Das Buch zum Sonntag (68)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Thomas Lang: Bodenlos

Mein Beruf bringt es mit sich, daß ich weit seltener von anderen auf Bücher hingewiesen werde als umgekehrt. Zudem stellt sich im Laufe der Jahre durchaus eine geiwsse Sättigung ein. So habe ich beispielsweise schon sehr lange kein Fantasy-Buch mehr zur Hand genommen, weil mir der Reiz, ein- und dieselbe Geschichte nun noch einmal mit anderen Namen und Orten zu lesen, abhanden gekommen ist (ja, ich weiß, es gibt Ausnahmen – es soll ja sogar Fantasy-Autoren geben, die keine Zyklen schreiben).*
Mit einiger Skepsis also nahm ich mich des Buches von Thomas Lang an. Denn im Rückentext tauchte die böse Phrase auf, er erzähle von einer Jugend in den achtziger Jahren. Das Buchhändlergehirn assoziiert da sofort sehr Ungutes.
Was ich dann aber las, belehrte mich eines Besseren und vor allem, auch den Rest des Rückentextes zur Kenntnis zu nehmen. Denn ja, hier geht es um eine Jugend in den achtziger Jahren in einem Kaff bei Köln, dessen größte Attraktion der nahegelegene Militärstützpunkt ist. Und gleichzeitig auch wieder nicht. Thomas Lang erzählt hier sehr dicht, sehr empathisch, sehr fein komponiert eine Jugend, wie sie so wohl nur zu dieser Zeit an diesem Ort sein konnte – und sie gleichzeitig doch überall sonst und irgendwann in den letzten drei Jahrzehnten hätte sein können.
Lang erzählt hier keine Geschichte, der Plot des Romanes ließe sich problemlos in wenigen Sätzen zusammenfassen. Aber er erzählt von der Lebens- und Gedankenwelt eines 18jährigen auf der Suche nach sich, seinem Platz in der Welt und einem Lebensmodell, daß zu seinem unbestimmten Rebellionswillen paßt. Es mag bei der geneigten Leserschaft nun die Frage aufkeimen, was an einem Buch, in dem kaum etwas passiert und das von den immer wieder ähnlichen Problem Spätpubertierender erzählt, lesenswert sein soll.
Zunächst einmal begeht Lang nicht den Fehler, den Generationenbücher begehen (und damit wären wir schon beim entscheidenden Grund, warum dieses nur scheinbar eines ist): Er vermeidet jegliches vereinnahmendes „Wir“, es gibt kein Zustimmung heischendes Namedropping und keine augenzwinkernden Referenzen an die seinerzeitige Popkultur. Außerdem arbeitet er mit einer erstaunlichen Stilsicherheit, die sich auch in einer sehr feinsinnig eingesetzten Vielfalt von Erzähltechniken ausdrückt. Mir ging es jedenfalls so, daß ich nie wußte, was als nächstes kommen würde. Da gibt es Perspektivwechsel, Umkehrungen der Chronologie oder Zeitsprünge. Aber: Alles sehr unaufdringlich. Hier will uns niemand zeigen, was er alles gelesen hat oder was er alles kann, sondern es steht einzig und allein die Erzählung im Vordergrund. Das ist denn auch die große Stärke des Buches: Lang erzählt einfach. Er wertet nicht, er missioniert nicht, er erklärt nicht, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber er hat sehr genau beobachtet.

Im Arbeitszimmer seines Vaters gab es eine Reihe der Hundert größten Erzähler oder etwas in der Art. Die Bände wirkten unbenutzt. Nie nahm Jan einen von ihnen in die Hand, er konnte sich nicht einmal erinnern, je auf ihren Rücken die Namen der darin vertretenen Schriftsteller gelesen zu haben. Die Bücher kamen ihm nicht anders vor als die zahlreichen Kakteen, Gummibäume und sonstigen Topfpflanzen, die das Haus zuwucherten und die er nicht benennen konnte.
Die Namen der richtigen und wichtigen Autoren erlauschte Jan in Gesprächen auf dem Pausenhof. Er lief in die kleine Füchtener Buchhandlung und durchsuchte die Drehständer mit Taschenbüchern oder blätterte lange und sinnlos in den ausliegenden Wälzern der Großhändler. Immer fand er etwas. Da seine Augen nur nach Namen suchten, denen er schon einmal begegnet war, erschien ihm das Reich der Literatur nicht so unfassbar groß. Er hielt es für durchaus denkbar, irgendwann alles gelesen zu haben.

(S. 38f.)**

Ein paar wenige Sätze, einige Bilder und doch hat man sofort einen jungen Mann und sein Verhältnis zu den Eltern vor Augen. Vielleicht noch ein Beispiel:

Der Borgen kam Jan fremd vor. Es hatte sich nicht viel geändert hier, aber die Leute waren andere, neue Schüler, die auf die leer gewordenen Stühle vorgerückt waren wie sie die in die nächste Stufe aufrücken und einen neuen Abijahrgang bilden würden. Wie Jan und sein Jahrgang würden sie in quälender Langsamkeit ans Ende des Fließbands geschoben und von dort in ein Wännchen fallen – fertig zum Abstransport, all ihr neuen Glieder der Gesellschaft.

(S. 409f.)

Es gibt noch eine Stelle, die mich grübeln ließ. Neben all den gewöhnlichen und nicht ganz so gewöhnlichen Problemen und Krisen, die Jan Bodenlos in diesem Roman durchlebt und die keineswegs spezifisch für eine bestimmte Generation sind, gibt es doch eine ganz grundsätzliche Haltung, für die mir eine gewisse gesellschaftliche Situation unumgänglich ist und die somit vielleicht typisch ist, wenn auch in meinen Augen nicht unbedingt nur für Achtziger, so doch für die Jugend in einer Gesellschaft, die unbedingten Fortschritt, das Motiv des „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben.“ nicht mehr braucht. Denn wieviel besser sollen es die Kinder denn noch haben? Drei Autos? Zwei Häuser? Noch eine Spülmaschine? Und das macht dann jugendliches Leiden an der Welt etwas eigenartig.

Nirgends etwas Schnes, dachte er, nirgends Aussicht etwas zu verstehen, keine Hoffnung nicht immer allem ausgeliefert zu sein. Die Idee, dass sein Rätseln ein Ausdruck von Überfluss sein könnte, die eingebildete Qual eines Menschen, der mehrere Optionen hat, kam ihm nicht. Bis zu einem gewissen Grad hing er an seinem Unglück.

(S. 446)

Zum Abschluß sei noch eine Szene zitiert, die sehr viel mit mir und meiner Lesebiographie zu tun hat. Ich habe in ungefähr dem selben Alter wie Jan Bodenlos die beiden französischen Existentialisten Camus und Sartre gelesen und übrigens aus ganz ähnlichen Motiven („Die richtigen und wichtigen Autoren…“). Wobei, es kam bei mir noch hinzu, daß ich eine Biographie über Camus sah, in der ein unheimlich cooler Typ in schwarzem Mantel, mit Sonnenbrille und lässiger Fluppe im Mund abgebildet war. Sowas kann einen Philosophen sehr interessant machen. 😉
Was das für verheerende Auswirkungen haben kann, zeigt sich in einer wunderbaren Szene. Wir befinden uns in einem Zeltlager der Abiturienten, eine junge Dame mit unverhohlenem Interesse an Jan unterhält sich mit ihm über die Notwendigkeit politischen Protestes gegen Atomkraftwerke und Raketenstützpunkte. Und was macht er? Er wendet seine erworbenen Erkenntnisse an:

„Philosophisch gesehen macht es keinen Unterschied, ob wir draufgehen oder nicht.“
„Du meinst, es ist dir egal?“
„Rational betrachtet macht es keinen Unterschied. Wenn die menschliche Existenz durch nichts gerechtfertigt ist, dann ist sie auch gleichgültig. Demnach macht es keinen Unterschied, ob die Welt besteht, oder ob sie durch Umweltzerstrung, Krieg oder fehlende Nachkommenschaft erlischt.“
Tina sah ihn schweigend an; ihr Blick wurde von Satz zu Satz glanzloser, ohne dass Jan es bemerkt hätte.
„Du machst mich unheimlich traurig“, erwiderte sie schließlich.
„Warum leben wir denn? Vielleicht nur, um ewig eine Antwort auf genau diese Frage zu suchen.“ Jan ahnte allmählich, welchen Fehler er beging.

(S. 427)

Sehr romantisch, nicht wahr? Sollten junge Menschen mitlesen: Die Belanglosigkeit der menschlichen Existenz ist kein geeignetes Flirtthema. Dann lieber bedeutungsvoll schweigen. 😉

Käuflich zu erwerben ist das Buch in dieser

lieferbaren Ausgabe.

So, aber ehe hier endgültig Schluß für heute ist, noch ein Schmankerl für die Freunde der unaufdringlichen Intertextualität:

Jan lag vor seinem Zelt auf der neu gekauften Isomatte und las ein bisschen Sartre. Nur ab und zu verscheuchte er die Fliegen.

(S. 419)


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*ich wäre kein guter Literatur-Kritiker. Nach wenigen Jahren hätte ich ein derartiges Stadium von Ungnädigkeit erreicht, daß es kaum noch möglich wäre, meinen Ansprüchen gerecht zu werden.
**aus: Lang, Thomas: Bodenlos. oder Ein gelbes Mädchen läuft rückwärts. C.H. Beck München 2010

Das Buch zum Sonntag (67)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Das Nibelungenlied

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von helden lobebæren, von grôzer arebeit,
von fröuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten muget ir nu wunder hœren sagen.

Ich weiß, es ist nicht besonders originell, einen Text über das Nibelungenlied mit diesen Worten zu eröffnen.* Doch ich finde diese vier Zeilen einfach wunderbar. Genau genommen bräuchte man nun kein weiteres Wort über dieses Epos verlieren. Es ist alles gesagt. Hier wird exakt das geliefert, was diese Ankündigung verspricht. Über einen Mangel an berühmten Helden, großer Mühsal, an Freuden, Festen, Tränen, Klagen und gar tapferer Männer Kämpfe kann sich ein Leser des Nibelungenliedes nun wahrlich nicht beklagen.
Ich bin mir sehr sicher, keiner der Verfechter der angeblichen christlichen Leitkultur würde das Nibelungenlied nicht als Bestandteil eben dieser sehen. Auch wenn freilich dieses große Epos von „Liebt eure Feinde“ (Mt. 5,44) und „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ (Mt. 6,12) so weit entfernt ist wie nur irgend möglich. Überhaupt gehört das Nibelungenlied zu den bedauernswerten Werken der Literaturgeschichte, bei denen inzwischen die Rezeptionsgeschichte das Werk selbst überlagert. Oder anders: Ein unbelastetes, vorurteilfsfreies Lesen ist nahezu unmöglich geworden. Das aber ist schade und ich kann nur empfehlen, es zumindest zu versuchen. Wie sehr viele Heldenlieder dieser Zeit ist auch das Nibelungenlied Ausdruck eines hybriden Weltbildes. Es gibt dafür weitaus stärkere Beispiele („Parzival“ oder, ganz großes Kino: „Beowulf“, aber dazu ein anderes Mal), doch auch im Nibelungenlied läßt sich noch sehr schön sehen, wie hier versucht wird, eine Jahrhunderte alte Traditionslinie in ein neues Weltverständnis zu implementieren. Und so können Drachen und Tarnkappen sehr einträchtig neben Kriemhilds Gewissensbissen stehen, ob sie denn nun wohl einen Heiden heiraten könne.

Si sprach ze Rüedegêre: „het ich daz vernomen,
daz er niht wære ein heiden, sô wold´ ich gerne komen,
swar er hete willen, und næm´ in z´einem man.“
dô sprach der marcgrâve: „die rede sult ir, vrouwe, lân.

Er hât sô vil der recken in kristenlîcher ê,
daz iu bî dem künige nimmer wirdet wê.
waz ob ir daz verdienet, daz er tóufet sînen lîp?
des muget ir gerne werden des künic Étzélen wîp.“

(B1261-62)**

In der Übersetzung von Siegfried Grosse liest sich dann so (für diejenigen in der geneigten Leserschaft, deren Mittelhochdeutsch gerade etwas schwächelt. 😉 ):

Sie sagte zu Rüdiger: Wüßte ich nur, daß er kein Heide
wäre, so würde ich gern überall, wohin er wünschte, kommen
und ihn zum Gemahl nehmen.“ Der Markgraf antwortete:
„Das sollt Ihr nicht sagen, Herrin.

Es dienen ihm so viele Männer christlichen Glaubens,
daß Euch in der Nähe des Königs niemals Heimweh überkom-
men wird. Vielleicht auch erreicht Ihr, daß er sich taufen läßt?
Deshalb könnt Ihr gern die Frau des Königs Etzel werden.“

(S. 381)***

Es ist diese bemerkenswerte Mischung aus einzig emotional begründeten Zielen und den umständlich-perfiden, aber stets eiskalt durchdachten Methoden, mit denen sich die Protagonisten gegenseitig auslöschen, die mich am Nibelungenlied reizt. Und der, zumindest für den modernen Leser, geradezu naive Sprachstil, in dem hier von Ungeheuerlichkeiten berichtet wird. Auch wenn es dabei freilich zu bedenken gilt, daß die Lieder ja zum mündlichen Vortrag gedacht waren, komplexe Satzgebilde mithin genretypisch ausbleiben – der Reiz dieser Diskrepanz sich also wirklich erst dem modernen Leser öffnet: Er ist eben da. Und natürlich rezipiere ich diese großartige Untergangssaga ganz anders als dies jemand vor 800 Jahren getan hätte.
Welcher Autor auch immer hinter dem Nibelungenlied steht, er hätte heute gutes Geld als Serien-Drehbuch-Autor verdienen können. Getrieben von einem Treue- und Ehrverständnis, das stets nur gilt, wenn es zum eigenen Vorteil gereicht, gefangen in einem Weltbild, das auf Verrat nur blutige Rache als Antwort bereitzuhalten vermag, bleibt keiner der Protagonisten ohne Schuld. Und doch werden die Charaktere ausreichend differenziert, so daß es genug Identifikationspotential für jeden gibt. So stürzen die Burgunden denn in ihren Untergang, sich selbst listig wähnend und dabei übersehend, daß auch die anderen listig sein könnten (und doch halte ich es für keinen Zufall, daß es ausgerechnet Hagen, mit Verrat bestens vertraut, ist, der Kriemhilds finale Einladung skeptisch betrachtet). Empathie jedenfalls ist ganz offenbar keine Tugend mittelalterlicher Recken. Zugegeben, wenn es gilt, einen Drachen zu erlegen, ist Empathie auch nicht besonders hilfreich, aber andererseits hätte sie vielleicht geholfen, zu verstehen, was Kriemhild in die Arme eines metzelnden Barbarenkönigs treibt. Obwohl ich hier fair bleiben möchte: Gunters größte List bestand darin, Siegfried eine Tarnkappe aufsetzen zu lassen. Die Idee, daß jemand in ein fremdes Land ziehen könnte, um den dortigen Herrscher zu heiraten, dessen Vertrauen und das seiner Gefolgsleute zu gewinnen, nur um dann eine Banketteinladung auszusprechen, hinter der sich ein finaler Rachetriumph versteckt – das ging eindeutig über seinen geistigen Horizont. 😉

Es lohnt sich unbedingt auch heute noch, das Nibelungenlied zu lesen, schon allein, um zu erkennen, wie stark Traditionslinien sind. Nicht nur im Werk selbst, sondern eben in der Art, in der wir heute Mythen erzählen, welche Werte und Ideen uns heute wichtig sind. Und wohin blinder Glaube an die eigene Überzeugung führen kann.
Und außerdem ist es ein großes Vergnügen, mitzuleiden, mitzuschmachten und mitzuintrigieren beim großen „Wermitwemgegenwenundwarumeigentlich“.

Mit den lieferbaren Ausgaben ist das nun so eine Sache. Zwar hat man sich weitgehend auf die Textfassung von Bartsch/de Boor geeinigt, aber welche Übersetzung nun zu empfehlen sei, das ist ein weites Feld. Wem daran liegt, den Zauber der Dichtung nachempfinden zu können, dem sei von Simrocks Nachdichtung nicht abgeraten, auch wenn meine persönliche Empfehlung eher dahin geht, es mit einer zweisprachigen Ausgabe zu versuchen, bei der dann die neuhochdeutsche Fassung gerne etwas holprig, dafür aber eben korrekt sein darf. Oder aber gleich die wunderbare, kommentierte Lesung von Peter Wapnewski zu hören. Denn vorgelesen entfaltet das Nibelungenlied erst seine ganze Wirkung.


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*Immerhin habe ich aber den Beitrag zu Caesars Gallischem Krieg nicht mit „Gallia est omnis…“ eröffnet.
**alle Zitate nach: Bartsch/de Boor/Grosse: Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2003
***Hier plant also eine Frau, sich in einen fremden Kulturkreis zu verheiraten, in dem die Mehrheit einem anderen Glauben anhängt, es aber bereits eine Parallelgesellschaft ihrer eigenen Religion gibt, zu der sie ihren künftigen Ehemann künftig zu bekehren gedenkt. Deutsches Nationalepos. Das lasse ich mal einfach so stehen.

Das Buch zum Sonntag (66)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Thomas Müntzer: Hochverursachte Schutzrede

Mein Verhältnis zu Müntzer und das damit verbundene Bild, das ich von ihm habe, wäre auch einmal eine Untersuchung wert. Soll aber heute kein Thema sein.
Insbesondere, da ich mir offen halten möchte, gelegentlich Müntzer noch einmal intensiv zu empfehlen, denn die „Schutzrede“ ist ja ein vergleichsweise kurzer Text. Da es aber noch eine Weile dauern wird, bis der 31.10. wieder auf einen Sonntag fällt, kann ich es mir nicht verweigern, genau diesen Text heute zu empfehlen. Denn dem zwischenzeitlich zum evangelischen Ersatzheiligen aufgestiegenen Luther wird hier von seinem Zeitgenossen ganz ordentlich der Kopf gewaschen. Und es ist wichtig, bei allem, durchaus nicht unberechtigten, Trubel zwischen Luther-Dekade und Hollywood, daran zu erinnern, daß er eben nicht einfach ein altruistischer Freiheitsheiliger war.
Auch wenn zu bedenken ist, daß der Ton in den frühneuzeitlichen Schriften generell durchaus etwas rauher ist (jedenfalls beispielsweise im Vergleich zur Korrespondenz distinguierter Adliger des 19. Jahrhunderts) als das der heutige Leser erwarten würde, zieht Müntzer in dieser Streitschrift doch ordentlich vom Leder.
Schon der volle Titel ist ein Meisterwerk der Kunst des Pamphleteschreibens:

Hoch verursachte Schutzrede und antwwort wider das Gaistloße Sanfft lebende fleysch zu Wittenberg welches mit verklärter weyße durch den Diepstal der heiligen schrift die erbermdliche Christenheit also gantz jämerlichen besudelt hat.

*

Eine von gegenseitigem Respekt geprägte, feinsinnige und höfliche Gelehrtenschrift ist bei einer solchen Eröffnung wohl nicht zu erwarten.
Wie der Titel erkennen läßt, handelt es sich um eine Antwortschrift. Müntzer antwortet hier auf Luthers Sendschreiben „Brief an die Fürsten zu Sachsen von dem aufrührerischen Geist“, welches wiederum dessen Reaktion auf die, in meinen Augen jedenfalls, sensationelle „Fürstenpredigt“ Müntzers ist (Müntzer entwickelt dort ein Widerstandsrecht gegen nicht gottgefällige Herrschaft, gemeint als Warnung an die anwesenden sächsischen Fürsten, womit er sich in theologischen Widerspruch zum Wittenberger Opportunisten begab, woraufhin sich dieser endgültig von Müntzer distanzierte).
Ich halte es für keinen Zufall, daß die DDR Müntzer für sich vereinnahmte, teilt dieser doch mit der offiziellen Revolutionsideologie das Sendungsbewußtsein. Ein argumentativer Vorteil eines jeden Propheten ist denn ja auch die Unterstützung durch eine höhere Macht, sei diese nun ein Gott oder das Gesetz der Geschichte, unwiderruflich Recht haben beide. Das stellt auch Müntzer erst einmal klar, in dem er klar stellt, wer hier wirklich im Namen des Herren handelt:

Deshalb ist es kein sehr großes Wunder, daß der allerehrgeizigste Schriftgelehrte, Dr. Lügner, je länger je mehr zum hoffärtigen Narren wird und sich mit deiner Heiligen Schrift ohne alles Absterben seines Namens und (Wesens) bedeckt und aufs allerbetrüglichste (bedient) und mit dir (primär) nichts weniger zu schaffen haben will, Jes. im 58. Kapitel, als ob er deine Urteile durch dich, der Pforte der Wahrheit, erlangt hätte. Und (er) ist so frech vor deinem Angesicht und verachtet (bis auf den Grund) deinen richtigen Geist, denn er meldet sich deutlich unwiderruflich, daß er aus tobendem Neide und durch den allererbittertsten Haß mich, dein in dir erworbenes Glied, ohne redliche, wahrhaftige Ursache vor seinen höhnischen, spöttischen, erzgrimmigen Mitgenossen zum Gelächter macht und vor den Einfältigen zum unstatthaften Ärgernis einen Satan oder Teufel scheltet und mit seinem verkehrten, lästerlichen Urteil schmäht und spottet.

**

Oder kurz: „Ich habe Recht und Du nicht.“ Ganz großes Kino. Hier haben wir alles, was zu einem zünftigen Sandförmchenstreit dazugehört. Herabsetzung des Gegenübers durch Spott und Hohn, Darstellung der eigenen Person als strahlende Lichtgestalt. Spott und Hohn für den Gegner, kaum verstecktes Lob für einen selbst. Denn natürlich hat nicht das sanftlebende Fleisch zu Wittenberg die wahre Botschaft der Bibel zu bieten, sondern einzig und allein der wahre und treue Diener Christi, gerade irgendwo in Süddeutschland auf der Flucht untergetaucht.
Wie lächerlich Fundamentalismus ist, kann man hier ganz wunderbar sehen. Denn der Einzige, der diesen Streit klären könnte, meldet sich nicht zu Wort. Oder jedenfalls nicht explizit. Bis zur Aufklärung, in der dann mal darüber nachgedacht wurde, ob die Frage nach Gottes Wille und Wollen überhaupt eine dem Menschen angemessene Frage ist und man mithin also bisher in eine völlig falsche Richtung dachte, wird leider noch einige Zeit vergehen. Und doch halte ich es gerade in den heutigen Tagen, wo wir dabei sind, genau dieses entscheidende Erbe der Aufklärung ad acta zu legen, sich ganz genau zu Gemüte zu führen, wohin das führen kann. Denn gerade die Unbedingtheit, die Unbeirrbarkeit, die den Sendungsbewußten jeglicher Couleur auszeichnet, ist seine Tragik. Sie verschließt Augen, Ohren und Hirn vor den Argumenten anderer. Nicht, daß diese nicht gehört werden, nicht, daß diesen nicht argumentativ begegnet würde – aber eines steht eben von vornherein fest: Sie können nicht zutreffen. Der andere kann unmöglich Recht haben, ist man selbst doch im Besitz der allein seligmachenden Wahrheit.
Wo bei heutigen Texten und Debatten die persönliche Betroffenheit vielleicht den Blick versperrt und es schwer macht, die notwendige Distanz zu bewahren, die zur Bewertung von jeglichen Aussagen, kann es helfen, einmal an diesem alten Text zu üben. Wenn man das ein paar Mal gemacht hat, zeichnet man vielleicht auch nicht US-amerikanische Machtpolitiker voreilig mit dem FriedensNobelpreis aus oder nimmt Menschen ernst, die sich Statistiken ausdenken, damit ihr Weltbild stimmt.
Denn faszinierend ist das alle mal, was Müntzer hier vorbringt, die „Schutzrede“ ist ein Pamphlet allererster Güte, was bedeutet, daß seine Polemik natürlich genau dahin zielt, wo es auch wirklich weh tut, sprich: Wo er einfach mal Recht hat.

Es will keiner (von ihnen) predigen, er habe denn 40 oder 50 Gulden. Ja, die besten wollen mehr denn hundert oder zweihundert Gulden haben; da wird an ihnen die Weissagung Micha 3 wahr: „Die Pfaffen predigen um des Lohnes willen“ und wollen Ruhe und gute Gemütlichkeit haben und die allergrößte Würde auf Erden, und dennoch wissen sie sich zu rühmen, sie verstünden den Ursprung und teiben doch in den allerhöchsten Gegensatz (hinein), darum daß sie den richtigen Geist einen irrigen Geist und Satan schelten…

**

Und etwas später:

Der arme Schmeichler will sich mit Christus in gedichteter Güte decken wider den Text des Paulus I. Tim. 1. Er sagt aber im Buch von der Kaufhandlung, daß die Fürsten sollen getrost unter die Diebe und Räuber streichen. Im selbigen (Buch) verschweigt er aber den Ursprung aller Dieberei. Er ist ein herold, er will Dank verdienen mit der Leute Blutvergießen und (um) zeitlichen Gutes willen, welches doch Gott nicht (als seine Absicht) befohlen hat. Sieh zu, die Grundsuppe des >wuchers, der Dieberei und Räuberei sind unsere Herren und Fürsten; (sie) nehmen alle Kreaturen als Eigentum: die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden muß alles ihrer sein, Jes. 5. Darüber lassen sie dann Gottes Gebot ausgehen unter die Armen und sprechen: Gott hat geboten, du sollst nicht stehlen; es (hilft) ihnen aber nicht. So sie nun alle Menschen (nötigen), den armen Ackersmann, den Handwerksmann und alles, was da lebt, schinden und schaben, Micha 3, und wenn (einer) sich dann am allergeringsten vergreift, so muß er hängen. Da sagt dann der Doktor Lügner (auch noch): Amen. Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun, wie kann es (auf) Dauer gut werden? Wenn ich das sage, muß ich aufrührerisch sein, wohlan!

**

Das ist nun stark und zudem ein zentraler Punkt in Müntzers Denken. Wer, seiner Meinung nach, von der Freiheit des Christenmenschen spricht, der muß aber bitte auch darüber nachdenken, wie dieser denn seine Freiheit auch leben kann. Genau das war nämlich einer der Ausgangspunkte für die Unruhen am Beginn des 16. Jahrhunderts, die durch die Reformation neue Nahrung erhielten: Die prekäre Lage, gerade der Unterschicht und ganz besonders der nunmehr vollkommen entrechteten Bauern (Stichwort: Allmende, Parallelen zur Privatisierung kommunaler Betriebe möge jeder selbst ziehen) – für die natürlich die Botschaft von Freiheit, vom Selbstdenken, von Selbstbestimmung wie Musik, wie Erlösung, wie eine Heilsbotschaft klangen. Luther aber, von fürstlicher Gnade ebenso abhängig wie sich in dieser sonnend, war in der Zeit des Bauernkrieges ängstlich darum bemüht, sich von jeglichem Aufruhr, der da auf Grundlage seiner eigenen Thesen, ausbrach, zu distanzieren. Unverhohlen fordert er die Fürsten auf, hart und gnadenlos vorzugehen.
Der Knaller aber, und damit möchte ich für heute schließen, ist folgendes: Beide, der Revolutionär wie der Obrigkeitshörige, finden für ihre Positionen Belege in der Heiligen Schrift. Was für den unbefangenen Beobachter nicht weiter überraschend ist, mir zumindest scheint die Widersprüchlichkeit Heiliger Schriften ein wesentliches Merkmal ihres Erfolges. Neben der mystischen Komponente des Geheimnisvollen spielt eben genau dieser Punkt eine Rolle: Man kann mit ihnen alles begründen. Die Frage, was gottgefällig ist, wird damit aber zum Überbau. Die Basis, und auf die kommt es an, ist eine andere. Die Kernfrage ist: Wie soll das Leben hier auf Erden getaltet werden. Warum ist die Welt so, wie sie ist und wie sollte sie besser gestaltet werden. Müntzer wird sich nur wenig später als Anführer des auserwählten Volkes im apokalyptischen Kampf sehen. Und mit genau diesem Sendungsbewußtsein begründen Revolutionäre überall und zu allen Zeiten ihre Strategien. 1525 ging die Sache für die Fürsten letztlich gut aus. Die Schärfe aber, mit der Müntzer die Ursachen für die gesellschaftlichen Unruhen benennt, ist beeindruckend. Und die Frage darf erlaubt sein, ob die ganze Geschichte nicht ohne tausende Tote, ohne solch massive Verwüstungen abgelaufen wäre, hätte man ihm einfach mal zugehört, anstatt ihn einfach nur zum Verblender und Aufrührer abzustempeln. Denn Erweckungsprediger gibt es zu allen Zeiten – wenn ihnen aber Massen zuhören und folgen, dann gibt es dafür Gründe. Und die liegen weitgehend außerhalb der Einzelperson. Oder, um mal das Diktum eines meiner engsten Freunde zu zitieren: Für dieselben Aussagen, die Luther tätigte, wurde Jan Hus hundert Jahre früher verbrannt.

Update 31.10.12Auch nicht mehr Lieferbar ist die Schutzrede im Rahmen der Junghans-Gesamtausgabe. In Sachen Lesbarkeit aber eher zu empfehlen, dafür aber noch antiquarisch zu bekommen, ist die Wehr-Ausgabe. Es gibt auch eine online kostenfrei lesbare Edition, die auf den ersten Blick keinen schlechten Eindruck macht.


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*zitiert nach: Müntzer, Thomas: Schriften und Briefe. Kritische Gesamtausgabe. unter Mitarbeit von Paul Kirn herausgegeben von Günther Franz. (= Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte, Bd. 33) Gütersloh. 1968, S. 321 | Ich habe dabei im Sinne der Lesbarkeit geglättet und auf die Darstellung von Varianten verzichtet. Im Übrigen dürfte zudem die Franz-Ausgabe inzwischen als maßgebliche Edition von der durch den Tod von Helmar Junghans in ihrem Abschluß verzögerte Thomas-Müntzer-Ausgabe (Leipzig 2004ff.) abgelöst werden. An der Franz-Ausgabe nörgelt die Müntzer-Forschung nun schon seit Jahrzehnten herum, insofern ist es erstaunlich, daß es so lange dauerte, bis endlich eine neue Edition erschien. Pikanterweise dürfte das anstehende Luther-Jubiläum bei der Realisierung eine Rolle gespielt haben. 😉
**zitiert nach: Müntzer, Thomas: Schriften und Briefe. herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Gerhard Wehr. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt/M. 1973, S. 125ff. | Ich wechsle mit den Zitaten auf diese Ausgabe, weil sie durch die Anpassung an die moderne Sprache doch leichter verständlich ist.

Das Buch zum Sonntag (65)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Woody Allen: Pure Anarchie

Betrachtet man das filmische Werk Woody Allens, besonders das der Siebziger Jahre, dürfte es wenig überraschen, daß er auch als literarischer Erzähler auftrat. Beim vorliegenden Band handelt es sich um eine Kurzgeschichtensammlung, die nach einer längeren Schaffenspause des Autors publiziert wurde. Und sie hat etwas, das im filmischen Spätwerk vielleicht etwas zu kurz kommt (wobei ich alles andere als ein intimer Kenner seines umfangreichen filmischen Oeuvres bin, ich habe da also vielleicht nur die falschen Filme gesehen 😉 ): Einen erfrischenden, ironischen Humor.
Wenig überraschend bewegen sich die Geschichten weitgehend im Milieu der gehobenen New-Yorker-Schicht, Leuten also, die sich um das tägliche Brot keinerlei Sorgen machen müssen. Diese allerdings werden auf´s Korn genommen, daß es eine wahre Freude ist. Nicht selten geht es dabei höchst absurd zu, aber wie ja schon der Hausheilige wußte, bläst Satire die Wahrheit immer auf, so daß man sie besser erkennen möge.
Ich eröffne den Reigen gleich mal mit dem Beginn der ersten Kurzgeschichte, betitelt als „Irren ist menschlich, Schweben göttlich“, der schon sehr schön zeigt, wohin die Reise geht und mir bereits einige Lacher entlockt:

Erst wenige Monate ist es her, da lief mein Leben in ergreifenden kleinen Szenen vor meinem inneren Auge ab, während ich beinah erstickte unter dem Wurfpost-Tsunami, der sich jeden Morgen nach dem Frühstück durch meinen Türschlitz ergießt. Zum Glück hörte unsere wagnerianische Putzfrau Grendel meine gedämpften Schreie unter den zehntausend Vernissage-Ankündigungen, Bettelbriefen und Traumgewinn-Benachrichtigungen und befreite mich mit Hilfe unseres Ungeziefersaugers. Als ich die Posteingänge in alphabetischer Reihenfolge dem Aktenvernichter zuführte, fiel mir unter der Fülle an Katalogen für alles Mögliche, vom Vögelhäuschen bis zu Stein- und Schalenobst in vierwöchentlichen Lieferungen, ein nicht bestelltes kleines Heft auf, das sich Magical Blend nannte. Der offensichtlich für den New-Age-Markt bestimmte Katalog umfasste Themen wie Kraft der Kristalle, ganzheitliche Medizin und psychische Schwingungen, gab Tipps zur Erlangung geistiger Energie, zeigte Wege zu mehr Liebe und weniger Stress und verriet, wohin man gehen und welche Formulare man ausfüllen müsse, um wiedergeboren zu werden.

(S. 7f.)*

Bei „wagnerianische Putzfrau Grendel“ hatte er mich. Das Bild, das sich da vor meinem inneren Auge aufbaute, ist einfach zu köstlich. Insbesondere, da ich „Beowulf“ bereits im Alter von ca. 10 Jahren las, meine Synapsen mit „Grendel“ also eine höchst phantastisch ausgestaltete Figur verknüpfen. 😀 Wie überhaupt diese ganze Szene ein wahres Feuerwerk an Assoziationen auslöst und geschickte, kleine Seitenhiebe verteilt, wie ich es bisher nur noch bei Hildesheimers „Lieblosen Legenden“ gelesen habe.
Zugegeben, Allen arbeitet stark mit Intertextualitäten, Anspielungen auf dieses und jenes waren ja schon immer integraler Bestandteil seiner Arbeiten, ich behaupte allerdings, daß diese nicht die Bohne stören, zumal ja eine seiner Lieblingsbeschäftigungen zu sein scheint, das Hohle, Vordergründige, Oberflächliche hinter all diesen scheinbar so hochtrabenden Begriffen, Ideen und Diskursen, mit denen auf Cocktail-Parties hantiert wird, zu offenbaren.
Besonders gern dadurch, indem er sie einfach ad absurdum führt. So, wie in meiner Lieblingsgeschichte, in der dem Sohn eines Investmentbankers die Aufnahme in einen angesehenen Kindergarten verweigert wird. Ich habe Tränen gelacht bei Szenen wie dieser:

Als Boris Ivanovich jedoch am nächsten Montag in die Bank kam, wussten offensichtlich alle Bescheid. Ein toter Hase lag auf seinem Schreibtisch. Mit einem Gesicht wie Donnerwetter kam Siminov herein. „Eins ist klar“, sagte er, „der Junge wird niemals von einem ordentlichen College angenommen werden. Bestimmt nicht an einer Elite-Uni.“
„Bloß deswegen, Dimitri Siminov? Der Kindergarten wirkt sich auf die Hochschulbildung aus?“
„Ich möchte keine Namen nennen“, sagte Siminov, „aber vor vielen Jahren konnte einmal ein bekannter Investmentbanker seinen Sohn nicht in einem Kindergarten von hervorragendem Ruf unterbringen. Anscheinend gingen irgendwelche Geschichten über die Fingermalkünste des Jungen herum. Jedenfalls war der Bub, nachdem der Wunschkindergarten seiner Eltern ihn abgelehnt hatte, dazu gezwungen…“
„Zu was? Heraus damit, Dimitri Siminov.“
„Ich sag nur so viel: Im Alter von fünf war er gezwungen, auf eine … städtische Schule zu gehen.“
„Dann gibt es keinen Gott.“, sagte Boris Ivanovich.

(S. 114f.)

Die Pointe möchte ich hier nicht verraten, stattdessen noch eine Szene aus dieser Geschichte:

Wenn Mischa dies verweigert werden konnte, war das Leben, nein, das Universum sinnlos. Er sah seinen Sohn als erwachsenen Mann vor dem Geschäftsführer eines angesehenen Unternehmens stehen, der ihn nach seinem Wissen um Tiere und Formen befragte – Dinge, mit denen er innig vertraut hätte sein sollen.
„Naja … äh“, sagte Mischa zitternd, „das ist ein Dreieck, nein, halt ein Achteck. Und das da ist ein Häschen – pardon, ein Känguru.“
„Un der Text von ‚Bi-Ba-Butzemann‘?“, fragte der Geschäftsführer. „Alle Vizepräsidenten hier bei Smith Barney können den singen.“
„Ehrlich gesagt, Sir, ich habe das Lied nie richtig gelernt“, bekannte der junge Mann, und sein Bewerbungsschreiben flatterte in den Papierkorb.

(S. 116)

Womit wir wieder bei der Satire wären. Ich glaube nicht, daß tatsächlich „Bi-Ba-Butzemann“ im Vorstellungsgespräch abgefragt wird, aber, daß es in solchen Positionen höchst bizarre Auswahlmethoden gibt, das glaube ich gerne.
Wer Woody Allen aufmerksam liest, dem wird auffallen, daß die Ziele seines Spottes keineswegs zwangsläufig der New Yorker Society angehören müssen (auch wenn er der Einfachheit halber und um sich selbst nicht in Frage stellen zu müssen, von Kommentatoren gerne darauf reduziert wird), sondern, daß es hier um durchaus überall und, sicher in anderen Schattierungen und mit anderen konkreten Ausprägungen, in allen Schichten anzutreffende Verhaltensweisen geht. Sich selbst und seine Kreise für besser und relevanter zu halten als andere ist keineswegs ein Spezifikum der Upper Class. Um mal nur eines herauszugreifen.
Ich habe jedenfalls Woody Allen mit viel Freude und Gewinn gelesen und kann dieses Bändchen jederzeit an einer beliebigen Stelle aufschlagen, um eine treffende Formulierung, eine absurde Szene, einen ironischen Seitenhieb zu finden.
Kurz: Ein kleines, funkelndes Schatzkästlein, das zu erwerben möglich ist mit dieser

lieferbaren Ausgabe.


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*zitiert nach: Allen, Woody: Pure Anarchie. Kein & Aber. Zürich 2007

Das Buch zum Sonntag (64)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich dem geneigten Publikum zur Lektüre:

Heinrich Mann: Der Untertan

Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.

