Alex Reeve: Der Mord in der Rose Street

London im ausgehenden 19. Jahrhundert: Das ist ein literarisch reizvoller Ort und dementsprechend reich bevölkert mit Literatur aller Genre ist er denn auch. Alex Reeve siedelt dort seine historische Kriminalreihe um Leo Stanhope an. »Der Mord in der Rose Street« ist Teil 2, allerdings der erste, der mir in die Hände fiel. Es gibt zwar verschiedene Verweise auf den ersten Fall, aber die Unkenntnis desselben hindert Verständnis und Lesefluss überhaupt nicht.

Leo Stanhope hat es nicht leicht: Da seine Familie – für das viktorianische England nun keineswegs untypisch – Schwierigkeiten damit hat, dass die geliebte Tochter sich als Mann identifiziert, muss er weit unter den materiellen Verhältnissen seines Standes leben und verdient sich seinen Lebensunterhalt sehr mühsam. Dass er unversehens ins Visier einer Mordermittlung gerät, ist dabei nicht hilfreich.

In seinem wendungsreichen Krimi, der unter Mittellosen und Revolutionären ebenso wie unter Reichen und Mächtigen spielt, gelingen Reeve ein paar interessante Charakterstudien – ohne das hier jetzt zu hoch hängen zu wollen. Aber seine Figuren sind plastisch und bei aller notwendiger Typisierung keineswegs eindimensional. Gerade das besondere Beziehungsgeflecht, in dem Stanhope sich bewegt, einem Netzwerk, das er zum Überleben braucht, bei dem zu große Nähe aber sofort auch Gefahr bedeutet, das ist gut herausgearbeitet. Überhaupt: Wie die besondere Gefahr, in der sich Stanhope (hier ganz klassisch Detektiv wider Willen) permanent befindet, immer spürbar bleibt, ohne vordergründig zu werden, das ist geschickt gemacht. Mir brachte es die kontraintuitive Erkenntnis, dass gerade die prüden Beschränkungen der viktorianischen Sexualmoral, die zu einer gezwungenen Zurückhaltung in der Öffentlichkeit führten, Freiheiten ermöglicht haben könnten.

Alles in allem eine angenehme Krimilektüre, kurzweilig und gerne gelesen.

Buchdetails:
Alex Reeve: Der Mord in der Rose Street (=Ein Fall für Leo Stanhope 2). Knaur München 2022. ISBN 978-3-426-52825-9, 416 Seiten, Paperback, 12,99 €, als ebook 9,99 €
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Chevy Stevens: Tief in den Wäldern

Cover-Abbildung zu Chevy Stevens, Tief in den Wäldern

Teenager Hailey hat schwere Schicksalsschläge hinter sich. Nach dem Unfalltod ihres Vaters ist sie Vollwaise und zieht bei ihrem Onkel ein. Dessen Familie scheint die wahr gewordene Vorstadtidylle zu sein: Häuschen, Hausfrau, Kind, Garten und der Vater ist Polizist – in welchem Umfeld sollte sie wohl besser aufgehoben sein und zur Ruhe kommen können als dort?

Doch schnell tun sich Abgründe auf, der scheinbar so makellose, umgängliche Polizist entpuppt sich als kontrollsüchtiger Manipulator, der offenbar die ganze Kleinstadt im Griff hat. Dass in der Umgebung regelmäßig junge Frauen spurlos verschwinden, macht es für die nach Selbstbestimmung und Freiheit suchende Hailey nicht einfacher, ihrem Vormund etwas entgegenzusetzen. Wohin sie auch geht – er scheint immer da zu sein. Nur mühsam gelingt es ihr, Bindungen zu anderen Menschen aufzubauen oder zu halten – und als sie schließlich selbst verschwindet, eskalieren die Ereignisse.

Idyllische Kleinstädte als Orte des Grauens – das ist ein gängiger Topos in der Spannungsliteratur. Dementsprechend schwierig ist es, da eigene Akzente zu setzen, wenn nicht wiederholt werden soll, was schon tausendmal geschrieben und gesagt wurde.

