern Vorurteile. Die USA sind an vielem Übel Schuld. Daran, dass Putin gerne die Sowjetunion wieder haben will und dafür alles unternimmt, was ihm nötig erscheint, aber nicht.

Es waren nicht die USA, die auf die Krim, in Donezk und Luhansk einmarschiert sind. Es waren nicht die USA, die mit einem Handstreich Kyjiw erobern wollten und in Butscha Dorfbewohner massakriert haben.

Ein Antiimperialismus, eine Friedensbewegung, die Ernst genommen werden will, muss in der Lage sein, die Dinge beim Namen zu nennen. Auch wenn der Lieblingsfeind gerade mal nicht Schuld hat.

Es gibt keinen, keinen einzigen Grund, der es rechtfertigt, einen Krieg zu beginnen. Eine Friedensbewegung, die es nicht schafft, sich auf diesen Nenner zu einigen, ist keine. Wer allen Ernstes meint, der Krieg Russlands gegen die Ukraine sei nur das Ergebnis einer Provokation des Westens, insbesondere der USA, erklärt doch letzten Endes: Es gibt Situationen, da muss ein Land seinen Nachbarn überfallen. Und sorry, aber das mag vieles sein, pazifistisch ist das nicht.9

Was hier geschieht, ist die Rechtfertigung eines Angriffskrieges. Und das ist: Kriegspropaganda.

Scheinargumente

Es gibt immer wieder Argumente, die vorgebracht werden, um zu belegen, es sei eigentlich ganz einfach und in der Hand des Westens, diesen Krieg zu beenden. Sie gleichen sich in Muster und Stoßrichtung, darum nur mal zwei willkürlich herausgegriffen. Ziel ist es immer, Agens und Reagens zu vertauschen und damit die Handlungsoptionen zu verschieben.

Gegen eine Atommacht kann man nicht gewinnen

Dieses Argument kommt sehr realpolitisch daher. Und ist natürlich nicht von der Hand zu weisen, die ganze zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war davon geprägt, der Atomwaffensperrvertrag beruht darauf. Und ja, Russland hat sich bisher nicht an die Verträge gehalten, warum sollten sie urplötzlich damit anfangen. Das Budapester Memorandum, dass explizit besagt, Atomwaffen nicht gegen Nicht-Atomwaffenmächte einzusetzen, wurde ja bereits in anderen Punkten gebrochen, warum nicht auch in diesem? Also ja, absolut möglich, dass Russland gegen die Ukraine Atomwaffen einsetzen wird. Doch lasst uns hier mal kurz innehalten: Wer hat hierfür die Handlungsoptionen? Es ist einzig und allein Russlands Entscheidung, ob es den Angriffskrieg weiter eskaliert. Es gibt eine ganz einfache Option, den Krieg sofort zu beenden: Sich aus der Ukraine, in der sie nichts zu suchen haben, zurückzuziehen. Als ob irgendeine Handlung der Ukraine oder des Westens Russland hindern würde! Selbst die kuschelzahme deutsche Appeasement-Politik seit den 90ern hat nichts, gar nichts verhindert. Den Krieg in Tschetschenien nicht, in Georgien nicht, in der Ukraine nicht. Und wenn es Putin oder sonstwem in den Kopf kommt, wird die Bombe fallen. Und wenn sie sich ausdenken, dass in der Ukraine Atomwaffen stehen. Dass Russland eine Atommacht ist und man ihm deshalb natürlich erlauben muss, seine Nachbarn mit Krieg zu überziehen, weil die ja eh nicht gewinnen können: Das ist die Rechtfertigung eines Krieges und mithin: Kriegspropaganda.

Frieden also erst, wenn genug Russen tot sind?

Ein Argument, das besonders gerne gegen Waffenlieferungen an die Ukraine gebracht wird. Und das ist nun ein Musterbeispiel für die Umkehrung von Aktion und Reaktion. Es bräuchte kein Russe mehr im Krieg sterben, wenn der Aggressor das tun würde, was nach Völkerrecht geboten wäre: Sich zurückziehen. Niemand hat so viel Macht wie Putin, diesen Krieg zu beenden. Er müsste es nur befehlen. Dass er das aus innenpolitischen Gründen nicht kann, weil er diesen Krieg propagandistisch derart aufgeblasen hat, dass selbst ihm das Schönreden schwer fallen dürfte, ändert nichts am Fakt: Er hat den Einmarsch befohlen, er kann den Abmarsch befehlen. und sofort müsste kein russischer Soldat mehr an der Front sterben. Nicht mal durch deutsche Panzer. Man kann die Waffenlieferungen kritisch sehen und Pazifisten müssen Waffenlieferungen kritisch sehen. Aber bitte auf Grundlage der tatsächlichen Verhältnisse. Und die besagen: Es sterben Russen und Ukrainer zu tausenden und täglich – aus einem einzigen Grund: Weil Russland die Ukraine überfallen hat. Es ist Russland, das derzeit seine alte Kriegstradition aufgreift und so lange Soldaten ins Feuer schickt, bis der Gegner keine Munition mehr hat. Sie könnten sofort damit aufhören. Es ist geradezu zynisch, in diesem Punkt die Verhältnisse umzudrehen. Dass Russen an der Front sterben, liegt ausschließlich in der Verantwortung Russlands. Zu behaupten, daran sei irgendjemand anderes als die russische Führung Schuld, betreibt die Rechtfertigung eines Krieges und mithin: Kriegspropaganda.

Perspektiven

Am 1. August 1914 sei es zu spät für pazifistische Propaganda gewesen, heißt im obigen Tucholsky-Zitat. Das gilt natürlich auch für den 1. September 1939 und für den 24. Februar 2022 und jedes beliebige andere Kriegsbeginnsdatum. Übrigens geht das Zitat weiter:

war es zu spät, militaristische zu treiben – tatsächlich ist auch damals von den Militaristen nur geerntet worden, was sie zweihundert Jahre vorher gesät haben. Wir müssen säen.10

Nun haben die Pazifisten nicht – oder zumindest nicht genug – gesät. Dennoch gilt es aber, weiter nach Alternativen zu suchen. Pazifismus hat derzeit keinen guten Klang, wie auch Heribert Prantl erst jüngst anprangerte. Auch Prantl benennt in seinem Kommentar das Dilemma des Pazifismus im Krieg:

Wenn der Krieg beginnt, sind die entscheidenden Fehler zumeist schon gemacht worden. Der Pazifismus ist daher der große und wichtige Widerspruch gegen den Krieg, er ist die radikale Anklage gegen den alten Spruch, dass der, der den Frieden will, den Krieg vorbereiten müsse. Es ist genau anders: Wer den Frieden will, muss den Frieden suchen – nicht erst im Krieg, sondern lange vorher, bevor er zu köcheln und zu kochen beginnt.11

Nun ist er aber da, der Krieg. Und hämisch werden die Pazifisten gefragt: Na, wohin denn nun mit euren Blümchen und Protestsongs? Helfen die gegen russische Bomben?

Nein, helfen die nicht. Und es sei als Exkurs an dieser Stelle erwähnt: Natürlich müssen wir nach diesem Jahrhundert der Völkermorde, in denen Verbrechen in Dimensionen begangen wurden, die mit militärischer Kriegsführung nichts mehr zu tun haben, anders über Waffeneinsatz reden. Es ist – dies ist eine bittere Erkenntnis – manchmal tatsächlich nur noch mit Waffengewalt zu antworten, weil alles andere noch schlimmer wäre.

Nur: Als Antwort auf Krieg nur Aufrüstung und Kriegsbereitschaft bereitzuhalten, ist Werbung für den nächsten Krieg, mithin: Kriegspropaganda. Hier gilt es entschieden und deutlich gegenzuhalten. Wir brauchen Ideen, wie wir die Zeit nach dem Ukraine-Krieg so gestalten, dass nicht doch noch der nächste Weltenbrand ausbricht. Und die müssen hörbar und wirksam gemacht werden. Die bisherige Strategie: Wir binden Russland ein, wenn wir ihre guten Gas-Kunden sind, werden die schon nichts tun und der Wladimir redet halt nur, der meint das alles gar nicht so – ist gescheitert. Der Wladimir meint das genau so und China hat auch schöne Pipelines. Diese Ideen gibt es, macht sie groß, macht sie laut.

Dann: Dieser Krieg ist zu beenden. Das wird aber nicht funktionieren, indem nach schon gescheiterten Formaten gerufen wird (Minsker Abkommen, erinnert sich noch wer?) Mit Putin wurde selbst nach der Invasion auf die Krim verhandelt und er hat auch dieses Vertragswerk mit Füßen getreten. Ich kann in keinster Weise erkennen, dass mit Putin zu verhandeln ist. Er kann nur gezwungen werden. Militärisch wird er nach Lage der Dinge kaum gezwungen werden können – er mobilisiert einfach so lange Soldaten, bis der Ukraine die eigenen Soldaten oder die Munition ausgeht. Diese menschenverachtende Ausblutungsstrategie ist in der russischen und sowjetischen Militärtradition nicht neu – und wenn wir bedenken, in welch hohen Tönen Putin von den militärischen Glanztaten der Roten Armee im Großen Vaterländischen Krieg spricht, stellt das für ihn auch kein moralisches oder sonstiges Problem dar. Es gibt also nur wenige Möglichkeiten: Entweder es greifen weitere Mächte direkt ein – was höchstwahrscheinlich den letzten Weltkrieg auslösen wird. Oder die Ukraine wird irgendwann zur Aufgabe gezwungen und Teil des allseligen Russischen Reiches. Mit unabsehbaren Folgen für die Weltordnung als Ganzer und mit dem wahrscheinlichen Ende der Selbstständigkeit Taiwans. Krieg ist immer eine Lose-Lose-Situation. Ein nicht-militärisches Ende wäre wohl nur zu erwarten, wenn es für mindestens Indien und China im eigenen Interesse sein wird, dass Russland den Krieg beendet. Derzeit profitieren sie aber zu sehr davon (nebenbei, in Sachen Lose-Lose-Situation: Russland hat sich mit diesem Krieg endgültig in die zweite Reihe verabschiedet – das Land ist ganz nützlich als Rohstoff-Lieferant und Absatzmarkt (Nordkorea z.B. wird gerade seine irrsinnige Überproduktion an Militärgütern los, der Iran auch) – aber eine erste Rolle wird es nicht mehr spielen können, denn es hängt jetzt am chinesischen Tropf).

Eine der prägendsten Filmmomente meiner frühen Jugend war eine Szene im bestenfalls mittelmäßigen Film American Shaolin. Nachdem der Protagonist mühsam gelernt hat, dass Kampf kein Mittel der Auseinandersetzung ist, sieht er seinen alten Mobber wieder, der im Ring einen Mitschüler quält und den Protagonisten auffordert, gegen ihn zu kämpfen, erst dann würde er vom Gepeinigten ablassen. Und hier erhält unser Protagonist eine Lehre: Manchen Menschen muss man eine Lektion erteilen, sonst hören sie nie auf. Worauf er in den Ring steigt.

Mich hat das geprägt, weil es nicht nur auf individueller Ebene, sondern eben auch auf staatlicher Ebene immer wieder vorkommt, dass jemand durch keine Regel einzuhegen ist. Dem alles egal ist und der immer wieder kommen wird. Der immer wieder zuschlägt, bis er selbst zu Boden geht – und nichts anderes kann ihn stoppen.

Was macht man mit so jemandem? Wie geht man mit so einem Staat um? Ich weiß es nicht, aber ich bin sicher: Es gibt Menschen, die das wissen. Und die will ich hören. Die sollen in den Talkshows sitzen und nicht irgendwelche Menschen, die Kriegspopaganda nacherzählen. Denen müssen die Schlagzeilen gehören.

Heute aber, das bringt der Kalender so mit sich, gehören die Schlagzeilen denen, die das Wort Frieden gekapert und zutiefst korrumpiert haben und damit nicht den Frieden, sondern die Grabesstille der Diktatur meinen.