Ist das nicht ein großartiger erster Satz? Mit meinem Assoziationskopfkino bräuchte ich jetzt kein weiteres Wort verlieren. Da ich aber nicht davon ausgehen kann, daß die geneigte Leserschaft ebenso seltsame Synapsen hat wie ich (was auch nicht wünschenswert wäre, glaubt mir), schreibe ich doch noch etwas dazu.
„Der Untertan“ gehört zu den wenigen Büchern meiner Lesebiographie, das ich erst nach dem Konsum der Verfilmung las (es gab in der DDR gewiß Dinge mit höheren Hindernissen, als diese mehr als gelungene Adaption zu sehen 😉 ). Das hat zwar den Nachteil, daß die im Kopf entstehenden Bilder überlagert werden (sich einen anderen Diederich Heßling vorzustellen, beispielsweise, ist dann äußerst schwierig), aber eben auch den durchaus zu bedenkenden Vorteil einer wesentlich intensiveren Erstlektüre, da der Plot ja bekannt ist, und sich so das Augenmerk sehr viel stärker auf die Facetten eines Romanes konzentrieren kann, die für Feuilleton und sonstige Bewerter schon immer den Unterschied zwischen Unterhaltungslektüre und Literatur von bleibendem Wert ausmachte.
Heinrich Manns große Stärke ist seine von einem klarsichtigen, geradezu sezierendem Scharfsinn geprägte Figurenzeichnung, die im „Untertan“ zu kaum zu übertreffender Hochform aufläuft. Heßling, die Honoratioren der Kleinstadt, sein sozialdemokratischer Vorarbeiter – das sind nicht einfach nur Typen (die sie auch sind), das ist ein Einzelpersonen komprimiertes Gesellschaftsportrait.*
Heinrich Mann erzählt die Geschichte eines kleinstädtischen Fabrikantensohnes in der Zeit des letzten deutschen Kaiserreiches. Zur Illustration gleich mal noch eine Stelle vom Beginn des Romanes:

Wenn Diederich vom Märchenbuch, dem geliebten Märchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben ihm auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kröte gesessen, halb so groß wie er selbst! Oder an der Mauer dort drüben stak bis zum Bauch in der Erde ein Gnom und schielte her!
Fürchterlicher als Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man ihn lieben. Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte, drückte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult umher, bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm. Jede nicht herausgekommene Untat mischte in Diederichs Ergebenheit und Vertrauen einen Zweifel. Als der Vater einmal mit seinem invaliden Bein die Treppe herunterfiel, klatschte der Sohn wie toll in die Hände – worauf er weglief.
Kam er nach einer Abstrafung mit gedunsenem Gesicht und unter Geheul an der Werkstätte vorbei, dann lachten die Arbeiter. Sofort aber streckte Diederich nach ihnen die Zunge aus und stampfte. Er war sich bewußt: „Ich habe Prügel bekommen, aber von meinem Papa. Ihr wäret froh, wenn ihr auch Prügel von ihm bekommen könntet. Aber dafür seid ihr viel zuwenig.“

(S. 7)**

Diese Sehnsucht nach Aufmerksamkeit von höherer Stelle wird zu einem treibenden Motiv in Diederichs weiterem Leben. Autoritätsgläubigkeit, Katzbuckeln zu jedem über ihm stehenden und Gnadenlosigkeit allen unter ihm stehenden gegenüber, eiskalt jeden persönlichen Vorteil ausnutzend, Verantwortung für eigenes Handelns immer dann ablehnend, wenn es die eigene soziale Stellung bedrohen könnte. Das Gieren nach Anerkennung in jeglicher Form, das Protzen mit Ämtern und Orden, Ehre und Anstand lautstark einfordernd, sich selbst darum einen Kericht zu scheren – wer einen Spießer braucht, mir ist kein treffenderes Beispiel bekannt als Diederich Heßling. Eine literarische Figur, die geradezu körperliche Abwehrreaktionen hervorzurufen vermag. Gelänge es Heinrich Mann nicht gleichzeitig, anzudeuten, daß aus Diederich auch etwas anderes hätte werden können, der Lesende würde einfach abwinken und Roman samt Figur in eine Schublade stecken. So aber bleibt immer ein Rest, der zum Nachdenken anregt. Der vielleicht dazu führt, sich so manche Figur seines Umfeldes mal genauer anzuschauen. Und bei der nächsten Vereinssitzung (Förderverein, Sportverein, Kaninchenzüchter, Partei – was ihr wollt) aufhorchen läßt, wenn urplötzlich eine Schärfe in die Debatte kommt, sobald es gilt, sich abzugrenzen. Oder gar es Streit darüber gibt, wer zweiter Schriftführer werden darf. Die geneigte Leserschaft wird staunen, wie viele Diederichs da um ihr Fitzelchen Ruhm und Anerkennung betteln. Wie sich dem „Hurra“-rufend dem Kaiser hinterherhecheln und auf alles und jeden treten, der auch nur die geringste Abweichung vom Idealbild zeigt – und, vor allem, auf der sozialen Leiter tiefer steht.
Schaut euch an, wie die Diederichs von heute Wut schäumend die Kommentarspalten füllen mit ihrer Abscheu auf faule HartzIV-Empfänger und schmarotzende, „integrationsunwillige“ Ausländer, im Vollbesitz ihrer moralischen Überlegenheit und stillschweigend über ihre eigenen Taten, die sie als läßliche Sünden betrachten, hinweg gehen.
Wer wirklich wissen will, was deutsche Leitkultur ist, für den gibt es keine Augen öffnendere Lektüre als dieses Buch. In schmerzlicher Konsequenz führt uns Heinrich Mann am Leben dieses bedauernswerten Kleingeistes vor, was es bedeutet, wenn Kleingeister bestimmen, was in einer Gesellschaft zählt. Und es ist in meinen Augen ein bemerkenswerter Umstand, daß Roman und Film in der DDR, dem Paradies der Diederichs, so lange so stark protegiert wurden.
Unsere heutige Zeit braucht diesen Roman dringender denn je. Es war Heinrich Manns klar sehender Blick, was passieren muß, wenn solche Denkungsart die Stütze einer Gesellschaft ist, der ihn dieses Werk schrieben ließ – und keine prophetische Gabe, wie in so mancher Kolportage zur Differenz zwischen Entstehungs- und Publikationsdatum anklingt.
Und in genau diesem Sinne ist Ulrike Meinhofs Diktum, das Private sei immer auch politisch, mehr als nur wahr. Sich selbst über andere zu erheben, egal aus welchen Gründen, ist nie einfach nur eine persönliche Charakterschwäche – es ist immer auch der Nährboden für gesellschaftliche Bewegungen, die genau darauf zielen. Daß ein Mensch besser sei als ein anderer und für ihn daher andere Regeln gelten.

Auch wenn ich dieses Mal sehr wenig über das Buch und viel mehr über dessen Auswirkungen auf mich geschrieben habe, hoffe ich doch, die geneigte Leserschaft von einer (Wieder-)Lektüre überzeugt zu haben. Vielleicht ja mit einer der

lieferbaren Ausgaben.

Heute einmal zum Abschluß noch der Hausheilige, dessen Begeisterung für diesen Roman die meinige vielleicht sogar noch übertrifft. In ganzer Länge kann die Rezension hier nachgelesen werden.

Dieses Buch Heinrich Manns, heute, gottseidank, in aller Hände, ist das Herbarium des deutschen Mannes. Hier ist er ganz: in seiner Sucht, zu befehlen und zu gehorchen, in seiner Roheit und in seiner Religiosität, in seiner Erfolganbeterei und in seiner namenlosen Zivilfeigheit. Leider: es ist der deutsche Mann schlechthin gewesen; wer anders war, hatte nichts zu sagen, hieß Vaterlandsverräter und war kaiserlicherseits angewiesen, den Staub des Landes von den Pantoffeln zu schütteln.
Das erstaunlichste an dem Buch ist sicherlich die Vorbemerkung: »Der Roman wurde abgeschlossen Anfang Juli 1914.« Wenn ein Künstler dieses Ranges das schreibt, ist es wahr: bei jedem andern würde man an Mystifikation denken, so überraschend ist die Sehergabe, so haarscharf ist das Urteil, bestätigt von der Geschichte, bestätigt von dem, was die Untertanen als allein maßgebend betrachten: vom Erfolg. Und es muß immerhin bemerkt werden, daß die alten Machthaber – ach, wären sie alt! – dieses Buch von ihrem Standpunkt aus mit Recht verboten haben: denn es ist ein gefährliches Buch.

in: Werke und Briefe: 1919. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 1239f. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 2, S. 63-64) (c) Rowohlt Verlag http://www.digitale-bibliothek.de/band15.htm


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* Etwas übrigens, das seinem sich stets nur in besten bürgerlichen Kreisen bewegenden Bruder nie gelungen ist. Wobei wohl außer Frage steht, daß dieser das auch nie gewollt hätte. Aber eben gerade diese patrizische Arroganz läßt mein Herz immer wieder den viel lebensnaheren, für seine Standesverhältnisse geradezu rebellischen Heinrich bevorzugen. Im Gegensatz zum Zauberer, dessen größeres Können anzuerkennen ich nicht vermeiden kann, habe ich bei Heinrich den Eindruck, daß dieser tatsächlich auch ein eigenes Leben hatte und nicht nur als Spinne im Netz die Leben seiner Umgebung aussaugte.
**zitiert nach: Mann, Heinrich: Der Untertan. in der Reihe Fischer Klassik erschienen bei Fischer Taschenbuch Frankfurt/Main. 2. Auflage 2009

Kein Buch zum Sonntag (6)

In der Hoffnung, der Sympathie der geneigten Leserschaft nicht verlustig zu gehen, muß ich eben diese auf die nächste Woche vertrösten.
Das Manuskript, an dem ich gerade arbeite, erweist sich als widerspenstiger als vermutet, es gibt noch einiges an Papierkram zu erledigen und es ist zuem erstaunlich, wie lange man so schlafen kann, wenn der Wecker mal ausgestellt ist…

Das Buch zum Sonntag (63)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jakob Hein: Mein erstes T-Shirt

An diesem historischen Tag* scheint es mir besonders passend, diesen Erzählungsband zu empfehlen.
Jakob Heins Debut erzählt aus seiner Jugend, die natürlich nicht ganz so war wie die vieler anderer seiner Altersgenossen, aber irgendwie eben doch. Ich weiß nicht, was da heute in den Schulen gelehrt wird, aber die Distanz zwischen einer wie auch immer gearteten Elite und den ihr nicht angehörenden Bürgern war zwar deutlich spürbar und sicher nicht unerheblich – aber, mit Verlaub, die war ein Fliegendreck gegen die Spaltung, die das siegreiche System auszeichnet. Mit anderen Worten: Die Kindheits- und Jugenderlebnisse des Herrn Hein unterscheiden sich gar nicht so sehr von denen vieler anderer in der eher späten DDR aufgewachsenen Menschen.
Als ich das Bändchen 2001 erstmals las(das weiß ich nicht etwa wegen meines hervorragenden Gedächtnisses, sondern Dank des Eindrucks: „Leseexemplar. Bitte nicht vor dem 30. Oktober 2001 besprechen.“ in Kombination mit der Erinnerung, es tatsächlich kurz nach Eintreffen in der Buchhandlung gelesen zu haben) und mich daraufhin mit einer Kollegin über die amüsanten Stellen unterhalten wollte, zeigte sich eine Kluft, die mich nachdenklich stimmte. Es ging um folgendes:

Ich war regelmäßiger Besucher der Umweltbibliothek. Wir sagten immer „Zierfischladen“, denn in der Nähe der Bibliothek war ein Zierfischladen, an dem wir uns vorher trafen. Ich sagte zu, denn ich wollte dieses Gespräch hier so schnell wie möglich beenden. Nein, eine Telefonnummer wollte ich keine haben, sie könnten sich ja wieder bei mir melden. In den nächsten Tagen erzählte ich jedem, den ich traf, laut und detailliert von meinem Gespräch mit der Staatssicherheit, vor allem denen in meiner Klasse, die immer zu den Freundschaftstreffen gingen. Danach ging ich einige Wochen erhobenen Hauptes in die Umweltbibliothek, im Falle einer Zuführung hätte ich sagen könne, daß ich im Staatsauftrag handele.
Die Stasi meldete sich wieder, wir verabredeten uns in einer Gaststätte, wo ich die zwei Herren sehr übellaunig antraf. Mein Bericht aus der Umweltbibliothek („da stehen lauter Bücher über Umwelt herum“) stieß auf wenig Interesse bei ihnen. Sie bezahlten meine zwei Biere und wiesen mich darauf hin, daß Alkohol am Nachmittag nicht mit den Prinzipien gesunder Lebensführung im Einklang steht. Danach wurde meine Kaderakte bei der Staatssicherheit geschlossen. Aber es gab Anzeichen dafür, daß das Interesse an meiner Person nicht erloschen war.

(S. 135)*

Meine damalige Kollegin fand das nicht lustig. Ich schon.
Jakob Hein ist Jahrgang 71, sie ist 12 Jahre älter – und das macht etwas aus. Die Spätgeborenen haben einzig ihre Kindheit und Jugend in der DDR verbracht. Eine DDR zudem, die durchaus Auflösungserscheinungen zeigte. Das ließ zum einen zu, späterhin eine gewisse Distanz aufzubauen, die es einem Dreißigjährigen durchaus ermöglicht, Geschichten als amüsante Jugendanektoden zu erzählen. Geschichten jedoch, die bei einer Generation, für die der Besuch einer Umweltgruppe das Riskieren der sozialen Existenz bedeutete und die zudem sich dieses Risikos auch noch bewußt war (und es trotzdem tat), Assoziationen hervorrufen können, die von heiteren Jugenderinnerungen weit entfernt sind.
Weit weniger als in späteren Werken (wie dem hier bereits empfohlenen „Herr Jensen steigt aus„) komprimiert Hein in diesen Erzählungen existentielle Fragen und es herrscht auch ein deutlich leichterer Ton. Alles in allem wirkt er näher an Kaminer als an seinen eigenen späteren Büchern. Nichtsdestotrotz kann der geneigte Leser intensiv darüber nachdenken, wie das jugendliche Aufwachsen unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus aussehen konnte. Zur Adoleszenz gehört ja die Abgrenzung zur Welt der Erwachsenen:

Ich war verzweifelt, dann traf ich Clemens. Er erzählte mir von Konzerten, wo Punkmusik gegen das Schweinesystem gespielt wurde und wo sich der Sänger in Scherben wälzte, die nicht in Liverpool, sondern in Ostberlin stattfanden. Ich wertete Clemens´ Erzählungen mit Freunden aus meiner Klasse aus, und wir schlußfolgerten, daß ihm kein Wort zu glauben sei. Ich beschloß, ihn fertigzumachen, und bat ihn, mich doch mal auf so ein Konzert mitzunehmen. Er tat ganz cool und sagte, nächsten Samstag. An diesem Samstag zeigte Clemens mir das Paradies. Wir gingen in eine ganz normale Kirche, wo man sonst immer nur vorbeiläuft. Dort lagen auf Klopaier gedruckte Postillen gegen Atomkraftwerke, Razzien und politische Verfolgunegn bei uns. Irgendwie war ich fast ein bißchen stolz auf beide Seiten. Der Keller der Kirche war gerammelt voll mit richtigen Puks, und dann spielte die Band drei mal drei Akkorde himmmlischer Verheißung. Die leute tanzten Pogo, und die Texte waren glasklar gegen das Schweinesystem. Ich kaufte mir die Kassetten von allen Bands und wußte nun, wo ich politisch stand.

(S. 126f.)

Ich schätze an Jakob Hein besonders seinen lakonischen Humor, der in diesem Band freilich etwas spitzbübisches hat. Wobei es allerdings manchmal gar nicht allzu viel eigenen Humors bedarf, denn die Slogans der DDR fordern mit ihrem kleinbürgerlichen Pathos ein Lachen geradezu heraus:

Es gab die Klassik und die Romantik, es gab den Impressionismus und die Pop-Art, und es gab den Versuch, auch im Ostblock eine eigene Kunstform zu kreieren. Im sogenannten sozialisten Realismus gab es viele und lange Reden über das Härten des Stahls, den Kampf von Sechsjährigen gegen Auschwitz und darüber, daß der Name Lenins mit „unauslöschlicher Schrift in unsere Herzen geschrieben“ sei. Ich selbst mußte bei einer Schulfeier im Rahmen eines Singspiels, praktisch dem Vorläufer des deutschen Hiphop, vor die Gruppe treten und sagen: „Ernst Thälmann lebt. Er singt mit uns, er lacht mit uns, und er spielt mit uns.“ Nichts davon war wahr, und wir hätten auch gar nicht mit einem alten glatzköpfigen Ideologen „Wenn der Kaiser durchs Land kommt“ spielen wollen oder über Häschenwitze gelacht.
Der sozialistische Realismus hatte also mit Realismus wenig zu tun. Zum Beispiel fanden sich keine Anhaltspunkte über das zielgerichtete Betrinken. Dies führte mich schon sehr früh in eine Widerspruchshaltung zur gängigen Ideologie, denn ich wußte, daß das zielgerichtete Betrinken im Sozialismus sehr weit entwickelt war.

(S. 91)

Womit übrigens ein Anhaltspunkt gegeben wäre, doch noch einmal zu überlegen, ob es wirklich grundsätzliche Unterschiede zwischen Ideologien und Religionen gibt oder ob beides nicht letztlich aus derselben Quelle stammt und nur der verzweifelte Versuch ist, eine Trennlinie zu ziehen, wo es gar keine gibt. Der behauptete Rationalismus so mancher Ideologie darf zumindest bei ihren Anhängern stark bezweifelt werden.

Ich möchte auch diese Woche nicht schließen, ohne auf die

lieferbaren Ausgaben

hinzuweisen.


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*Heute zahlt die BRD die letzten Schulden aus Reparationszahlungen für den Ersten Weltkrieg – falls jemand Anhaltspunkte sucht, warum diese Zahlungen ein Destabilisierungselement der Weimarer Republik war: Bitte schön. Ahja, es eignet sich natürlich auch ganz hervorragend für die Frage nach Rechtskontinuität. Und ist natürlich überhaupt nicht der Grund, warum meine Wahl heute auf dieses Buch fiel. Aber ich wollte es mal gesagt haben, schließlich sind ja Fußnoten dafür da, zu erzählen, was man sonst noch so alles weiß. 😉
**zitiert nach: Jakob Hein: Mein erstes T-Shirt. Piper. München 2001

Das Buch zum Sonntag (62)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Ilja Ehrenburg: Menschen. Jahre. Leben.

Passend zur dritten Kulturwoche ist auch das Buch zum Abschluß derselben eine Reminiszenz an meine Jugend (und gerade erst gestern wurde mir vor Augen geführt, daß ich tatsächlich alt genug bin, einen solchen Satz zu formulieren – da war ich bei der Veranstaltung einer jungen Impro-Theater-Gruppe und im ganzen weiten Rund wußte doch tatsächlich niemand, was ein Fluxkompensator ist, die Jugend von heute…)
Meine Eltern hatten die wunderbare Idee, die im Übrigen auch für meine Kinder gilt, mich meine Lektüre selbst auswählen zu lassen. So standen mir also die unzähligen Bücherschränke offen und zu den frühesten Autoren, an deren Wahl ich mich erinnern kann, gehörte Ilja Ehrenburg*.
Ehrenburg (1891-1967) war ein russisch-sowjetischer Journalist und Schriftsteller mit starken Beziehungen nach Westeuropa, insbesondere nach Frankreich, wo er lange und immer wieder lebte – was ihn durchaus zu etwas besonderem macht, denn er war dort, jedenfalls nach 1917, nicht im Exil. Hauptberuflich, wenn man das so sagen darf, war er Journalist. Und seine stärksten Arbeiten sind denn auch journalistischer Natur (so mag es auch wenig überraschen, daß die derzeit einzigen auf deutsch lieferbaren Werke von ihm die Reportage aus dem Saarland im Vorfeld der Volksabstimmung 1935 und das 1948 nach Fertigstellung umgehend eingestampfte und erst 1980 publizierte Schwarzbuch zum Genozid an den sowjetischen Juden sind**) – einen Großteil seiner belletristischen Werke darf man, trotz Einträgen im Kindler, getrost übergehen – es sei denn aus literaturhistorischem Interesse. Viele seiner Romane sind in einem kurzen Zeitraum (nicht selten gerade mal ein Monat) heruntergeschrieben und atmen so zwar sehr unmittelbar den Zeitgeist, sind dadurch aber auch ebenso flüchtig.
Seine Erinnerungen jedoch, und nur um diese soll es heute gehen, sind für mich nicht weniger als großartig. Mein Blick mag durch die Regalmeter schlechter Memoiren, die gedruckt wurden und werden getrübt sein, aber Ehrenburg vermittelt hier ein sehr lebhaftes, mitreißendes, anschauliches Bild seiner Epoche. Nahezu alles, was ich über die Kunst- und Kulturgeschichte der ersten Hälfte des 20. jahrhunderts weiß, weiß ich aus „Menschen. Jahre. Leben.“, dessen Personenregister durchaus als Grundstock für eine Enzyklopädie zu diesem Thema taugt. Was mich die drei Bände auch heute immer wieder zur Hand nehmen läßt und immer wieder zum Festlesen führt, ist sein journalistisches Können. Genaugenommen erinnert Ehrenburg nicht, er portätiert, er berichtet, er erzählt. Daß es sich dabei um sein Leben handelt, scheint eher zufällig, nicht er und seine großen Taten stehen im Mittelpunkt, sondern die Menschen, denen er begegnete, die Ereignisse, an denen er teilnahm, die Epoche, in der er lebte. Sein eigener Lebenslauf ist nicht mehr als ein roter Faden, der durch die gut anderthalbtausend Seiten führt. Ich habe seltenst Memoiren gelesen, die es vermochten, derart plastische Bilder, solch lebhafte Portraits, so nachfühlbare Stimmungsbilder zu zeichnen.
Und auch wenn es durchaus so etwas wie eine Ordnung, eine Gliederung, ein Prinzip zu geben scheint, so fließen hier doch immer wieder die Jahre und Jahrzehnte ineinander, fügen sich Bilder und Erinnerungen assoziativ zusammen, was mir einem Erinnerungswerk auch viel angemessener zu sein scheint als eine strenge Chronologie.
Ehrenburg lebte ein außergewöhnliches Leben, auch wenn er das nicht herausstreicht. Er war im Bürgerkrieg halb verhungert mit Mandelstam auf der Flucht durch den Kaukasus, auf Promotion-Tour für Stalins Sowjetunion in den USA, jedoch genauso verzweifelt und verängstigt im Moskau 1937. Er war Kriegskorrespondent im spanischen Bürgerkrieg (wo er Hemingway kennenlernte – es gibt ein Bild mit den beiden von Frank Capra), ebenso im zweiten Weltkrieg, dessen Beginn er in Frankreich erlebte (und durchaus knapp aus Paris entwich) und anschließend eine der führenden Figuren der Friedensbewegung.
Seit Jugendtagen Bolschewik trat er immer als Verteidiger Westeuropas in der Sowjetunion auf und in Westeuropa als überzeugter Vertreter des sowjetischen Systems, was ihm Beschimpfungen beider Seiten eintrug (Ehrenburg selbst zitiert durchaus süffisant immer wieder aus der großen sowejetischen Enzyklopädie, in deren unterschiedlichen Auflagen sich die Einschätzung seiner Person und seines Werkes immer wieder veränderten.)
Doch gerade das scheint mir seine ungeheure Stärke in diesem Werk zu sein. Auch wenn es sicherlich nicht auszuschließen ist, daß seine Fokussierung auf die Menschen, auf das Erzählende, das Berichtende und ein nur höchst vorsichtiges Werten und Beurteilen, das stets um Ausgewogenheit bemüht ist, den Bedingungen des Systems, in dem er lebte und schrieb zuzuschreiben ist (der aufmerksame Leser, allerdings nur dieser, wird zwischen den Zeilen so einiges finden, für dessen klare Formulierung kein Raum war) – ist es nicht gerade das, was Journalisten wirklich zu leisten vermögen? Mir scheint das in der heutigen Zeit, in der jeder, der mal irgendwo war und sich was angeschaut hat, gleich zum Experten für sämtliche Zusammenhänge und mögen sie noch so komplex sein, hochstilisiert wird, eine abhanden gekommene Kunst zu sein.
Zuhören. Erzählen lassen. Mitgenommen werden.

Die Publikationsgeschichte macht es nicht einfach, die geneigte Leserschaft auf die Suche zu schicken. Ich empfehle ausschließlich die Ausgabe von Volk und Welt, die im Rahmen der Werkausgabe erstmals 1978 in drei Bänden erschien, der 1990 ein vierter Band (soweit ich weiß, mit Fragmenten aus dem Nachlaß – ich hatte den erst einmal in der Hand. Falls noch jemand ein Geschenk sucht…) folgte. Die Ausgabe von Kindler wurde sehr zurechtgestutzt, insbesondere im Hinblick darauf, daß Ehrenburg in der BRD als höchst umstritten galt (da steckt die unsägliche Flugblatt-Geschichte dahinter, genaueres im Wikipedia-Eintrag und bei der Initiative Ilja Ehrenburg)
Antiquarisch sind auch dreibändige Kindler-Ausgaben zu finden, die ich aber nicht kenne und daher auch nicht einzuschätzen vermag.


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*Was mich nebenbei auch etwas aus meiner Generation fallen läßt. Meine bisherigen Erfahrungen legen nahe, daß man heute etwa 50 Jahre alt und auf dem Gebiet der DDR aufgewachsen sein muß, um mit diesem Namen etwas anfangen zu können. Dann allerdings liegt die Quote nahe der 100%-Marke.
**Für die Insider: Ebenfalls lieferbar ist ein Nachdruck seines Paris-Fotobildbandes mit der typographischen Gestaltung von El Lissitzky – sichern, so lange er noch zu haben ist)

Das Buch zum Sonntag (61)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Alan Alexander Milne: Pu der Bär

Ein häufige Entwicklung in der Literaturrezeption ist das „Wandern nach unten“, womit ich meine, daß Bücher, die ursprünglich einem erwachsenen Publikum galten (Das Genre der Kinderliteratur ist weitaus jünger als man glauben mag), im Laufe der Jahrzehnte zu Jugend- oder gar Kinderliteratur wurden. Alexandre Dumas wäre da ein Beispiel, Jules Verne ein anderes. Jonathan Swift ist ein besonders krasses Beispiel, aber auch James Fenimoore Coopers erste Leser waren weitaus älter als das heutige Durchschnittsleseeintrittsalter* für diesen Autor. Hierzu noch ein kleiner Exkurs: Mir fiel auf, daß die Rezeption Melvilles hierzulande etwas schizophren ist. Einerseits gilt „Moby Dick“, wahrscheinlich zu Recht, als einer der bedeutendsten Romane der Weltliteratur und werden Übersetzungsprojekte entsprechend kritisch vom Großfeuilleton begleitet, gleichzeitig aber gibt es regalmeterweise Kinderbuchklassikerausgaben, gekürzt, bearbeitet, nacherzählt. Was soll das? Es gibt wahrhaft genug exzellente Kinderliteratur, da müssen wir nicht eine spätere Rezeption klassischer Werke durch ein, sicher wohlmeinendes, Zurechtstutzen verhindern. Denn bitte schön, wer „Moby Dick“ zehnjährig als AbenteuerKinderBuchAusgabe gelesen hat, dessen Bild ist doch geprägt. Dann noch einen anderen Zugang zu finden, geschweige denn dafür überhaupt eine Motivation aufzubringen, dürfte schwierig sein und selten geschehen.

Es kommt aber auch vor, daß eine entgegengesetzte Wanderung stattfindet. Kinderliteratur, die auch, manchmal sogar bevorzugt, von Erwachsenen gelesen wird. Joanne K. Rowling wäre da ein naheliegendes Beispiel, deren Rezepienten wohl zu einem erheblichen, wenn nicht sogar überwiegenden Teil jenseits der Volljährigkeit zu suchen sind. „Pu der Bär“, vor inzwischen 84 Jahren erschienen, gehört ebenfalls in diese Kategorie.
Was Milne auszeichnet, ist eine sehr genaue Beobachtungsgabe und ein ganz feiner Humor. Im Mittelpunkt der Geschichten steht Pu-der-Bär, „ein Bär von sehr geringem Verstand“, der mit den verschiedensten Bewohnern des Hundert-Morgen-Waldes in Freundschaft zu leben versteht und der eine ganz wunderbare Eigenschaft besitzt: Alle so zu akzeptieren, wie sie eben sind. Mögen sie nun besserwisserisch, ängstlich oder dauerdeprimiert sein.

Hier kommt nun Eduard Bär die Treppe herunter, rumpel-di-pumpel, auf dem Hinterkopf, hinter Christopher Robin. Es ist dies, soweit er weiß, die einzige Art, treppab zu gehen, aber manchmal hat er das Gefühl, als gäbe es in Wirklichkeit noch eine andere Art, wenn er nur mal einen Augenblick lang mit dem Gerumpel aufhören und darüber nachdenken könnte. Und dann hat er das Gefühl, daß es vielleicht keine andere Art gibt. Jedenfalls ist er jetzt unten angekommen und bereit dir vorgestellt zu werden. Winnie-der-Pu.

(S. 13)**

Vor der Projektionsfläche „Pu“ läßt Milne nun ein ganzes Panoptikum höchst bemerkenswerter Figuren auftreten. Auf mich machen sie den Eindruck einer Interpretation der Welt, wie sie Kindern zu eigen sein mag. So lassen sich denn in Eule, Kaninchen, I-Ah und wie sie alle heißen mögen, Karikaturen der Welt erkennen – oder eben einfach das, was in Kinderaugen davon ankommen mag. Was eben auch bedeutet, daß wir es hier keineswegs nur mit knuddeligen Liebhabekuscheltieren zu tun haben. Keineswegs sind alle Charaktere liebenswert (es gibt sogar welche, die ich rein gar nicht mag) und trotzdem wirkt die Welt irgendwie in Ordnung. Und das liegt zu einem erheblichen Teil am namengebenden Bären, der mit Verweis auf seinen geringen Verstand Dinge und Vorgänge, die er nicht versteht, einfach hinnimmt. Ein wahrlich kindliches Gemüt.
Mein persönlicher Favorit ist I-Ah, ein stets deprimierter Esel. Den möchte ich einmal kurz vorstellen:

I-Ah, der alte graue Esel, stand am Bach und betrachtete sich im Wasser.
„Ein Bild des Jammers“, sagte er. „Genau. Ein Bild des Jammers.“ Er drehte sich um und ging langsam zwanzig Meter am Bach entlang, durchquerte ihn platschend und ging langsam auf der anderen Seite wieder zurück.
„Wie ich mir gedacht hatte“, sagte er. „Von dieser Seite auch nicht besser. Aber das stört niemanden. Es macht keinem was aus. Ein Bild des Jammers, aber genau.“
Es raschelte im Farn hinter ihm, und heraus kam Pu.
„Guten Morgen, I-Ah“, sagte Pu.
„Guten Morgen, Pu Bär“, sagte I-Ah düster. „Falls es ein guter Morgen ist„, sagte er. „Was ich bezweifle“, sagte er.
„Warum, was ist denn los?“
„Nichts, Pu Bär, nichts. Nicht jeder kann es, und mancher läßt es ganz. Das ist der ganze Witz.“
„Nicht jeder kann was?“ sagte Pu und rieb sich die Nase.
„Frohsinn. Gesang und Tanz. Ringel Ringel Rosen. Darf ich bitten, mein Fräulein.“
„Aha!“ sagte Pu. Er dachte lange nach und fragte dann:
„Was sind Ringelrosen?“
„Bonno-Mi“, fuhr I-Ah düster fort. „Französisches Wort; bedeutet soviel wie Bonhomie“, erläuterte er. „Ich beklage mich ja gar nicht, aber so ist es nun mal.“

(S. 77f.)

Ja, es ist nicht so einfach mit I-Ah. Erst recht für einen Bären von sehr geringem Verstand.
Es braucht aber nicht immer eines großen Verstandes, um auf die richtige Lösung zu kommen. Daher noch eine Stelle, die sich an die Szene eben anschließt und deren letzter Satz schon seit Jahren fester Bestandteil meiner gelegentlich angebrachter Sentenzen ist:

„Ich habe gerade I-Ah gesehen“, begann er, „und der arme I-Ah ist in einem sehr traurigen Zustand, weil er heute Geburtstag hat, und niemand hat davon Notiz genommen, und er ist sehr düster – du weißt ja, wie I-Ah ist -, und da stand er nun, und… Erstaunlich, wie lange wer-auch-immer-hier-wohnt braucht, um an die Tür zu gehen.“ Und er klopfte noch einmal.
„Aber, Pu!“ sagte Ferkel. „Das ist doch dein Haus!“
„Oh!“ sagte Pu. „Mein Haus“, sagte er. Dann wollen wir doch mal eintreten.“
Also traten sie ein. Als erstes ging Pu an den Schrank, um zu sehen, ob er noch einen ganz kleinen Topf Honig übrig hatte; er hatte noch einen, und er nahm ihn aus dem Schrank.
„Dies werde ich I-Ah schenken“, erklärte er, „als Geschenk. Was wirst du ihm schenken?“
„Könnte ich es nicht mitschenken?“ sagte Ferkel. „Von uns beiden?“
„Nein“, sagte Pu. „Das wäre kein guter Plan.“
„Na gut, dann schenke ich ihm einen Ballon. Ich habe noch einen von meiner Party übrig. Ich gehe jetzt los und hole ihn, ja?“
„Das, Ferkel, ist eine sehr gute Idee. Das ist genau as, was sich I-Ah zur Aufheiterung wünscht. Niemand kann mit einem Ballon unaufgeheitert bleiben.“

(S. 81ff.)

Niemand kann mit einem Ballon unaufgeheitert bleiben. So isses.
Also, liebe geneigte Leserschaft, öffnet eure Herzen und laßt diesen Bären ein. Ihr werdet es nicht bereuen. Auch wenn meine Empfehlung nicht immer so geklungen haben mag, dieses Büchlein ist derartig kitschfrei wie es keineswegs selbstverständlich für Kinderliteratur ist. Selbst Disney hat es nicht geschafft, die Charaktere kaputt zu kriegen. Und vielleicht liegt da auch der Schlüssel für die andauernde Begeisterung, die dieses Buch hervorruft.

Natürlich soll auch heute der Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben

nicht fehlen, allerdings dieses Mal mit einem dringenden Hinweis:
Ausnahmsweise sei empfohlen, das Buch nicht zuerst selbst zu lesen, sondern es sich vom grandios lesenden Harry Rowohlt vorlesen zu lassen.


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*tolles Wort, was?
zitiert nach: Milne, A.A.: Pu der Bär. übersetzt von Harry Rowohlt. dtv München. 3. Auflage 1997.

Das Buch zum Sonntag (60)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Juli Zeh: Adler und Engel

Juli Zeh halte ich für eine der interessantesten jüngeren Schriftstellerinnen, weshalb sie hier bereits auch schon sehr zeitig einmal empfohlen wurde. Und wie seinerzeit versprochen, so soll auch ihr Debutroman in dieser beliebten Wochenendrubrik eine Rolle spielen. Wie das manchmal so geht im Buchhändlerleben, trudelte das Buch als Leseexemplar anläßlich der Taschenbuchausgabe in der Buchhandlung ein. Im Jahre 2003 lebten wir noch in der großen Zeit, als kleine pelzige Wesen von Alpha Centauri noch richtige kleine pelzige Wesen von Alpha Centauri waren und also die Publikumsverlage noch nicht ausschließlich die 25. Variante ihrer bereits hinlänglich bekannten Bücher bewarben, so daß es dem geneigten Buchhändler also durchaus noch gelingen konnte, Interessantes oder Neues aus der LEX-Kiste zu fischen. Nun war die damals immerhin schon mit dem Deutschen Bücherpreis dekorierte Frau Zeh keine wahre Neuentdeckung mehr, aber immerhin: Ich hatte sie noch nicht gelesen.
Was ich dann las, beeindruckte mich nachhaltig.
In meiner mir selbst zusammengebauten Idealwelt fördert das juristische Studium ein genaues, exaktes und konsequentes Denken. Das Debüt der Juristin J. Zeh taugt zumindest nicht als Gegenbeweis.
Sie erzählt uns von Max, einem keineswegs erfolglosen Anwalt, der durch den Tod seiner Freundin Jessie völlig aus der Bahn geworfen wurde und nun, zurückgeworfen auf sich selbst, mit dem Leben abgeschlossen zu haben meint. In diese Situation nun platzt die Radiomoderatorin Clara.
Und eh jetzt in der geneigten Leserschaft ein falsches Bild entsteht („Agathe liebkoste die entblätterte Rose und ließ sich auch durch das Zureden des Assessors von Waldern nicht trösten… Seite 95″*), ein erstes Zitat:

Aber sie hat diese unverkennbare Stimme, deren beleidigter Klang sich immer auf die Ungerechtigkeit der Welt im Ganzen zu beziehen scheint, während sie den albernen Geschichten ihre Anrufer zuhört. Es sind vor allem Männer. Sie hört sie an und macht ab und zu Hmhm-hmhm, dasselbe tiefe, brummende Hmhm, mit dem ihre Mütter sie in den Armen gewiegt haben. Manche fangen an zu heulen. Ich nicht. Dafür begeisterte mich von Anfang an die unglaubliche Kälte, mit der sie ihre schluchzenden Anrufer mitten im Satz abwürgt, wenn sie die vorgeschriebenen drei Minuten Sprechzeit überschritten haben. Sie muss grausamer sein als die Inquisition. Schon vor Monaten, lange bevor ich selbst eine alberne Story zu erzählen hatte, habe ich mir angewöhnt, sie Mittwoch- und Sonntagnacht einzuschalten.

(S. 10)**

Clara also taucht einfach bei ihm auf und was nun folgt ist eine wilde Reise durch Europa und Maxens Vergangenheit, die dieser keineswegs freiwillig unternimmt, sondern von der unbeirrbaren Clara, die auf der Suche nach der ganzen „albernen Geschichte“ ist, getrieben wird. Denn auch Psychologinnen müssen mal eine Diplomarbeit schreiben.
Die sich in vielen Rückblenden stückweise offenbarende Geschichte des Aufstiegs und Falls eines talentierten Völkerrechtlers ist geradezu bizarr, sehr verworren und bevölkert mit höchst merkwürdigen Figuren. Kaum geeignet als entspannende Feierabendlektüre, verschont uns die Autorin mit keinem Drogenexzeß ihres Protagonisten, mit keiner Brutalität seines Erlebens und Handelns. Kompromißlos wird hier erzählt, nicht detailarm, aber ohne unnötiges Abschweifen ins Ungefähre, Unbestimmte. Damit gelingt es ihr, einen sehr dichten Roman zu schreiben, dessen Lesegewinn für Spannungsliteratur eher untypisch ist. Keineswegs macht es den Hauptreiz aus, die Geschichte zu entwirren, die Fäden aufzudröseln und das Puzzle zusammenzusetzen – es sind eher die unzähligen Denkanstöße, die Frau Zeh dem geneigten Lesenden mitgibt. Immer wieder taucht ein neuer Aspekt auf, über den nachzudenken lohnt, so daß am Ende der Eindruck entsteht, weit mehr als nur ein Buch gelesen zu haben (also, wer mag, kann sich hier zum Beispiel auch einige profunde Kenntnisse des Völkerrechts abholen…)

Ich starre ihr ins Gesicht. Sie trampelt von einem Fuß auf den anderen. Sie regt mich auf, als wäre sie eins von Jessie und Shershahs nicht im Brunnen ertrunkenen Kindern und ich nicht dazu berechtigt, ihr den Hals umzudrehen.
Ich mache es, sage ich, wenn du auf der Stelle dein stinkendes T-Shirt und deinen BH ausziehst und nackt drei Mal auf und nieder hüpfst.
Sie hört sofort auf zu trampeln.
Was soll denn der Scheiß, fragt sie, erregt dich das irgendwie körperlich?
Unsinn, sage ich, du bist schon im bekleideten Zustand in der Lage, alle männliche Potenz im Umkreis von hundert Metern zu vernichten.
Soweit ich weiß, sagt sie, ist das bei dir gar nicht mehr nötig.
Stimmt genau, sage ich, folglich habe ich nichts zu verlieren. Ich will mir nur noch einmal klar vor Augen führen, dass du wirklich nicht den geringsten Funken Selbstachtung besitzt.
Ach so, sagt sie, das kannst du gerne haben.

(S. 194)

Grenzen und wann und wie sie zu überschreiten sind, was Regeln eigentlich für das gesellschaftliche und persönliche Miteinander bedeuten und was sie wie lange aushalten – ein Themenkreis, von dem sich durchaus behaupten läßt, daß er in Juli Zehs Werk eine zentrale Rolle einnimmt. Spannend bei ihr ist, daß sie das sehr genau und sehr tiefgründig auslotet. Sie selbst läßt ihre Figuren Grenzen überschreiten, um zu beobachten, was dann geschieht. Interessanterweise aber ohne dabei selbst die Kontrolle abzugeben.
Letztlich bleibt für mich „Adler und Engel“ eine Leseerfahrung, die durchaus physisch zu beschreiben wäre (ihr wißt schon, „umhauen“, „wegziehen“ und so weiter) und der Eintritt in die Denkwelt einer faszinierenden Autorin.
Und zum Schluß noch einmal eine Szene, die mir auch nach 7 Jahren nicht aus dem Kopf will:

Du willst ein Zimmer deiner eigenen Wohnung nie wieder betreten, fragt sie, und das in einer Drei-Zimmer-Wohnung?
Halts Maul, brülle ich.
Ich lasse eine Hand lach auf den Tisch fallen, dass der Kaffeelöffel auf den Boden hüpft.
Dann hast Du nir noch zwei Zimmer, sagt sie.
Nur noch eins, flüstere ich, es sit in einem Durchgangszimmer passiert.
Das solltest du dir noch einmal überlegen, sagt sie.
Ich erhebe mich leicht von meinem Stuhl, um besser ausholen zu können, und schlage ihr mit dem Handrücken quer über den Mund. Ihr Kopf wird zur Seite geschleudert, und der Zopf, den sie gerade erst locker zusammengebunden hatt, löst sich unterwegs, die Haare fliegen durch die Luft und fallen wirr über Gesicht und Schultern. In Zeitlupe hätte das mit Sicherheit gut ausgesehen. Wie eine Shampoo-Werbung. Ich stehe auf und gehe zum Fenster, um ihr Zeit zu geben, ihr Haar wieder in Ordnung zu bringen. Rechts unten in der Ecke sind drei Marienkäfer in einem tüllartigen Spinnennetz verendet, alle mit der gleichen Anzahl von Punkten auf dem Rücken. Ich frage mich, ob irgendeine Spinne auf der Welt in der Lage ist, an das Weiche, Essbare in ihrem Inneren heranzukommen.

(S. 15f.)

Wie sehr leicht zu erkennen, keine Lektüre für die Freunde feinfühliger Jane-Austen-Romane. Lieferbar ist der Roman in

diesen Ausgaben.


