Das Buch zum Sonntag (84)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Juli Zeh: Corpus Delicti

Ich mag ja Juli Zeh. Also, ihre Werke. Allerdings habe ich inzwischen feststellen können, daß gerade einige der Punkte, die mir an ihren Büchern so gefallen, auch genau die sind, die andere davon abhalten, sie zu lesen. Auftritt verstaubte Binsenweisheit: Leseerfahrungen sind immer individuell.
Ihre Bücher sind in meinen Augen ja viel mehr Versuchsanordnung und philosophisches Experiment als erzählende Literatur. Genau das macht es immer wieder spannend, zu schauen, wie sich das Experiment entwickelt, welche Wendungen, welche Verläufe es nimmt. Und ich mag an Juli Zeh die Konsequenz ihres Denkens.
In Corpus Delicti sieht die Versuchsanordnung eine Welt vor, in der „Gesundes Leben“ zur Grundlage des Staates und der Gesellschaft wurde. Aus der simplen und auf den ersten Blick nachvollziehbaren Idee heraus, daß es eines jeden Menschen Ziel sei, lange und von Krankheiten unbelästigt zu leben wurde so ein Staat geboren, der genau dies garantiert, dafür aber freilich auch recht genau kontrolliert, wie denn die Staatsbürger so leben. Sonst könnte er ja die Garantie auch gar nicht einlösen.

In Wohnkomplexen, deren Hausgemeinschaft sich durch besondere Zuverläsigkeit auszeichnet, können Aufgaben der hygienischen Prophylaxe von den Bewohnern in Eigenregie übernommen werden. Regelmäßge Messungen der Luftwerte gehören ebenso dazu wie Müll- und Abwasserkontrolle und die Desinfizerung aller öffentlich zugänglichen Bereiche. Ein Haus, in dem diese Form der Selbstverwaltung funktionert, wird mit einer Plakette ausgezeichnet und erhält Rabatte auf Strom und Wasser. Die Wächterhaus-Initative feiert auf allen Ebenen die größten Erfolge. Der Fiskus spart Geld bei der Gesundheitsvorsorge, und die Menschen entwickeln Gemeinschaftssinn.

(S. 22)*

Entlarvend. Und ganz nebenbei ein ganz hübscher Hinweis darauf, warum manche Gesellschaftssysteme funktionieren. Nichts ist machtpolitisch klüger, als auf die gegenseitige Kontrolle der Nachbarn setzen. Doch eine solche Erkenntnis wäre für ein Juli-Zeh-Werk viel zu platt. Und neben den ganz großen rechtsphilosophischen Fragen, die sie aufwirft und äußerst klug verhandelt, geht es um die Frage: Wie aber umgehen mit Menschen, die sich unvernünftig verhalten? Denn das ist der Clou an der Staatsdoktrin: Sie ist über alle Maßen vernünftig, es wäre völlig sinnfrei, sich ihr zu verweigern. Was aber, wenn es Menschen gibt, die das trotzdem tun? Die Alkohol konsumieren, Zigaretten rauchen oder in die wilde, freie Natur mit all ihrem Schmutz und ihren Krankheitserregern gehen? Was tun mit Menschen, die in der Verweigerung von Lebensqualität Lebensqualität erkennen?

Einmal, ein einziges Mal will der Mensch das Überflüssige tun, das dem Leben erst die richtige Würze gibt.

**

So der Hausheilige zum Thema. Die Angeklagte im Prozess (so der Untertitel), Mia Holl, gerät in eine Rolle, die ihr zunächst gar nicht zu passen scheint. Sie ist als Biologin geradezu Protagonstin des Systems, vollkommen von der Richtigkeit der „Methode“ überzeugt und daher einer Abweichung völlig unverdächtig. Doch die Verurteilung ihres Bruders erscheint ihr falsch und das bringt alles ins Wanken. So die Ausgangsposition und mehr möchte ich gar nicht verraten, denn wie bereits oben geschrieben gehört es ja zum zentralen Vergnügen der Zeh-Lektüre, ihr beim Sezieren zuzuschauen. Ich weiß nicht, ob Juli Zeh mit dem Buch eine Mission verfolgt, aus ihrem mit Ilja Trojanow verfaßten Manifest und eingen Interviews darf man aber wohl schließen, daß die persönliche Freiheit ein Thema ist, das ihr wichtig ist. Und als Antidot für die schleichende Abschaffung dieser zugunsten einer wie auch immer begründeten Sicherheitsgesellschaft sei Corpus delict dringend empfohlen. Denn allzu unwahrscheinlich erscheint mir das beschriebende Szenario im Zuge populistischer Rauchverbote, Debatten über höhere Versicherungsbeiträge für bestimmte Lebensweisen oder Klagen gegen Karikaturen gar nicht zu sein.

„Das Leben“, sagt Mia leichthin, „beginnt nun einmal auf der Höhe sener Kraft, um sich von diesem Punkt aus, immer abwärts führend, seinem Ende zu nähern. Ein grober dramaturgischer Fehler.“
„D’accord. Und hinter die Erkenntnis, dass es diesen Fehler nicht anzubeten, sondern auszubügeln gilt, kann niemand mehr zurück. Was sollte vernünftigerweise dagegen sprechen, Gesundheit als Synonym für Normalität zu betrachten? Das Störungsfreie, Fehlerlose, Funktionierende: Nichts anderes taugt zum Ideal.“

(S. 181)

Damit aber kein falscher Eindruck entsteht: Es handelt sich hier keineswegs um eine trockene Abhandlung zu ein paar sehr grundlegenden Fragen menschlichen Zusammenlebens, zumal in soziologischer Perspektive. Zum einen versucht sich Juli Zeh durchaus auch an der individuellen Perspektive, Mia Holls Zweifel und Grübeln scheinen mir durchaus überzeugend (und ich mag die „ideale Geliebte“ sehr, da hat sie ein wunderbares Geschöpf erschaffen), zum anderen hat Frau Zeh durchaus Humor.

„Wer keine Seite wählt“, sagt die ideale Geliebte, „ist ein Außenseiter. Und Außenseiter leben gefährlich. Von Zeit zu Zeit braucht die Macht ein Exempel, um ihre Stärke unter Beweis zu stellen. Besonders, wenn im Innern der Glaube wackelt. Außenseiter eignen sich, weil sie nicht wissen, was sie wollen. Sie sind Fallobst.“
„Ich bin doch keine Außenseiterin“, sagt Mia schwach.
„Tief in deinem Herzen bist du der Meinung, dass der Umgang mit anderen Menschen Zeitverschwendung ist. Mit wenigen Ausnahmen, von denen die eine Hälfte tot und die andere dein Todfeind ist. Das reicht fürs Außenseitertum.“

(S. 144f.)

Ich kann es also nicht oft genug schreiben: Menschen dieser Welt, lest Juli Zeh.
Und zum Anfang vielleicht eine dieser

lieferbaren Ausgaben.


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*zitiert nach: Zeh, Juli: Corpus Delicti. Ein Prozess. Schöffling & Co. Frankfurt/M. 2009
**aus: „Was machen die Leute da oben eigentlich?“ in: Werke und Briefe: 1930, S. 327. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 7526 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 8, S. 149-150)

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (83)

Für die schon lange laufende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Arthur Schopenhauer: Die Kunst, Recht zu behalten.

Schopenhauer gilt landläufig als Misanthrop. Ich bin mir nicht sicher, ob das so ohne Weiteres zutrifft. Meiner vagen Vermutung nach konnte er durchaus eine ganze Menge Menschen nicht leiden, allerdings aus Gründen, die für jene nicht gerade schmeichelhaft gewesen sein dürften – was allerdings an ihrer möglichen Gültigkeit nichts ändert. Mir scheint da eher nicht ausgeschlossen, was der Hausheilige zur „Wahrheit“ schreibt:

Die Wahrheit ist ein Ding: hart und beschwerlich,
sowie in höchstem Maße feuergefährlich.
Brenn mit ihr nieder, was da morsch ist –
und wenns dein eigner Bruder Schorsch ist!
Beliebt wird man so nicht!

*

Denn Schopenhauers 38 Kunstgriffe, mit denen er dem geneigten Leser das Werkzeug an die Hand gibt, jederzeit Sieger einer Disputation zu sein, offenbaren einen sehr scharfsinnigen, genauen Beobachter und Analytiker menschlichen Handelns. In der Einleitung, in welcher er die Notwendigkeit seines Büchleins beschreibt, da

die objektive Wahrheit eines Satzes und die Gültigkeit desselben in der Approbation der Streiter und Hörer zweierlei [sind]

(S. 20)**

führt er aus:

Woher kommt das? – Von der natürlichen Schlechtigkeit des menschlichen Geschlechts. Wäre diese nicht, wären wir von Grund aus ehrlich, so würden wir bei jeder Debatte bloß darauf ausgehn, die Wahrheit zu Tage zu fördern, ganz unbekümmert ob solche unsrer zuerst aufgestellten Meinung oder der des Anderen gemäß ausfiele: dies würde gleichgültig, oder wenigstens ganz und gar Nebensache sein. Aber jetzt ist es Hauptsache. Die angeborne Eitelkeit, die besonders hinsichtlich der Verstandeskräfte reizbar ist, will nicht haben, daß was wir zuerst aufgestellt, sich als falsch und des Gegners als Recht ergebe.

(S. 20f.)

Schon klar, das war im 19. Jahrhundert. Inzwischen haben wir den Siegeszug der Vernunft erlebt und solcherlei persönliche Eitelkeiten spielen in unseren sachorientierten, emotionsfreien Debatten keinerlei Rolle mehr. Was natürlich bedeutet, daß man auch keine der von Schopenhauer vorgeschlagenen taktischen Finessen mehr benötigt.
Also so etwas wie:

Kunstgriff 27
Wird bei einem Argument unerwartet böse, so muß man dieses Argument eifrig urgieren: ncht bloß, weil es gut ist, ihn in Zorn zu versetzen, sondern weil zu vermuten ist, daß man die schwache Seite seines Gedankenganges berührt hat und ihm an dieser Stelle wohl noch mehr anzuhaben ist, als man vor der Hand selber sieht.

(S. 57)

oder das hier:

Letzter Kunstgriff
Wenn man merkt, daß der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend, grob. Das Persönlichwerden besteht darin, daß man von dem Gegenstand des Streites (weil man da verlornes Spiel hat) abgeht auf den Streitenden und seine Person irgendwie angreift: man könnte es nennen argumentum ad personam, zum Unterschied vom argumentum ad hominem: dieses geht vom ren objektiven Gegenstand ab, um sich an das zu halten, was der Gegner darüber gesagt oder zugegeben hat. Beim Persönlichwerden aber verläßt man den Gegenstand ganz, und richtet seinen Angriff auf die Person des Gegners: man wird also kränkend, hämisch, beleidigend, grob. Es ist eine Appellation von den Kräften des Geistes an die des Leibes, oder an die Tierheit. Diese Regel ist sehr beliebt, weil Jeder zur Ausführung tauglich ist, und wird daher häufig angewandt.

(S. 71f.)

ist völlig aus unserem Diskursverhalten verschwunden.
Scharfsinngkeit macht immer Freude. Und so ist es eine große Freude, die Eristische Dialektik, wie dieses kleine, feine Werk auch benannt ist, zu lesen. Doch hat diese Freude einen bittersüßen Geschmack, läßt sich doch leicht erkennen, daß es genügend Gründe gibt, an der Menschheit zu zweifeln. Sollten also die Schopenhauer-Exegeten zum Schluß kommen, er sei ein Misanthrop gewesen, so bliebe nur zu sagen: Aber aus Gründen.

Und um die Stimmung noch weiter zu heben, noch einmal Schopenhauer, denn mir fiele nichts ein, was ich dem hier noch hinzufügen sollte, was er nicht selbst viel überzeugender vorbringt:

Kunstgriff 28
Dieser ist hauptsächlich anwendbar, wenn Gelehrte vor ungelehrten Zuhörer streiten. Wenn man kein argumentum ad rem hat und auch nicht einmal eines ad hominem, so macht man eines ad auditores[an die Zuhörer], d.h. einen ungültigen Einwurf, dessen Ungültigkeit aber nur der Sachkundige einsieht; ein solcher ist der Gegner, aber die Hörer nicht: er wird also in ihren Augen geschlagen, zumal wenn der Einwurf seine Behauptung irgendwie in ein lächerliches Licht stellt: zum Lachen sind die Leute gleich bereit; und man hat die Lacher auf seiner Seite. Die Nichtigkeit des Einwurfes zu zeigen, müßte der Gegner eine lange Auseinandersetzung machen und auf die Prinzipien der Wissenschaft oder sonstige Angelegenheit zurückgehn: dazu findet er nicht leicht Gehör.

(S. 57f.)

Vielleicht sollte dieses Buch zur Grundlage in diversen Schulfächern werden. Mir ist kein Werk bekannt, das knapper, deutlicher und scharfsinniger die Mechanismen öffentlicher Diskurse demaskiert. Und zwar eben nicht auf einer Meta-Ebene, deren Bedeutung ich nicht bestreiten möchte, sondern ganz konkret und ganz vordergründig. Dieses scheint mir nämlich der erste Schritt zu wahrer Medienkompetenz zu sein: Zu erkennen, was die Protagonisten da eigentlich treiben. Erst dann kann ich auch hinterfragen, warum, mit welchen Motiven und in welchen Zusammenhängen sie handeln.

Lieferbar ist das Buch in zahlreichen

verschiedenen Ausgaben.


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*aus: Diskretion. in: Werke und Briefe: 1929, S. 385. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 6872 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 7, S. 170)
*zitiert nach: Schopenhauer, Arthur: Die Kunst, Recht zu behalten. Dargestellt in achtunddreißig Kunstgriffen. Insel Frankfurt/M. und Leipzig 1995

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (82)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Frédéric Valin: Randgruppenmitglied

Ich mag ja Erzählungen. Auch wenn ich für diese Aussage viel zu wenige lese. Womit meine Absicht, die hierzulande um sich greifende Idiotie, auf alles „Roman“ zu schreiben, weil es sich sonst angeblich nicht verkaufen ließe, wohl bereits trefflich torpediert wäre. Wobei: Für einen Verlag ist ja völlig zweitrangig, ob gelesen wird. Entscheidend ist ja eine ganz andere Handlung des menschlichen Aktionsspektrums. Insofern sei es gern noch einmal wiederholt: Ich mag ja Erzählungen.
Und ich mag sie besonders deshalb, wenn sie, nunja, erzählen. Sie sollen mich nicht läutern, mich nicht belehren, mir nichts vorführen. Eine Erzählung, die mir gefällt, zeigt mir Menschen, Begebenheiten, Dinge – völlig voraussetzungslos. Und ohne mir etwas zu erklären. Ich möchte nur mal kurz zuschauen, hineinsehen in die merkwürdige Welt, die sich mir dort bietet. Vielleicht bringt sie mich auf Gedanken, auf die ich vorher nicht gekommen wäre, vielleicht läßt sie mich träumen, vielleicht auch tatsächlich Dinge meines Lebens und meiner Welt in anderem Licht sehen. Vielleicht berührt sie mich auch einfach nur und ich bleibe in diesem Gefühl zurück.
Deshalb mag ich Erzählungen. Sie sind ein Angebot, ein „Komm mal mit, ich möchte Dir was zeigen.“ – und dann schaut man eben.*
Valins Erzählungen nun sind sehr gute Angebote. Seine Protagonisten sind nicht unbedingt die strahlenden Helden des urbanen Alltags, sie sind keine Kristallisationspunkte blühenden Lebens. Sie stehen eher am Rande, wenn auch an unterschiedlichen Rändern und aus unterschiedlichen Gründen.
Ich bin ja in urbanen Zusammenhängen aufgewachsen, daher kann ich Stellen wie diese immer nur mit einer gewssen Faszination lesen, Provinzkindheit scheint jedenfalls kein leichtes Schcksal gewesen zu sein:

In einer idyllischen süddeutschen Kleinstadt mit spitzen Kirchen und Lateinleistungskursen, mit den ganzen Audis als Zweitwagen, mit Wäldern und Wiesen, mit Kühen auf der Weide und Ochsen im Rathausen, war das anders. Wir waren so sehr Provnz, wir hatten noch nicht einmal Subkultur. Der nächste soziale Brennpunkt war ein Asylbewerberheim in vierzig Kilometer Entfernung, München und Stuttgart hielten wir für Großstädte.

(S. 77)**

Ja, ich weiß, auf der Provinz und süddeutschen Städten mit Geltungsdrang herumzuhacken, ist einfach. Aber ich bin mir sicher, die geneigte Leserschaft assoziierte sofort ein gültiges Bild samt Einwohnerschaft. Was kannn man mehr verlangen? Und es sind immer wieder solche Miniaturen, die mich sehr für diesen Band einnahmen.

Anders wurde es irgendwann in der siebten Klasse. Unser allererste Party. Bei einem Lehrerkind. Sie hieß marie, und wir dachten alle, dass sie Jochen sehr gerne mögen musste, denn ihm hatte sie als allererstem von der Party erzählt, mit hochrotem Kopf zwar, doch immerhin. Okay, nachdem sie ihren Freundinnen davon erzählt hatte. Und nachdem ihre Freundinnen davon die gesamte Stufe in Kenntns gesetzt hatten. Aber immerhin.
Wir waren alle eingeladen und bereiteten uns minitiös auf diese Party, oder, wie manche, die man dann am liebsten wieder ausgeladen hätte, es nannten: auf dieses „Feschdle“.

(S. 81f.)

Doch Valin erzählt keineswegs nur von Schwabenprovinzjugend, und auch davon nicht vorrangig. Seine Protagonisten stehen oft an einer Schwelle, in einem Schwebezustand zwischen „noch nicht“, „nicht mehr“ oder „vielleicht doch“. Zumindest gibt es Anlaß, das eigene Leben und Handeln Revue passieren zu lassen und ins Verhältnis zu setzen zu anderen Leben, die auf anderem Handeln beruhen.
In meiner hiermit spontan zur Lieblingsgeschichte erklärten titelgebenden Erzählung „Randgruppenmitglied“ sinniert der Protagonist über sich, sein Verhältnis zu Frauen und Sexualität im allgemeinen und besonderen nach. Ich zitiere einmal einfach zwei Stellen, als Angebot, als Einladung:

(Am Anfang ihrer Beziehung war das noch anders gewesen; Es hatte ihn genervt, wenn sie fünf Minuten von Ameisen und Kirchen sprach, ohne zum Punkt zu kommen. Jetzt aber freute er sich, wenn er merkte, wie sehr sie sich verhaspelte.)
Sie zu mögen war einfach: Denn sie war launisch und unausgeglichen, aufbrausend und gegenwärtig. Sie hatte Charakter. „Ich finde das gut“, sagte er wieder, „sehr gut.“ Sie war eine Person. Sie war nicht handzahm, sondern eigen. Bei ihr fühlte er sich gebraucht: Wenn er unachtsam war oder abwesend, wurde sie knurrig. Sie forderte ihn: Wenn er nicht ganz bei ihr war, dann drohten Krisen. Er empfand das als Herausforderung.

(S. 100)

Eigentlich, das wusste auch er, war die Zeit der Liebesbriefe mit 16 bereits passé, aber er war auf Grund seiner ungewöhnlichen Lektüre und dem Eindruck, den diese bei ihm hinterlassen hatte, unempfindlich gegenüber solchen Moden; wann Liebesbriefe albern wurden und wann sie angebracht waren, hatte er zu entscheiden, und zwar er allein. Es handelte sich schließlich um seine Leidenschaft.

(S. 112)

Wer die Einladung annehmen möchte, kann das mit Hilfe dieser

lieferbaren Ausgabe

bewerkstelligen.

P.S. Dank Hans Ulrich Gumbrecht hat ja nun endgültig die Sportbegeisterung auch den Status der gehobenen Intellektualität erreicht und sei auf die mehr als nur lesenswerten Spielberichte Frédéric Valins bei Spreeblick hingewiesen. Ganz große Kunst.


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*Ein Roman, zum Beispiel, mit seiner viel komplexeren Form, seinen vielen Erzählsträngen, seinen unterschiedlichen Charakteren, die in nicht immer leicht zu durchschauenden Verbindungen zueinander stehen, ist da ganz anders. Da geht es um ein ganz anderes Leseerlebnis.
**zitiert nach: Frédéric Valin: Randgruppenmitglied. Verbrecher Verlag. Berlin 2010.

Das Buch zum Sonntag (81)

Cover von Prokop: Wer stiehlt schon Unterschenkel?

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Gert Prokop: Wer stiehlt schon Unterschenkel?

Diese Woche gibt es mal wieder etwas entspannende Lektüre, denn die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, läßt Prokop weitgehend unbeantwortet.
Im Mittelpunkt der Erzählungen steht der Privatdetektiv Timothy Truckle, der in den USA der Zukunft lebt. Eine der interessanten Ideen bei Prokops Zukunftsentwurf scheint mir dabei zu sein, daß es der Welt irgendwann einfach mal reicht und sie bereits zu Beginn des 21. Jahrhunderts die USA unter einer riesigen Käseglocke verschwinden läßt. Es gibt also zwei Welten, die isolierten USA und DRAUSSEN. Natürlich spielt bei Prokops dystopischer Zukunftsvision, in der Gods own Country ohne Hilfe von außen gar nicht mehr lebensfähig wäre (was jetzt nicht heißt, daß man sich um sie kümmern würde – man läßt sie halt leben) und sich zudem die Bürger im festen Würgegriff von alleswissenden und alleskontrollierenden Staats- und Wirtschaftsinstitutionen befinden, unbedingt eine bestimmte Weltsicht mit. Und natürlich laufen Science-Fiction-Geschichten immer Gefahr, von der Realität überholt zu werden und damit merkwürdig angestaubt oder gar lächerlich zu wirken. Das gilt sicherlich, soweit wir utopische Literatur als konkrete Prophezeiung auffassen. Doch genauso wenig wie Khan Noonien Singh lächerlich wurde, als klar wurde, daß das mit den eugenischen Kriegen bs 1996 wohl nix mehr werden würde, oder Jules Vernes Mondreise weniger faszinierend, nachdem sich herausstellte, daß Schießbaumwolle wohl nicht der entscheidende Treibstoff würde, wird Timothy Truckle zu einer abwegigen Figur, nur weil sich die Weltpolitik seit 1978 in andere Richtungen entwickelte.
Überhaupt gilt für Science-Fiction ähnliches wie zu einem anderen Genre:

Jeder historische Roman vermittelt ein ausgezeichnetes Bild von der Epoche des Verfassers.

*

Das Verlegen einer Handlung in andere Welten und Zeiten ist ein probates Mittel, Aussagen über die eigene Welt und Zeit zu treffen. Mit dem wunderbaren Vorteil, sich um deren exaktes Abbild keine Gedanken machen zu müssen (daran hätte der Biller mal denken sollen). Aber zurück zum Buch, das den Untertitel „und andere unglaubliche Kriminalgeschichten“ trägt. Kriminalgeschichten behauptet Prokop also zu erzählen. Nun, das ist technisch nicht völlig unzutreffend, Truckle löst tatsächlich Kriminalfälle unterschiedlicher Art (das bringt der Beruf eines Privatdetektivs ja konstitutiv mit sich), andererseits:

„Aber es gibt anscheinend in ganz Chicago auch keinen Patienten, der auf einen zweiundfünfziger Unterschenkel wartet. Zumindest steht niemand auf den Wartelisten der offiziellen Kliniken und der registrierten Ärzte. Vielleicht bei den CAPOs, sollten die keine eigenen Kliniken haben?“
„Die CAPOs!“ Timothy lachte, daß ihm fast die Tasse aus der Hand gefallen wäre. „Was sind Sie doch für ein braver Bürger, Edward! Sie glauben wohl alles, was über Video flimmert? Die CAPOs sind nichts als eine Erfindung cleverer Journalisten und Public-Relations-Manager.“
„Wollen Sie behaupten, der ganze Kampf gegen die CAPOs sein nur -“
„Ein Märchen“, ergänzte Timmothy, „eine hübsche Geschichte für naive Gemüter, damit die etwas zum Gruseln haben und nicht soviel über andere Dinge nachdenken.“
„Und die CASA NOSTRA, die MAFIA?“
„Das war einmal. Im vorigen Jahrhundert. Glauben Sie mir, Edward, es gibt längst keine Unterscheidung mehr zwschen saubern und schmutzigen Unternehmen. Zumal die Ausnutzung der heutigen Gesetze in der Regel mehr Geld einbringt als ihre Verletzung.

(S. 27)**

Ich weiß, völlig absurd. Als ob eine Welt existieren könnte, in der ein Popanz aufgebaut wird, um alle gesellschaftlichen Aktivitäten unter dem Argument der Sicherheit zu kontrollieren. Diese Literaten… kopfschüttel
Unabhängig davon aber, denn wie eingangs erwähnt, empfehle ich Prokop ja nicht, weil er essentiell Neues und Sensationelles zur Großen Frage beizutragen hat***, sondern vorrangig, weil er, ohne platt zu werden, Freude macht. Es steckt eine Menge Phantasie in diesem Band, durchaus mit einem Hang zum Absurden, es werden hier nicht nur Körperteile gestohlen, sondern auch freigewählte Todesarten diskutiert (mit interessanten Optionen) und Identitätsfragen auf diversen Ebenen durchdekliniert. Mhm. Wenn ich es mir recht überlege, stecken vielleicht doch ein paar Antworten oder zumindest ein paar sehr interessante Fragen in den sich harmlos gebärdenden Geschichten.