Zum Ausgang noch diese Worte des Hausheiligen dieses Blogs, Dr. iur. Kurt Tucholsky:

Die stupide Anschauung Ernst Jüngers, Kampf sei das Primäre, das Eigentliche, wofür allein zu leben sich verlohne, steht auf ähnlichem Niveau wie die eines falschen Friedensfreundes, der jeden Kampf verabscheut und für Kamillentee optiert. Weder ewiger Kampf ist erstrebenswert noch ewige Friedfertigkeit. Nur Krieg . . . das ist eine der dümmsten Formen des Kampfes, weil er von einer recht unvollkommenen Institution und für sie geführt wird.12

  1. Kurt Tucholsky als Ignaz Wrobel: Über wirkungsvollen Pazifismus. erschienen in: Die Weltbühne, 11.10.1927, Nr. 41, S. 555. online verfügbar bei zeno.org ↩︎
  2. ebda. ↩︎
  3. Dieser Begriff birgt einige Komplikationen. Zum einen ist der Krieg natürlich nicht wie eine Tsunami-Welle über den Kontinent geschwappt, sondern hat ganz klare und definierbare Ursachen. Zum anderen ist er durchaus eurozentristisch. Bei allen Auswirkungen, die der 1. Weltkrieg ohne Zweifel global hatte – dieses Schlagwort lässt sich so aber doch nur in einem relativ eng definierten Bereich aufrecht erhalten. Ich verwende ihn hier trotzdem, weil er aus einer Perspektive, die mir an dieser Stelle wichtig ist, treffend sein dürfte: Das Ausmaß der Verheerungen politisch, psychologisch, materiell war für die Masse der europäischen Bevölkerung kaum anders als katastrophal zu nennen. Es ist meiner Meinung nach denn auch kein Zufall, dass es gerade in Deutschland starken Zulauf zu pazifistischen Bewegungen gab. ↩︎
  4. Ganz willkürlich und beispielhaft sei hierzu auf den Aufsatz von Thomas F. Schneider Die Vereinigten Staaten von Europa verwiesen. Zu finden in: King, Ian (Hrsg) »Ein bunt gestrichenes Irrenhaus«. Tucholsky, die Weltbühne und Europa. Leipzig, Weissenfels: Ille & Riemer, 2018 Schriftenreihe der Kurt Tucholsky-Gesellschaft 11), 102–128 ↩︎
  5. Kurt Tucholsky als Ignaz Wrobel: Über wirkungsvollen Pazifismus. erschienen in: Die Weltbühne, 11.10.1927, Nr. 41, S. 555. online verfügbar bei zeno.org ↩︎ ↩︎
  6. ebda. ↩︎
  7. ebda. ↩︎
  8. aus: In Ohnmacht gefallen. in: Günter Grass: Gedichte und Kurzprosa, Teil 1. Steidl Verlag Göttingen 2020. ISBN 978-3-95829-446-2, S. 177 ↩︎
  9. Beispielhaft lasse ich mal dies hier: Jürgen Rose: Kriegstreiber unerwünscht. Rede anlässlich der Münchner Sicherheitskonferenz 2024. in: Mansfeller Zeitung, 19. Februar 2024 https://www.mansfeller-zeitung.de/artikel/2024-02/Proteste-gegen-Muenchner-Sicherheitskonferenz ↩︎
  10. Kurt Tucholsky als Ignaz Wrobel: Über wirkungsvollen Pazifismus. a.a.O. ↩︎
  11. Heribert Prantl: Pazifisten-Shaming führt in die Sackgasse. in: Deutschlandfunk Kultur, Meinung & Debatte, 22.08.2024 https://www.deutschlandfunkkultur.de/pazifisten-krieg-waffenlieferungen-kommentar-100.html ↩︎
  12. aus: Kurt Tucholsky als Peter Panter: Schnipsel. in: Die Weltbühne, 30.12.1930, Nr. 53, S. 999. online verfügbar unter http://www.zeno.org/nid/2000581880X ↩︎

Steffen Mau: Ungleich vereint

Über Ost und West, die Einheit und ihre (Nicht-)Vollendung ist bereits viel geschrieben worden. Vieles davon beruht aber eher auf gefühltem Wissen oder tradierten (Vor-)Urteilen.

 Steffen Mau nimmt in diesem Buch seine Profession als Soziologe aber Ernst und macht etwas, das überraschend selten getan wird: Er schaut ganz genau hin, nutzt das Instrumentarium der Sozialwissenschaften und kommt dabei zu präzisen Ergebnissen. Dieser nüchterne, genaue Blick darauf, was wirklich ist – also welche Einstellungen, welche Wertvorstellungen, welche Mentalitäten tatsächlich im Osten existieren und woher sie stammen, hebt sich wohltuend von gängigen Polemiken ab.

Dabei zeichnet er die verschiedenen Phasen des Umgangs mit „dem Osten“ nach und macht überzeugend deutlich, dass die Strategie der Anwandlung an „den Westen“ nicht nur nicht zielführend, sondern auch schlicht nicht funktioniert hat – und auch nicht funktionierend wird. Eine demokratische Zukunft ist überhaupt nur erreichbar, wenn wir in der Gesamtgesellschaft anerkennen, dass es erhebliche Unterschiede gibt, die unterschiedliche Herangehensweisen und Instrumente erfordern. Wir müssen endlich weg davon kommen, unsere Entscheidungen auf Voreingenommenheiten und Illusionen zu stützen. Dafür ist eine realistische, saubere Bestandsaufnahme eine unerlässliche Grundlage.

Die sorgfältige Beobachtung und Argumentation von Steffen Mau bietet eine exzellente Grundlage für künftiges politisches Handeln, weg von illusorischen Vorstellungen, hin zu einer die Realitäten anerkennenden, aktiven Gestaltung einer weiterhin möglichen demokratischen Zukunft – nicht nur des Ostens, sondern der ganzen Bundesrepublik. 

Besonders spannend fand ich Maus Gedanken, die nie wirklich gelungene Verwurzelung der bundesrepublikanischen Parteien im Osten als Herausforderung und Ideenfeld zu nutzen, wie Demokratie dennoch funktionieren könnte – denn es braucht keine prophetische Gabe, um abzusehen, dass die bereits stark bröckelnden Strukturen im Westen auch dort nicht mehr ewig halten werden. Der Trend ist seit Jahrzehnten ungebrochen und es ist nicht abzusehen, dass er endet. Also: Anstatt immer wieder herumzujammern, dass der Osten nicht wie der Westen ist, lasst uns diesen Fakt doch einfach mal anerkennen und schauen, was wir da tun können. Denn eines ist klar: Die Faschisten haben das längst erkannt und spielen ihr Playbook durch. Wird Zeit, mal ganz zügig eine 20 zu würfeln und loszulegen…

Auch wenn ich Mau’s Optimismus für seine vorgeschlagenen Lösungswege nicht ganz zu teilen vermag, sein Plädoyer dafür, dass es unabdingbar ist, jetzt etwas zu tun, ist absolut überzeugend.

Buchdetails:
Ungleich vereint : warum der Osten anders bleibt von Steffen Mau. Suhrkamp Berlin 2024, 168 Seiten, ISBN 978-3-518-02989-3, auch als ebook erhältlich

Bei yourbook.shop bestellen und Lieblingsbuchhandlung unterstützen.

Lupenreine Demokraten

Definitionen von Oxford Languages: lu·pen·rein /lúpenrein/ Adjektiv 1. (von Diamanten) bei einer bestimmten starken Vergrößerung große Reinheit zeigend, keinen Einschluss erkennen lassend. "lupenreine Brillanten" 2. fehlerfrei, ohne jede Abweichung vom Ideal. "ein lupenreiner Sound"

Es sind gerade schwere Zeiten für Pazifistʔinnen. Wir erleben einerseits eine massive Militarisierung der Gesellschaft. Das offenbart sich in allen Bereichen. So etwas wie der Rheinmetall-Deal von Borussia Dortmund zum Beispiel wäre noch vor 4 Jahren undenkbar gewesen. Das ist möglicherweise nicht der stärkste Beleg, die Flexibilität gerade des Fußballs in Bezug auf die propagierten Werte, die sich eben ganz erheblich von den praktizierten unterscheiden, ist ja weithin bekannt.

Trotzdem finde ich es als Zeichen dafür, wie tief verankert der Militarismus inzwischen wieder ist, gar nicht so abwegig: Gerade die Dortmunder Fans haben eine durchaus lebhafte und große Fanszene, die sich immer wieder gesellschaftspolitisch positioniert. Und selbst diese lässt sich also mit den blumigen Erklärungen abspeisen, die vor allem eines beweisen: In der gesellschaftlichen Wirklichkeit sind Wertebekenntnisse ausgeleierte Phrasen. Auf die Irritationen, wenn dann künftig mit dem Rheinmetall-Logo gegen Rechtsextremisten Flagge gezeigt werden soll, dürfen wir uns alle freuen.

Natürlich ist es auch absurd zu glauben, wenn zwei Aktiengesellschaften einen Werbevertrag verkünden, ginge es um irgendwelche anderen Werte als Aktienwerte. Dazu hat auch jüngst Jon Stewart ein sehr schönes Stück präsentiert:

Jon Stewart Smashes the Myth of Corporate Morality in Pride, BLM, and Beyond | The Daily Show

Andererseits befindet sich auch der mediale Diskurs zunehmend in einem Kriegszustand, in dem es nur noch darum geht, auf welcher Seite man steht. Das ist natürlich verständlich, die Multikrise verlangt nach entschiedenem Handeln und da ist es durchaus hilfreich, Seiten zu wählen. Was mich aber irritiert: Wir scheinen es inzwischen für sehr wahrscheinlich zu halten, dass Menschen und Gruppierungen, die wir bis gestern noch für vernünftig gehalten haben, urplötzlich den Verstand verloren haben und jetzt Genozide oder Kriegsverbrechen schnafte finden. Ein solches Vorgehen aber übersieht etwas: Es ist vollkommen möglich, auf derselben Seite zu stehen und dennoch ein paar Anmerkungen zu haben und den eingeschlagenen Weg nicht für der Weisheit letzten Schluss zu halten.

Dieser Hang zum Tribalismus, der suggeriert, wir stünden kurz vom Bürgerkrieg, vor dem uns dann nur der uns genehme Stamm retten kann, in dem er alles für alle bestimmt – das mag für Krisenzeiten typisch sein. Hilfreich für eine freie und offene Gesellschaft ist das nicht. Aber alle machen mit.

Und so dürfen wir nun am Sonntag erleben, wie in den zwei ostdeutschen Freistaaten Parteien mit Macht in die Landtage gewählt werden, die das Banner der Demokratie und der Meinungsfreiheit vor sich hertragen, tatsächlich aber mit Genuss und Freude die Mauern der bürgerlichen Demokratie schleifen wollen. Und dies auch werden: Die Konservativen waren in der Geschichte und der Gegenwart immer die Steigbügelhalter autoritärer und faschistischer Mächte, sie werden es auch hier sein. Wer in faktenresistenten Propagandaschleudern wie dem Bündnis Sprechen wie Wladimir oder den lupenreinen Flügel-Faschisten Machtoptionen sieht, hat aus dem 20. Jahrhundert und aus dem Mord an Lübcke nur eines gelernt: Geschmeidige Opportunisten finden immer einen Weg durchzukommen – Franz von Papen als leuchtenden Bannerträger. Bloß nix für die eigenen Werte riskieren, dann wird das schon.

Denn wie riet der Hausheilige dieses Blogs im Jahr 1931?

Wenn sie in ihren Sälen hetzen,
sagt: »Ja und Amen – aber gern!
Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!«
Und prügeln sie, so lobt den Herrn.
Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft.1

Was mich erschüttert, was mich wirklich betroffen macht: Wir haben als Gesellschaft die letzten 100 Jahre nicht genutzt, um wirksame Strategien gegen das immer gleiche Playbook (passende Stichworte: Landnahme, National befreite Zone, Diskursverschiebung [kurze Anmerkung: Wisst ihr noch, wie Anfang des Jahres das Wort Remigration Millionen auf die Straße trieb? Heute kann man damit Wahlkampf machen]) zu entwickeln und ins Werk zu setzen. In der Breite stehen wir heute wieder völlig ratlos da, lassen uns vorführen und überrumpeln. Und nicht einmal das mit Absicht und genau für diesen Fall eingeführte scharfe Schwert der Demokratie wagen wir zu ziehen. Die Verfasser:innen des Grundgesetzes wussten, dass gegen solche lupenreinen Demokraten wie sie nun bald mit fetten Prozentsätzen in den Landtagen sitzen im Zweifelsfall nichts anderes hilft. Kein Reden, kein Debattieren, keine seitenlangen Faktenchecks.

Und eines können wir gewiss sein: Die werden die Hebel nutzen, die da sind. Sie werden uns zeigen, was die Werkzeuge der wehrhaften Demokratie können, wenn sie eingesetzt werden. Nur dann halt nicht von echten, sondern von lupenreinen Demokraten.

  1. aus: Kurt Tucholsky, Rosen auf den Weg gestreut. veröffentlicht als Theobald Tiger in Die Weltbühne, 31.03.1931, Nr. 13, S. 452. online verfügbar bei textlog.de ↩︎

Diva in Grau – Zum Tod von Helga Paris

Umschlagabbildung des Bandes »Diva in Grau« mit Fotografien von Helga Paris

Für Bildende Kunst in jeglicher Form bin ich kein Experte, mir fehlt da das viel gerühmte »Verständnis«. Vielleicht bin ich da nur untrainiert, vielleicht fehlen mir ein paar Wissenstatbestände, vielleicht ist es genetisch – keine Ahnung. Aber es gibt einige Bereiche, da finde ich zumindest einen Zugang. Und dies insbesondere in der Photographie.

Zwei Bildbände haben mich sehr tief berührt und schaffen es bis heute, dass ich mich in sie so tief versenken kann wie es mir sonst nur bei Textlektüren gelingt. Das ist zum einen Isolde Ohlbaums »Denn alle Lust will Ewigkeit« und zum anderen »Diva in Grau« eben von Helga Paris.

Gestern wurde bekannt, dass Helga Paris am 5. Februar verstorben ist. Ich kann Ihr Leben und Ihr Werk nicht würdigen, das möchte ich Berufeneren überlassen. Aber ich kann sagen, was mir die Bilder ihrer letztlich verbotenen Ausstellung Häuser und Gesichter in Halle bedeuten.