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*aus: Kreuzworträtsel mit Gewalt. in: Werke und Briefe: 1930. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 7608 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 8, S. 185)
zitiert nach: Zeh, Juli: Adler und Engel. btb bei Goldmann. München 2003

Das Buch zum Sonntag (59)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Joachim Wilhelm von Brawe: Brutus

Bühnenwerke gehören auf die Bühne. Nur wenige Menschen kämen auf die Idee, vor Besuch eines Lichtspielhauses sich zunächst einmal das Drehbuch zu besorgen und dieses intensiv zu lesen, zu interpretieren und überhaupt mal so richtig durchzuarbeiten. Nein, wenn überhaupt, dann findet solch tiefgehende Rezeption erst nach dem Filmbesuch statt, weil der Film entsprechend beeindruckte oder eben sonst ein weitergehendes Interesse verursachte.
Generationen von Schülern aber lesen Schillers „Kabale und Liebe“ von vorne bis hinten, in verteilten Rollen, abschnittsweise und unter wohlmeinender Begleitung von Königs Erläuterungen (bitte ggf. durch die jeweils bevorzugte Interpretationshilfe ersetzen). Da wird also intensiv das Drama durchleuchtet und wenn die Schüler schon brav waren, dann dürfen sie das auf diese Weise bereits gedanklich sezierte Stück auch mal im Theater sehen. Woraufhin sich die Lehrenden wundern, daß bei den wenigsten sich Begeisterung einstellen mag. Was natürlich an der schlimmen Jugend liegt, die mal wieder kein Verständnis für wahre Kunst hat. Ich behaupte aber im Gegenzug: Würden die Schüler zu jeder gelesenen Szene ein Bild im Kopf haben, die Worte beim Lesen im Kopf verbinden können mit der Darstellung auf der Bühne – dann stellte sich ein ganz anderer Umgang mit dem Stück ein. Weil selbstverständlich der Eindruck ein ganz anderer ist. Kopf und Herz sind noch frei und empfänglich für die Schauspielkunst und noch nicht besetzt von germanistischen Interpretationsdiskursen. Was nebenbei gerade bei Schiller, der doch so auf die Empfänglichkeit des Zuschauers setzt, überaus tragisch ist. Aber gut, man kann vielleicht nicht von jedem erwarten, daß er die Interpretationen, die er predigt, vorher auch schon mal verstanden hat.

Insofern mag es die geneigte Leserschaft also verwundern, daß ich heute ein Drama zur Lektüre empfehle. Ich täte dies auch nicht, läge seine letzte Aufführung nicht bereits über 200 Jahre zurück und bestünde ernsthafte Aussicht, daß eine Wiederaufführung in naher Zukunft zu erwarten wäre. Vor die Wahl gestellt zwischen Lesen oder gar nicht erst zur Kenntnis nehmen, erstrahlt das Lesen natürlich mit wunderbarer Gloriole.
Von Joachim Wilhelm von Brawe gibt es zwei Dramen, den „Freygeist“ und eben den „Brutus“. Während es der „Freygeist“ in das Repertoire vieler deutscher Bühnen seiner Zeit schaffte, blieb vergleichbarer Ruhm seinem Zweitwerk verwehrt. Doch dazu später mehr.
Im „Brutus“ erzählt Brawe die Geschichte eines Mannes, der sich als Rächer eines von einem übermächtigen Imperium unterdrückten Volkes sieht, sich zu diesem Behufe in eben jenes integriert, als Bürger Vertrauen gewinnt, um dann in einer entscheidenden Situation mit einer einzigen Aktion Rache zu üben, dabei sein eigenes Leben opfernd.
Nicht gerade das typische Setting des Aufklärungsdramas, nicht wahr? Und genau deshalb verdient es weit mehr Aufmerksamkeit als die, zugegebener Maßen steigende, Beachtung in literaturhistorischen Zirkeln.
Was Brawe hier in seiner Verquickung von Gründungsmythen, Sendungsbewußtsein und persönlichen Konflikten anstellt, ist höchst faszinierend. Die Guten und Wahrhaften, die strahlenden Helden sind hier überhaupt nicht mehr vorhanden. Ein jeder irrt, fehlt und richtet Unheil an. Er zeichnet das Bild einer sich im scheinbaren Abwehrkampf gegen zerstörerische Tendenzen selbst zerstörenden Welt, in der jeder meint, die einzige Wahrheit zu kennen und bereit ist, diese durchzusetzen.

[…]Versöhnst Du so
Den Zorn, den deine Weichlichkeit gereizt,
Vermeßner? sprichst du durch dieß freche Lob
Noch meinem Hasse Hohn? Ruft nicht das Blut,
Das in dir glüht, zur Rache dich? War es
In jenem Krieg´, als Roms unmenschlich Joch
Italien zum alten Muthe zwang,
Nicht Brutus Vater, der mein ganz Geschlecht
Vertilgte, weil es nicht der Römer Stolz
Vergötternd ehrte, weil ihm der Geist
Des freyen Samniums erwachte? – Tag
Des Grauns! Verhaßter Tag! als dieser Held,
Mein Vater, und um ihn ein blühend Chor
Ihm gleicher Söhne von dem stolzen Beil,
Das schon so oft vom Mord der Edelsten
Geraucht, ertödtet fielen, als mich selbst
Die glückliche Verachtung kaum erhielt,
Die meine Kindheit traf, als mich das Blut
Des Vaters überfloß, und Rache bat.
O Tag! Nein, dich vergeß ich nie – […]

(I/6, 231-249)*

Zum Zeitpunkt des Geschehens (wir befinden uns im Vorfeld der Schlacht bei Philippi) liegen diese Ereignisse nun schon knapp ein halbes Jahrhundert zurück, aber solche Kleinigkeiten hindern ja auch heute niemanden daran, sich Gründe für seinen überbordenden Haß zurechtzulegen.
Und auch heute noch finden sich Leute, die auf ihre superschlauen Pläne, mit denen sie die Offenheit und Toleranz einer Gesellschaft zu ihren Zwecken ausnutzen, furchtbar stolz sind (selten übrigens macht diese Formulierung derart Sinn):

[…]Erblick in mir
Der Römer größten Feind, den Samnier.
Ihr schläfertet zu niederträchtger Ruh
Und feigem Frieden zwar Italien,
Durch eure Tyranney empöret, ein;
Gehorsam trug ihr Joch die Erde: nur
Nicht ich; in mir nur lebte noch der Krieg,
Dem hofnungslos die Nationen feig´
Entsagten. Euch bekämpfte nur verdeckt
Mein Haß, da öffentlich stets wider ihn
Roms stolzer Genius den Sieg erstritt.
Mir war dieß stolze Bürgerrecht, das ihr
Mir gabt, zu eurem Fall ein günstger Weg.
Ich säete durch eifersüchtge Furcht
Zukünftgen Krieg in eurer Großen Herz.

(IV/7, 1270-1284)

In den Nachrufen auf den gerade einmal zwanzigjährig verstorbenen Dramatiker wurde das zeitige Ableben eines der größten Talente seiner Zeit betrauert. Und auch wenn ich nach dem „Brutus“ geneigt bin, zu glauben, daß er es nicht leicht gehabt hätte. Denn ob das durch Tucholsky vermittelte Credo Jacobsohns, Erfolg sei Mißverständnis, auch für das 18. Jahrhundert gilt, vermag ich nicht zu beurteilen, auf jeden Fall aber gilt es für den Mißerfolg. Damals wie heute. Und nach allem, was ich bisher über die zeitgenössische Rezeption lesen konnte, deutet doch vieles darauf hin, daß Brawes Hang zum „genialisch-fundamentalistischen Rächer“** auf Dauer wenig Verständnis seines bürgerlichen Publikums erwarten durfte. Nach der Lektüre des „Brutus“ jedenfalls bedauerte ich sein frühes Versterben durchaus auch aus egoistischen Motiven: Ich hätte gar zu gerne noch mehr von ihm gelesen – oder gar gesehen.
Schließen möchte ich mit einem Zitat aus dem Nachwort der 2007er Ausgabe des „Brutus“:

Lessing´scher Humor oder eine ähnliche Brechung sucht man in den Stücken Brawes vergebens, denn er ist in der Umsetzung seiner thematischen Obsession radikal. Wo gerächt wird, gibt es nichts zu lachen.

(S.87)

Und natürlich für die kaufwilligen Lesenden auch einen Verweis auf die

lieferbare Ausgabe.


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*zitiert nach: Brawe, J.W.v.: Brutus. Ille & Riemer. Leipzig/Weißenfels 2007
**Frank Fischer

Das Buch zum Sonntag (58)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Gaius Iulius Caesar: Der gallische Krieg

Die Eroberung Galliens durch die römischen Truppen unter Caesar ist ja hinlänglich bekannt. „Ganz Gallien ist von den Römern besetzt…“ bis auf ein paar übermütige gallier, die den römischen Helden mit „Morgen, Julius!“ begrüßen und im Übrigen Herakles für einen Milchmann halten.
Ehe allerdings die bekannten französischen Historiker Goscinny und Uderzo zu ihrer überzeugenden Darstellung der Ereignisse im Jahre 50 v.u.Z. gelangten, bedurfte es eines umfangreichen Quellenstudiums. Eine der spannendsten Quellen und ein auch außerhalb des unmittelbaren historischen Interesses unbedingt zu empfehlendes Werk sind die Commentarii de Bello Gallico des Prokonsuls Caesar.
Da es sich hier nicht um ein origenes literarisches Werk handelt, ein paar wenige Hintergrundinformationen, die helfen, die Großartigkeit dieser Schrift zu erkennen.
Caesar war für 5 Jahre als Statthalter* in Gallia Cisalpina (so in etwa das heutige Norditalien und ein Stück Istrien) und Gallia Narbonensis (das ist so ziemlich die heutige Provence) eingesetzt. Der Regst dessen, was im heutigen Gedächtnis als „Ganz Gallien“ firmiert, war zu diesem Zeitpunkt (58 v.u.Z.) noch frei von römischer Herrschaft und buntes Stammesgebiet. Nun bestand die Hauptaufgabe von Statthaltern in Grenzprovinzen vorrangig im Schutz des Imperiums, den Caesar aber etwas weitgehend interpretierte. Er nutze die erstbeste Gelegenheit, um einem mit Rom befreundeten Gallierstamm zu Hilfe zu eilen, als dieser von einem anderen Stamm angegriffen wurde. Natürlich diente das ausschließlich dem Schutze Roms und nach erfolgreichem Zurückschlagen der Angreifer in ihr angestammtes Gebiet** blieb er dann gleich mal da. Nur zum Schutz natürlich. Eine Methode, die auch heutige Imperien noch gerne verwenden. Wenn sie einmal da sind, wird man sie nur schwer wieder los.
Caesar hatte allerdings in Rom nicht nur Freunde, was der Endpunkt seiner Biographie ja auch nahe legt, und war zudem verpflichtet, dem Senat daheim über seine Tätigkeit zu berichten. Aus diesen Berichten nun entstand das heute empfohlene Werk. Mit dem Wissen im Hintergrund, daß hier jemand sein keineswegs im Einklang mit geltendem Recht stehendes Verhalten zu rechtfetigen sucht, ließt sich das ganze noch einmal vergnüglicher.

Von all diesen sind die Belger die tapfersten, weil sie von der Verfeinerung und Kultur unserer Provinz am weitesten entfernt sind, nur ganz selten Kaufleute zu ihnen kommen und verweichlichende Waren einführen, auch weil sie nächste Nachbarn der Germanen rechts des Rheins sind, mit denen sie ständig Krieg führen. Aus diesem Grund sind auch die Helvetier tapferer als die übrigen Gallier, da sie fast täglich in Gefechte mit den Germanen verwickelt sind, indem sie diese von ihren Grenzen abwehren oder selbst in deren Land Krieg führen.

(S. 7)

Neben einer gelungenen Ohrfeige für die Senatoren daheim, deren Lebensführung ja noch weitaus verfeienerter und kultivierter ist als diejenige in der Provinz, zeichnet uns GI Caesar in wenigen Worten ein wahres Schreckensbild der Bewohner dieses barbarischen Galliens. Die Leute dort haben also nichts anderes zu tun, als sich permanent mit den schrecklichen germanen zu prügeln und die Helvetier gar noch fast täglich, ja noch schlimmer, die wagen es sogar, sie anzugreifen. Man hat den Schauder der gutmütigen Senatoren geradezu bildlich vor Augen. Diese Barbaren…
In den folgenden Kapiteln wird dieses Bild der kriegslüsternen und verräterischen Helvetier weiter gestrickt, der unaufmerksame Leser wird schnell den Eindruck gewinnen, bei ihnen handele es sich um pathologische Brandstifter, die nur darauf warteten, dem römischen Reich oder seinen Verbündeten zu schaden und überhaupt eine Gefahr für den Weltfrieden darstellen.
Was die Jungs aus den Schweizer Bergen tatsächlich wollten, war ein neues Siedlungsgebiet zu finden, wozu sie in Verhandlungen mit diversen gallischen Stämmen standen. Liest sich beim guten Caesar allerdings nur zwischen den Zeilen, was allerdings das intellektuelle Vergnügen beim Dechiffrieren erhöht.

Da sie allein die Sequaner nicht bereden konnten, schickten sie Gesandte an den Häduer Dumnorix, um durch seine Fürsprache von ihnen die Erlaubnis zu erhalten. Dumnorix besaß durch Beliebtheit und Freigebigkeit bei den Sequanern großen Einfluß und war auch ein Freund der Helvetier, weil er aus ihrem Stamm die Tochter des Orgetorix geheiratet hatte; und da er die Königswürde anstrebte, wünschte er einen Umsturz und wollte sich möglichst viele Stämme durch persönliche Gefälligkeit verpflichten. Er übernahm also den Auftrag, bestimmte die Sequaner, die Helvetier durch irh Gebiet ziehen zu lassen, und veranlaßte sie, Geiseln untereinander auszutauschen, die Squaner für ungehinderten Durchzug der Helvetier, die Helvetier für einen Marsch ohne Gewalt und Rechtsverletzung.

(S. 17)

Böse Ränke werden da also geschmiedet, hinterhältige Ehrgeizlinge bestechen fremde Stämme zur Erlangung persönlicher Vorteile. Und das alles vor den Augen Roms. Gruselig. Da kann es nur eine Reaktion geben:

Caesar erhält Nachricht, die Helvetier wollten durch das Land der Sequaner und Häduer ins Gebiet der Santoner ziehen, die in der Nachbarschaft von Tolosa wohnen, das schon zur Proviinz gehört. Damit war, wie er erkannte, die große Gefahr für die Provinz verbunden, kriegslustige Menschen und feinde des römischen Volkes in einer sehr fruchtbaren Gegend mit offenen Grenzen als Nachbarn zu bekommen. Er übergibt deshalb den Oberbefehl über die angelegte Befestigung dem Legaten Titus Labienus und eilt selbst in großen Tagesstrecken nach Oberitalien. Hier hebt er zwei Legionen aus, führt drei Legionen aus den Winterquartieren bei Aquileia und eilt mit diesen fünf Legionen auf kürzestem Weg über die Alpen ins jenseitige Gallien. In den Alpen besetzten die Keutronen, Graiokeler und Katurigen beherrschende Punkte und versuchten, dem Heer den Weg zu versperren. Caesar schlug sie in mehreren Gefechten und kam von Ocelum, dem letzten Ort der diesseitigen Provinz, nach sechs Tagen ins Gebiet der Vokontier im jenseitigen Gallien;

(S. 17)

Puh. Da hat Rom aber nochmal Glück gehabt, daß dieser Caesar da so schnell reagiert hat. Und bemerkt man die Hinterhältigkeit der gallier nicht auch daran, daß sie sich ihm in den Weg stellen wollten, als er zur Rettung Roms mal eben schnell durch ihr Gebiet musste? Ganz üble Burschen.
Beinahe hätten doch da die Gallier eine gallische Angelegenheit nach gallischer Sitte untereinander geregelt. Das geht ja mal gar nicht. Da blieb Caesar gar keine andere Wahl, hier waren klar römische Interessen in Gefahr, da musste man eben auch mal ein paar Verträge ignorieren, sonst würden die verräterischen und vertragsbrüchigen Helvetier ja ganz in der Nähe von Nachbarn wohnen.

Man darf davon ausgehen, daß nicht alle Senatoren auf Caesars Vernebelungstaktik hereinfielen, aber ich bin sicher, bei etlichen verfehlte seine Rhetorik ihre Wirkung nicht. Und mir jedenfalls ist es immer eine freude, wenn ich ihn erwische und mir denke: „Moment mal, da war doch aber…“)
Was im oben zitierten Beispiel auch recht deutlich wird, ist Caesars präziser, schnörkelloser Stil (übrigens: immer in der dritten Person – es handelt sich ja auch ganz klar um den sachlichen bericht eines Außenstehenden 😉 ). Der macht vor allem dann Spaß, wenn die Geschehnisse an Fahrt gewinnen, denn dann geht es auch im Text Schlag auf Schlag. Und Verhandlungen wirken zwar im Vergleich durchaus zäh, bleiben aber stets gut lesbar. Bemerkenswert finde ich auch seinen konsequenten Verzicht auf Umschreibungen oder Synonyme aus stilistischen gründen. Nö, wenn aufgebrochen wird, dann wird eben aufgebrochen. Da reist man nicht ab oder begibt sich woanders hin – nein, man bricht auf. Für Sprachästheten sicher grenzwertig, aber die können sich ja gerne Alternativen denken.
Was übrigens für Lateinschüler den Vorteil hat, daß die Hälfte des Textes schon mal übersetzt ist, wenn man einmal „proficisci“ kapiert hat. 😉

In Sachen Selbstbeweihräucherung ist mir der Churchill zwar näher, aber auch hier handelt es sich um ein großartiges Werk der politischen Memoiren, einem Genre, in dem zugegebener Maßen recht heftig gedroschen werden muß, eh die Spreu sich vom Weizen trennen läßt.

Zum Schluß noch der Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

Für eine Einschätzung der besten Übersetzung sehe ich mich nicht in der Lage, dafür habe ich mein AltphilologieStudium etwas zu zeitig abgebrochen. Verwendet für die obigen Zitate habe ich die Tusculum-Ausgabe, die es glücklicherweise auch als Studienausgabe gibt:

C. Iulius Caesar: Der Gallische Krieg / De Bello Gallico. Lateinisch-deutsch. hrsg. und übersetzt von Otto Schönberger. Artemis & Winkler Düsseldorf / Zürich. 7. Auflage 2009. ISBN: 978-3-7608-1352-3


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*er erhielt außerdem noch Illyricum, aber der Balkan interessiert in diesem Zusammenhang nur peripher. 😉
**die Helvetier. Bekanntermaßen sind die seitdem dort auch nicht mehr rausgekommen.

Das Buch zum Sonntag (57)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Wladimir Kaminer: Russendisko

Bereits in den ersten Wochen dieser Buchempfehlungsreihe wurde aus der geneigten Leserschaft der Wunsch an mich herangetragen, auch einmal Literatur zu empfehlen, die nicht zu ergründen sucht, was die Welt im Innersten zusammenhält. Und da ich schon immer mal den Satz „Auf Wunsch einer einzelnen Dame“ schreiben wollte, soll es heute also einmal nicht problemschwanger zugehen.
Auf Wunsch einer einzelnen Dame empfehle ich der geneigten Leserschaft heute eine Erzählungssammlung, auf deren Autor ich durch das wohlbekannte Morgenmagazin des öffentlich-rechtlichen Fernsehfunks aufmerksam wurde. Als er dort 2001 die Rubrik „Kaminer in Berlin“ gestaltete und über das Berliner Leben aus seiner Sicht berichtete, überschritt er meine Interessensschwelle, die damals Bestellertiteln gegenüber noch weit höher lag als heute, da ich seinerzeit noch sehr intensiv die Hochnäsigkeit des sich für intellektuell haltenden Lesers pflegte, der also jegliche Literatur, die hohe Verkaufszahlen erreicht, zwangsläufig für minderwertig hält.
„Russendisko“ ist das Debut dieses offenbar hyperaktiven Kunstschaffenden, denn in den letzten 10 Jahren sind nicht weniger als 14 weitere Bücher von ihm erschienen – neben diversen Kulturprojekten, die er, wie die titelgebende „Russendisko“, auch noch betreibt. Redundanzen sind dabei zwangsläufig, schließlich lautet sein Schaffensmotto: „Nie etwas ausdenken, sondern dem Leben vertrauen.“ – und so bunt ein Leben auch sein mag, manchmal wiederholt sich dann doch die eine oder andere Geschichte. Was aber wiederum ja seinem Motto entspricht, was jeder, der schon einmal Großmutters Lebensgeschichten lauschte, bestätigen kann.
„Russendisko“ empfehle ich aus diesem umfangreichen Oeuvre deshalb, weil hier der lakonische Stil Kaminers noch am ausgeprägtesten ist – und daher wunderbar mit den teilweise absurden Geschichten, die er erzählt, kontrastiert.
Im heute empfohlenen Werk erfahren wir viel über seine Ankunftszeit in Deutschland (1990) und die ersten Jahre hier, seine Kinder- und Jugendzeit in der Sowjetunion und seine bemerkenswerte Familie.
Auch wenn Christoph Links mit seinem Titel „Das wunderbare Jahr der Anarchie“ etwas anderes meint, so scheint er mir doch treffend zu sein, für das, was sich in den Monaten vor dem Oktober 1990 abspielte.

Wir drei waren vom Leben im Heim nicht sonderlich begeistert und suchten eine Alternative. Der Prenzlauer Berg galt damals als Geheimtipp für alle Wohnungssuchenden, dort war der Zauber der Wende noch nicht vorbei. Die Einheimischen hauten in Scharen nach Westen ab, ihre Wohnungen waren frei, aber noch mit allen möglichen Sachen voll gestellt. Gleichzeitig kam eine wahre Gegenwelle aus dem Westen in die Gegend: Punks, Ausländer und Anhänger der Kirche der Heiligen Mutter, schräge Typen und Lebenskünstler aller Art. Sie besetzten die Wohnungen, warfen die zurückgelassene Modelleisenbahn auf den Müll, rissen die Tapeten ab und brachen die Wände durch. Die Kommunale Wohnungsverwaltung hatte keinen Überblick mehr. Wir drei liefen von einem haus zum anderen und schauten durch die Fenster. Andrej wurde glücklicher Besitzer einer Zweizimmerwohnung in der Stargarder Straße, mit Innentoilette und Duschkabine. Mischa fand in der Greifenhagener Straße eine leere Wohnung, zwar ohne Klo und Dusche, aber dafür mit einer RFT-Musikanlage und großen Boxen, was seinen Interessen auch viel mehr entsprach. Ich zog in die Lychener Straße. Herr Palast, dessen Name noch auf dem Türschild stand, hatte es sehr eilig gehabt. Nahezu alles hatte er zurückgelassen: sdaubere Bettwäsche, ein Thermometer am Fenster, einen kleinen Kühlschrank, sogar Zahnpasta lag noch in der Küche auf dem Tisch. Etwas zu spät möchte ich Herrn Palast für dies alles danken. Besonders dankbar bin ich ihm für den selbst gebauten Durchlauferhitzer, ein wahres Wunder der Technik.

(S. 28f.)*

Liest man Kaminer, so gewinnt man tatsächlich den Eindruck, daß bei aller Abgedroschenheit des dazu passenden Spruchs die literarische Verfremdung des eigenen Erlebens doch gelegentlich überbewertet wird. Er wirkt auf mich wie ein staunendes, höchst aufmerksames Kind, das mit großen Augen und gespitzten Ohren durch das das Leben geht und abends erzählt, was tagsüber so alles gesehen und gehört hat. So kommt denn eine Merkwürdigkeit zur nächsten. Dieses Buch ist voller bemerkenswerter Figuren und ihrer eigenartigen Lebensgeschichten. Kaminer begegnet erstmals in seinem Leben einem Franzosen, soll für einen Clubmanager eine „russische Liebesgelegenheit“ organisieren und hilft einer Bekannten, einen Fluch loszuwerden. In diese Geschichte hören wir noch einmal kurz rein:

Wir fanden die Geschichte ziemlich komisch, denn seit Ewigkeiten hatte Marina die Kulturlosigkeit ihres Mannes bekämpft. Er saß immer nur zu Hause vor dem Fernseher und zeigte keinerlei Interesse am intellektuellen öffentlichen Leben. Und was passierte? Der Kerl gab irgendwann nach, ging ins Ballett und fiel prompt auf die erste Tänzerin herein, die er in seinem Leben gesehen hatte. Man hätte die Reaktion eines 45-jährigen Mannes, der vorher noch nie eine Ballerina aus der Nähe gesehen hatte, voraussehen können. Allerdings befand Marina, dass sie verhext sei, nämlich von der verstorben Mutter ihres ersten Mannes, und dass sie bestimmt sterben müsse, wenn es uns nicht gelänge, für sie in Berlin eine Hexe zu finden, die sie wieder fit machte.
Da ich mich auf dem Hexensektor überhaupt nicht auskannte, wandte ich mich an einen Freund, der in der Familie als ortskundig galt. Er schlug uns gleich zwei Hexen vor, die seiner Meinung nach dieser Aufgabe gewachsen seien: Eine chinesische und eine afrikanische.

(S. 68f.)

Diese unaufgeregte Erzählweise, die ganz darauf vertraut, daß die Absurdität menschlichen Verhaltens allein die Geschichten trägt, schafft eine ironische Distanz, die dem geneigten Lesenden ein andauerndes Schmunzeln auf die Lippen zaubert. Und ich zumindest bekam eine ungefähre Vorstellung, warum Berlin für viele derart anziehend ist und es schwer fällt, einmal dort angekommen, wieder wegzuziehen.
Trotzdem aber, auch wenn ich damit dem Wunsch der oben erwähnten Dame eventuell mal wieder zuwiderlaufe**, es steckt doch etwas mehr drin in so manchen Erzählungen. Man muß nur genau zuhören.
Es steht aber jedem frei, sie einfach als Erzählungen zu lesen, die ein Schlaglicht werfen auf das Leben in einer deutschen Großstadt. Und inwieweit man über das Leben nachdenken möchte, sei jedem selbst überlassen.

Ich wünsche jedenfalls viel Vergnügen mit einer der

lieferbaren Ausgaben.

P.S. Sehr viel Freude macht übrigens auch Kaminers titelgebende Veranstaltungsreihe „Russendisko“ selbst. Mit seinem Gespür für Absurditäten stellt er höchst bemerkenswerte Erzeugnisse osteuropäischer Musik vor. In Leipzig zum Beispiel das nächste Mal am 2. Oktober. Wer Interesse hat, sollte nicht zu lange zögern, die Karten sind erfahrungsgemäß schnell weg.


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*zitiert nach: Kaminer, Wladimir: Russendisko. Manhattan im Wilhelm Goldmann Verlag. München 2002
**Deutschlehrer dieser Welt: Die CC-Lizenz läßt es unproblematisch zu, dieses Beispiel für die Gegenüberstellung der Verwendung von „wieder“ und „wider“ zu benutzen. Gern geschehen. Interessierte Schulbuchverlage dürfen sich gerne bei mir melden.

Das Buch zum Sonntag (56)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Golo Mann: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts

Die Trennung von Geschichtsschreibung und Literatur ist recht jung. Ein Wolfram von Eschenbach hätte kaum Gehör gefunden, behauptete er die Fiktionalität seines „Parzival“. Denn selbstverständlich berichtete er von wahren Ereignissen. Die Mehrdeutigkeit des Wortes „Geschichte“ ist ja kein Zufall. Genausowenig wie der zweite Literaturnobelpreis, der an einen deutschen Historiker (oder sollte ich schreiben: den deutschen Historiker? ;)) vergeben wurde.
Und so richtig und wichtig es ist, historiographische Werke auf belegbare Aussagen zu stützen, so bleibt doch festzuhalten, daß Geschichte keine exakte Wissenschaft ist – und es auch nicht sein kann. Alles, was wir zu wissen meinen, ist letztlich Interpretation. Es kann alles auch ganz anders gewesen sein.*
Das Bemühen um größtmögliche Exaktheit der Geschichtswissenschaft führte gerade im zwanzigsten Jahrhundert zu einer Verödung der Sprache und einer gerade unlesbar zu nennenden Fachsprache. Die mag sicher bei der Diskussion um die korrekte Bewertung der Einträge in den Sundzollbüchern notwendig und hilfreich sein, Geschichte aber will erzählt sein. Erst in der Erzählung nämlich entsteht ein gültiges, ein umfassendes Bild dessen, was war – oder zumindest gewesen sein könnte.
Oder, wie Golo Mann selbst in seinem „Plädoyer für die historische Erzählung“ 1979 schrieb:

Keine Theorie gibt uns oder erklärt uns oder entschlüsselt uns die Fülle geschichtlicher Wirklichkeit; man bekommt sie niemals ganz in die Hand, sie ist unerschöpflich; darum muß man sie immer von verschiedenen Seiten angehen, um möglichst viele und weite Gegenden des unbekannten Kontinents zu erkunden.

Daß dies keine Absage an wissenschaftliches Arbeiten ist, dafür steht in meinen Augen Golo Mann.
Seine „Deutsche Geschichte“, erschienen 1958, entwirft, ausgehend von der französischen Revolution (das 19. Jahrhundert muß spätestens dort begonnen werden, denn keine Entwicklung der darauffolgenden Jahrzehnte ist ohne Bezug zur Revolution zu verstehen) bis zu den Tagen der Niederschrift, auf gut 1000 Seiten ein detailliertes und farbenprächtiges Panorama.
Hier mal ein Beispiel aus der Zeit der Paulskirche und dem Versuch einer ersten deutschen Republik:

Zu der Sorge, welche radikale Ausbrüche und Handstreiche bereiteten, kam eine andere, verwirrende: das Problem der fremden Nationalitäten.
Man hatte den Fünfzigerausschuß ergänzen, ihn repärsentativer für Deutschland machen wollen und darum auch einige Österreicher dazu gebeten, darunter den Prager Publizisten Professor Palacký. Die Voraussetzung war, daß Böhmen, wie von alters her, zu Deutschland gehörte. Palacký antwortete, er sei Tscheche und nicht Deutscher. Die Deutschen könnten ihre Republik machen, das sollte ihm willkommen sein; er aber als Tscheche habe damit nichts zu tun. Er sei übrigens nicht bloß Tscheche, sondern Österreicher; Österreich sei das Reich, das den kleinen west- und südslawischen Völkern einen gemeinsamen Schutz gewährte und durchaus nicht zerstört werden dürfte.

S. 205**

Der Nationalismus betrat die Bühne. Während also die liberale Versammlung der Nationalversammlung noch von einem mittelalterlichen, bunten Deutschland träumte, war man andernorts bereits mit ganz anderen Gedanken beschäftigt. Doch vielleicht war die Stelle oben noch nicht sehr geschickt ausgewählt, handelt es sich doch eher um indirekte Rede als eigene Formulierungen Manns.***
Versuchen wir also mal eine andere Stelle, einen Ausschnitt aus dem Portraits Bismarcks, in dem sich manifestiert, was sich die heutige Geschichtsschreibung kaum noch wagt. Der Mut zur Farbe:

Oft, besonders in jüngeren Jahren, äußerte er einen dreisten, fast humorisisch karikierten Standeshochmut, nannte alle bürgerlichen Politiker, die „links“ von ihm standen, „Schneider“ und höhnte, wenn er bei diplomatischen Diners neben einer Kaufmannsgattin zu sitzen kam. Wenn das übertrieben war, wenn er in seinem Auftreten den Reiter und Jäger, den Soldaten, den Herrn vom Lande bewußt spielte, so war er es auch wieder seiner wahren Natur nach. Bildung, Klugheit, Ehrgeiz, Weltläufigkeit, Geschäftsgewandtheit mag man mit dem Milieu der Mutter in Zusammenhang bringen. Was aber seinen Talenten wirkende Einheit gab, die untergründige Kraft, der Wille, die Roheit, deren er fähig war, die unersättliche Erwerbsgier, die sich nicht so sehr auf Geld wie auf Land und Wald richteten, sie waren bismarckischer Natur. Einen intellektuellen Bürger aus ihm machen, der sich als Baron maskierte, hieße das großartig-wirre Bild seines Charakters vereinfachen. Landkind war er wirklich, ein Liebhaber des Waldes und der Tiere; seine Grundansichten über Menschen und Gesellschaft blieben bis zuletzt von ländlich-patriachalischen Eindrücken seiner Jugend mitbestimmt.
Übrigens ist die Frage, was Bismarck von der väterlichen und was er von der mütterlichen Familie hatte, doch nur in unsicheren Grenzen sinnvoll. Sein Bruder Bernhard war ein durchschnittlicher Krautjunker. Der Genius kommt von nirgendwo.

(S. 318)

Da hat man doch jemanden vor Augen, nicht wahr? Das Portrait wird noch weitaus plastischer und differenzierter, der Effekt ist aber, denke ich, bereits ahnbar. In den folgenden Kapiteln, wenn dem geneigten Leser dieser Mensch in seinen öffentlichen Rollen und Handlungen entgegentritt, dann hat er ein Bild im Kopf, dann kann sich vor dem inneren Auge eine Geschichte abspielen, dann wird Geschichte erfahrbar. Was natürlich nicht heißt, daß die Analyse zu kurz kommt – auch wenn Mann den heutigen Ansprüchen der Struktur- und Sozialgeschichte nicht mehr genügen mag, er bewegte sich 1958 aber vollkommen auf der Höhe der Zeit. Es mag also sein, daß die aktuelle Debatte verschiedene Dinge anders sieht – aber im oben beschriebenen Sinne bleibt dieses Werk „wahr“.

Es ist uns im Laufe der Jahrzehnte des Geschichtsunterrichts gelungen, ein Fach, an dem ein geradezu natürliches Interesse seit Kindertagen besteht (wie es denn früher gewesen sei gehört zum Standardfragerepertoire Heranwachsender), derart zu veröden, daß daraus demonstratives Desinteresse geworden ist.
Als Antidot sei heute herzlichst Golo Mann in einer der

lieferbaren Ausgaben

empfohlen.

*Hierzu noch eine kleine Anektode. Ich war immer sehr stolz darauf, diesen Grundsatz formuliert zu haben, in der festen Überzeugung, es handele sich dabei um eine originäre Denkleistung meinerseits. Und dann war ich am 31.10.2009 in der Golo-Mann-Ausstellung im Lübecker Buddenbrookhaus und entdeckte dort groß und unübersehbar an einer Tafel ein nahezu wortgleiches Zitat Manns. Da ich gleichzeitig nicht behaupten kann, diesem Satz nie zuvor begegnet zu sein, auch wenn mir eine bewußte Erinnerung fehlt, erfüllte sich damit wohl ein anderes Diktum des geschätzten Historikers: „Wir alle sind, was wir gelesen.“

**zitiert nach: Mann, Golo: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Fischer Taschenbuch Frankfurt/Main. limit. Sonderausgabe 1999

***widerstehen konnte ich trotzdem nicht, ich mag dieses „Die Deutschen könnten ihre Republik machen, das sollte ihm willkommen sein.“ – das Kopfradio assoziiert da sofort Sostschenkos „Agitiert nur, agitiert nur


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Das Buch zum Sonntag (55)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Franz Schuh: Hilfe! Ein Versuch zur Güte

Franz Schuh, der in diesem Blog bereits empfohlen wurde, ist ein glänzender Essayist*. Was meine Aufgabe hier nicht eben leichter macht, denn beim Herangehen an die heutige Empfehlungsaufgabe las ich mich an jeder aufgeschlagenen Stelle sofort fest und folgte den Gedankengängen des Autors über viele Seiten, während derer er immer mal wieder vom Wege abging, links und rechts ein paar Blümen pflückte, einen pittoresken Strauß band, nur um ganz unvermittelt wieder auf dem Pfade des Grundgedankens aufzutauchen, ihm einige Schritte zu folgen, ehe eine verführerisch duftende Pflanze ihn wieder in Wiese, Wald oder Lichtung driften ließ. So, wie das im Essay auch sein sollen. Und als wahrer Könner seines Faches entläßt er den Lesenden denn auch aus keinem Text, ohne tatsächlich am Ausgangspunkt anzuknüpfen.
Im heute empfohlenen Band arbeitet sich Franz Schuh am vieldeutigen Begriff der Güte ab. Denn „gut“ vermag nun so einiges sein.
So geht er beispielsweise der Frage nach, was denn von der medial aufwändig inszenierten Güte begüterter Gesellschaftsmitglieder zu halten sei:
Weiterlesen „Das Buch zum Sonntag (55)“

Das Buch zum Sonntag (54)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Oscar Wilde: Ein idealer Gatte

Prinzipiell bin ich der Meinung, Theaterstücke gehören nicht gelesen, sondern gespielt. Schließlich wurden sie genau dafür geschrieben. Ich fine es sehr wichtig, daß den Figuren und ihren Handlungen durch Schauspieler Leben eingehaucht wird. Diese Vermittlung, diese Interpretation sind es erst, die aus einem guten Stück ein unvergessliches, einprägendes Erlebnis machen.
Unglücklicherweise werden aber nicht immer genau die Stücke gespielt, nach denen einem gerade verlangt. Bis also die Bühne on Demand erfunden wird, bedarf es Ersatzhandlungen. Neben dem Rückgriff auf Verfilmungen oder Filmaufnahmen kommt da eben auch Lesen in Frage.
Ergo: Was sind schon Prinzipien?
Nun, Prinzipien und die Treue zu diesen stehen ganz im Mittelpunkt des heute empfohlenen Buches. Sir Robert Chiltern ist der aufsteigende Stern des britischen Politestablishments und gerät innerhalb eines Tages im Jahre 1895 in heftigste Verwicklungen, bei denen die Beteiligten nicht sauber zwischen privater und beruflicher Sphäre trennen.
Genauer möchte ich mich zur Handlung nicht äußern, wobei mir zu Gute kommt, daß bei den Gesellschaftsstücken Oscar Wildes die Handlung eh nur Kulisse für seine geistreichen Karikaturen sind.
Mal ein Beispiel:

Lord Caversham: Guten Abend, Lady Chiltern! Ist mein junger Nichtsnutz von Sohn hier?
Lady Chiltern lächelnd: Ich glaube, Lord Goring ist noch nicht gekommen.
Mabel Chiltern tritt auf Lord Caversham zu: Warum schimpfen Sie Lord Goring einen Nichtsnutz?
Mabel Chiltern ist ein vollendetes Beispiel für den englischen Typus von Schönheit, den Apfelblütentypus. Sie besitzt die ganze Zartheit und Natürlichkeit einer Blume. Ein unaufhörliches Geriesel von Sonnenlicht ist in ihrem Haar, und der kleine Mund mit den halb geöffneten Lippen ist erwartungsvoll wie der Mund eines Kindes. Die entzückende Tyrannei der Jugend und die erstaunliche Beherztheit der Unschuld ist ihr eigen. Nüchterne Leute erinnert sie nicht an irgendein Kunstwerk. Doch in Wahrheit gleicht sie einem Tanagrafigürchen und wäre recht ungehalten, wenn man es ihr sagte.
Lord Caversham: Weil er ein so müßiges Leben führt.
Mabel Chiltern: Wie können Sie so etwas sagen? Er reitet um zehn Uhr vormittags durch die Rotten Row, geht dreimal wöchentlich in die Oper, wechselt seine Kleidung wenigstens fünfmal am Tag und speist in der Saison jeden Abend außer Haus. Das können Sie doch nicht ein müßiges Leben nennen?

(1. Akt / S. 156f.)*

Im Gegensatz zu anderen Werken, wie, sagen wir mal, Dorian Gray, wird hier also die Paradedisziplin Oscar Wildes, das geistreiche Wortgefecht, nicht unnötig durch schwerwiegende Fragen oder eine mehr oder minder komplexe Handlung gestört. Das ist höchst erfrischend und hat den unschätzbaren Vorteil, daß jederzeit ein Aufschlagen an beliebiger Stelle möglich ist und eine Bemerkung Lord Gorings, ein Seitenhieb Lady Chilterns oder eine Anspielung Mrs. Cheveley´s erheitern das Gemüt.
Trotzdem aber finden sich durchaus Stellen, die den geneigten Zuschauer (bzw. Leser) nachdenken lassen können. Ich verrate diesmal nicht, von wem und an wen diese Worte gerichtet sind, denn es wäre ja höchst unfair, die feingestrickte Handlung vorwegzunehmen. 😉

Denken Sie daran, wohin euer Puritanismus in England euch gebracht hat. Früher maßte sich niemand an, ein wenig besser zu sein als seine Nachbarn. Ein wenig besser zu sein als der Nachbar wurde sogar für überaus vulgär und spießbürgerlich gehalten. Heutzutage, bei der Moralsucht, die bei uns Mode ist, muß jeder als ein Musterbild der Reinheit, Unbestechlichkeit und aller anderen sieben Todtugenden dastehen – und was ist das Resultat? Ihr stürzt alle wie die Kegel – einer nach dem andern. Kein Jahr vergeht in England, ohne daß jemand in der Versenkung verschwindet. Ärgerliches Aufsehen pflegte einen Mannreizvoll oder zumindest interessant zu machen – jetzt vernichtet es ihn.

(1. Akt / S. 174)

Kurz: Für den Fall, daß die geneigte Leserschaft vor ihren unzähligen Bücherregalen steht, nicht weiß, was auf der Lektüreliste als nächstes abgearbeitet werden soll und gerade ein Milchschnittengefühl hat („etwas leichtes, lockeres, das nicht belastet“), so sei herzlichst zu diesem kleinen Kunstwerk geraten.

Neben den

lieferbaren Ausgaben

sei dieses Mal auch die Verfilmung mit einem grandiosen Rupert Everett, einer bezaubernden Minnie Driver und einer perfekt besetzten Cate Blanchett, kurz: Mit einem Ensemble, deren Spaß an der Arbeit geradezu spürbar ist, empfohlen.

*zitiert nach: Wilde, Oscar: Theaterstücke I, aus dem Englischen von Christine Heppener. in: Sämtliche Werke in sieben Bänden, herausgegeben von Norbert Kohl, Band 3. Insel Frankfurt/Main und Leipzig, 2000.