Derzeit lieferbar ist eine Gesamtausgabe mit dem Fortsetzungsband „Der Samenbankraub“. Die ebook-Ausgabe ist auch einzeln erhältlich.

P.S. Eins noch:

Als Timothy schon im Mausoleum verschwinden wollte, räusperte sich Napoleon. Im Geber lag noch ein Streifen.
+ + aus der anleitung für die bedienung von electronicgehirnen + 12c3 merke: dein computer ist nicht allwissend + n. + + +

(S. 87)

* aus: Schnipsel. in: Werke und Briefe: 1932, S. 209. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8925 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 10, S. 98)
**zitiert nach: Prokop, Gert: Wer stiehlt schon Unterschenkel. Das Neue Berlin. Berlin 2006
***Wobei auch das natürlich eine Frage der eigenen Welterfahrung ist. Ich möchte mitnichten ausschließen, daß sich hier ganz wunderbare Ansätze zum Weiter- und Neudenken finden lassen. Ein reines Plauderbüchlein ist es nun auch wieder nicht.

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (80)

Prolog: Der Editionsplan dieses Blogs sieht eigentlich für Samstag, 22 Uhr die Publikation der Buchempfehlung vor. Davon bin ich derzeit weit entfernt und das wird wahrscheinlich auch noch eine ganze Weile so bleiben. Ich bitte die geneigte Leserschaft, mir dies nachzusehen, doch hat sich in den letzten Wochen einiges ereignet, was zu einer Neubewertung in der ABC-Analyse der diversen Aktivitäten des Schreibers dieser Zeilen führte.

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Franz Schuh: Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche*

Man mag es mir als mangelnden Einfallsreichtum auslegen, daß ich Franz Schuh nach dieser und jener Empfehlung nun bereits zum dritten Mal der geneigten Leserschaft ans Herz lege. Es ist aber eher Groupietum als Mangel an Phantasie. Meiner festen Überzeugung nach kann Franz Schuh gar nicht oft genug empfohlen – und vor allem gelesen werden.
„Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche“ ist das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe, es sind überhaupt die ersten Texte, die ich von ihm las (womit dann wohl auch dem letzten Leser klar sein dürfte, daß es mit meiner intimen Kenntnis des deutschen Feuilletons nicht weit her ist), und zwar nachdem ich ihn 2006 bei der Vorstellung der Nominierten für den Leipziger Buchpreis erlebte. Er wirkte dort auf dem Podium derart mißmutig, daß er schnell meine Aufmerksamkeit auf sich zog und ich erst nachdem er angesprochen wurde, begriff, daß er als Kandidat dort saß und nicht als ein aus nicht näher zu benennenden Gründen dorthin abgeordneter Befehlsempfänger. Doch selbst die Luzidität seiner Antworten ließ den einmal gewonnenen Eindruck erheblichen Widerwillens nicht völlig verfliegen. Es braucht dann der Leser auch nur bis zum dritten Satz zu warten, um auf „Widerwillen“ zu stoßen:

Ja, ich kann es nicht leugnen: Ich habe ein Werk in der Mangel, mein Hauptwerk, das aus lauter Nebensachen besteht. Mein Hauptwerk heißt „Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche“. Es sind Aufzeichnungen, die dem Durcheinander in meinem Kopf entsprechen – sie entsprechen auch meinem Widerwillen gegen die Hauptsachen, die Hauptsachen des Lebens, dieser immerwährenden, glückversprechenden Folter; ich hege den Widerwillen gegen die niederschmetternden Auskünfte der Weltgeschichte, gegen das nicht auszusparende Elend, das aus den lokalen und globalen Überheblichkeiten resultiert.

(S. 5)**

Es gehört einige Kunstfertigkeit dazu, Bilder von Herrn Schuh aufzutreiben, auf denen seine Mundwinkel nicht die zu dieser Textstelle erwartbare Richtung nehmen. Ich sehe mich völlig außer Stande, auf den Punkt zu bringen, was denn nun eigentlich meine Faszination für Franz Schuh ausmacht. Es scheint mir aber seine sehr eigenwillige Mischung aus Absurditäten, Ironie und einer Abneigung gegen die Welt, die ihn auch vor drastischer Wortwahl nicht zurückschrecken läßt, gepaart mit einer intellektuellen Schärfe ganz ohne jegliche erkennbare Missionsidee zu sein, die mich immer wieder mit Vergnügen seine Texte lesen läßt.

Alles käme, sagt jemand gereizt und entschieden (als ob er die Vollmacht hätte) über seinen Vorgesetztem, der offenkundig, aber selbstsicher wie stets, etwas falsch gemacht hat, alles käme von diesem „Pseudowissen“: „Er denkt, weil er es immer so und nicht anders gemacht hat, wird es auch immer so gehen, immer so weitergehen.“ Der Triumph, daß es diesmal nicht gegangen ist, erhält schnell den Anstrich eigener Vorzüglichkeit, und dabei fällt der Satz: „Ich behaupte nur das, was ich weiß.“ Ich will mich da nicht einmischen, mir leuchtet nur sehr grell ein, daß das auftrumpfende Pseudowissen und das risikolose Bescheidwissen einander verdienen.

(S. 297)

Es sind solche Beobachtungen der Merkwürdigkeit menschlicher Verhaltensweisen, die er aufgreift, weiterdenkt und ihrer Attitüde entkleidet, die diesen Band füllen. Schuh scheint mir kein Misanthrop zu sein, auch wenn ich nicht gerade behaupten würde, daß er Menschen mag. Aber er hat einen sehr genauen Blick, mir ist nicht eine Stelle untergekommen, bei der ich nicht hätte zugeben müssen, daß sie trifft. Er beobachtet unverklärt, aber ohne Häme, er analysiert schonungslos, aber ohne Überheblichkeit. Das ist eine hohe Kunst und Franz Schuh beherrscht sie – ich kenne keinen, der es besser kann.

„A little bit of awareness“ heißt es in einem Gedicht von Allen Ginsberg; es ist ein gedicht, um über den Mord an John Lennon zu trauern. A little bit of awareness, also nur eine Spur von geistesgegenwart – schlicht, um zu sehen, was los ist, was geschieht und wer tötet. Das Gegengewicht zur Dumpfheit ist dieses Hängen am Leben, die Wertschätzung des Lebendigen in seinen verschiedenen Ausprägungen, für die man sich interessiert, Sensibilität bewahrt. Der Dumpfe ist gleichgültig, un daraus resultiert, im verwandten Gegensatz zu den harmlosen Formen des Dumpfseins, die Zerstörungskraft der Dumpfheit: Die Welt will der Dumpfe der eigenen inneren Dumpfheit gleichmachen, sie einebnen, also sie zerstören; und hier springt einem zum Schluß eine Übereinstimmung der Gegensätze, eine Solidargemeinschaft ins Auge: Der aufgeladene, hochemotionalisierte Fanatiker und der dumpfe, gefühllose Schläger – sie stehen seit eh und je auf demselben Programm.

(S. 100f.)

Menschen dieser Welt, lest Franz Schuh!
Und damit dem auch kein Mangel an Lektüremöglichkeiten entgegensteht, sei auch heute auf die

lieferbaren Ausgaben

verwiesen.


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*Nein, die Titelauswahl soll keinen Bezug zu aktuellen Debatten herstellen.
**zitiert nach: Schuh, Franz: Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche. Paul Zsolnay Wien. 2006

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (79)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Aldous Huxley: Schöne neue Welt

Utopien sind eine sehr eigene Gattung menschlicher Schaffenskraft. Zum einen entsprechen Utopien dem menschlichen Geist wie kaum etwas anderes, denn in der Suche und dem Streben nach dem Besseren, Vollkommeneren, Perfekten offenbart sich die entscheidende Triebfeder der menschlichen Zivilisation. Zum anderen aber, und für diese These mag der heute empfohlene Roman einen Denkanstoß bieten, gibt es vielleicht nichts furchtbareres als eine wahr gewordene Utopie, eine wirklich und real existierende bessere Welt.

Ein grauer gedrungener Bau, nur vierunddreißig Stockwerke hoch. Über dem Haupteingang die Worte: BRUT- UND NORMZENTRALE BERLIN-DAHLEM. Darunter, auf einer Tafel, der Wahlspruch des Weltstaats: GEMEINSCHAFTLICHKEIT, EINHEITLICHKEIT, BESTÄNDIGKEIT.

(S. 20)*

Die schöne neue Welt erfüllt tatsächlich so einige langgehegte Menscheitsträume: Weltfrieden, lebenslange Gesundheit, Zufriedenheit aller mit sich und der Welt. Durch ein höchst augeklügeltes System wird jedem Menschen schon im Embryonalstadum sein späterer Platz im Gesellschaftssystem zugewiesen. Durch ein nicht weniger effizientes System werden sie im Kindesalter „genormt“, was den Effekt hat, daß sie sehr zufrieden mit ihrer Position sind und nie etwas anderes sein wollen als das, was sie eben sind.

„Hypnopädie ist das beste Mittel zur Stärkung der sittlichen und sozialen Gefühle, das es je gegeben hat.“
Die Studenten vermerken es in ihren Heften. Aus erster Quelle.
Der BUND drehte noch einmal an dem Knopf.
„-weil sie so schrecklich klug sind“, sagte die leise, eindringliche Stimme ohne Unterlaß. „Oh, wie froh bin ich, daß ich ein Beta bin-“
Nicht wie Wassertropfen, wenngleich Wasser Löcher in den härtesten Granit zu höhlen vermag, sondern eher wie Tropfen flüssigen Siegelwachses, die kleben, sich verkrusten und mit dem, worauf sie fallen, verschmelzen, bis der Felsblock ein einziger scharlachroter Klumpen ist.
„Bis schließlich der Geist des Kindes aus lauter solchen Einflüsterungen besteht und die Summe dieser Einflüsterungen den Geist des bildet. Und nicht nur den des Kindes, auch den des Erwachsenen – zeit seines Lebens. Der urteilende, begehrende abwägende Verstand – er ist aus diesen Einflüsterungen aufgebaut. Und alle diese Einflüsterungen sind unsere Einflüsterungen!“

(S. 43f.)

Na, unheimlich? Aber wenn ja, warum? Was ist daran unheimlich? Jedes dieser Kinder wird ein rundum zufriedenes Leben führen, jederzeit mit Freuden arbeiten und ebenso freudig konsumieren, um eines fernen Tages im Alter zwischen 60 und 70, nach einem krankheitsfreien, vitalen Leben zu sterben. Was kann man mehr wollen? Frieden, Gesundheit und Wohlstand für alle. Ist doch super.**
Es ist zu Huxley literarischer Qualität und vor allem zu seinen Motiven beim Schreiben dieses Werkes verschiedenes gesagt worden. Letztlich aber gilt für diese Utopie dasselbe, was für alle Utopien gilt: Ob die nun erstrebenswert sind oder nicht, liegt ganz allein im Auge des Betrachters. Nach meiner ganz persönlichen Sicht aber sollten Utopien lieber nicht Wirklichket werden, denn ihnen allen wohnt ein Absolutheitsanspruch inne, der mir zutiefst widerstrebt. Das liegt natürlich in der Natur der Sache, ein Ideal kennt keine Kompromisse.
Meine sehr wunderbare Englisch-Lehrerin (die ich heute aus durchaus anders gewichteten Motiven schätze als seinerzeit) bemühte sich sehr redlich, uns zu erklären, wie und warum es sich bei diesem Roman um eine Satire handele. Trotz einiger unverkennbarer satirischer Elemente, insbesondere bei der Charakterzeichnung seiner Protagonisten, kann ich mich dieser Einschätzung beim besten Willen nicht anschließen.*** Zumindest heute lese ich hier sehr viel mehr eine nahende Zukunftsvision, die sehr viel schneller und leichter Wirklichkeit werden kann. Eine Welt, in der weder Zensur noch Spionage nötig ist, weil sich jegliches Leben derart öffentlich und mit gegenseitiger sozialer Kontrolle abläuft, daß deviantes Verhalten unmöglich wird, scheint mir gar nicht so abwegig zu sein (nein, ich bin kein Fan der Postprivacy, aber dazu ein ander Mal mehr). Eine Welt, in der unsere einzige Aufgabe ist, bis ins hohe Alter glücklich und gesund zu sein und zu konsumieren – ist die so weit weg? Ist die so unmöglich?
Wie gesagt, ich weiß nicht, welche Motive Huxley bewogen, diese Vision zu entwerfen, es scheint einiges darauf hinzudeuten, daß er se weit weniger abstoßend fand als er späterhin bekundete, aber für mich wäre der Preis, den wir für eine perfekte Welt zahlen müßten, zu hoch (und dies ganz unabhängig davon, daß ich dies gar nicht so empfinden könnte, lebte ich in einer solchen).

„Ich fühle, ich könnte viel Bedeutenderes, Leidenschaftlicheres, Wirkungsvolleres leisten. Aber was? Was gibt es Bedeutungsvolleres zu sagen? Und wie kann man bei unseren herkömmlichen Themen Leidenschaft entwickeln? Worte können Röntgenstrahlen gleichen, wenn man sie richtig anwendet, können alles durchdringen. Man liest und ist durchdrungen. Das versuche ich immer, menen Studenten beizubringen. Wie schreibe ich durchdringen? Aber wozu in aller Welt ist es gut, von einem Artikel über einen Vereinigungschor oder über die neuesten Verbesserungen des Duftorgelbaus durchdrungen zu sein? Können denn überhaupt Worte durchdringend wie die stärksten Röntgenstrahlen sein, wenn man über solche Dinge schreibt? Kann man etwas über nichts sagen? Darauf läuft am Ende alles hinaus. Ich versuche und versuche…“

(S. 81)

Was in der schönen neuen Welt mit Zweiflern geschieht, verrate ich hier mal lieber nicht, auch nicht, warum es überhaupt welche geben kann, denn es soll ja noch Gründe geben, das Buch zu lesen. 😉
Aber eine Stelle möchte ich noch zitieren, weil sie sehr schön illustriert, daß jegliche Weltsicht immer nur eine Frage der Perspektive ist, es eine wahre, für alle gültige schöne und gute, lebenswerte Welt einfach nicht gibt:

Ein Heim, ein trautes Heim: ein paar enge Räume, zum Ersticken vollgepropft mit Bewohnern, als da waren: ein Mann, ein in regelmäßigen Abständen trächtiges Weib, eine Horde Jungen und Mädchen aller Altersstufen. Keine Luft, kein Platz: ein verseuchter Kerker; Finsternis, Krankheit, Gestank.

(S. 51)

„Du darfst wählen, aber du zahlst dafür.“ schließt Huxley sein Vorwort aus dem Jahr 1946. Wir sollten klug wählen.

Wenig Wahl läßt allerdings der deutsche Buchmarkt, der derzeit nur eine

lieferbare Ausgabe

bereithält.


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*zitiert nach: Huxley, Aldous: Schöne neue Welt. übersetzt von Herbert E. Herlitschka. Fischer Taschenbuch Frankfurt/Main. 66. Aufl. 2009
**Douglas Adams wirft im „Anhalter“ übrigens eine ganz ähnliche Frage auf, als er Arthur im Restaurant am Rande des Universums ein Tier treffen läßt, das aufgrund seiner Züchtung nichts lieber möchte als von ihm verspeist zu werden und ihm ganz ungeniert seine besten Teile empfiehlt.
***Und daß obwohl ich meiner hervorragenden Englisch-Lehrerin, die ich heute aus ganz anders gewichteten Motiven hoch schätze, seinerzeit so ziemlich überall hin gefolgt wäre. Im Übrigen konnte man anhand der Eigenart der Herlitschka-Übersetzung, Namen und Orte an Deutschland anzupassen, sehr gut erkennen, wer das Buch tatsächlich auf Englisch gelesen hatte. 😉

Das Buch zum Sonntag (78)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Peter Høeg: Der Plan von der Abschaffung des Dunkels

Das Bildungssystem und seine Rolle in der Gesellschaft samt seinen Auswirkungen für den Einzelnen ist ein großes Thema. Wenn auch durchaus nicht gerade überrepräsentiert in der Literatur. Aber im heute empfohlenen Buch spielt das eine Rolle. Neben einigen anderen Fragen, denen Høeg nachspürt, ist es eben genau das: Wie können und wollen wir Kinder bilden und erziehen und wie gehen wir mit denen um, die sich nicht wie vorgesehen entwickeln? Was sich vor den Augen des Lesers abspielt, ist ein Experiment auf mehreren Ebenen, es ist das des Autor, des lyrischen Ichs und eben auch eines der handelnden Personen.
Ich hatte von Høeg vorher nur Fräulein Smilla gelesen, über die vielleicht auch noch zu reden sein wird, und er war mir als ein Autor in Erinnerung geblieben, der eine Spannungsgeschichte überraschend einfühlsam erzählen kann (der durchaus nicht schlechte Film übrigens enttäuschte mich genau deshalb, was da an Differenzierungen in den Personen fehlt, ist schon erheblich).* Im Plan von der Abschaffung des Dunkels geht es weit weniger dramatisch zu als bei Fräulein Smilla, dafür erleben wir einen sehr genauen, sehr tiefen Einblick in die Seelen von zum Scheitern verurteilten Menschen. Die Protagonisten seines Romanes sind für die sie umgebende Gesellschaft nicht greifbare, nicht fassbare Gestalten, sie funktionieren nicht so, wie das für sie vorgesehen ist. Sie denken anders, sie fühlen anders und sie spüren, daß sie im Konflikt mit dieser Welt stehen. Høeg macht das hier am metaphysischen Konzept der Zeit deutlich. Sein alter ego steht in Konflikt mit der Zeit, der Zeit als solcher. Und damit der Welt an sich, in der er nicht leben kann.

Ich erinnerte mich an zwei Dinge. Jesus hatte von der Zeit gesprochen. Die Leute hatten ihn gefragt, ob er ihnen das ewige Leben versprechen könne, also Freiheit von der Zeit. Darauf hatte er nicht wirklich geantwortet. […] Statt dessen hatte er dem jungen Mann, der ihn danach gefragt hatte, gesagt, was er tun solle, wenn er hier und jetzt zum Leben eingehen wolle. […]
Was soll man tun, wenn man hier und jetzt zum Leben eingehen will? Darauf hatte Jesus geantwortet. Das war das eine, was ich dachte.
Das anderer war: Vielleicht hatte Jesus auch versucht, die Zeit zu berühren, vielleicht war das sein Plan. In seinem Laboratorium, nicht im Stall mit der Krippe, sondern später. hatte er seine Gedanken gesammelt, um den Plan hinter allem zu verstehen. Dann hatte er zu denen, die ihm folgten, gesagt, sie sollten hinausgehen in die Welt und diesen Plan verraten, auch wenn das die natürliche Abneigung der Leute gegen sie erregen würde, so daß sie verfolgt und isoliert würden. Das sollten sie tun, damit alles, was geheim war, bekannt würde. Dann war er hinabgestiegen ins Totenreich.

(S. 138)**

Und auch Høegs Protagonisten wollen wissen, wollen sehen, was hinter allem steckt, welchem Plan, welchem Ablauf ihre Welt, die in diesem Falle eine Internatsschule mit hehrem Ruf ist, folgt. Beeindruckend, wirklich beeindruckend für mich ist seine Art, berührend zu schrieben. Es gibt Szenen in diesem Buch, die ich nur mit Tränen in den Augen lesen kann, weil sie mich so tief rühren. Wer weiß, welche Saiten er da trifft und womöglich läßt sich das nur schwer nachvollziehen und sehr wahrscheinlich hätte ich dieses Buch ganz anders gelesen, wäre ich noch nicht Vater. Doch die Frage, wie das, was wir „für die Kinder“ tun, tatsächlich auf diese wirkt, ist eine kaum zu überschätzende. Um so schlimmer, wenn die Handelnden dann die Fähigkeit verlieren, ihr Handeln zu reflektieren, wenn sie im besten Glauben, das Richtige und Beste zu tun, verheerendes anrichten.
Ich habe jedenfalls selten so intensiv mit den Protagonisten eines Romanes mitgefühlt, mitgelebt, mitgelitten und mitgefiebert wie bei diesem.
Ehe ich nun vollständig in Gefühlsduselei abdrifte, mal noch eine kleine Stelle, die mir bei meinem heldenhaften Kampf für die Abschaffung der Bewertung in den musischen Fächern*** ob ihrer Plastizität sicher nützlich gewesen wäre:

Er zog sie hervor und faltete sie auseinander, es war eine Zeichnung auf einem großen weißen Bogen von der Sorte, die aus dem zeichensaal nicht entfertn werden durften.
Sie war mit Bleistift gemacht. Es gab eine Handlung, zwei Männchen bewegten sich von Bild zu Bild wie in einem Comic. Es war eine Kette von Gewalt.
Auf der Zeichnung waren eine Menge Leute, die erschossen wurden, unter anderem ein Mann und eine in einem Raum, vielleicht war es ein Krankenzimmer, vielleicht ein Klassenraum.
Abgesehen davon, daß es hart war, das anzusehen, war es, so unglaublich das schien, besser als die Wirklichkeit, also war er nicht auf allen Gebieten unfähig.
Er wollte dann wieder weiter die Wände entlang, doch allmählich kamen die Mogadons bei ihm an.
„Ich habe null Sterne gekriegt.“, sagte er.
[…]
„Versuch, den Hintergrund auszufüllen“, sagte ich. „Karin Ærø hält nichts von einem leeren Hintergrund, es darf nicht zuviel weißes Papier zu sehen sein, wenn man fertig ist.“

(S. 52f.)

Wer wissen will, ob der Tipp etwas taugt, möge nachlesen. 😉
Die Zahl der Bildungsromane ist durchaus nicht klein, jedoch genausowenig, wie sich Fräulein Smilla trotz eindeutiger Kriminalhandlung sinnvoll im Krimiregal unterbringen läßt, sperrt sich dieser stille, innige, empathische Roman gegen eine Genreisierung. Mich hat er jedenfalls über weit mehr als über Schule nachdenken lassen. Er geht viel tiefer.

Lieferbar ist das Buch derzeit in

diesen Ausgaben.


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*Ja, der Anteil an männlichen Buchkäufern hielt sich, zumindest meiner Erfahrung nach, sehr in Grenzen. Und wenn kauften sie es fast immer mit dem Ziel, es zu verschenken. Zumindest offiziell. 😉
**zitiert nach: Høeg, Peter: Der Plan von der Abschaffung des Dunkels. Rowohlt Taschenbuch Reinbek. 13. Aufl. 2009
***Zugegeben, andere kämpfen mit 17 für größere Ziele. Aber alle Weltrevolutionsfans, die ich damals traf, erweckten in mir kein großes Vertrauen in einen baldigen Ausbruch eben dieser.

Das Buch zum Sonntag (77)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Nikolai Gogol: Die toten Seelen

Auch wenn ich mich durchaus als souveränen Leser betrachte, bin ich doch manchmal etwas gehemmt, was die Einschätzung von Büchern angeht, die bereits eine lange Rezeptionsgeschichte hinter sich haben. Diese läßt sich ja doch nicht immer so ganz einfach ausblenden. Wenig hilfreich ist da auch der andachtsvolle Umgang mit Literatur „großer“ Schriftsteller sowohl im Feuilleton als auch, was ich gravierender finde, in der Schule.*
Allein die Tatsache, daß es jemand in den zu behandelnden Kanon geschafft hat, macht ihn ja geradezu unangreifbar. Mir fehlen da empirische Untersuchungen, aber ich habe stark den Eindruck, als ob der Standpunkt, „Der Proceß“ sei ein schwaches Buch, im Rahmen des Deutschunterrichts per se ausgeschlossen ist. Und möglicher Weise ist es ja das, dieses verordnete Gutfindenmüssen, das auch durchaus literaturaffine Menschen dazu bringt, bei „großen“ Autoren prinzipiell die Schotten dicht zu machen. Es gibt Menschen in meinem Umfeld, bei denen renne ich seit Jahren gegen diese Wand. Vielleicht ist ja das heutige Werk der eine Stein, dessen Entfernung diese Wand zum Einsturz bringt.
Gogol las ich erstmalig im Zuge meiner Puschkin-Phase. Ganz im Sinne des „Kunden, die Puschkin kauften, kauften auch“-Prinzips, für das es nicht erst die Erfindungen eines AllesVersenders im Internet brauchte, war ich auf der Suche nach ähnlichen Autoren. Wer auch nur wenig über Puschkin liest, wird zwangsläufig auf Gogol gestoßen, denn offenbar scheint es kaum möglich, den einen ohne den anderen zu rezipieren.
Gogol aber schreibt völlig anders als der romantisierende Alexander Sergejewitsch. Seine Charaktere sind weitgehend niederträchtige, gerne auch innerlich zerrissene, mehr oder weniger verschlagene Geschöpfe mit höchst zweifelhaften Motiven. Es steht zu vermuten, daß Gogol keine sehr hohe Meinung von der Welt, insbesondere von Menschen, hatte – sehr genau beobachtet hat er sie jedenfalls. Im Mittelpunkt der „Toten Seelen“ steht Pawel Tschitschikow, den Gogol bei seinem ertsen Auftritt folgendermaßen beschreibt:

Im Wagen saß ein Herr, nicht schön und nicht häßlich, nicht zu dick und nicht zu mager; man konnte ihn nicht alt nennen, indessen sah er auch eben nicht jugendlich aus. Seine Ankunft brachte in der Stadt nicht den geringsten Lärm hervor und war auch von keinem besondern Ereignisse begleitet; nur zwei russische Bauern, die an der Thüre der dem Gasthofe gegenüber liegenden Schenke standen, machte einige Bemerkungen, die sich übrigens mehr auf den Wagen, als auf den in selbem Sitzenden bezogen.