Die Bilder stammen aus den 80er Jahren, kurz vor dem Ende der DDR. Sie zeigen Menschen und Gebäude in einem Zustand, der nur wenige Jahre später nicht mehr existent war. Die rasante Geschwindigkeit des materiellen und immateriellen Wandels der frühen Neunziger Jahre fällt in meiner Biographie zusammen mit den Jahren der Pubertät, einer Phase der Identitätsbildung also. Und mir ging das alles viel zu schnell, ich hörte noch 1994 Stern Meißen (aber auch Nirvana) – durchaus als unbewusster Protest dagegen, dass alles, was meine Kindheit und frühe Jugend ausgemacht hatte nun nichts mehr galt und noch dazu einfach verschwand.

Natürlich ist es toll, dass die grandiose Bausubstanz Halles gerettet wurde, dass die Stadt aufblühte und dass sich auch mir völlig ungeahnte Möglichkeiten eröffneten. Aber so funktionieren Gefühle nun mal nicht. Die Orte meiner Kindheit existieren heute nicht mehr – das überrascht wohl kaum. Sie existierten aber auch schon während meiner Schulzeit nicht mehr. Das ist ein plötzlicher Verlust, der in all diesem Gefühlskonglomerat schwer wiegt. Ich trauere der DDR nicht nach. Es ist gut, dass es sie nicht mehr gibt. Doch ich hatte nie die Gelegenheit, mich selbst von ihr zu emanzipieren. Denn in der entscheidenden entwicklungspsychologischen Phase war sie einfach weg. Ich war zu jung, um die massive Veränderung freudig begrüßen zu können und zu alt, um sie einfach hinzunehmen. Zu sehr DDR-Kind, um einfach in die BRD hineinwachsen zu können und zu wenig DDR-Erwachsener, um die Freiheiten als Gewinn spüren zu können. Um das all das verstehen zu können, brauchte ich aber die Möglichkeit, mich konfrontieren zu können. Es ist kein Wunder, dass in der Literatur junge Erwachsene, die ihre Adoleszenz beenden wollen, ständig kathartische Erlebnisse bei der Rückkehr an die Orte ihrer Kindheit haben, an denen sich zwar das eine oder andere geändert haben mag – aber im Wesentlichen da sind eben doch noch.

Und dann stieß ich auf den Band »Diva in Grau«, dessen Titel nicht von Helga Paris, sondern von einem Begleittext stammt und der sich zu diesem Zeitpunkt schon lange als Bezeichnung für Halle etabliert hatte – und doch nicht mehr galt. Dass er so einschlug, ist indes kein Wunder, auch für mich ist er die perfekte Bezeichnung für die Stadt meiner Erinnerung. Die ich auf einmal wieder sah. Helga Paris` unverstellter, genauer Blick ist ein Teil der Faszination, die für mich auch heute von ihren Bildern ausgeht. Ihre Bilder dokumentieren ohne dokumentarisch zu sein. Denn sie fängt die Essenz, um nicht zu sagen: die Seele ihrer Motive ein – von Gebäuden nicht weniger als von den Menschen, die sie porträtiert. Und die Würde, die allem Menschlichen innewohnt.

Ich bin da, ich bin in diesen Straßen, ich stehe vor diesen Menschen, ich kenne die Häuserfassaden, die Straßenzüge, die Gesichter – und zwar durchaus ohne in jedem Fall die Adresse eines Hauses oder auch nur einmal den Namen eines Menschen benennen zu können. Und doch: Genau so war es. Es ist alles da und es sind alle da.

Dass es nicht nur meine eigenen Assoziationen oder die abgebildete Zeitspanne ist, die mich so stark rühren, zeigte sich mir daran, dass so viele andere Bilder aus dieser Zeit mich weitgehend kalt lassen, ja bestenfalls ein paar nostalgische Regungen hervorrufen. Bei Helga Paris‘ Photos aber öffnet sich mein Herz, spüre ich Emotionen, die irgendwo tief unten ganz unsortiert herumliegen.

»Helga Paris‘ fotografische Porträts zeigen nicht nur die abgebildete Person, in deren Blicken spiegelt sich auch die Person, die das Bild gemacht hat. Man sieht in den Augen der Fotografierten Vertrautheit, nie Hochmütigkeit oder Herablassung, Helga Paris hat die Kraft, die sie hatte, nie als Macht missbraucht. Niemand wurde aufgefordert, doch mal zu lachen.« schreibt Annett Gröschner in ihrer Würdigung. Und vielleicht ist es genau das, was ihre Bilder dazu bringt, Saiten beim Betrachtenden zum Schwingen zu bringen.

„Ich hab nicht das Gefühl gehabt, daß ich im lebenden Ding bin, im Gegenteil, ich weiß noch ganz genau, wie furchtbar mir die Kneipen vorkamen, und erst auf den Fotos von Helga Paris hab ich gesehen, da ist Leben.“ zitiert Gröschner zwischendrin Elke Erb.

Ja.

Die Woken wollen uns Winnetou wegnehmen

Karl May (1907), Bild von Erwin Raupp, Public domain, via Wikimedia Commons

Da sich der Gefechtsrauch etwas verzogen hat, soll heute mal ein Blick zurück auf die große deutsche Debatte des vorigen Jahres geworfen werden: Die Woken wollen uns Winnetou wegnehmen!

Die Dynamik dieses Diskurses bietet Stoff für reichlich Qualifizierungsschriften in diversen Wissenschaftsdisziplinen, soll hier aber nicht weiter erörtert werden. Vielmehr habe ich das zum Anlass genommen, mal zu schauen was der Hausheilige dieses Blogs – der ja immerhin einer der ersten Jugendgenerationen angehörte, für die Karl May Bestandteil der Sozialisation war – zum ollen Flunkersachsen zu sagen hatte.

Es gibt nicht viele Belegstellen, häufig ist er nur passim erwähnt. Aber ich habe zwei Stellen gefunden, die mir auch heute so einiges erklären.

In der Rezension zu Leo Perutz’ “Der Marques de Bolibar” beschreibt Tucholsky 1920 ein jugendliches Leseerlebnis, das mir sehr vertraut vorkommt, wenn auch in Details abweichend:

Dagegen kommt dann ja nichts mehr auf: Nach Abschreibung der komplizierten Mathematikaufgabe zu morgen lagen wir auf dem Bauch in der schattigsten Ecke des Zimmers, um uns auch ganz sicher die Augen zu verderben, fraßen von einem Teller, der gleichfalls auf der Erde stand, Mandeln, und während wir sie langsam zerkrachten, lasen wir “Die Skalpjäger”.

Dieses Buch heißt bei Jedem anders – aber jeder richtige Junge hat so etwas einmal gelesen. Das muß so sein. Manche lasen Karl May – ich habe es wegen Langweiligkeit nie fertig bekommen -, manche schmökerten Ebers, und manche – o schöne Zeit! – den “Guten Kamerad”. Es war eine dolle Sache: weiter jagte die Geschichte, weiter, weiter, weiter – und Landschaftsschilderungen wurden grundsätzlich überschlagen. Kommt der Reiter durch oder kommt er nicht durch? Alles Andre war gleich.

Diese Sensationen kehren nie wieder.

aus: “Der Marques de Bolibar” in: Die Weltbühne, Jg. 16, Heft 46, 11.11.1920

Ob ein solches Lektüreerlebnis nun wirklich konstituierend für einen “richtigen Jungen” ist, sei mal dahingestellt. Wiedergefunden habe ich mich in der Beschreibung jedenfalls sehr – auch wenn ich tatsächlich zu den juvenilen Karl-May-Lesern gehöre (ich habe aber Liselotte Welskopf-Henrich und Jack London genauso atemlos gelesen). Mir scheint hier ein Erklärungsansatz zu liegen: Dieses mitfiebernde, intensive, plotorientierte Lesen ist eine so tiefe Erfahrung und wird zudem im Laufe der Lebensjahre immer weiter verklärt. Da entsteht ein Identitätskernstück. Dementsprechend werden die Abwehrhandlungen schnell massiv und irrational (wir kennen das aus den Kolonialismus-Debatten um Pippi Langstrumpf oder den Ergebnissen der historisch-kritischen Harry-Potter-Lektüre).

Das ist das eine. Das andere ist: Im Rahmen der eigenen Lektüreverklärung wird dann auch noch der Autor verklärt. Ich habe in meinen Dreißigern nochmal versucht, May zu lesen – das war extrem ernüchternd, mir ist schleierhaft, wie ich das verschlingen konnte, es ist so entsetzlich langweilig. Daraufhin beschloss ich, meine jugendliche Begeisterung als solche in Erinnerung zu behalten.

Diesen Weg gehen aber durchaus nicht alle und auch schon vor 100 Jahren gingen ihn nicht alle:

Es gibt Leute, denen dieser Karl May – mir ist der Bursche immer als Ausbund der Fadheit vorgekommen – lieb und teuer ist. Aber sie sagens nicht. Sie malen ihm eine Glorie an: ihr meint, das sei einfach ein Unterhaltungsschriftsteller für die reifere Jugend gewesen? Gott bewahre, ein Philosoph war das, ein Mann mit den allegorischsten Hintergedanken, ein schwerer, vollbärtiger, sächsischer Denker, weiland zu Radebeul, jetzt in der Unsterblichkeit.

aus: Nette Bücher. in: Die Weltbühne, Jg. 14, Heft 35, 29.8.1918

Das klingt dann doch schon sehr ähnlich den Statements von Karl-May-Verlag und Karl-May-Gesellschaft zur überragenden Bedeutung Karl Mays. Schade bleibt aus meiner Sicht aber weiterhin, dass sich die Debatte so schnell vom ursprünglichen Thema (nämlich: Warum es falsch ist, die indigene Bevölkerung Nordamerikas so darzustellen als lebten wir noch im Kaiserreich) entfernt hat. Wir hätten da alle sehr viel Lehrreiches erfahren können.

Zum Abschluss dieses Inhaltsblocks noch einen kleinen Spengler-Diss Tucholskys, der angesichts der Kenntnis seiner Position zu May noch etwas mehr Spaß macht:

Spengler, dieser Karl May der Philosophie. Er hat keine Heldentaten verrichtet, er hat sie nur prahlend aufgeschrieben. May war übrigens bescheidener und schrieb um eine Spur besser.

aus: Schnipsel. in: Die Weltbühne, Jg. 28, Heft 32, 9.8.1932

David de Jong: Braunes Erbe

Weder Aufstieg noch Herrschaft der Nationalsozialisten wäre ohne helfende oder willfährige Unterstützer in der deutschen Wirtschaft möglich gewesen. Flick, Finck, Porsche-Piëch, Oetker, Reimann, Quandt – noch heute extrem reiche Familien haben einen Großteil ihres Aufstieges, ihres Reichtums und Einflusses dem nationalsozialistischen Regime und seinen verbrecherischen Regeln zu verdanken. Und die meisten von ihnen schweigen still darüber, huldigen noch heute ihren Vorfahren, in dem sie Gebäude, Stiftungen und Preise nach ihnen benennen.

David de Jong gelingt eine packende, plastische Schilderung des Aufstiegs und der dabei verwendeten Methoden. Dramaturgisch geschickt angeordnet, zeichnet er nach, wie aus Überzeugung oder schlichtem Opportunismus die Nähe zum Regime gesucht wurde. Skrupellos wurden jüdische Angestellte oder Geschäftspartner fallengelassen, Konkurrenten erpresst, hemmungslos wurden die Chancen ergriffen, die sich mit dem staatlich forcierten Herausdrängen jüdischer und »nichtarischer« Akteure aus der Wirtschaft ergaben. Und natürlich setzten alle Zwangsarbeiter ein.

Mindestens ebenso bedrückend ist allerdings die Nachkriegsgeschichte. Durch Lügen, Täuschen und Vertuschen gelang es, zügig das eigene Vermögen zu retten und sich nahtlos in die bundesrepublikanische Wirtschaft zu integrieren, deren Wachstum die Möglichkeit zu globalem Agieren gab. Es ist erschütternd, wie leicht die eigenen Lebenslügen vermittelbar wurden und wie tief verwurzelt sie noch heute in den Familiendynastien sind, die sich häufig bestenfalls halbherzig ihrer Vergangenheit stellen. Von ernsthaften Entschädigungen gar nicht erst zu reden (einzige Ausnahme: Die Familie Reimann).

Die noch heute wirksamen Verknüpfungen und Verbindungen, zum Teil noch heute ins rechtsextreme Milieu, zeigt de Jong unnachgiebig auf. Und auch wenn ich einiges schon gewusst habe: So richtig präsent war es mir nicht und ich bin de Jong sehr dankbar für seine klare, sachliche Darstellung. Es ist ein Dokument der Schande und es sollte uns alle hellhörig werden lassen, wenn mal wieder »Ideologiefreiheit« in der Wirtschaftspolitik gefordert wird – denn genau das ist und war die Standardbegründung: Mit Politik habe man gar nichts am Hut gehabt, man war ja nur Wirtschaftler. Profit um jeden Preis, das ist keine »Ideologiefreiheit«, das ist selbst eine Ideologie, und zwar eine, die Menschenleben kostet, die keine Gnade und keinen Anstand kennt, die über Leichen geht, die Gewalt akzeptiert, die Menschenrechte mit Füßen tritt. Es ist genau diese »Ideologiefreiheit«, die VW-Manager ungerührt behaupten lässt, ein Werk in Xinjang führe zu einer Verbesserung der Situation der unterdrückten, geknechteten Uiguren. Ein Werk, dass in Zusammenarbeit mit einem Staatskonzern betrieben wird – eben jenes Staates wohlgemerkt, der die Menschen dort unterdrückt. Mit demselben Zynismus behaupteten seine Vorgänger, den Zwangsarbeitern im KdW-Werk sei es sehr gut ergangen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Darstellungen zu diesem Thema, ist diese hier nicht nur fachlich fundiert und mit umfassenden Quellennachweisen belegt, sondern auch literarisch exzellent geschrieben. So muss Geschichtsvermittlung sein!