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Das Buch zum Sonntag (53)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues

Der erste Weltkrieg gilt als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ und Ende des langen 19. Jahrhunderts (das üblicherweise mit der Französischen Revolution als Beginn gesetzt wird). Für diese Sichtweise gibt es einige Anhaltspunkte. Vielen Kriegsteilnehmern, vielleicht sogar einigen Protagonisten auf Regierungsebene, war nicht annähernd klar, worauf sie sich da eingelassen hatten. Der erste Weltkrieg offenbarte schnell, daß im Zeitalter der Millionenheere der Einzelne nun gar keine Rolle mehr spielte. Die einzigen Aufgaben, die noch blieben, waren das Bedienen von Artilleriemaschinen und das Füllen von Gräbe(r)n.
Was Remarque in seinem Roman gelingt, ist das Portrait einer Generation, die in 4 Jahren Krieg nicht nur traumatisiert wird, nicht nur schreckliche Dinge erlebt, sondern physisch und psychisch vollkommen zerrüttet wird, die nicht nur den Glauben (woran an auch immer) verliert, sondern auch sich selbst. Eine Generation, die jung und enthusiastisch, kaum der Schulbank entronnen, in einen unvorstellbaren Krieg zieht – und verbraucht, zerstört, lebensmüde zurückkommt.
Dieser Roman ist in meinen Augen besonders deshalb so wertvoll, weil er auf Anklagen, Entschuldigungen, Bekenntnisse verzichtet. Er erzählt einfach. Dies aber konsequent. Krieg ist kein reinigendes Stahlgewitter, in dem ein Junge zum Manne reift. Krieg ist vor allem eines: Grauen.

Haie Westhus wird mit abgerissenem Rücken fortgeschleppt; bei jedem Atemzug pulst die Lunge durch die Wunde. Ich kann ihm noch die Hand drücken; -„is alle, Paul“, stöhnt er und beißt sich vor Schmerz in die Arme.
Wir sehen Menschen leben, denen der Schädel fehlt, wir sehen Soldaten laufen, denen beide Füße weggefetzt sind; sie stolpern auf den splitternden Stümpfen bis zum nächsten Loch; ein Gefreiter kriecht zwei Kilometer weit auf den Händen und schleppt die zerschmetterten Knie hinter sich her; ein anderer geht zur Verbandsstelle und über seine festhaltenden Hände quellen die Därme; wir sehen Leute ohne Mund, ohne Unterkiefer, ohne Gesicht; wir finden jemand, der mit den Zähnen zwei Stunden die Schlagader seines Armes klemmt, um nicht zu verbluten, die Sonne geht auf, die Nacht kommt, die Granaten pfeifen, das Leben ist zu Ende.
Doch das Stückchen zerwühlter Erde, in dem wir liegen, ist gehalten gegen die Übermacht, nur wenige hundert Meter sind preisgegeben worden. Aber auf jeden Meter kommt ein Toter.

(S. 97)*

Remarque bleibt aber nicht bei simplen Schilderungen stehen. In der Veränderung, die der junge Paul Bäumer durchläuft, in den Denkweisen, die sich an der Front, nicht nur bei ihm, bilden, offenbart sich das Drama einer verlorenen Generation. Und dies wirkt umso stärker, als es Remarque gelingt, Figuren zu schaffen, die sich auch mit dem Abstand fast eines ganzen Jahrhunderts noch zur Identifikation eignen. Auch ganz ohne eigene Erfahrungen in einem solchen Krieg, fühlt und leidet man auch heute mit Paul und seinen Gefährten. Für mich bleibt „Im Westen nichts Neues“ auch und gerade heute ein Antidot gegen all die hehren Beschwörungen von der Notwendigkeit des Krieges und den großen Dingen, für die es zu töten gilt.

Kantorek kann von Mittelstaedt nichts anderes verlangen, denn er hat ihm einmal eine Versetzung vermurkst, und Mittelstaedt wäre schön dumm, diese gute Gelegenheit nicht auszunutzen, bevor er wieder ins Feld kommt. Man stirbt doch vielleicht etwas leichter, wenn der Kommiß einem auch einmal solch eine Chance geboten hat.
Einstweilen spritzt Kantorek hin und her wie ein aufgescheuchtes Wildschwein. Nach einiger Zeit läßt Mittelstaedt aufhören, und nun beginnt die so wichtige Übung des Kriechens. Auf Knien und Ellenbogen, die Knarre vorschriftsmäßig gefaßt, schiebt Kantorek seine Prachtfigur durch den Sand, dicht an uns vorbei. Er schnauft kräftig, und sein Schnaufen ist Musik.
Mittelstaedt ermuntert ihn, indem er den Landsturmmann Kantorek mit Zitaten des Oberlehrers Kantorek tröstet. „Landsturmmann Kantorek, wir haben alle das Glück, in einer großen Zeit zu leben, da müssen wir alle uns zusammenreißen und das Bittere überwinden.“ Kantorek spuckt ein schmutziges Stück Holz aus, das ihm zwischen die Zähne gekommen ist, und schwitzt. Mittelstaedt beugt sich nieder, beschwörend eindringlich: „Und über Kleinigkeiten niemals das Erlebnis vergessen, Landsturmmann Kantorek!“

(S. 124f.)

Natürlich wurde der Roman 1928 anders gelesen als er heute gelesen wird. Die Zeitgenossen steckten ja selbst in den Schützengräben der Westfront, im zermürbenden, sinnlosen Stellungskrieg und diese geteilte Erfahrung führt zwangsläufig zu einer anderen Rezeption als bei einer Generation, deren Kriegserfahrungen im Wesentlichen aus n-tv-Dokumentationen stammt. Einer der wichtigsten Punkte in der umfangreichen zeitgenössischen Debatte war die Frage, ob denn das alles wahr sei, was da stünde, ob der Herr Remarque dies überhaupt erlebt habe. Zum einen zeigt dies, daß die Authentizitätsfrage, die bei Frau Hegemann durchexerziert wurde, auch schon etwas älter ist, und zum anderen scheint mir eine solche Frage immer ein Versuch zu sein, von den Fragen, die ein solches Werk aufwirft, abzulenken. Dazu mal kurz den Hausheiligen:

Gegen das Buch läßt sich vielerlei sagen.
Man darf den Stilisten Remarque angreifen. (Ich tus nicht – aber so ein Angriff ist denkbar.) Man darf sagen: so ist der Krieg nicht gewesen; der Krieg war edel, hilfreich und gut – die Soldaten haben sich mit
Schokoladenplätzchen beworfen und in den Pausen ihrem Kaiser gehuldigt. Man darf sagen: Der wahre Mann beginnt erst, wenn er seinem Gegner eine
Handgranate in die Gedärme geworfen hat. Man darf vieles über, für und gegen das Buch sagen, fast alles.
Aber eines darf man nicht.
Man darf nicht den Kampf verschieben und sich die bürgerliche Person des Autors vornehmen, dessen Haltung nach einem in der Geschichte des deutschen Buchhandels beispiellosen Erfolg mustergültig ist.
Der Mann erzählt uns keine dicken Töne, er hält sich zurück; er spielt nicht den Ehrenvorsitzenden und nicht den Edelsten der Nation – er läßt sich nicht mehr fotografieren als nötig ist, und man könnte manchem engeren Berufsgenossen soviel Takt und Reserve wünschen, wie jener Remarque sie zeigt.

**

Oder, deutlich prägnanter, vom Verlag freundlicherweise auf der Rückseite der Taschenbuchausgabe abgedruckt, Stefan Zweig: „Ein vollkommenes Kunstwerk und unzweifelhafte Wahrheit zugleich.“
So bleibt denn festzuhalten, daß „Im Westen nichts Neues“ kein Antikriegsroman ist, kein pazifistisches Manifest – aber gerade daraus seine starke Wirkung zieht. Ich kann (oder will?) mir nicht vorstellen, daß jemand nach der Lektüre dieses Romans uneingeschränkt und unerschüttert sich für die Notwendigkeit von Kriegen als Mittel der menschlichen Zivilisation einsetzen kann. Dazu noch ein letztes Zitat:

Das Grauen läßt sich ertragen, solange man sich einfach duckt; aber es tötet, wenn man darüber nachdenkt.
Genau wie wir zu Tieren werden, wenn wir nach vorn gehen, weil es das einzige ist, was uns durchbringt, so werden wir zu oberflächlichen Witzbolden und Schlafmützen, wenn wir in Ruhe sind. Wir können gar nicht anders, es ist förmlich ein Zwang. Wir wollen leben um jeden Preis; da können wir uns nicht mit Gefühlen belasten, die für den Frieden dekorativ sein mögen, hier aber falsch sind. Kemmerich ist tot, Haie Westhus stirbt, mit dem Körper Hans Kramers werden sie am Jüngsten Tage Last haben, ihn aus einem Volltreffer zusammenzuklauben, Martens hat keine Beine, Meyer ist tot, Marx ist tot, Beyer ist tot, Hämmerling ist tot, hundertzwanzig Mann liegen irgendwo mit Schüssen, es ist eine verdammt Sache, aber was geht es uns noch an, wir leben. Könnten wir sie retten, ja, dann sollte man mal sehen, es wäre egal, ob wir selbst draufgingen, so würden wir loslegen; denn wir haben einen verdammten Muck, wenn wir wollen; Furcht kennen wir nicht viel – Todesangst wohl, doch das ist etwas anderes, das ist körperlich. […]
Und ich weiß: all das, was jetzt, solange wir im Kriege sind, versackt in uns wie ein Stein, wird nach dem Kriege wieder aufwachen, und dann beginnt erst die Auseinandersetzung auf Leben und Tod.

(S. 100f.)

Und nun gehet hin und lest, vielleicht aus einer der

lieferbaren Ausgaben.

*zitiert nach: Remarque, Erich Maria: Im Westen nichts Neues. Kiepenheuer & Witsch Köln. 5. Auflage 1999

**aus: Hat Mynona wirklich gelebt? in: Werke und Briefe: 1929, S. 636f. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 7123f. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 7, S. 283) – Der Hausheilige hält Remarques Werk im Übrigen für kein originär pazifistisches Werk und zudem auch nicht für überragend. Aber immerhin für ein gutes Buch.

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P.S. Ich kann nicht über dieses Buch schreiben, ohne auf dieses Lied zu verweisen. Wer das hören kann und dann immer noch den dringenden Wunsch verspürt, Soldat zu sein – nun, der soll es auch werden. Allen anderen wäre abzuraten.

Das Buch zum Sonntag (52)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten

Leichte Urlaubslektüre ist dieses Buch eher nicht. Gerade deshalb wäre aber vielleicht gerade ein Urlaub genau der richtige Zeitpunkt, um es zu lesen. Denn Littell hat hier einen sehr dichten Roman geschrieben, der in kleinen Portionen und nur zwischendurch kaum zu erfassen sein dürfte.
Ich möchte daher auch nur ein paar wenige Aspekte herausgreifen, die es mir Wert erscheinen lassen, dieses Werk zu lesen.
Erzählt werden die fiktiven Erinnerungen eines Fabrikbesitzers aus Frankreich, Dr. iur. Maximilian Aue, SS-Offizier, französisch-deutscher Herkunft, intellektuell, homosexuell und an nahezu allen entscheidenden Orten des Krieges im Osten dabei.

Blobels Argumente waren gar nicht so dumm: Wenn der höchste Wert das Volk ist, zu dem man gehört, und wenn der Wille dieses Volkes in seinem Führer verkörpert ist, dann, in der Tat, haben Führerworte Gesetzeskraft. Trotzdem war es von entscheidender Bedeutung, die Notwendigkeit der Führerbefehle für sich selbst zu verstehen und anzunehmen: Wenn man ihnen bloß aus preußischem Gehorsam, aus knechtischer Gesinnung folgte, ohne sie zu verstehen und zu akzeptieren, das heißt sich ihnen zu unterwerfen, war man lediglich ein Schaf, ein Sklave und kein Mensch.“

(S. 147)*

Hier schimmert kurz auf, was für mich einen der stärksten Punkte, die für dieses Buch sprechen, ausmacht: Littell unternimmt den Versuch, die Protagonisten der NS-Nomenklatura in ihrem Weltbild Ernst zu nehmen. Was könnten diese Menschen gedacht haben, wie sah es wohl in ihnen aus, wenn sie das alles wirklich geglaubt haben? Was, wenn sie wirklich und ernsthaft annahmen, im Recht zu sein? Das Richtige und Gute zu tun?
Und nur wenige Sätze nach dem obigen Zitat kommt das auch mehr oder weniger direkt zur Sprache, wenn Max Aue über die gefangenen und verhörten Offiziere der Roten Armee nachdenkt, von denen die offizielle Propaganda verlautbarte, daß sie Untermenschen seien:

[…] und ich konnte mich der Einsicht nicht verschließen, dass auch sie Menschen wie wir waren, Menschen, die nur das Beste wollten, die ihre Familie und ihr Vaterland liebten. Trotzdem hatten diese Kommissare und Offiziere den Tod von Millionen ihrer eigenen Landsleute verschuldet, sie hatten Kulaken deportiert, die ukrainische Landbevölkerung verhungern lassen, die Bourgeois und Abweichler unterdrückt und erschossen. Unter ihnen gab es natürlich Sadisten und Verrückte, aber auch gute Menschen, die aufrichtig das Beste für ihr Volk und die Arbeiterklasse wollten, und wenn sie irrten, so blieben sie doch guten Glaubens. […] auch bei unseren Feinden vermochte sich ein gute und ehrlicher Mensch davon zu überzeugen, dass er schreckliche Dinge tun müsse.

(S. 147f.)

Max Aue ist in meinen Augen ein höchst unwahrscheinlicher Charakter. Mir ist das alles ein bißchen sehr viel, was Littell da in ihn hineinlegt. Aber: Er ist eine intellektuelle Herausforderung, eine Aussage, die sich auf den ganzen Roman anwenden läßt. Selbst wenn man all die unzähligen Intertextualitäten nicht versteht, bleibt hier eine Herausforderung bestehen. In seiner scheinbaren Kälte, die doch eigentlich viel mehr Exaktheit ist, fordert das Buch den Lesenden heraus. Es ist kein Vergnügen, es macht an keiner Stelle Spaß, diesen Roman zu lesen, aber es war mir gleichzeitig unmöglich, mich ihm zu entziehen. Indem Littell hier sehr glaubwürdig aufzeigt, wie die Elite des NS-Staates gedacht und gehandelt haben könnte, welche Grundlagen das Handeln und Denken dieser ja keineswegs einfach nur tumben, gewaltsüchtigen Gestalten (die es auch gab und die er hier auch nicht ausklammert) hatte, wirft er der heutigen Erinnerungskultur, die ja in Wirklichkeit eine Verdrängungskultur ist, den Fehdehandschuh hin.
Wie auch immer man sich also zu diesem Werk positioniert, ich halte es für wichtig, es zu lesen, denn es ist ein starkes Buch. Befremdend, vielleicht. Herausfordernd, bestimmt. Schön, auf keinen Fall. Notwendig, unbedingt.

Und um den Fehdehandschuh auch der geneigten Leserschaft hinzuwerfen, sei noch folgender Dialog zitiert, der mitten in der Schilderung des Vormarsches der deutschen Truppen samt der Maßnahmen zur Vernichtung der jüdischen Bevölkerung auftaucht:

„Pjatigorsk gefällt Ihnen also?“, fragte mich Voss. Ich lächelte, ich freute mich, ihn hier anzutreffen. „Ich habe noch nicht viel gesehen“, sagte ich. „Wenn Sie Lermontow mögen, ist die Stadt eine echte Pilgerstätte. Die Sowjets haben in seinem Hause ein hübsches kleines Museum eingerichtet. Wenn Sie mal einen freien Nachmittag haben, gehen wir es besichtigen.“ – „Gerne. Wissen Sie denn auch, wo das Duell stattgefunden hat?“ – „Das von Petschorin oder das von Lermontow?“ – „Das von Lermontow.“ – „Hinter dem Maschuk. Da gibt es natürlich ein grässliches Denkmal. Und stellen Sie sich vor, wir haben sogar eien seiner Nachkommen ausfindig gemacht.“ Ich lachte: „Nicht möglich.“ – „Doch, doch. Eine Frau Jewgenija Akimowa Schan-Girej. Sie ist sehr alt. Der General hat ihr eine Pension ausgesetzt, geoßzügiger bemessen als die der Sowjets.“

(S. 352f.)

Lieferbar ist der Roman in

diesen Ausgaben.

*zitiert nach: Littell, Jonathan: Die Wohlgesinnten. Berlin Verlag, Berlin 2008.

P.S. Mit meinem Versuch, dieses der geneigten Leserschaft ans Herz zu legen, werde ich dem Roman mitnichten gerecht werden. Aber zum Glück gibt es Menschen, die das können. Frank Fischer hat im Umblätterer seinerzeit 10 Aspekte des Werkes untersucht. Da aber eine nicht zu unterschätzende Spoilergefahr besteht, sollte dieser Link erst nach erfolgter Lektüre benutzt werden.

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Das Buch zum Sonntag (51)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Amélie Nothomb: Mit Staunen und Zittern

Juli 2010: Draußen sind 40°C, drinnen laufen die diversen Kühlgeräte auf Hochtouren und die Getränkeindustrie legt Überstunden ein.
Da ich es aber unmöglich verantworten kann, daß die geneigte Leserschaft sich in rettungslose Abhängigkeit von Softdrinks begibt, empfehle ich diese Woche ein Buch, das höchst erfrischend ist.
In Frau Nothombs Roman tritt eine hochqualifizierte junge Europäerin in ein japanisches Unternehmen ein. Wer wissen möchte, was „Clash of civilizations“ wirklich bedeutet, kann das hier lernen. In diversen Reiseführern wird immer wieder behauptet, man könne als Europäer nicht nach Japan reisen, ohne sich zu blamieren. Ich halte diese These übrigens für höchstwahrscheinlich gültig, denn im Laufe der Jahrhunderte, die dieses Land sich vom Rest der Welt abgeschottet hatte, hat sich dort ein komplexes Gebilde an Verhaltensregeln entwickelt, das zu beachten jahrelange Übung benötigt*.
Und so beginnt der erste Arbeitstag von Ameliesan mit einem Fauxpas, gefolgt von einer Lehrstunde in japanischer Mitarbeiterführung:

Die „Herausforderung“, die Herr Saito mir zugedacht hatte, bestand darin, die Einladung eines gewissen Adam Johnson zu beantworten, der am kommenden Sonntag mit ihm Golf spielen wollte. Diesem Herrn mußte ich auf englisch einen Brief schreiben, der ihm Herrn Saitos Einverständnis anzeigte.
– Wer ist denn Adam Johnson? fragte ich in meiner Einfalt.
Mein Vorgesetzter seufzte gereizt und gab mir keine Antwort. War es abnorm, nicht zu wissen, wer Adam Johnson war, oder war meine Frage vielleicht indiskret gewesen? Ich habe es nie erfahren – und wer Adam Johnson ist, weiß ich bis heute nicht.
Die Sache kam mir nicht schwierig vor. Ich setzte mich hin und schrieb einen freundlichen Brief: Herr Saito freue sich schon darauf, nächsten Sonntag mit Herrn Johnson Golf zu spielen, und grüße ihn auf das herzlichste. Damit ging ich zu meinem Vorgsetzten.
Herr Saito las mein Werk durch, stieß einen leisen, verächtlichen Schrei aus und zerriß es.
– Schreiben Sie es noch mal!

(S. 7f.)

Dies wiederholt sich einige Stunden lang. Ameliesan schreibt, Saitosan gibt einen Schrei von sich und zerreißt. Ohne Kommentar, ohne Hinweis, nur ein simples: „Schreiben sie es noch mal!“ Sowas kann einen zur Verzweiflung bringen, insbesondere, da nach einer gewissen Anzahl von Versuchen sich das Gefühl einschleichen muß, niemals ein befriedigendes Ergebnis zu erzielen. Bei Nothomb aber beginnt hier der Spaß:

Manches an dieser Übung war nicht ohne Witz und erinnerte an das „Sterben machen, schöne Marquise, Ihre schönen Augen mich vor Liebe“ des Bourgeois gentilhomme. Ich experimentierte mit Abwandlungen von grammatischen Kategorien: „Und wenn nun Adam Johnson das Verb würde, der nächste Sonntag das Subjekt, die Golfpartie das Akkusativobjekt und Herr Saito das Adverb? „Der nächste Sonntag sieht herrsaitomäßig erfreut eine Golfpartie adamjohnsonieren kommen.“ Aristoteles würde staunen!

(S. 9)

Man kann erahnen, daß es für die Protagonistin nicht leicht wird, ihren Platz in der Firma zu finden. Ich habe mich beim Lesen allerdings dabei ertappt, daß mich der Fortgang der streckenweise höchst bizarren Story weit weniger gefangen nahm als die Erwartung des nächsten flapsig-ironischen Kommentars.

So wie zum Beispiel hier:

Ich hatte geglaubt, schon zu wissen, was ein Anpfiff ist. Was ich nun erlebte, bewies mir meine Ahnungslosigkeit. Über Herrn Tenshi und mich ergoß sich ein wahnsinniges, ohrenbetäubendes Gebrüll. Ich frage mich heute noch, was schlimmer war, der Inhalt oder die Form.
Der Inhalt waren die unglaublichsten Beleidigungen. Mein Leidensgefährte und ich wurden mit allen erdenklichen Schimpfworten belegt: Verräter waren wir, Nullen, Schlangen, Gauner und – der Gipfel der Schmach – Individualisten.
Die Form bot Erklärungen für vielerlei Besonderheiten der japanischen Geschichte: Um dies wütende Gebrüll zum Verstummen zu bringen, wäre ich zu allem bereit gewesen – die Mandschurei verheeren, Tausende von Chinesen zu massakrieren, mich auf Befehl des Kaiseres umzubringen, mich mit meinem Flugzeug in einen amerikanischen Panzerkreuzer hineinzustürzen, vielleicht sogar in zwei Firmen wie Yumimoto zu arbeiten.

(S. 37)

Und zum Abschluß noch eine höchst prägnante Szene, bei der ich mir von einer Landeskundigen habe erklären lassen, daß sie weit weniger surreal ist, als es dem europäischen Leser zunächst erscheint:

Ich folgte ihm in ein leeres Zimmer. Er stotterte vor Wut:
– Sie haben die Delegation der befreundeten Firma zutiefst verstimmt. Beim Servieren des Kaffees haben Sie Formeln gebraucht, die verrieten, daß Sie perfekt japanisch sprechen.
– Aber ich spreche es nun mal gar nicht so schlecht, Saito-san.
– Seien Sie still! Wer gibt Ihnen das Recht, sich auch noch zu verteidigen? Herr Omochi ist sehr böse auf Sie. Sie haben in seiner Sitzung heute vormittag die Athmosphäre vergiftet: Wie sollten unsere Partner sich gut aufgehoben fühlen, wenn eine Weiße da ist, die Ihre Sprache versteht? Von jetzt an sprechen Sie nicht mehr japanisch.
Ich machte große Augen.
– Wie bitte?
– Sie verstehen kein Japanisch mehr! Ist das klar?
– Aber wegen meiner Kenntnis Ihrer Sprache hat Yumimoto mich doch eingestellt!
– Ist mir egal. Ich befehle Ihnen, kein Japanisch mehr zu verstehen.
– Das ist unmöglich. Niemand könnte einem solchen Befehl gehorchen.
– Gehorchen kann man immer. Das muß doch auch in westliche Gehirne noch hineingehen.
„Da haben wir´s!“ dachte ich, bevor ich antwortete:
– Das japanische Gehirn mag imstande sein, sich zum Vergessen einer Sprache zu zwingen. Das westliche Gehirn leistet das nicht.
Dieses extravagante Argument schien Herrn Saito einzuleuchten.
– Versuchen Sie es trotzdem! Tun Sie wenigstens so! Ich habe in bezug auf Sie Anweisungen erhalten. Wir sind uns also einig?

(S. 17)

Allerdings ist die Sache nicht ganz so einfach. Ein simples „Die spinnen, die Japaner“-Buch wäre mir zu wenig. Der merkwürdigen Faszination, die dieses seltsame Land seit langer Zeit gerade für Europäer ausübt, läßt sich auch hier nachspüren. Es sind eben nicht alles einfach gefühllose Rassisten, die einer gaijin mal zeigen wollen, wo es langgeht. Nein, hinter all diesen Fassaden, hinter den Unterwerfungsritualen, dem merkwürdig erscheinenden Ehrbegriffen stecken immer auch Menschen. Menschen, die fühlen und glauben und leiden. Und diese Menschen läßt Amélie Nothomb hier aufscheinen und es bleibt durchaus die Frage, ob das alles so verrückt ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Ich wünsche jedenfalls einen vergnüglichen Sommernachmittag mit einer

lieferbaren Ausgabe.

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Das Buch zum Sonntag (50)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Terry Pratchett: Der fünfte Elefant

Zugegeben, ein Geheimtipp ist Sir Terry Pratchett nun gerade nicht. Aber es soll ja Menschen geben, die um alles, was auch nur annähernd nach „Fantasy“ aussieht, einen großen Bogen machen. Keineswegs immer zu Unrecht, in diesem Falle allerdings schon.
Genretypisch hat Pratchett eine eigene Welt entworfen, im vorliegenden Falle handelt es sich um die Scheibenwelt, die so heißt, weil es sich bei ihr um eine Scheibe handelt,m die von vier Elefanten getragen wird, welche auf dem Rücken einer Schildkröte stehen – was weit weniger seltsam wirkt, wenn man sich beispielsweise mit indischen Mythen beschäftigt.
Was ich aber an Pratchett mag, sind seine Figuren, die durchaus mit Tiefe überzeugen, seine Dialoge und sein geistreicher Stil. Das ist beste britische Literaturtradition, für die ich ja bekanntermaßen eine Schwäche habe. Noch viel stärker als bei historischen Romanen, besteht in der phantastischen Literatur die Möglichkeit, die hiesige, zeitgenössische Welt genauestens unter die Lupe zu nehmen.
Und genau das macht Pratchett exzellent. Ich lese seine Romane geradezu als satirische Rundumschläge, bei denen niemand ungeschoren bleibt. Da werden menschliche Schwächen ebenso aufs Korn genommen wie die Merkwürdigkeiten der ach so hoch entwickelten menschlichen Zivilisation.
Zum Auftakt mal eine Szene, die Oscar-Wilde-Lesern vertraut sein könnte:

In einem nicht weit entfernten Schloss blätterte Lady Margolotta stumm in einer Ausgabe von Twurps Adelsverzeichnis.
Es war kein besonders gutes Nachschlagewerk für die Länder auf dieser Seite der Spitzhornberg, wo das Standardwerk Der große Almanach hieß – darin nahm Lady Margolotta vier Seiten ein.* Aber es leistete wertvolle Dienste, wenn man wissen wollte, wer in Ankh-Morpok eine Rolle spielte.
Inzwischen steckten Dutzende von Lesezeichen in dem dicken Buch.[…]
Wen würde Vetinari schicken?
Lady Margolotta erhoffte sich wichtige Hinweise von seiner Wahl. Entsandte er vielleicht jemanden wie Lord Rust? Oder Lord Selachii? Dann würde sie weit weniger von ihm halten. Nach dem, was sie gehört hatte – und Lady Margolotaa hörte viel -, konnte das diplomatische Korps von Ankh-Morpok den eigenen Hintern nicht einmal mit einer Karte finden. Natürlich war es sehr nützlich für einen Diplomaten, dumm zu wirken, bis er einem die Socken klaute, aber Lady Margolotta hatte einige Botschafter von Ankh-Morpok kennen gelernt, und ihrer Meinung nach konnte niemand so gut schauspielern.[…]
Sie zögerte und zog dann den Klingelzug über dem Sarg. Igor erschien erneut, auf typische Igor-Art.
„Die tüchtigen, jungen Männer beim Nachrichtenturm sind noch wach, nicht wahr?“
„Ja, gnä´ Frau.“
„Lass unserem Agenten eine Mitteilung zukommen. Er soll alles über Kommandeur Mumm von der Wache herausfinden.“
„Ift er der Diplomat, gnä´ Frau?“
Lady Margolotta legte sich hin. „Nein, Igor. Er ist der Grund für Diplomaten. Bitte schließ den Deckel.“

* Bei Vampiren wachsen die Namen immer mehr in die Länge. Es hilft ihnen, sich während der langen Jahre die Zeit zu vertreiben.

(S. 37f.)*

Wir sehen, eine sympathische, distinguierte Dame aus altem Adel, nicht ohne Einfluß, der ein Polizist in diplomatischer Mission geschickt wird. Die Szenen mit beiden sind wahre Höhepunkte. Es gibt einige liebenswerte Figuren in Pratchetts Universum, der immer wieder in eigenartige Situationen geratende Sam Mumm gehört sicher dazu. Mein erklärter Favorit aber, und ich vermute stark, damit nicht allein zu sein, ist Tod. Eigentlich ist es ein ziemlich billiger Trick, Abstracta zu personifizieren, aber wie Pratchett den Tod gestaltet, das ist einfach zu köstlich.

GUTEN MORGEN.
Mumm blinzelte. Eine große, in einen dunklen Umhang gehüllte Gestalt saß plötzlich im Boot.
„Bist du der Tod?“
ES LIEGT AN DER SENSE, NICHT WAHR? DEN LEUTEN FÄLLT IMMER DIE SENSE AUF.
„Sterbe ich?“
VIELLEICHT.
Vielleicht? Du erscheinst, wenn jemand vielleicht stirbt?“
JA. DAS IST JETZT GANZ NEU. WEGEN DES UNSICHERHEITSPRINZIPS.
„Was ist das denn?“
ICH BIN NICHT SICHER.
„Ein sehr nützlicher Hinweis.“
ICH GLAUBE, ES BEDEUTET, DASS JEMAND VIELLEICHT ODER VIELLEICHT AUCH NICHT STIRBT. NATÜRLICH BRINGT ES MEINEN TERMINKALENDER VÖLLIG DURCHEINANDER, ABER ICH VERSUCHE, MODERN ZU SEIN.

(S. 303)

Tod hat es wirklich nicht leicht. Nie. In einem anderen Roman nimmt er Urlaub und läßt sich von seinem Azubi vertreten – ihr macht euch keine Vorstellungen…

Wahrscheinlich bringt die Lektüre Pratchetts uns der Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält auch nicht näher. Aber ich bin sicher, es hilft, einige Dinge klarer zu sehen:

Hier sind die Dinge anders, Herr. Erst vor 10 Jahren wurden Gottesurteile durch Gerichtsverfahren abgelöst, und nur deshalb, weil man herausfand, dass Anwälte viel scheußlicher sein können.

**

Wie wichtig der Wort- und Sprachwitz Pratchetts ist, läßt sich übrigens sehr gut an den Verfilmungen erkennen, in denen all die vielen Seitenhiebe und Nebenbemerkungen (Pratchett setzt stark auf Fußnoten, nicht ganz so exzessiv wie Moers oder gar Stauffer, aber doch in erheblichem Ausmaß) schlicht verloren gingen.

Zum Abschluß noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

*zitiert nach: Pratchett, Terry: Der fünfte Elefant. Goldmann TB München 2002
** ich habe die Stelle nicht wiedergefunden. Aber sie ist drin. Sachdienliche Hinweise nehme ich gerne entgegen.

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Das Buch zum Sonntag (49)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Benjamin Stein: Die Leinwand

Was macht eigentlich unsere Identität aus?
Wie definieren wir uns selbst, wenn nicht über das, was wir erlebt haben, was wir erinnern?
Und was passiert eigentlich, wenn wir nicht mehr wissen, welche unserer Erinnerungen überhaupt wahr sind?
Können Erinnerungen überhaupt „wahr“ oder „gelogen“ sein?

Es sind nicht gerade die kleinen Fragen des Lebens, denen Benjamin Stein in seinem Roman nachgeht. Dem Diffusen und Mäandernden seines Gegenstandes entsprechend handelt es sich denn auch um keine linear erzählte Geschichte, was meinen Job hier freilich nicht einfacher macht.
Es fällt mir überhaupt schwer, irgendetwas über den Inhalt zu verraten, weil es sich bei Steins Roman um ein Buch handelt, das es zu entdecken gilt. Ich bin davon überzeugt, daß jeder Leser hier ein zum Teil völlig anderes Buch zu lesen vermag, je nachdem, von welcher Seite aus er es beginnt. Und das gilt in diesem Falle sogar wörtlich, gibt es doch tatsächlich zwei Anfänge, einmal aus der Perspektive des Protagonisten Jan Wechsler und einmal aus der von Amnon Zichroni. Schon allein die unterschiedliche Wahl zwischen diesen beiden Protagonisten wird unweigerlich dazu führen, unterschiedliche Bücher zu lesen. Es sei denn, es gibt in der geneigten Leserschaft Menschen, die in der Lage sind, Teile ihrer Erinnerung komplett auszuschalten, so daß sie bei der Lektüre Zichronis ausblenden können, was sie bei Wechsler lasen – et vice versa. Diskussionen über dieses Buch stelle ich mir höchst fruchtbringend vor.

Mich beeindruckte die Tiefe und Genauigkeit, mit der Stein das Seelenleben seiner Protagonisten ausleuchtet, wie er sie an allem zweifeln läßt, an der Welt, ihren Werten, vor allem aber: sich selbst.

Ich greife mal ein paar Stellen heraus, die mir, aus ganz verschiedenen Gründen, besonders eindrücklich erschienen, in der Hoffnung, damit die geneigte Leserschaft zur Lektüre zu bewegen. Denn zum Inhalt kann und will ich wirklich nichts verraten.

Dieses Versunkensein im eigenen Ich war so stark, dass es lang brauchte, bis mir überhaupt klar wurde, dass ich sie ausschloss. Mein Gefühl sagte mir, dass ich sie in Liebe und Aufmerksamkeit badete. Jeder zweite Gedanke falt ihr. Sie machte mich glücklich wie noch niemand zuvor. Und ich konnte gar nicht begreifen, dass sie dies nicht wahrnahm, sondern im Gegenteil glaubte, ich interessiere mich für alles Mögliche, nur nicht für sie.
[…]
Mitunter kam es vor, dass ich sie mit einer Bemerkung überraschte, die ich für ganz belanglos hielt, weil keineswegs neu. Wie selbstverständlich bin ich jeweils davon ausgegangen, dass sie doch wissen muss, was ich denke und fühle, nicht zuletzt, weil ich mir sicher war, es schon dutzende Male ausgesprochen zu haben. Und dann erfuhr ich von ihr, dass ihr völlig neu sei, was ich erzählte, und ich mir nur eingebildet hatte, ihr alles mitgeteilt zu haben.

(S. W74f.)

Ich weiß noch, dass ich an diesem Tag die Buchhandlungen im Zentrum abklapperte in der Hoffnung, einen Hilbig-Band zu finden. Jeder Buchhändler bot an, das Buch zu bestellen. Aber ich wollte es jetzt, sofort, ohne noch länger zu warten. Überhaupt fand ich es unfassbar, dass in einem Land, in dem man Hilbig lesen durfte, seine Bücher nicht in allen Buchhandlungen auslagen. Vielleicht sagte ich das sogar. Der Verkäufer in der Autorenbuchhandlung am Savigny-Platz zeigte mir jedenfalls einen Vogel.

(S. W.112f.)

Die Maschine Mensch musste funktionieren. War sie gestört, wurde grobes Werkzeug bemüht, damit sie wenigstens keinen Schaden anrichten konnte oder, besser noch, sich als Hilfsmaschine mit eingeschränkter Leistung wieder in die gesellschaftlichen Prozesse integrierern ließ. Menschen, die in anderen Kulturen als Heilige mit dem Zweiten Gesicht verehrt worden wären, wurden in den Kliniken weggesperrt und schemisch ruhiggestellt, damit sie nur ja nicht auffielen.
Dieses Menschenbild war mir fremd. Wie könnte auch jemand, der wie ich den menschen als in Gottes Ebenbild geschaffen betrachtet, erwägen, einem Patienten chirurgisch ganze Hirnareale zu entfernen und ihn zu einem nahezu willenlosen Geschöpf zu machen?

(S. Z.118)

Und noch eine Stelle, die ich aus mir selbst nicht restlos erklärlichen Gründen sehr rührend finde.

Auch als die Polizei kam, die vom Notarzt gerufen worden war, blieb ich sitzen. Die Beamten berieten sich kurz mit dem Arzt. Mich fragten sie nur, ob ich etwas verändert hätte. Ich hob das Buch, das auf Onkel Nathans Schoß gelegen hatte.
Und wann haben Sie ihn gefunden?
Ich zeigte nach oben, auf das Zifferblatt der Standuhr, die ich angehalten hatte.
Der Beamte, der mich befragt hatte, nickte. Dann verschwanden sie.
Ob ich Hilfe bräuchte, fragte einer der roten Vögel.
Ich schüttelte den Kopf. Der Fahrer des Notarztteams war jüdisch. Sie müssen im Rabbinat anrufen, sagte er. Sie würden die Chevra Kadischa verständigen, die sich um alles kümmere. Er beugte sich zu mir herab und sagte: Mögest du getröstet sein unter den Trauenden um Zion und Yerushalayim.

(S. Z.147f.)

Freilich, die für Zitate notwendige Kürze (ich will ja nicht abschreiben) bringt es mit sich, daß sich die Dichte des Leseerlebnisses nicht einmal annähernd wiedergeben läßt. Daher sicherheitshalber mal noch ein Autoritätsargument zum Schluß: Lest dieses Buch. Lest es von mir aus, wie ihr wollt.* Aber lest es.

Die

lieferbare Ausgabe

möchte ich natürlich nicht unerwähnt lassen.

*Zwei Hauptwege und verschlungene Nebenpfade führen durch diesen Roman. Hinter jedem Umschlag befindet sich ein möglicher Ausgangspunkt für das Geschehen. Es ist Ihnen überlassen, wo Sie zu lesen beginnen. Dies lassen Autor und Verlag bereits auf dem Schutzumschlag wissen. Die Herangehensweise mag weit weniger innovativ sein als das Vertriebsteam dies glauben lassen will – ungewöhnlich und spannend ist es aber nichtsdestotrotz.

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Das Buch zum Sonntag (48)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Luther Blissett: Q

Zum Autorenkollektiv, das hinter diesem Roman steckt, ließe sich einiges sagen. Ich möchte es einmal bei der Bemerkung des Hausheiligen belassen, der meinte seinerzeit:

Jeder historische Roman vermittelt ein ausgezeichnetes Bild von der Epoche des Verfassers.*

„Q“ spielt im Europa der Reformationszeit, der Protagonist ist dabei, einsetzend dem thüringischen Bauernkrieg unter Führung Thomas Müntzers, an den wesentlichen Unruhen und Umwälzungen dieser Umbruchsepoche beteiligt. Gerade Deutschland kommt in dieser Zeit eine Schlüsselstellung zu, hatten sich doch gerade hier Bewegungen gebildet, die den Freiheitsgedanken, der in Luthers radikaler Neupositionierung des Verhältnisses zwischen den Glaubenden und ihrem Gott steckt, eben nicht nur auf die religiöse Sphäre beschränkt sahen.
Zusammen mit den Verwerfungen, die der Frühkapitalismus in die geordnete Ständegesellschaft brachte und die nun massiv spürbar wurden, ergab dies eine explosive Mischung. Eine ideale Zeitspanne also, um einen ambitionierten Roman dort anzusiedeln.
Daß ein historischer Roman ambitioniert sein könnte, fällt in einer Welt, in der die allgemeine Assoziation mit dieser Kategorie eher Ken Follett** als Heinrich Mann produziert, schwer zu glauben. Aber hier haben wir einen solchen Fall. Die Handlung ist keineswegs geradlinig erzählt, immer wieder gibt es Rückblenden, die zu vergangenen Ereignissen zurückführt und immer wieder tauchen die Berichte und Briefe von „Q“ auf, einem unermüdlichen Spion und agent provocateur der Kurie.
Doch hören wir mal in den Roman hinein:

Beinahe blindlings.
Tun, was ich tun muß.
Schreie in den Ohren, in denen noch der Donner der Kanonen dröhnt. Geronnenes Blut und Schweiß verschließen mir die Kehle, ein Hustenanfall zerreißt mich.
Die Blicke der Fliehenden: Entsetzen. Verbundene Köpfe, zerquetschte Glieder… Immer wieder sehe ich mich um: Elias ist hinter mir. Er bahnt sich einen Weg durch die riesige Menge. Trägt den reglosen Magister Thomas auf den Schultern.
Wo ist der allgegenwärtige Gott? Seine Herde wird hingemetzelt.
Tun, was ich tun muß. Die Briefsäcke festgezurrt. Nicht stehenbleiben. Das Schwert schlägt mir an die Seite.
Elias immer hinter mir.
Eine wirre Gestalt kommt auf mich zugerannt. Das Gesicht halb unter Verbänden, offenes Fleisch. Eine Frau. Sie erkennt uns. Tun, was ich tun muß: Der Magister darf nicht entdeckt werden. Ich packe sie: nicht sprechen. Schreie hinter meinem Rücken: „Landsknechte! Landsknechte!“
Ich stoße sie fort; weg, sich in Sicherheit bringen. Eine Gasse zur Rechten. Im Laufschritt, Elias hinter mir, Hals über Kopf. Tun, was ich tun muß: Haustüren. Die erste, die zweite, die dritte, sie geht auf. Drinnen.