(S. 5)**

Gogol gibt sich viel Mühe, Tschitschikow als in höchstem Grade mittelmäßig darzustellen. Er ist an Unauffälligkeit kaum zu überbieten, möchte aber fragwürdige Geschäfte mit ortsansässigen Gutsbesitzern abschließen. Zu diesem Behufe nun inszeniert er sich aber in der Stadt, versucht sich in die entsprechenden Kreise einzuführen, sich bei den richtigen Personen bekannt und beliebt zu machen, kurz: zu netzwerken.
Großartig ist dabei Gogols feine Ironie, immer wieder geschickt verwebt im Text, aber nichtsdestotrotz wunderbar treffend. Selbst mit dem Abstand von 170 Jahren halte ich Stellen wie diese hier für sehr passend:

Er fand nämlich, daß diese Stadt vor anderen Gouvernementsstädten durchaus nicht zurückstehe; die steinernen Häuser waren eben so grell gelb, die hölzernen eben so dunkelgrau angestrichen, wie überall. Den ein- oder zweistöckigen Häusern fehlten nicht die stereotypen wie Vogelbauer aussehenden Dachstübchen, die nach Ansicht der Gouvernementbaumeister sich wunderhübsch ausnahmen.

(S. 11)

Oder diese:

Er begab sich zuerst zum Gouverneur, der gleich Tschitschikow weder zu dick, noch zu dünn war, den Annaorden auf dem Halse hatte, und wie es hieß, zu einem Sterne vorgstellt war; er war übrigens sehr gutmüthig, und beschäftigte sich sogar dann und wann mit weiblichen Stickereien. Dann begab sich Tschitschikow zum Vicegouverneur, Procuror, Gerichtspräsidenten, Polizeimeister, Branntweinpächter, Aufseher der Kronfabriken….. Schade, daß man sich alle die Gewaltigen der Erde nicht merken kann;

(S. 14)

Ganze Regalböden an Kleinstadt- und Provinzliteratur kann man da getrost ungelesen liegen lassen. Und genau das ist es, was mich diesen Band immer mal wieder zur Hand nehmen läßt. Tschitschikows Idee, zu Geld zu kommen, bleibt etwas unklar ebenso wie die ganze Handlung, was sicher damit zu tun hat, daß Gogol hier ursprünglich eine Trilogie plante, von der nur erste Teil vollständig überliefert ist. Sein Personal aber ist so lebendig, so frisch, so überzeugend beschrieben, daß es immer wieder erhellend ist, Gogol zu lesen. So wie ich mir sicher bin, daß auch hier so einigen in der geneigten Leserschaft Szenen und Personen aus dem eigenen Leben vor Augen kommen:

Alle Gespräche hörten auf, was gewöhnlich bei ernsten Angelegenheiten der Fall ist. Obgleich der Postmeister sehr redselig war, aber wie er die Karten in die Hand nahm, sprach sich in seinen Zügen alsogleich ein bedeutender Ernst aus, er bedeckte die Oberlippe mit der untern und behielt diese Lage während der ganzen Spielzeit bei. Spielte er eine Figur aus, schlug er dabei mit der Hand auf den Tisch und sagte, wenn es eine Dame war: „fort mit der alten Pozinn,“ und wenn es ein König: „da ist der Tambower Bauer!“ Und der Gerichtspräsident antwortete: „Der kriegt was von mir über seinen Schnurrbart!“

(S. 19)

Bei zeitnahen Übersetzungen aus dem Russischen (die hier zitierte erschien nur 4 Jahre nach der russischen Ausgabe) gibt es häufig Probleme, was ihre Qualität, zumindest nach heutigen Maßstäben, angeht. Nicht selten handelt es sich dabei um erhebliche Eigenleistungen des Übersetzers. Möglicherweise las ich also eher Löbenstein, frei nach Gogol, als diesen selbst. Das vermag ich nicht zu beurteilen. Insofern vermag ich auch keine Aussage zu treffen, welche der

lieferbaren Ausgaben

nun genau zu empfehlen sei.

Aber sich für eine davon zu entscheiden, sei die geneigte Leserschaft hiermit aufgefordert.


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*Oder im Studium. Während meiner sehr kurzen Zeit als Germanistik-Student kursierte eine Anektode, deren Pointe darin bestand, daß ein Student in Unkenntnis des Verfassers ein Goethe-Gedicht nach allen Regeln der Kunst durchfallen ließ. Die Quintessenz, an jegliche Literatur mit dem Wahlspruch „Im Zweifel ist es Goethe.“ heranzugehen, finde ich heute weit weniger charmant als ich es damals sah. Denn dieser Grundsatz ist durchaus ambivalent. Der sympathische Punkt daran ist, einem literarischen Werk unabhängig von seinem Verfasser mit Respekt zu begegnen. Gleichzeitig aber bringt er auch zum Ausdruck, daß es anerkannte Unantastbare zu geben scheint. Und dieser Aspekt überwiegt bei mir doch inzwischen.
**zitiert nach: Gogol, Nikolai: Die toten Seelen. übersetzt von Philipp Löbenstein. Diogenes Zürich 1977

Das Buch zum Sonntag (76)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Theodore Dreiser: Eine amerikanische Tragödie

Von Dreiser war hier ja schon vor knapp einem Jahr die Rede. Dies nur, um gelegentlichen Behauptungen der geneigten Leserschaft, in dieser allwöchentlichen Rubrik würde kein Autor mehrfach erwähnt, entschieden entgegenzutreten.*
Die „amerikanische Tragödie“ gilt Leuten, die für solche Einschätzungen zuständig sind, als wichtigstes Werk in Dreisers durchaus umfänglichen Schaffen (eine Eigenart dieser Schriftsteller, die von Hause aus Journalisten sind, deren Ouevre wächst nicht selten in erstaunlicher Geschwindigkeit an) und wohl als eines der wenigen, denen eine Überlebenschance eingeräumt wird.
Und das nicht zu Unrecht. Dreiser gelingt hier eine Tragödie im wahrsten Sinne des Wortes. Clyde Griffiths, Sohn eines Wanderpredigers, treibt eines an: Die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Für die Verwirklcihung dieses Traumes geht er letztlich über Leichen, allerdings, und das macht den Roman höchst interessant, nicht als aktiver Part – irgendwie passieren ihm die verschiedensten Dinge nur, er ist praktisch nie aktiver Part. Und doch ist es immer wieder dieses Geschehenlassen, das die Ereignisse vorantreibt, das eines aufs andere folgen läßt und letztlich seinen Untergang bewirkt. Dreiser forscht dem sehr genau nach, für den einen oder anderen Leser vielleicht zu genau (es bedarf schon eines langen Atems für die ca. 900 Seiten), ergründet die Seelenzustände seines Protagonisten, versucht, verständlich zu machen, warum er sich so und nicht anders verhält. Zumindest bei mir funktionierte das, es ist durchaus möglich, sich mit Clyde zu identifizieren, der ein netter junger Mann ist, vielleicht ein bißchen naiv, vielleicht ein bißchen zu wenig tatkräftig – aber doch niemand, den man rundheraus verabscheuen müsste.

Er überlegte, wie er sich gegen Kansas City verändert hatte. Dort war er so unsicher gegenüber Hortense Briggs und jedem anderen Mädchen gewesen: fast hatte er sich gefürchtet, mit einem von ihnen zu sprechen. Aber hier, und besonders seit er das Stempelzimmer leitete, begann er sich dessen bewußt zu werden, daß er hübscher war als er je gedacht hätte, daß er den Mädchen gefiel und nicht mehr solche Angst vor ihnen hatte. Selbst Robertas Augen hatten ihm heute gezeigt, wie sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Sie war sein, und wenn sie kam, würde er deb Arm um sie legen und sie küssen und sie würde nicht widerstehen können.

S. 393**

Völlig normale Gedanken für einen jungen Mann, der gerade der Pubertät entwächst und zudem das Stempelzimmer einer Kragenfabrik leitet. Wie verderblich für das eigene Weltbild, und vor allem die eigene Rolle in der Welt, die Arbeit als Page eines Luxushotels ist, zeigte Thomas Mann im „Felix Krull“ recht amüsant. Für Clydes Leben gilt ähnliches, die bunte Welt des Reichtums, des luxuriösen Lebens, ist nicht nur sein Leitstern, er fühlt sich diesem Leben auch rechtmäßig zugehörig. Und das wiederum gerät dann durchaus in Konflikt mit der Lebensrealität des Stempelzimmerleiters. Sehr zeitig baut Dreiser denn auch untergründig eine bedrohliche Stimmung auf, die, einem Generalbaß gleich, immer wieder spüren läßt: „Das kann nicht gut gehen.“ Und doch kommt Clyde Griffiths immer wieder durch, so daß die vordergründigen Ereignisse (die Melodie sozusagen, um mal im Bilde zu bleiben) permanent eine Rettung des Helden für mindestens möglich zu halten lassen. Es ist diese Spannung, die Dreisers manchmal etwas weitgehenden Hang zur Psychologisierung überstehen lassen. Es braucht schon das tiefgründige Interesse an einem Charakter und seinen Beweggründen, um den Roman vollständig genießen zu können.
Schließen möchte ich mit einer kurzen Passage, die das eben Geschriebene vielleicht zu verdeutlichen vermag:

Wo es keine besondere Geschicklichkeit gab, mit einer solchen Lage fertig zu werden, mußten entgegengesetzte Ansichten gleich diesen nur noch größere Schwierigkeiten und selbst Verderben hervorrufen, wenn ihnen der Zufall nicht half. Und der Zufall half nicht und Robertas Anwesenheit in der Fabrik war etwas, das Clyde nicht vergessen ließ. Könnte er sie nur dahin bringen, zu kündigen und von hier fortzuziehen, so würde er sie nicht fortwährend sehen und könnte ruhiger nachdenken. Denn solange sie durch ihre bloße Gegenwart fragte, was er zu tun gedachte, war jede Überlegung unmöglich, und das Maß dessen, was ihr nach seiner sonstigen Erwägung gebührt hätte, wurde durch das Ersterben seiner Liebe noch geringer.

(S. 602)

Der geneigten Leserschaft ist meine Schwäche für solche Werke, die dem Scheitern des Einzelnen, der nicht „das Böse“ will und es doch immer wieder erschafft, nachspüren, ja bereits hinlänglich bekannt. Und hier sind wir beim Ausgangspunkt angekommen. „Eine amerikanische Tragödie“ las ich erstmalig im Alter von 12 Jahren*** und die Lektüre hätte kaum nachhaltiger wirken können, beschäftigt mich dieses Thema in verschiedensten Facetten noch heute und prägen gerade diese Erfahrungen massiv meine Einstellung dazu, wie ich Menschen und ihr Handeln bewerte, wenn ich es denn tue. So wird es wohl auch kein Zufall sein, daß es ein Gerichtsprozeß war, der Dreiser den Anstoß gab, diesen Roman zu schreiben. Jedes erneute Lesen der „amerikanischen Tragödie“ ist für mich eine Reise nicht nur in die Seele des unglückseligen Clyde Griffiths, sondern immer auch in die eigene. An jeder Wegescheide, bei jedem Momentum, indem sich Clyde immer tiefer vertrickt, immer weiter in den Sog der Ereignisse gerät, stellt sich die Frage: Und du? Könntest Du handeln oder würdest auch Du der süßen Versuchung des Wartens, des Hoffens, des Glaubens erliegen?

Mit der Lieferbarkeit ist das nun so eine Sache****. Derzeit sieht sich kein deutscher Verlag in der Lage, dieses Werk lieferbar zu halten. Und so bleibt mir denn nichts anderes, als auf die Angebote der Kollegen des Antiquariatsbuchhandels zu verweisen.
So wie

diese

hier.

Problemlos lieferbar ist das Werk freilich im Original.


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*Was nicht heißt, daß ich es mir nicht zu Gute rechne, wenn dieser Effekt eintritt. So viel Selbstverliebtheit muß sein. 😉
**zitiert nach: Dreiser: Eine amerikanische Tragödie. Paul Zsolnay Berlin/Wien/Leipzig 1928.
***Mein Vater muß große Stücke auf meine intellektuellen Fähigkeiten gehalten haben, als er mir in der abklingenden Karl-May-Phase, die sich soeben anschickte in die Alexandre-Dumas-Phase zu wechseln, dieses Werk in die Hand drückte. Und doch: Gerade diese frühe Lektüre eröffnete mir völlig andere Lesewelten, auf die ich selbst so vielleicht nie gestoßen wäre.
****„Eine amerikanische Tragödie“ war damals, als wir „Schwester Carrie“ druckten, das Buch, das ich eigentlich verlegen wollte. Es scheiterte allerdings seinerzeit an einer sehr profanen Tatsache: Es ist schlicht zu umfangreich. Bei der für unser Haus zumutbaren Auflagenhöhe galt es abzuschätzen, wie groß wohl der Markt für dilettantisch gesetzte, kartonierte Nachdrucke uralter Auflagen eines im deutschsprachigen Raum weitgehend vergessenen Autors im Preissegment von 30-35 € (das wäre der Ladenpreis auf den unsere Ausgabe hinausgelaufen wäre, schließlich hätten ja auch noch Lizenzgebühren gezahlt werdenn müssen) wohl ist. Unter Berücksichtigung des reichen Fundus an antiquarischen Ausgaben schätzte ich die Verkaufschancen auf ca. 0, grob aufgerundet.

Das Buch zum Sonntag (75)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Haruki Murakami: Der Elefant verschwindet

Murakami Haruki (村上 春樹 ) gehört zu den Schriftstellern, mit denen die Nobelpreis-Buchmacher bisher ganz gut verdienen konnten. Immer wieder mit dabei, aber gute Chancen, den Preis wieder nicht zu bekommen. Bis zur Philipp-Roth-Ehrenmedaille fehlt allerdings noch ein Stück. Aber er ist ja noch jung. 😉
„Der Elefant verschwindet“ ist eine Erzählungssammlung und wie das bei guten Anthologien so ist, sind die einzelnen Erzählungen durchaus nicht über einen Kamm zu scheren. Und auch wenn Murakami sehr viel „westlicher“ schreibt als andere japanische Autoren, so steht er doch felsenfest in seiner heimatlichen Erzähltradition. Und so gibt es denn auch das eine oder andere Seltsame, Merkwürdige, vielleicht Irreale zu lesen, das aber mit großer Selbstverständlichkeit eingewoben ist. Und auch wenn es Werke von ihm gibt, bei denen das eine stärkere Rolle spielt, ohne Merkwürdigkeiten geht es auch hier nicht. Gerade das macht aber einen großen Teil der Faszination dieser Texte aus, die sehr erstaunliche Geschichten erzählen. Was diese zu bedeuten haben, was uns, um mal aus dem Schatzkästlein des anachronistischen Didaktikfreundes zu zitieren, der Dichter damit wohl sagen wolle, das bleibt erfreulich undeutlich und ist der eigenen Interpretation mitin völlig frei gestellt. Warum ein Elefant samt Pfleger einfach verschwinden können, was es mit Dienstagsfrauen auf sich habe und wieso ein Aufziehvogel dabei eine Rolle spielt und welche Gründe es geben mag, eine Bäckerei zu überfallen und dabei Wagner zu hören – nebst einigen neuen Erkenntnissen zum Untergang des Römischen Reiches läßt sich hier bei Murakami einiges in Erfahrung bringen. Seine große Popularität sollte denn auch die geneigte Leserschaft nicht davon abhalten, ihn zu lesen. Und gerade diese frühen Erzählungen, mit leichter Hand geschrieben (also, das weiß man ja nicht, aber sie wirken zumindest so), sind ein wunderbarer Einstieg in das Werk dieses Erzählers.

Es war kurz vor zwei Uhr nachts. Meine Frau und ich hatten um sechs Uhr ein leichtes Abendessen eingenommen, waren um halb zehn ins Bett gegangen und hatten die Augen zugemacht, waren aber zu der genannten Zeit seltsamerweise gleichzeitig wieder aufgewacht. Mit der Macht des Wirbelwindes, der im „Zauberer von Oz“ vorkommt, überfiel uns kurz darauf der Hunger. Ein gewaltiger, geradezu unfair zu nennender Hunger.
Unser Kühlschrank enthielt allerdings nichts, was den Namen „Lebensmittel“ verdient hätte. Was wir fanden, waren French dressing, sechs Dosen Bier, zwei schrumplige Zwiebeln, Butter und einen Beutel Geruchsfrei. Wir waren erst zwei Wochen verheiratet und hatten noch keine gemeinschaftliche Vorstellung davon entwickelt, was Essen sei. Damals gab es noch einen Haufen anderer Dinge, die wir entwickeln mußten.

(S. 58)*

Was mir bei Murakami neben diesem höchst angenehmen Erzählstil immer wieder Freude macht, ist seine Art, sehr gerne Erzählstränge parallel laufen zu lassen. Freilich ist das in Romanen sehr viel ausgeprägter möglich, in seinen Erzählungen kommt es aber auch immer wieder vor, daß eine Handlung mal eben unterbrochen wird, um noch mal kurz etwas einzuschieben, daß selbstverständlich etwas mit der Erzählung und ihren Personen zu tun hat, aber gerne mal zu einer ganz anderen Zeit, an einem anderen ort und vielleicht auch mal mit anderen Personen spielt. Simple, linear erzählte „Und dann…“-Geschichten gibt es hier nicht.
Und das ist auch gut so.

Ich wünsche der geneigten Leserschaft ein großes Lesevergnügen mit einer der

lieferbaren Ausgaben.

Und weil es einfach zu schön ist, hier mal noch das Ereignis, nach der das deutsche Feuilleton-Publikum die Frage „Haruki wer?“ nur noch um den Preis der Abendempfangseinsamkeit stellen konnte:


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*zitiert nach: Murakami, Haruki: Der Elefant verschwindet. Berliner Taschenbuch Verlag. Berlin. Sonderausgabe 2003

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (74)

Prolog: Zu meinen Vorsätzen für das neue Jahr gehörte die Idee, das Buch zum Sonntag wieder pünktlich zu liefern, in den letzten Wochen schlich sich da doch der Schlendrian ein. Wie es sich für gute Vorsätze gehört, war bereits am 01. Januar abends nichts mehr davon übrig (da wäre die Buchempfehlung ja fällig gewesen).
Daher also ein weiteres Mal reichlich verspätet empfehle ich der geneigten Leserschaft für die gestern begonnene Woche zur Lektüre:

Beowulf

Wie ich bei meinen bisherigen kurzen Erwähnungen bereits andeutete, las ich den „Beowulf“ bereits sehr zeitig. Ich muß so ungefähr 10 jahre alt gewesen und es war mein erstes Epos, das ich nicht in einer nacherzählten Fassung las. Mit nachhaltiger Wirkung. Die damalige Ausgabe habe ich noch immer und sie gehört zu den Büchern, bei denen es mir nicht nur auf den Inhalt ankommt. Das Exemplar ist mir eines der liebsten in der nicht ganz kleinen Bibliothek, die ich hier mein Eigen nenne (und die 12 Abbildungen alter Buchmalereien haben mein ästhetisches Empfinden nicht unerheblich beeinflußt – denn man bedenke: Mir hatten ja nüscht).
Doch genug der Nostalgie, ein paar Worte zum Werk.
Beowulf ist wie viele weitere Epen, insbesondere des frühen Mittelalters, kulturell hybrid. Es geht um die Verknüpfung alter germanischer Erzähltraditionen mit dem Fuß fassenden oder etablierten Christentum und seinen Traditionen und Vorstellungen. „Beowulf“ steht dabei sehr weit am Anfang (es ist fast ein halbes Jahrtausend jünger als das Nibelungenlied) und es ist nicht nur sprachlich bei weitem noch nicht so ausgefeilt wie es spätere Werke wie das Rolandlied oder Wolframs Parzival sind.
Aber: Es ist dadurch durchaus leichter lesbar. Und: Es ist ein großer Spaß, also zumindest für alle, die etwas für Heroen übrig haben. Interessanter Weise spielt das altenglische Nationalepos nicht in England, es hat noch nicht einmal irgendetwas mit England zu tun. Schauplatz ist Dänemark, der große Held Beowulf stammt aus Gotland. Aber gut, das deutsche Nationalepos spielt in Burgund und das französische in Spanien – insofern…
Ein echter Held, insbesondere ein echter germanischer Held (und Beowulf ist das in Reinkultur) bedarf zur Initiation unbedingt ein zu erlegendes Monster. Ohne totes Monster ist man kein echter Held, bestenfalls Kandidat. Und Beowulf hat sich ein durchaus stattliches Exemplar ausgesucht:

Es wurde der grimme Geist Grendel geheißen,
Der gräßliche Markgänger, der die begrenzdenden Moore beherrschte,
Das Fenn und die Feste im Sumpf. Der freudlose Mann
Bewohnte das Reich des Riesengeschlechts seit geraumer Zeit,
Nachdem ihn der Schöpfer schonungslos verdammt hatte
Mit dem Stamm Kains. Es strafte den Mord
Der ewige Herr, weil jener Abel erschlug.
Nicht erfreute sich Kain der Fehde, denn Gott verfemte ihn weit weg,
Der Allmächtige, von der Menschheit wegen dieses maßlosen Verbrechens.

(V. 102-110)*

Ein Riese also. Nun, es müssen ja nicht immer gleich Drachen sein. So ein Riese ist für den Anfang ja auch ganz hübsch. Zumal, wenn er Menschen verspeist und ein Kainsmal trägt. Für die theologisch geschulten in der geneigten Leserschaft mag die oben zitierte Passage ein Schlaglicht auf das frühe Verständnis der Schrift in den frisch christianisierten Gebieten werfen. Natürlich kann Beowulf nicht anders, als sofort loszureisen, um Grendel den Garaus zu machen, ein echter Held braucht keine Einladung. Er wird dort freilich höchst willkommen geheißen, leidet der Dänenkönig doch nun schon 12 Jahre unter den Gräueltaten Grendels, da ist ein südschwedischer Heißsporn mit der Kraft von 30 Männern gern gesehener Gast. Freilich ruft so etwas Neider auf den Plan und so konfrontiert beim Gelage ein Gefolgsmann des Dänenkönigs unseren Held mit der Geschichte eines verlorenen Schwimmwettkampfes gegen einen gewissen Breca, dies zum Anlaß nehmend, ihn vor einem Kampf mit Grendel zu warnen, der unweigerlich schlimmer ausgehen werde als dieses Wettschwimmen. Was wiederum Beowulf für einen geeigneten Anlaß hält, eine ausführliche Gegendarstellung zu bieten, die folgendermaßen endet:

Schließlich war es mir beschieden, daß ich mit dem Schwert erschlug
Neun Wasserungeheuer. Niemals erfuhr ich
Von einem härteren Kampf unter des Himmels Gewölbe,
Noch von einem elenderen Mann auf einsamen Meer.
Doch vom Fanggriff der Feinde entfernte ich mich lebend,
Ermattet von dem Unternehmen. Das Meer trug mich dann,
Die Flut mit der Strömung, zu den Finnlappen ans Land,
Die wogenden Wellen. Wahrlich, über dich habe ich noch nie
Von solchen Seekämpfen je sagen hören,
Von solchem Schrecken der Schwerter. Schließlich hat Breca niemals,
Ja, keiner von euch, im Kampfe bisher
Solche tapferen Taten vollbracht
Mit blankem Schwert – ich brüste mich damit nicht -,

(V. 574-586))

Nein, natürlich nicht. Das ist eine ganz bescheidene, zurückhaltende Zusammenfassung. Mitnichten also kam Beowulf später an und wenn überhaupt, dann nur, weil er eben nebenbei mal eben noch neun Meeresungeheuer zersäbeln musste. Zugegeben, sowas kann dauern.
Beowulf ist schon sehr heldisch. Gegen ihn wirkt ein Siegfried geradezu von Selbstzweifeln zerfressen. Zum einen habe ich ja bekanntermaßen eine Schwäche für solche Figuren, zum anderen aber entwickelt sich Beowulf durchaus auch weiter. Natürlich wird er weiterhin ein riesiger Held sein, dem keine Aufgabe zu groß ist und natürlich wird auch er noch gegen einen Drachen kämpfen (das muß schon sein), aber seine Persönlichkeit wird in den folgenden 2500 Versen durchaus komplexer. Genauso wie die Struktur der Handlungsstränge, ihre Verknüpfung über weite Passagen hinweg, manchmal nur mit kleinen Einschüben vorangebracht, sich weit über das vielleicht erwartete „Und dann… und dann…“-Chronologieschema erhebt.
Ich möchte aber noch einmal kurz zeigen, wie nur mühsam kaschiert im „Beowulf“ die alten Erzähltraditionen werden. Der Dichter scheint ernstlich bemüht zu sein, seiner Erzählung christlichen Anstrich zu geben, aber, nun ja, wie sagt man? Er übt noch. So wirkt dieses Bemühen manches Mal etwas hölzern, eher wie der Versuch von jemandem, die Zensurbehörde auszutricksen, in dem er ein paar Stichworte verwendet, ansonsten aber eine subversive Schrift verfaßt. Grendel pflegt nachts und hinterrücks zuzuschlagen, was Beowulf sehr farblich und aufs schärfste als niederträchtig und eines wahren Kämpfers nicht würdig bezeichnet, weshalb er sich ihm ohne Waffe entgegenzustellen wünscht und:

„[…]Der weise Gott möge dann,
Der heilige Herr, einem der beiden Handkämpfer
Den Ruhm zuerkennen, wie es ihm recht dünkt.“

(V. 685-687)

Dies im Gedächtnis nun aus der Kampfszene:

Sie wollten das Leben ihres geliebten Landesgebieters schützen,
Des berühmten Kriegsherren, so gut sie konnten.
Sie wußten noch nicht, als sie die Waffen führten,
Die hartbeherzten Heldenkrieger,
Und von allen Seiten auf ihn einzuhauen gedachten,
Um seine Seele auszulöschen: diesem sündhaften Schädiger
Konnte überall auf Erden kein noch so ausgezeichnetes Eisen,
Keines der Schlachtschwerter, einen Schaden zufügen,
Denn verwunschen hatte er die Waffen alle,

(V. 796-804)

Der geübte christliche Mythenschreiber hätte hier unmöglich die Oberlehrerpose verlassen können und vollumfänglich auf die göttliche Vorhersehung hingewiesen, die Beowulf auf seine Waffe zu verzichten gehieß. Unabhängig davon, daß er ja wohl kaum von alleine auf diese Idee hätte kommen können. Selbständig denken, soweit kommt´s noch. Womit wir übrigens bei einem entscheidenden Punkt sind, warum mir die alten Heldenepen sehr viel lieber sind als die unzähligen Heiligenlegenden: Die hier handeln noch. Sie irren manchmal, sie begehen nicht selten grauenhafte Fehler, sie sind nicht selten laut und ungehobelt, manchmal sind auch sie eine Spur zu perfekt – aber sie sind wenigstens nicht fremdgesteuert. 😉

Leider sind meine Kenntnisse zur Güte der Übersetzungen höchst beschränkt, es möge also ein jeder selbst seine Auswahl unter den lieferbaren Ausgaben treffen. [Für die ich einen Link nachliefere, sobald ich einen Weg gefunden habe, ein anständiges Suchergebnis in einen Permalink zu verwandeln. *hmpf*]


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*zitiert nach: Beowulf. Ein altenglisches Heldenepos. übertragen und herausgegeben von Martin Lehnert. Insel Leipzig 1988.