Buchdetails:
David de Jong: Braunes Erbe. Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen Unternehmerdynastien. aus dem Englischen von Jörn Pinnow und Michael Schickenberg. Kiepenheuer & Witsch Köln 2022, ISBN 978-3-462-05228-2, gebunden, 496 Seiten, 28 €, als ebook 24,99 €
Bei yourbookshop bestellen und Lieblingsbuchhandlung unterstützen.

Mareike Fallwickl: Die Wut, die bleibt

Umschlagabbildung zu Die Wut, die bleibt von Mareike Fallwickl

Helene, Mutter dreier Kinder, steht eines Tages vom Abendbrottisch auf, geht zum Balkon und stürzt sich in die Tiefe. Ihre Freundin Sarah will den Hinterbliebenen helfen und findet sich unversehens in Helenes Rolle wieder – obwohl sie das nie wollte.

Sarah möchte in dieser Krisensituation helfen – aus der lebenslangen Freundschaft zu Helene heraus, aus Zuneigung zu diesen Kindern, deren ältestes, Lola, sogar einst Teil ihrer Wohngemeinschaft war. Und schließlich, weil man Menschen eben in einer solchen Situation nicht hängen lässt.

Dass damit eine Falle zuschnappt, dass sie ganz selbstverständlich in einer Rolle gelandet ist, die sie weder wollte noch ihr zusteht und die ihr nur aus einem einzigen Grund zugewiesen wird, weil sie eine Frau ist, wird ihr bald klar. Weniger klar allerdings ist ihr der Weg, dort wieder herauszukommen. Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate und es droht die Jahresfrist. Begleitet wird in ihrem Geist von einer Manifestation Helenes, die sie spöttisch beobachtet, ihr Fragen stellt, die befreit wirkt.

Helenes hellsichtige Tochter Lola ist nicht bereit, sich den Erwartungen an ihre Rolle zu beugen. Sie liest feministische Literatur, weiß um die Wirkmechanismen des Patriarchats und mit der Intensität jugendlicher Überzeugungen konfrontiert sie Sarah und alle anderen Menschen in ihrer Umgebung mit ihrer Sicht auf die Welt. Klar, überzeugt und analytisch scharf. Doch erst eine Schlüsselsituation, in der sie sich hilflos männlicher Gewalt ausgesetzt sieht, bringt sie zur Tat. Sie ist nicht länger bereit, das Unrecht tatenlos hinzunehmen und die Gewalt männlichen Tätern zu überlassen, die mit ihren Taten unbehelligt ihre Leben weiterleben.

Ein Schlüsselement dafür wird das Teilen von Erfahrungen, von Erlebnissen wie sie nur Frauen (oder als Frauen gelesene Personen) haben – und die sie alle gemacht haben. Daraus speist sich Lolas Wut und es wird eine unglaubliche Energie frei dabei. Das Ende des Schweigens der Frauen wird auch Lola und Sarah helfen, einander zu verstehen und es ist der Motor ihrer Emanzipationsgeschichte. Je weiter diese voranschreitet, desto seltener tritt Helene in Erscheinung.

Mareike Fallwickls Roman hat bei mir massiven Eindruck hinterlassen. Was für eine Kraft, was für eine Wucht steckt in diesem Befreiungsschrei von einem Roman!

Es ist mit Sicherheit eine der aufwühlendsten, beeindruckendsten Lektüreerfahrungen mindestens der letzten Jahre, wenn nicht überhaupt meiner ganzen Lesebiographie. Da sind so viele Aspekte, die mir auch erst jetzt im Nachgang erst klar werden. Ich werde noch lange damit zu tun haben.

Buchdetails:
Mareike Fallwickl: Die Wut, die bleibt. Rowohlt Hundert Augen Hamburg 2022, 377 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-498-00296-1, 22 €, als ebook 15,99 €
Bei yourbookshop bestellen und Lieblingsbuchhandlung unterstützen.

Hillary Rodham Clinton/Louise Penny: State of Terror

Umschlagabbildung zu State of Terror von Hillary Rodham Clinton und Louise Penny

Die überraschend von ihrem ärgsten Rivalen, dem frisch vereidigten neuen Präsidenten, ins Amt berufene neue Außenministerin der USA scheitert auf ihrer ersten Auslandsmission grandios. Statt eines Abkommens bringt sie nur dreckige Schuhe mit nach Washington.

Doch statt einer medialen Hinrichtung wird ihr überraschend Sympathie entgegen gebracht, was im Präsidentenbüro zerknirscht zur Kenntnis genommen wird. Doch sehr schnell spielen derlei Ränke keine große Rolle mehr: Eine Serie von Anschlägen in Europa stürzt die westliche Welt in eine nie dagewesene Krise und plötzlich ist die USA als Führungsmacht gefragt – eine Rolle, aus der sie sich in der vorigen Amtsperiode verabschiedet hatte. Und mittendrin: Die neue Außenministerin.

Der Thriller beginnt mit einem hohen Erzähltempo, wir werden schnell mitten ins Zentrum der Macht geworfen, in dem schon mal wichtige Informationen verloren gehen, weil ein Abteilungsleiter die Bedeutung nicht erkennt und persönliche Befindlichkeiten wichtiger sind als die Lage der Nation (oder gar der Welt). Gerade dieser Blick ins Innere der Maschinerie, die eben nicht so reibungslos und sauber dirigiert funktioniert wie es von außen wirken soll, macht einen ganz besonderen Reiz dieses Buches aus.

Leider nutzt sich dieser Effekt aber im Laufe der Zeit ab und es bleibt am Ende doch ein eher konventioneller Thriller mit einer Superheldenaußenministerin, die die Welt rettet, während alle außerhalb ihres Stabes eher blass bleiben (wenn sie nicht sowieso die Bösen sind).

Es fällt schwer, in zahlreichen Figuren nicht reale Amtsträger aktueller oder vergangener Regierungen zu sehen – wahrscheinlich ist das mit einer Autorin Hillary Rodham Clinton auch gar nicht möglich. Aber ich rate trotzdem dazu, sich von der Versuchung zu befreien, diesen Verschwörungsthriller als Schlüsselroman zu lesen.

Denn was die beiden Autorinnen hier sehr eindrücklich zeigen, ist die Vulnerabilität unserer Weltordnung. Wie wenig es eigentlich braucht, damit alles zum Teufel geht. Wenn an ein paar Schaltstellen die falschen Leute sitzen, sind wir nicht zu retten…

Buchdetails:
Hillary Rodham Clinton und Louise Penny: State of Terror [OT State of Terror], übersetzt von Sybille Uplegger, HarperCollins Hamburg 2021, 560 Seiten, gebunden, 24 €, als ebook 16,99 €
Bei yourbookshop bestellen und Lieblingsbuchhandlung unterstützen.

Carolin Kebekus: Es kann nur eine geben

Umschlagabbildung zu Carolin Kebekus, Es kann nur eine geben

Mit Carolin Kebekus bin ich sehr lange nicht so recht warm geworden. Wie bei vielen Comedians, die ihr Handwerk im Karneval-Kontext erlernt und erprobt haben, war mir das lange Zeit zu krawallig, zu platt, zu sehr schenkelklopfend (auch wenn ich hier mal selbstkritisch überprüfen muss, ob mich das bei ihr nicht besonders gestört hat, weil sie eine Frau ist – ich kann das nicht abschließend beurteilen, weil es extrem schwierig ist, sich in sein früheres Ich hineinzuversetzen, aber insbesondere nach der Lektüre dieses Buch muss ich das für wahrscheinlich halten).

Das hat sich in den letzten Jahren geändert, dennoch war ich skeptisch. Allerdings völlig zu Unrecht. Sie legt hier einen Grundkurs zu den drängendsten gesellschaftlichen Fragen aus feministischer Perspektive hin, der keine Themen scheut, Probleme klar benennt und dabei erstaunlich locker bleibt. Das ist eine große Kunst und Carolin Kebekus beherrscht sie meisterhaft. Immer wieder im Fokus steht dabei der Slogan »Die eine, die Schönste, die Beste, die Auserwählte.«

Es ist Augen öffnend, wie sie immer wieder zeigt, an wie vielen Stellen und mit wie vielen Mitteln und Methoden wir gesellschaftlich dafür sorgen, dass Frauen sich nicht nur permanent gegenseitig behindern, sondern das auch noch wollen. Wie sie dazu gebracht werden, es völlig normal und natürlich zu finden, dass es eben nur »die Eine« geben könne. Wie dazu schon unsere Urmythen, unsere Kindheitshelden, unsere Jugendidole, unsere Eltern beitragen.

Für mich ist das eine der großen Stärken dieses Buches, aufzuzeigen, wie viel möglich wäre, würden Frauen sich verbünden, Netzwerke schaffen, sich gegenseitig stärken und stützen – genau so wie Männer das ganz selbstverständlich und gesellschaftlich akzeptiert auch tun.

Und: Carolin Kebekus zeichnet ihren eigenen Erkenntnisweg nach, beschreibt, wie sie selbst erst gelernt hat, bestimmte Dinge zu sehen, wie sie heute Dinge anders handhabt als sie das noch vor wenigen Jahren getan hat. Das führt zu einer Haltung, die die Hand reicht, die mitnimmt, die einlädt. Und damit vielleicht in der Lage ist, Menschen mitzunehmen, die sich von Appellen nicht angesprochen fühlen.

Mich hat sie auf jeden Fall erreicht und ich habe vieles zu sehen gelernt, das mir vorher nicht so klar war.

Buchdetails:
Carolin Kebekus: Es kann nur eine geben. Mit einem Kapitel von Mariella Tripke. Kiepenheuer & Witsch Köln 2021. 352 Seiten, Paperback. ISBN 978-3-462-00174-7, 18 €, als ebook 14,99 €
Bei yourbookshop bestellen und Lieblingsbuchhandlung unterstützen.

Kira Jarmysch: DAFUQ

Umschlagabbildung zu Kira Jarmysch, Dafuq

Anja wird zu 10 Tagen Arrest verurteilt. Sie hatte einen Aufruf für eine Anti-Korruptionsdemo geteilt. Einen Großteil des Arrests verbringt sie mit fünf anderen Frauen in einer Zelle.

Dass Anja, ehemals Kandidatin für die Arbeit im Außenministerium, noch immer an ein funktionierendes Rechtssystem glaubt, zeigt sich bereits zeitig, als sie tatsächlich meint, mit einer Beschwerde gegen das Urteil etwas erreichen zu können. Stattdessen lernt sie in den zehn Tagen ihrer Arrestzeit, wie sehr sie der Willkür der Machthabenden ausgesetzt ist – und sei es nur die Macht über die Suppenkelle, mit der bestimmt wird, wessen Portion wie groß ist.

Kira Jarmysch zeichnet das Porträt einer Gesellschaft, in der alle versuchen, sich irgendwie zu arrangieren. Nichts stößt auf so viel Unverständnis wie Anjas Engagement gegen Korruption, überhaupt ihr Eintreten für politische Veränderungen. In ihrer Schicksalsergebenheit, ihrem Glauben daran, sowieso nichts ändern zu können, erinnern ihre Protagonist:innen an zahlreiche Vorbilder in der russischen Literatur.

Es ist faszinierend, wie alle ihre eigenen Erfahrungen mit Ungerechtigkeiten, Ausnutzung, Gewalt, Übergriffen, Diskriminierung machen – und die Idee des Aufbegehrens aber nicht aufkommt. Stattdessen finden Anjas Zellengenossinen ihre eigenen Wege, mit der gegebenen Welt umzugehen und ihre Vorteile zu finden.

Die Gespräche der Frauen miteinander sind – bei aller Rauheit im Ton – geprägt von Verständnis und im engen Rahmen, den der Arrest bietet, unterstützen sie sich gegenseitig, decken sich, schlagen den Wächtern Schnippchen oder manipulieren sie oder Mithäftlinge zu ihren Gunsten.

Kira Jarmysch schafft es dabei, ihre Heldinnen mit all ihren Eigenheiten und Schwierigkeiten, manchmal auch Abgründen, sympathisch und lebendig zu zeichnen.

Mir wurde sehr deutlich, warum es keine wirksame, öffentlich sichtbare Widerstandsbewegung gibt: Viele Menschen sind schlicht damit beschäftigt, irgendwie durch ihr Leben durchzukommen – auffallen ist dann gefährlich.

Es dürfte schwer fallen, diesen Roman zu lesen ohne die Biographie der Autorin zur Kenntnis zu nehmen. Aber es lohnt sich.

Buchdetails:
Kira Jarmysch: DAFUQ [OT Невероятные происшествия в женской камере № 3], übersetzt von Olaf Kühl, Rowohlt Berlin 2021, 412 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-7371-0140-0, 22 €, als ebook 14,99 €
Bei yourbookshop bestellen und Lieblingsbuchhandlung unterstützen.