[Wobei dagegen nichts zu sagen wäre, seit Jahrtausenden lieben es die Menschen, dieselben Geschichten immer wieder erzählt zu bekommen, es ist überhaupt nicht verwerflich, diesem Konzept treu zu bleiben. Und unter uns: Wer behauptet, als einziges Leseinteresse »das völlige Neuartige« zu haben, dem begegne ich mit großer Skepsis. Als ob niemand einfach mal eine Geschichte hören oder lesen möchte, ohne dabei der Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, auch nur ein Iota näher zu kommen. Irgendwann muss das Gehirn ja auch mal ausruhen und entspannen – und wobei ginge das besser als bei einer Geschichte, bei der wir sofort wissen, wer Gut und Böse sind und wie es ausgehen wird…]

Chevy Stevens erzählt aus verschiedenen Perspektiven, wobei die Erzählfäden sich immer wieder abwechseln, was eine reizvolle Spannung erzeugt, das hat mir sehr gefallen. Geradezu körperlich spürbar wird bei ihr die Athmosphäre von Cold Creek, dieser kleine Ort im Nordwesten Kanadas, in dem die einzigen Fremden die rastenden Trucker sind, wo jede:r jede:n kennt und jede:r von jede:m abhängig ist – mit dem geradezu allmächtigen örtlichen Polizeichef, der immer freundlich, immer jovial, immer verbindlich auftritt und doch jederzeit die Szenerie beherrscht. Diese gedrückte Stimmung, in der niemand frei zu atmen scheint, alle permanent auf der Hut sind, aber schicksalsergeben meint, dass dies so sein müsse und nichts gefährlicher wäre, als daran zu rühren: Das fängt Chevy Stevens hervorragend ein.

Es ist logisch, dass es dann die junge Hailey ist, die aufbegehrt, die ausbricht – sie, die keine Bindung mehr hat, die alles verloren hat und die ihre Ohnmacht erlebt, aber nicht bereit ist, sie hinzunehmen. Es hat mir sehr gefallen, dass hier einem scheinbar übermächtigen Schurken keine übermächtige Heldin gegenüber gestellt wurde. Sondern eine Jugendliche, die verzweifelt ist, aus ihrer Verzweiflung Mut schöpft, die aber auch nicht loslassen kann und die trotz allem Grenzen hat, die sie nicht überschreiten kann.

Es braucht eine Figur von außen, um diese geradezu gordisch verknotete Gemeinschaft auseinanderzutreiben und zu erlösen. Geübte Leser:innen werden von der Auflösung nicht überrascht sein, aber der Krimiplot steht – zumindest in meiner Lesart – hier auch nicht im Mittelpunkt. Sondern die vielfältig verwobenen Machtstrukturen, die Gewalt gegen Frauen ermöglichen und die Täter schützen.

Buchdetails:
Chevy Stevens: Tief in den Wäldern. Aus dem Englischen übersetzt von Maria Poets. Fischer Scherz Frankfurt am Main 2022. 461 Seiten, Paperback, 16 €, als ebook 4,99 €
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Anthony Horowitz: Der Tote aus Zimmer 12

Susan Ryeland ist eine ehemalige Lektorin. In ihrem Berufsleben betreute sie einen eigenwilligen, aber erfolgreichen Krimiautor. Dieser ist aber inzwischen tot und ihr Lebensmittelpunkt hat sich nach Kreta verlagert, wo sie mit ihrem Lebensgefährten ein mehr oder weniger gut gehendes kleines Hotel betreibt.

So weit, so Klischee. Auffällige Parallelen zwischen einem Roman ihres einstigen Star-Autors und dem tatsächlichen Verschwinden einer jungen Frau in England führen sie dorthin zurück und nun soll sie den Fall aufklären – denn immerhin entstand der Roman kurz nach dem Aufenthalt des Krimi-Autors am Ort des Geschehens und die handelnden Figuren sind nur mühsam kaschierte Abbilder des Personalensembles vor Ort.

Horowitz ist ein geübter Kriminalautor, er weiß, wie man Fälle konstruiert und er steht unstrittig in der Tradition des klassischen englischen Kriminalromans. Das wird auch in diesem Roman offenkundig, er legt falsche und echte Fährten aus, reichert das Geschehen häppchenweise mit Details an und hält auf diese Weise alles in der Schwebe. Und natürlich wird Susan Ryeland die großzügige Unterstützung zunehmend versagt, je mehr unangenehme Fragen sie stellt und lieber unter dem Teppich gehaltene Geheimnisse ans Tageslicht holt. Dass der von der Familie favorisierte Täter dabei immer weiter entlastet wird, stützt ihre Position auch nicht gerade…

Horowitz baut noch eine Ebene ein, indem er den Roman »Atticus unterwegs« selbst, den seine Protagonistin damals lektorierte, in Gänze präsentiert. Das gibt den zusätzlichen Reiz, dass nun die Anspielungen, deren Kenntnis ja das Spezialwissen von Susan Ryeland sind, auch von den Horowitz-Leser:innen nachvollzogen werden können.