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (73)

Prolog: Ich betrachte es mal als gutes Zeichen, daß ich zu Weihnachten andere Dinge zu tun hatte als mich im Blog herumzutreiben. 😉
Daher also ein weiteres Mal die Buchempfehlung erst am Montag. Aber ist ja auch irgendwie ein Wochenanfang. Und eines ist sicher: Dieses Jahr war das die letzte Verspätung.*

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Heusen/Mikus/Michel: Das geheime Leben der Bücher vor dem Erscheinen.

Über die mittelmäßig Verrückten beim Verlag Hermann Schmidt Mainz schrieb ich hier gelegentlich schon. Dieses hier ist ein wunderbares Beispiel und sehr gut geeignet, den diesjährigen Reigen an Buchempfehlungen zu beenden, weil es das Medium als solches in den Mittelpunkt stellt. Und so wenig ich für die Beurteilung von Texten das Medium, mit dem diese transportiert werden, für relevant halte: So ein Buch, des isch scho schee**.
Offiziell wurde das Buch für Kinder und junge Jugendliche geschrieben („ab 8“, sagt der Verlag) und natürlich können diese das auch mit Genuß und Gewinn lesen. Aber vielleicht ist es ja auch ein Trick, um die noch immer latente Ablehnung des deutschen Buchpublikums gegenüber bildhaften Erklärungen zu überwinden. So nach dem Motto: Ist nicht für mich, das ist für mein/e [passende Verwandschaftsbezeichnung].
Wer wirklich wissen möchte, wie ein Buch entsteht (und da gibt es eine Menge zu lernen), dem sei dringend zu diesem großartigen Werk geraten. Das beginnt schon beim Umschlag – Ich sage nur: thermosensitives Cover(leider nur für Facebook-Nutzer).

***

Ich möchte einmal aus der Warnung des Verlages zitieren, die bereits zu Beginn des Buches erscheint, nachdem der geneigte Lesende bereits erfahren hat, was ein Vorsatz ist und was unter einem Schmutztitel zu verstehen sei:

Achtung, Achtung, hier spricht der Verlag:
„Dieses Buch könnte dein Leben verändern!“
Deshalb überlege bitte genau, ob du weiterblättern willst.
Du könntest anfangen, Milchtüten zu lesen. […] Du wirst schon nach ein paar Seiten mehr über Bücher wissen als deine Eltern. […] Du wirst möglicherweise überhaupt ein wenig komisch werden.

(S. 2f.)***

Kurz: Hier sind Enthusiasten am Werk und sie sind auf Mission. Ich kann mir kaum vorstellen, daß sich jemand der Faszination dieses Bandes zu entziehen vermag. Nicht nur, daß hier locker das Konversationswissen für das Jahrgangstreffen einer beliebigen Seckbach-Klasse steckt (bereits vor Beginn des ersten Kapitels dürfte die Behauptung zum überlegenen Nachwuchswissen erfüllt sein) – man spürt auf jeder Seite die Liebe zum Detail, die Begeisterung für die Schönheit handwerklicher Arbeit. Denn auch im Zeitalter der weitgehenden Automatisierung, des DTP und des Digitaldrucks, der Buchautomaten – ein gutes, ein schönes Buch, das ist immer noch feinste Handwerkskunst. Die Werkzeuge mögen sich geändert haben, zugegeben. Aber wer hier einmal gelesen hat, worin die Arbeit eines Typografen besteht (bzw. bestehen kann), wird so manche preiswerte Klassiker-Ausgabe künftig mit anderen Augen sehen (und dies im wahrsten Sinne des Wortes).
Die geneigten Lesenden verfolgen die Autorin und ihre kleine, zarte Idee, vom Reifen zur Geschichte, von der ersten Idee bis zum fertigen Buch, jeder Schritt wird locker, nicht selten amüsant, vor allem aber: liebevoll genau verfolgt. Wer wissen und verstehen möchte, warum es Menschen gibt, denen ein eReader selbst bei liebevollstem Design ein Graus ist, warum es Menschen gibt, die ein Antiquariat mit leuchtenden Augen betreten und Bücher betrachten, deren Inhalt ihnen nahezu egal ist, die aber das Buch und seine Geschichte, die Liebe und die Arbeit, die es brauchte, es herzustellen, spüren und fühlen wollen, die in Ehrfurcht vor einer Inkunabel mindestens innerlich in die Knie zu gehen wünschen, Menschen, die schließlich und endlich zu schätzen wissen, wenn ein Buch spüren läßt, daß es hergestellt wurde, um in die Hand genommen, betrachtet und gelesen zu werden – und eben nicht nur, um einen Käufer zu finden -, nun, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Und allen anderen auch.
Oder kurz:

Jugend dieser Welt: Lest dieses Buch.

Und drückt es anschließend euren Eltern in die Hand. Von mir aus auch umgekehrt.
Hauptsache, ihr kauft die

lieferbare Ausgabe.;)

Wer im Übrigen von meinem flammenden Plädoyer noch immer nicht überzeugt sein sollte, kann beim Verlag selbst noch einmal schauen. Oder natürlich in einer guten Buchhandlung, so wie dieser hier.


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*Ja, ich habe eine unsägliche Schwäche für Jahresendwitze. Und da seid mal froh, daß wir wir nicht 1999 schreiben. 😉
**Die eventeuell mitlesenden Dialektkundigen mögen mich korrigieren, sollte mein Ohr da falsches vernommen haben. Ich habe nämlich außerdem noch eine unsägliche Schwäche für Wendungen aus Dialekten, die ich gar nicht beherrsche. Diese Ansammlung an sch-Lauten finde ich jedenfalls sehr reizend.
***Eigentlich bräuchte ich hier gar nicht weiterschreiben. Denn: Hallo? Thermosensitives Cover! Aber es soll ja Menschen geben, die sowas gar nicht beeindruckt. *kopfschüttel*
****zitiert nach: Heussen et.al.: Das geheime Leben der Bücher vor dem Erscheinen. Verlag Hermann Schmidt. Mainz 2010

Das Buch zum Sonntag (72)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Cicero: Gespräche in Tusculum

Trotz LateinLK kam ich das erste Mal mit den Tusculanae disputationes in deutscher Sprache und noch dazu im Theater in Berührung. Das nt in Halle führte seinerzeit eine Bühnenfassung auf, mit dem von mir verehrten Siegfried Voß als Cicero, wenn ich das recht memoriere. Wobei „Bühnenfassung“ vielleicht etwas hochtrabend klingt, denn genau genommen wurden eben einige Dialoge vorgetragen.
Der Dialog ist das typische Stilmittel der antiken Philosophie.

Und zwar gingen wir so vor, daß zuerst der, der etwas zu vernehmen wünschte, seine Meinung sagte und ich dann dagegen sprach. Denn dies ist, wie Du weißt, die alte sokratische Form, gegen die Meinung eines anderen zu diskutieren. Auf diese Weise, glaubte Sokrates, könne am leichtesten gefunden werden, was der Wahrheit am nächsten komme. Aber damit unsere Diksussionen bequemer lesbar seien, werde ich sie lieber in dramatischer als in erzählender Form berichten.

(Buch 1, 8 / S. 58)*

Bedenkt man, welches Ende das Leben des Sokrates nahm, ist es erstaunlich, wie sehr sich dessen Methode der Wahrheitsfindung durchzusetzen vermochte. Denn die Welt zeigte den Freunden der Wahrheit doch recht deutlich, wie wenig sie letztlich an eben dieser interessiert ist, zumindest sobald sie unbequem wird. Was ich einmal kurz zu einem Exkurs nutzen möchte, um in Anschluß an meinen Lateinlehrer mal eine Lanze für die im Nachruhm ja doch arg gebeutelte Xanthippe zu brechen. Schließlich pflegte das klassische Athen ja durchaus das Rollenmodell der schwäbischen Hausfrau**, was man nun schön finden kann oder auch nicht. Das Funktionieren eben dieses Lebensentwurfs setzt aber einen Mann voraus, der einer gewinnbringenden Tätigkeit nachgeht, auf die Haushaltskasse ausreichend gefüllt sei. Den ganzen Tag auf em Marktplatz Athener Mitbürgern aufzuzeigen, wie oberflächlich und irrig sie ihr Leben führen mag nun zwar im Dienste der Wahrheit stehen und insofern gewinnbringend sein, bringt aber zum einen nicht sonderlich viele Geldstücke ein und macht zum anderen die Geschäftsbeziehungen der Frau des Hauses durchaus problematisch, von den Auswirkungen aufs soziale Netzwerk gar nicht erst zu reden. Die gute Xanthippe hatte also durchaus Anlaß zur Klage.
Die griechischen Philosophen und ihre Überlegungen stehen durchaus im Mittelpunkt der Tusculanischen Studien, Cicero zitiert hier umfänglichst. Neben einem wunderbaren Überblick über die griechische Philosophie erhält man hier durchaus auch einen Einblick in römisches Denken, auch wenn sich das nicht immer sauber differenzieren läßt. Freude macht dabei vor allem Ciceros überragendes stilistisches Talent, weshalb den dazu fähigen in der geneigten Leserschaft auch unbedingt das lateinische Original empfohlen sei. Aber auch in der Übersetzung ist das spürbar. Sicherlich gibt es leichtere Lektüren, aber noch immer bleiben die Überlegungen der klassichen Antike zu vielen Fragen der menschlichen Existenz bedenkenswert. Und sie sind kaum besser aufbereitet als beim alten Egomanen Marc. T.

A: Ich habe es ja getan und sogar öfters; solange ich es lese, bin ich überzeugt, aber sobald ich das Buch beiseite gelegt habe und ich für mich allein über die Unsterblichkeit der Seele nachzudenken anfange, entgleitet mir irgendwie jene ganze Überzeugung.
B: Wieso? Gibst Du zu, daß die Seelen entweder nach dem Tode weiterleben oder im Tode selbst zugrundegehen?
B(sic!): Gewiß.
B: Und wenn sie weiterleben?
A: So gestehe ich zu, daß sie glückselig sind.
B: Wenn sie aber untergehen?
A: Daß sie nicht unselig sind, weil sie dann ja überhaupt nicht existieren. Dies zuzugeben hast Du mich schon kurz zuvor gezwungen.
B: Wie und warum kannst Du dann behaupten, daß der Tod Dir als ein Unglück erscheine? Da er uns doch entweder glückselig macht, wenn die Seelen weiterexistieren, oder jedenfalls nicht unglücklich, wenn wir keine Empfindungen mehr haben.

(1, 24-25 / S. 67)***

Ich habe ja eine Schwäche für literarische Selbstdarsteller und es scheint mir kein unzulässiger Spoiler zu sein, darauf hinzuweisen, daß die Rededuelle nie zu Gunsten von Ciceros Kontrahenten ausgehen. Seine Gesprächspartner haben stets die Ehre, scheinbar gute oder gültige Behauptungen von sich zu geben, die dann Stück für Stück und geradezu genüßlich seziert und widerlegt werden. Wie im obigen Beispiel, das einige Absätze vorher mit der simplen Aussage „Der Tod scheint mir ein Übel zu sein.“ begann. Das mag vielleicht nicht jedem liegen, ich aber finde das immer wieder höchst amüsant. Da sitzt also eine Runde durchaus nicht armer römischer Bürger (also wahrscheinlicher Weise liegen sie) beisammen, konsumiert guten Rotwein (es ist zwar keine Weinliste überliefert und der Johnson schweigt sich zu diesen Jahrgängen auch aus, aber es würde mich doch sehr wundern, wenn sie das antike Äquivalent zum AldiTetrapakWein genossen) und denkt darüber nach, wie die Welt wohl beschaffen sei und wie ein gutes Leben zu führen sei. Und Cicero, Retter der Republik, also letztlich ja mindestens der Welt, erklärt ihnen wohlformuliert und allwissend, wie sehr sie auf dem Holzweg sind. Da haben die anderen bestimmt gedacht: „Na, wie gut, daß wir den Marcus Tullius haben.“
So ähnlich dachten sie ja schon im Senat, als sie Cicero in die Wüste schickten, was ja überhaupt erst der Anlaß war, der diesem die Gelegenheit zu seinen Studien gab. Bei Cicero klingt das natürlich anders:

Als ich mich endlich von meiner Arbeit als Verteidiger vor Gericht und von den Pflichten als Senator ganz oder doch zum großen Teil befreit sah, da kehrte ich – vor allem auf Deine Mahnung hin, Brutus – zu jenen Studien zurück, die ich im Geiste zwar festgehalten, unter dem Zwang der Umstände aber zurückgestellt hatte und die während langer Zeit liegen geblieben waren.

(1, 1 / S. 55)

Die Trauben waren wohl arg sauer.
Von vielen griechischen Philosophen und ihren Gedanken wissen wir heute nur durch Ciceros Vermittlung, weil die Originalschriften verloren gegangen sind. Ein Gutteil der griechischen Philosophie wird also auf ewig mit dem Namen Marcus Tullius Cicero verbunden bleiben. Gloria aeterna, gegen die er wohl nichts einzuwenden hätte.

Und so sei zum Abschluß noch auf die

lieferbaren Ausgaben

verwiesen.


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*zitiert nach: Cicero: Gespräche in Tusculum. übersetzt von Olof Gigon. Bibliothek der Antike. dtv München 1991
**Was von Frau Merkel wohl außerhalb dieser Metapher bleiben wird?
***Diese Stelle gehört übrigens immer noch zum Beispiel, daß Cicero wählte, um seine Methode zu illustrieren, die er im ersten Zitat vorstellte. 😉

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (71)

Prolog: Was auch immer über Landluft erzählt wird, zumindest mich Großstadtbewohner macht sie müde. Liegt wahrscheinlich am vielen Sauerstoff. Jedenfalls nach einem wunderbaren Adventswochenende bei lieben Freunden, die, öhm, landschaftlich sehr reizvoll wohnen, komme ich erst heute zur Buchempfehlung.

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Hermann Hesse: Siddhartha

Kunden zu klassifizieren ist ein beliebter Zeitvertreib, natürlich auch im Buchhandel, der demnach selbstverständlich seine eigenen Sinus-Milieus hat. Eine Kategorie jedoch wird man dort vergeblich suchen, auch wenn ich sicher bin, daß zumindest die Kolleginnen und Kollegen aus der Branche sofort ein Bild vor Augen haben: Empfindsame junge Damen in der Hesse-Phase. Für diese ist Siddhartha natürlich Pflichtlektüre. Allerdings bin ich tatsächlich der Meinung, daß es sich auch für andere Zielgruppen lohnt, dieses Büchlein zu lesen.
Denn die Faszination, die Hesses „indische Dichtung“ auf empfindsame junge Damen ausübt, ist durchaus nachvollziehbar. Er schreibt in Nachahmung alter Mythenerzählungen mit einer beeindruckenden poetischen Kraft, die ihn davor bewahrt, an der Gratwanderung zum Kitsch zu scheitern. Es geht ein gewisser Sog von seiner Erzählung aus, die mich immer bewog, weiterzulesen. Und daß, obwohl klar ist, wie das Endziel des Ewigsuchenden, als der Siddharta hier porträtiert wird, aussehen wird – eine Problematik, der jede Literatur, die sich an mehr oder weniger historischen Personen und Begebenheiten orientiert, unterliegt. Können zeigt sich dann also in der Ausformung des Wie, in der Gestaltung der Personen. Und Hesses Siddharta ist überaus gelungen. Gerade das jugendliche Sehnen und Suchen nach anderen Regeln, anderen Werten als denen der Altvorderen, das Streben nach Höherem oder doch zumindest Neuem, das fängt Hesse sehr gut ein.

Die Waschungen waren gut, aber sie waren Wasser, sie wuschen nicht Sünde ab, sie heilten nicht Geistesdurst, sie lösten nicht Herzensangst. Vortrefflich waren die Opfer und die Anrufungen der Götter – aber war dies alles? Gaben die Opfer Glück? Und wie war das mit den Göttern? War es wirklich Prajapati, er die Welt erschaffen hat? War es nicht Atman, Er, der Einzige, der All-Eine? Waren nicht die Götter Gestaltungen, erschaffen wie ich und du, der Zeit untertan, vergänglich? War es also gut, war es richtig, war es ein sinnvolles und höchstes Tun, den Göttern zu opfern? […] Ach, und niemand zeigte diesen Weg, niemand wußte ihn, nicht der Vater, nicht die Lehrer und Weisen, nicht die heiligen Opfergesänge!

(S. 11)*

Hier haben wir denn die Grundthemen, die sich durch das ganze Werk ziehen werden, schon angedeutet: Das Suchen nach dem Großen, Einen, Ganzen, nach der Erlösung, dem Aufgehen in der Welt, dem Loslösen und ganz Aufgehobensein – und die Frage, wer dies und wenn ja, wie erreichen könnte. Gibt es dafür eine Lehre, eine Regel? Sind die Regeln, die wir haben, die Götter, die wir anbeten, nicht nur ein Vehikel, das uns hilft, dieses Leben zu überstehen, weil der wahre Weg viel zu beschwerlich, zu weit, zu unerreichbar ist?
Sehr schön illustriert dies auch folgender kurzer Dialog, einer der wenigen Stellen, die mich zu einem Schmunzeln bewegten:

Unterwegs sagte Govinda: „O Siddharta, du hast bei den Samanas mehr gelernt, als ich wußte. Es ist schwer, es ist sehr schwer, einen alten Samana zu bezaubern. Wahrlich, wärest du dort geblieben, du hättest bald gelernt, auf dem Wasser zu gehen.“
„Ich begehre nicht, auf dem Wasser zu gehen“, sagte Siddharta. „Mögen alte Samanas mit solchen Künsten sich zufriedengeben.“

(S. 26)

Der geneigte Leser folgt Siddhartas Weg zur Erlösung mit allen Höhen und Tiefen, mit seinen Irrungen, seinen Seitenwegen und Abzweigen – und derer sind es einige. Und natürlich muß er zunächst soweit wie nur irgend denkbar vom Wege abkommen, ehe er die gesuchte Erlösung finden wird. Und, dieser Seitenhieb sei mir noch gestattet, es ist kein Wunder, daß die Geschichte eines jungen Mannes, der aus einem gehobenen Haushalt stammt, der sich um seinen Lebensunterhalt nie Gedanken machten mußte, der nichts anderes an Künsten vorzuweisen hat als Warten, Denken und Fasten und dessen einzige Sorge also darin besteht, sich selbst zu finden (und beziehungsweise, sich selbst loszuwerden, um im buddhistischen Sinne im großen ganzen Einen aufzugehen), eine ganz bestimmte Klientel besonders anspricht.

Nichtsdestotrotz: Wäre mir unmittelbar nach Beendigung der Lektüre ein Buddhist begegnet – gut möglich, daß ich heute in orangefarbenem Gewand nach dem Om suchen würde. Dieses Buch ist im wahrsten Sinne schön. Es ist ein Buch zum Versinken, zum Treibenlassen. Man kann darin eintauchen und geht erfrischt daraus hervor.
Oder, wie es der Hausheilige formulierte:

Hermann Hesse hat, fern vom Problematischen, immer gut gespielt: seine naturalistischen Schilderungen sind fast unübertroffen, kräftig im Ton, bunt in
der Farbe, sauber, voll Blut und Luft und Atmosphäre . . .

**

Suhrkamp bemüht sich redlich um Hesse, und so ist denn die Zahl

der lieferbaren Ausgaben

beträchtlich.

P.S. Im Übrigen behaupte ich, daß dieses schmale Büchlein einen ganz hervorragenden Einblick in buddhistische Denkweisen bietet. Wofür gelehrte Abhandlungen recht umfangreiche Lektüre erfordern, erschließt sich hier auf nur wenigen und zudem sehr viel leichter zu lesenden Seiten. Aber ich bin kein Religionswissenschaftler und beim besten Willen kein Buddhismus-Experte, ich mag mich da also auch irren. 😉


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*zitiert nach: Hesse, Hermann: Siddharta. Eine indische Dichtung. Suhrkamp Frankfurt/Main 2007. ISBN: 978-3-518-45853-2

**aus: Der deutsche Mensch. in: Werke und Briefe: 1927, S. 645. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 5367 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 5, S. 295) (c)Rowohlt Verlag

Das Buch zum Sonntag (70)

Prolog: Wie die ganz wunderbare @missmarple76 formulierte, war bei mir heute „Intra-familiärer Kleinstbackwerkerzeugungssonntag“. Zudem hatte die Traumtochter™ einen nachmittäglichen Chor-Auftritt und sich der Faszination eines Weihnachtsmarktes im Dunkeln zu entziehen, kann von Kindern im präpubertären Alter schlicht nicht verlangt werden. Gestern Abend war ich viel zu müde (Stichworte: Buch = wunderbares und wertiges WeihnachtsGeschenk >> Buchhandel >> Adventssamstag). So viel dazu. Nun zur Sache.

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft:

Victor Klemperer: LTI

Bedenkt man, daß schon Humboldt meinte, mit dem Erlernen einer neuen Sprache lerne man eine ganze Kultur, ist es sehr erstaunlich, wie lange es bis zum liguistic turn dauerte. Das hat zwar nichts mit dem heutigen Buch zu tun, aber ich wollte das schon immer mal sagen und ehe ich jetzt noch anderthalb Jahre auf einen günstigen Moment warte, bringe ich das lieber mal heute an.
Wobei es in einem Punkt dann doch etwas mit Klemperers „Notizbuch eines Philologen“ zu tun hat: Dem genauen Blick auf die Sprache, um zu verstehen, was geschieht.
Klemperer schaut sehr genau hin. Welche Wrter, welche Wendungen offiziell und alltäglich verwendet werden, wie sich der Gebauch und der Wortschatz ändert und kommt dabei zu sehr aufschlußreichen Beobachtungen.

Was nach außen das Gesicht eines unschuldigen Friedensspiels zur Erhaltung der Volksgesundheit zu wahren hat, muß tatsächlich eine Vorbereitung zum Kriege sein und auch im Bewußtsein des Volkes als etwas derart Ernstes geschätzt werden. Es gibt jetzt eine Hochschule für Sport, ein Sportaakademiker ist jedem anderen Akademiker mindestens gleichgestellt – in den Augen des Führers ihm sicherlich überlegen. Die Aktualität dieser Wertschätzung dokumentiert sich um die Mitte der dreißiger Jahre in der Benennung von Zigaretten und Zigarillos und wird durch sie gefördert: man raucht „Sportstudent“ und „Wehrsport“ und „Sportbanner“ und „Sportnixe“.

(S. 295)*

Es fällt mir schwer, bei Klemperer nur kurz zu zitieren. Zu stringent sind seine Ausführungen, zu sehr widerstrebt es, etwas davon wegzulassen. Seine Überlegungen sind sehr scharfsinnig, sehr genau und mit einer bemerkenswerten Distanz geschrieben, die mich bei der Erstlektüre durchaus überraschte. Denn Klemperer hätte nun wahrlich jeden Grund wohl auch jedes Recht gehabt, ein wütendes Pamphlet zu schreiben. Dies ist vielleicht eine der größten Stärken dieses Buches, daß es keineswegs unbewegt oder unberührt aus sicherer Entfernung entstand, sondern auf unmittelbarem Erleben, auf tätiger und täglicher Beobachtung beruht. Und doch ist, bei aller akademischen Faszination, derer sich der Philologe keineswegs entziehen kann (die wahrscheinlich sogar notwendig ist, um überhaupt so genau beobachten zu können, es bedarf dafür ja einer gewissen Sensibilität für Worte, Sprache und deren Gebrauch) und die eine merkwürdige Ambivalenz erzeugt, der Impuls, der ihn bewog, dieses Buch zu veröffentlichen, ist immer sichtbar:

Wie viele Begriffe und Gefühle hat sie geschändet und vergiftet! Am sogenannten Abendgymnasium der Dresdner Volkshochschule und in den Diskussionen, die der Kulturbund mit der Freien Deutschen Jugend veranstaltete, ist mir oft und oft aufgefallen, wie die jungen Leute in aller Unschuld und bei aufrichtigem Bemühen, die Lücken und Irrtümer ihrer vernachlässigten Bildung auszufüllen, am Gedankengut des Nazismus festhalten. Sie wissen es gar nicht; der beibehaltene Sprachgebrauch der abgelaufenen Epoche verwirrt und verführt sie.

