Erinnerung: Gachmuret feat. Der Hausheilige & Kollegen – live.

Wem es im März nicht vergönnt war, der Lesung aus Texten des Hausheiligen beizuwohnen oder wem es so gut gefallen hat, daß eine Wiederholung wünschenswert wäre, hat nun die Gelegenheit dazu, mir erneut zu lauschen.
Im Programm des diesjährigen Sachsen-Anhalt-Tages, der in diesem Jahr in Weißenfels stattfindet, gibt es den Programmpunkt „Stille Schätze“, mit dem ein Kontrapunkt zum Volksfesttrubel des übrigen Programms gesetzt werden soll.

Am 21. August zwischen 12 und 13 Uhr werde ich also im Novalis-Pavillon zu erleben sein.

Auf dem Programmzettel stehen neben dem Hausheiligen dieses Blogs bereits Alexander Sergejewitsch Puschkin, sowie die Weißenfelser Geistesgrößen Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg, Joachim Wilhelm Freiherr von Brawe und Frank Fischer.

Für alle, die nicht ortskundig sind, hier eine Anfahrtsskizze.

Wir sehen uns dann nächste Woche. 😉

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Das Buch zum Sonntag (40)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Frank Fischer: Die Südharzreise

Das heute empfohlene Werk, übrigens mit dem grandiosen Untertitel „Abstrakter Tourismus zwischen Leipzig und Göttingen“, würde der nach Schubladen suchende Leser (übrigens eine nicht von vornherein zu verurteilende Kategorie (Achtung, Schublade – und drohender Zirkel), denn nichts, zumindest von Kunden einmal abgesehen, bringt Bibliothekare und auch den einen oder anderen Buchhändler mehr zur Verzweiflung, als ein Buch, das sich weigert, eingeordnet zu werden. Denn: Irgendwo muß es nunmal stehen, sonst sieht es mit der Auffindbarkeit aber mal ganz schlecht aus.) wahrscheinlich in das Genre der Reiseerzählungen sortieren – und das wäre noch nicht einmal völlig falsch.
Eine Reiseerzählung ist das schmale Bändchen tatsächlich. Der Autor beschließt aus nicht näher definierten Gründen, mit Anbeginn 3. Oktober 2008 die nahezu vollständig fertig gestellte A38 von Leipzig nach Göttingen innerhalb der nächsten 24 Stunden zu bereisen. Und läßt uns dankenswerter Weise daran teilhaben.
Die sogenannte „Südharzautobahn“ führt dabei durch eine, und auch das war hier schon einmal Thema, prinzipiell unterschätzte Gegend. Besuche der per Abfahrtsschild ausgewiesenen Orte ist also in jedem Falle für den kulturhistorisch Interessierten lohnend.
Aus ganz anderen Gründen allerding halte ich die Lektüre des Buches für lohnend. Frank Fischer läßt hier einen intellektuellen Witz aufblitzen, der in der deutschsprachigen Reiseliteratur doch eher Mangelware ist.

Zum Sonnenobservatorium in Goseck schreibt er:

Natürlich wurde alles archäologisch korrekt abgeglichen mit anderen Funden in Europa. Mit etwas neolithischer Fantasie kann ich mir auch vorstellen, was hier eventuell geschehen ist. Es kann aber auch alles ganz anders gewesen sein. An einigen Stellen wurden Rinderschädel gefunden, die vielleicht zu Opfertieren gehört haben. Viel interessanter wäre es doch aber, wenn die Überreste der Nutztiere darauf hinwiesen, dass es sich hier um eine Kuhweide für besonders eigensinnige Tiere gehandelt hat, die daher zur Sicherheit von einem doppelten Ring aus Holzpflöcken eingezäunt war.
Ich lese mit der Nietzsche-Taschenlampe noch schnell die Infotafeln ab, ob sich inzwischen nicht doch neue Erkenntnisse ergeben haben. Eine historische Kuhweide würde ich mir besonders gern ansehen wollen.

(S. 23)

Ich werde Goseck wohl nie wieder ohne den Gedanken an schwer erziehbare Kühe besuchen können…*
Und so geht es in 38 Kapiteln durch die mitteldeutsche Kulturlandschaft, immer mit feinen Alltagsbeobachtungen, die die Skurrilität des Homo sapiens sapiens in seiner derzeitigen Ausprägung ganz vorzüglich aufzeigen – wie die für chemiefreie Thüringer Bratwürste missionierende Imbißstandverkäuferin:

Am 1-Euro-Stand sehe ich den Hindenburg-Verantwortlichen stehen und kaufe ihm zum Dank eine eine Bratwurst ab. Ich habe sie gerade fertig verschlungen, als ich am 1,50er-Stand vorbeikomme, in dessen Nähe das Auto steht. Die Bratwurstfrau hat genau gesehen, dass ich eine feindliche Wurst verspeist habe und verwickelt mich umso dringlicher in ein Gespräch. Ich höre ihr gern zu, sie nennt wirklich 50 gute Gründe und fragt mich suggestiv, ob mir die Fremdwurst wirklich geschmeckt hat. Sie seziert eine der echten Echten und fragt mich, ob ich die Fleischstruktur gut genug erkennen kann. Am Ende lädt sie mich dazu ein, doch mal zu kosten, ihre Sicht der Dinge ist ihr also immerhin 1,50 Euro wert.

(S. 40)

Ich könnte hier so endlos weitermachen (und wenn ich die CC-Lizenz richtig verstehe, dürfte ich das sogar), möchte aber der geneigten Leserschaft das eigene Leservergnügen nicht nehmen und schließe lieber mit einer meiner Lieblingsstellen, die den Ausscheidungswettkampf gegen die Begründung, warum die A38 „Arno Schmidts Gegenkanon-Autobahn“ heißen dürfte, gewonnen hat:

Wie Hedwig Courths-Mahler in ihren Jugendjahren pilgere ich schnell noch zum Novalisgrab im Stadtpark. Sie hat dort nach eigener Aussage ihre „Phantasie in das Land der Träume versetzt“ und dann, offenbar aufgrund dieser fehlgeleiteten Novalisrezeption, über 200 Romanschmonzetten verfasst. Vielleicht sollte man an der Novalisbüste eine Infotafel anbringen, die ganz kurz die Ergebnisse der historisch-kritischen Novalisedition zusammenfasst, damit so etwas nie wieder geschieht.

(S. 22)

Kurz: Intertextualität Galore. Und genau mein Humor.

Zum Abschluß noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

*Womit wir übrigens bei meinem Motto zu jeglicher historischen Forschung wären: Es kann alles auch ganz anders gewesen sein.