Franziska Schreiber: Inside AfD

Umschlagabbildung zu Inside AfD von Franziska Schreiber

Franziska Schreiber will aufklären. Über die AfD, ihre Gefährlichkeit und ihre »wahren« Ziele. Leitlinie ist dabei ihr eigener Weg, den sie nachzeichnet.

Im Laufe der Jahre haben viele Menschen der AfD den Rücken gekehrt, darunter zahlreiche Amtsträger – tatsächlich nahezu alle ehemaligen Vorsitzenden. Zu ihnen gehört auch Franzsika Schreiber.

Wie viele andere vor und nach ihr, macht sie eine »zunehmende Radikalisierung« der Partei für ihren Schritt verantwortlich. Nun mag es von außen schwer vorstellbar sein, wie es möglich sein soll, in diese Partei einzutreten und in ihr Karriere zu machen und das Offensichtliche nicht zu sehen – aber es wäre andererseits fatal, Menschen dafür zu verdammen, dass sie mit Idealen in die Politik gehen und sich in einer Partei engagieren wollen. Dabei kann man sich irren und dabei kann man auch Illusionen unterliegen. Umso ehrenwerter, wenn sich jemand zu seinen Fehlern bekennt und die eigenen Erfahrungen öffentlich macht, um anderen vergleichbare Irrtümer zu ersparen.

Nur: Das macht Franziska Schreiber in ihrem Buch nicht. Es handelt sich vielmehr um eine Apologetik in eigener und Frauke Petrys Sache. Statt einer Analyse der eigenen Fehleinschätzung erzählt Schreiber das Märchen einer Radikalisierung weiter, bei der böse Kräfte das eigentlich gute Projekt verderben würden. Dass die AfD im Kern und von Anfang an ein nationalistisches, rassistisches Projekt war, dass auch und gerade Frauke Petry alles andere als eine verkannte Liberale ist, die zum Opfer radikaler Kräfte wurde – dazu kommt sehr wenig. Ihre Berichte aus den internen Zirkeln mögen Boulevard-Wert haben, der politische Erkenntniswert ist freilich gering.

Buchdetails:
Franziska Schreiber: Inside AfD. Europa Verlag München 2018. 224 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-95890-203-9, 18 € als ebook 12,99
Bei yourbookshop bestellen und Lieblingsbuchhandlung unterstützen.

bell hooks: Alles über Liebe

Umschlagabbildung von über liebe von bell hooks

»Today we lost a titan.« schrieb Amanda Gorman, als die Nachricht vom Tode bell hooks bekannt wurde. Und sie hat damit nicht übertrieben.

Den letzten Anstoß zur Lektüre hatte mir Şeyda Kurt gegeben, die sich in »Radikale Zärtlichkeit – Warum Liebe politisch ist« unter anderem auch ausgiebig auf bell hooks bezieht. Das hatte mich neugierig gemacht und so kam mir diese neue Übersetzung von Heike Schlatterer gerade recht.

bell hooks gelingt hier eine beeindruckend scharfsinnige Analyse des Zusammenwirkens gesellschaftlicher Vorstellungen, Strukturen und Interessen auf und mit persönlichen Entscheidungen, Ideen und Beziehungen. Sie zeigt, wie patriarchale, kolonialistische und rassistische Strukturen unser aller Leben durchziehen und prägen. Dies gelingt ihr ganz besodners eindrücklich durch ihre besondere Art, ihr eigenes Leben, ihre eigenen biographischen Prägungen mit gesellschaftlicher Analyse so zu verweben, dass ich das Gefühl hatte, plötzlich ganz klar und leuchtend Erkenntnisse vor mir zu sehen, die ich vorher gar nicht oder zumindest nicht in dieser Klarheit zu haben. Ihr sprachliches, schriftstellerisches Talent ist beeindruckend, umso beeindruckender, da es kein Jota an ihrer analytischen Brillanz verringert.

Am stärksten beeindruckt hat mich in diesem Werk ihre Wärme, ihre Zugewandtheit zur Welt, eine tiefe Liebe zur Menschheit und ihren Möglichkeiten, die ihr ganzes Denken zu durchziehen scheint. Ihr Plädoyer für den Kampf gegen Diskriminierung, Unterdrückung und Ungerechtigkeit ist entschieden und deutlich. Und genauso entschieden und deutlich ist es ein Plädoyer für Warmherzigkeit, dafür, dass nur die Liebe, nur das Bestreben dafür, nicht allein selbst zu wachsen, sondern dafür zu sorgen, dass andere wachsen können, diese Welt verbessern kann. Ich habe noch kein Buch erlebt, dass so stark für Spiritualität eintritt und dennoch völlig frei von jeglicher Esoterik ist. Ich bin nachhaltig beeindruckt und werde mit Sicherheit noch viele Jahre von diesem Erlebnis zehren und neue Aspekte entdecken, die ich jetzt noch nicht sehe.

Wie konnte ich bisher nur durchs Leben gehen ohne bell hooks zu lesen? I know, I’m late to the party, aber wenn es da draußen noch Menschen geben sollte, die noch ohne diese Lektüreerfahrung leben: Ändern Sie das, lesen Sie bell hooks!

Buchdaten:
bell hooks: Alles über Liebe – Neue Sichtweisen [OT: All About Love: New Visions], übersetzt von Heike Schlatterer. HarperCollins Hamburg 2021, 304 Seiten, gebunden. 20 €, als ebook 16,99 €
Bestellen bei yourbookshop und Lieblingsbuchhandlung unterstützen.

Lost Generation

Image from page 94 of "Teachers' manual for the Prang course in drawing for graded schools, books 1-6" (1897) [https://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14773949295/in/photolist-otuvuy-ovf892-oe2Me9-otuvPG-oe2T3U-otuuBw-oe2AXD-oe2rpG-ovwtoH-otuuh3-oe3AN6-ovjfJY-oturHA-ovfbsr-oxhaVa-ovwpd8-ovuAzN-ovf4TV-oe2Gwy-ovfc2x-otutEw-ovf688-otus3U-ovfcrF-ovjfrU-ovf9Kt-ovuznh-ovuyL7-ovf5Yv-ovwqsH-oe2D54-oe2Ns1-oe2rAU-oe2JHY-otutdu-ovuDpW-oe2Dmr-oxhf1V-oe3AmK-ovwn8r-oe2m4G-ovwkV6-ovf8Az-ovjh2N-oe3Dgn-ovwmpH-ovwrHt-oe2Pad-oe2KX2-otunsm]

Es ist nun bereits ein ganzes Jahr, dass der Zustand des deutschen Schulwesens ungewohnt deutlich im Fokus der Öffentlichkeit steht. Wie in vielen Bereichen der Wirtschaft wirkt auch hier die Pandemie als Brennglas. Fehlentwicklungen und Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte treten hervor und offenbaren ein erschreckendes Bild. Und damit meine ich noch nicht einmal die Spott hervorrufenden fehlenden Internetanschlüsse oder Dienst-Emails.

@dasnuf bringt es wie immer auf den Punkt

Vielmehr ist es eine stupende Ignoranz der zuständigen Bildungspolitikerʔinnen und eine irritierende Unbeweglichkeit des Schulsystems. Mir fehlt hier der Überblick über all die Kompetenzen, Sachzwänge und Rechtsproblematiken.

Was ich jedoch sehe: Eine desillusionierte Generation. Jugendliche, die jeglichen Glauben und Motivation verlieren. Junge Menschen, die sich als Verfügungsmasse fühlen. Nichts aber ist für eine Gesellschaft verheerender als eine Jugend, die aufgegeben hat und den Glauben an ihren Einfluss und die Veränderbarkeit der Welt verliert.

Man wird hierzulande nicht müde, die Bedeutung von Bildung zu betonen und wie wahnsinnig wichtig das Wohlergehen der jungen Generation sei. Es dürfe niemand abgehängt werden und Kindeswohl und Bildungsgerechtigkeit und was an schönen Sonntagsredenschlagwörtern noch so da ist.

Wichtig genug, ihnen Sicherheit, Verlässlichkeit oder wenigstens ein funktionierendes Bildungsangebot zu bieten dann allerdings auch nicht. Stattdessen trägt man den Präsenzunterricht wie den Heiligen Gral vor sich her und behauptet, dass damit alles gut werden würde. Als ob vorher alles gut gewesen wäre. Als ob Bildungserfolg vorher nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängig gewesen wäre. Als ob die technische, administrative, methodische und didaktische Vorgestrigkeit, die unser Schulwesen prägen, Ergebnis der Pandemie wären und nicht eigentlich nur durch diese offen zutage träten. Denn, ich bitte euch: Lehrende, denen seit 12 Monaten nichts einfällt als Arbeitsblätter einzuscannen, hindert nicht die räumliche Distanz an gutem Unterricht. Bildungsministerʔinnen, die wider alle Vernunft und gegen den wissenschaftlichen Konsens Kinder in die Schulen jagen wollen, diese dann aber noch nicht einmal in die Lage versetzen, die eigenen Anordnungen umzusetzen.

Wir haben die Traumtochter aus diesem Schuljahr befreit, weil das System einfach Amok läuft. Obwohl sie ihre Schule liebt, obwohl sie ihre Klasse liebt. Aber sie ginge uns vor die Hunde, ließen wir sie in dieser toxischen Umgebung. Jetzt ist sie wieder Zuhause, dem so wichtigen Vorabschlussjahrgang entflohen und muss nicht mehr täglich von morgend um 6 bis abends um 10 Leistung erbringen, in die Schule rennen, Klausuren vor- und Unterricht nachbereiten.
Getrieben von der systemimmanenten Abschlussfixierung jagen die Lehrerʔinnen nach Noten – ohne Rücksicht auf Verluste und mit erwartbaren Ergebnissen. Ganze Jahrgänge stürzen in ihren Leistungen ab und sie ist nicht die erste und nicht die einzige, die diesem Wahnsinn entflieht. Von Freunden hört sie Geschichten von Schulen, an denen in Vorabschlussjahrgängen 10 Unterrichtsstunden en bloc – also ohne Pause – unterrichtet werden. Angeblich, weil bei Pausen das Abstandsgebot nicht eingehalten werden könne. Hausaufgaben gibt es natürlich trotzdem noch, der Stoff muss ja geschafft werden. Aber Hauptsache Präsenz!

Für wie blöd halten wir die Jugendlichen eigentlich, dass sie das nicht durchschauen? Da spielt die Perspektivlosigkeit der Bildungspolitik durchaus auch eine Rolle: Denn es gibt kein Wort dazu, ob nächstes Jahr bei den Prüfungen in irgendeiner Weise Rücksicht genommen wird. Also prügelt man das Pensum durch und verbrennt eine Generation.

Diese Jugend erlebt gerade intensiv, was es bedeutet, »beschult« zu werden. Es bedeutet, Verfügungsmasse zu sein, Objekt eines Systems zu sein, das sie nur ala Objekte, nicht als Subjekte kennt. Es geht in allen Verlautbarungen und in allen Anweisungen nur darum, dass mit ihnen etwas gemacht wird. Sie selbst spielen keine Rolle. Mut- und Ideenlosigkeit bestimmen unsere Bildungspolitik und das seit Jahrzehnten. Das ist in diesem Jahr in aller Deutlichkeit offenbar geworden. Darum und nur darum, setzen wir Schule mit Anwesenheit in einem definierten Gebäude gleich.

Doch wahrlich, ich sage euch: Das wird uns noch teuer zu stehen kommen, denn die Jugendlichen sind nicht blöd, die merken, was hier mit ihnen veranstaltet wird. Dass es nicht um sie und ihr Wohlergehen geht, sondern dass das System weiterläuft, dass einfach mal wieder a Ruh‘ is und die Eltern brav auf Arbeit traben. Das wird ihre zentrale politische Erfahrung sein, das wird sie ihr Leben lang prägen. Und das wird übel werden.

Bücher nur für Elitepartner?

Vor nun doch schon einem knappen Monat stieß ich auf diesen Tweet, in dem Katharina Herrmann ihrem Ärger über den Buchmarkt bzw. den Literaturbetrieb Luft machte:

Nun sind ihre Vorwürfe nicht ganz von der Hand zu weisen: Aktuelle Bücher sind nicht so ohne weiteres in einem immer weiter diversifizierenden Medienbudget [Rundfundgebühren (18€), Videostreaming (10€), Audiostreaming (10€), Internetzugang (29€) – und da ist noch kein Buch gekauft, da war man in keinem Kino, in keinem Konzert, bei keiner Lesung] unterzubringen. Und ein Buch wie Obamas Memoiren mit 42 € schon gleich gar nicht. Das können sich nur Menschen mit entsprechendem Einkommen leisten. Doch selbst ohne ein solches Werk: Wieviel Literatur ist überhaupt drin? Es ist schwierig, ein Werk unter 20 € auf den Markt zu bringen. Da dürfte für einen Großteil der hiesigen Bevölkerung kaum ein Buch pro Monat drin sein.