(S. 10)

Es geht um die Demaskierung der Sprache, um das Dahinterschauen, das Nachdenken darüber, welche Denkweise hinter einem bestimmten Sprachgebrauch steckt. Denn Worte werden nie zufälli8g gewählt. Sie sind immer Ausdruck einer Weltsicht. Und wenn denn Klemperer einmal der Furor packt, dann beim plumpen Heroismus, den er als ganz wesentliches Merkmal nazistischer Denkweise sieht.

Ich nenne derartiges einen komischen Rückfall; denn da der Nationalsozialismus auf Fanatismus gegründet ist und mit allen Mitteln die Erziehung zum Fanatismus betreibt, so ist fanatisch während der gesamten Ära des Dritten Reiches ein superlativisch anerkennendes Beiwort gewesen. Es bedeutet die Übersteigerung der Begriffe tapfer, hingebungsvoll, beharrlich, genauer: eine glorios verschmelzende Gesamtaussage all dieser Tugenden, und selbst der leiseste pejorative Nebensinn fiel im üblichen LTI-Gebrauch des Wortes fort. An Festtagen, an Hitlers Geburtstag etwa oder am Tag der Machtübernahme, gab es keinen zeitungsartikel, keinen Glückwunsch, keinen Aufruf an irgendeinen Truppenteil oder irgendeine Organisation, die nicht ein „fanatisches Gelöbnis“ oder „fanatisches Bekenntnis“ enthielten, die nicht den „fanatischen Glauben“ an die ewige Dauer des Hitlerreiches bezeugten.

(S. 80f.)

Was man nun so Furor nennen kann. Diese Stelle kam nicht zuletzt deshalb in die Auswahl, weil sie zeigt, wie ungemein gut lesbar Klemperer ist. Es ist ja manches Mal erstaunlich, wie schlecht manche Philologen mit der Sprache umzugehen vermögen. Dieser hier kann es ganz hervorragend. Ich bin davon überzeugt, daß dieser schmale Band n Regalmeter historischer Literatur zu ersetzen vermag. Weniger, weil die Historiker unnütze Arbeit verrichten, ganz im Gegenteil, mögen sie nur alles, so exakt wie es ihnen ihre Wissenschaft erlaubt, erforschen, prüfen und nachweisen. Wer aber verstehen will, wie und warum im Dritten Reich gedacht wurde, der möge Klemperer lesen.
Wer das nicht möchte, möge bitte trotzdem Klemperer lesen. Denn eines kann LTI auf jeden Fall ganz hervorragend vermitteln: Sensibilität für den Gebrauch von Sprache. Sensibilität dafür, was wir alltäglich so hören, hin- und übernehmen. Welche Schlagworte wir uns von wem vorkauen lassen. Wie wir gesellschaftliche Gruppen bezeichnen. LTI ist über seinen ursprünglichen und unmittelbaren Aufklärungszweck hinaus vor allen Dingen ein Plädoyer dafür, selbst zu denken. Und zwar mit aller Konsequenz. Das macht das Leben sicher nicht einfacher, aber es hilft, sich die Sicht auf die Welt nicht verkleistern zu lassen und so in eine (Denk-)Richtung zu geraten, in die man gar nicht wollte.
Kaum etwas könnte in diesen hysterischen Zeiten wichtiger sein als das Nachprüfen dessen, was da eigentlich wie und von wem erzählt wird.

Beim Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben

sei erwähnt, daß diese hier die wohl künftig maßgebende, weil korrigierte und verbesserte Edition ist.


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*zitiert nach: Klemperer: LTI. Reclam Leipzig. 16. Auflage 1996

Das Buch zum Sonntag (69)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Kurt Tucholsky: Schloß Gripsholm. Eine Sommergeschichte

Tucholsky gilt gemeinhin, und das nicht zu Unrecht, als Meister der kleinen Form. Merkwürdigerweise hat das hierzulande, wo man eine geradezu kultische Verehrung für den Roman hegt, tatsächlich einen pejorativen Anklang. Zumindest die Hochkritik akzeptiert einen Schriftsteller ja erst, wenn er endlich einen von ihr akzeptierten Roman vorlegt (hier sei exemplarisch an das seinerzeitige sehnsuchtsvolle Warten des Feuilletons auf den „großen Roman“ von Judith Hermann erinnert, nachdem man ihre Erzählungen himmelhoch lobte – und dabei offenbar die Möglichkeit, daß dies genau das zu ihr und ihrem Erzählstill passende Genre sein könnte, nicht ernsthaft in Betracht zog). Mir erscheint das etwas mekrwürdig, aber in einer eigenartigen Interaktion zwischen meinungsbildenden Kritikern, verlegerischen Verkaufserwartungen und Konsumentenverhalten entstand nun die Merkwürdigkeit, daß auf nahezu jedem erzählerischen Werk „Roman“ steht – völlig unabhängig davon, ob das nun zutrifft oder nicht.
Ich bin kein Literaturwissenschaftler, ob Schloß Gripsholm also zu Recht als Roman firmiert oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen (ich sage mal: Nö.) Es ist aber zumindest der längste zusammenhängende Text, den Tucholsky publizierte. Und ist für mich auch eher eine Sammlung exzellenter, wunderbarer Miniaturen, die durch eine Rahmenhandlung zusammengehalten werden, als ein Roman.
Es geht schon ganz wunderbar los mit einem (fiktiven) Briefwechsel zwischen Rowohlt und Tucholsky, aus dem ich nur eine kleine Stelle zitieren möchte, nicht zuletzt, weil ich sie selbst immer wieder gerne verwende:

Die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können. Sie glauben gar nicht, wie das fehlt. Ich denke an eine kleine Geschichte, nicht zu umfangreich, etwa 15-16 Bogen, zart im Gefühl, kartoniert, leicht ironisch und mit einem bunten Umschlag.

(S. 150)*

So denken Verleger. 😉
Was nun folgt, ist eine kleine Geschichte, nicht zu umfangreich, zart im Gefühl, leicht ironisch – und nicht selten tatsächlich kartoniert mit buntem Umschlag. Der Lesende darf teilhaben an den Urlaubsabenteuern des Erzählers mit seiner Freundin Lydia, die einen mehrwöchigen Urlaub in Schweden verbringen.
Lydia („die Prinzessin“) gehört nun zu meinen liebsten literarischen Frauenfiguren. Stets gradeaus und vorneweg, forsch, aber nicht gefühllos, bestimmend, aber irgendwie auch zum Knuddeln.

„Frau Kremser hat gesagt“, begann Lydia, „ich soll mir meinen Pelz mitnehmen und viele warme Mäntel – denn in Schweden gibt es überhaupt keinen Sommer, hat Frau Kremser gesagt. Da wäre immer Winter. Ische woll nich möchlich!“ Frau Kremser war die Haushälterin der Prinzessin, Stubenmädchen, Reinmachefrau und Großsiegelbewahrerin. Gegen mich hatte sie noch immer, nach so langer Zeit, ein leise schnüffelndes Mißtrauen – die Frau hatte einen guten Instinkt. „Sag mal … ist es wirklich so kalt da oben?“
„Es ist doch merkwürdig“, sagte ich. „Wenn die Leute in Deutschland an Schweden denken, dann denken sie: Schwedenpunsch, furchtbar kalt, Ivar Kreuger, Zündhölzer, furchtbar kalt, blonde Frauen und furchtbar kalt. So kalt ist es gar nicht.“ – „Also wie kalt ist es denn?“ – „Alle Frauen sind pedantisch“, sagte ich. „Außer dir!“ sagte Lydia. – „Ich bin keine Frau.“ – „Aber pedantisch!“ – „Erlaube mal“, sagte ich, „hier liegt ein logischer Fehler vor. Es ist genauestens zu unterscheiden, ob pro primo …“
„Gib mal ´n Kuß auf Lydia!“ sagte die Dame. Ich tat es, und der Chauffeur nuckelte leicht mit dem Kopf, denn seine Scheibe vorn spiegelte. Und dann hielt das Auto da, wo alle bessern Geschichten anfangen: am Bahnhof.

(S. 153)

Die Sommergeschichte plätschert sodann vor sich hin. Die beiden betreiben allerlei Blödsinn, vergnügen sich nach Verliebtenart und es kommt auch durchaus zu dramatischen Entwicklungen, die zu einer guten Tat anregen. Das alles wird aber immer wieder unterbrochen von scharfsinigen Beobachtungen und melancholisch anmutenden Betrachtungen über die Welt, die Liebe und die Freundschaft.

Sich auf jemanden verlassen können! Einmal mit jemand zusammen sein, der einen nicht mißtrauisch von der Seite ansieht, wenn irgend ein Wort fällt, das vielleicht die als Berufsinteressen verkleidete Eitelkeit verletzen könnte, einer, der nicht jede Minute bereit ist, das Visier herunterzulassen und anzutreten auf Tod und Leben … ach, darauf treten die Leute gar nicht an – sie zanken sich schon um eine Mark fünfzig … um einen alten Hut … um Klatsch … Zwei Männer kenne ich auf der Welt; wenn ich bei denen nachts anklopfte und sagte: Herrschaften, so und so … ich muß nach Amerika – was nun? Sie würden mir helfen. Zwei – einer davon war Karlchen. Freundschaft, das ist wie Heimat. Darüber wurde nie gesprochen, und leichte Anwandlungen von Gefühl wurden, wenn nicht ernste Nachtgespräche stattfanden, in einem kalten Guß bunter Schimpfwörter erstickt. Es war sehr schön.

(S. 197f.)

Für diejenigen in der geneigten Leserschaft, die für die Entwicklung eines Autors ein Faible haben, sei empfohlen, Rheinsberg und anschließend Schloß Gripsholm zu lesen. Wo der 22jährige noch ein wahrhaft unbeschwertes (Rheinsberg ist vielleicht der einzige Prosatext Tucholskys, den ich als rundherum „unbeschwert“ bezeichnen würde) Bild eines verliebten jungen Paares zeichnet und sich diese naive Verliebtheit auch im Sprachstil ausdrückt, kann man in Schloß Gripsholm einen Autor genießen, der gereift ist, der auch ein wenig desillusioniert ist, der vor allem aber über eine breite Palette an sprachlichen Möglichkeiten verfügt. Und: Der einen untrüglichen, scharfen Blick besitzt. Wer dem Protagonisten folgt, wird einen Menschen erkennen, der doch bei allem Theater, das er um seine Person veranstaltet, sich doch nur wünscht, aus seiner Einsamkeit gelöst zu werden. Inwieweit nicht nur für Peter Panter, sondern auch für dessen Schöpfer gilt, mögen die Biographen beurteilen.
Ich möchte noch schließen mit einer versteckten Liebeserklärung ans Norddeutsche, an die ich immer wieder denken muß, wenn ich hier unten im Süden Menschen von „da oben“ begegne – und die einer der Gründe ist, warum ich durch Lübeck immer mit einem versonnnen Lächeln laufe:

Da stand sie schon mit den Koffern vor ihrem Haus – „Hallo!“ „Du bischa all do?“ sagte die Prinzessin – zur grenzenlosen Verwunderung des Taxichauffeurs, der dieses für ostchinesisch hielt. Es war aber missingsch.
Missingsch ist das, was herauskommt, wenn ein Plattdeutscher hochdeutsch sprechen will. Er krabbelt auf der glatt gebohnerten Treppe der deutschen Grammatik empor und rutscht alle Nase lang wieder in sein geliebtes Platt zurück. Lydia stammte aus Rostock, und sie beherrschte dieses Idiom in der Vollendung. Es ist kein bäurisches Platt – es ist viel feiner. Das Hochdeutsch darin nimmt sich aus wie Hohn und Karikatur; es ist, wie wenn ein Bauer in Frack und Zylinder aufs Feld ginge und so ackerte. Der Zylinder ischa en finen statschen haut, över wen dor nich mit grot worn is, denn rutscht hei ümmer werrer aff, dat deit he … Und dann ist da im Platt der ganze Humor dieser Norddeutschen; ihr gutmütiger Spott, wenn es einer gar zu toll teibt, ihr fest zupackender Spaß, wenn sie falschen Glanz wittern, und sie wittern ihn, unfehlbar …

(S. 152)

Gerade beim Hausheiligen kann ich natürlich unmöglich den Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben

auslassen.


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*zitiert nach: Tucholsky, Kurt: Texte 1931 (=Gesamtausgabe. Texte und Briefe, Band 14), Rowohlt. Reinbek 1998

Das Buch zum Sonntag (68)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Thomas Lang: Bodenlos

Mein Beruf bringt es mit sich, daß ich weit seltener von anderen auf Bücher hingewiesen werde als umgekehrt. Zudem stellt sich im Laufe der Jahre durchaus eine geiwsse Sättigung ein. So habe ich beispielsweise schon sehr lange kein Fantasy-Buch mehr zur Hand genommen, weil mir der Reiz, ein- und dieselbe Geschichte nun noch einmal mit anderen Namen und Orten zu lesen, abhanden gekommen ist (ja, ich weiß, es gibt Ausnahmen – es soll ja sogar Fantasy-Autoren geben, die keine Zyklen schreiben).*
Mit einiger Skepsis also nahm ich mich des Buches von Thomas Lang an. Denn im Rückentext tauchte die böse Phrase auf, er erzähle von einer Jugend in den achtziger Jahren. Das Buchhändlergehirn assoziiert da sofort sehr Ungutes.
Was ich dann aber las, belehrte mich eines Besseren und vor allem, auch den Rest des Rückentextes zur Kenntnis zu nehmen. Denn ja, hier geht es um eine Jugend in den achtziger Jahren in einem Kaff bei Köln, dessen größte Attraktion der nahegelegene Militärstützpunkt ist. Und gleichzeitig auch wieder nicht. Thomas Lang erzählt hier sehr dicht, sehr empathisch, sehr fein komponiert eine Jugend, wie sie so wohl nur zu dieser Zeit an diesem Ort sein konnte – und sie gleichzeitig doch überall sonst und irgendwann in den letzten drei Jahrzehnten hätte sein können.
Lang erzählt hier keine Geschichte, der Plot des Romanes ließe sich problemlos in wenigen Sätzen zusammenfassen. Aber er erzählt von der Lebens- und Gedankenwelt eines 18jährigen auf der Suche nach sich, seinem Platz in der Welt und einem Lebensmodell, daß zu seinem unbestimmten Rebellionswillen paßt. Es mag bei der geneigten Leserschaft nun die Frage aufkeimen, was an einem Buch, in dem kaum etwas passiert und das von den immer wieder ähnlichen Problem Spätpubertierender erzählt, lesenswert sein soll.
Zunächst einmal begeht Lang nicht den Fehler, den Generationenbücher begehen (und damit wären wir schon beim entscheidenden Grund, warum dieses nur scheinbar eines ist): Er vermeidet jegliches vereinnahmendes „Wir“, es gibt kein Zustimmung heischendes Namedropping und keine augenzwinkernden Referenzen an die seinerzeitige Popkultur. Außerdem arbeitet er mit einer erstaunlichen Stilsicherheit, die sich auch in einer sehr feinsinnig eingesetzten Vielfalt von Erzähltechniken ausdrückt. Mir ging es jedenfalls so, daß ich nie wußte, was als nächstes kommen würde. Da gibt es Perspektivwechsel, Umkehrungen der Chronologie oder Zeitsprünge. Aber: Alles sehr unaufdringlich. Hier will uns niemand zeigen, was er alles gelesen hat oder was er alles kann, sondern es steht einzig und allein die Erzählung im Vordergrund. Das ist denn auch die große Stärke des Buches: Lang erzählt einfach. Er wertet nicht, er missioniert nicht, er erklärt nicht, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber er hat sehr genau beobachtet.

Im Arbeitszimmer seines Vaters gab es eine Reihe der Hundert größten Erzähler oder etwas in der Art. Die Bände wirkten unbenutzt. Nie nahm Jan einen von ihnen in die Hand, er konnte sich nicht einmal erinnern, je auf ihren Rücken die Namen der darin vertretenen Schriftsteller gelesen zu haben. Die Bücher kamen ihm nicht anders vor als die zahlreichen Kakteen, Gummibäume und sonstigen Topfpflanzen, die das Haus zuwucherten und die er nicht benennen konnte.
Die Namen der richtigen und wichtigen Autoren erlauschte Jan in Gesprächen auf dem Pausenhof. Er lief in die kleine Füchtener Buchhandlung und durchsuchte die Drehständer mit Taschenbüchern oder blätterte lange und sinnlos in den ausliegenden Wälzern der Großhändler. Immer fand er etwas. Da seine Augen nur nach Namen suchten, denen er schon einmal begegnet war, erschien ihm das Reich der Literatur nicht so unfassbar groß. Er hielt es für durchaus denkbar, irgendwann alles gelesen zu haben.

(S. 38f.)**

Ein paar wenige Sätze, einige Bilder und doch hat man sofort einen jungen Mann und sein Verhältnis zu den Eltern vor Augen. Vielleicht noch ein Beispiel:

Der Borgen kam Jan fremd vor. Es hatte sich nicht viel geändert hier, aber die Leute waren andere, neue Schüler, die auf die leer gewordenen Stühle vorgerückt waren wie sie die in die nächste Stufe aufrücken und einen neuen Abijahrgang bilden würden. Wie Jan und sein Jahrgang würden sie in quälender Langsamkeit ans Ende des Fließbands geschoben und von dort in ein Wännchen fallen – fertig zum Abstransport, all ihr neuen Glieder der Gesellschaft.

(S. 409f.)

Es gibt noch eine Stelle, die mich grübeln ließ. Neben all den gewöhnlichen und nicht ganz so gewöhnlichen Problemen und Krisen, die Jan Bodenlos in diesem Roman durchlebt und die keineswegs spezifisch für eine bestimmte Generation sind, gibt es doch eine ganz grundsätzliche Haltung, für die mir eine gewisse gesellschaftliche Situation unumgänglich ist und die somit vielleicht typisch ist, wenn auch in meinen Augen nicht unbedingt nur für Achtziger, so doch für die Jugend in einer Gesellschaft, die unbedingten Fortschritt, das Motiv des „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben.“ nicht mehr braucht. Denn wieviel besser sollen es die Kinder denn noch haben? Drei Autos? Zwei Häuser? Noch eine Spülmaschine? Und das macht dann jugendliches Leiden an der Welt etwas eigenartig.

Nirgends etwas Schnes, dachte er, nirgends Aussicht etwas zu verstehen, keine Hoffnung nicht immer allem ausgeliefert zu sein. Die Idee, dass sein Rätseln ein Ausdruck von Überfluss sein könnte, die eingebildete Qual eines Menschen, der mehrere Optionen hat, kam ihm nicht. Bis zu einem gewissen Grad hing er an seinem Unglück.

(S. 446)

Zum Abschluß sei noch eine Szene zitiert, die sehr viel mit mir und meiner Lesebiographie zu tun hat. Ich habe in ungefähr dem selben Alter wie Jan Bodenlos die beiden französischen Existentialisten Camus und Sartre gelesen und übrigens aus ganz ähnlichen Motiven („Die richtigen und wichtigen Autoren…“). Wobei, es kam bei mir noch hinzu, daß ich eine Biographie über Camus sah, in der ein unheimlich cooler Typ in schwarzem Mantel, mit Sonnenbrille und lässiger Fluppe im Mund abgebildet war. Sowas kann einen Philosophen sehr interessant machen. 😉
Was das für verheerende Auswirkungen haben kann, zeigt sich in einer wunderbaren Szene. Wir befinden uns in einem Zeltlager der Abiturienten, eine junge Dame mit unverhohlenem Interesse an Jan unterhält sich mit ihm über die Notwendigkeit politischen Protestes gegen Atomkraftwerke und Raketenstützpunkte. Und was macht er? Er wendet seine erworbenen Erkenntnisse an:

„Philosophisch gesehen macht es keinen Unterschied, ob wir draufgehen oder nicht.“
„Du meinst, es ist dir egal?“
„Rational betrachtet macht es keinen Unterschied. Wenn die menschliche Existenz durch nichts gerechtfertigt ist, dann ist sie auch gleichgültig. Demnach macht es keinen Unterschied, ob die Welt besteht, oder ob sie durch Umweltzerstrung, Krieg oder fehlende Nachkommenschaft erlischt.“
Tina sah ihn schweigend an; ihr Blick wurde von Satz zu Satz glanzloser, ohne dass Jan es bemerkt hätte.
„Du machst mich unheimlich traurig“, erwiderte sie schließlich.
„Warum leben wir denn? Vielleicht nur, um ewig eine Antwort auf genau diese Frage zu suchen.“ Jan ahnte allmählich, welchen Fehler er beging.

(S. 427)

Sehr romantisch, nicht wahr? Sollten junge Menschen mitlesen: Die Belanglosigkeit der menschlichen Existenz ist kein geeignetes Flirtthema. Dann lieber bedeutungsvoll schweigen. 😉

Käuflich zu erwerben ist das Buch in dieser

lieferbaren Ausgabe.

So, aber ehe hier endgültig Schluß für heute ist, noch ein Schmankerl für die Freunde der unaufdringlichen Intertextualität:

Jan lag vor seinem Zelt auf der neu gekauften Isomatte und las ein bisschen Sartre. Nur ab und zu verscheuchte er die Fliegen.

(S. 419)


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*ich wäre kein guter Literatur-Kritiker. Nach wenigen Jahren hätte ich ein derartiges Stadium von Ungnädigkeit erreicht, daß es kaum noch möglich wäre, meinen Ansprüchen gerecht zu werden.
**aus: Lang, Thomas: Bodenlos. oder Ein gelbes Mädchen läuft rückwärts. C.H. Beck München 2010

Das Buch zum Sonntag (67)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Das Nibelungenlied

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von helden lobebæren, von grôzer arebeit,
von fröuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten muget ir nu wunder hœren sagen.

Ich weiß, es ist nicht besonders originell, einen Text über das Nibelungenlied mit diesen Worten zu eröffnen.* Doch ich finde diese vier Zeilen einfach wunderbar. Genau genommen bräuchte man nun kein weiteres Wort über dieses Epos verlieren. Es ist alles gesagt. Hier wird exakt das geliefert, was diese Ankündigung verspricht. Über einen Mangel an berühmten Helden, großer Mühsal, an Freuden, Festen, Tränen, Klagen und gar tapferer Männer Kämpfe kann sich ein Leser des Nibelungenliedes nun wahrlich nicht beklagen.
Ich bin mir sehr sicher, keiner der Verfechter der angeblichen christlichen Leitkultur würde das Nibelungenlied nicht als Bestandteil eben dieser sehen. Auch wenn freilich dieses große Epos von „Liebt eure Feinde“ (Mt. 5,44) und „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ (Mt. 6,12) so weit entfernt ist wie nur irgend möglich. Überhaupt gehört das Nibelungenlied zu den bedauernswerten Werken der Literaturgeschichte, bei denen inzwischen die Rezeptionsgeschichte das Werk selbst überlagert. Oder anders: Ein unbelastetes, vorurteilfsfreies Lesen ist nahezu unmöglich geworden. Das aber ist schade und ich kann nur empfehlen, es zumindest zu versuchen. Wie sehr viele Heldenlieder dieser Zeit ist auch das Nibelungenlied Ausdruck eines hybriden Weltbildes. Es gibt dafür weitaus stärkere Beispiele („Parzival“ oder, ganz großes Kino: „Beowulf“, aber dazu ein anderes Mal), doch auch im Nibelungenlied läßt sich noch sehr schön sehen, wie hier versucht wird, eine Jahrhunderte alte Traditionslinie in ein neues Weltverständnis zu implementieren. Und so können Drachen und Tarnkappen sehr einträchtig neben Kriemhilds Gewissensbissen stehen, ob sie denn nun wohl einen Heiden heiraten könne.

Si sprach ze Rüedegêre: „het ich daz vernomen,
daz er niht wære ein heiden, sô wold´ ich gerne komen,
swar er hete willen, und næm´ in z´einem man.“
dô sprach der marcgrâve: „die rede sult ir, vrouwe, lân.

Er hât sô vil der recken in kristenlîcher ê,
daz iu bî dem künige nimmer wirdet wê.
waz ob ir daz verdienet, daz er tóufet sînen lîp?
des muget ir gerne werden des künic Étzélen wîp.“

(B1261-62)**

In der Übersetzung von Siegfried Grosse liest sich dann so (für diejenigen in der geneigten Leserschaft, deren Mittelhochdeutsch gerade etwas schwächelt. 😉 ):

Sie sagte zu Rüdiger: Wüßte ich nur, daß er kein Heide
wäre, so würde ich gern überall, wohin er wünschte, kommen
und ihn zum Gemahl nehmen.“ Der Markgraf antwortete:
„Das sollt Ihr nicht sagen, Herrin.