(S. 20)***

Es steht zu vermuten, daß die kooperative Arbeitsweise sich nicht in der ungewöhnlichen Erzählstruktur niederschlug, sondern auch hilfreich war, die unterschiedlichen Handlungsstränge auch sprachlich abzubilden. Für mich zählt es jedenfalls zu den Stärken des Buches, stets geradezu eintauchen zu können in die Situationen, Orte und Begebenheiten, weil Rhythmus und Wortwahl einfach immer passen. Wie bei der eben zitierten Stelle, in der die gehetzte Stimmung einer überstürzten Flucht, das hektische Suchen nach einem geeigneten Versteck geradezu spürbar wird. Ganz anders die Ankunft in Venedig:

Kaum habe ich einen Fuß an Land gesetzt, überwältigt mich das lebhafte Treiben: Die Menschen laufen in alle Richtungen durcheinander, schreien herum, drängeln, rufen sich Grüße zu und streiten sich lautstark; vielleicht ist dies die einzige Möglichkeit, das Meer, den Ort gedämpfter Geräusche, vom Rest der Stadt zu trennen.
Kaum habe ich also einen Fuß an Land gesetzt, werde ich, aufgrund welcher Merkmale auch immer, sofort als deutschsprachiger Fremder erkannt und von zwei Dutzend Jungen umringt, die sich mühen, mir zu erklären, wie unmöglich es sei, sich in Venedig zu bewegen, ohne die Stadt gründlich zu kennen, wie groß die Gefahr, sich zu verlaufen, Gaunern in die Hände zu fallen, beim Wechseln übervorteilt zu werden; und während sie diese Gefahren anschaulich schildern, versuchen sie auf jedenur erdenkliche Weise, mit ihren Händen in meine Taschen zu gelangen.

(S. 535)

Womit ich noch einmal auf den Ausgangspunkt zurückkommen möchte. Es ist natürlich kein Zufall, daß Luther Blissett, bzw. Wu ming, wie die Gruppe heute heißt, eine Phase der europäischen Geschichte wählte, in der sich eine alte Ordnung in Auflösung befand und die Gesellschaft auf der Suche nach Lösungen war. Meine Empfehlung ist jedoch, sich im Vorfeld nicht mit den Autoren zu beschäftigen. Vergleiche ich meine Leseerfahrungen mit denen der Rezensenten des (Vorsicht, Spoiler)Feuilletons, so komme ich zu dem Schluß, daß man sich einiges an Leservergnügen verwehrt. Denn es macht doch sehr viel mehr Fruede, eigene Bezüge zur Gegenwart herzustellen, als sie vorgekaut zu bekommen. Wer es trotzdem nicht genauer wissen möchte oder für den Klick nach der eigenen Lektüre, bitte schön.
Zu guter Letzt sei noch erwähnt, daß meine Sympathie für dieses Buch wohl nicht zuletzt auch von meiner eigenen per Sozialisation erworbenen, durchaus romantisch-verklärten, Sympathie revolutionären Bewegungen gegenüber herrührt (ich überlasse die tiefenpsychologische Deutung da aber lieber anderen). Auch wenn ich im Laufe der Jahre durchaus die Fähigkeit erworben habe, in Müntzer nicht einfach den strahlenden Helden der frühbürgerlichen Revolution zu sehen und mein Lutherbild nicht mehr ausschließlich das „geistlose, sanftlebende Fleisch zu Wittenberg“ vor Augen hat, so schlägt mein Herz doch immer noch eher für den Magister Thomas denn für Junker Jörg. Warum, nun, auch das läßt sich ganz wunderbar im Roman erfahren, denn obwohl das Zitat des Hausheiligen ohne weiteres zutrifft: Es läßt sich durchaus auch einiges über die Epoche der Protagonisten erfahren.

„Nun, meine Herren, heute, müßt ihr wissen, hat ein alter Feind sich endlich entschlossen, das Zeitliche zu segnen. Ich bin versucht, auf dieses erfreuliche Ereignis zu trinken.“
Die drei wechselten rätselhafte Blicke, als könnten sie sich im Geiste verständigen, doch es ist immer der eine, der für alle spricht. „So sagt uns doch bitte, wer es war, der sich Euren Haß zugezogen hatte.“
„Nur ein alter Augustinermönch, Deutscher wie ich, der in unserer Jugend mich und Tausende anderer schändlich verraten hat.“

(S. 563)

Ob er mit diesem Haß wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht. Also das Licht der Leselampe.

Zum Abschluß auch heute der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

*aus: „Schnipsel“ in: Werke und Briefe: 1932, S. 209. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8925 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 10, S. 98) (c) Rowohlt Verlag
**womit ich nichts gegen Herrn Follett gesagt haben will. „Die Säulen der Erde“ beispielsweise ist ein athmosphärisch gelungener, sauber geschriebener Roman. Exzellente Handwerksarbeit. Man kann aber mit Literatur auch mehr wollen. 😉
***zitiert nach: Luther Blissett: Q. Piper. München und Zürich 2002

Das Buch zum Sonntag (47)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Sir Winston Churchill: Der Zweite Weltkrieg

Politikermemoiren sind meist schlicht unlesbar. Dies mußte ich schmerzhaft erfahren, nachdem mein erster Versuch sehr geglückt, aber offenbar nicht repräsentativ war.
Da diese Blogrubrik aber die Existenz nicht lesenswerter Bücher ja konsequent ignoriert, soll auch heute davon keine Rede sein. Stattdessen empfehle ich Churchills Erinnerungen zum zweiten Weltkrieg. Es handelt sich dabei um eine von ihm selbst erstellte einbändige Fassung seines 12-bändigen Memoirenwerks, was ein Durchlesen innerhalb eines absehbaren Zeitrahmens ja zumindest vorstellbar macht.
Das Nobelpreiskomitee begründete seine Entscheidung 1953 folgendermaßen:

für seine Meisterschaft in der historischen und biographischen Darstellung sowie für die glänzende Redekunst, mit welcher er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten hervortritt*

Vor allem aber ist Churchill ein Meister der Selbstdarstellung. Nach der Lektüre seines Werkes kann überhaupt kein Zweifel mehr daran bestehen, daß Sir Winston der größte Politiker war, der jemals auf Erden wandelte und das British Empire sein Überleben wesentlich seiner Brillanz zu verdanken hat. Sir Winston bindet das dem Lesenden natürlich nicht plump auf die Nase, auch wenn er mit politischen Gegnern nicht immer zimperlich umgeht. Wunderbar folgende Stelle, die sich mit der Reaktion auf das Münchner Abkommen im britischen Parlament befaßt:

Die Debatte war der herrschenden Erregung und der Probleme, die auf dem Spiele standen, nicht unwürdig. Ich erinnere mich recht wohl, daß bei meinen Worten: „Wir haben eine vollständige, durch nichts gemilderte Niederlage erlitten“, ein Sturm ausbrach, der mich nötigte, eine Weile innezuhalten, bevor ich weitersprechen konnte. Chamberlains beharrliche und unermüdliche Bemühungen zur Wahrung des Friedens und die persönlichen Strapazen, denen er sich dabei ausgesetzt hatte, wurden in weiten Kreisen aufrichtig anerkannt. In der vorliegenden Darstellung kann man aber unmöglich vermeiden, auf die lange Reihe von Fehlurteilen und Fehlrechnungen über Menschen und Tatsachen hinzuweisen, auf die er sich stützte; die Beweggründe jedoch, von denen er sich leiten ließ, haben niemals meine Anfechtung erfahren, und tatsächlich erforderte der Weg, den er beschritt, den höchsten Grad von moralischem Mut. Zwei Jahre später sprach ich in meiner Rede nach seinem Tode meine Anerkennung dafür aus.
Es gab auch eine schwerwiegende und praktische Beweisführung, auf die sich die Regierung – wenn auch nicht zu ihren Gunsten – stützen konnte. Niemand konnte in Abrede stellen, daß wir auf einen Krieg entsetzlich schlecht vorbereitet waren. Wer hatte dringender darauf hingewiesen als meine Freunde und ich? […] Wenn Hitler ehrliche Absichten hatte und ein dauerhafter Friede tatsächlich erreicht worden war, hatte Chamberlain Recht. Wenn er aber unglücklicherweise irregeführt worden war, mußten wir wenigstens eine Atempause gewinnen, um die schlimmsten unserer Unterlassungen gutzumachen. Diese Gedankengänge und die allgemeine Erleichterung und Freude darüber, daß die Schrecken des Krieges sich vorübergehend hatten abwenden lassen, bewirkten die loyale Zustimmung der großen Menge der Regierungsanhänger.

(S. 161)**

Der Chamberlain war schon ein feiner Kerl, hat aber eben den Fehler gemacht, nicht auf Herrn Churchill zu hören (wie auch die Vorgängerregierung nicht, tstststs).
Bekanntermaßen lief aber auch nach Churchills Regierungsübernahme nicht alles glatt. Bei ihm liest sich das dann so:

Dieses Bild bot natürlich ganz allgemein den Eindruck der Niederlage. Ich hatte im ersten Weltkrieg oft dergleichen gesehen, und die Vorstellung einer durchbrochenen Front, selbst auf einem breiten Abschnitt, erweckte in mir nicht den Gedanken an die entsetzlichen Folgen, die sich jetzt daraus ergaben. Da ich seit vielen Jahren keinen Zugang zu den offiziellen Informationen gehabt hatte, erfaßte ich die Gewalt der Umwälzung nicht, die sich seit dem letzten Krieg durch das Auftauchen einer Masse schnellbeweglicher, schwerer Panzerfahrzeuge vollzogen hatte. Ich wußte wohl davon, aber es hatte meine Überlegungen nicht in dem Grade beeinflußt, wie das nötig gewesen wäre. Doch auch dann wäre für mich keine Möglichkei zu handeln gewesen.

(S. 287)

Sprich: Auch wenn er die Lage richtig eingeschätzt hätte, hätte es doch keinen Unterschied gemacht. Die geneigte Leserschaft darf darauf vertrauen, daß Churchill dann, wenn es drauf ankam, selbstverständlich immer richtig entschied.
Glücklicherweise verzichtet Churchill auf eine strikt chronologische Vorgehensweise, immer wieder gibt es Abstecher zu Seitenthemen, Vorgriffe auf spätere Ereignisse, persönliche Einschätzungen zu Personen und Prozessen, kurz: Eine assoziative Erzählweise, wie sie für Erinnerungen ja auch angemessen ist. Den roten Faden freilich gibt die Historie vor. Bei allem Ernst, den die behandelte Zeitepoche mit sich bringt, bleibt er doch ein anregender Erzähler. Und durchaus nicht ohne Witz, wie folgende Stelle illustrieren soll, die sich mit den deutschen Plänen zur Invasion Großbritanniens befaßt:

Je näher das deutsche Oberkommando und der „Führer“ das Abenteuer ins Auge faßten, desto weniger gefiel es ihnen. Wir und sie konnten natürlich die Stimmungen und Erwägungen im andern Lager nicht genau kennen; aber von Woche zu Woche, von Mitte Juli bis Mitte September, gelangten das Oberkommando der deutschen Kriegsmarine und die englische Admiralität, das deutsche Oberkommando der Wehrmacht und die englischen Stabschefs und auch Hitler und der Verfasser dieses Buches, ohne es zu wissen, zu immer größerer Übereinstimmung in der BBeurteilung dieses Problems. Hätten wir uns in andern Dingen ebensogut verstanden, so wäre der Krieg überflüssig gewesen.

(S. 397f.)

Wir haben also richtig Glück gehabt, daß es Sir Winston Churchill gab, der in seinem Buch auch einige höchst bemerkenswerte Analysen zu bieten hat. Aber das sind ja eh die Schlimmsten, diese Typen, die sich für großartig halten und nicht mal völlig Unrecht damit haben.

Natürlich fehlt auch diese Woche nicht der Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

*(lt. Wikipedia)
**zitiert nach: Churchill, Sir Winston S.: Der zweite Weltkrieg. Fischer TB Frankfurt/Main. 2003

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Das Buch zum Sonntag (46)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Terry Eagleton: Der Sinn des Lebens

Seit dem linguistic turn, der ja nun auch schon ein Weilchen her ist (seitdem wurde in Geistes- und Sozialwissenschaften ja reichlich geturnt. Der letzte Schrei ist wohl der iconic turn – übrigens assoziiert das Kopfradio dabei mal wieder völlig sinnfrei) verschwimmen die Grenzen zwischen Philologie und Philosophie zunehmend. Und so ist es denn auch nicht ungewöhnlich, daß ein Literaturwissenschaftler sich der ewigen Frage nach dem Sinn des Lebens annimmt. Denn auch wenn die Antwort auf die letzte große Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest inzwischen hinlänglich bekannt ist, so ist die Menschheit doch dem Sinn keinen Schritt näher gekommen. Im Gegenteil, es scheint eher, als seien wir in postmoderner Beliebigkeit so weit wie nie davon entfernt, diese Frage zu beantworten.
Terry Eagleton steht also in einer langen Reihe und schaut sich denn auch an, was seine Vorgänger so für Ideen hatten. Dabei ist er weder um Vollständigkeit noch um ein ausgewogenes Urteil bemüht. Die geneigten Leser erkennen seine Vorlieben und Abneigungen recht schnell.
Warum also dann dieses Buch lesen? Nun, weil es einfach vergnüglich ist. Schon der Anfang ist wirklich gelungen:

Philosophen haben die ärgerliche Angewohnheit, Fragen nicht zu beantworten, sondern zu analysieren, und genau so möchte ich anfangen.* Ist die Frage „Was ist der Sinn des Lebens?“ eine echte Frage, oder sieht sie nur so aus? Gibt es irgendeine vernünftige Antwort darauf, oder ist es in Wirklichkeit eine Scheinfrage, wie die legendäre Oxforder Prüfungsfrage, die angeblich lautete: „Ist dies eine gute Frage?“

*Vielleicht sollte ich anmerken, daß ich selbst kein Philosoph bin, zumal einige Rezensenten ohnehin darauf hinweisen werden.

(S. 11)*

Und, gleich darauf, bei einem Abstecher zur Frage „Wieso ist das Sein?“:

[…] – das ist die Frage, zu der Heidegger zurückkehren möchte. Er interessiert sich weniger dafür, wie einzelnes Seiendes entstanden ist, als für die unglaubliche Tatsache, dass es überhaupt Seiendes gibt. Und diese Dinge sind unserem Verstand zugänglich, was ja leicht auch hätte anders sein können.
Für viele Philosophen – nicht zuletzt die angelsächsischen – ist die Frage „Wieso ist das Sein?“ allerdings das Paradebeispiel einer Scheinfrage. In ihren Augen ist es nicht nur schwierig oder gar unmöglich, diese Frage zu beantworten, sondern auch äußerst zweifelhaft, ob es da überhaupt etwas zu beantworten gibt. Sie meinen, die Frage sei nur ein umständlicher teutonischer Ausdruck für „Wow!“. Sie sei etwas für Dichter und Mystiker, nicht aber für Philosophen. Und vor allem in der angelsächsischen Welt sind die Barrikaden zwischen diesen beiden Lagern gut bewacht.

(S. 14)

Eagleton bedient sich natürlich eines immer wieder gerne genommenen Tricks. Indem er Aristoteles, Nietzsche, Schopenhauer, Marx, Wittgenstein oder Deleuze auftreten läßt, entzieht er sich der eigenen Positionierung. So entsteht ein höchst amüsanter Streifzug durch die europäische Geistesgeschichte, immer wieder mit Seitenhieben, immer wieder sehr sophisticated. Hier mal keine solche Stelle:

Der symbolische Bereich wurde nicht nur vom öffentlichen abgespalten, sondern auch von ihm vereinnahmt. Die Sexualität wurde gewinnbringend als Ware vermarktet, und für Kultur standen größtenteils die profitgierigen Massenmedien. Kunst war eine Frage von Geld, Macht, gesellschaftlicher Stellung und kulturellem Kapital. Kulturen wurden nun von der Touristikbranche exotisch verpackt und verhökert. Selbst die Religion entwickelte sich zu einer gewinnbringenden Industrie, in der Fernsehprediger den frommen und leichtgläubigen Armen ihr schwer verdientes Geld aus der Tasche zogen. Damit hatten wir das Schlechteste beider Welten erfolgreich vereint: Die Orte, an denen Sinn traditionell in größter Fülle sprudelte, hatten nun kaum noch Einfluss auf den öffentlichen Bereich. Zugleich aber waren diese Orte so aggressiv von kommerziellen Kräften kolonisiert worden, dass sie nun selbst Teil des Sinnverlusts wurden, dem sie einst entgegenwirken wollten. Der inzwischen privatisierte Bereich des symbolischen Lebens stand unter dem Druck, mehr zu liefern, als er mit Anstand konnte. In der Folge fiel es auch in der Privatsphäre immer schwerer, Sinn zu finden. Fiedeln, während die Zivilisation in Flammen stand, oder den eigenen Garten bestellen, während die Geschichte um einen herum in sich zusammenstürzte, schienen keine so brauchbaren Optionen mehr zu sein wie früher.

(S. 42f.)

„Sinn des Lebens“ ist keine Philosophiegeschichte, auch nicht populär, es ist auch keine philosophische Abhandlung zur Sinnfrage, es ist alles in allem ein akademischer Spaß. Was nicht bedeutet, daß es keine Inspiration bietet oder keine Gedanken herauszuziehen sind.
Und so läßt sich auch Herr Eagleton im Laufe des Buches doch noch aus der Reserve locken und bietet sehr wohl einen Sinn des Lebens an. Seine Überzeugung läuft im Wesentlichen darauf hinaus, daß der Sinn des Lebens Jazz ist. Und um den Spoiler zu entschärfen, sage ich: Das macht sogar Sinn. 😉

Zum Schluß noch der Hinweis auf

die lieferbaren Ausgaben.

Und ganz zum Schluß noch ein Hinweis auf die Scobel-Sendung mit Eagleton, die mich anregte, das Buch zu erwerben.

*zitiert nach: Eagleton, Terry: Der Sinn des Lebens. List TB. Berlin 2010.

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Das Buch zum Sonntag (45)

Hat in der geneigten Leserschaft jemand nachgezählt, wie oft die Buchempfehlung eigentlich pünktlich kam und ob es sich nicht inzwischen lohnte, die Rubrik in „Das Buch am Sonntag“ umzubenennen?
Nunja,

für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Albert Camus: Die Pest

Im Rahmen einer Reise in meine Lesebiographie las ich kürzlich diesen Roman wieder. Solche Reisen sind ja eine zwiespältige Angelegenheit. Nicht immer gelingt es, die positiven Erinnerungen an das Lesegefühl wieder auferstehen zu lassen. Und nicht selten stellen sich nicht einmal andersartige positive Erlebnisse ein. Bei Karl May zum Beispiel frage ich mich nicht nur, wieso ich den seinerzeit gern las – ich frage mich sogar, wie es mir überhaupt gelang, ihn zu lesen.
Ganz anders aber bei Camus. Die Lektüre war auch nach 14 Jahren wieder ein Gewinn. Erzählt wird die Geschichte der Stadt Oran, in der die Pest ausbricht. Es beginnt mit einer toten Ratte.

Am Morgen des 16. April trat Doktor Bernard Rieux aus seiner Praxis und stolperte mitten auf dem Treppenabsatz über eine tote Ratte. Vorerst schob er das Tier beiseite, ohne es zu beachten, und ging die Treppe hinunter. Aber auf der Straße kam ihm der Gedanke, daß diese Ratte dort nicht hingehörte, und er machte kehrt, um den Concierge zu informieren. Angesichts der Reaktion des alten Monsieur Michel wurde ihm klarer, wie ungewöhnlich seine Entdeckung war. Das Vorhandensein dieser toten Ratte war ihm nur sonderbar vorgekommen, wohingegen es für den Concierge einen Skandal darstellte. Dessen Standpunkt war kategorisch: Es gab keine Ratten im Haus.

(S. 12)*

Geradezu mit dem Seziermesser genau schaut Camus auf das verhalten der Menschen in dieser Ausnahmesituation. Um die Hauptperson, den Arzt Rieux, gruppiert er Menschen unterschiedlichster Herkunft, Anschauungen und Motivationen. Und so findet sich eine große Bandbreite von Reaktionen – Fluchtversuche, Schadenfreude und die ängstliche Sorge um den eigenen Vorteil, donnernde Reden über verdientes Unheil als Schuldsühne und leises Nachdenken über den rechten Weg zum Glücke aller, beherztes Engagement und stille Hilfe im Hintergrund, ekstatisches Vergnügen und verbarrikadierte Türen im Angesicht der unbarmherzigen, unberechenbaren Katastrophe. Um nur einige zu nennen.
Camus´ Erzählkraft schlug mich hier von Anfang in den Bann, erzeugte einen Sog, dem ich mich nur schwer entziehen konnte. Geradezu bedauernd legte ich das Buch zu Seite, wenn das böse Leben da draußen seinen Tribut forderte. Und es veränderte meine Wahrnehmung erheblich. Als ich während einer Bahnfahrt am anderen Ende des Abteils jemanden ausdauernd husten hörte, drehte ich mich erschrocken um und wollte instinktiv das Beförderungsmittel verlassen, ehe sich das Vorderhirn meldete und die Trennwand zwischen virtueller und realer Welt wiederherstellte.
„Die Pest“ ist mit Sicherheit kein schönes Buch, keines, daß man am Sonntagnachmittag in gemütlicher Runde den Kindern oder Enkeln vorliest, aber es ist ein verdammt gutes. Camus führt uns sehr gut vor Augen, wie hilflos wir trotz unseres alltäglichen Überlegenheitsgefühles, das uns suggeriert, alles stets und immer im Griff zu haben, letztlich sind, wenn der Tod, den wir zu ignorieren uns erlauben, über uns hereinbricht – und welche Wege es geben könnte, darauf zu reagieren.
Es gibt zwei Stellen in diesem Roman, die mich wirklich stark bewegt haben. Die erste stammt aus der Predigt eines Jesuiten, die Doktor Rieux hört:

Sein Interesse wurde konzentrierte, als Paneloux nachdrücklich sagte, es gebe Dinge, die man im Angesicht Gottes erklären könne und andere, die man nicht erklären könne. Zwar gebe es Gut und Böse, und im allgemeinen könne man sich leicht erklären, was sie trennt. Doch die Schwierigkeit beginne innerhalb des Bösen. Es gebe zum Beispielk das scheinbar notwendige Böse und das scheinbar unnötige Böse. Es gebe den in die Hölle gestoßenen Don Juan und den Tod eines Kindes. Denn während es gerecht sei, daß der Lebemann vernichtet wird, verstehe man das Leiden des Kidnes nicht. Und eigentlich gebe es auf Erden nichts Wichtigeres als das Leiden eines Kindes und Grauen,
das dieses Leiden mit sich bringt, und die Gründe, die man dafür finden muß. Im sonstigen Leben erleichtere Gott uns alles, und bis dahin sei die Religion ohne Verdienste. Hier dagegen treibe er uns in die Enge. So ständen wir zwischen den Mauern der Pest und müßten in ihrem todbringenden Schatten unseren Gewinn finden. Pater Paneloux schlug sogar die Erleichterung bringenden Vorteile aus, die ihm ermöglicht hätten, die Mauer zu erklimmen. Es wäre für ihn ein leichtes gewesen zu sagen, die Wonnen der Ewigkeit, die auf das Kind warteten, könnten sein Leiden ausgleichen, aber in Wahrheit wußte er nichts darüber. Wer konnte denn behaupten, daß eine ewige Wonne einen Augenblick menschlichen Schmerzes ausgleichen kann? Ganz sicher kein Christ, deren Meister den Schmerz in seinen Gliedern und in seiner Seele empfunden hat. Nein, der Pater würde am Fuße der Mauer stehenbleiben, jener Zerrissenheit getreu, deren Symbol das Kreuz ist, Auge in Auge mit dem Leiden eines Kindes. Und er würde denen, die ihm an diesem Tag zuhörten, furchtlos sagen: „Liebe Brüder, der Augenblick ist da. Man muß alles glauben oder alles leugnen. Und wer unter euch würde es wagen, alles zu leugnen?“

(S. 253f.)

Der Reiz und die Gefahr der Religion: Das Unerklärliche, das Unfaßbare, erklärbar zu machen. In seiner Absolutheit aber eben auch alles erklärbar zu machen. Nicht nur das erlittene, sondern auch das zugefügte Leid. Auch ein Gott hilft uns nicht aus der Patsche: Was richtig und falsch ist hier auf Erden, wir müssen es selbst entscheiden.
Dies gilt freilich nicht nur für religiös motivierte Wahrheitsbesitzer, wie die nächste Stelle zeigen wird, die mir bei meiner Neulektüre vor Augen führte, daß Golo Manns Satz „Wir alle sind, was wir gelesen.“ wohl nicht von der Hand zu weisen ist, bildete ich mir doch ein, eine ganz eigenständige Position entwickelt zu haben, was unwahrscheinlich wird, wenn sie sich so perfekt beschrieben in einem vor vielen Jahren gelesenen Buch findet:

Jedenfalls war das Diskutieren nicht meine Sache. Da war die rote Eule, dieses widerliche Abenteuer, bei dem widerliche, verpestete Münder einem Mann in Ketten verkündeten, daß er gleich sterben werde und alles vorbereiteten, damit er tatsächlich starb uind nach Nächten und Nächten der Todesangst, in denen er offenen Auges darauf wartete, ermordet zu werden.
Meine Sache war das Loch in der Brust. Und ich sagte mir, daß ich mich vorläufig wenigstens für mein Teil weigern würde, dieser ekelhaften Schlachterei je eine einzige, eine einzige, hören Sie, Rechtfertigung zu geben. Ja, ich habe diese eigensinnige Blindheit gewählt, bis ich klarer sehe.
Seither habe ich mich nicht verändert. Seit langer Zeit schäme ich mich, schäme mich tödlich, daß auch ich, wenn auch nur von ferne, wenn auch aus einer guten Gesinnung, ein Mörder gewesen bin. Mit der Zeit habe ich einfach festgestellt, daß selbst die, die besser sind als andere, heute nicht umhinkönnen, zu töten oder töten zu lassen, weil es in der Logik liegt, in der sie leben, und daß wir in dieser Welt keine Bewegung machen können, ohne Gefahr zu laufen, zu töten. Ja, ich habe mich weiter geschämt, ich habe gelernt, daß wir alle im Zustand der Pest sind, und ich habe den Frieden verloren. Ich suche ihn noch heute, indem ich versuche, alle zu verstehen niemandes Todfeind zu sein. Ich weiß nur, daß man das Nötige tun muß, um kein Verpesteter zu sein, und daß wir nur dadurch auf Frieden hoffen können oder doch wenigstens auf einen guten Tod. Das ist es, was die Menschen erleichtern kann und ihnen, wenn es sie auch nicht rettet, zumindest sowenig Böses wie möglich zufügt und manchmal sogar ein wenig Gutes. Und deshalb habe ich beschlossen, alles abzulehnen, was von nah oder ferne, aus guten oder schlechten Gründen, tötet oder rechtfertigt, daß getötet wird.

(S. 286f.)

Lieferbar ist der Roman derzeit in

diesen Ausgaben.

*zitiert nach: Camus, Albert: Die Pest. Deutsch von Uli Aumüller. Rowohlt Taschenbuch Reinbek. Sonderausgabe 1999

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Das Buch zum Sonntag (44)

Zunächst möchte ich mich bei der geneigten Leserschaft für die erhebliche Verspätung der Leseempfehlung entschuldigen. Aber ich war in den letzten Tagen sehr beschäftigt. Insbesondere damit, den Tagesrhythmus Schweizer Kühe zu analysieren und dem vielfältigen Treiben der dortigen Vogelwelt zu folgen.

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Lutz Seiler: Die Zeitwaage

Auf Lutz Seiler wurde ich aufmerksam, als ich ihn im Rahmen der 60-Jahre-Suhrkamp-Jubiläumsveranstaltung zur Leipziger Buchmesse lesen hörte. Der Ausschnitt, den er vortrug, basierte offenbar auf Kindheitserinnerungen und wurde vom Publikum als recht amüsant aufgenommen. Auch ich konnte mir das eine oder andere Lachen nicht verwehren, hatte aber das ungute Gefühl, damit der Geschichte nicht gerecht zu werden. Als ich derselben Erzählung dann in eigener Lektüre erneut begegnete, lachte ich nicht.
Seilers Erzählungen in der heute vorgestellten Sammlung sind literarische Schmuckstücke. Ruhig vorgetragene Erinnerungen an vergangene Zeiten, vergangene Lieben mit einem hohen Identifikationspotential. Vor allem aber geradezu seismographisch genau in ihrem Abbild der Gefühls- und Gedankenwelten ihrer Protagonisten. Ob das Kind, das sich aus Scham davor, als erster an der Schultür zu warten, versteckt, um das Eintreffen der anderen abzuwarten, der Mann, der in einem letzten gemeinsamen Urlaub das Auseinanderbrechen seiner Familie rekapituliert oder der junge Mann, der in Erinnerungen an eine Liebe aus der Studentenzeit schwärmend, anerkennen muß, daß es für manches zu spät ist, weil die Zeit sich nicht um Erinnerungen schert.

Die folgende Stelle stammt aus einer Erzählung, die sich um Erinnerungen an die Schulzeit des lyrischen Ichs dreht:

Meine Mutter umarmte mich. Obwohl ich wußte, was kam, hatte ich Mühe. Eine Weile stand ich fassungslos und lauschte (mit zurückgeschobener Mütze) dem Klopfgeräusch ihrer Absätze auf dem Pflaster, ein Geräusch, das ich auf meinen Narben spüren konnte, so klar und deutlich, als wäre mir dort infolge meines Unfalls ein zusätzliches Organ gewachsen … Unweigerlich wurde es leiser und leiser, plötzlich aber schien es nochmals näher zu kommen, was mich schon oft in falsche Hoffnungen gestürzt hatte. Am Ausgang der Straße änderten sich die Echoverhältnisse. Dort traf das Geräusch ihrer Schritte auf den ersten Wohnblock der Gebind, ein Neubaugebiet im Zentrum von L. mit sieben parallel angeordneten Blöcken, die sich im rechten Winkel zum Wald hinstuften, den Berg zur Charlottenburg hinauf, von der nicht mehr als ihr Name übriggeblieben war. So unklar sich der Schall bis dahin entwickelt haben konnte, abhängig von der Feuchte, der wechselnden Dichte der Luft, ihren kalten Strömungen, in denen sich auch die Reste des Nachtdunkels bewegten und mischten mit dem ersten Licht des Tages, so unerbittlich wurde jeder Laut an den hohen Mauern der Gebind aufgefanfen und zurückgeworfen in die umliegenden Ortsteile. Die Schulstraße, auf der ich stand und, auf Zehenspitzen lauschend, den Schritten meiner Mutter nachhing, bildete einen dieser gepflasterten Kanäle, über die der Ort mit der Gebind und ihren Echos verbunden war.

(S. 61f.)

Ist das nicht eine wunderbare Szene? Wie ein Junge, allein gelassen vor dem Schulgebäude, den vertrauten Schritten der Mutter nachhängend, versucht, die Traurigkeit, das Gefühl des Alleingelassenseins mit Überlegungen über die Schallverhältnisse im Ort zu kompensieren.
Gerade diese Erzählung („Der Kapuzenkuß“) hat es mir sehr angetan, weil Seiler hier wirklich sehr in die Tiefe abtaucht, ganz weit in die Seelengründe hineinschaut. Seine ersten Veröffentlichungen waren Gedichtbände – vielleicht liegt hier eine Ursache für das große Einfühlungsvermögen seiner Prosa.
Im Gegensatz zu meiner sonstigen Angewohnheit verzichte ich auf weitere Zitate, habe ich doch bei jedem Versuch, ein Zitat auszuwählen, das Gefühl, ein Kunstwerk zu verstümmeln. Seilers Erzählungen, die auf mich den Eindruck machen als stammten sie von jemandem, der mit den weit geöffneten Augen und der Beobachtungsgabe, die Kindern zugeschrieben wird, auf die Welt schaut. Eben nicht staunend, sondern beobachtend, die Welt so betrachtend, als könne sie gar nicht anders sein als sie nun einmal ist. Nicht wertend, aber nachforschend.
Und: Seiler kann schreiben. Seine Sprachbeherrschung ist erstaunlich und macht Freude beim Lesen.

So soll denn auch heute nicht der Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben

fehlen.

Das Buch zum Sonntag (43)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Edgar Allan Poe: Erzählungen

Betrachtet man die Dominanz der US-amerikanischen Literatur im 20. Jahrhundert, insbesondere in der zweiten Hälfte, so erstaunt es doch, wie jung sie genau genommen ist. Schaut man allerdings, welcher Geisteströmung die Gründer Neuenglands angehörten, verwundert es weder, daß es eine Weile dauerte, bis Literatur von Weltrang entstand, noch daß es Europa brauchte, um die Bedeutung Poes auch in seinem Heimatland bewußt zu machen.
Aber die geneigte Leserschaft soll Bücher ja nicht lesen, weil sie irgendwann mal von Bedeutung waren, sondern, weil es sich lohnt. Warum also lohnt es, E.A. Poe zu lesen?
Weil Poe ein Meister seines Faches ist.
Seine atmosphärischen Erzählungen schaffen eine Stimmung, die den Lesenden unmittelbar gefangen nehmen, erzählen von Tod, Verlust, Wiederkehr (und zwar keineswegs im optimistischen Sinne fernöstlicher Religionsgemeinschaften), Liebe und Schönheit. Es gelingt Poe dabei immer wieder, Bilder zu erzeugen, die schauern lassen. Es liegt über allem ein düsterer Schleier (ich assoziiere meist beim Lesen Nebel, völlig egal, wo und wann die Geschichte spielt, bei mir ists immer neblig), Vorahnungen und dunkles Schicksal raunen durch die Zeilen.
Wie selbstverständlich läßt Poe phantastische, unerklärliche Ereignisse geschehen, es erscheint dem Lesenden ganz und gar nicht unwahrscheinlich, daß das Herz eines Ermordeten den Mörder mit seinem Pulsieren verrückt macht („Das verräterische Herz“, der Originaltitel ist allerdings sensationell: „The Tell-Tale Heart“), doch ebenso wie hier, so bleibt es auch in anderen Erzählungen offen, ob diese Erscheinungen der überreizten Vorstellungskraft der Protagonisten entspringen oder eben nicht.
Ich habe lange überlegt, aus welcher Erzählung und welche Stelle ich zitieren könnte. Es war dies keine einfache Suche, denn ich möchte ja nicht spoilern. Entschieden habe ich mich schließlich für diese Stelle aus der Erzählung „Ligeia“:

In einer Nacht, es war gegen Ende September, wies sie meine Aufmerksamkeit mit mehr als gewöhnlichem Nachdruck auf diese peinigenden Ängste hin. Sie war soeben aus unruhigem Schlummer erwacht, und ich hatte – halb in Besorgnis und halb in Entsetzen – das Arbeiten der Muskeln in ihrem abgemagerten Gesicht beobachtet. Ich saß seitwärts von ihrem Ebenholzbett auf einer der indischen Ottomanen. Sie richtete sich halb auf und sprach in eindringlichem leisen Flüstern von Lauten, die sie jetzt vernahm, die ich aber nicht hören konnte – von Bewegungen, die sie jetzt sah, die ich aber nicht wahrnehmen konnte. Der Wind wehte hinter der Wandverkleidung in hastigen Zügen, und ich hatte die Absicht, ihr zu zeigen (was ich allerdings, wie ich bekenne, selbst nicht ganz glauben konnte), daß dies kaum vernehmbare Atmen, daß diese ganz geringen Verschiebungen der Gestalten an den Wänden nur die natürliche Folge des Luftzuges seien. Doch ein tödliches Erbleichen ihrer Wangen ließen mich einsehen, daß meine Bemühungen, sie zu beruhigen, fruchtlos sein würden. Sie schien ohnmächtig zu werden, und keiner der Dienstleute war in Rufnähe. Doch da erinnerte ich mich einer Flasche leichten Weines, den die Ärzte verordnet hatten, und eilte quer durchs Zimmer, um sie zu holen. Doch als ich unter den Flammen des Weihrauchbeckens angekommen war, erregten zwei sonderbare Umstände meine Aufmerksamkeit.

(S. 70)*

Wer es sich zutraut, sollte E.A. Poe unbedingt im Original lesen. Es gibt Poe übersetzt in mannigfachen Ausgaben, die zu beurteilen mir leider gänzlich die Kompetenz fehlt. Daher hier der gewohnt neutrale Überblick über die

lieferbaren Ausgaben.

Ich habe diese Ausgabe verwendet, die aus technischen Gründen bei der obigen Suchanfrage nicht mit auftaucht.

*zitiert nach: E.A. Poe: Der Untergang des Hauses Usher und andere Geschichten von Schönheit, Liebe und Wiederkunft. Diogenes Zürich 1984

Das Buch zum Sonntag (42)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jean-Paul Sartre: Der Ekel

Meine bisherige Berufserfahrung legt die Vermutung nahe, daß es im Verlaufe eines Lebens verschiedene Lesephasen gibt. Ich habe das noch nicht systematisiert und wahrscheinlich gibt es auch bereits eine Doktorarbeit zu dem Thema (apropos Wissenschaft: Mein Highlight der Frühjahrssaison ist ja dieses Werk hier) – aber ich in überzeugt, daß es in der Adoleszenz eine Phase gibt, in der Lesen besonders empathisch stattfinden. So gibt es beispielsweise die von mir so titulierte Zielgruppe der empfindsamen jungen Damen in der Hesse-Phase (übrigens leicht zu beraten, aber ich schweife ab). Bei mir lag diese Pahse irgendwo zwischen 17 und 20 – und genau zu dieser Zeit las ich zum ersten Mal Sartre.
Die Lektüre war nichts weniger als erschütternd. Die Unerbittlichkeit, mit der Sartre die Belanglosigkeit des Lebens immer und immer wieder darstellt, wie geradezu sezierend die Bemühungen der Menschen um einen höheren Sinn in ihrer ganzen Armseligkeit offenbart werden und dem Lesenden vor Augen führt, daß nichts ist außer seiner Existenz – das hat mich stark beeindruckt. Nach dem „Ekel“ las ich noch seinen Zyklus „Wege zur Freiheit“, scheiterte an „Das Sein und das Nichts“ – und ließ ihn daraufhin über 10 Jahre liegen (natürlich nicht ohne weiterhin die RowohltRamschKisten nach rot-schwarzen Bänden zu durchsuchen…)
Aber ich möchte die geneigte Leserschaft nicht mit Ausflügen in meine Lesebiographie langweiligen und versuche stattdessen, ein paar Worte zum Buch selbst zu finden.
„Der Ekel“ tritt dem geneigten Leser als Tagebuch von Antoine Roquentin entgegen, der in einer französischen Provinzstadt über einen gewissen Monsieur Rollebon, seines Zeichens französischer (Geheim-)Diplomat des 18. Jahrhunderts, forscht, um dessen Biographie zu schreiben.
Roquentin entdeckt eines Tages, daß ihn gelegentlich ein Ekel überkommt – vor Situationen, Dingen, Menschen, das ist zunächst recht diffus.
In der folgenden Szene beobachtet Roquentin von seinem Fenster aus ein eine alte Frau, die sich auf der Straße bewegt.

Ich sehe die Zukunft. Sie ist da, auf die Straße gestellt, kaum blasser als die Gegenwart. Was braucht sie sich zu verwirklichen? Was bringt ihr das zusätzlich ein? Die Alte entfernt sich humpelnd, sie bleibt stehen, sie zieht an einer grauen Haarsträhne, die unter dem Tuch hervorkriecht. Sie geht, sie war dort, jetzt ist sie hier … ich weiß nicht mehr woran ich bin: sehe ich ihre Bewegungen, sehe ich sie voraus? Ich unterscheide die Gegenwart nicht mehr von der Zukunft, und trotzdem: das dauert, das verwirklicht sich nach und nach; die Alte kommt in der verlassenen Straße voran, sie bewegt ihre plumpen Männerschuhe vorwärts. So ist sie, die Zeit, die nackte Zeit, das kommt langsam zur Existenz, das läßt auf sich warten, und wenn es kommt, ist man angeekelt, weil man mekrt, daß es schon lange da war. Die Alte nähert sich der Straßenecke, sie ist nur noch ein Häufchen schwarzer Stoffe. Gut, ja, meinetwegen, das ist neu, eben war sie nicht da. Aber dieses Neue ist matt, defloriert, es kann einen nie überraschen. Sie wird um die Straßenecke biegen, sie biegt um die Ecke – eine Ewigkeit lang.
Ich reiße mich vom Fenster los und laufe taumelnd im Zimmer herum; ich bleibe am Spiegel hängen, ich sehe mich an, ich ekele mich an: noch eine Ewigkeit. Schließlich entkomme ich dem Bild und werfe mich auf mein Bett.

(S. 54f.)*

Diesem Ekel spürt Roquentin in seinem Tagebuch sehr intensiv nach, versucht ihn zu ergründen. Der geneigte Leser wir hier Zeuge eines hochinteressanten intellektuellen Schauspiels. Gleichzeitig nimmt Sartre mit Hilfe der Alltagsbeobachtungen seines Protagonisten (und ein Tagebuch bietet ja eine willkommene Plattform für Beobachtungen jeglicher Art) das Spektrum all jener Gesellschaftsmitglieder aufs Korn, die ihm offenbar nicht so zusagen. Neben dem bei Sartre immer wiederkehrenden Typus des „Chefs“ findet sich dort im Rahmen einer meiner Lieblingsstellen eine Abrechnung mit dem sogenannten Humanismus, aber es gibt auch wunderbare Kleinstadtszenen, in denen die Absurdität der Dinge und Denkweisen, die unser tägliches Leben beherrschen, vor Augen geführt werden. Und dies alles im beiläufigen Tonfall des unbeteiligten Zuschauers. Da gibt es einige Perlen zu entdecken.