Und ja, es gibt genug Literaturbetriebsnudeln, die nicht mehr wissen, was es bedeutet ein Buch zu kaufen. Ich habe das in meiner Kleinstverlegerzeit auch selbst erleben dürfen, dass Menschen mit großem Namen, deren Monatsverdienst dem Gegenwert nicht nur eines Buchprojektes entsprechen dürfte, kostenlose Leseexemplare anforderten – ohne dann aber wenigstens ihre Reichweite für eine Rezension zu nutzen. Das dürfte kein Einzelfall sein. Genauso wie es im Buchhandel zahlreiche Kollegʔinnen gibt, die mit zum Teil unverfrorener Selbstverständlichkeit LEX anfordern, ganz ohne das jeweilige Buch lesen, ver- oder einkaufen zu wollen. Und so weiter und so weiter, die Reihe ließe sich noch lange fortsetzen. Belassen wir es aber bei der Feststellung: Ja, das gibt es und ja, das ist durchaus verbreitet. Trotzdem sind die Ladenpreise nicht der richtige Ansatz, um das Problem der Zugänglichkeit zu lösen.

EXKURS: Warum ich den Preis für keinen Wucher halte. überspringen

Was liegt denn hier vor? Doch wohl ein Geschäft, eine kapitalistische Institution, ein Gewerbe. Das Buch ist Ware. Gegen diesen Satz sträuben sie sich alle noch immer.

Kurt Tucholsky, Der Deutsche Buchhändler, in: Die Schaubühne, 08.01.1914, Nr. 2, S. 31.

Und sie sträuben sich auch über 100 Jahre später noch. Trotzdem ist er wahr. So ein Buch muss sich rechnen. Nun sind die Einkaufskosten bei Obama massiv. Barack und Michelle Obama erhielten etwa 65 Millionen Dollar von Penguin Random House. Dieses Geld muss wieder reinkommen. Denn die üblichen Kosten entstehen ja weiterhin. Es ist im internationalen Buchgeschäft durchaus üblich, dass im Wettbeewerb um Lizenzen auch die eigenen Konzerntöchter mitbieten müssen. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass Penguin Deutschland für die deutsche Ausgabe eine erhebliche Summe an die US-Kollegen zahlen durfte. Um nun auch noch das zeitgleiche Erscheinen zu ermöglichen, dürften die Übersetzungskosten ebenfalls nicht unerheblich gewesen sein.

Ich kenne die internen Zahlen natürlich nicht, aber schon allein vor diesem Hintergrund dürfen wir annehmen, dass die Stückkosten weit über allem liegen, was im Verlag üblicherweise aufgerufen wird. Besonders schmal ist der Band auch nicht, das schlägt nicht nur auf die Druckkosten, sondern natürlich auf alle Herstellungskosten inkl. der Übersetzung (die üblicherweise nach Umfang bezahlt werden).

Jetzt dürfen wir ohne weiteres vermuten, dass Obamas Memoiren alles sein dürfen, aber gewiss kein Minusgeschäft. Die Memoiren sind zum Erfolg verdammt. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass hier auch ein Ladenpreis von sagen wir mal, 35 € machbar wäre. Das Problem dabei: Die Zielgruppe wüchse dabei gar nicht mal erheblich. Die Zahl derer, die das Buch kaufen würden und für die 35€ nicht zu viel sind, 42 € aber schon, ist gar nicht mal so groß. Will sagen: Es ist absolut nachvollziehbar, dann die Marge zu erhöhen. Und man hatte damit Recht.

Kurz: So wie der Markt strukturiert ist und funktioniert, sind 42 € ein nachvollziehbarer Preis. Und auch ganz generell muss fairerweise festgehalten werden, dass die Preise für Bücher sich seit Jahrzehnten weit hinter der Inflationsrate entwickeln (hier mal eine Auswertung von 2019 und eine längere Studie von 2015).

Allerdings ist das Ergebnis gesellschaftlich wohl kaum befriedigend. Denn der Markt regelt das mal wieder auf seine ganz eigene Art: Mit Exklusivität. Dein Budget gibt keine 42 € her? Ja, tut mir leid, dann kannste halt nicht mitreden. Das kann nicht unser Anspruch sein.

Als hochzivilisierte Gesellschaft haben wir aber bereits eine funktionierende Idee entwickelt: Bibliotheken. Und hier müssen wir ansetzen.

Sie wollten nicht bevormundet sein. Sie wollten allein dem Käufer empfehlen und raten. Überhaupt seien sie es, denen die Kulturförderung obliege.
Sie liegt ihnen ob. Erfüllen sie ihre Obliegenheit? Nein.
Es klafft der Zwiespalt, Geld verdienen zu müssen und Kultur fördern zu wollen. Das Geldverdienen erschweren sie sich – das ist ihre Sache; die Kultur auf dem Büchermarkt wird durchaus nicht gefördert – das ist unsre Sache.

Kurt Tucholsky, Der Deutsche Buchhändler, in: Die Schaubühne, 08.01.1914, Nr. 2, S. 31.

Der deutsche Buchhandel beansprucht für sich eine Sonderstellung, die ihm politisch auch gewährt wird. Sei es die Buchpreisbindung, seien es Buchhandlungs- und Verlagspreise oder sonstige Förderungen. Insbesondere die Autorʔinnenförderung durch Stipendien und Preise sei hier erwähnt, denn von den Buchverkäufen können nur sehr, sehr wenige Autorʔinnen leben (sehr wohl aber so mancher Verlag und eine doch immer noch erkleckliche Anzahl Buchhandlungen).

Gleichzeitg weigert sich die Branche aber, Bibliotheken ihre Arbeit zu ermöglichen. Deren gesellschaftliches Aufgabenspektrum ist vielfältig, die Zugänglichmachung von Literatur und Wissen steht aber weiterhin im Zentrum. Im 21. Jahrhundert, in dem nun wirklich der größte Teil der relevanten Erzeugnisse digital erscheinen, wäre diese Aufgabe nun äußerst leicht zu erfüllen.

Statt aber hier in den Bibliotheken wichtige Partner zu sehen (Bibliotheksnutzerʔinnen können Multiplikatorʔinnen sein, sind nicht selten zudem auch ganz erhebliche Buchkäuferʔinnen, Bibliotheken selbst sind wichtige Begegnungsorte, an denen Zielgruppen passgenau angesprochen werden können etc. etc.), schaffen es die Verlage, sie sich zu Gegnern zu machen. Ein nicht geringer Teil der Energie, die Bibliotheken in OpenAccess-Bewegungen investieren, speist sich aus Wut und Verzweiflung. Und die Verlage der schönen Literatur verhält sich da nicht wirklich besser als die Wissenschaftsverlage. Anstatt also tragfähige Lösungen anzubieten, werden Lizenzmodelle angeboten, die sich am Kauf eines Printexemplares orientieren und dazu führen, dass Bibliotheken solchen Unsinn anbieten müssen wie das Vormerken auf ein ebook, weil es gerade ausgeliehen ist.

Hier wäre gesellschaftliches und politisches Schwergewicht nötig, um hier endlich Bibliotheken wieder zu ermöglichen, zeitgemäß und angemessen wichtige Werke all jenen zugänglich zu machen, die nicht alles, was sie eventuell interessieren könnte, mal auf Verdacht zu kaufen. Das wäre vor allem deshalb auch zeitgemäß, weil Besitz längst nicht mehr den überragenden Stellenwert im Wertekanon hat. Viel wichtiger sind Verfügbarkeit und Nutzbarkeit. Das ist selbst im trägen Buchhandel angekommen, auch wenn der das nicht so recht zu merken scheint.

Mit ausreichend ermächtigten Bibliotheken könnten wir auch viel leichter Menschen abfangen, ehe sie glauben, eine nur über Fernleihe verfügbare Dissertation wäre inexistent oder youtuber Mike wisse alles viel genauer als der wissenschaftliche Konsens. Stattdessen führen wir wieder Priesterwissen ein.

In Sachen Literatur wird uns da kein Markt retten. Das müssen wir schon selbst in die Hand nehmen. Also: Support your local library. Und das meint nicht nur, hol Dir einen Benutzerausweis. Sondern wann immer Zugang zu Werken problematisiert wird: Empfehlt starke Bibliotheken als Lösung. Das ist nicht mal radikal, denn sie haben seit Jahrtausenden bewiesen, dass sie die Lösung sein können.

Disclaimer: Der Autor verdient sein Geld als Buchhändler und war knapp 20 Jahre Verleger in einem Kleinstverlag.

Unschuldig? Ach, egal.

In der schier endlosen Reihe »Was die SPD alles auf dem Altar der Regierungszugehörigkeit opfert« gibt es heute einen Gesetzesentwurf zu bestaunen, der es ermöglicht, Menschen, die keinerlei Straftat begangen haben und auch einer solchen nicht verdächtigt werden, in den Knast zu stecken.

Womit die Frage erlaubt sei: Gibt es für diese Partei irgendwelche rote Linien? Und wenn ja, sind die mehr als Dekoration?

Zum Horst gemacht

Vorsicht bei Späßen über Seehofer und seine Internet-Erfahrungen in den 80er Jahren.

Es ist bitte stets auf die Unwahrscheinlichkeit seiner Beteiligung abzustellen.

Der häufig anzutreffende Verweis auf den späteren Start des WWW führt zu möglicherweise unbeabsichtigten »Si tacuisses«-Momenten.

Wie zum Beispiel hier beim Magazin quer:


Es sei daher an dieser Stelle auf den Wikipedia-Artikel zur Geschichte des Internets verwiesen.

Mit entsprechendem Wissen macht man sich dann beim Horst zum Horst machen nicht aus Versehen selbst zum Horst.

Die Jugend von damals

Um eine These für einen zu erstellenden Artikel zu verifizieren, stolperte ich über diese Passage aus der seinerzeitigen Besprechung der 13. Shell-Jugendstudie:

»Ausländerfeindliche Töne sind, wie auch die Shell-Studie belegt, im Osten deutlich lauter als im Westen. In den neuen Ländern, wo der Anteil der Nichtdeutschen an der Wohnbevölkerung bei 2,2 Prozent liegt (im Westen: 10,4 Prozent), finden mehr als zwei Drittel der Jugendlichen, das Boot sei schon überfüllt. […]
Immerhin 27 Prozent aller deutschen Jugendlichen erscheinen in Münchmeiers Auswertung als „hoch ausländerfeindlich“.«

Die damals 15-24jährigen sind heute die Elterngeneration.

Vielleicht wäre es doch ganz sinnvoll, den als »Laberwissenschaften« beschimpften Sozialwissenschaften gelegentlich mal zuzuhören. Stattdessen haben wir weitere zwei Jahrzehnte verschwendet und wundern uns heute über Institutionenkrise und AfD-Wählende.

Es ist so frustrierend: Ob Mondlandung, Klimawandel, Impfen oder Nazis – Die Wissenschaften stellen das entscheidende Wissen zur Verfügung, aber wir vertrauen lieber auf unsere Bauchempfindungen und die Erzählungen des Schwippschwagers der Nachbarin. Auf allen Ebenen, in allen Positionen.

Ratschlag zum nächsten SPD-Parteitag

Wahlplakat der SPD zur Wahl der Nationalversammlung am 19. Januar 1919 Entwurf: Arnold Schütz Druck: Kunstanstalt Franz Xaver Schroff vorm. Wilh. Fiek Augsburg, 1919 Lithographie 109,7 x 79,6 cm © Deutsches Historisches Museum, Berlin Inv.-Nr.: P 61/1634

Es stehen ab dem Herbst 2018 wieder Landtagswahlen an, wahrscheinlich der Auftakt zu einer weiteren Serie von enttäuschenden und unerklärlichen Niederlagen für die deutsche Sozialdemokratie. In Sachsen ist nicht einmal mehr sicher, dass sie es überhaupt noch in den Landtag schaffen.

Und das alles trotz eines tollen Hashtags und einer tapfer gegen Scheinprobleme ankämpfenden Vorsitzenden. Aber wie so oft, stößt die Partei, die doch nur das Gute will, dabei auf Unverständnis:

Patrick Bahners auf Twitter

Die SPD, die ewig Unverstandene. Nun ist es leicht, auf jemanden einzuschlagen, der bereits am Boden liegt und bei allen Schwächen, die diese Partei hat, so kann es doch nicht im Interesse der Demokratie sein, sie wieder einmal untergehen zu lassen. Denn – so schmerzlich diese Erkenntnis sein mag – sie ist seit 150 Jahren das Herz der deutschen Demokratie. Dass sie dies zunehmend mit stolzgeschwellter Brust als Argument dafür nimmt, so weiterzumachen wie gehabt anstatt als Ansporn, sich wieder aktiv einzubringen, ist freilich eine nicht weniger schmerzliche Erkenntnis.

Daher ein wohlmeinender Ratschlag für den nächsten Parteitag:

Aber nach einem Jahre von Fehlschlägen und politischem Trabantentum in der Sphäre Merkels, und nachdem sich gezeigt hat, daß auch die Wählermassen nicht mehr geneigt sind, der Partei Blankowechsel auszustellen, muß die Führerschaft darauf verzichten, diesen Kongreß als ein Spektakel mit verteilten Rollen aufzuziehn. Das historische »Schweineglück« der Sozialdemokratie hat inzwischen gründlich die Partei gewechselt.

In frühern Zeiten waren diese Parteitage Stechbahnen des Geistes. Jetzt sind sie schon Iange nur noch Kontrollversammlungen, Schaustücke von Funktionären für Funktionäre, mit einer sorgsam rationierten Opposition.