Es dienen ihm so viele Männer christlichen Glaubens,
daß Euch in der Nähe des Königs niemals Heimweh überkom-
men wird. Vielleicht auch erreicht Ihr, daß er sich taufen läßt?
Deshalb könnt Ihr gern die Frau des Königs Etzel werden.“

(S. 381)***

Es ist diese bemerkenswerte Mischung aus einzig emotional begründeten Zielen und den umständlich-perfiden, aber stets eiskalt durchdachten Methoden, mit denen sich die Protagonisten gegenseitig auslöschen, die mich am Nibelungenlied reizt. Und der, zumindest für den modernen Leser, geradezu naive Sprachstil, in dem hier von Ungeheuerlichkeiten berichtet wird. Auch wenn es dabei freilich zu bedenken gilt, daß die Lieder ja zum mündlichen Vortrag gedacht waren, komplexe Satzgebilde mithin genretypisch ausbleiben – der Reiz dieser Diskrepanz sich also wirklich erst dem modernen Leser öffnet: Er ist eben da. Und natürlich rezipiere ich diese großartige Untergangssaga ganz anders als dies jemand vor 800 Jahren getan hätte.
Welcher Autor auch immer hinter dem Nibelungenlied steht, er hätte heute gutes Geld als Serien-Drehbuch-Autor verdienen können. Getrieben von einem Treue- und Ehrverständnis, das stets nur gilt, wenn es zum eigenen Vorteil gereicht, gefangen in einem Weltbild, das auf Verrat nur blutige Rache als Antwort bereitzuhalten vermag, bleibt keiner der Protagonisten ohne Schuld. Und doch werden die Charaktere ausreichend differenziert, so daß es genug Identifikationspotential für jeden gibt. So stürzen die Burgunden denn in ihren Untergang, sich selbst listig wähnend und dabei übersehend, daß auch die anderen listig sein könnten (und doch halte ich es für keinen Zufall, daß es ausgerechnet Hagen, mit Verrat bestens vertraut, ist, der Kriemhilds finale Einladung skeptisch betrachtet). Empathie jedenfalls ist ganz offenbar keine Tugend mittelalterlicher Recken. Zugegeben, wenn es gilt, einen Drachen zu erlegen, ist Empathie auch nicht besonders hilfreich, aber andererseits hätte sie vielleicht geholfen, zu verstehen, was Kriemhild in die Arme eines metzelnden Barbarenkönigs treibt. Obwohl ich hier fair bleiben möchte: Gunters größte List bestand darin, Siegfried eine Tarnkappe aufsetzen zu lassen. Die Idee, daß jemand in ein fremdes Land ziehen könnte, um den dortigen Herrscher zu heiraten, dessen Vertrauen und das seiner Gefolgsleute zu gewinnen, nur um dann eine Banketteinladung auszusprechen, hinter der sich ein finaler Rachetriumph versteckt – das ging eindeutig über seinen geistigen Horizont. 😉

Es lohnt sich unbedingt auch heute noch, das Nibelungenlied zu lesen, schon allein, um zu erkennen, wie stark Traditionslinien sind. Nicht nur im Werk selbst, sondern eben in der Art, in der wir heute Mythen erzählen, welche Werte und Ideen uns heute wichtig sind. Und wohin blinder Glaube an die eigene Überzeugung führen kann.
Und außerdem ist es ein großes Vergnügen, mitzuleiden, mitzuschmachten und mitzuintrigieren beim großen „Wermitwemgegenwenundwarumeigentlich“.

Mit den lieferbaren Ausgaben ist das nun so eine Sache. Zwar hat man sich weitgehend auf die Textfassung von Bartsch/de Boor geeinigt, aber welche Übersetzung nun zu empfehlen sei, das ist ein weites Feld. Wem daran liegt, den Zauber der Dichtung nachempfinden zu können, dem sei von Simrocks Nachdichtung nicht abgeraten, auch wenn meine persönliche Empfehlung eher dahin geht, es mit einer zweisprachigen Ausgabe zu versuchen, bei der dann die neuhochdeutsche Fassung gerne etwas holprig, dafür aber eben korrekt sein darf. Oder aber gleich die wunderbare, kommentierte Lesung von Peter Wapnewski zu hören. Denn vorgelesen entfaltet das Nibelungenlied erst seine ganze Wirkung.


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*Immerhin habe ich aber den Beitrag zu Caesars Gallischem Krieg nicht mit „Gallia est omnis…“ eröffnet.
**alle Zitate nach: Bartsch/de Boor/Grosse: Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2003
***Hier plant also eine Frau, sich in einen fremden Kulturkreis zu verheiraten, in dem die Mehrheit einem anderen Glauben anhängt, es aber bereits eine Parallelgesellschaft ihrer eigenen Religion gibt, zu der sie ihren künftigen Ehemann künftig zu bekehren gedenkt. Deutsches Nationalepos. Das lasse ich mal einfach so stehen.

Das Buch zum Sonntag (66)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Thomas Müntzer: Hochverursachte Schutzrede

Mein Verhältnis zu Müntzer und das damit verbundene Bild, das ich von ihm habe, wäre auch einmal eine Untersuchung wert. Soll aber heute kein Thema sein.
Insbesondere, da ich mir offen halten möchte, gelegentlich Müntzer noch einmal intensiv zu empfehlen, denn die „Schutzrede“ ist ja ein vergleichsweise kurzer Text. Da es aber noch eine Weile dauern wird, bis der 31.10. wieder auf einen Sonntag fällt, kann ich es mir nicht verweigern, genau diesen Text heute zu empfehlen. Denn dem zwischenzeitlich zum evangelischen Ersatzheiligen aufgestiegenen Luther wird hier von seinem Zeitgenossen ganz ordentlich der Kopf gewaschen. Und es ist wichtig, bei allem, durchaus nicht unberechtigten, Trubel zwischen Luther-Dekade und Hollywood, daran zu erinnern, daß er eben nicht einfach ein altruistischer Freiheitsheiliger war.
Auch wenn zu bedenken ist, daß der Ton in den frühneuzeitlichen Schriften generell durchaus etwas rauher ist (jedenfalls beispielsweise im Vergleich zur Korrespondenz distinguierter Adliger des 19. Jahrhunderts) als das der heutige Leser erwarten würde, zieht Müntzer in dieser Streitschrift doch ordentlich vom Leder.
Schon der volle Titel ist ein Meisterwerk der Kunst des Pamphleteschreibens:

Hoch verursachte Schutzrede und antwwort wider das Gaistloße Sanfft lebende fleysch zu Wittenberg welches mit verklärter weyße durch den Diepstal der heiligen schrift die erbermdliche Christenheit also gantz jämerlichen besudelt hat.

*

Eine von gegenseitigem Respekt geprägte, feinsinnige und höfliche Gelehrtenschrift ist bei einer solchen Eröffnung wohl nicht zu erwarten.
Wie der Titel erkennen läßt, handelt es sich um eine Antwortschrift. Müntzer antwortet hier auf Luthers Sendschreiben „Brief an die Fürsten zu Sachsen von dem aufrührerischen Geist“, welches wiederum dessen Reaktion auf die, in meinen Augen jedenfalls, sensationelle „Fürstenpredigt“ Müntzers ist (Müntzer entwickelt dort ein Widerstandsrecht gegen nicht gottgefällige Herrschaft, gemeint als Warnung an die anwesenden sächsischen Fürsten, womit er sich in theologischen Widerspruch zum Wittenberger Opportunisten begab, woraufhin sich dieser endgültig von Müntzer distanzierte).
Ich halte es für keinen Zufall, daß die DDR Müntzer für sich vereinnahmte, teilt dieser doch mit der offiziellen Revolutionsideologie das Sendungsbewußtsein. Ein argumentativer Vorteil eines jeden Propheten ist denn ja auch die Unterstützung durch eine höhere Macht, sei diese nun ein Gott oder das Gesetz der Geschichte, unwiderruflich Recht haben beide. Das stellt auch Müntzer erst einmal klar, in dem er klar stellt, wer hier wirklich im Namen des Herren handelt:

Deshalb ist es kein sehr großes Wunder, daß der allerehrgeizigste Schriftgelehrte, Dr. Lügner, je länger je mehr zum hoffärtigen Narren wird und sich mit deiner Heiligen Schrift ohne alles Absterben seines Namens und (Wesens) bedeckt und aufs allerbetrüglichste (bedient) und mit dir (primär) nichts weniger zu schaffen haben will, Jes. im 58. Kapitel, als ob er deine Urteile durch dich, der Pforte der Wahrheit, erlangt hätte. Und (er) ist so frech vor deinem Angesicht und verachtet (bis auf den Grund) deinen richtigen Geist, denn er meldet sich deutlich unwiderruflich, daß er aus tobendem Neide und durch den allererbittertsten Haß mich, dein in dir erworbenes Glied, ohne redliche, wahrhaftige Ursache vor seinen höhnischen, spöttischen, erzgrimmigen Mitgenossen zum Gelächter macht und vor den Einfältigen zum unstatthaften Ärgernis einen Satan oder Teufel scheltet und mit seinem verkehrten, lästerlichen Urteil schmäht und spottet.

**

Oder kurz: „Ich habe Recht und Du nicht.“ Ganz großes Kino. Hier haben wir alles, was zu einem zünftigen Sandförmchenstreit dazugehört. Herabsetzung des Gegenübers durch Spott und Hohn, Darstellung der eigenen Person als strahlende Lichtgestalt. Spott und Hohn für den Gegner, kaum verstecktes Lob für einen selbst. Denn natürlich hat nicht das sanftlebende Fleisch zu Wittenberg die wahre Botschaft der Bibel zu bieten, sondern einzig und allein der wahre und treue Diener Christi, gerade irgendwo in Süddeutschland auf der Flucht untergetaucht.
Wie lächerlich Fundamentalismus ist, kann man hier ganz wunderbar sehen. Denn der Einzige, der diesen Streit klären könnte, meldet sich nicht zu Wort. Oder jedenfalls nicht explizit. Bis zur Aufklärung, in der dann mal darüber nachgedacht wurde, ob die Frage nach Gottes Wille und Wollen überhaupt eine dem Menschen angemessene Frage ist und man mithin also bisher in eine völlig falsche Richtung dachte, wird leider noch einige Zeit vergehen. Und doch halte ich es gerade in den heutigen Tagen, wo wir dabei sind, genau dieses entscheidende Erbe der Aufklärung ad acta zu legen, sich ganz genau zu Gemüte zu führen, wohin das führen kann. Denn gerade die Unbedingtheit, die Unbeirrbarkeit, die den Sendungsbewußten jeglicher Couleur auszeichnet, ist seine Tragik. Sie verschließt Augen, Ohren und Hirn vor den Argumenten anderer. Nicht, daß diese nicht gehört werden, nicht, daß diesen nicht argumentativ begegnet würde – aber eines steht eben von vornherein fest: Sie können nicht zutreffen. Der andere kann unmöglich Recht haben, ist man selbst doch im Besitz der allein seligmachenden Wahrheit.
Wo bei heutigen Texten und Debatten die persönliche Betroffenheit vielleicht den Blick versperrt und es schwer macht, die notwendige Distanz zu bewahren, die zur Bewertung von jeglichen Aussagen, kann es helfen, einmal an diesem alten Text zu üben. Wenn man das ein paar Mal gemacht hat, zeichnet man vielleicht auch nicht US-amerikanische Machtpolitiker voreilig mit dem FriedensNobelpreis aus oder nimmt Menschen ernst, die sich Statistiken ausdenken, damit ihr Weltbild stimmt.
Denn faszinierend ist das alle mal, was Müntzer hier vorbringt, die „Schutzrede“ ist ein Pamphlet allererster Güte, was bedeutet, daß seine Polemik natürlich genau dahin zielt, wo es auch wirklich weh tut, sprich: Wo er einfach mal Recht hat.

Es will keiner (von ihnen) predigen, er habe denn 40 oder 50 Gulden. Ja, die besten wollen mehr denn hundert oder zweihundert Gulden haben; da wird an ihnen die Weissagung Micha 3 wahr: „Die Pfaffen predigen um des Lohnes willen“ und wollen Ruhe und gute Gemütlichkeit haben und die allergrößte Würde auf Erden, und dennoch wissen sie sich zu rühmen, sie verstünden den Ursprung und teiben doch in den allerhöchsten Gegensatz (hinein), darum daß sie den richtigen Geist einen irrigen Geist und Satan schelten…

**

Und etwas später:

Der arme Schmeichler will sich mit Christus in gedichteter Güte decken wider den Text des Paulus I. Tim. 1. Er sagt aber im Buch von der Kaufhandlung, daß die Fürsten sollen getrost unter die Diebe und Räuber streichen. Im selbigen (Buch) verschweigt er aber den Ursprung aller Dieberei. Er ist ein herold, er will Dank verdienen mit der Leute Blutvergießen und (um) zeitlichen Gutes willen, welches doch Gott nicht (als seine Absicht) befohlen hat. Sieh zu, die Grundsuppe des >wuchers, der Dieberei und Räuberei sind unsere Herren und Fürsten; (sie) nehmen alle Kreaturen als Eigentum: die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden muß alles ihrer sein, Jes. 5. Darüber lassen sie dann Gottes Gebot ausgehen unter die Armen und sprechen: Gott hat geboten, du sollst nicht stehlen; es (hilft) ihnen aber nicht. So sie nun alle Menschen (nötigen), den armen Ackersmann, den Handwerksmann und alles, was da lebt, schinden und schaben, Micha 3, und wenn (einer) sich dann am allergeringsten vergreift, so muß er hängen. Da sagt dann der Doktor Lügner (auch noch): Amen. Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun, wie kann es (auf) Dauer gut werden? Wenn ich das sage, muß ich aufrührerisch sein, wohlan!

**

Das ist nun stark und zudem ein zentraler Punkt in Müntzers Denken. Wer, seiner Meinung nach, von der Freiheit des Christenmenschen spricht, der muß aber bitte auch darüber nachdenken, wie dieser denn seine Freiheit auch leben kann. Genau das war nämlich einer der Ausgangspunkte für die Unruhen am Beginn des 16. Jahrhunderts, die durch die Reformation neue Nahrung erhielten: Die prekäre Lage, gerade der Unterschicht und ganz besonders der nunmehr vollkommen entrechteten Bauern (Stichwort: Allmende, Parallelen zur Privatisierung kommunaler Betriebe möge jeder selbst ziehen) – für die natürlich die Botschaft von Freiheit, vom Selbstdenken, von Selbstbestimmung wie Musik, wie Erlösung, wie eine Heilsbotschaft klangen. Luther aber, von fürstlicher Gnade ebenso abhängig wie sich in dieser sonnend, war in der Zeit des Bauernkrieges ängstlich darum bemüht, sich von jeglichem Aufruhr, der da auf Grundlage seiner eigenen Thesen, ausbrach, zu distanzieren. Unverhohlen fordert er die Fürsten auf, hart und gnadenlos vorzugehen.
Der Knaller aber, und damit möchte ich für heute schließen, ist folgendes: Beide, der Revolutionär wie der Obrigkeitshörige, finden für ihre Positionen Belege in der Heiligen Schrift. Was für den unbefangenen Beobachter nicht weiter überraschend ist, mir zumindest scheint die Widersprüchlichkeit Heiliger Schriften ein wesentliches Merkmal ihres Erfolges. Neben der mystischen Komponente des Geheimnisvollen spielt eben genau dieser Punkt eine Rolle: Man kann mit ihnen alles begründen. Die Frage, was gottgefällig ist, wird damit aber zum Überbau. Die Basis, und auf die kommt es an, ist eine andere. Die Kernfrage ist: Wie soll das Leben hier auf Erden getaltet werden. Warum ist die Welt so, wie sie ist und wie sollte sie besser gestaltet werden. Müntzer wird sich nur wenig später als Anführer des auserwählten Volkes im apokalyptischen Kampf sehen. Und mit genau diesem Sendungsbewußtsein begründen Revolutionäre überall und zu allen Zeiten ihre Strategien. 1525 ging die Sache für die Fürsten letztlich gut aus. Die Schärfe aber, mit der Müntzer die Ursachen für die gesellschaftlichen Unruhen benennt, ist beeindruckend. Und die Frage darf erlaubt sein, ob die ganze Geschichte nicht ohne tausende Tote, ohne solch massive Verwüstungen abgelaufen wäre, hätte man ihm einfach mal zugehört, anstatt ihn einfach nur zum Verblender und Aufrührer abzustempeln. Denn Erweckungsprediger gibt es zu allen Zeiten – wenn ihnen aber Massen zuhören und folgen, dann gibt es dafür Gründe. Und die liegen weitgehend außerhalb der Einzelperson. Oder, um mal das Diktum eines meiner engsten Freunde zu zitieren: Für dieselben Aussagen, die Luther tätigte, wurde Jan Hus hundert Jahre früher verbrannt.

Update 31.10.12Auch nicht mehr Lieferbar ist die Schutzrede im Rahmen der Junghans-Gesamtausgabe. In Sachen Lesbarkeit aber eher zu empfehlen, dafür aber noch antiquarisch zu bekommen, ist die Wehr-Ausgabe. Es gibt auch eine online kostenfrei lesbare Edition, die auf den ersten Blick keinen schlechten Eindruck macht.


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*zitiert nach: Müntzer, Thomas: Schriften und Briefe. Kritische Gesamtausgabe. unter Mitarbeit von Paul Kirn herausgegeben von Günther Franz. (= Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte, Bd. 33) Gütersloh. 1968, S. 321 | Ich habe dabei im Sinne der Lesbarkeit geglättet und auf die Darstellung von Varianten verzichtet. Im Übrigen dürfte zudem die Franz-Ausgabe inzwischen als maßgebliche Edition von der durch den Tod von Helmar Junghans in ihrem Abschluß verzögerte Thomas-Müntzer-Ausgabe (Leipzig 2004ff.) abgelöst werden. An der Franz-Ausgabe nörgelt die Müntzer-Forschung nun schon seit Jahrzehnten herum, insofern ist es erstaunlich, daß es so lange dauerte, bis endlich eine neue Edition erschien. Pikanterweise dürfte das anstehende Luther-Jubiläum bei der Realisierung eine Rolle gespielt haben. 😉
**zitiert nach: Müntzer, Thomas: Schriften und Briefe. herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Gerhard Wehr. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt/M. 1973, S. 125ff. | Ich wechsle mit den Zitaten auf diese Ausgabe, weil sie durch die Anpassung an die moderne Sprache doch leichter verständlich ist.

Das Buch zum Sonntag (65)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Woody Allen: Pure Anarchie

Betrachtet man das filmische Werk Woody Allens, besonders das der Siebziger Jahre, dürfte es wenig überraschen, daß er auch als literarischer Erzähler auftrat. Beim vorliegenden Band handelt es sich um eine Kurzgeschichtensammlung, die nach einer längeren Schaffenspause des Autors publiziert wurde. Und sie hat etwas, das im filmischen Spätwerk vielleicht etwas zu kurz kommt (wobei ich alles andere als ein intimer Kenner seines umfangreichen filmischen Oeuvres bin, ich habe da also vielleicht nur die falschen Filme gesehen 😉 ): Einen erfrischenden, ironischen Humor.
Wenig überraschend bewegen sich die Geschichten weitgehend im Milieu der gehobenen New-Yorker-Schicht, Leuten also, die sich um das tägliche Brot keinerlei Sorgen machen müssen. Diese allerdings werden auf´s Korn genommen, daß es eine wahre Freude ist. Nicht selten geht es dabei höchst absurd zu, aber wie ja schon der Hausheilige wußte, bläst Satire die Wahrheit immer auf, so daß man sie besser erkennen möge.
Ich eröffne den Reigen gleich mal mit dem Beginn der ersten Kurzgeschichte, betitelt als „Irren ist menschlich, Schweben göttlich“, der schon sehr schön zeigt, wohin die Reise geht und mir bereits einige Lacher entlockt:

Erst wenige Monate ist es her, da lief mein Leben in ergreifenden kleinen Szenen vor meinem inneren Auge ab, während ich beinah erstickte unter dem Wurfpost-Tsunami, der sich jeden Morgen nach dem Frühstück durch meinen Türschlitz ergießt. Zum Glück hörte unsere wagnerianische Putzfrau Grendel meine gedämpften Schreie unter den zehntausend Vernissage-Ankündigungen, Bettelbriefen und Traumgewinn-Benachrichtigungen und befreite mich mit Hilfe unseres Ungeziefersaugers. Als ich die Posteingänge in alphabetischer Reihenfolge dem Aktenvernichter zuführte, fiel mir unter der Fülle an Katalogen für alles Mögliche, vom Vögelhäuschen bis zu Stein- und Schalenobst in vierwöchentlichen Lieferungen, ein nicht bestelltes kleines Heft auf, das sich Magical Blend nannte. Der offensichtlich für den New-Age-Markt bestimmte Katalog umfasste Themen wie Kraft der Kristalle, ganzheitliche Medizin und psychische Schwingungen, gab Tipps zur Erlangung geistiger Energie, zeigte Wege zu mehr Liebe und weniger Stress und verriet, wohin man gehen und welche Formulare man ausfüllen müsse, um wiedergeboren zu werden.

(S. 7f.)*

Bei „wagnerianische Putzfrau Grendel“ hatte er mich. Das Bild, das sich da vor meinem inneren Auge aufbaute, ist einfach zu köstlich. Insbesondere, da ich „Beowulf“ bereits im Alter von ca. 10 Jahren las, meine Synapsen mit „Grendel“ also eine höchst phantastisch ausgestaltete Figur verknüpfen. 😀 Wie überhaupt diese ganze Szene ein wahres Feuerwerk an Assoziationen auslöst und geschickte, kleine Seitenhiebe verteilt, wie ich es bisher nur noch bei Hildesheimers „Lieblosen Legenden“ gelesen habe.
Zugegeben, Allen arbeitet stark mit Intertextualitäten, Anspielungen auf dieses und jenes waren ja schon immer integraler Bestandteil seiner Arbeiten, ich behaupte allerdings, daß diese nicht die Bohne stören, zumal ja eine seiner Lieblingsbeschäftigungen zu sein scheint, das Hohle, Vordergründige, Oberflächliche hinter all diesen scheinbar so hochtrabenden Begriffen, Ideen und Diskursen, mit denen auf Cocktail-Parties hantiert wird, zu offenbaren.
Besonders gern dadurch, indem er sie einfach ad absurdum führt. So, wie in meiner Lieblingsgeschichte, in der dem Sohn eines Investmentbankers die Aufnahme in einen angesehenen Kindergarten verweigert wird. Ich habe Tränen gelacht bei Szenen wie dieser:

Als Boris Ivanovich jedoch am nächsten Montag in die Bank kam, wussten offensichtlich alle Bescheid. Ein toter Hase lag auf seinem Schreibtisch. Mit einem Gesicht wie Donnerwetter kam Siminov herein. „Eins ist klar“, sagte er, „der Junge wird niemals von einem ordentlichen College angenommen werden. Bestimmt nicht an einer Elite-Uni.“
„Bloß deswegen, Dimitri Siminov? Der Kindergarten wirkt sich auf die Hochschulbildung aus?“
„Ich möchte keine Namen nennen“, sagte Siminov, „aber vor vielen Jahren konnte einmal ein bekannter Investmentbanker seinen Sohn nicht in einem Kindergarten von hervorragendem Ruf unterbringen. Anscheinend gingen irgendwelche Geschichten über die Fingermalkünste des Jungen herum. Jedenfalls war der Bub, nachdem der Wunschkindergarten seiner Eltern ihn abgelehnt hatte, dazu gezwungen…“
„Zu was? Heraus damit, Dimitri Siminov.“
„Ich sag nur so viel: Im Alter von fünf war er gezwungen, auf eine … städtische Schule zu gehen.“
„Dann gibt es keinen Gott.“, sagte Boris Ivanovich.

(S. 114f.)

Die Pointe möchte ich hier nicht verraten, stattdessen noch eine Szene aus dieser Geschichte:

Wenn Mischa dies verweigert werden konnte, war das Leben, nein, das Universum sinnlos. Er sah seinen Sohn als erwachsenen Mann vor dem Geschäftsführer eines angesehenen Unternehmens stehen, der ihn nach seinem Wissen um Tiere und Formen befragte – Dinge, mit denen er innig vertraut hätte sein sollen.
„Naja … äh“, sagte Mischa zitternd, „das ist ein Dreieck, nein, halt ein Achteck. Und das da ist ein Häschen – pardon, ein Känguru.“
„Un der Text von ‚Bi-Ba-Butzemann‘?“, fragte der Geschäftsführer. „Alle Vizepräsidenten hier bei Smith Barney können den singen.“
„Ehrlich gesagt, Sir, ich habe das Lied nie richtig gelernt“, bekannte der junge Mann, und sein Bewerbungsschreiben flatterte in den Papierkorb.

(S. 116)

Womit wir wieder bei der Satire wären. Ich glaube nicht, daß tatsächlich „Bi-Ba-Butzemann“ im Vorstellungsgespräch abgefragt wird, aber, daß es in solchen Positionen höchst bizarre Auswahlmethoden gibt, das glaube ich gerne.
Wer Woody Allen aufmerksam liest, dem wird auffallen, daß die Ziele seines Spottes keineswegs zwangsläufig der New Yorker Society angehören müssen (auch wenn er der Einfachheit halber und um sich selbst nicht in Frage stellen zu müssen, von Kommentatoren gerne darauf reduziert wird), sondern, daß es hier um durchaus überall und, sicher in anderen Schattierungen und mit anderen konkreten Ausprägungen, in allen Schichten anzutreffende Verhaltensweisen geht. Sich selbst und seine Kreise für besser und relevanter zu halten als andere ist keineswegs ein Spezifikum der Upper Class. Um mal nur eines herauszugreifen.
Ich habe jedenfalls Woody Allen mit viel Freude und Gewinn gelesen und kann dieses Bändchen jederzeit an einer beliebigen Stelle aufschlagen, um eine treffende Formulierung, eine absurde Szene, einen ironischen Seitenhieb zu finden.
Kurz: Ein kleines, funkelndes Schatzkästlein, das zu erwerben möglich ist mit dieser

lieferbaren Ausgabe.