Ich möchte aber noch eine andere Stelle zitieren, weil sie zu denen gehört, die mich seinerzeit ins Mark trafen:

Der Doktor Rogé hat seinen Calvados getrunken. Sein großer Körper sackt in sich zusammen, und seine Lider fallen schwer herunter. Zum erstenmal sehe ich sein Gesicht ohne die Augen: man könnte meinen, eine Pappmaske wie die, die heute in den Geschäften verkauft werden. Seine Wangen haben eine scheußliche rosa Farbe … Die Wahrheit enthüllt sich mir plötzlich: dieser Mann wird bald sterben. Er weiß es bestimmt; er braucht sich nur in einem Spiegel angeschaut zu haben: er wird jeden Tag der Leiche, die er sein wird, ein bißchen ähnlicher. Das also ist ihre Erfahrung, darum also habe ich mir so oft gesagt, daß sie nach Tod riecht: sie ist ihre letzte Verteidigung. Der Doktor möchte gern daran glauben, er möchte die unerträgliche Realität verbrämen: daß er allein ist, ohne Wissen, ohne Vergangenhei, mit einer Intelligenz, die teigig wird, mit einem Körper, der abbaut. Also hat er wohlweislich seinen kleinen, ausgleichenden Wahn konstruiert, eingerichtet, ausgepolstert: er sagt sich, er werde reifer.

(S. 113)

Es bliebe noch einiges über das Buch zu sagen, nicht zuletzt wegen der vielen Facetten, die sich hier zeigen, aber es gehört ja zum Grundsatz dieser Reihe, Leseerfahrungen nicht vorwegzunehmen. 😉
Wie auch immer letztlich die eigene Position dazu sein mag: Die Konsequenz, mit der Sartre hier der Frage nach der Existenz nachgeht, die intellektuelle Schärfe, die das hat – ich kann mir nicht vorstellen, daß dieser Roman jemanden unberührt läßt.
Die stärkste Passage des Romans findet sich in meinen Augen übrigens ab Seite 200 – sie ist zu lang, um sie hier zu zitieren und außerdem möge diese Aussage Ansporn sein, mindestens bis dahin zu lesen. 😉

Zum Abschluß natürlich noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

*zitiert nach: Sartre, Jean-Paul: Der Ekel. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek. 53. Aufl. 2009

Kein Buch zum Sonntag (4)

Die geneigte Leserschaft wird es bemerkt haben, in den letzten Wochen war es recht ruhig hier. Zusätzlich zum Semesteranfangsgeschäftsstress schwächelt nun also auch mein Immunsystem – und nach einigen durch Hustanfälle und Kopfschmerzattacken gescheiterten Versuchen, gebe ich mich für diese Woche geschlagen.
Mithin gilt für die geneigte Leserschaft wie auch für mich: Abwarten und Tee trinken. 😉

Das Buch zum Sonntag (41)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jakob Hein: Herr Jensen steigt aus

Auf Jakob Hein stieß ich durch sein Debut „Mein erstes T-Shirt“, eine Sammlung köstlicher Erzählungen, gespeist aus Kinheits- und Jugenderlebnissen eines Heranwachsenden in der DDR.
In „Herr Jensen“ steckt allerdings sehr viel mehr. Diese Erzählung (auf dem Buchdeckel steht „Roman“, aber ich weigere mich, die inflationäre Verwendung dieses Genrebegriffes noch länger mitzumachen, da es sich hier lediglich um die sich selbst erfüllende Prophezeiung der Behauptung handelt, Erzählungen würden sich in Deutschland nunmal nicht verkaufen) habe ich unter anderem als entlarvendes Kabinettstück auf unser persönliches wie gesellschaftliches Selbstverständnis gelesen. Dieses nämlich wird beispielsweise massiv davon geprägt, welcher beruflichen Tätigkeit wir nachgehen.

Herrn Jensen war es schon früher nie gelungen, auf Feiern Gespräche anzufangen, und die wenigen Versuche anderer Gäste, mit ihm Kontakt aufzunehmen, endeten jedesmal binnen kurzem in einer Sackgasse. Denn nie dauerte es lange, bis die Frage gestellt wurde, was er denn tun würde, und Herr Jensen wahrheitsgemäß mit „nicht“ antwortete. Danach war jedes Gespräch im Keim erstickt, und über nichts konnte man sich schlecht unterhalten. Jeder trank verlegen ein paar Schlucke, als ob das ein Ersatz für ein weiteres Gespräch wäre, um dann möglichst beiläufig auseinanderzugehen.
[…]Warum fragte niemand, was man gern aß oder welche Musik man hörte? Warum fragte ihn niemand nach seiner Art zu duschen? Herr Jensen hatte nämlich in jahrelangen Versuchsreihen die perfekte Duschtemperatur herausgefunden und die exakte Menge Haarwaschmittel, die er benötigte. Warum wollte keiner wissen, ob man besser auf der Seite, auf dem Rücken oder gar auf dem Bauch einschlief? Warum waren alle so einfallslos zu fragen, was man machte?

(S. 38f.)

Herr Jensen hat, zunächst als Job neben dem Studium, nach dessen abruptem Ende ohne selbiges Briefe ausgetragen. Diesen Job verliert er und in der Folge gerät sein bis dahin klar geordnetes, alles in allem unspektakuläres Leben aus den Fugen. In kleinen Schritten, jeder für sich durchaus logisch und konsequent, verschwindet Herr Jensen aus dem gesellschaftlichen Leben. Herr Jensen ist kein kreativer Denker, der sich bei Frage, was die Welt im Innersten zusammmenhält, in neue Sphären aufschwingt, aber er verfolgt seine Pläne mit einer erstaunlichen Beharrlichkeit und einer stringenten Konsequenz, die ihn in den Augen seiner Umwelt schnell zumindest absonderlich, wenn nicht sogar verrückt erscheinen läßt.
Dem Lesenden allerdings erscheint niemand normaler als Herr Jensen, es scheint eher die Welt da draußen verrückt und daher nur sinnvoll, sich aus eben dieser zurückzuziehen.
Ich möchte das mal an zwei Beispielen illustrieren, die, wie ich finde, diese Absurdität dessen, was wir „normal“ finden, recht gut aufzeigen:

Irgendeinen Grund für seine Kündigung mußte es geben.
„Nicht doch, Jensen. Es hat keine Beschwerde gegeben, und es hat auch keinen Anlaß zur Beschwerde gegeben. Sie besitzen alles, was wir in einem Mitarbeiter such, Sie sind qualifiziert, routiniert und nicht überambitioniert. Es tut mir – und ich glaube, ich kann da für die ganze Abteilung sprechen – es tut uns allen leid, daß Sie gehen müssen.“ – „Aber wenn es sich so verhält, warum muß ich dann gehen?“ – „Ich habe es Ihnen doch schon erklärt“, seufzte Herr Boehm. „Wir müssen Ihnen leider im Rahmen unseres neuen Programms zur Verhinderung betriebsbedingter Kündigungen kündigen.“ – „Ich arbeite hier seit fünfzehn Jahren, seit fast zehn Jahren in Vollzeit. Ich bin länger hier als Sie, Herr Boehm“, sagte Herr Jensen entrüstet. – „Ja, das ist ja richtig.“ Herr Boehm rutschte auf seinem Stuhl herum und fuhr mit dem rechten Zeigefinger hinter den Kragen seines taubenblauen Hemdes. „Aber Sie waren nie ein richtiger Mitarbeiter. Sie haben als Student angefangen und wurden dann von uns auf eine freie Stelle gesetzt. Sie wurden aber nie von uns ausgebildet, deswegen zählen sie nicht als regulärer Mitarbeiter, und darum trifft der Sozialplan nicht auf Sie zu.“ – „Und wer soll dann meine Arbeit machen?“ fragte Herr Jensen. – „Ein anderer Student. […]“

(S. 24)*

Die Szenen im Arbeitsamt sind wunderbare Miniaturen, die ich hier auseinander reißen müßte, um sie zitieren zu können, was sie wiederum zerstören würde, weshalb ich auf das zweite Beispiel verzichte und lieber einen anderen Aspekt anbringe. Eines Tages entdeckt Herr Jensen nämlich im Rahmen eines großangelegten Projektes, welche moralischen Normen heute gelten.

Das Ganze war keine zufällige Laune. Alles gehörte zusammen. Die dicken Frauen in Unterwäsche und die unbeholfenen Tanzversuche nuschelnder Jugendlicher. Es ging um moralische Normen. Doch während man diese früher in Kursen erlernen und in Benimmbüchern nachschlagen konnte, wurden sie nun auf diese vollkommen andere Art vermittelt. Früher war einem gesagt worden, wie man zu leben hatte. In den Sendungen, die Herr Jensen in den letzten Monaten studiert und analysiert hatte, konnte man statt dessen sehen, wie man nicht mehr leben durfte. Darum war es auch möglich, daß dieselben Menschen immer andere extreme Standpunkte vertraten. Sie dienten nur als Mensch gewordene schlechte Beispiele. Und dabei war es gleichgültig, ob sie bezahlte Schauspieler, spielende Laien oder einfach nur gestörte Menschen waren. Die scheinbar abwegigsten Diskussionen mit Sodomisten und Päderasten zeigten, wo die Grenze verlief, markierten, bis wohin man gehen durfte. Jeder, der diese Grenzen nicht überschritt, konnte davon ausgehen, sich der Norm entsprechend zu verhalten.
Das hatte herr Jensen herausgefunden. Und er schrieb auf einen Zettel, was demzufolge normal sein sollte:
Man sollte arbeiten gehen.
Man sollte eine Frau oder zumindest häufig Sex haben.
Man sollte viele Freunde haben.
Man sollte die aktuelle Mode kennen.
Man sollte Ahnung von Musik haben.
man sollte fröhlich sein.
Man sollte Geld haben.
Man sollte schön sein.
Man sollte etwas mit sich anfangen.
Man sollte Träume haben.
Herr Jensen mußte feststellen, daß er nicht normal war.

(S. 77f.)

Und geneigter Leser, geneigte Leserin, sind Sie normal?
Nicht selten überhöht man als Lesender ja eine Lektüre, nur weil man dort bestimmten Gedanken zum ersten Mal begegnet oder eigene Ideen ausformuliert findet. Es mag also sein, daß die geneigte Leserschaft weniger aus diesem Buch herauszuziehen vermag als ich. Auf jeden Fall aber sind es 125 Seiten Lesegenuß, denn Jakob Hein kann einfach schreiben – und Herr Jensen ist eine wunderbare Figur, weil nie ganz klar ist, ob eigentlich er absurd handelt oder einfach nur die Welt absurd ist.

Zum Abschluß noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

Ich habe zitiert nach: Hein, Jakob: Herr Jensen steigt aus. Sonderausgabe. Piper Verlag, München 2009.
*Ich lasse die geneigte Leserschaft mit dieser offenen Frage mal allein. Denn dieses Buch ist ein zu Lesendes. 😉

Das Buch zum Sonntag (40)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Frank Fischer: Die Südharzreise

Das heute empfohlene Werk, übrigens mit dem grandiosen Untertitel „Abstrakter Tourismus zwischen Leipzig und Göttingen“, würde der nach Schubladen suchende Leser (übrigens eine nicht von vornherein zu verurteilende Kategorie (Achtung, Schublade – und drohender Zirkel), denn nichts, zumindest von Kunden einmal abgesehen, bringt Bibliothekare und auch den einen oder anderen Buchhändler mehr zur Verzweiflung, als ein Buch, das sich weigert, eingeordnet zu werden. Denn: Irgendwo muß es nunmal stehen, sonst sieht es mit der Auffindbarkeit aber mal ganz schlecht aus.) wahrscheinlich in das Genre der Reiseerzählungen sortieren – und das wäre noch nicht einmal völlig falsch.
Eine Reiseerzählung ist das schmale Bändchen tatsächlich. Der Autor beschließt aus nicht näher definierten Gründen, mit Anbeginn 3. Oktober 2008 die nahezu vollständig fertig gestellte A38 von Leipzig nach Göttingen innerhalb der nächsten 24 Stunden zu bereisen. Und läßt uns dankenswerter Weise daran teilhaben.
Die sogenannte „Südharzautobahn“ führt dabei durch eine, und auch das war hier schon einmal Thema, prinzipiell unterschätzte Gegend. Besuche der per Abfahrtsschild ausgewiesenen Orte ist also in jedem Falle für den kulturhistorisch Interessierten lohnend.
Aus ganz anderen Gründen allerding halte ich die Lektüre des Buches für lohnend. Frank Fischer läßt hier einen intellektuellen Witz aufblitzen, der in der deutschsprachigen Reiseliteratur doch eher Mangelware ist.

Zum Sonnenobservatorium in Goseck schreibt er:

Natürlich wurde alles archäologisch korrekt abgeglichen mit anderen Funden in Europa. Mit etwas neolithischer Fantasie kann ich mir auch vorstellen, was hier eventuell geschehen ist. Es kann aber auch alles ganz anders gewesen sein. An einigen Stellen wurden Rinderschädel gefunden, die vielleicht zu Opfertieren gehört haben. Viel interessanter wäre es doch aber, wenn die Überreste der Nutztiere darauf hinwiesen, dass es sich hier um eine Kuhweide für besonders eigensinnige Tiere gehandelt hat, die daher zur Sicherheit von einem doppelten Ring aus Holzpflöcken eingezäunt war.
Ich lese mit der Nietzsche-Taschenlampe noch schnell die Infotafeln ab, ob sich inzwischen nicht doch neue Erkenntnisse ergeben haben. Eine historische Kuhweide würde ich mir besonders gern ansehen wollen.

(S. 23)

Ich werde Goseck wohl nie wieder ohne den Gedanken an schwer erziehbare Kühe besuchen können…*
Und so geht es in 38 Kapiteln durch die mitteldeutsche Kulturlandschaft, immer mit feinen Alltagsbeobachtungen, die die Skurrilität des Homo sapiens sapiens in seiner derzeitigen Ausprägung ganz vorzüglich aufzeigen – wie die für chemiefreie Thüringer Bratwürste missionierende Imbißstandverkäuferin:

Am 1-Euro-Stand sehe ich den Hindenburg-Verantwortlichen stehen und kaufe ihm zum Dank eine eine Bratwurst ab. Ich habe sie gerade fertig verschlungen, als ich am 1,50er-Stand vorbeikomme, in dessen Nähe das Auto steht. Die Bratwurstfrau hat genau gesehen, dass ich eine feindliche Wurst verspeist habe und verwickelt mich umso dringlicher in ein Gespräch. Ich höre ihr gern zu, sie nennt wirklich 50 gute Gründe und fragt mich suggestiv, ob mir die Fremdwurst wirklich geschmeckt hat. Sie seziert eine der echten Echten und fragt mich, ob ich die Fleischstruktur gut genug erkennen kann. Am Ende lädt sie mich dazu ein, doch mal zu kosten, ihre Sicht der Dinge ist ihr also immerhin 1,50 Euro wert.

(S. 40)

Ich könnte hier so endlos weitermachen (und wenn ich die CC-Lizenz richtig verstehe, dürfte ich das sogar), möchte aber der geneigten Leserschaft das eigene Leservergnügen nicht nehmen und schließe lieber mit einer meiner Lieblingsstellen, die den Ausscheidungswettkampf gegen die Begründung, warum die A38 „Arno Schmidts Gegenkanon-Autobahn“ heißen dürfte, gewonnen hat:

Wie Hedwig Courths-Mahler in ihren Jugendjahren pilgere ich schnell noch zum Novalisgrab im Stadtpark. Sie hat dort nach eigener Aussage ihre „Phantasie in das Land der Träume versetzt“ und dann, offenbar aufgrund dieser fehlgeleiteten Novalisrezeption, über 200 Romanschmonzetten verfasst. Vielleicht sollte man an der Novalisbüste eine Infotafel anbringen, die ganz kurz die Ergebnisse der historisch-kritischen Novalisedition zusammenfasst, damit so etwas nie wieder geschieht.

(S. 22)

Kurz: Intertextualität Galore. Und genau mein Humor.

Zum Abschluß noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

*Womit wir übrigens bei meinem Motto zu jeglicher historischen Forschung wären: Es kann alles auch ganz anders gewesen sein.

Das Buch zum Sonntag (39)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Arnon Grünberg: Der Vogel ist krank

Auf Arnon Grünberg wurde ich von einer Verlagsvertreterin hingewiesen, als ich zum Ausdruck brachte, daß ich das Programm des Verlages ganz großartig finde, für meine persönliche Lektüre aber nur selten etwas dabei ist.
Nun, lassen wir es uns so sagen: Die Frau versteht etwas von ihrem Job. Grünberg gehört jedenfalls seitdem zu meinen bevorzugten Schriftstellern. Genaugenommen zu den wenigen, bei denen ich kein Werk auslasse. Selbst wenn es dabei mal Täler zu durchschreiten gilt.

„Der Vogel ist krank.“ Eines Morgens, es ist noch früh, aber schon drückend schwül, die Hitze von Wochen brütet in der kleinen Wohnung, wird Christian Beck mit diesen Worten seiner Frau geweckt. Sie trägt ihr weißes Nachthemd, das sie mit zwölf auch schon hatte.

(S. 5)

Das ist doch mal ein Beginn. Die tödliche Krankheit seiner langjährigen Freundin, die Beck als seine Frau bezeichnet, wirft in seinem Leben, das gut eingerichtet scheint, seit er seine Ambitionen als Schriftsteller aufgegeben und einen Stelle als Gebrauchsanweisungsübersetzer annahm, einiges über den Haufen.
Mit einer erstaunlichen Demut nimmt er hin, daß sie heiratet (nicht ihn), erträgt Beschimpfungen (die nicht zwangsläufig aus der Luft gegriffen sind), trägt, während allmählich alles aus den Fugen gerät, die Souveränität des überlegenen Intellektuellen zur Schau. Was mich stark beeindruckte an diesem Roman, ist, wie Grünberg geradezu rührend seinen Helden scheitern läßt. Christian Becks permanente Analysearbeit, sein permanenter Versuch, durch Hinterfragen Situationen zu verstehen, zu durchdringen, zu begreifen sind letztlich doch nur ein ohnmächtiger Akt des Intellektuellen, der glaubt, Situationen, deren Struktur er durchschaut, auch beherrschen zu können.
Und doch, man kommt nicht umhin, ihn zu mögen – bei aller Arroganz, mit der auftritt, bei allem Mist, den er macht, Christian Beck ist ein geradezu rührend liebenswerter Charakter.

Was sie teilen, ist nicht ihre Arbeit – sie teilen den Geruch des anderen, seine Vergangenheit, das Bett, die Einsamkeit, letzteres vielleicht noch mehr als alles andere. Einsamkeit teilt man schweigend, ein gewisser Fatalismus kommt über einen, man weiß, daß die eigene Isolation nicht weiter aufgebrochen werden kann als diese paar Risse, man hat die Grenzen des Sich-Begegnens erreicht, näher wird der anderen einem nie kommen; näher ist eine Illusion, näher wäre gefährlich.
Die Menschen erwarten oft – zu Unrecht -, daß ihre Beziehung, der geliebte Mensch, ihrer Einsamkeit ein Ende bereitet. Beck und seine Frau hegen keine diesbezüglichen Erwartungen, eigentlich erwarten sie nur wenig voneinander, auch das teilen sie. Was Beck bei einer Frau sucht, ist Rührung, obwohl er das erst spät gemerkt hat. Keine Befriedigung, keine demonstrativ und übeschwenglich geäußerte Liebe, keine Bestätigung – was sollte auch bestätigt werden, er selbst? Nein, Bestätigung sucht er nicht mehr, und das Myteriöse interessiert ihn auch nur noch mäßig. Das ist alles schön für den Augenblick, doch nur von Rührung kann man länger zehren.

(S. 9)

Es gibt wunderbare Liebeserklärungen in Hollywoodfilmen, diese hier hat aber auch was. Wie gesagt, Vogel heiratet jemand anderen:

„Ich finde es sogar mehr als unlogisch, ich finde es verwerflich. Du verschenkst Kleidung an Menschen, die sie nötiger brauchen als wir, in Ordnung. Du verschenkst Möbel, ich kann damit leben. Du gibst Leuten Geld, um ihnen etwas zu ermöglichen, unser Geld, mein Geld – warum nicht? Sie haben zwar wahrscheinlich gar nichts von den Möglichkeiten, die du ihnen bieten willst, aber okay, es ist mal was anderes, als Schmuck und Kleider kaufen, vielleicht sogar nützlicher, auf jeden Fall amüsanter. Aber jetzt hast du den Punkt erreicht, wo du dich selbst weggibst – verschleuderst! Dich selber, hörst du? Und das tut man nicht, auch nicht für einen guten Zweck, ein Mensch darf sich nicht selbst wegwerfen. Punkt. […] Und ich sag dir, als dein Mann, dein Freund, dein Ratgeber: Es ist Zeit auf Entzug zu gehen. Für den Anfang werden wir den Krüppel, den Du ins Haus geholt ast, wieder vor die Tür setzen. Ganz freundlich natürlich, von mir aus geben wir ihm Kleidung, Geld, Vasen, blumen, Pflanzen, Badahandtücher, was du willst, aber er verschwindet. Wir sind kein Obdachlosenasyl für Krüppel, wir können Krüppeln keine Liebe geben, wir schaffen es ja noch nicht mal füreinander.“
Sie hielt ihm ein Glas Wasser hin.
„Nein, danke.“ sagte Beck.
„Bist du fertig?“

(S.123f.)

Was er sagen wollte, war:

Seine Frau war nicht nur seine Frau, sondern auch seine Schwester, seine Mutter, seine Tante, Großmutter, seine beste Freundin, sein Kind. Und so jemanden rührt man nicht an, so jemanden kann man nicht anrühren. Ein Küßchen, ja, eine zärtliche Berührung, eine Umarmung, eine feste Umarmung sogar. Das ist alles möglich, aber man kann sich nicht anrühren wie Mann und Frau. Eines Tages geht es nicht mehr, weil man sich zu nah gekommen ist, und von da an ist es unmöglich.
So war es, doch das konnte er ihr nicht sagen, er konnte es nicht einmal sich selbst eingestehen – es gibt Wahrheiten, die selbst ein Illusionsloser nicht erträgt.

(S. 125)

Es ist keine Zeit, gründlich und ausgiebig an ihrer Beziehung zu arbeiten. Beck muß zusehen, daß er klarkommt. Mit sich, seiner Frau, ihrem Mann und dem sicheren Boden, der ihm unter den Füßen abhanden kommt.

Der Vogel ist krank gehört zu meinen wichtigsten Leseerfahrungen und ich hoffe, ich konnte der geneigten Leserschaft davon etwas vermitteln.

Zum Abschluß noch der gewohnte Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

Das Buch zum Sonntag (38)

Für die, ähem, *hust*, gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Robert Gernhardt: In Zungen reden

Robert Gernhardt, Mitbegründer der Neuen Frankfurter Schule, war einer der umtriebigsten und wohl auch vielfältigsten deutschen Schriftsteller der letzten fünfzig Jahre. Sehr viele Menschen dürften sogar Gernhardt-Texte auswendig können, ohne es zu wissen.*
„Stimmenimitationen von Gott bis Jandl“ jedenfalls lautet der Untertitel des heute empfohlenen Werkes, das eine Sammlung von Parodien enthält. Parodiert wird dabei munter durch die Literaturgeschichte – und mit großer Kunstfertigkeit. Zu einer guten Parodie ist nur fähig, wer das zu parodierende Werk sehr genau kennt. Wir dürfen annehmen, daß Gernhardt sehr genau gelesen hat.
In der illustren Runde dieser über etliche Jahre hinweg entstandenen Kleinode finden sich besispielsweise Platon und die Beatles, Thomas Mann und Dante, Goethe und Hemingway, Gottfried Benn und Ror Wolf.
Neben einem wunderbaren Wort mit 10 „e“ gibt es hier einiges zu entdecken, das mindestens zum Schmunzeln verführt:

Daß sie unter den Talaren
Machtgeil, stur und muffig waren,
Grade dann, wenn sie in Worten
Jederzeit und allerorten
Das Bestehende verdammten
Und der Schicht, aus der sie stammten,
Feurig die Leviten lasen:
Haltet ein! Bald deckt der Rasen
Euch und eure schwarze Taten.
Die tagtäglich das verraten,
Was ihr sonst an Werten predigt-:
Glaubt Karl Marx! Ihr seid erledigt!
Denn es kann im falschen Leben
Niemals nie kein richtigs geben!

Meister im Levitenlesen
Aber war der Prof, an dessen
Widersprüchen sich die „lieben“
Mädchen Pat und Doris rieben.
Darum sei sogleich verraten,
Was sie mit Adorno taten.

Nun war dieser große Lehrer
Von den Damen ein Verehrer
Was man ohne alle Frage
Nach des Denken Müh´ und Plage
Einem guten alten Mann
Auch von Herzen gönnen kann.
Nicht so unsre beiden Kinder,
Die im Weiberrat und in der
Wohngemeinschaft voll einbrachten,
was sie von dem Denker dachten:

(S. 58)

Leicht zu erkennen ist hier Gernhardts Art, nicht allein literarisch zu parodieren, sondern gleichzeitig noch satirische Seitenhiebe zu verteilen (was aber beim Mitgründer der Titanic wohl kaum überraschen dürfte). Was gleichzeitig natürlich gelegentlich die Lektüre für diejenigen schwierig machen kann, denen die Anspielungen auf Zeitereignisse fremd sind oder die den parodierten Autor (bzw. das parodierte Genre, Gernhardt parodiert auch Märchen, Legenden oder Verschenktexte) – aber gerade die hier gezeigte Busch-Parodie macht auch ohne intime Kenntnis der seinerzeitigen Ereignisse Freude. Anders gesagt: Die berichtete Anektode ist erheiternd auch ohne das Wissen darum, daß sie auf einem tatsächlichen Ereignis beruht. 😉

Aber ich kann die geneigte Leserschaft nicht ohne einen Verweis auf meine Lieblingsparodie entlassen:

Das elfte Gebot

Als nun der HErr herabgefahren war auf den Feldberg, oben auf seinem Gipfel, berief er seinen Knecht Gernhardt hinauf auf den Gipfel des Berges, und Gernhardt stieg hinauf.
Da sprach der HErr: Ich bin der HErr, dein Gott, und ich habe seinerzeit vollkommen verschwitzt, meinem Knecht Moses das Elfte Gebot mitzugeben, als er vom Berge Sinai hinunter zum Volke stieg.
So nimm du es und geh hin und steig hinab und verkünde allem Volke das Elfe Gebot.
Und Gott redete nur diese Worte: „Du sollst nicht lärmen.“
Und Gernhardt tat wie ihm geheißen und stieg hinab und sprach also zum Volk: Dies sind die Lärmvorschriften, die der HErr euch auferlegt hat:
[…]
Ihr sollt keinen Walkman in Bahnen und Zügen benutzen, denn siehe: Der Walkman ist ein Blendwerk des Satans, zu verwirren die Sinne des Menschen, auf daß er glaube, er könne seinen Kopf mit Musik vollknallen, ohne daß sein Nächster davon höre.
Ich aber sage euch: Und ob der was mithört!
[…]
Diese sollen euch in Bahnen und Bussen ebenfalls unrein sein unter den Piepsgeräten, welche Knöpfe haben und die man in die Tasche stecken kann: das Computerspiel, das Handy und der Laptop. Denn alles, was ihr Pieps beschallt, das wird unrein. Und alles Gerät, das gepiepst hat, soll man ins Wasser tun, es ist unrein bis zum Abend und danach unbrauchbar. In euren Wohnung aber sollen diese Geräte nicht unrein sein.

(S. 7-12)

Gernhardt, im Übrigen auch ein Meister des Nonsens, ist immer lesenswert, „In Zungen reden“ ist aber auf jeden Fall ein großes Lesevergnügen und auch wenn es natürlich sehr viel mehr Spaß macht, wenn man in der Thomas Mann – Parodie alle Bezüge zu den zehn eingeflochtenen Werken erkennt, so sei der geneigten Leserschaft versichert, daß es auch ohne dies einfach eine Freude ist, Gernhardt zu lesen.

Zum Abschluß der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

*Otto Waalkes engagierte Gernhardt als Textschreiber, nachdem dieser mit ihm wegen ungenehmigter Verwendung seiner Texte kontaktierte. Bekannteste Beispiel dürfte wohl dieses sein.

Das Buch zum Sonntag (37)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Ambrose Bierce: Das Wörterbuch des Teufels

Durch einen Hinweis aus der geneigten Leserschaft erinnerte ich mich jüngst wieder dieses großartigen Satirikers des 19. Jahrhunderts. Die englischsprachige Literatur dieser Zeit, also zumindest die, die ich wahrnehme, ist in hohem Grade „sophisticated“ (ein Wort, für das ich keine befriedigende deutsche Entsprechung kenne, Hinweise sind gern gesehen). Selbst eine Jane Austen, deren Romane nun nicht gerade von intellektueller Weitläufigkeit geprägt sind, schrieb Dialoge und Charakterbeschreibungen, die zu lesen einfach nur ein Genuß sind.
Freilich gilt dies weit mehr für die britische Literatur als für die US-amerikanische und Bierce´ Erzählungen, nicht selten myteriös, fantastisch, gruselig, stellen ihn auch eher an die Seite E. A. Poes als, sagen wir mal, Dickens´, der wiederum weit weniger sophisticated ist. Am ehesten ließe er sich wohl mit Oscar Wilde vergleichen.
Ich schweife ab.
Das Wörterbuch jedenfalls ist eine Zusammenstellung vorher lose in Zeitungen erschienener Begriffsdefinitionen, die an Treffsicherheit, Witz und Ésprit keine Wünsche offen lassen. Ein Buch, das heitere Stunden an einer Heizquelle der Wahl ermöglicht (und das Wetter scheint ja dieses Jahr sehr buchaffin zu sein), genauso gut aber als kurzes Intermezzo die Gedanken von einem Gegenstand auf einen anderen zu lenken vermag.
Kurz: Wahrlich ein reines Vergnügen.
Daher fiel es mir dieses Mal nicht schwer, passende Stellen zum Zitieren zu finden, an welcher Stelle man diesen schmalen Band auch öffnet, es findet sich immer etwas:

Reim subst. masc.
Gleichklingende und meistens unangenehme Laute am Ende von Versen. Die Verse selbst sind meistens langweilig.

Rekrut subst. masc.
Jemand, der sich von einem Zivilisten durch seine Uniform und von einem Soldaten durch seinen Gang unterscheidet.

Religion subst. fem.
Eine Tochter der Furcht und der Hoffnung, die der Unwissenheit die Natur des Unbegreiflichen erklärt.

(S. 91)

Bierce galt der US-amerikanischen Öffentlichkeit als Misanthrop, was bei seinen zynischen Einwürfen zum Stande der menschlichen Entwicklung wohl kaum verwundert dürfte. Es kommt allerdings nicht selten vor, daß es gerade die mitfühlendsten Menschen sind, die die schärfsten Pfeile verschießen. Aber ich bin wahrlich kein Bierce-Biograph, mögen dazu Berufene sich dazu äußern.
Stattdessen streue ich mal noch ein paar Lieblinge in die Runde:

Abstand subst. masc.
Das einzige, was die Reichen den Armen zugestehen.

Anders adv.
Auch nicht besser.

Armenrecht subst. neutr.
Eine Methode, mittels derer einem Rechtssuchenden, der kein Geld für Anwälte hat, gnädig erlaubt wird, seinen Prozeß zu verlieren.

Ausdauer subst. fem.
Eine niedere Tugend, die der Mittelmäßigkeit zu unrühmlichem Erfolg verhilft.

Bettler subst. masc.
Jemand, der sich auf die Hilfe seiner Freunde verlassen hat.

Ich muß aufhören, sonst schreibe ich hier noch das halbe Buch ab.
Daher nur noch einen, wunderbaren Beitrag, problemlos jederzeit anwendbar – und zudem Bierce´ geistige Verwandschaft zu Oscar Wilde („Sich selbst zu lieben ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.“) aufzeigend:

Ich pron.
Das erste Personalpronomen, das erste Wort der Sprache, der erste Gedanke des Geistes, der erste Gegenstand der Zuneigung. Sein Plural soll „wir“ lauten, aber wie es mich mehr als einmal geben kann, ist den Grammatikern zweifellos klarer als dem verfasser dieses unvergleichlichen Diktionärs. Mich mir selbst in der Zweizahl vorzustellen, ist schwer, aber schön. Der freimütige und dabei anmutige Gebrauch von „ich“ unterscheidet den guten Schriftsteller vom schlechten; dieser trägt das Wort wie ein Dieb, der seine Beute zu verbergen sucht.

Es gibt leider keine vollständige lieferbare Ausgabe des Wörterbuches, wenn man dem Herausgeber der hier zitierten Ausgabe* jedoch Glauben schenken mag, so ist dies kein dramatischer Verlust, da aufgrund der ursprünglichen Publikationsform viele Redundanzen auftreten. Dies wiederum könnte tatsächlich den Lesegenuß schmälern.

Sei es wie es sei, hier die

lieferbaren Ausgaben.

*verwendete Ausgabe: Bierce: Aus dem Wörterbuch des Teufels. Ausgewählt, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Dieter E. Zimmer. Insel. Frankfurt/M. und Leipzig. 1980
P.S. Einer geht noch, einer geht noch rein:

Heiliger subst. masc.
Ein toter Sünder, überarbeitet und neu herausgegeben.

Das Buch zum Sonntag (36)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Patrick Süskind: Das Parfum

Über dieses Buch ist bereits einiges geschrieben worden, die regelmäßigen Anfragen der für Schullektüre relevanten Zielgruppe lassen eine weitgehende Aufnahme in den entsprechenden Kanon vermuten und Herrn Eichingers Verfilmung wird den Bekanntheitsgrad wohl auch nicht geschmälert haben (ich habe den Film nicht gesehen, kann also zu dessen Qualität nichts sagen – bisherige Eichinger-Produktionen bestärken mich aber in meinem Entschluß, bei diesem Roman lieber meine eigenen Bilder im Kopf zu behalten).

Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte.

(S. 5)

Süskinds Roman gehört zu den ganz wenigen Büchern meiner Lesebiographie, die mich tatsächlich erschüttert haben. Ich habe selten einen derart kalten Roman gelesen – großartig in seiner Kälte, aber eben wahrlich nichts fürs Herz. Und für die Lektüre am Kamin nur geeignet, weil man es dann wenigstens warm hat, wenn man innerlich friert.
Grenouille ist eine literarische Figur, die sich hinter keinem Finsterling der an Finsterlingen nicht armen zeitgenössischen Literatur verstecken muß. Von Anfang an ein Ausgestoßener, Abgelehnter, findet er seine Berufung bei einem Parfumeur. Als olfaktorisches Genie gelingt es ihm mühelos, vorhandene Düfte zu imitieren, neue zu kreieren. Gleichzeitig, und damit erfahren wir auch den Grund für die unbestimmte Furcht, die Angst, die Ablehnung, die ihm seit seiner Geburt entgegenströmt, hat er selbst keinerlei Eigengeruch. Man kann ihn nicht riechen. Besessen von der Idee, das perfekte Parfum zu erschaffen, eines, das Liebe und Zuneigung ausströmt, und überzeugt davon, daß dies nur geschehen kann, in dem er den Duft wohlriechender junger Frauen destilliert, wird er in der Parfumstadt Grasse zum Massenmörder.
Grenouille ist ein Getriebener, ein Gehetzter seiner selbst. Er flieht zwischenzeitlich sogar die menschlische gesellschaft und ihre überbordenden Gerüche und versucht, so weit von ohnen zu fliehen, bis kein Geruch mehr ihn erreicht. Sieben Jahre verlebt er so in einer Höhle im Zentralmassiv – und es handelt sich bei der Beschreibung seines Lebens dort, insbesondere seines Innenlebens um einen der stärksten literarischen Texte, die mir bisher begegnet sind. Ich scheue mich, dies zu zitieren, aus Sorge, welchen Ausschnitt auch immer ich nehme, die Wirkung dieser Kapitel zu zerstören. Weiterlesen „Das Buch zum Sonntag (36)“

Das Buch zum Sonntag (35)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

William Golding: Herr der Fliegen

Demokratie müsse täglich erkämpft und gelebt werden, heißt es in Sonntagsreden diverser Politiker. Ich bin mir nicht sicher, ob damit immer mehr gemeint ist als die Forderung nach Erhalt des eigenen Arbeitsplatzes.
Im Prinzip richtig ist der Satz aber trotzdem.
William Goldings „Herr der Fliegen“ ist eine Parabel auf die Zerbrechlichkeit des kulturellen Gestus, den wir uns zugelegt haben. Eine Parabel auf unsere kulturelle Arroganz, die uns glauben läßt, wir hier, wir hätten nun aber wirklich ein für alle Mal herausgefunden, wie das mit dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest so läuft.
„Herr der Fliegen“, publiziert 1954, ist geprägt von den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs – ein Ereignis im Übrigen, das uns Demut lehren sollte, denn welch größere Bankrotterklärung des westlichen Lebensmodells gäbe es wohl sonst?
In seinem Roman läßt Golding eine Gruppe englischer Schüler nach einem Flugzeugabsturz auf einer unbewohnten Insel stranden. Auf sich allein gestellt, beginnen sie nun, ihr Leben dort zu organisieren. Und zwar so, wie sie es kennen gelernt haben und wie es vernünftig zu sein scheint:

Er hob das Muschelhorn hoch. „Ich glaub, wir brauchen einen Anführer, dann geht das besser.“
„Einen Anführer! Ja, einen Anführer!“
„Das mache ich am besten“, sagte jack mit ganz selbstverständlicher Anmaßung, „ich bin Kapitelsänger und Klassensenior. Und ich kann das hohe C singen.“
Erneutes Stimmengewirr.
„Also gut“, sagte Jack, „ich -“
Er zögerte. Der Dunkelhaarige, Roger, gab endlich seine Zurückhaltung auf. „Am besten, wir stimmen ab.“
„Ja!“
„Wir wählen unsern Anführer!“
„Au ja! Los, wir stimmen ab!“
Eine Wahl, das war wie ein Spielzeug, fast so unterhaltend wie das Muschelhorn. Jack versuchte aufzubegehren, aber die Versammlung leitete jetzt nicht mehr der allgemeine Wunsch nach einem Anführer, man wollte Ralph einfach als Anführer ausrufen. Keiner hätte dafür einen Grund anzugeben vermocht; Intelligenz hatte bisher nur Piggy bewiesen, und die offensichtliche Führerpersönlichkeit war Jack. Aber wie Ralph so dasaß, umgab ihn etwas Ruhiges, das ihn aus den anderen heraushob; weiter sprach für ihn sein anziehendes Äußere; und hinter ihm stand, zwar unausgesprochen, aber um so wirksamer, die Zauberkraft des Muschelhorns. Er hatte geblasen, er hatte auf der Plattform auf sie gewartet mit dem gebrechlichen Ding auf den Knien, er war etwas ‚Besonderes‘.

(S. 28)*

Und nachdem klar war, daß es sich um eine Insel handelte und auf kurze Sicht wohl niemand käme, sie zu holen:

„Erwachsene sind keine da. Wir müssen uns also selbst um uns kümmern.“
Ein Summen ging durch die Versammlung und erstarb wieder.
„Und noch was: Es geht nicht, daß alle gleichzeitig reden. Wer was sagen will, hebt die Hand, wie in der Schule.“
Er hielt das Muschelhorn vors Gesicht und sah über das Mundstück hinweg.
„Dann kriegt er von mir das Muschelhorn.“
„Muschelhorn?“
„So heißt das Ding hier. Der Nächste kriegt jetzt die Muschel. Er kann sie halten, solang er spricht.“
„Aber -“
„Aber guck mal -“
„Und keiner darf ihn unterbrechen. Nur ich.“

(S. 41)*

Das Muschelhorn ist ein wichtiges Symbol im Roman, der gerne mit Mythologisierungen arbeitet. Das Nobelpreiskommitte meinte 1983 bei der Verleihung: ?für seine Romane, die mit der Anschaulichkeit realistischer Erzählkunst und der vieldeutigen Allgemeingültigkeit des Mythos menschliche Bedingungen in der heutigen Welt beleuchten?
That´s it.
Genau das ist es.
Doch ich kann über dieses Buch nicht sprechen, ohne eine Schlüsselstelle zu zitieren:

Ralph hat völlig recht. Wir brauchen mehr Ordnung und müssen sie einhalten. Schließlich sind wir keine Wilden. Wir sind Engländer, und die Engländer machen immer alles am besten. Wir müssen also immer das Richtige tun.