Mich allerdings hat das nicht überzeugt, ich empfand das eher als ermüdend. In Krimis, die nicht auf einen rasanten Plot ausgelegt sind, kann der besondere Reiz natürlich im Miträtseln liegen. Hier aber flutet Horowitz das Geschehen geradezu mit möglichen Anhaltspunkten, so dass ich nach einer Weile aufgegeben habe, hier noch etwas zusammenpuzzeln zu wollen. Das war auch nicht unbedingt nötig, denn tatsächlich ist die Auflösung keine echte Überraschung und nach der Lektüre von knapp 600 Seiten eher enttäuschend. So sehr ich den Reiz der Idee des Krimis im Krimi nachvollziehen kann – gelungen ist es hier nicht.

Buchdetails:
Anthony Horowitz: Der Tote aus Zimmer 12 (OT: Moonflower Murders). Aus dem Englischen von Lutz-Werner Wolff. Insel Verlag Berlin 2022. 596 Seiten, ISBN 978-3-458-64287-9, 24 €, als ebook 20,99 €
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Charlotte McConaghy: Wo die Wölfe sind

Inti Flynns Biographie ist stark geprägt durch Verlust- und Gewalterfahrungen. Wirkliche Sicherheit und Geborgenheit fand sie nur in der Natur – und bei ihrer Schwester. Es ist so gesehen auch kein Wunder, dass sie Wildbiologin wird.

Nach Schottland kommen Inti und ihre Schwester schwer versehrt – weniger körperlich, als vielmehr seelisch. Ihre Schwester spricht nicht mehr und verlässt auch das Haus nicht. Es lässt sich schnell erahnen, dass ein schwer traumatisierendes Erlebnis dahinter stecken muss. Eines, das Inti den letzten Rest Glauben an die Menschheit gekostet hat – keine gute Voraussetzung, um schottische Schäfer von den Vorteilen einer Wolfsansiedlung zu überzeugen. Dementsprechend schlecht kommt das Projekt denn auch an. Und erwartungsgemäß dauert es nicht lange, bis Angriffe auf Schafe und Menschen dem Konto der Wölfe zugeschlagen werden.

Charlotte McConaghy hat ein ausgesprochenes Talent dafür, Natur so zu beschreiben, dass es fesselt. Die Szenen, in denen Inti Tiere beobachtet oder mit ihnen interagiert gehören zu den stärksten Passagen des Romans. Nicht weniger beeindruckend sind ihre Schilderungen der vielfältigen Auseinandersetzungen, sie kann Szenen so schildern, dass ich geradezu körperlich gespürt habe, wie Macht und Gewalt einen Schauplatz eingenommen haben. Wenn sie beschreibt, wie Männer sich vor Inti aufbauen oder wie die Kneipenstimmung kippt – das ist sehr eindrücklich. Und das ist dementsprechend stellenweise auch nur schwer auszuhalten und könnte zum Beispiel Opfer häuslicher Gewalt gerade wegen der literarischen Stärke dieser Schilderungen stark triggern.

Allerdings fällt sie immer dann ab, wenn sie innere Monologe schreibt, ihre Protagonistin Geschehenes oder gesellschaftliche Realitäten analysieren lässt. Ich finde sie da nicht sehr überzeugend, das ist überraschend schlicht und eindimensional und will mir nicht so recht zu dieser empathischen, intelligenten und klarsichtigen Protagonistin passen. Es ist sicher dem stark fokussierten Ansatz dieses Romans geschuldet – aber ich hätte mir auch die anderen Figuren etwas weniger holzschnittartig gewünscht.

Aber das soll niemandem vom Lesen dieses sehr einfühlsamen Werkes abhalten.