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*zitiert nach: Allen, Woody: Pure Anarchie. Kein & Aber. Zürich 2007

Das Buch zum Sonntag (64)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich dem geneigten Publikum zur Lektüre:

Heinrich Mann: Der Untertan

Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.

Ist das nicht ein großartiger erster Satz? Mit meinem Assoziationskopfkino bräuchte ich jetzt kein weiteres Wort verlieren. Da ich aber nicht davon ausgehen kann, daß die geneigte Leserschaft ebenso seltsame Synapsen hat wie ich (was auch nicht wünschenswert wäre, glaubt mir), schreibe ich doch noch etwas dazu.
„Der Untertan“ gehört zu den wenigen Büchern meiner Lesebiographie, das ich erst nach dem Konsum der Verfilmung las (es gab in der DDR gewiß Dinge mit höheren Hindernissen, als diese mehr als gelungene Adaption zu sehen 😉 ). Das hat zwar den Nachteil, daß die im Kopf entstehenden Bilder überlagert werden (sich einen anderen Diederich Heßling vorzustellen, beispielsweise, ist dann äußerst schwierig), aber eben auch den durchaus zu bedenkenden Vorteil einer wesentlich intensiveren Erstlektüre, da der Plot ja bekannt ist, und sich so das Augenmerk sehr viel stärker auf die Facetten eines Romanes konzentrieren kann, die für Feuilleton und sonstige Bewerter schon immer den Unterschied zwischen Unterhaltungslektüre und Literatur von bleibendem Wert ausmachte.
Heinrich Manns große Stärke ist seine von einem klarsichtigen, geradezu sezierendem Scharfsinn geprägte Figurenzeichnung, die im „Untertan“ zu kaum zu übertreffender Hochform aufläuft. Heßling, die Honoratioren der Kleinstadt, sein sozialdemokratischer Vorarbeiter – das sind nicht einfach nur Typen (die sie auch sind), das ist ein Einzelpersonen komprimiertes Gesellschaftsportrait.*
Heinrich Mann erzählt die Geschichte eines kleinstädtischen Fabrikantensohnes in der Zeit des letzten deutschen Kaiserreiches. Zur Illustration gleich mal noch eine Stelle vom Beginn des Romanes:

Wenn Diederich vom Märchenbuch, dem geliebten Märchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben ihm auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kröte gesessen, halb so groß wie er selbst! Oder an der Mauer dort drüben stak bis zum Bauch in der Erde ein Gnom und schielte her!
Fürchterlicher als Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man ihn lieben. Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte, drückte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult umher, bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm. Jede nicht herausgekommene Untat mischte in Diederichs Ergebenheit und Vertrauen einen Zweifel. Als der Vater einmal mit seinem invaliden Bein die Treppe herunterfiel, klatschte der Sohn wie toll in die Hände – worauf er weglief.
Kam er nach einer Abstrafung mit gedunsenem Gesicht und unter Geheul an der Werkstätte vorbei, dann lachten die Arbeiter. Sofort aber streckte Diederich nach ihnen die Zunge aus und stampfte. Er war sich bewußt: „Ich habe Prügel bekommen, aber von meinem Papa. Ihr wäret froh, wenn ihr auch Prügel von ihm bekommen könntet. Aber dafür seid ihr viel zuwenig.“

(S. 7)**

Diese Sehnsucht nach Aufmerksamkeit von höherer Stelle wird zu einem treibenden Motiv in Diederichs weiterem Leben. Autoritätsgläubigkeit, Katzbuckeln zu jedem über ihm stehenden und Gnadenlosigkeit allen unter ihm stehenden gegenüber, eiskalt jeden persönlichen Vorteil ausnutzend, Verantwortung für eigenes Handelns immer dann ablehnend, wenn es die eigene soziale Stellung bedrohen könnte. Das Gieren nach Anerkennung in jeglicher Form, das Protzen mit Ämtern und Orden, Ehre und Anstand lautstark einfordernd, sich selbst darum einen Kericht zu scheren – wer einen Spießer braucht, mir ist kein treffenderes Beispiel bekannt als Diederich Heßling. Eine literarische Figur, die geradezu körperliche Abwehrreaktionen hervorzurufen vermag. Gelänge es Heinrich Mann nicht gleichzeitig, anzudeuten, daß aus Diederich auch etwas anderes hätte werden können, der Lesende würde einfach abwinken und Roman samt Figur in eine Schublade stecken. So aber bleibt immer ein Rest, der zum Nachdenken anregt. Der vielleicht dazu führt, sich so manche Figur seines Umfeldes mal genauer anzuschauen. Und bei der nächsten Vereinssitzung (Förderverein, Sportverein, Kaninchenzüchter, Partei – was ihr wollt) aufhorchen läßt, wenn urplötzlich eine Schärfe in die Debatte kommt, sobald es gilt, sich abzugrenzen. Oder gar es Streit darüber gibt, wer zweiter Schriftführer werden darf. Die geneigte Leserschaft wird staunen, wie viele Diederichs da um ihr Fitzelchen Ruhm und Anerkennung betteln. Wie sich dem „Hurra“-rufend dem Kaiser hinterherhecheln und auf alles und jeden treten, der auch nur die geringste Abweichung vom Idealbild zeigt – und, vor allem, auf der sozialen Leiter tiefer steht.
Schaut euch an, wie die Diederichs von heute Wut schäumend die Kommentarspalten füllen mit ihrer Abscheu auf faule HartzIV-Empfänger und schmarotzende, „integrationsunwillige“ Ausländer, im Vollbesitz ihrer moralischen Überlegenheit und stillschweigend über ihre eigenen Taten, die sie als läßliche Sünden betrachten, hinweg gehen.
Wer wirklich wissen will, was deutsche Leitkultur ist, für den gibt es keine Augen öffnendere Lektüre als dieses Buch. In schmerzlicher Konsequenz führt uns Heinrich Mann am Leben dieses bedauernswerten Kleingeistes vor, was es bedeutet, wenn Kleingeister bestimmen, was in einer Gesellschaft zählt. Und es ist in meinen Augen ein bemerkenswerter Umstand, daß Roman und Film in der DDR, dem Paradies der Diederichs, so lange so stark protegiert wurden.
Unsere heutige Zeit braucht diesen Roman dringender denn je. Es war Heinrich Manns klar sehender Blick, was passieren muß, wenn solche Denkungsart die Stütze einer Gesellschaft ist, der ihn dieses Werk schrieben ließ – und keine prophetische Gabe, wie in so mancher Kolportage zur Differenz zwischen Entstehungs- und Publikationsdatum anklingt.
Und in genau diesem Sinne ist Ulrike Meinhofs Diktum, das Private sei immer auch politisch, mehr als nur wahr. Sich selbst über andere zu erheben, egal aus welchen Gründen, ist nie einfach nur eine persönliche Charakterschwäche – es ist immer auch der Nährboden für gesellschaftliche Bewegungen, die genau darauf zielen. Daß ein Mensch besser sei als ein anderer und für ihn daher andere Regeln gelten.

Auch wenn ich dieses Mal sehr wenig über das Buch und viel mehr über dessen Auswirkungen auf mich geschrieben habe, hoffe ich doch, die geneigte Leserschaft von einer (Wieder-)Lektüre überzeugt zu haben. Vielleicht ja mit einer der

lieferbaren Ausgaben.

Heute einmal zum Abschluß noch der Hausheilige, dessen Begeisterung für diesen Roman die meinige vielleicht sogar noch übertrifft. In ganzer Länge kann die Rezension hier nachgelesen werden.

Dieses Buch Heinrich Manns, heute, gottseidank, in aller Hände, ist das Herbarium des deutschen Mannes. Hier ist er ganz: in seiner Sucht, zu befehlen und zu gehorchen, in seiner Roheit und in seiner Religiosität, in seiner Erfolganbeterei und in seiner namenlosen Zivilfeigheit. Leider: es ist der deutsche Mann schlechthin gewesen; wer anders war, hatte nichts zu sagen, hieß Vaterlandsverräter und war kaiserlicherseits angewiesen, den Staub des Landes von den Pantoffeln zu schütteln.
Das erstaunlichste an dem Buch ist sicherlich die Vorbemerkung: »Der Roman wurde abgeschlossen Anfang Juli 1914.« Wenn ein Künstler dieses Ranges das schreibt, ist es wahr: bei jedem andern würde man an Mystifikation denken, so überraschend ist die Sehergabe, so haarscharf ist das Urteil, bestätigt von der Geschichte, bestätigt von dem, was die Untertanen als allein maßgebend betrachten: vom Erfolg. Und es muß immerhin bemerkt werden, daß die alten Machthaber – ach, wären sie alt! – dieses Buch von ihrem Standpunkt aus mit Recht verboten haben: denn es ist ein gefährliches Buch.

in: Werke und Briefe: 1919. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 1239f. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 2, S. 63-64) (c) Rowohlt Verlag http://www.digitale-bibliothek.de/band15.htm


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* Etwas übrigens, das seinem sich stets nur in besten bürgerlichen Kreisen bewegenden Bruder nie gelungen ist. Wobei wohl außer Frage steht, daß dieser das auch nie gewollt hätte. Aber eben gerade diese patrizische Arroganz läßt mein Herz immer wieder den viel lebensnaheren, für seine Standesverhältnisse geradezu rebellischen Heinrich bevorzugen. Im Gegensatz zum Zauberer, dessen größeres Können anzuerkennen ich nicht vermeiden kann, habe ich bei Heinrich den Eindruck, daß dieser tatsächlich auch ein eigenes Leben hatte und nicht nur als Spinne im Netz die Leben seiner Umgebung aussaugte.
**zitiert nach: Mann, Heinrich: Der Untertan. in der Reihe Fischer Klassik erschienen bei Fischer Taschenbuch Frankfurt/Main. 2. Auflage 2009

Das Buch zum Sonntag (63)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jakob Hein: Mein erstes T-Shirt

An diesem historischen Tag* scheint es mir besonders passend, diesen Erzählungsband zu empfehlen.
Jakob Heins Debut erzählt aus seiner Jugend, die natürlich nicht ganz so war wie die vieler anderer seiner Altersgenossen, aber irgendwie eben doch. Ich weiß nicht, was da heute in den Schulen gelehrt wird, aber die Distanz zwischen einer wie auch immer gearteten Elite und den ihr nicht angehörenden Bürgern war zwar deutlich spürbar und sicher nicht unerheblich – aber, mit Verlaub, die war ein Fliegendreck gegen die Spaltung, die das siegreiche System auszeichnet. Mit anderen Worten: Die Kindheits- und Jugenderlebnisse des Herrn Hein unterscheiden sich gar nicht so sehr von denen vieler anderer in der eher späten DDR aufgewachsenen Menschen.
Als ich das Bändchen 2001 erstmals las(das weiß ich nicht etwa wegen meines hervorragenden Gedächtnisses, sondern Dank des Eindrucks: „Leseexemplar. Bitte nicht vor dem 30. Oktober 2001 besprechen.“ in Kombination mit der Erinnerung, es tatsächlich kurz nach Eintreffen in der Buchhandlung gelesen zu haben) und mich daraufhin mit einer Kollegin über die amüsanten Stellen unterhalten wollte, zeigte sich eine Kluft, die mich nachdenklich stimmte. Es ging um folgendes:

Ich war regelmäßiger Besucher der Umweltbibliothek. Wir sagten immer „Zierfischladen“, denn in der Nähe der Bibliothek war ein Zierfischladen, an dem wir uns vorher trafen. Ich sagte zu, denn ich wollte dieses Gespräch hier so schnell wie möglich beenden. Nein, eine Telefonnummer wollte ich keine haben, sie könnten sich ja wieder bei mir melden. In den nächsten Tagen erzählte ich jedem, den ich traf, laut und detailliert von meinem Gespräch mit der Staatssicherheit, vor allem denen in meiner Klasse, die immer zu den Freundschaftstreffen gingen. Danach ging ich einige Wochen erhobenen Hauptes in die Umweltbibliothek, im Falle einer Zuführung hätte ich sagen könne, daß ich im Staatsauftrag handele.
Die Stasi meldete sich wieder, wir verabredeten uns in einer Gaststätte, wo ich die zwei Herren sehr übellaunig antraf. Mein Bericht aus der Umweltbibliothek („da stehen lauter Bücher über Umwelt herum“) stieß auf wenig Interesse bei ihnen. Sie bezahlten meine zwei Biere und wiesen mich darauf hin, daß Alkohol am Nachmittag nicht mit den Prinzipien gesunder Lebensführung im Einklang steht. Danach wurde meine Kaderakte bei der Staatssicherheit geschlossen. Aber es gab Anzeichen dafür, daß das Interesse an meiner Person nicht erloschen war.

(S. 135)*

Meine damalige Kollegin fand das nicht lustig. Ich schon.
Jakob Hein ist Jahrgang 71, sie ist 12 Jahre älter – und das macht etwas aus. Die Spätgeborenen haben einzig ihre Kindheit und Jugend in der DDR verbracht. Eine DDR zudem, die durchaus Auflösungserscheinungen zeigte. Das ließ zum einen zu, späterhin eine gewisse Distanz aufzubauen, die es einem Dreißigjährigen durchaus ermöglicht, Geschichten als amüsante Jugendanektoden zu erzählen. Geschichten jedoch, die bei einer Generation, für die der Besuch einer Umweltgruppe das Riskieren der sozialen Existenz bedeutete und die zudem sich dieses Risikos auch noch bewußt war (und es trotzdem tat), Assoziationen hervorrufen können, die von heiteren Jugenderinnerungen weit entfernt sind.
Weit weniger als in späteren Werken (wie dem hier bereits empfohlenen „Herr Jensen steigt aus„) komprimiert Hein in diesen Erzählungen existentielle Fragen und es herrscht auch ein deutlich leichterer Ton. Alles in allem wirkt er näher an Kaminer als an seinen eigenen späteren Büchern. Nichtsdestotrotz kann der geneigte Leser intensiv darüber nachdenken, wie das jugendliche Aufwachsen unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus aussehen konnte. Zur Adoleszenz gehört ja die Abgrenzung zur Welt der Erwachsenen:

Ich war verzweifelt, dann traf ich Clemens. Er erzählte mir von Konzerten, wo Punkmusik gegen das Schweinesystem gespielt wurde und wo sich der Sänger in Scherben wälzte, die nicht in Liverpool, sondern in Ostberlin stattfanden. Ich wertete Clemens´ Erzählungen mit Freunden aus meiner Klasse aus, und wir schlußfolgerten, daß ihm kein Wort zu glauben sei. Ich beschloß, ihn fertigzumachen, und bat ihn, mich doch mal auf so ein Konzert mitzunehmen. Er tat ganz cool und sagte, nächsten Samstag. An diesem Samstag zeigte Clemens mir das Paradies. Wir gingen in eine ganz normale Kirche, wo man sonst immer nur vorbeiläuft. Dort lagen auf Klopaier gedruckte Postillen gegen Atomkraftwerke, Razzien und politische Verfolgunegn bei uns. Irgendwie war ich fast ein bißchen stolz auf beide Seiten. Der Keller der Kirche war gerammelt voll mit richtigen Puks, und dann spielte die Band drei mal drei Akkorde himmmlischer Verheißung. Die leute tanzten Pogo, und die Texte waren glasklar gegen das Schweinesystem. Ich kaufte mir die Kassetten von allen Bands und wußte nun, wo ich politisch stand.

(S. 126f.)

Ich schätze an Jakob Hein besonders seinen lakonischen Humor, der in diesem Band freilich etwas spitzbübisches hat. Wobei es allerdings manchmal gar nicht allzu viel eigenen Humors bedarf, denn die Slogans der DDR fordern mit ihrem kleinbürgerlichen Pathos ein Lachen geradezu heraus:

Es gab die Klassik und die Romantik, es gab den Impressionismus und die Pop-Art, und es gab den Versuch, auch im Ostblock eine eigene Kunstform zu kreieren. Im sogenannten sozialisten Realismus gab es viele und lange Reden über das Härten des Stahls, den Kampf von Sechsjährigen gegen Auschwitz und darüber, daß der Name Lenins mit „unauslöschlicher Schrift in unsere Herzen geschrieben“ sei. Ich selbst mußte bei einer Schulfeier im Rahmen eines Singspiels, praktisch dem Vorläufer des deutschen Hiphop, vor die Gruppe treten und sagen: „Ernst Thälmann lebt. Er singt mit uns, er lacht mit uns, und er spielt mit uns.“ Nichts davon war wahr, und wir hätten auch gar nicht mit einem alten glatzköpfigen Ideologen „Wenn der Kaiser durchs Land kommt“ spielen wollen oder über Häschenwitze gelacht.
Der sozialistische Realismus hatte also mit Realismus wenig zu tun. Zum Beispiel fanden sich keine Anhaltspunkte über das zielgerichtete Betrinken. Dies führte mich schon sehr früh in eine Widerspruchshaltung zur gängigen Ideologie, denn ich wußte, daß das zielgerichtete Betrinken im Sozialismus sehr weit entwickelt war.

(S. 91)

Womit übrigens ein Anhaltspunkt gegeben wäre, doch noch einmal zu überlegen, ob es wirklich grundsätzliche Unterschiede zwischen Ideologien und Religionen gibt oder ob beides nicht letztlich aus derselben Quelle stammt und nur der verzweifelte Versuch ist, eine Trennlinie zu ziehen, wo es gar keine gibt. Der behauptete Rationalismus so mancher Ideologie darf zumindest bei ihren Anhängern stark bezweifelt werden.

Ich möchte auch diese Woche nicht schließen, ohne auf die

lieferbaren Ausgaben

hinzuweisen.


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*Heute zahlt die BRD die letzten Schulden aus Reparationszahlungen für den Ersten Weltkrieg – falls jemand Anhaltspunkte sucht, warum diese Zahlungen ein Destabilisierungselement der Weimarer Republik war: Bitte schön. Ahja, es eignet sich natürlich auch ganz hervorragend für die Frage nach Rechtskontinuität. Und ist natürlich überhaupt nicht der Grund, warum meine Wahl heute auf dieses Buch fiel. Aber ich wollte es mal gesagt haben, schließlich sind ja Fußnoten dafür da, zu erzählen, was man sonst noch so alles weiß. 😉
**zitiert nach: Jakob Hein: Mein erstes T-Shirt. Piper. München 2001

Das Buch zum Sonntag (62)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Ilja Ehrenburg: Menschen. Jahre. Leben.

Passend zur dritten Kulturwoche ist auch das Buch zum Abschluß derselben eine Reminiszenz an meine Jugend (und gerade erst gestern wurde mir vor Augen geführt, daß ich tatsächlich alt genug bin, einen solchen Satz zu formulieren – da war ich bei der Veranstaltung einer jungen Impro-Theater-Gruppe und im ganzen weiten Rund wußte doch tatsächlich niemand, was ein Fluxkompensator ist, die Jugend von heute…)
Meine Eltern hatten die wunderbare Idee, die im Übrigen auch für meine Kinder gilt, mich meine Lektüre selbst auswählen zu lassen. So standen mir also die unzähligen Bücherschränke offen und zu den frühesten Autoren, an deren Wahl ich mich erinnern kann, gehörte Ilja Ehrenburg*.
Ehrenburg (1891-1967) war ein russisch-sowjetischer Journalist und Schriftsteller mit starken Beziehungen nach Westeuropa, insbesondere nach Frankreich, wo er lange und immer wieder lebte – was ihn durchaus zu etwas besonderem macht, denn er war dort, jedenfalls nach 1917, nicht im Exil. Hauptberuflich, wenn man das so sagen darf, war er Journalist. Und seine stärksten Arbeiten sind denn auch journalistischer Natur (so mag es auch wenig überraschen, daß die derzeit einzigen auf deutsch lieferbaren Werke von ihm die Reportage aus dem Saarland im Vorfeld der Volksabstimmung 1935 und das 1948 nach Fertigstellung umgehend eingestampfte und erst 1980 publizierte Schwarzbuch zum Genozid an den sowjetischen Juden sind**) – einen Großteil seiner belletristischen Werke darf man, trotz Einträgen im Kindler, getrost übergehen – es sei denn aus literaturhistorischem Interesse. Viele seiner Romane sind in einem kurzen Zeitraum (nicht selten gerade mal ein Monat) heruntergeschrieben und atmen so zwar sehr unmittelbar den Zeitgeist, sind dadurch aber auch ebenso flüchtig.
Seine Erinnerungen jedoch, und nur um diese soll es heute gehen, sind für mich nicht weniger als großartig. Mein Blick mag durch die Regalmeter schlechter Memoiren, die gedruckt wurden und werden getrübt sein, aber Ehrenburg vermittelt hier ein sehr lebhaftes, mitreißendes, anschauliches Bild seiner Epoche. Nahezu alles, was ich über die Kunst- und Kulturgeschichte der ersten Hälfte des 20. jahrhunderts weiß, weiß ich aus „Menschen. Jahre. Leben.“, dessen Personenregister durchaus als Grundstock für eine Enzyklopädie zu diesem Thema taugt. Was mich die drei Bände auch heute immer wieder zur Hand nehmen läßt und immer wieder zum Festlesen führt, ist sein journalistisches Können. Genaugenommen erinnert Ehrenburg nicht, er portätiert, er berichtet, er erzählt. Daß es sich dabei um sein Leben handelt, scheint eher zufällig, nicht er und seine großen Taten stehen im Mittelpunkt, sondern die Menschen, denen er begegnete, die Ereignisse, an denen er teilnahm, die Epoche, in der er lebte. Sein eigener Lebenslauf ist nicht mehr als ein roter Faden, der durch die gut anderthalbtausend Seiten führt. Ich habe seltenst Memoiren gelesen, die es vermochten, derart plastische Bilder, solch lebhafte Portraits, so nachfühlbare Stimmungsbilder zu zeichnen.
Und auch wenn es durchaus so etwas wie eine Ordnung, eine Gliederung, ein Prinzip zu geben scheint, so fließen hier doch immer wieder die Jahre und Jahrzehnte ineinander, fügen sich Bilder und Erinnerungen assoziativ zusammen, was mir einem Erinnerungswerk auch viel angemessener zu sein scheint als eine strenge Chronologie.
Ehrenburg lebte ein außergewöhnliches Leben, auch wenn er das nicht herausstreicht. Er war im Bürgerkrieg halb verhungert mit Mandelstam auf der Flucht durch den Kaukasus, auf Promotion-Tour für Stalins Sowjetunion in den USA, jedoch genauso verzweifelt und verängstigt im Moskau 1937. Er war Kriegskorrespondent im spanischen Bürgerkrieg (wo er Hemingway kennenlernte – es gibt ein Bild mit den beiden von Frank Capra), ebenso im zweiten Weltkrieg, dessen Beginn er in Frankreich erlebte (und durchaus knapp aus Paris entwich) und anschließend eine der führenden Figuren der Friedensbewegung.
Seit Jugendtagen Bolschewik trat er immer als Verteidiger Westeuropas in der Sowjetunion auf und in Westeuropa als überzeugter Vertreter des sowjetischen Systems, was ihm Beschimpfungen beider Seiten eintrug (Ehrenburg selbst zitiert durchaus süffisant immer wieder aus der großen sowejetischen Enzyklopädie, in deren unterschiedlichen Auflagen sich die Einschätzung seiner Person und seines Werkes immer wieder veränderten.)
Doch gerade das scheint mir seine ungeheure Stärke in diesem Werk zu sein. Auch wenn es sicherlich nicht auszuschließen ist, daß seine Fokussierung auf die Menschen, auf das Erzählende, das Berichtende und ein nur höchst vorsichtiges Werten und Beurteilen, das stets um Ausgewogenheit bemüht ist, den Bedingungen des Systems, in dem er lebte und schrieb zuzuschreiben ist (der aufmerksame Leser, allerdings nur dieser, wird zwischen den Zeilen so einiges finden, für dessen klare Formulierung kein Raum war) – ist es nicht gerade das, was Journalisten wirklich zu leisten vermögen? Mir scheint das in der heutigen Zeit, in der jeder, der mal irgendwo war und sich was angeschaut hat, gleich zum Experten für sämtliche Zusammenhänge und mögen sie noch so komplex sein, hochstilisiert wird, eine abhanden gekommene Kunst zu sein.
Zuhören. Erzählen lassen. Mitgenommen werden.

Die Publikationsgeschichte macht es nicht einfach, die geneigte Leserschaft auf die Suche zu schicken. Ich empfehle ausschließlich die Ausgabe von Volk und Welt, die im Rahmen der Werkausgabe erstmals 1978 in drei Bänden erschien, der 1990 ein vierter Band (soweit ich weiß, mit Fragmenten aus dem Nachlaß – ich hatte den erst einmal in der Hand. Falls noch jemand ein Geschenk sucht…) folgte. Die Ausgabe von Kindler wurde sehr zurechtgestutzt, insbesondere im Hinblick darauf, daß Ehrenburg in der BRD als höchst umstritten galt (da steckt die unsägliche Flugblatt-Geschichte dahinter, genaueres im Wikipedia-Eintrag und bei der Initiative Ilja Ehrenburg)
Antiquarisch sind auch dreibändige Kindler-Ausgaben zu finden, die ich aber nicht kenne und daher auch nicht einzuschätzen vermag.