(S. 52)*

Soweit Jack, Anführer der Chorknaben, die auf der Insel zu Jägern werden.
Die Gültigkeit dieses Satzes wird auf eine harte Probe gestellt, Golding zeichnet hier ein präzises Bild davon, was Menschen eigentlich umtreibt, wenn sie versuchen, eine Gesellschaft aufzubauen. Welche Konflikte entstehen, wie sie gelöst werden und wo die Stimme der Vernunft bleibt, was mit Schwächeren geschieht – und er schont den Lesenden nicht.
Es kann sehr schnell geschehen, daß man beim Lesen das Alter der Protagonisten (ca. 6-12) vergißt, was das Erschrecken erhöht, wenn es dann wieder klar wird.
„Herr der Fliegen“ ist kein Epos, es ist ein eher kurzer Roman, aber sehr dicht geschrieben, völlig ohne Moralisierung, was die Demontage aber noch deutlicher macht. Ich habe mit den Protagonisten gelitten und gejubelt, gehofft und gestaunt – und war tief erschüttert, als ich das Buch nach der letzten Seite weglegte.
Meine Erstlektüre ist nun ca. 15 Jahre her. Seitdem habe ich das schmale Buch immer wieder zur Hand genommen – und es bleibt eine starke Parabel auf das dünne Band, das unsere Welt zusammenhält.

Und nun noch der übliche Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

zitiert nach: Golding, William: Herr der Fliegen. Volk und Welt. Berlin 1985 (DNB)

Das Buch zum Sonntag (34)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Franz Kafka: Der Proceß

Was in meinen Augen für viele sogenannte Klassiker gilt, die das Pech hatten, Schullektüre zu werden, gilt besonders für Kafka.
Vergeßt literarwissenschaftliche Diskurse, schenkt euch gelahrte Interpretationen: „Zurück zum Lesen!“ lautet die Devise.
Fragen nach literaturhistorischer Bedeutung, intertextuellen Bezügen oder konstruktivem Rahmen sind gewiß nicht unwichtig und ich möchte auch intellektuelles Vergnügen bei der Bearbeitung solcher Themenkomplexe nicht verhehlen, doch ist es wirklich das, was Lesen zum Vergnügen macht? Wohl kaum.
Nun also Kafka.
Den „Proceß“ habe ich erst recht spät gelesen, so mit Mitte Zwanzig und die Lektüre wirkt noch immer nach. Erzählt wird die Geschichte von Josef K., der eines Tages ohne Vorwarnung und ohne Begründung verhaftet wird.
Diese Verhaftung hat zunächst keine offensichtlichen Folgen, er bekommt Termine, zu denen er erscheinen muß, kann aber ansonsten sein Leben weiterleben.
Was nun folgt, ist die großartige Beschreibung eines Menschen, der sich gezeichnet fühlt, unsicher im Umgang mit der Umwelt wird, beginnt, Fehler zu machen – kurz: der beginnt, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren.
Die Beschreibung des Gefühls der permanenten Überwachung, die für Josef K. mit seiner Verhaftung beginnt, die unbestimmte, nicht faßbare, aber doch konkrete Bedrohung, die mit seinem Zustand einhergeht, das finde ich sensationell.
Und im Übrigen hochaktuell in einer Zeit, in der die Bürger dieses Staates unter Generalverdacht gestellt werden, in denen jede ihrer Kommunkationshandlungen aufgezeichnet und gespeichert werden, in der erfaßt wird, wann sie krank werden und wann sie gewagt haben zu streiken, in der festgelegt wird, welche Inhalte sie wahrnehmen dürfen und welche nicht.
Es könnte dem einem oder anderen, der die Unruhe nicht versteht, die weite Teile der Bevölkerung angesichts diese zunehmenden Überwachung erfaßt hat, helfen, mal dieses Buch zu lesen.
Schauen wir gleich mal an den Anfang des Buches, Josef K. erwacht und stellt fest, daß etwas anders ist: Das Frühstück, sonst pünktlich um acht da, kam nicht – stattdessen erscheint auf sein Läuten hin ein ihm unbekannter Mann:

Er war schlank und doch fest gebaut, er trug ein anliegendes schwarzes Kleid, das ähnlich den Reiseanzügen mit verschiedenen Falten, Taschen, Schnallen, Knöpfen und einem Gürtel versehen war und infolgedessen , ohne daß man sich darüber klar wurde, wozu es dienen sollte, besonders praktisch erschien. „Wer sind Sie?“ fragte K. und daß gleich halb aufrecht im Bett. Der Mann aber ging über die Frage hinweg, als müsse man seine Erscheinung hinnehmen und sagte bloß seinerseits: „Sie haben geläutet?“ „Anna soll mir das Frühstück bringen“, sagte K. und versuchte zunächst stillschweigend durch Aufmerksamkeit und Überlegung festzustellen, wer der Mann eigentlich war. Aber dieser setzte sich nicht allzulange seinen Blicken aus, sondern wandte sich zur Tür, die er ein wenig öffnete, um jemandem der offenbar knapp hinter der Tür stand, zu sagen: „Er will, daß Anna ihm das Frühstück bringt.“ Ein kleines Gelächter im Nebenzimmer folgte, es war nach dem Klang nicht sicher, ob nicht mehrere Personen daran beteiligt waren. Trotzdem* der fremde Mann dadurch nichts erfahren haben konnte, was er nicht schon früher gewußt hätte, sagte er nun doch zu K. im Tone einer Meldung: „Es ist unmöglich.“ „Das wäre neu“, sagte K., sprang aus dem Bett und zog rasch seine Hosen an. „Ich will doch sehn, was für Leute im Nebenzimmer sind und wie Frau Grubach diese Störung mir gegenüber verantworten wird.“ Es fiel ihm zwar gleich ein, daß er das nicht hätte laut sagen müssen und daß er dadurch gewissermaßen ein Beaufsichtigungsrecht des Fremden anerkannte, aber es schien ihm jetzt nicht wichtig.

(S. 9f.)**

Es folgt eine Szene, die derart dicht und gelungen ist, daß es mir nahezu unmöglich scheint, sie überzeugend einzufangen. Da mir diese Einschätzung aber auf den ganzen Roman zuzutreffen scheint, versuche ich es mal mit ein paar kurzen Ausrissen:

„Nein“, sagte der Mann beim Fenster, warf das Buch auf ein Tischchen und stand auf. „Sie dürfen nicht weggehen, sie sind ja gefangen.“ „Es sieht so aus“, sagte K. „Und warum denn?“ fragte er dann. „Wir sind nicht dazu bestellt, Ihnen das zu sagen. Gehn Sie in Ihr Zimmer und warten Sie. Das Verfahren ist nun einmal eingeleitet und Sie werden alles zur richtigen Zeit erfahren. Ich gehe über meinen Auftrag hinaus, wenn ich Ihnen so freundschaftlich zurede. Aber ich hoffe, es hört es niemand sonst als Franz und der ist selbst gegen alle Vorschrift freundlich zu Ihnen. Wenn Sie auch weiterhin so viel Glück haben, wie bei der Bestimmung Ihrer Wächter, können Sie zuversichtlich sein.“ K. wollte sich setzen, aber nun sah er, daß im ganzen Zimmer keine Sitzgelegenheit war, außer dem Sessel beim Fenster. „Sie werden nich einsehn, wie wahr das alles ist.“, sagte Franz und gieng gleichzeitig mit dem anderen Mann auf ihn zu.[…]
Was waren denn das für Menschen? Wovon sprachen sie? Welcher Behörde gehörten sie an? K. lebte doch in einem Rechtsstaat, überall herrschte Friede, alle Gesetze bestanden aufrecht, wer wagte ihn in seiner Wohnung zu überfallen?
Er neigte stets dazu, alles möglichst leicht zu nehmen, das Schlimmste erst beim Eintritt des Schlimmsten zu glauben, keine Vorsorge für die Zukunft zu treffen, selbst wenn alles drohte. Hier aber erschien ihm das nicht richtig […]
„Sie sind doch verhaftet.“ „Wie kann ich denn verhaftet sein? Und gar auf diese Weise?“ „Nun fangen Sie also schon wieder an“, sagte der Wächter und tauchte ein Butterbrot ins Honigfäßchen. „Solche Fragen beantworten wir nicht.“ „Sie werden Sie beantworten müssen“, sagte K. „Hier sind meine Legitimationspapiere, zeigen Sie mir jetzt die Ihrigen und vor allem den Verhaftbefehl.“
„Du lieber Himmel!“ sagte der Wächter

(S. 11ff.)**

Und jetzt: Aufpassen!

„Wir sind niedrige Angestellte, die sich in einem Legitimationspapier kaum auskennen und die mit Ihrer Sache nichts anderes zu tun haben, als daß sie zehn Stunden täglich bei Ihnen Wache halten und dafür bezahlt werden. Das ist alles, was wir sind, trotzdem aber sind wir fähig einzusehen, daß die hohen Behörden, in deren Dienst wir stehn, ehe sie eine solche Verhaftung verfügen, sich sehr genau über die Gründe der Verhaftung und die Person des Verhafteten unterrichten. Es gibt darin keinen Irrtum. Unsere Behörde, soweit ich sie kenne, und ich kenne nur die niedrigsten Grade,m sucht doch nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung, sondern wird wie es im Gesetz heißt von der Schuld angezogen und muß uns Wächter ausschicken. Das ist Gesetz. Wo gäbe es da einen Irrtum?“ „Dieses Gesetz kenne ich nicht“, sagte K. „Desto schlimmer für sie“, sagte der Wächter.

(S. 14)**

Und es wird Josef K. noch einige Male ähnlich ergehen. Niemand scheint zuständig, keiner in der Lage, ihm zu sagen, wessen er beschuldigt wird – und doch muß er sich verteidigen, muß er sich korrekt, ja sogar besser verhalten. Kurz: Er muß ein Spiel spielen, dessen Regeln er nicht ansatzweise durchschaut. Die Assoziationen mit Erlebnissen aus dem eigenen Leben überlasse ich hier mal der geneigten Leserschaft.
Ich sagte bereits an anderer Stelle, daß ich ein besonderes Leseinteresse für zerbrechende, selbstzerstörerische Figuren habe. Und wie Josef K. hier Stück für Stück mürbe gemacht wird, der Selbstzweifel Besitz von ihm ergreift, wie eine durch und durch ihm gegenüber Wohlwollen bekundende Maschinerie (Seien Sie doch vernünftig, Wir meinen es nur gut mit Ihnen, Es ist nur zu Ihrem Besten) unerbittlich weiterläuft – und das alles in einem ruhigen Tonfall erzählt, der den Lesenden geradezu ratlos macht. Ich finde das derart gut, mir fehlen die Worte.
„Der Proceß“ ist kein schönes Buch, nichts, was man an einem heimeligen Winterabend am Kamin liest. Aber die Winterabende werden ja auch allmählich knapp, es wird Zeit, mal wieder etwas aufwühlendes zu lesen. Nur wenige Bücher meiner Lesebiographie haben einen derart starken Eindruck hinterlassen wie dieses Werk Kafkas.

Und da mir die Worte fehlen, dieses Werk angemessen zu würdigen, überlasse ich das dem Hausheiligen:

Wenn ich das unheimlichste und stärkste Buch der letzten Jahre: Franz Kafkas ›Prozeߋ (im Verlag Die Schmiede zu Berlin) aus der Hand lege, so kann ich mir nur schwer über die Ursachen Erschütterung Rechenschaft ablegen. Wer spricht? Was istdas?

aus: Der Prozeß. in: Werke und Briefe: 1926, S. 160. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 4242 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 4, S. 370) (c)Rowohlt Verlag

So der Beginn seiner mehrseitigen Rezension, die folgendermaßen endet:

So etwas ist es. Ein Gott formt eine Welt um, setzt sie neu zusammen, ein Herz steht am Himmel und scheint nicht, sondern klopft; ein Fetisch wandelt, eine Apparatur wird lebendig, nur, weil sie da ist, die Frage Warum? ist so töricht, beinah so töricht wie in der realen Welt.
Deren Teile sind da – aber sie sind so gesehen, wie der Patient kurz vor der Operation die Instrumente des Arztes sieht: ganz scharf, überdeutlich, durchaus materiell – aber hinter den blitzenden Stücken ist noch etwas andres, die Angst brüllt der Materie in alle Poren, erbarmungslos steht das Operationsbett, hab doch Mitleid! sagt der Kranke, auch du! Das Bett ist so fremd, aber es ist doch im Bunde.
Ein solcher Wille begründet Sekten und Religionen – Kafka hat Bücher geschrieben, einige wenige, unerreichbare, niemals auszulesende Bücher. Hätte sich der Schöpfer anders besonnen, und wäre dieser in Asien geboren: Millionen klammerten sich an seine Worte und grübelten über sie, ihr Leben lang.
Wir dürfen lesen, staunen, danken.

aus: Der Prozeß. in: Werke und Briefe: 1926, S. 168. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 4250 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 4, S. 374) (c)Rowohlt Verlag

Natürlich soll auch heute nicht der Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben

nicht fehlen.

*Ist das mein verkorkstes Stilempfinden oder gehört da nicht doch besser ein „obwohl“ hin?
**zitiert nach: Kafka: Der Proceß. S. Fischer Frankfurt/Main, 2006 (auf Textgrundlage der Kritischen Ausgabe)

Das Buch zum Sonntag (33)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Nikolai Bucharin: Das letzte Wort des Verurteilten am 12. März 1938

Mein Bild von Bucharin ist im Wesentlichen geprägt von Ilja Ehrenburg, der in seinen Memoiren ein warmes Bild dieses Revolutionärs zeichnet (was nicht zuletzt wohl auch darin begründet liegt, daß für Ehrenburg, der nie im engeren Sinne revolutionär tätig war, Bucharin den Revolutionär verkörperte, der er wohl gerne gewesen wäre – aber das führt jetzt zu weit). Nun bin ich keine 14 mehr und inzwischen durchaus in der Lage, Quellen kritisch zu hinterfragen. Aber eine emotionale Grundsympathie für diese letztlich tragische Gestalt der sowjetischen Revolution bleibt.
Die Biographie Bucharins, insbesondere aber sein Verhältnis zu Stalin, kann als exemplarisch gelten für die Methode der Unberechenbarkeit, der Willkürlichkeit, die Stalin anhaftete. Jenem gelang es ganz hervorragend, die Rolle des guten und weisen Zaren zu spielen, der nur durch schlechte Berater davon abgehalten wird, allen die Glückseligkeit zu bringen. Dies zeigt sich immer wieder an den Briefen, die Stalin insbesodnere von alten Weggenossen geschickt wurden. Ich halte jedoch eine gezielte Zermürbungstaktik, ein bewußtes Hinhalten – kurz: ein durchaus überlegtes Verhalten, geführt von einem Gespür für Machterhalt für sehr viel wahrscheinlicher. Aber auch das führt hier zu weit.
Bucharin gehörte zur ganz alten Garde der Bolschewiki, nahm bereits an der Revolution von 1905 teil und zählte zu den zentralen Figuren der zwanziger Jahre. Er fiel bei Stalin Ende der zwanziger Jahre in Ungnade und wurde in den folgenden Jahren immer wieder von Posten entfernt, um daraufhin woanders wieder eingesetzt zu werden – Bucharins unverbrüchlichen Ethos des Revolutionärs, der sich immer der großen Sache verpflichtet sieht, ausnutzend.
Im Rahmen der Stalinschen Säuberung wurde auch Bucharin schließlich angeklagt – und im Rahmen der Moskauer Schauprozesse zum Tode verurteilt.
Seine Rede nun ist ein großartiges Dokument, in dem er noch einmal brilliert mit intellektueller Schärfe, mit böser Ironie – er vollbringt hier das Kunststück, Stalin und dessen Handlanger zu entlarven, ohne aber offen Kritik zu üben.
Ganz im Gegenteil, er erkennt das Urteil vollkommen an, gesteht die Taten ein, derer er beschuldigt wurde – und führt dann aus, warum das alles an den Haaren herbeigezogen sein muß. Das ist ganz großes Kino (und zeigt übrigens die fatale Logik des revolutionären Ethos, sobald die Revolution vorbei ist: Die entscheidende Prämisse einer jeden Revolution ist, daß die revolutionäre Bewegung unbedingt richtig ist und alles, was zur Erreichung dieses Ziels notwendig ist, umgesetzt werden muß, egal, welche Opfer dafür nötig sind und ob man persönlich deren Sinn erkennt. Mit dieser Methode lassen sich Umwälzungen herbeiführen – aber einen Staat auf einer permanenten Revolution aufzubauen, muß zwangsläufig zu fundamentalistischer Repression führen. Denn es braucht ja stets jemanden, der zu bekämpfen ist. Aber das führt mal wieder zu weit.)*
Aber lassen wir einmal Bucharin selbst reden. Nachdem er also sich in allen Punkten schuldig bekannt hat, geht er nun Stück für Stück alle Aussagen der Mitangeklagten und Zeugen durch:

Iwanow. Über seine Aussagen muß ich überhaupt folgendes sagen. Die entsprechenden Personen, die in der Vergangenheit mit der Ochrana verbunden waren, sagen aus, daß sie aus Furcht vor einer Entlarvung beschlossen haben, den Kampf gegen die Sowjetmacht zu führen, und deswegen zu den Rechten gingen, zur illegalen Organisation, sich auf den Terror orientierte. Aber wo ist da die Logik? Eine ausgezeichnete Logik, aus Furcht vor einer möglichen Entlarvung in eine terroristische Organisation zu gehen, wo man morgen schon erwischt werden kann. Man kann sich das schwer vorstellen. Ich wenigstens kann mir das nicht vorstellen. Aber der Bürger Staatsanwalt hat ihnen geglaubt, obwohl all dies offenbar nicht überzeugend klingt.
Chodshajew behauptet, daß ich ihm geraten habe, mit dem englischen Residenten in Verbindung zu treten, und Ikramow sagt, daß ich ihm erklärt hätte, Turkestan stelle einen Leckerbissen für England dar. In Wirklichkeit war die Sache durchaus nicht so. Chodshajew sagte ich, daß man die Widersprüche zwischen den imperialistischen Mächten ausnützen muß, und ich unterstützte andeutungsweise den Gedanken der Unabhängigkeit Turkestans. Über irgendwelche Residenten fiel kein einziges Wort. Der Bürger Staatlicher Ankläger fragte – aber haben Sie Chodshajew gesehen? Ich habe ihn gesehen. War das in Taschkent? Das war in Taschkent. Sprachen Sie mit ihm von Politik? Von Politik. Also haben Sie mit ihm vom Residenten gesprochen. Solche Schlußfolgerungen figurierten nicht nur einmal, aber wenn ich gegen solche Schlußfolgerungen protestierte, dann beschuldigte mich der Bürger Staatsanwalt, daß ich die Unwahrheit sage, Finten machte, die Wahrheit zu verheimlichen wünsche usw., und er wurde von einer ganzen Reihe meiner Mitangeklagten unterstützt. Aber mir scheint, daß in diesem Fall die wirkliche Logik vollkommen auf meiner Seite ist.

Lieferbar ist derzeit keine Ausgabe, aber es gibt noch Restposten und gebrauchte Exemplare

dieser Ausgabe,

die mit einem Essay von Stefan Reinecke ergänzt wurde. Das scheint mir besonders für diejenigen unter der geneigten Leserschaft sinnvoll, die nicht mit allen Details der sowjetischen Poltikgeschichte dieser Zeit vertraut sind.

*diese Überlegungen gehören zu einem meiner bevorzugten Themenkreise, der Frage nämlich, wie Menschen im vollen Glauben daran, das Gute und Richtige zu tun, ganz katastrophal Falsches tun. Wobei auch hier zu beachten ist, daß Bucharin vollkommen klar war, wer hier wirklich verantwortlich ist. Nach dem Tode Stalins fand man in dessen Schreibtisch einen Brief Bucharins, den er nach der Verurteilung schrieb und der mit den Worten beginnt: „Koba, wozu brauchst Du meinen Tod?“

Das Buch zum Sonntag (32)

Eh es losgeht, ein paar Worte zur Entschuldigung:
Ich mußte die Kulturwoche abbrechen, weil sich grippaler Infekt, Vollzeitstelle und brillantes Schreiben am Abend nicht so gut vertragen. Kann momentan noch nicht abschätzen, wann ich die Reihe fortsetzen kann, aber Erkältungen brauchen ja für gewöhnlich nie länger als zwei Wochen. Es besteht also Hoffnung.

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Max Goldt: Ä

Die Neue Deutsche Welle war in meinen Augen eine goldene Zeit. So viel kreativer Unsinn, der es da in die Charts und zu MajorLabels schaffte – das gab es seitdem nicht wieder. Doch das ist ein anderes Thema, es interessiert im heutigen Zusammenhang nur dahingehend, daß Max Goldt Texter und Sänger der großartigen Band Foyers des Arts war. Hier mal ein Beispiel, bitte genau zuhören und bis zum Ende durchhalten:

Dieses satirische Element, das auf genauester Beobachtung fußt, gepaart mit einem feinen Gespür für Sprache, macht für mich den Hauptreiz bei der Lektüre Max Goldts aus.
Beim vorliegenden Band handelt es sich um eine Sammlung Kolumnen, die zwischen Januar 1995 und Dezember 1996 in der Titanic erschienen. Die Wahl für diesen Band aus dem inzwischen umfangreichen und vielfältigen schriftstellerischen Oeuvre Goldts fiel rein willkürlich: Es war schlicht der erste, den ich las – und bei dem ich gelacht habe wie selten bei einem Autor.

Apropos Autor:

Im Radio hörte ich, wie eine Journalistin ein Buch eines prominenten Schinkenschreibers über den grünen Klee lobte. Das ganze Lob machte die Rundfunkdame aber wertlos, indem sie den SChriftsteller in einem Nebensatz als „Buchautoren“ bezeichnete. Sie tat dies wohl weniger aus Bösartigkeit, sondern versehentlich, aus Unkenntnis über Nuancen des Ausdrucks. Buchautor nennt man jemanden, den man auf keinen Fall als Dichter oder Schriftsteller durchgehen lassen will. Wenn z.B. Petra Schürmann ein Buch mit Schönheitstips herausgibt, dann ist sie Buchautorin. Ein Buchautor ist auch jemand, der Auskunft darüber erteilt, wie man mit einer bestimmten Krankheit besser zurechtkommt, und im Anhang Adressen von Selbsthilfegruppen aufzählt. Das kann durchaus lobenswert und nützlich sein, und für so jemanden ist die Bezeichnung Buchautor auch nicht zu beanstanden. Für einen geltungssüchtigen Epochalromancier wie den gestandenen Schinkenschreiber ist der Ausdruck die perfideste Beleidigung, die denkbar ist. Es ist etwa so, als ob man von einem Schauspieler sagt, daß er „schauspielere“. Schauspielern – das tun Amateure. Echte Schauspieler spielen.

*

Das ganze geht aber auch mit noch mehr Furor:

Als ich hörte, daß dem 87jährigen Schauspieler Leon Askin, der nach 56jähriger Emigration in sein Heimatland Österreich zurückgekehrt ist, das „Silberne Ehrenzeichen der Stadt Wien“ verliehen wurde, dachte ich: Was für eine Taktlosigkeit! Wohl kann man einen Menschen in mittleren Jahren silbern ehren, auf daß er es als Ansporn verstehen möge, sich weiterhin verdient zu machen, auf daß ihm eines Tages die goldene Ehrung nachgreicht wird, aber einen Mann, der sicher nicht mehr viele Jahre leben wird, sollte man entweder gar nicht ehren oder erstrangig. Sonst klingt es wie: „Sicher, wir ehren Sie schon, aber so doll, wie wir manch anderen ehren, ehren wir Sie nun auch wieder nicht.“ Ehrwürdigkeit ist keine sportliche Disziplin, da sollte man mit der Vergabe minderer Metalle vorsichtig sein. Hoffentlich hat er das Abzeichen wenigstens vom Bürgermeister persönlich erhalten. Einmal las ich, daß jemandem irgendeine Ehrennadel von der „Ehefrau des Volksbildungsstadtrates von Berlin-Lichtenberg“ ausghändigt wurde. Warum nicht gleich von der zweitbesten Freundin der geschiedenen Ehefrau des stellvertretenden Volksbildungsstadtrates? Eine ebenso heikle Materie wie die ungeschickte Ehrung ist das eingeschränkte Lob. Man darf niemals zu einer Dame sagen: „Sie sehen einfach bezaubernd aus, aber durch Ihre schweren Ohrringe sind Ihre Ohrläppchen ganz ausgeleiert.“ Zwar besteht die Dame zu höchstens einer Promille aus Ohrläppchen, aber der kleine Tadel macht das Lob, welches zu 999‰ ihrer Körpersubstanz betrifft, vollkommen zunichte.

**

So arbeitet er sich durch die verschiedensten Themen, aber immer wieder elegant beim Ausgangspunkt landend, immer mit Seitenhieben nicht sparend, stets pointiert formulierend, nicht ohne Hintersinn – es ist einfach ein Vergnügen, Max Goldt zu lesen. Würden alle Kleist-Preisträger so schreiben, der Preis wie auch sein Namensgeber wären weit populärer. 😉

Eine Stelle noch zum Abschluß, weil ich die in Konversationen stets einzubringen pflege (und zwar unabhängig vom Thema derselben), so daß sie hier natürlich auch nicht fehlen darf:

Auf jeden Fall muß man Gaststätten meiden, in denen der Salat als „knackig“ gelobt wird. In der Spezialsprache der Gastronomie ist „knackig“ ein Synonym für „nicht frisch“. „Knackige Salate mit Super-Dressing“ – die sollte man nicht essen, denn die stehen schon ewig herum. frische wird in diesen Fällen durch Kälte simuliert. In einem vorzeigbaren betrieb ist es selbstverständlich, daß der Salat vom Tage ist. Man tut sich damit nicht auf der Speisekarte dicke. In gleicher Richtung interpretiere man „knackig-crosse Croissants“. Solche Anpreisungen lassen Naturidentische, Emulgiertes, Bestrahltes, Stabilisiertes und Kennzeichnungspflichtiges erwarten. Für andere Bereiche gilt ähnliches: Wo „topmodische Kleidung in superaktuellen Dessins“ angeboten wird, sind nicht die neuesten Erkühnungen aus Mailand und Paris anzutreffen. Und sagt man etwa „der weltberühmte Komponist beethoven“? Nein, das sagt man nicht. Dazu ist Beethoven viel zu bekannt. Viel eher hört man von dem weltberühmten Keulenschwingduo Marlies und Norbert Richter.

***

Die Pointe laß ich jetzt mal weg. Dann hat die geneigte Leserschaft einen weiteren Grund, den großartigen Max Goldt zu erkunden. Werft die Antidepressiva weg, lest lieber Goldt.

Bei so viel Lobhudelei darf natürlich der Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben

nicht fehlen.

*aus: „Besser als Halme: Blutmagen, grob.“ in: Ä. Haffmanns Zürich, 1997. S. 16f.
**aus: „Besser als Halme: Blutmagen, grob.“ in: Ä. Haffmanns Zürich, 1997. S. 11
***aus: „Der aufblasbare Schrei meiner Altstadt“ in: Ä. Haffmanns Zürich, 1997. S. 22f.

Das Buch zum Sonntag (31)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Joey Goebel: Vincent

„In Brandenburg, in Brandenburg / Ist wieder jemand voll in die Allee gegurkt / Was soll man auch machen, mit Siebzehn, Achtzehn in Brandenburg.“ singt Rainald Grebe über eine eher strukturschwache Region, wie der offizielle, wohl mindestens euphemistisch zu nennende Sprachgebrauch lautet.
Joey Goebel wurde in Henderson, Kentucky geboren und über diese Gegend ließe sich wohl ähnliches singen. Glücklicherweise fand er aber anderes zu tun als mit Siebzehn, Achtzehn gegen einen Baum zu fahren. Stattdessen gründete er eine Punkband, mit der fünf Jahre durch den Mittleren Westen tourt. Nach einigen ersten Versuchen und einem eher schwach zu nennenden ersten Roman (Anomalies 2003, dt. Freaks, 2006)* erschien 2004 Vincent.
Ich bin immer etwas skeptisch, wenn junge Autoren gefeiert und hoch gelobt werden. Wahrscheinlich liegt das am BestsellerReflex des Buchhändlers, für den der literarische Wert eines Werkes umgekehrt proportional zu dessen Platzierung in der Bestsellerliste verläuft. Diese langjährig antrainierte Skespis dem Geschmack des Publikums gegenüber (die auch anders begründet sein kann, denn wer braucht eine gute Beratung, wenn die Bestseller schon tolle Bücher sind? – auf einem Meer ohne Untiefen ist der Lotse überflüssig) ist aber nichtsdestotrotz immer wieder unbegründet. Thomas Mann war bei der Veröffentlichung der „Buddenbrooks“ 25 Jahre alt und weit seltener als man meint, verkauft sich gute Literatur tatsächlich gut. 😉
Um ganz ähnliche Fragen dreht sich Goebels Roman. Es geht um ein Experiment. Um die Frage, ob die Marktmacht eines globalen Medienkonzerns (IUI/Globe-Terner) eingesetzt werden kann, um statt hirnloser Massenware echte, authentische und hochwertige Kunst zu verkaufen, wenn der Besitzer (Foster Lipowitz) das einfach will.

Als Mr. Lipowitz siebzig wurde, hatte der Krebs bereits begonnen, seine Eingeweide wegzufressen, und dabei seine Sichtweise verändert, was Tausenddollarscheine und teure Nutten anging. Dies galt auch für die Tricks, mit denen er bisher buchprüfende Bundesbehörden und klagende Anteilseigner hingehalten hatte, und auch für das jahrzehntelange Betrügen und brutale Abschlachten seiner Konkurrenten. Er begann eine umfassende Inventur seines großen Unternehmens, und was er sah, gefiel ihm gar nicht. Er machte sich allmählich Sorgen, was er hinterlassen würde, und aus dieser Sorge, aus Schuld und Ekel, erwuchsen die Ideen, aus denen schließlich New Renaissance entstehen sollte (eine Tochtergesellschaft von IUI/Globe-Terner).

(S. 26)

Dabei gilt es zwei Problemkreise zu bedenken:
a) Werden die Konsumenten das auch tatsächlich kaufen? und
b) Wie läßt sich hochwertige Kunst planbar produzieren?

Und für letzteres denken sich die Strategen eine wunderbare Idee aus. Sie gründen ein Institut, an dem talentierte, empfindsame Künstler von Kindesbeinen an ausgebildet werden, um gute Musik zu schreiben. Dafür freilich braucht es auch gute Mentoren. Fündig werden sie bei Harlan Eiffler, der Plattenkritiken wie diese schreibt:

Daß eine solche öde Banalität die Gestalt einer Compact Dis annehmen durfte und mit der geballten Macht etlicher hunderttausend Dollar auf den Markt geworfen wird, hat mit Qualität nichts zu tun. […] Ich kann ihn förmlich hören, den Schluß der Sitzung, auf der die Veröffentlichung von Always and Never beschlossen wurde:

PLATTENMANAGER: Ich soll also etwas herausbringen, das im Grunde nichts ist als eine Ansammlung der üblichen geräusche und leblosen Melodien, die man sofort wieder vergißt. Und das alles von einer Stimme gesungen, die genauso klingt wie die Stimmen acht anderer Leadsänger in acht anderen Bands, die ihr dreist abkupfert?
SCHWACHKOPF VON D-PRAYVD: Ja.
PLATTENMANAGER: Klar, warum nicht?! Hier ist euer Plattenvertrag!

Mir ist klar, daß ich noch nichts über den Inhalt dieser Platte gesagt habe. Was ich auch nicht vorhabe, denn sie hat keinen. Diese Abart des sogenannten Modern Rock ist ein zu Tode gerittenes Pferd, das man geschlagen, gehäutet, in Scheiben geschnitten, tiefgefroren, gegessen, verdaut, wiedergekäut und noch mal verspeist hat. Ohne auch nur eine Sekunde dieses Albums zu kennen, hat man die Band gehört und ihr Video gesehen. Und dennoch wird man höchstwahrscheinlich dieses gottverdammte Produkt kaufen.
Das alles stimmt mich traurig.

(S. 76ff.)**

Kein Wunder, daß Harlan, sich für dieses Projekt einspannen ließ. Krux an der ganzen Sache ist nun folgendes: Die Grundidee von „New Renaissance“ ist, daß wahre Kunstwerke entstehen, wenn der Künstler leidet. Woraus die logische Gleichung entsteht: Je mehr Leid, desto größer die Kunst.
Vincent wird im Alter von sieben Jahren in das Programm aufgenommen, zu dessen Konzept die absolute Kontrolle über das Leben der Schützlinge gehört, wir verfolgen seinen Weg ins Erwachsenenalter – viel Zeit für viel Leiden. Und Harlan, sein Mentor und Freund, ist stets für das Fortlaufen des Programmes verantwortlich.
Die Geschichte Vincents ist eine bitterböse Satire auf das Musikgeschäft und die hehren Ansprüche des Künstlerseins in einem kapitalistischen System. Und Joey Gobel gelingt es, glaubwürdige Charaktere zu schaffen, denen man gerne folgt und er schafft die Gratwanderung zwischen satirischer Überzeichnung, herzerfrischenden Attacken und der Linie, die ein Roman braucht, will er als solcher lesbar bleiben. ich bin jedenfalls dem Charme seines lockeren, ironischen Stils erlegen. Es gibt nur wenige Autoren, denen ich bereit bin, auch durch schlechtere Werke zu folgen. Joey Goebel steht auf dieser Liste.

Zum Abschluß noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

* Daniel Keel, Verleger bei Diogenes, meinte einmal: „Wir machen Autoren, keine einzelnen Bücher.“ Was in der Konsequenz eben auch bedeutet, schlechte Bücher zu drucken. Weshalb denn auch nach der Veröffentlichung von „Vincent“ auch „Freaks“ erschien. Chapeau.
** Und, wieviele Bands kamen euch spontan in den Sinn, auf die diese Kritik zutrifft?

Das Buch zum Sonntag (30)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Theodore Dreiser: Schwester Carrie

Dreiser gehört zu meinen sehr frühen Leseerfahrungen. Neben May und Verne zu den frühesten, an die ich mich bewußt erinnern kann. Vulgärpsychologisch begründet behaupte ich sogar, daß meine Vorliebe für bis zur Selbstzerstörung scheiternde Helden mit dieser Lektüre zusammenhängt.
Der Autor gehört zu den wichtigsten Vertretern des US-Amerikanischen Naturalismus und war hierzulande bis in die Siebziger ein vielgelesener Autor, vor allem geschätzt wegen seiner treffenden Beschreibung sozialer Milieus und seiner überzeugenden Charaktere.
Bei vielen Werken, so auch bei meiner Erstlektüre (Eine Amerikanische Tragödie), steht Dreiser allerdings sein Hang zu umfassenden, manchmal ermüdend ausschweifenden Beschreibungen im Wege – so etwas gelingt nur, wenn man gleichzeitig über eine virtuose Sprachbeherrschung verfügt. Dreiser jedoch, Sohn einer deutschen Einwandererfamilie, schreibt in eher einfachem Stil.
Dieser Kritikpunkt trifft jedoch auf seinen Erstling, der eine bewegte Editionsgeschichte* hat, nicht zu.
Erzählt wird die Geschichte von Carrie Meeber, einer 18jährigen jungen Frau, die aus Wisconsin nach Chicago zieht, um dort ihr Glück zu versuchen. Zunächst untergekommen bei Verwandten, begibt sie sich alsbald hoffnungsvoll auf Arbeitssuche.

In dieses wichtige Geschäftsquartier wagte sich die schüchterne Carrie vor. Sie ging die Van-Buren-Straße in östlicher Richtung entlang, durch eine weniger bemerkenswerte Gegend, die in eine Masse von Blockhäusern und Kohlenhöfen bis zum Flusse abebbt. Tapfer schritt Carrie vorwärts. Es trieb sie der ehrliche Wunsch, Arbeit zu finden. Doch bei jedem Schritte mußte sie stehenbleiben, eine Szene zu betrachten, die sie besonders anzog, und inmitten von so viel offensichtlicher Macht, die sie nicht begriff, bemächtigte sich ihrer ein Gefühl der Hilflosigkeit. Was waren diese großen Gebäude? Diese seltsamen gewaltigen Interessen – welchem Zwecke dienten sie? Sie hätte den Sinn einer Steinschneidewerkstätte in Columbia begreifen können, in der kleine Marmorstücke zu persönlichem Gebrauch zerschnitten werden. Doch als die Arbeitsplätze irgendeiner ungeheuren Steinwarengesellschaft in Sicht kamen, die, von vielen Geleisen und Waggons erfüllt, flußwärts von Docks durchschnitten wurden, während sich gewaltig-rollende Krane aus Holz und Stahl in die Luft reckten – da verlor dies in ihrer kleinen Welt jede Bedeutung.
So ging es ihr mit den großen Rangierbahnhöfen, den dichten Massen von Schiffen auf dem Flusse, den riesigen Fabrikanlagen jenseits der Straße, das Wasser entlang. Durch die offenen Fenster konnte sie die Gestalten von Männern und Frauen in Arbeitsschürzen erblicken, die geschäftig ab und zu eilten. Die breiten Straßen schienen ihr wandumzäunte Geheimnisse, die großen Geschäftshäuser seltsame Wunderdinge, die nur bedeutende, weit entfernte Einzelwesen betrafen. Die Leute, die damit zu tun hatten, konnte sie sich nur so vorstellen: Geld zählend, prachtvoll gekleidet, in Wagen fahrend. Womit sie handelten, wie, zu welchem Ende sie arbeiteten – davon hatte sie nur eine ganz dunkle Vorstellung. Es war alles wundervfoll, alles gewaltig, alles sehr weit von ihr und im Innersten fühlte sie sich entmutigt. Das Herz klopfte ihr ängstlich, wenn sie daran dachte, irgendeines dieser mächtigen Gebäude zu betreten und dort um Arbeit zu bitten – um etwas, das sie tun konnte – irgend etwas.

(S. 11f.)**

Nun, nach einer langen, ermüdenden Suche voller Demütigungen (auch im Chicago des ausgehenden 19. Jahrhunderts hatten ungelernte junge Frauen vom Land nicht gerade die besten Karten auf dem Arbeitsmarkt) fand Carrie schließlich eine Stelle in einer Schuhfabrik, in der sie eine Maschine bediente, die Lederstücke für Männerschuhe lochte. Die Atmosphäre dort, die Menschen, mit denen sie zu tun hatte – nichts davon entsprach ihren hochfliegenden Plänen, die sie sich bei ihrer Anreise nach Chicago gemacht hatte. Hören wir mal kurz rein:

Die Maschinenarbeiterinnen machten auf sie einen noch schlechteren Eindruck. Sie schienen mit ihrem Schicksal zufrieden und waren recht gewöhnlich. Ihr Rotwerden verstanden sie nicht. Carrie besaß mehr Einbildungskraft als sie. Ihr angeborener Geschmack war feiner. Sie mochte nicht ihrer Nachbarin zuhören, die ihre Erfahrungen abgestumpft hatten.
„Ich werde meine Arbeit hier aufgeben“, hörte sie Carrie zu einem Mädchen sagen. „Bei diesem Lohn – und das Spätaufbleiben – das hält meine Gesundheit nicht aus.“ Die Mädchen waren in ihrem Benehmen mit den anwesenden alten und jungen Männern sehr ungezwungen, trieben rohe Späße, die Carrie im Innersten mißfielen. Sie sah ein, daß man sie für gleichartig hielt und demgemäß ansprach.
„Hallo“, sagte einer der starkgelenkigen Sohlenarbeiter mittags zu ihr, „du bist aber ein netter Käfer.“ Er erwartete das übliche: Ah – schau, daß du fortkommst, zu hören und fühlte sich genügend beschämt, um verlegen zu grinsen, als Carrie sich schweigend zurückzog und ihn keines weiteren Blickes würdigte.
Abends war sie vielleicht noch einsamer – es wurde immer schwerer, die Öde zu ertragen. Hansons empfingen selten oder niemals Leute bei sich.

(S. 38)

Sie hat es wirklich nicht leicht. Vom Lande stammend, wo das Leben schwer und nicht ohne Entbehrungen war, aber eben doch keine Sorgen um das tägliche Auskommen bestanden, wird sie nun mit der Tatsache konfrontiert, daß Überleben in der Stadt von Geld – und mithin von Arbeit abhängt. Daß sie von ihren viereinhalb Dollar Wochenlohn 4 Dollar Kostgeld an ihre Verwandten zahlen muß, machte die Sache nicht leichter. Als dann der Winter naht und Carrie über keine ausreichende Winterkleidung verfügt, passiert, was passieren mußte: Sie wird krank, verliert darob ihre Stelle und steht kurz davor, ihr Abenteuer Großstadt abbrechen zu müssen, als sie bei ihrer zunehmend verzweifelten Suche nach Arbeit eine Reisebekanntschaft wiedertrifft. Wie könnte er ihr anders als der edle Ritter erscheinen, zu nichts anderem da, als ihr aus der Not zu helfen?
er lädt sie zum Essen ein und – nunja:

Sein neuer Anzug krachte, als er sich streckte, die Platte zu erreichen, das Brot zu brechen, den Kaffee einzuschenken. Er setzte Carrie einen tüchtigen Teller voll vor und teilte ihr seine Körperwärme mit, bis sie sich als neuen Menschen fühlte. Ein kapitaler Kerl in dem richtigen, volkstümlichen Sinne, der Carrie völlig bezwang.
Die kleine Glückssucherin nahm die gute Wendung dankbar und leichten Herzens an. Sie fühlte sich nicht ganz auf dem richtigen Platze, aber der große Raum beruhigte sie auch und der Anblick der draußen vorüberwogenden gutgekleideten Menge schien ihr herrlich. Ach, Geld, Geld! Was das heißt, hierher kommen, hier essen zu können! Drouet war gewiß reich. Er fuhr so oft mit der Eisenbahn, trug so hübsche Kleider, war so stark, speiste an so noblen Orten. Er schien ihr ein ganzer Mann und sie fragte sich, ob er wirklich Freundschaft und Achtung für sie empfinde.
„Also, Sie haben Ihre Stelle verloren, weil Sie krank wurden, was?“ fragte er. „Und was werden Sie jetzt anfangen?“
„Mich umsehen“, sagte sie. Der Gedanke an die Not, die sich draußen vor dem Restaurant gleich einem hungrigen Hund an ihre Fersen heften würde, flackerte in ihren Augen.
„Oh nein“, sagte Drouet. „Das geht nicht. Wie lange haben Sie sich schon so umgesehen?“
„Vier Tage.“
„Sieh einmal!“ sagte er, als wendete er sich an irgendein problematisches Wesen. „Sowas sollten Sie nicht tun. Diese Mädchen“, in seiner wehenden Handbewegung schloß er alle Laden- und Fabriksmädchen ein, „diese Mädchen kriegen gar nichts. Sie können doch nicht davon leben, was?“
Nachdem er sie über diese Art Arbeit aufgeklärt, verfolgte er eine andere Fährte. Carrie war wirklich sehr hübsch. Sogar jetzt, in ihrem billigen Kleidchen, machte ihre Gestalt einen guten Eindruck, ihre Augen waren groß und sanft. Drouet blickte sie an und seine Gedanken fanden Widerhall.