Buchdetails:
Charlotte McConaghy: Wo die Wölfe sind (OT: Once There Were Wolves). Aus dem Englischen von Tanja Handels. S. Fischer Frankfurt am Main 2022. 429 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-10-397100-2, 22 €, als ebook 18,99 €
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Klaus-Peter Wolf: Ostfriesisches Finale

Dauerbestsellerautor Klaus-Peter Wolf und sein Figurenensemble muss an dieser Stelle wohl niemandem mehr vorgestellt werden – und falls doch: Fangen Sie am besten vorne an, denn dieses hier ist Band 3 eines Spin-Offs, ist als Einstieg also naturgemäß ungeeignet. 😉

Ich muss gestehen, ich bin etwas ratlos angesichts des großen Erfolges Wolfs Krimiserien. Ich finde in diesem Roman nichts, was ihn an irgendeinem Punkt aus der Masse des Genres heraushebt. Die Figuren sind holzschnittartig bis plump gezeichnet, der Plot ist hanebüchen, fast bis zur Groteske überzogen. Gleichzeitig kann ich mir schwer vorstellen, dass es sich um Satire handeln könnte, dafür fehlt mir der Ansatzpunkt.

Es gibt immer wieder einige Szenen, denen ich eine gewisse Komik nicht absprechen möchte, aber dieses permanente Suhlen in der Durchschnittlichkeit, um nicht zu sagen: Dämlichkeit des Personals bei gleichzeitiger plumper Freude an der Brutalität verdirbt mir die Lesefreude gänzlich.

Alles in allem: Hier wird so ziemlich jedes böse Klischee über Regionalkrimis erfüllt.

Buchdetails:
Klaus-Peter Wolf: Ostfriesisches Finale (=Rupert Undercover 3). Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 2022. 459 Seiten, kartoniert. 13 €, als ebook 9,99 €
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Mareike Fallwickl: Die Wut, die bleibt

Umschlagabbildung zu Die Wut, die bleibt von Mareike Fallwickl

Helene, Mutter dreier Kinder, steht eines Tages vom Abendbrottisch auf, geht zum Balkon und stürzt sich in die Tiefe. Ihre Freundin Sarah will den Hinterbliebenen helfen und findet sich unversehens in Helenes Rolle wieder – obwohl sie das nie wollte.

Sarah möchte in dieser Krisensituation helfen – aus der lebenslangen Freundschaft zu Helene heraus, aus Zuneigung zu diesen Kindern, deren ältestes, Lola, sogar einst Teil ihrer Wohngemeinschaft war. Und schließlich, weil man Menschen eben in einer solchen Situation nicht hängen lässt.

Dass damit eine Falle zuschnappt, dass sie ganz selbstverständlich in einer Rolle gelandet ist, die sie weder wollte noch ihr zusteht und die ihr nur aus einem einzigen Grund zugewiesen wird, weil sie eine Frau ist, wird ihr bald klar. Weniger klar allerdings ist ihr der Weg, dort wieder herauszukommen. Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate und es droht die Jahresfrist. Begleitet wird in ihrem Geist von einer Manifestation Helenes, die sie spöttisch beobachtet, ihr Fragen stellt, die befreit wirkt.

Helenes hellsichtige Tochter Lola ist nicht bereit, sich den Erwartungen an ihre Rolle zu beugen. Sie liest feministische Literatur, weiß um die Wirkmechanismen des Patriarchats und mit der Intensität jugendlicher Überzeugungen konfrontiert sie Sarah und alle anderen Menschen in ihrer Umgebung mit ihrer Sicht auf die Welt. Klar, überzeugt und analytisch scharf. Doch erst eine Schlüsselsituation, in der sie sich hilflos männlicher Gewalt ausgesetzt sieht, bringt sie zur Tat. Sie ist nicht länger bereit, das Unrecht tatenlos hinzunehmen und die Gewalt männlichen Tätern zu überlassen, die mit ihren Taten unbehelligt ihre Leben weiterleben.

Ein Schlüsselement dafür wird das Teilen von Erfahrungen, von Erlebnissen wie sie nur Frauen (oder als Frauen gelesene Personen) haben – und die sie alle gemacht haben. Daraus speist sich Lolas Wut und es wird eine unglaubliche Energie frei dabei. Das Ende des Schweigens der Frauen wird auch Lola und Sarah helfen, einander zu verstehen und es ist der Motor ihrer Emanzipationsgeschichte. Je weiter diese voranschreitet, desto seltener tritt Helene in Erscheinung.

Mareike Fallwickls Roman hat bei mir massiven Eindruck hinterlassen. Was für eine Kraft, was für eine Wucht steckt in diesem Befreiungsschrei von einem Roman!