Dies ist kein Zitat aus einem aktuellen Leitartikel, dieser wohlmeinende Ratschlag an die SPD stammt von Carl von Ossietzky, der dies am 2. Juni 1931 in der »Weltbühne« anlässlich des Leipziger Parteitags mit auf den Weg gab – und natürlich nicht von Merkel, sondern von Brüning sprach (der das Regieren per Notverordnung erfand und a Doch genau wie seinerzeit fühlt sich ja auch die heutige SPD eher einer abstrakten staatstragenden Rolle verpflichtet und stützt willfährig eine Regierung, die sie dem Untergang entgegentreibt.

Ossietzky schreibt dort weiter:

Die Partei sehnt sich nach ‚dem Staat‘, ‚der Nation‘, und fühlt nicht, daß sie dabei ihre einzige wirkliche Lebensquelle verliert: die Klasse.

Ich weiß, »Klasse« darf man heute nicht mehr sagen, weil Stalin und vom klassischen Industriearbeiter werden es auch täglich immer weniger – umso dringender aber wird eine Partei gebraucht, die wieder in den Mittelpunkt rückt, dass es ein existentielles Machtungleichgewicht gibt zwischen denen, die Arbeit verteilen und die Bedingungen dafür stellen und jenen, die auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen sind, Arbeit zu finden und anzunehmen. Gerade weil die Gewerkschaftsbindung immer weiter abnimmt, gerade weil alle Hebel gezogen werden, um entweder gar nicht erst in den Geltungsbereich von Sozialgesetzgebung und BetrVG zu gelangen oder wenn schon, dann alles daran zu setzen, dass die Angestellten aber auch ja nicht auf die Idee kommen, ihre Rechte wahrzunehmen (und das bis zur Schließung des Betriebs). Es gäbe für eine SPD so viel zu tun. Stattdessen holt man sich GoldmanSachs an die Seite.

Und: Es wird bitte endlich Zeit, die seit der Parteigründung mit sich getragene Furcht davor, als Vaterlandsverräter zu gelten, nur weil man nicht nach der konservativ-militaristischen Pfeife tanzt, sollte sie endlich ablegen. Es gibt keine Pflicht, sich für das Vaterland zu opfern.

1930 ließ Tucholsky einen Berliner Ortsfunktionär über seine Partei sagen:

»Wat brauchst du Jrundsätze«, sacht er, »wenn dun Apparat hast!«

Mir scheint das auch heute wieder nicht völlig unzutreffend sein. Ich wünsche der Partei aus tiefstem Herzen, dass sie es schafft, sich von den Zwängen ihres Apparates zu befreien und ihre Grundsätze wiederzuentdecken. Und sie sollte das schnell tun. Das Schicksal anderer europäischer Sozialdemokratien dieser Tage zeigt überdeutlich, wie schnell und gründlich sich Wähler_innen dauerhaft abwenden können. Denn die brauchen keine sich anbiedernde SPD, sondern eine die kämpft – für die Benachteiligten, nicht für ihren eigenen Apparat.

Willkommenskultur

Großstädte gelten als Zentren einer urbanen, weltoffenen Kultur. Und je nach Perspektive bedeutet das irgendetwas zwischen »Cool, Freiräume für Kreativität und experimentelle Lebensräume« und »Sodom und Gomorrha«.

In welche Richtung das Pendel dabei mehr ausschlägt, lässt sich gar nicht so genau vorhersagen. Es hat sicher etwas mit der Größe der Großstadt zu tun, aber keineswegs ausschließlich wie ich als Bewohner des sächsischen Freistaates sicher sagen kann.

In Leipzig steht Pfingsten an, das heißt eigentlich: Es liegt in der Luft.

Und wem dies als Anhaltspunkt noch nicht genügt, der kann es auch hören:

Das WGT gehört schon länger zu Leipzig als ich, somit kann ich zu den Anfangszeiten nichts aus eigener Anschauung sagen.

Doch in den letzten 17 Jahren war mir Pfingsten doch immer die liebste Jahreszeit in dieser Stadt: Die faszinierte Freundlichkeit, mit der die Besucher_innen hier empfangen werden, begeistert mich immer wieder.

Und so großartig ich es auch jedes Jahr wieder finde, wenn mir gezeigt wird wie bunt schwarz eigentlich sein kann, so freue ich mich noch mehr über die Reaktionen der Stadtbewohner_innen.

Es sind dies Momente, in denen ich fühle: Ja, ich lebe gerne in dieser Stadt. Eine Stadt, deren Bewohner_innen in der Lage sind, zu verstehen, dass »fremd« kein Wort für »feindlich« ist.

Natürlich ist das romantisierend und natürlich gibt es auch hier Menschen, die ganz anders denken. Und trotzdem kann ich mir das WGT nicht in Dresden vorstellen, wo sich noch immer Tausende jeden Montag hinter einem Kleinkriminellen aus Spanien im Kreis drehen, weil sie Angst vor kriminellen Menschen aus dem Ausland haben.

Nein, es ist nicht nur die Anzahl der Bewohner_innen einer Stadt – mit deren Größe hat es aber vielleicht doch etwas zu tun.

Großkreutz

Fußball ist ja kein Kernthema dieses Blogs, weil ich mir hierzu gar nicht mehr Gedanken mache als es meine Zugehörigkeit zur hiesigen Kultur und meiner Sozialsphäre eben erforderlich machen.

Heute kam mir aber doch ein Gedanke, der mich etwas bewegt:

Es ist doch wirklich gut, dass wir diese Traditionsvereine haben, in denen Mitglieder und Fans so einen großen Einfluss haben.

Sie sind ein Bollwerk gegen einen klinisch sauberen und bis in die letzte Faser durchkommerzialisierte Fußballbundesliga.

20 Jahre: In memoriam Frank Böttcher

Am 8. Februar starb Frank Böttcher, nachdem er am Abend zuvor den Fehler begang, als Punk in Magdeburg-Olvenstedt an einer Straßenbahnhaltestelle zu stehen.

Das ist heute 20 Jahre her. 20 Jahre – das sind mehr Jahre als Frank Böttcher zu leben erlaubt wurde.

Für mich und meine politische Sozialisation war dies ein zentrales Ereignis. Seinerzeit leitete ich das Büro der Landesschülervertretung Sachsen-Anhalt, wir hatten Mitglieder, die Frank Böttcher oder sein Umfeld persönlich kannten.

Ich selbst war gerade einmal 19 – und ich war zutiefst erschüttert. Hier gab es nichts zu deuten, nichts zu relativieren: Die Olvenstedter Neonazis fühlten sich sicher genug, um Menschen, deren Aussehen ihnen nicht passte, niederzutreten und abzustechen.

Im Gespräch mit anderen, in der medialen Darstellung, in mehr oder weniger romantischen Generationenrückblicken sehe ich die Neunziger in einer Art und Weise dargestellt, die sich mit meinem Erleben nicht deckt. Für mich waren die Neunziger Jahre keine Zeit unbeschwerter Raves und bunter Disco-Abende. Das war keine bonbonbunte Partyzeit. Das war Mölln, das war Rostock, das war Hoyerswerda (und Bischofferode, aber das ist ein anderes
Thema).
Für mich waren die Neunziger Jahre eine Zeit der Angst, des Flüchtens vor Gewalt – wahlweise vor der von Nazis oder der der Polizei (auch hier stammt mein eindrücklichstes Erlebnis aus Magdeburg: Wie dort schwer gepanzerte und bewaffnete Polizisten einen vollkommen unbewaffneten und nicht aggressiven jungen Mann zu Boden warfen, sich auf ihn setzten und fesselten, schwirrt mir heute noch im Kopf herum – trotz aller anderen Bilder, die es seitdem gegeben hat*). Für mich sind die Neunziger Jahre die Zeit der National Befreiten Zonen (weshalb ich heute nur sehr bitter auflachen kann, wenn man sich wundert, woher die Nazis auf einmal alle kommen). Für mich sind die Neunziger Jahre die Zeit, in der Clubs überfallen und Linke gejagt wurden (und ihr könnt mir erzählen, was ihr wollt, aber wenn man erstmal erlebt hat, wie Leute in Onkelz-T-Shirts Jagd machen, hat man wenig Lust, sich mit deren ach-so-progressiven Werk auseinanderzusetzen).

Mir ging der Tod von Frank Böttcher nicht nur nahe, weil er persönlich so nahe war. Das spielt eine Rolle, dieses psychologische Muster zu leugnen, wäre naiv.

Er beschäftigt mich aber bis heute, weil aus der Tat ein so offener, so blindwütiger Hass spricht. Ein Hass auf alles, was nicht passt. Ein Hass, von dem ich irrigerweise annahm, er sei überwunden. Ein Hass, der jederzeit wieder hervorbrechen kann – aus vielleicht jedem von uns. Ein Hass, der, geschickt gesteuert, zu einer massiven politischen Bewegung werden kann. Und der zuschlägt. Besonders dann, wenn er sich sicher fühlt. So wie die Neonazis 1997 in Olvenstedt.

Oder wie heute. Im Netz und auf der Straße.

Ich habe damals, in einem Akt jugendlicher Hilflosigkeit, einen Tucholsky-Text in meinem Büro angebracht. Und noch heute verknüpfe ich ihn in jeder Lesung mit Frank Böttcher. Wir dürfen nicht vergessen. Und wir dürfen nicht schon wieder Rosen streuen.

Rosen auf den Weg gestreut (Lesung)

P.S. Angst brachte mich in den Neunzigern nicht zum Schweigen. Sie bringt es auch heute nicht.

*Ich bin mir sicher, die zuständigen Beamten und auch alle anderen, die sich mit Polizeitaktik auskennen, werden mir erklären können, warum das so sein muss. Das glaube ich gerne. Ändert aber nichts an der Wirkung. Und die hält an. Ich stand genauso nur da. Was bleibt: Die Angst, nicht zu wissen, ob der Polizist vor mir nicht spontan entscheidet, ich sei eine Gefahr. Das Gefühl, dieser Entscheidung schutzlos ausgeliefert zu sein. Bei aller rationalen Abstraktion, bei allem Verständnis, dass es wahrscheinlich nicht anders sein kann, weil niemand dem anderen in den Kopf schauen kann: Es fühlt sich falsch an.

Weil es um alles geht

Agora von Athen mit Blick auf die Akropolis. von DerHexer (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) oder GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons

UPDATE Damit kein falscher Eindruck entsteht: Es blieb bei einer Episode. Partei und ich – das war offenkundig ein Missverständnis. Nach ziemlich genau einem Jahr bin ich wieder ausgetreten. Und suche nun nach einer zu mir passenden Form des Engagements.

In meinem letzten Schuljahr wurde ich in den Landesschülerrat gewählt, kurz darauf war ich Vorsitzender.

Ämter dieser Art bringen neben einem wohlklingenden Titel (dessen Klang jungen Menschen in der Adoleszenz durchaus zu Kopf steigen kann) und der Illusion von Einfluss (in der Regel hat man ein Anhörungsrecht und das Anhörungsrecht nach SchulG ist keine schärfere Waffe als das nach BetrVG und bedeutet hier wie dort im Wesentlichen: »Prima, wir können das ohne die Störenfriede umsetzen«) jede Menge Arbeit. Denn man will ja seine Sache gut machen und glaubt in jugendlichem Überschwang tatsächlich, die eigenen Elaborate würden wahrgenommen und gelesen. So schreibt man denn also umfangreiche Stellungnahmen zu Rahmenrichtlinien und Gesetzentwürfen, redet sich in Diskussionen heiß, spürend, dass man den Schlüssel zur Lösung aller Probleme im Schulwesen in der Hand hält. Organisiert Konferenzen und Tagungen, erarbeitet Grundsatzpositionen und veröffentlicht gewichtigte Manifeste. Dies alles im festen Glauben daran, allen Beteiligten ginge es bei allen Differenzen doch im Wesentlichen um die Sache.
Stellt dann aber fest:


Denn was man allerdings auch hat: Kontakt mit politischen Entscheidungsträger_innen in mannigfacher Form. Ich nahm an Podiumsdiskussionen teil, hatte Gespräche mit dem Kultusminister und war bei symbolischen Generationsvertragsunterzeichnungen dabei.

Das war für mich nachhaltig. Ich habe damals entschieden, dass diese Sache mit der Parteiendemokratie schon eine okaye Sache ist, man aber fürs Mitmischen schon irgendwie geschaffen sein muss. Das glaube ich auch heute noch. Die hierzulande gewählte Variante der repräsentativen Demokratie hat offenkundige Schwächen und es ist sehr wohl so, dass das System bestimmte Typen bevorzugt, die zudem im Laufe der Jahrzehnte ein sich selbst reproduzierendes System geschaffen haben, in dem andere Typen kaum noch zum Zuge kommen. Und dass Politik noch weniger als vorher als bürgerschaftliches Engagement und stattdessen eher als Karriereoption wahrgenommen wird, macht die Sache nicht besser. Ich wollte niemals in diesem Zirkus mitspielen (und ich hatte die Gelegenheit dazu).

Aber: In diesem Land ist schon einmal eine Republik vor die Hunde gegangen. Eine Republik, die massive, schwerwiegende Mängel hatte. Die ihren Feinden zum Fraß vorgeworfen wurde. Und die doch unstrittig besser war als das, was nach ihr kam.