(S. 43)

Auch wenn es hier nicht so anklingt: Carrie ist eine höchst interessante Figur. Sie entwickelt sich im Laufe des Romanes erheblich weiter. Die Handlung verläuft nicht ganz so geradlinig weiter, wie es am Anfang den Anschein hat. Und ich schätze diesen Roman besonders, weil sich hier Dreisers Beobachtungsgabe, sein Gefühl für Motive, Gefühle und Denkstrukturen mit einem unaufgeregten, sachlichen Stil trifft. Die Umbruchzeit der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert mag andere Details kennen, aber die grundlegenden Punkte der urbanen Lebenswelt bleiben dieselben. Was die Helden dieses Romanes antreibt, geht auch heute noch als Antriebsfeder durch.

Mit der Lieferbarkeit ist das so eine Sache. Wer des Englischen ausreichend mächtig ist, sollte zu einer Ausgabe greifen, die nach 1980 erschienen ist, da erst dann eine vollständige Fassung erschienen ist (es gab diverse Zensurmaßnahmen bei den Erstausgaben 1900 und 1907). Eine deutsche Neuübersetzung auf Grundlage dieser Fassung wäre geboten, ist aber bisher nicht geschehen, wird wahrscheinlich auch vo 2016 auch nicht mehr erscheinen (dann ist Dreiser gemeinfrei und auch die 25 Jahre für die Neubearbeitung sind dann rum).
Es gibt derzeit keine lieferbare deutsche Ausgabe, daher hier ein Verweis auf die Plattform des bösen Versandhändlers, der Antiquariatsmarkt bietet allerdings auch so reichlich verfügbare Ausgaben und da es sich bei allen um ein- und dieselbe Übersetzung handelt, kann die geneigte Leserschaft frei wählen.

*siehe hierzu: Kindlers Neues Literaturlexikon oder das Nachwort der hier zitierten Ausgabe. Ich kann hier nicht weiter ins Detail gehen, ohne wesentliche Elemente der Geschichte zu verraten. 😉
** zitiert nach: Dreiser: Schwester Carrie. Ille & Riemer. Leipzig/Weißenfels 2004.

Das Buch zum Sonntag (29)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

E.W. Heine: Kinkerlitzchen

Heines „Kille Kille Geschichten“, zu denen auch dieser Erzählungsband gehört, sind ganz hervorragende Beispiele für bitterböses Erzählen. Immer wieder gelingt es ihm, den Lesenden in Sicherheit zu wiegen, ihm eine Idylle oder wenigstens eine harmlose Geschichte vorzugaukeln, um ihm dann ein böses Ende zu bescheren.
Er gehört damit in die im angloamerikanischen Raum ja durchaus verbreiteten Schauergeschichten, die viel stärker mit hinterrücks agierenden Wendungen als mit Horror oder düsteren Stimmungen arbeiten, wie wir es beispielsweise aus der romantischen Tradition in der deutschen Literatur kennen.
Aber eben diese Pointen machen den Reiz aus – und eben auch den Witz. Es ist ein diebisches Vergnügen, im letzten Satz einer Erzählung erst deren wahren Kern zu begreifen. Und wie das Gehirn nunmal so ist: Auf derartige Verwirrungen reagiert es mit Lachen.

Es wird der geneigten Leserschaft verständlich sein, daß ich bei dieser Methode des Autors schlechterdings nicht umfassend zitieren kann, denn Pointen verraten ist nun wirklich die unterste Schublade des Spoilerns. 😉
Ich versuche es daher einmal mit ein paar unverfänglichen Stellen, die aber vielleicht doch geeignet sind, einen Eindruck von E.W. Heines Erzählstil zu bekommen:

„Konservative Individualisten“, nannte Theodor Heuss die Münsterländler. Die Eigenbrötlerei der Menschen hier ist sprichwörtlich. Die folgende Geschichte mag das bezeugen.
Theodor Tödden war Professor für Neuro-Ophtalmologie an der Universität von Münster. Er war hager, hellhäutig, klein und kahlköpfig. Mit anderen Worten: Er war nicht nur Professor, er sah auch so aus.
Kalle Knipperdolling dagegen sa aus wie ein Metzger, und das war er auch. Er war der lebende Beweis für die Worte des heiligen Augustinus: Du wirst, was du denkst und tust. Alles Fleisch an ihm war schweinern: die blassen, viel zu großen Ohren, das Doppelkinnn, die Hängebacken. Aus kleinen Schweinsäuglein, umrahmt von fabrlosen Ferkelwimpern, blickte er in die Welt.
Beide so ungleiche Männer verband eine enge Freundschaft miteinander. Wer sie kannte, fragte sich: Wie ist so etwas möglich: ein hochtitulierter Akademiker und ein Kopfschlächter?
Aber es gab auch eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten. Beide Männer waren begeisterte Ballonfahrer, beide waren unbeweibt, und beide hatten ein Glasauge, der Metzger nach dem Hornstoß einer störrischen Kuhe, der Professor nach einem verunglückten Experiment mit rauchender Schwefelsäure. […]
Damals mit frischem Gips, bei Bier und Münsterländer Korn hatten sie sich geschworen: Wenn einer von uns beiden ums Leben kommt, erbt der andere das Auge.
„Die transplantieren dir das in der Augenklinik so geschickt ein, dass du denkst, es wäre dein eigenes“, sagte der Professor. „Zumal wir beide genau die gleiche Augenfarbe haben, blau wie alle guten Münsterländer.“ Und das waren an diesem Abend nicht nur ihre Augen.

(S. 128ff.)

Das SetUp dieser Geschichte wäre damit klar. Ich gehe allerdings jede Wette ein, daß ihr nicht drauf kommt, wie die Sache ausgeht. 😉
Und weil das gerade sehr gut zur HybrisMetapher vom hohen Roß paßt, noch eine Kleinigkeit hinterher:

Edda von Samson, geborene Rita Riesenhuber, hatte nur die Grundschule von Gummersbach besucht, aber sie hatte früh erkannt, worauf es im Leben ankommt. Sie pflegte zu sagen:
„Ein Mann, der es zu etwas bringen will, muss viele Schulen besuchen, muss sich quälen, muss Abitur machen, Examen bestehen, muss viele Jahre lang lernen, arbeiten, kämpfen. Eine Frau braucht in ihrem Leben nur einmal auf Draht zu sein, nämlich bei der Wahl ihres Ehemannes. Dieser eine Moment entscheidet darüber, ob sie einmal in einer Villa wohnt oder auf der fünften Etage, ob sie von einem Chauffeur zum Reiten gefahren wird oder von einem Busfahrer ins Büro.“
Vom Reiten verstand sie was. Männer sind wie Pferde, pflegte sie zu sagen: Stark, leicht zu dressieren und vielseitig verwendbar: geduldige Arbeitstiere, heiße Deckhengste, Schlachtrösser, Rennpferde. Sie gehorchen auf Schenkeldruck und fressen dir aus der Hand. Sie tragen dich, wohin du willst. Es gibt nichts besseres, um voranzukommen.
Pferde sind geduldig, gutmütig, anhänglich, stark, pferdestark, aber dumm. Es gibt nichts Dümmeres. Mit anderen Worten: Pferde sind wie Männer.

(S. 21f.)

Das Ende dieser Geschichte mag ich besonders.
Es gibt in diesem Band Fernsehshows auf Leben und Tod, Irrenhausinsassen, die wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält, blinde Passagiere (die Geschichte ist wirklich großartig) und natürlich die kürzeste Gespenstergeschichte der Welt. Der Versuchung, diese hier zu präsentieren, widerstehe ich gewohnt tapfer. 😉
Kurz: Wem schwarzer Humor nicht widerstrebt, der sollte zu E.W. Heine greifen (der unter anderem auch historische Romane schreibt, zu denen ich allerdings nichts sagen kann, da ich diesen Bereich seines Schaffens nicht kenne). Wirklich was Feines für zwischendurch.

Und zum Abschluß noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

Das Buch zum Sonntag (28)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

William Gibson: Mustererkennung

Suchte man unter den zeitgenössischen Schriftstellern nach einem Pendant zu Jules Verne, William Gibson würde unweigerlich auf die Kandidatenliste geraten. Glauben wir Wikipedia, so gehen immerhin „Cyberspace“ und „Matrix“ auf sein Konto – nunja.
Auf jeden Fall ist Gibson stets auf der Höhe der Zeit, seine Cyberpunk-Romane umwehte in den Achtzigern wohl auch der Hauch der Avantgarde.
„Mustererkennung“ ist allerdings kein Science-Fiction-Roman, auch wenn 2003, als das Buch erschien, einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung ein Personal, das völlig selbstverständlich Laptops mit Handys verkabelt und seine Gesprächspartner googlet, ehe man sich trifft, wohl so vorgekommen sein mag.
Cayce Pollard, die Protagonistin des Buchs, arbeitet als – ach, lassen wir das Herrn Gibson erklären:

Googlet man Cayce, findet man „Coolhunter“, und wenn man genau hinguckt, vielleicht noch ein paar Hinweise darauf, daß sie so eine Art „Sensitive“ ist, eine Wünschelrutengängerin in der Welt des globalen Marketings.
Obwohl das in Wahrheit, sagt Damien, eher so was wie eine Allergie ist, eine krankhafte und manchmal sehr heftige Reaktion auf die Semiotik der Warenwelt.

(S. 10)

Im Rahmen ihres neuen Auftrages für eine Firma in London, die ein neues Logo sucht, wird ihr angeboten, die Quelle etlicher Clips, die durchs Internet geistern und für Aufregung sorgen, ausfindig zu machen. Ein derart hervorragendes virales Marketing muß ja Interesse erwecken, zumal bei Menschen, die mit Werbung Geld verdienen.
Wie nicht anders zu erwarten, kann Cayce ihre Recherchen nicht störungsfrei und in Ruhe durchführen. 😉
Es ist aber weniger der Plot, der mich beeindruckt hatte und es sind auch nicht die Personen. Es sind die Nebengeschichten, die Gibson erzählt, die Exkurse, die er in die Erzählung einwebt – so ganz nebenbei erfährt der geneigte Leser sehr viel mehr darüber, wie Werbung funktioniert, welche Mechanismen wirken und wie sie geschickt eingesetzt werden können als aus so manchem gelehrt geschriebenen Buch zum Thema.
Beispiel? Aber gerne.

„Nein! Ich meine, Du bist in einer Bar, was trinken, und jemand neben dir fängt ein Gespräch an. Jemand, der dir gefallen könnte. Alles total nett, ihr unterhaltet euch, und die- oder derjenige, wir haben auch Männer, erwähnt dieses tolle neue Streetwear-Label oder diesen genialen Film, den sie oder er gerade gesehen hat. Nur eine kurze, positivie Erwähnung, verstehst du? Und weißt du, was du dann tust? Das ist das, was ich daran nicht ausstehen kann: Weißt du, was du dann tust?“
„Nein“, sagt Cayce.
„Du sagst, du findest das Label oder den Film auch toll! Du lügst! Zuerst dachte ich, das machen nur die Männer, aber die Frauen tun es auch! Sie lügen!“ […] „Und dann nehmen sie das mit“, spinnt sie den Faden fort, „diese postitive Erwähnung, assoziiert mit einem attraktiven Angehörigen des anderen Geschlechts. Jemandem, der sich irgendwie für sie interssiert hat, den sie angelogen haben, um einen guten Eindruck zu machen.“
„Aber sie kaufen Jeans?“ fragt Voytek skeptisch. „Gucken Film? Nein!“
„Stimmt“, sagt Cayce, „aber es funktioniert trotzdem. Sie kaufen nicht das Produkt: Sie geben die Information weiter. Sie benutzen sie, um den nächsten Menschen, den sie treffen, zu beeindrucken.“

(S. 114)

Wie der geneigten Leserschaft sicher bereits aufgefallen ist, habe ich eine Schwäche für Bücher, die tradiertes, scheinbar offensichtliches in Frage stellen. Die sich mit Dahingesagtem nicht zufrieden geben.
Und „Mustererkennung“ stellt einiges in Frage, das ich zumindest vor fünf Jahren, als ich den Roman erstmals las, so noch nicht in Frage gestellt habe.

Dies möge für heute genügen. Das heißt, bis auf die Stelle, die ich mir seinerzeit herausschrieb, um sie nicht zu vergessen:

„Sie glauben, daß die Segmente Teile eines Ganzen sind?“
„Ja.“ Nicht das leiseste Zögern.
„Warum?“
„Vom Gefühl her ist das kein Glaubensakt, sondern etwas, das ich in der Tiefe meines Herzens einfach weiß.“
Komisch, sich das sagen zu hören, aber es stimmt.
„Das Herz ist ein Muskel“, korrigiert Bigend. „‚Wissen‘ tut es ihr limbisches System. Der Sitz des Instinkts. Das Säugerhirn. Ursprünglicher, offener, jenseits der Logik. Dort wirkt Werbung, nicht in der eben erst auf den Plan getretenen Großhirnrinde. Was wir uns unter ‚Denken‘ vorstellen, ist nur eine Art Trittbrettfahrerdrüse, die huckepack auf dem Reptilien-Stammhirn und dem frühen Säugetierhirn reitet, aber unsere Kultur gaukelt uns vor, sie wäre unser gesamtes Bewußtsein. Darunter erstreckt sich das riesige Säugerhirn, stumm und kraftvoll, und folgt seiner uralten Agenda. Und bringt uns dazu, Dinge zu kaufen.“

(S. 94)

Zum Abschluß noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

Das Buch zum Sonntag (27)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Samuel Shem: House of God

Literatur vermag die Welt zu verändern. Eines der Beispiele dafür ist das heute empfohlene Werk. Die schonungslose Beschreibung des Klinikalltags in einem US-amerikanischen Krankenhaus war mindestens ein Katalysator für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ebendort.
Sicher, Literatur kann nach Ansicht einiger noch mehr: „Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“ (Marx in der Einleitung zur „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“), aber das ist doch für einen Roman schon eine ganz hübsche Wirkung.

Doch ich schweife ab.
Shems „House of God“ gehört zu den bitterbösen Büchern im Fundus meiner Leseerfahrung. Die Ausgangssituation ist folgende: Sechs junge Mediziner beginnen ihr Praktikum im Krankenhaus „House of God“, unter ihnen der Ich-Erzähler Roy Basch. Junge, ausgebildete Ärzte, bereit der Menschheit zu dienen und Heilung zu bringen.
Was sie erwartet, ist ein zynischer, fabrikartiger Betrieb, ein industrialisierter Heilbetrieb in dem die größte Herausforderung darin besteht, Patienten ruhigzustellen und loszuwerden, nachdem der Höchstbetrag an Einnahmen mit ihnen erzielt wurde.
Gleichzeitig sind die Jungärzte diejenigen, die sämtliche Arbeit übernehmen, die nahezu einzigen Festangestellten, die Ameisen des Betriebs, diejenigen, die den ganzen abartigen Zynismus desselben aushalten müssen. Was auch immer gegen das deutsche Gesundheitssystem zu sagen ist (und das ist wahrlich eine Menge): Die direkte, unmittelbare Abhängigkeit, die eine rein privatwirtschaftliche Organisation des Gesundheitssektors mit sich bringt, vergrößert das Dilemma massiv.
Und sie reagieren ganz so, wie Menschen zu reagieren pflegen: Ein jeder nach seiner Art: Resignation, Depression, Zynismus.
Wie aber hält man so etwas aus? Man muß einen Weg finden – und Generationen von Residents haben ihn gefunden. Sie schaffen sich eine Überlebensstrategie:

REGELN DES HOUSE OF GOD

1. Gomers sterben nicht.
2. Gomers gehen zu Boden.
3. Bei Herzstillstand zuerst den eigenen Puls fühlen.
4. Der Patient ist derjenige, der krank ist.
5. Zuerst an Verlegung denken.
6. Es gibt keine Körperhöhle, die nicht mit einer 14er Kanüle und einem sicheren, starken Arm erreicht werden kann.
7. Alter + Serum-Harnstoff = Lasixdosis.
8. Sie können dich immer noch mehr quälen.
9. Die einzige gute Aufnahme ist eine tote Aufnahme.
10. Wenn du keine Temperatur mißt, stellst du auch kein Fieber fest.
11. Zeige mir einen BMS, der meine Arbeit nur verdreifacht, und ich werde ihm die Füße küssen.
12. Wenn der Radiologie-Resident und der BMS auf einer Thoraxaufnahme etwas Auffälliges sehen, kann dort nichts Auffälliges sein.
13. Ärztliche Betreuung besteht darin, so wenig wie möglich zu tun.

(S. 478)

Ich erkläre jetzt bewußt nichts weiter dazu.
Keiner der sechs Gefährten ist ein unsympathisches Arschloch. Sicher, jeder hat seine Gründe, Arzt geworden zu sein – doch wirklich unsympathisch? Nein. Diese Rolle übernimmt „Der Dicke“, der erste Resident, dem Roy zugeteilt wird. Beobachten wir ihn mal bei seinem ersten Auftritt:

[…]“OK, fangen wir die Visite ohne den andren Intern an.“
Gut“ sagte einer der Studenten und stand auf. „Ich hole den Aktenwagen. An welchem Ende der Station beginnen wir?“
„Setzen Sie sich!“ sagte der Dicke. „Was reden Sie da?“
„Wollen wir nicht Visite machen?“ fragte der BMS.
„Das wollen wir, und zwar genau hier.“
„Aber… aber sehen wir uns die Patienten nicht an?“
„In der Inneren Medizin muß man sich die Patienten nicht ansehen. Allen Patienten geht es besser, wenn man sie nicht sieht. Sehen Sie diese Finger?“
Wir sahen uns die kurzen fetten Finger des Dicken aufmerksam an.
„Diese Finger berühren den Körper eines Patienten nur, wenn es sein muß. Sie wollen Körper sehen, gut, gehen Sie, sehen Sie sie sich an. Ich habe genügend Körper gesehen, vor allem von Gomers, das reicht mir fürs ganze Leben.“
„Was ist ein Gomer?“ fragte ich.
„Was ein Gomer ist?“ sagte der Dicke. Mit einem kleinen Grinsen buchstabierte er: „G-O …“
[…]
„Laßt gut sein“, sagte der Dicke. „Hören Sie zu. Ich war heute eigentlich nicht als Ihr Resident vorgesehen. Eine Frau namens Jo sollte es sein, aber ihr Vater ist gestern von einer Brücke gesprungen und ist tot. Das House hat unsere Dienstpläne getauscht, und so bin ich jetzt für die nächsten drei Wochen Ihr Resident. Nach allem, was ich im letzten Jahr als Intern angestellt habe, wollte man mir eigentlich die neuen Interns nicht ausliefern, aber sie hatten keine Wahl. Und warum wollen sie nicht, daß Sie an Ihrem ersten Tag als Ärzte ausgerechnet auf mich stoßen? Weil ich alles sage, wie es ist – keine Quatschologie. Der Fisch und der Leggo wollen nicht, daß Sie zu schnell entmutigt werden. Und sie haben recht. Wenn sie jetzt schon genauso deprimiert beginnen, wie Sie im Februar sein werden, springen Sie im Februar von einer Brücke, genau wie der Paps von Jo. Der Fisch und der Leggo wollen, daß Sie sich ihre Illusionen erhalten, damit Sie nicht in Panik geraten. Ich weiß genau, wieviel Angst Sie heute haben.“

(S. 39ff.)

Bei allen Verbesserungen, die in den dreißig Jahren seit Erscheinen des Buches geschehen sein mögen – es handelt sich dabei letztlich nur um das Herumdoktern an einem grundsätzlichen Widerspruch, an einem ganz teifliegenden Problem: Der Pervertierung des Arzt-Patient-Verhältnisses. Und daran hat sich rein gar nichts geändert.
Und deshalb gehört dieser Roman noch immer zur Grundausstattung eines jeden Medizin-Studenten.
Zu Recht.

Noch zwei Bemerkungen zum Schluß:
1. Ich empfehle nach der Lektüre von „House of God“ die erste Staffel „Scrubs“ erneut zu sehen. Aha-Erlebnisse garantiert.
2. Das Buch gehört zu den zwei Tests, die ich mir bisher zurechtgelegt habe. So, wie ich finde, daß jeder, der Soldat werden möchte, vorher „Es ist an der Zeit“ hören sollte, sollte jeder, der Arzt werden möchte, „House of God“ lesen. Einfach, um sicherzugehen, daß die Leute wissen, worauf sie sich einlassen. Wer sich des fundementalen Widerspruchs des jeweiligen Berufes bewußt ist, hat auch viel eher die Chance, einen Weg zu finden, dabei geistig gesund zu bleiben – und mithin auch seinen Beruf gut auszuüben.

Nun noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

P.S. Interessanterweise erschien der Roman erst 18 Jahre nach der Erstveröffentlichung in deutscher Übersetzung – und dann bei Urban & Fischer, einem medizinischen Fachverlag. 😉

Das Buch zum Sonntag (26)

Dieses Mal krankheitsbedingt verspätet, empfehle ich der geneigten Leserschaft für die heute beginnende Woche zur Lektüre:

Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Die Bekenntnisse Felix Krulls sind Fragment geblieben. Und auch wenn es den Lesenden schon interessieren mag, welche Abenteuer Felix Krull noch erlebt haben mag – wesentlich ist das gar nicht.
Meine Sympathie für diesen Roman begründet sich in dem Vergnügen, das es macht, ihn zu lesen. Dem ein oder anderen in der geneigten Leserschaft ist Thomas Mann vielleicht vorrangig als bedeutungsschwerer Autor des Bildungsbürgertums vertraut. Und ja, Werke wie der Zauberberg oder Doktor Fautus sind mit ihren zahlreichen Bezügen ohne umfangreiches Hintergrundwissen kaum verständlich.
In Felix Krull aber zeigt sich Mann von einer anderen Seite. Wollte man eine Genreeinordnung vornehmen, so handelt es sich hier um einen Schelmenroman. Und diese machen vor allem eines: Vergnügen.
Es ist eine wahre Freude, den distinguiert vorgetragenen Rechtfertigungen des Sektfabrikantensohnes Krull zu folgen. Mit welcher Selbstverständlichkeit er sich für ein höheres Wesen hält und noch die niedrigsten Taten (seien es nun Diebstahl oder Zuhälterei) als moralisch integre Handlungen eines Berufenen darstellt – großartig.
Mir macht es jedenfalls immer wieder aufs neue Freude, einem Künstler der deutschen Sprache (und was auch immer, und wohl auch zu Recht, über Thomas Mann zu sagen ist: Mit Worten konnte er umgehen) beim Scherzen zuzusehen.
Der Einfachheit halber zitiere ich mal gleich vom Anfang, in der Hoffnung, daß er der geneigten Leserschaft ebenso zum Schmunzeln Anlaß gebe wie mir:

Indem ich die Feder ergreife, um in völliger Muße und Zurückgezogenheit – gesund übrigens, wenn auch müde, sehr müde (so daß ich wohl nur in kleinen Etappen und unter häufigem Ausruhen werde vorwärtsschreiten können), indem ich mich also anschicke, meine Geständnisse in der sauberen und gefälligen Handschrift, die mir eigen ist, dem geduldigen Papier anzuvertrauen, beschleicht mich das flüchtige Bedenken, ob ich diesem gesitigen Unternehmen nach Vorbildung und Schule denn auch gewachsen bin. Allein, da alles, was ich mitzuteilen habe, sich aus meinen eigensten und unmittelbarsten Erfahrungen, Irrtümern und Leidenschaften zusammensetzt und ich also meinen Stoff vollkommen beherrsche, so könnte jener Zweifel höchstens den mir zu Gebote stehenden Takt und Anstand des Ausdrucks betreffen, und in diesen Dingen geben regelmäßige und wohlbeendete Studien nach meiner Meinung weit weniger den Ausschlag, als natürliche Begabung und eine gute Kinderstube. An dieser hat es mir nicht gefehlt, denn ich stamme aus feinbürgerlichem, wenn auch liederlichem Hause; mehrere Monate lang standen meine Schwester Olympia und ich unter der Obhut eines Fräuleins aus Vevey, das dann freilich, da sich ein Verhältnis weiblicher Rivalität zwischen ihr und meiner Mutter – und zwar in Beziehung auf meinen Vater – gebildtet hatte, das Feld räumen mußte; mein Pate Schimmelpreester, mit dem ich auf sehr innigem Fuße stand, war ein vielfach geschätzter Künstler, den jedermann im Städtchen „Herr Professor“ nannte, obgleich ihm dieser schöne, begehrenswerte Titel von Amts wegen vielleicht nicht einmal zukam; und mein Vater, wiewohl dick und fett, besaß viel persönliche Grazie und legte stets Gewicht auf eine gewählte auf eine gewählte und durchsichtige Ausdrucksweise.

(S.7)*

Und die Zauberberg-Leser können zusätzliche Freude darin suchen, herauszufinden, wie Mann seinen Helden immer wieder an sprachlichen Kleinigkeiten, an gelegentlich falsch gesetzten Worten, an immer mal wieder eine Nuance zu hoch geschraubten Formulierungen, selbst entlarvt.

Einer der wenigen Romane Manns, bei dem getrost Intertextualitäten ignoriert werden können – ein wunderbarer Spaß eben.

Zum Abschluß noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben

*zitiert nach: Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil. Frankfurt/Main 1997. ISBN: 3-10-048407-X

Das Buch zum Sonntag (25)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Banana Yoshimoto: Tsugumi

Weihnachtszeit ist Kaminzeit ist Lieblingsbuchzeit. Morgen ist bereits der vierte Advent, mithin handelt es sich heute um die letzte Buchempfehlung vor HeiligAbend. Und in meinen Augen ist Tsugumi ein würdiges Buch dafür. Der geneigten Leserschaft ist Frau Yoshimoto ja bereits bekannt. In diesem Büchlein nun erzählt eine Geschichte, die banal und rührend zugleich ist, passend also zu 10 Grad unter Null (im Flachland!), Schneefall, Glühwein und einem warmen Ofen. Die Ich-Erzählerin Maria erzählt eine Geschichte, die auf einer der zahllosen Urlaubsinseln, die Japan zu bieten hat, spielt und auf der sie aufgewachsen ist. Es ist der „letzte Sommer ihrer Jugend.“ Dort scheint die Welt der Ryokan noch in Ordnung, alles geht familiär und traditionell zu. Jedoch soll eine Hotelanlage gebaut werden, die eben dieses Idyll zerstören könnte. Vor diesem Hintergrund entspinnt sich nun eine Liebesgeschichte zwischen dem Sohn des Hotelbauers und der Tochter der Besitzer des Ryokan, in dem Maria wohnt. So weit, so Email-für-Dich. Doch meine Schwäche für Frau Yoshimoto liegt nicht in ihren Kompositionskünsten für aufregende oder tiefgründige Plots begründet, sondern in den Charakteren, die sie schafft, in den Bildern, die sie zeichnet. Und Tsugumi ist mir von den zahlreichen Figuren, die sie geschaffen hat, die liebste. Der geneigte Leser kann hier eine junge Frau erleben, deren Charme erfrischend, weil unbekümmert scheinend ist, die eine Lebensfreude, eine Energie ausstrahlt, der sich zu entziehen schwer fällt. Hinter Tsugumi bleiben in Yoshimotos bisherigem Gesamtwerk (soweit es auf Deutsch erschienen ist, mein Japanisch ist, um mal mit Winnie-the-Pooh zu sprechen, etwas wacklig), erst Recht freilich in diesem Buch, alle anderen Charaktere weit zurück.

Ich bin jemand… also, ich würde einer Blume mutwillig sämtliche Blätter ausreißen, aber ihre Schönheit würde ich nie vergessen.

(S. 77)

Banana Yoshimoto läßt ihre jungen Charaktere sehr häufig die Erfahrung machen, daß das Leben endlich ist. Die permanente Anwesenheit des Todes gehört zu den Elementen der typischen Melancholie ihrer Literatur. Tsugumi selbst ist seit ihrer Geburt von höchst fragiler Gesundheit, ihr Leben scheint permanent an einem dünnen Faden zu hängen. Verhätschelt und verwöhnt aufgezogen, versucht sie nun, dem Trotzkindalter entwachsen, eine Fassade der Eigensinnigkeit, der Schroffheit, der Hinterhältigkeit aufrecht zu erhalten (und das gelingt ihr ganz hervorragend, sie spielt ihrer Umgebung durchaus perfide Streiche, die weit weniger an Michel von Lönneberga als viel mehr an Eric Cartman denken lassen – manipulativ und gerne mal emotional verheerend) – aber verliebt in sie habe ich mich wegen Szenen wie dieser, was auch immer das über mich aussagen mag:

„Zum Beispiel, stell Dir vor, eine Hungersnot bricht über die Erde herein.“ „Hungersnot…? Wenn du plötzlich so überspanntes Zeug redest, versteh ich überhaupt nichts mehr.“ „Schnauze! Halt´s Maul, und hör zu: Also, ich will ´n Typ werden, der Pünktchen ohne mit der Wimper zu zucken schlachten und auffressen kann, wenn es wirklich nichts mehr zu fressen gibt. Und natürlich nicht so ´n inkonsequenter Blödmann, der sich nachher im stillen die Augen ausheult, der ‚Pünktchen, danke für alles‘ und ‚Tut mir furchtbar leid‘ sabbert, ein Grab für den Köter schaufelt und sich aus einem seiner Knöchelchen ein Medaillon machen läßt, das er dann immer um den Hals trägt. Wenn schon, dann will ich einer werden, der nicht bereut und auch kein schlechtes Gewissen kriegt, sondern wirklich ganz cool mit einem Grinsen sagt: ‚Hast ganz vorzüglich geschmeckt, Pünktchen!‘ – Ganz theoretisch gesprochen jetzt, nur, falls eine Hungersnot kommt…“ Wie sie so dasaß, die dünnen Ärmchen um die Knie geschlungen, träumerisch den Kopf zur Kopf zur Seite gelegt, das absolute Gegenteil ihrer Rede, bekam ich irgendwie den seltsamen Eindruck, ein Wesen von einem anderen Stern zu betrachten. „Für mich hört sich das ja eher nach einem Bekloppten als nach einem Fiesling an“, sagte ich. „Genau – einer, der nichts rafft. Einer, der nirgendwo heimisch ist, niemandem vertraut, der sich nicht einmal selbst kennt und den trotzdem nichts aufhalten kann, obwohl er gar nicht weiß, wohin die Reise gehen soll. Und der trotzdem daraus pocht, richtig zu liegen. Toll wär das!“

(S. 61f.)

Ich wünsche der geneigten Leserschaft einen besinnlichen vierten Advent und verbleibe nicht ohne den üblichen Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben

Kein Buch zum Sonntag (1-3)

Wie aufmerksamen Mitgliedern der geneigten Leserschaft bereits auffiel, gab es in der letzten Woche keine Buchempfehlung.
Nun, es wird leider auch in dieser und der nächsten Woche keinen weiteren Beitrag in der Reihe „Das Buch zum Sonntag“ geben.
Der Grund ist ein Spiel, das ich bereits seit vielen Jahren sehr häufig spiele und in dem ich gerade einige Special Quests absolvieren muß, die sehr zeitintensiv sind. Dafür erwarten mich aber etliche Bonus-EP´s, ich erlerne einige neue Skills und werde alles in allem weit weniger Credits für meine lebensnotwendigen Items brauchen als bisher.
Ihr seht, es ist unumgänglich und lohnt sich auf jeden Fall.

Aber, hier möge die geneigte Leserschaft die Hoffnung nicht fahren lassen, es wird noch vor dem Weihnachtsfest der gewohnte Rhythmus wieder aufgenommen werden.

Übrigens scheint das Spiel ein hohes Suchtpotential zu haben, schon bei einigen Online-Plattformen habe ich Menschen verschwinden sehen, mit der Begründung, ihr „RL“ ließe ihnen keine Zeit dafür.

Das Buch zum Sonntag (24)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Walter Moers: Rumo und die Wunder im Dunkeln

Ich habe lange gebraucht, um Walter Moers Ernst zu nehmen. Sein „Kleines Arschloch“ war mir etwas zu offensichtlich auf Provokation gebürstet (inzwischen gibt es einige wenige Strips, die ich mag) und ansonsten nahm ich nicht viel von ihm wahr.
Bis mir seine „Wilde Reise durch die Nacht“ in die Hände fiel. Die zu Grunde liegende Idee, zu 21 Holzstichen Dorés eine Geschichte zu erzählen, machte mich neugierig. Und veränderte mein Bild von Moers erheblich. Zwar finde ich auch heute keineswegs alles gut, was er so macht, aber auf seine Zamonienromane lasse ich nahezu nichts kommen. 😉
In guter literarischer Tradition hat Walter Moers mit dem Kontinent „Zamonien“ eine Parallelwelt geschaffen, die von allerlei seltsamen Wesen bevölkert wird, in denen der geneigte Leser jedoch problemlos Spiegelbilder von Menschen hiesiger Provenienz erkennen kann. Dieser altbekannte Trick ermöglicht es einem jeden Autor, seine Figuren nach Belieben zu überzeichnen. Und das kann Moers in unnachahmlicher Weise. Da gibt es höchstbürokratische Volksgruppen und Wesen mit mehreren Gehirnen (samt zugehöriger Arroganz allen Wesen mit weniger als drei Stück gegenüber), es gibt dumpfe Gewalttypen und gerissene Gauner. Also alles, was ein gutes Universum so braucht.

Ich habe lange überlegt, welchen der Romane ich dem geneigten Lesepublikum empfehlen soll und habe mich letztlich für „Rumo“ entschieden, weil er der vielleicht rundeste, auf jeden Fall aber ein exemplarischer Roman ist, der etliche jener Facetten zeigt, die ich an Moers schätze.
Erzählt wird die Geschichte des Wolpertingerwaisen Rumo, der auf der Suche nach seiner Bestimmung ist und auf dem Weg dorthin einige Heldentaten zu vollbringen hat, während er persönlich reift. Eine ganz klassische Heldengeschichte also, möchte man meinen.

ABER: Mit welch einem Ideenreichtum, mit welch irren Figuren. Da gibt es eine Haifischmade mit undurchsichtigen Plänen, dichtende Lindwürmer, brutale Teufelsfelszyklopen, ein schizophrenes Schwert und einen Eydeeten mit vier Gehirnen, der auf der Suche nach Unvorhandenen Winzlingen ist (achja, Intertextualitäten sind bei Moers immer reichlich vorhanden, stören nie, aber es macht einen Heidenspaß, sie zu entdecken*). Und das alles aufgeteilt in mehrere Handlungs- und Erzählebenen. Der geneigte Leser mag also durchaus auch eine Parodie auf die klassischen Genre des Abenteuerromans, des Heldenepos und freilich auch des Liebesromans in „Rumo“ entdecken (und das ist höchst wahrscheinlich so, wie ich nach der Lektüre etlicher anderer Moers´scher Werke geneigt bin zu glauben). Vor allen Dingen jedoch ist es eine wahre Freude, Moers beim Fabulieren zu begleiten.

Eine der Grundregeln dieser Rubrik ist es ja, der geneigten Leserschaft immer die Möglichkeit zu lassen, ein Buch selbst zu entdecken und so vielleicht einen ganz eigenen Zugang zu finden. Daher mag ich gar nicht mehr verraten. Da es aber zwei Szenen in diesem Buch gibt, die mich emotional stark mit ihm verbinden, muß ich noch ein bißchen plaudern.
Zunächst aber mal eine andere Stelle, über die ich beim Blättern soeben gestolpert bin und die einen ersten Eindruck vermitteln kann:

 

Smeik war beeindruckt von der Furchtlosigkeit, mit der dieser schmächtige Gnom auf ihn und Rumo zutrat. Er konnte offensichtlich Gedanken lesen, und er ähnelte dem Professor aus Fort Una, dem Smeik seine Kenntnisse über Zyklopenzungen verdankte, er hatte die gleichen leuchtenden Augen, den gleichen gebrechlichen Körper, den gleichen übergroßen Kopf. Aber irgendetwas war anders.
„Treten Sie ruhig näher“, sagte Smeik. „Wir würden uns freuen, unser Lagerfeuer mit jedem Wanderer zu teilen, der freundlicher gesinnung ist.“
Das war der traditionelle Satz, den man nach der Atlantischen Wanderschaftsverordnung in einer solchen Situation aufzusagen hatte. Mit diesem Satz, den sich nattifftoffische Politiker ausgedacht hatten, die in ihrer Freizeit der Wanderei frönten, signalisierte man Gastfreundschaft und Höflichkeit – es schwang aber auch eine unterschwellige Drohung mit. Man gab deutlich zu verstehen, daß man sich gegen eventuelle Übergriffe tatkräftig zur Wehr setzen würde. Kein Gesetz schrieb vor, diese Floskel zu benutzen, aber sie war allgemein anerkannt und wurde in vielen Schulen gelehrt. Die korrekte Antwort darauf war: „Ich bedanke mich für die erwiesene Gastfreundschaft und gelobe, dieselbe nicht über das gebotene Maß zu strapazieren.“
„Ich bedanke mich für die erwiesene Gastfreundschaft und gelobe, dieselbe nicht über das gebotene Maß zu strapazieren“, erwiderte Oztafan Kolibril feierlich […]“

(S. 127)

Doch nun zur ersten der beiden oben angedeuteten Szenen. ich mag diese Stelle sehr, weil sie ein derart leidenschaftliches Plädoyer fürs Lesen ist, daß ich es zum Motto meiner Berufsauffassung gemacht habe. Eines noch vornweg: Die Wolpertinger bei Moers (Umdeutungen hierzulande bekannter Wesen sind ein beliebtes Spiel bei ihm) sind eine Mischung aus Wolf und Reh und vereinen damit Geruchssinn, Geschicklichkeit, Sträke und Angriffslust. Genaugenommen sind die zamonischen Wolpertinger regelrechte Alleskönner und damit so ziemlich das Gegenteil der hiesigen, verhuschten und scheuen Exemplare. Zu ihrer Ausbildung gehört denn auch die Schreibkunde:

„Ihr habt alle die Prüfung bestanden“, sagte die Lehrerin in einem Ton, als hätten sie ein unsühnbares Verbrechen begangen. „bildet euch nicht ein, daß ihr jetzt lesen und schreiben könt. Aber ihr habt euch das Werkzeug erworben, mit dem ihr jedes Wort entschlüsseln könnt – es befindet sich in euren Köpfen. Pflegt dieses Werkzeug gut, pflegt es so aufmerksam wie eure Zähne! Das beste Mittel dafür ist das Lesen. Lest, soviel ihr könnt! Lest Straßenschilder und Speisekarten, les die Anschläge im Bürgermeisteramt, lest von mir aus Schundliteratur – aber lest! Lest! Sonst seid ihr verloren!“

(S. 227)

Die zweite Stelle, die mich stark mit diesem Buch verbindet, kann ich hier unmöglich zitieren, denn es handelt sich um ein ganzes Kapitel. Genaugenommen sogar um mehrere, da durch die verschachtelte Konstruktion des Romanes die Geschichte nicht ununterbrochen erzählt wird. Es sei nur soviel gesagt: Ich fand sie kaum erträglich, so tiefgründig läßt Moers hier eine Vision wahr werden:

„Ich will [tick]„, rief er, „eine Maschine [tack] bauen, mit der ich den Tod kontrollieren kann! Wenn mir [tick] das gelingt, dann [tack] wird das Sterben keine Sache der [tick] Natur mehr sein – sondern [tack] der Kunst!“

(S. 475)

Nun, zum Abschluß noch der übliche Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

*In „Die Stadt der träumenden Bücher“ wimmelt es nur so von Weltliteratur. Ich spiele mit dem Gedanken, einen Wettbewerb auszurufen, bei dem alle beim „Ormen“ genannten Autoren und Buchtitel dechiffriert werden. Ich befürchte aber, es gibt im Netz bereits eine Liste…