Es ist mit Sicherheit eine der aufwühlendsten, beeindruckendsten Lektüreerfahrungen mindestens der letzten Jahre, wenn nicht überhaupt meiner ganzen Lesebiographie. Da sind so viele Aspekte, die mir auch erst jetzt im Nachgang erst klar werden. Ich werde noch lange damit zu tun haben.

Buchdetails:
Mareike Fallwickl: Die Wut, die bleibt. Rowohlt Hundert Augen Hamburg 2022, 377 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-498-00296-1, 22 €, als ebook 15,99 €
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Hillary Rodham Clinton/Louise Penny: State of Terror

Umschlagabbildung zu State of Terror von Hillary Rodham Clinton und Louise Penny

Die überraschend von ihrem ärgsten Rivalen, dem frisch vereidigten neuen Präsidenten, ins Amt berufene neue Außenministerin der USA scheitert auf ihrer ersten Auslandsmission grandios. Statt eines Abkommens bringt sie nur dreckige Schuhe mit nach Washington.

Doch statt einer medialen Hinrichtung wird ihr überraschend Sympathie entgegen gebracht, was im Präsidentenbüro zerknirscht zur Kenntnis genommen wird. Doch sehr schnell spielen derlei Ränke keine große Rolle mehr: Eine Serie von Anschlägen in Europa stürzt die westliche Welt in eine nie dagewesene Krise und plötzlich ist die USA als Führungsmacht gefragt – eine Rolle, aus der sie sich in der vorigen Amtsperiode verabschiedet hatte. Und mittendrin: Die neue Außenministerin.

Der Thriller beginnt mit einem hohen Erzähltempo, wir werden schnell mitten ins Zentrum der Macht geworfen, in dem schon mal wichtige Informationen verloren gehen, weil ein Abteilungsleiter die Bedeutung nicht erkennt und persönliche Befindlichkeiten wichtiger sind als die Lage der Nation (oder gar der Welt). Gerade dieser Blick ins Innere der Maschinerie, die eben nicht so reibungslos und sauber dirigiert funktioniert wie es von außen wirken soll, macht einen ganz besonderen Reiz dieses Buches aus.

Leider nutzt sich dieser Effekt aber im Laufe der Zeit ab und es bleibt am Ende doch ein eher konventioneller Thriller mit einer Superheldenaußenministerin, die die Welt rettet, während alle außerhalb ihres Stabes eher blass bleiben (wenn sie nicht sowieso die Bösen sind).

Es fällt schwer, in zahlreichen Figuren nicht reale Amtsträger aktueller oder vergangener Regierungen zu sehen – wahrscheinlich ist das mit einer Autorin Hillary Rodham Clinton auch gar nicht möglich. Aber ich rate trotzdem dazu, sich von der Versuchung zu befreien, diesen Verschwörungsthriller als Schlüsselroman zu lesen.

Denn was die beiden Autorinnen hier sehr eindrücklich zeigen, ist die Vulnerabilität unserer Weltordnung. Wie wenig es eigentlich braucht, damit alles zum Teufel geht. Wenn an ein paar Schaltstellen die falschen Leute sitzen, sind wir nicht zu retten…

Buchdetails:
Hillary Rodham Clinton und Louise Penny: State of Terror [OT State of Terror], übersetzt von Sybille Uplegger, HarperCollins Hamburg 2021, 560 Seiten, gebunden, 24 €, als ebook 16,99 €
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Richard Osman: Der Mann, der zweimal starb

Umschlagabbildung zu Richard Osman, Der Mann der zweimal starb

Mit dem Donnerstagsmordclub in der Edel-Seniorenresidenz Coopers Chase legt man sich lieber nicht an. Und wenn doch, dann sollte man zumindest einen Fehler nicht machen: Die Damen und Herren zu unterschätzen.

Im zweiten Fall von Richard Osmans rüstiger Rentner-Gang legen sich die tapferen Vier mit Drogenhändlern, dem Geheimdienst und der Mafia an. Angeführt von Mastermind Elizabeth, die dieses Mal ihr ganzes Können und so manche Beziehung ausspielen muss, legen sie aber auch dieses Mal die Bösen auf’s Kreuz und sie werden auch dieses Mal nicht immer im Rahmen des üblichen Verständnisses von Legalität arbeiten.