Es gehört nicht viel politischer Scharfsinn dazu, zu erkennen: Es brennt. Es brennt an allen Orten – und dies nicht nur metaphorisch. Es geht erneut um alles. Gerade heute erst wieder liefen in Dresden Menschen herum, um gegen »entartete Kunst« zu portestieren.

2017. LTI ist zurück. Der Hass spricht wieder. Unverhohlen.

Und erneut macht man sich auf, die Republik mit den Mitteln der Republik abzuschaffen. Ich kann es mir nicht mehr leisten, nur danebenzustehen und von den Repräsentanten der Demokratie zu fordern, sie mögen doch bitte für diese einstehen und dieses und jenes endlich mal einsehen und machen. Es geht um alles. Danebenstehen gilt nicht. Ironische Distanz auch nicht.

Ich will mich ja gern beschimpfen und anklagen lassen, ich will ja gern alles auf mich nehmen – wenn ich nur nicht sehen müßte, wie grauenhaft allein wir stehen.

schrieb Tucholsky in »Prozeß Marloh« 1919. Ich möchte die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen und ich möchte die Zukunft nicht Faschisten überlassen. Das hier ist verdammt nochmal auch mein Land. Ein Land, in dem ich gern lebe und in dem meine Kinder beruhigt aufwachsen sollen.

Ich kann mir eine sehr viel schönere Welt als eine bürgerliche Demokratie vorstellen. Aber jetzt, hier und heute gilt es diese zu verteidigen, für sie einzutreten. Für Freiheit, Offenheit, Respekt. Für ein Mindestmaß an Anstand.

Das ist kein Spaß mehr. Kein „Och, wird schon werden“. Sich an immer unangenehmere Umstände zu gewöhnen, ist keine Qualität der menschlichen Spezies, sondern ihre größte Schwäche.

schreibt Sibylle Berg in ihrer Kolumne »Demokratie in Gefahr: Bewegt euch!«, die überhaupt mal wieder alles viel besser auf den Punkt bringt als ich das kann (aber dafür ist sie ja auch Frau Berg).

Und darum bin ich seit einigen Tagen Mitglied einer politischen Partei. Denn am Rande stehen gilt nicht mehr.

Your ἀγορά needs you.

Alter Ego 2017

​Bei uns gegenüber ist ein Restaurant.
Manchmal vergesse ich nach Benutzung einer entsprechenden App, die Ortungsdienste auszuschalten und dann teilt mir Facebook immer mit, dass ich mich in diesem Restaurant zu befinden scheine.
Ich mag irgendwie die Vorstellung, dass mein Big-Data-Ich ein Bonvivant ist, dem ein Brot zum Abendessen zu schnöde ist, weshalb er sich gerne stundenlang im Restaurant rumtreibt (leider ist es kein Café, dann wäre es ein Bohemien-Schriftsteller, der seine Verse auf dem Briefpapier des Hauses niederschreibt, während er den einen bezahlten Kaffee über den ganzen Tag streckt).

Geschickte Opposition

Es ist Wochenende, Samstag vormittag. Ein guter Zeitpunkt, um das eine oder andere zu erledigen. Einkaufen, Essen kochen, Korrespondenz und was sonst so rumliegt.
Ich weiß nicht, wie die geneigte Leserschaft das erlebt, aber bei mir stellt sich am Samstagvormittag stets das Gefühl ein, jetzt aber mal so richtig was erledigen zu können. Vielleicht nicht gleich die Weltrevolution, aber so knapp darunter. Es gibt da noch diesen Antrieb aus der Arbeitswoche gepaart mit dem Ausblick auf ein schier endloses Wochenende: Was man da alles schaffen kann!

Meist verflüchtigt sich das spätestens nach dem Mittagessen, wenn man feststellt, dass es sich doch sehr behaglich auf der Couch sitzt und überhaupt, es ist ja Wochenende und noch so viel Zeit und überhaupt…

Jedenfalls Samstagvormittag. Ich bitte also die Traumtochter™ in unserem liebgewordenen Ritual, ihr Zimmer in einen betretbaren Raum zurückzuverwandeln. Das wird, der Zeremonie gemäß, mit einem Schnauben und dem schwungvollen Schließen der Tür ihres zugewiesenen Arbeitsraumes beantwortet.

Kurz darauf tönen Geräusche aus ihrem Zimmer. Allerdings die ihres Musikinstruments.

Das finde ich sehr geschickt. Schließlich muss sie ja üben. Sagt ja auch sie Lehrerin, sagen ja auch wir Eltern 》ständig《.

Intervenieren ist da also schwierig. Sie macht also explizit nicht das, worum sie zum 3578. Mal gebeten wurde und verhindert gleichzeitig sehr effektiv, dafür unangenehme Konsequenzen on Kauf zu nehmen (wovon übrigens die unangenehmste ist, dass ihre Eltern das Aufräumen übernehmen). Well played (was nebenbei auch für ihr Übungsstück gilt und angesichts der anstehenden Weihnachtssaison werde ich vielleicht öfter als sonst um ein aufgeräumtes Zimmer bitten – als 1. Instrument hat man in einer Instrumentalgruppe ja eine gewisse Verantwortung). Deviantes Verhalten durch Ausweichen auf eine sanktionsfreie Alternative. Prokrastination wird wohl ihr Hauptfach.

Das unterscheidet sich doch von der offensiven Opposition des Suppenkaspars, der seine Verweigerung mit offenem Protest verbindet.

Weit davon entfernt, ähnlich selbstzerstörerisch (vom interpretierten Krankheitsbild mal ganz abgesehen) zu sein, gibt es aber doch noch eine Parallele: Für  mich am bemerkenswertesten an dieser Opposition ist nämlich der Hintergrund: Sie hat sehr nachdrücklich um die Neuanschaffung eines Möbels gebeten und bitter darübr geklagt, dass wir Wochen vergehen ließen ohne unsere Zusage einzulösen (man kennt das: Es fallen Worte wie 》euch《, 》egal《, 》interessiert《, 》nicht《, 》mich《). Inzwischen steht dieses Möbel jedoch seit mindestens eben so vielen Wochen bereit. Allein: Ihr Zimmer ist es eben nicht. Meine Aufforderung wurde denn auch jedes Mal mit dem Hinweis darauf verbunden. Mit dem an sich ja durchaus erfreulichen Ergebnis, dass ihre Instrumentbeherrschung weiter Fortschritte macht. Aber eben auch ohne die Erfüllung ihres eigenen Wunsches.

Da stehe ich also nun. Zunächst böse, weil ich ihren Wunsch nicht erfüllte, nun böse, weil ich ihn erfüllen will.

Da stellt sich doch die Frage: Haben Eltern eigentlich eine Chance?

Ich glaube nicht, ich denke, es geht ihnen zumindest in einer bestimmten Phase wie Brian: Wir haben keine Chance, da rauszukommen. Mit allem, was wir wollen, sind wir eine Zumutung. Egal, aus welchen Motiven heraus: Wir wollen etwas, wir greifen in die heilige Autonomie eines Teenagers ein. Das gilt es zu akzeptieren und zu hoffen, dass sie dereinst, wenn sie gelernt haben, dass die ganze Welt eine Zumutung ist, sich erinnern, dass Eltern vor allem etwas anderes sein können: Ein Hafen. Es ist wahnsinnig schwer, dieses Gefühl irgendwo mitvermitteln zu können in all den täglichen Auseinandersetzung. Und doch möchte ich, dass genau das irgendwo hängen bleibt.

Aber jetzt, kurz bevor ich mich an den Nudelauflauf mache, nehme ich nochmal alle vormittägliche Energie zusammmen und erkläre der Traumtochter™ ganz ruhig und freundlich, warum es doch in unser aller und vor allem in ihrem höchst eigenen Interesse liegt und es daher doch sehr wünschenswert wäre, würde sie ihre verdammte Drecksbude endlich aufräumen ihr Zimmer doch so weit bereinigen, dass ihr gewünschtes Möbel nicht länger den Flur blockiert.

Die Verteidiger des Abendlands

»Die Zeit schreit nach Satire« – nach diesem Tucholsky-Text benennt die Kurt Tucholsky-Gesellschaft ihre neue Anthologie, die im Jubiläumsjahr 2015 erscheinen soll.

Und es ist wirklich so, anders als satirisch ist das alles gar nicht mehr zu ertragen, was sich in Dresden und anderswo abspielt. Wer da so alles bei Spengler reloaded mitspielt – das treibt einem derart die Tränen der Verzweiflung in die Augen, dass sich doch ernsthaft die Frage stellt: Wenn dies Ausdruck des zu verteidigenden Abendlandes ist, wäre dann ein Untergang desselben nicht möglicherweise doch zu begrüßen?

Und doch, es ist auch mein Land, um das es hier geht. Da ist eben nicht egal, wenn hier wieder Leute unterwegs sind, um »der ganzen Welt und sich selbst zu beweisen, dass die Deutschen wieder die Deutschen sind«. Ich bin nur so müde. Meine politische Sozialisation erfolgte in den Neunziger Jahren, in den Jahren von Lichtenhagen, Solingen, Mölln, Hoyerswerda. Irgendwie hatte ich mich der Illusion hingegeben, diese Gesellschaft habe etwas gelernt und das Thema zumindest hätten wir hinter uns. Haben wir aber nicht. Und wenn selbst CSNY die Klampfen wieder in die Hand nehmen, weil sie merken, dass ihre Themen doch noch nicht durch sind – nun, dann werden wir jungen Hüpfer das doch wohl auch hinbekommen. Dann müssen wir wohl wieder raus.

Denn, wie der Hausheilige dieses Blogs 1929 schrieb:

Sie reißen den Mund auf und rufen: »Im Namen Deutschlands … !« Sie rufen: »Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.« Es ist nicht wahr.

Eben. Wir sind auch noch da. Wird Zeit, dies auch wieder zu zeigen:

Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land.

In diesem Sinne: Nehmen wir die Ratschläge der skeptischen Generationen ernst, hängen wir nicht nur die ganze Zeit vorm Rechner. Gehen wir doch mal wieder draußen spielen.

Flattr this

Jedes Jahr auf Neue, bei geradezu jedem mehr oder weniger akzeptierten Anlasstag aufs Neue bricht es heraus:
Der [bitte passenden, individuell abgelehnten Tag einsetzen] ist doch nur eine Erfindung der [passende Branche ergänzen]-Industrie! Entweder, der/die/das bedeutet einem das ganze Jahr über etwas oder so ein Tag ist auch unnütz.

So wie @eimerchen hier wieder anlässlich des VerliebtenFeiertages:

@eimerchen bei TwitterIch hoffe nur all jene, die das empört rufen und begeistert beklatschen, finden dann auch konsequenter Weise »Schlaflos in Seattle« mal total doof (die hätten sich ja auch an jedem anderen Tag in New York treffen können), ebenso wie Dickens Weihnachtsgeschichte (Scrooge ist ja nicht nur Weihnachten ein Arsch, also warum gerade dann?) oder sonstige anlassbezogene Kunstwerke.

Wobei ich dem öffentlich verordneten Gutfinden ja gar nicht das Wort reden möchte, es sei hier nur mit dem Hausheiligen einmal an einen bedenkenswerten Aspekt erinnert, auch wenn dieser ihn im Zusammenhang mit einem anderen Anlasstag äußerte:

Nach dem Kalender fühlen . . . Aber habt ihr einmal geliebt . . . ? Die Damen sehen in ihren Schoß, und die Herren lächeln so unmerklich, daß ich von meiner Kanzel her Mühe habe, es zu erkennen. Also ihr habt geliebt, und ihr – ich sehe keinen an – liebt noch. Nun, ihr Herren, und wenn sie Geburstag hat? Nun, ihr Herren, und wenn der Tag auf dem Kalender steht, an dem ihr sie zum erstenmal geküßt habt –? Nun?
Was im ganzen Jahr künstlich oder zufällig zurückgedämmt war – er bricht – wenns eine richtige Liebe ist – elementar an solchem Tage hervor aus tiefen Quellen. Der Tag, dieser dumme Tag, der doch gleich allen anderen sein sollte, ist geheiligt und festlich und feierlich und freundlich – und ihr denkt und fühlt: sie – und nur sie. Nach dem Kalender… ?
Nicht nach dem Kalender. Ihr tragt alle den Kalender in euch. Es ist ja nicht das Datum oder die bewußte Empfindung, heute müsse man nun . . .
Es ist, wenn ihr überhaupt wißt, was ein Festtag ist, was Weihnachten ist: euer Herz.
[…]
Grüßt, ihr Herren, die Damen, küßt ihnen leise die Hand (bitte in meinem Auftrag) und sagt ihnen, man könne sogar seine Gefühle nach dem Kalender regeln: zum Geburtstag, zum Gedenktag – und zu Weihnachten.

Aber man muß welche haben.

Eben: Man muss welche haben. Und ich wüsste nicht, warum die nicht auch mal am 14.02. hervorbrechen sollten.


Flattr this

aus: Gefühle nach dem Kalender. in: Werke und Briefe: 1919. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 1638-40 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 2, S. 230-231) (c) Rowohlt Verlag http://www.digitale-bibliothek.de/band15.htm