Wie schon im ersten Fall des Donnerstagsmordclubs so trägt auch diesen Krimi die herrliche Unverfrorenheit der Protagonistʔinnen, die ihre Mit- und Gegenspielerʔinnen regelmäßig verblüffen oder gleich zur Weißglut treiben. Es war klug von Osman, das Spielfeld zu erweitern und der Versuchung zu widerstehen, einfach die Geschichten und Orte des ersten Falles fortzuführen.

Ich weiß nicht, wie lange das Konzept noch tragen wird, aber bis hierhin trägt es ganz vorzüglich, es war wieder mal ein großer Spaß.

Buchdetails:
Richard Osman: Der Mann, der zweimal starb [OT The Man Who Died Twice], übersetzt von Sabine Roth, List Verlag München 2022, 446 Seiten, Paperback, ISBN 978-3-471-36013-2, 16,99 €, als ebook 12,99 €
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Rebecca Russ: Die erste Frau

Umschlagabbildung zu Rebecca Russ, Die erste Frau

Hannah bricht alle ihre Zelte ab und zieht bei Thomas in seinem großen Haus am Bodensee ein. Sie freut sich auf eine strahlende Zukunft mit Kind und voller Liebe.

Doch schon bald trübt sich alles ein. Sie hat das Gefühl, nicht allein zu sein, sie erhält beunruhigende Nachrichten, Dinge verschwinden oder tauchen auf ohne ihr Zutun. Und die Geschichten über Thomas‘ vorherige Frau sind widersprüchlich, er selbst bei diesem Thema zurückweisend.

Es dauert nicht lange und Thomas‘ beginnt an ihr und ihrem Geisteszustand zu zweifeln – Hannah selbst ist sich auch nicht sicher, was sie glauben und wem sie trauen soll.

Rebecca Russ‘ Psychothriller ist spannend geschrieben und handwerklich ordentlich gearbeitet. Mich überzeugt aber ihre Protagonistin nicht. Ihre Handlungen wirken auf mich eher dem Plot als der inneren Logik der Figur geschuldet und dieser folgt für meinen Geschmack den Genrekonventionen etwas zu sehr.

Als spannende Lektüre zwischendurch, etwa im Urlaub oder am Wochenende ist das freilich absolut passend und empfehlenswert.

Buchdetails:
Rebecca Russ: Die erste Frau. Aufbau Taschenbuch Berlin 2021, 319 Seiten, kartoniert. ISBN 978-3-7466-3781-5, 10 €, als ebook 7,99 €
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Franz Orghandl: Der Katze ist es ganz egal

Umschlagabbildung zu Franz Orghandl, Der Katze ist es ganz egal

Leo ist eigentlich Jennifer. Das war schon immer so, aber erst jetzt ist sie dieser Verwechslung auf die Spur gekommen. Die Katze nimmt das ungerührt zur Kenntnis. Bei den Menschen sieht das etwas anders aus.

Während ihre Freund:innen und Klassenkamerad:innen das sehr schnell verstehen, scheinen die Erwachsenen eine etwas längere Leitung zu haben.

Franz Orghandls Kinderbuch ist eine herrlich leichte, humorvolle Geschichte, die es schafft, völlig ohne große Dramen und Problematisierungen auszukommen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sie Kinder abholt, weil sie konsequent aus Jennifers Perspektive schreibt – und aus Jennifers Perspektive ist ja jetzt endlich alles normal und so wie es sein soll.

Was mich besonders mitgenommen hat, sind ihre glaubwürdigen Charaktere. Gerade die Erwachsenen, für die das alles nicht so einfach ist, sind keineswegs böse oder dumm – sondern kämpfen mit ihren widerstrebenden Gefühlen, deren Grundlage ja aber doch die Zuneigung zu Jennifer ist. Es ist ihre Sorge vor Zurückweisung, ihre Angst, dem geliebten Menschen könnten negative Erfahrungen drohen, die sie zögern lässt, die für sie neue Realität zu akzeptieren.

Diese tiefgehende Warmherzigkeit als Grundton macht dieses Kinderbuch zu etwas ganz Besonderem – denn so kommt es ganz ohne Belehrungen, Moralisierungen und Bedeutungsschwere aus. Es ist einfach alles ganz normal.

Buchdetails:
Franz Orghandl: Der Katze ist es ganz egal. Mit Bildern von Theresa Strozyk. Klett Kinderbuch Leipzig 2020. 104 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-95470-231-2, 13 €
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