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*Was mich nebenbei auch etwas aus meiner Generation fallen läßt. Meine bisherigen Erfahrungen legen nahe, daß man heute etwa 50 Jahre alt und auf dem Gebiet der DDR aufgewachsen sein muß, um mit diesem Namen etwas anfangen zu können. Dann allerdings liegt die Quote nahe der 100%-Marke.
**Für die Insider: Ebenfalls lieferbar ist ein Nachdruck seines Paris-Fotobildbandes mit der typographischen Gestaltung von El Lissitzky – sichern, so lange er noch zu haben ist)

Gachmurets dritte Kulturwoche: Film

Film: König der letzten Tage

Die älteren in der geneigten Leserschaft erinnern sich bestimmt an den Tag, an dem Kurt Cobain starb – und die jüngeren unter den älteren vielleicht daran, wie auf einmal alle ja schon immer Nirvana-Fans gewesen sein wollten.
So ähnlich erging es mir mit Christoph Waltz. Zu der, zugegeben, tiefen inneren Befriedigung, als er mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, mischte sich eben dieses merkwürdige Gefühl, als urplötzlich ganz viele „Schon-immer“-Anhänger seiner Schauspielkunst auftauchten. Der „wahre Fan“ empfindet da Ablehnung. Denn wie viele von denen haben ihm wohl die Treue gehalten, als er in „Kommissar Rex“ mitspielte (natürlich großartig, aber der Freiraum in einer solchen Rolle ist ja auch eher begrenzt)? Wer hat denn das fast zwanzigjährige Reden davon, daß Waltz ein hochgradig unterschätzter Schauspieler ist und sich dann mal gezielt Filme mit ihm angeschaut? Mhm? Also.
Meinen ersten Waltz-Film sah ich im Alter von 14 Jahren, den Umstand ausnutzend, seit Kurzem einen Fernsehapparat im Jugendzimmer mein Eigen zu nennen. Insofern mag also mein Blick auf den „König der letzten Tage“ von jugendlichem Erstaunen („Alles so schön bunt hier.“) getrübt sein. Aber neben der für einen ungeübten Teenager* durchaus verwirrenden Fülle von Sinneseindrücken, die dieser Film bietet, gibt es einen bleibenden Wert, der mich auch heute noch die 16 Jahre Wartezeit auf DVD vergessen läßt.
Wie der geneigten Leserschaft gelegentlich bereits mitgeteilt, gehört die Frage, wie und warum Menschen im tiefsten und besten Glauben daran, Gutes und Richtiges zu tun, Falsches, Schlechtes, Grauenhaftes anrichten, zu meinen Lebensthemen. Wann, wie und warum diese Frage zu meinem Lebensthema wurde, weiß ich nicht (auch wenn ich da so ein paar Hypothesen parat hätte). Die Geschichte des Münsteraner Täuferreiches, um die es im heute empfohlenen Film geht, ist freilich geradezu prädestiniert für diese Frage. Zwei Propheten des nahenden Weltendes gründen im Bündnis mit Honoratioren der Stadt einen fundamentalistischen Gottestaat, das Neue Jerusalem, indem alles besser werden wird. Es darf sicher diskutiert werden, ob Jan van Leiden sich tatsächlich und aus voller Überzeugung für den Propheten des Neuen Jerusalem hielt (eine Interpretation, die der Film nicht gerade nahelegt) – wohl aber taten dies etliche Bürger der Stadt. Und die all die geschehenen Grausamkeiten begrüßten, begeistert mitmachten. Warum? Wie kann im Namen eines Glaubens, der Frieden predigt, der fordert, seinen Nächsten und selbst seine Feinde zu lieben, ein jeder „Abweichler“ bis zum äußersten bekämpft werden?
Einfach verführt von einem charismatischen Redner? Kann das so einfach sein? Einer ist Schuld und die armen, hilflosen Massen waren ihm eben ausgeliefert, konnten gar nicht anders?
Ich bin mir natürlich nicht sicher, ob ich da nicht zu viel in diesen Film hineinpretiere und dieser gar nichts dergleichen zu leisten vermag. Das mge die geneigte Leserschaft selbst herausfinden. Auf jeden Fall lohnt es sich aber, der Wandlung zuzuschauen, die Christoph Waltz seine Figur durchmachen läßt. Aus einem durchaus mäßigen Alleinunterhalter, dessen Physiognomie ihn auch nicht gerade zum charismatischen Relegionsführer prädestiniert, wird ein immer überzeugender, ein immer verführerischerer Anführer. Mich jedenfalls hat er am Ende so weit, sein Ende zumindest zu bedauern.

König der letzten Tage in der deutschen IMDb


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*Hey, ich bin DDR-Kind und war auf einmal im Westen, you know.

Gachmurets dritte Kulturwoche: Anime

Anime: Ghost in the Shell

Erzählungen sind in ihrer Struktur und ihren Motiven stark vom kulturellen Hintergrund des Erzählenden geprägt. Das gilt ebenso für das Publikum, das seinerseits in seiner Erwartungshaltung stark geprägt ist und nicht selten irritiert reagiert, wenn eine Erzählung diese nicht bedient. Was freilich für Erzählende einen großen Reiz hat, in dem sie mit diesen Erwartungen spielen (William Goldman macht das beispielsweise in der Brautprinzessin ganz großartig, in dem er eine Geschichte nach Hollywood-Manier erzählt, um sie gleichzeitig nicht so zu erzählen. Ganz hervorragend die Erwartungshaltung zu enttäuschen gelingt auch der vorgestern bereits intensiv empfohlenen SouthPark-Folge „Stanley´s Cup„). Einen großen Reiz macht es allerdings auch für die Rezipienten aus, etwas anderes, neues eine ganz andere Erzählstruktur, andere Motive, andere Themen kennenzulernen. Nicht immer allerdings gelingt das auch. Ich persönlich scheitere zum Beispiel regelmäßig daran, dem Handlungslauf von französischen Filmen zu folgen. Und beim heute empfohlenen Film brauchte ich drei Anläufe, ehe ich meinte, verstanden zu haben, was da eigentlich passiert. Allerdings habe ich den Film jedes Mal bis zum Ende gesehen, womit ein Anhaltspunkt gegeben wäre, warum er auf der Empfehlungsliste steht. Neben „Akira“ ist „Ghost in the Shell“ der hierzulande vielleicht nachhaltig wirkendste Anime und basiert wie dieser auf einem Manga (von Masamune Shirow, erschienen bei, wo auch sonst, Kodansha). Die Themen sind geradezu klassisch japanisch: Im Jahr 2029 jagt eine Cyborg-Agentin ein außer Kontrolle geratenes Regierungsexperiment, dessen Protagonist, der Prototyp eines virtuellen Agenten, auf der Suche nach einem Wirtskörper so allerlei Schaden anrichtet und vor allem eben außer Kontrolle geraten ist, was der Regierung natürlich nicht gefallen kann.
Das Setting ist an sich nicht ungewöhnlich und heute wahrscheinlich noch weit weniger unwahrscheinlich als dies 1989 der Fall der Fall gewesen sein mag.
Die Frage nach der Seele in künstlicher Intelligenz, die Fragen um Kontrollierbarkeit der technischen Errungenschaften, auf die wir einen zunehmenden Teil unseres Lebens aufbauen und welche ethischen Probleme das alles aufwirft, was das letztlich für das Leben auf dieser Welt überhaupt bedeuten mag – drunter machen wir es hier nicht. Der Film ist weit komplexer als das Ausgangssetting das vermuten lassen mag, denn wie auch in „Akira“ gilt hier: Es passiert gar nicht sehr viel, im Sinne eines Plots jedenfalls nicht. Aber es gibt eine derartige Fülle von Neben- und Randgeschehen, von nicht leicht zu durchschauenden (also zumindest ging es mir so, ich weiß nicht, ob dies an der tatsächlichen Komplexität liegt oder an der kulturellen Barriere, meine Zahl hierzu zu befragender JapanerInnen tendiert leider gegen 0, so daß mir die Gegenprobe vorerst verwehrt bleibt) Verbindungen, Gedankenspielen und Andeutungen, daß die 79 Minuten vollkommen ausreichen, um ein komplexes Erlebnis zu verschaffen.

Es ist sicher keine Überraschung, daß die spannendsten künstlerischen Überlegungen zum Mensch-Maschinen-Verhältnis einer Kultur entstammen, in der Technikverliebtheit geradezu pathologisch ist. Einer Kultur, in der der Satz „Da müsste man auch mal was erfinden.“ kein dahingeworfener Witz oder eine sinnierende Träumerei ist, sondern ein Handlungsauftrag.

Der Schlußsatz des Trailers, „You´ll never trust computers again.“ darf zumindest als Gedankenanstoß gesehen werden:

var flashvars = {
htmlPage: „http://www.matttrailer.com/ghost_in_the_shell_1996“,
settingsFile: „http://www.mattfind.com/12345673215-3-2-3_img/movie_trailer_xml/m/e/x/facc72e3f4b1750f2583b395e69b49a4.xml“
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var params = {
allowFullScreen: „true“,
allowScriptAccess: „always“
};
var attributes = {
id:“videoPlayer“,
name:“videoPlayer“
};
swfobject.embedSWF(„http://www.mattfind.com/12345673215-3-2-3_includes/videoplayer/videoPlayer.swf“, „videoPlayer“, „400“, „291“, „9.0.115“, „http://www.mattfind.com/12345673215-3-2-3_includes/videoplayer/swfobject/expressInstall.swf“, flashvars, params, attributes);
swfmacmousewheel.registerObject(attributes.id);

Und wem das alles viel zu weit weg ist, noch ein kleiner Gedankenanstoß:

timpritlove


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Gachmurets dritte Kulturwoche: Verlag

Verlag: Hermann Schmidt Mainz

In Urheberrechtsdebatten, Krimis oder anderen Filmen sind Verleger gerne villenbewohnende Zigarreraucher, die herrisch über das Schicksal untertänigst um ihre Gnade bittender Schriftsteller bestimmen.
Keine Ahnung, wo die jeweiligen Autoren ihre Milieustudien betrieben, aber zumindest für Buchverleger, so es sie denn noch gibt, ist dies keineswegs typisch.
Einer der beliebtesten Vorwürfe an Verleger (und Medienhändler) lautet ja, sie würden nur danach schauen, was „geht“, was sich gut verkauft. Besonders abgelehnte Autoren finden sich schnell dazu bereit. Das kann stimmen, es kann aber auch sein, daß das vorgeschlagene Projekt einfach schlecht ist und gar keine Verbreitung verdient. Meist ist es aber so, daß es denjenigen, der die Auswahl zu treffen hat, schlicht nicht überzeugte. „Ich drucke nichts, was mir nicht gefällt.“ ist ein Satz, mit dem Verleger so lange punkten können, bis demjenigen, der diesen Satz bejubelt, auffällt, daß damit nicht zwangsläufig immer die anderen gemeint sind. 😉
Letztlich aber, bei allen Möglichkeiten, die insbesondere Konzernen zur Verfügung stehen, ob ein Buch wirklich funktioniert, weiß man immer erst hinterher. Und das wird schwieriger einzuschätzen, je kreativer, je außergewöhnlicher ein Projekt ist.
Kreative und außergewöhnliche Bücher sind nun eine wahre Spezialität des Verlages Hermann Schmidt Mainz und das ist auch der Grund, warum er heute empfohlen wird. Deren Publikationen gelten für mich als lebhafter Beweis dafür, daß nur Verrückte auf die Idee kommen können, einen Verlag zu gründen (bezieht man jetzt noch ein, daß die ganze Branche als hochinzestiös gilt, macht das sogar richtig Sinn).
Mal ein Beispiel:
Schriftwechsel von Stephanie de Jong und Ralf de Jong
Schrift sehen, verstehen, wählen und vermitteln
mit über 150 Illustrationen und Beispielen, 50 ausführlich dargestellten Textschriften und weiteren 200 Schriften im Vergleich
Mit einem fortlaufenden Blindtext aus Anne Cuneos „Garamonds Lehrmeister“

360 Seiten mit perforiertem Satzpiegel, Format 21 x 29,7 cm
Leinenband mit Siebdruck und Prägung mit zweifarbigem Schutzumschlag
und 2 Lesebändchen
Preis: 89 €

Es ist ein Stück weit verrückt, so etwas zu drucken. Genau genommen, kann man nur darauf hoffen, daß es genug Verrückte da draußen gibt, die ein solches Buch kaufen würden. Und auch wenn 89 € nach einer Menge Geld klingt, es müssen etliche sein. (Also ich habe es 😉 ) – und ihr könnt das auch)
Bücher, die bei Hermann Schmidt produziert werden, sind vor allem eines: Wunderschön. Es sind Kunstwerke, egal zu welchem Thema – immer spürt und sieht man die kreative Arbeit, die in jedem Detail steckt. Daß ein Buch weitaus mehr ist als schwarze Buchstaben auf weißem Grund – hier ist das noch erfahrbar. Es ist ein Genuß für Augen, Nase und Hände. Hier ist das Buch ein Sinneserlebnis, man muß gar nicht lesen, um zu genießen.
Es kommt tatsächlich vor, daß ich bei einem Buch wie Lesetypo, gedacht als Hand-, Arbeits- und Lehrbuch, mithin also als eines mit praktischem Nutzen, blätternd einfach nur die leuchtenden Augen streifen lasse über diese Schönheit – ohne auch nur ein Wort bewußt zu lesen.

Ein Buch möchte ich noch einmal gesondert empfehlen, für all diejenigen in der geneigten Leserschaft, die entweder nicht so genau wissen, wie und vor allem: mit wievielen Menschen ein Buch eigentlich produziert wird oder aber anderen, beispielsweise den eigenen Kindern, eben dies nahebringen wollen.
In Das geheime Leben der Bücher vor dem Erscheinen wird genau das erklärt. Ich bin sicher, selbst etliche Buchmenschen werden darin Neues finden – und vor allem: Das Buch hat ein thermosensitives Cover. Das ist toll. Ich lese das Buch gerade mit meiner Tochter, die sich allerdings weit mehr für den Inhalt als für den coolen Effekt interessiert (verstehe einer die Kinder…), was ich wiederum gar nicht schlecht zu finden vermag. Immerhin weiß sie nun, was ein Illustrator oder ein Typograf ist, kennt Schriftenfamilien und ich freue mich bereits auf das wunderbare Kapitel „Ist ‚Sachen verlegen‘ wirklich ein Beruf?“.

Zum Abschluß bleibt mir nur noch, auf die Webpräsenz des Verlages zu verweisen, bei der sich übrigens unter dem Menüpunkt „Leitbild“ ein jeder schnell daran erinnern kann, daß hier tatsächlich Kaufleute am Werke sind. 😉

Und für alle, die das interessiert: Mein erstes Hermann-Schmidt-Buch war übrigens dieses. Lang, lang ist´s her.


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Gachmurets dritte Kulturwoche: Fernsehserie

Fernsehserie: South Park

Als South Park 1999 in Deutschland anlief, erhob sich allerorten Abendlanduntergangsgeschrei ob der angeblich sinnfreien Zusammenstellung diverser Körperflüssigkeiten und entsprechender Worte. Gar nicht erst zu reden von der furchtbaren Brutalität. Die armen Kinder, wenn die sowas sehen.
Nun, zunächst einmal sei dazu gesagt, daß es ein kulturelles Mißverständnis der hiesigen Kulturbeflissenen ist, alles, was irgendwie bunt und animiert daherkommt automatisch mit „Zielgruppe Kinder“ zu belegen. Dabei ist bereits der anarchische, grobe Zeichenstil der SouthPark-macher ein klarer formaler Hinweis darauf, daß hier nicht Guckmaldassüßekleinebambi-Fans angesprochen werden sollen. Bei Faldbakken, Houellebecq oder Hegemann ist das Feuilleton ja auch nicht so zimperlich.
Im Fernsehen wird SouthPark denn auch mit FSK16-Hinweis ausgestrahlt, wenn auch sicherlich nicht, weil man jüngeren Zuschauern das intellektuelle Niveau der Serie nicht zutraut. Es macht dies allerdings auch nur bedingt Sinn, bedenkt man, daß sämliche Folgen problemlos im Netz anzuschauen sind. 😉
Ich selbst fand erst Jahre später zu SouthPark. Zum Serienstart ließ mich die durchaus typische intellektuelle Arroganz des geisteswissenschaftlichen Studenten im Grundstudium (ihr wißt schon: „Ich war schonmal in einem Seminar und habe ein Buch gelesen!“) nur abschätzig die Nase rümpfen. Einen völlig anderen Blick auf diese Zeichentrickserie verdankte ich Michael Moores „Bowling for Columbine„, in dem auch Matt Stone, einem der beiden Schöpfer von South Park, interviewt wurde (Anlaß war der Fakt, daß Stone in Littleton die High School besuchte). Stone erwähnte dabei, daß ein Ziel seiner Arbeit sei, zu zeigen, was wir eigentlich anrichten mit dem seltsamen Gemisch aus Halbwahrheiten, Lügen und Verschweigen, mit dem wir unseren Kindern die Welt zu erklären meinen (er sagte das bestimmt anders, aber so wirkte es auf mich).
Und das ließ mich nachdenken. Und mir den Unsinn einmal ansehen.
Was Stone und Parker dort schaffen, ist nichts weniger als großartig, auch wenn diese Einschätzung sehr viel eher auf die späteren Staffeln als auf die frühen zutrifft. Aber die Serienjunkies in der geneigten Leserschaft wird ein solcher Satz kaum überraschen. 😉
Im Mittelpunkt der Serie stehen Grundschüler aus einem fiktiven kleinen Ort irgendwo in den Bergen der USA. Wie jede Fernsehserie schafft auch SouthPark sein eigenes Universum um einige zentrale Protagonisten, aber ich möchte hier darauf verzichten, da ins Detail zu gehen, weil das vollkommen unnötig ist und ich außerdem denjenigen, die die Serie noch nicht kennen sollten, die Chance lassen möchte, die Charaktere selbst kennenzulernen.
Mit einem treffsicheren Witz, einer präzisen Beobachtungsgabe und einer Lust am Demontieren auch des letzten Tabus gelingt es dem Duo Stone/Parker gekonnt, die Forderungen des Hausheiligen an die Satire zu erfüllen:

Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, also dieses Laster bekämpfe, so kann ich das nicht mit frommen Bibelsprüchen, sondern ich werde es am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes tun, der hoffnungslos betrunken ist. Ich hebe den Vorhang auf, der schonend über die Fäulnis gebreitet war, und sage: »Seht!« – In Deutschland nennt man dergleichen ›Kraßheit‹. Aber Trunksucht ist ein böses Ding, sie schädigt das Volk, und nur schonungslose Wahrheit kann da helfen. […]Übertreibt die Satire? Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.[…]
Was darf die Satire?
Alles.

*

Wer mir bis hierhin nicht glaubte, dem seien nun einige Folgen empfohlen, um sich selbst ein Bild zu machen.
Ich beginne mit einer Episode, die ich für eine der stärksten überhaupt halte. Sie wirkt deshalb besonders intensiv, weil sie exakt auf unsere Erwartungen zielt, wie eine Geschichte zu verlaufen hat.
Stanley´s Cup“ (Staffel 10, Episode 14)

Daß ich Matt Stone vielleicht nicht falsch verstanden habe, mag auch folgende Episode verdeutlichen, die mich bis heute darin bestärkt, im Weihnachtsmann den einzigen Fall stehen zu lassen, in dem ich meinem Kind bewußt die Unwahrheit gesagt habe (und es nagt noch immer, aber es ist andererseits auch nicht leicht, einer Dreijährigen diesen immensen sozialen Druck zumuten zu wollen…)
Zahnfee-Mafia & Co. (Staffel 4, Episode 2)

Das nächste Beispiel zeigt großartig, was passiert, wenn man Kindern irgendwelches Halbwissen präsentiert – die reimen sich den Rest nämlich einfach selbst zusammen. Mit ganz eigenen Ergebnissen. Und einem für meinen Geschmack etwas zu moralinsauren Ende. 😉
Hundemelken (Staffel 5, Episode 7)

Die bösen großen Konzerne machen all die kleinen Läden kaputt. Doch wie sonst gilt auch hier: es gehören immer zwei dazu. Die, die etwas anbieten und diejenigen, die es kaufen. Aber diese Einsicht ist auch nicht so einfach umzusetzen. 😉
Das Böse kommt auf Wall-Marts Sohlen. (Staffel 8, Episode 9)

Eine böse Folge ist diese Episode, in der eine Parabel auf den modernen Popstarrummel erzählt wird.
Britneys neuer Look (Staffel 12, Episode 2)

So, und dann noch ein bißchen Bildungsfernsehen. Ich bin inzwischen der Meinung, daß im Rahmen der 14 Staffeln, die bisher gedreht wurden, wohl alle Themen des postmodernen Lebens abgehandelt wurden. Die vielleicht beste SouthPark-Folge ist die über Scientology.
Schrankgeflüster. (Staffel 9, Episode 12)

Zum Abschluß noch einen kleinen Spaß, meine Lieblingsfolge:
Die Liga der Super Besten Freunde. (Staffel 5, Episode 4) >> Wie ich gerade lese, wurde diese Episode aus absurden Gründen offline gesetzt.

Na gut, dann noch ein paar Tipps in loser Folge:
Ärger mit den Mandeln (S12E01)
Scott Tenorman muss sterben! (S05E01)
Gott ist tot I + II (S10E12+13)

Und noch viele mehr. Mein Favorit ist die Staffel 12, aber auch ansonsten liegt die Fehlgriffquote ab Staffel 5 insgesamt recht niedrig, denn natürlich ist auch bei SouthPark nicht alles perfekt. 😉


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*aus: Was darf die Satire? in: Werke und Briefe: 1919. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 1193ff. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 2, S. 43ff) (c) Rowohlt Verlag http://www.digitale-bibliothek.de/band15.htm

Re: Gachmurets dritte Kulturwoche: Musik

Musik: Zupfgeigenhansel

UPDATE 21.09.2010: Und der zweite Beitrag aus dem Februar (Erstpublikation am 02.02.2010).

Die Sechziger und Siebziger Jahre sind musikalisch von einer großen Folkwelle geprägt, die auch Deutschland erreichte. Hier wurde das Thema „Volkslied“ wieder neu interpretiert, es gab eine Wiederentdeckung alter Schätze, das Genre wurde aus dem Klammergriff von Schlagerindustrie und Schulmusikunterricht befreit. Tatsächlich gab es auf einmal ein breites Publikum, das bereit war, zuzuhören – die Singer-Songwriter hatten hier sozusagen die Schneise geschlagen.
Kurz: Der Zeitgeist war bereit.

Ein kleiner Exkurs noch:
Die Idee, daß es sehr viel mehr kreative Quellen gibt als die öffentliche Wahrnehmung weismachen will, scheint mir gerade heute höchst aktuell. Was dem einen die kanonisierte Volksliedvermittlung, sind dem anderen die Qualitätsmedien. Kreativität breiter Volksschichten gibt es nicht erst seit dem 21. Jahrhundert mit seinen Blogs, Onlinemagazinen und sozialen Plattformen. Die gab es schon immer. Und ebenso wie in allen Jahrhunderten früher wird es auch weiterhin großartige Werke geben, die nie beachtet werden und verschütt gehen, um vielleicht dereinst ausgegraben zu werden – zum Erstaunen späterer Generationen. Gut, back to topic.

Für mich persönlich verbindet sich mit „Volkslied“ zwangsläufig der seltsam harmonische Klang dieses Duos, handelt es sich dabei doch um eine ganz frühe Prägung (ich höre die nun schon seit gut und gerne 20 Jahren). Sie haben eine Frische und ein Einfühlungsvermögen, das ich so nirgenwo sonst wieder gehört habe (und Nein, liebe Liederjan-Fans, auch bei denen nicht 😉 ). Den Revoluzzer von Mühsam, zum Beispiel, könnte ich nicht vorlesen – die Melodie wäre zu prägnant im Kopf. Dabei geht es hier nicht um schönen Gesang im Sinne von technischer Reinheit, denn Volkslieder sind ja Lieder des Volkes. Und das hat keine BelCanto-Ausbildung. Es geht darum, ein Lied zu singen, seine Stimmung zu spüren und auszudrücken. Und das machten Zupfgeigenhansel in meinen Augen perfekt. Eine derart frische, lebendige Interpretation wünschte ich mir bei so etlichen anderen Darbietungen populärer Musik.

Zupfgeigenhansel interpretieren den Begriff „Volkslied“ denn auch etwas weiter als dies der akademische Diskurs tun würde, nicht selten finden sich vertonte Gedichte oder Texte aus dem Untergrund der nationalsozialistischen Zeit darunter. Die Themenvielfalt reicht mithin von den üblichen lüsternen Mönchen und Pfarrern über naive Bauerntöchter und frustrierte Soldaten (hier mal mit Musik) bis zu sehnsüchtigen Kindheitserinnerungen (ganz wunderbare Interpretation übrigens, die Heines großartige Kunst, im romantischen gewande böse zu spotten, hervorragend herüberbringt.) oder dem Suchen nach Hoffnung in dunkler Zeit.

Unglücklicherweise sind nicht allzu viele Tonbeispiele online auffindbar (also, zumindest für mich nicht), so daß einige meiner liebsten Stücke (wie eben das Heine-Lied) hier ungespielt bleiben müssen.
Aber, es genügt doch, um einen Eindruck zu bekommen und die unliebsten Stücke sind es auch nicht, die ich gefunden habe.
Weiterlesen „Re: Gachmurets dritte Kulturwoche: Musik“

Re: Gachmurets dritte Kulturwoche: Kabarett

Kabarett: Marc-Uwe Kling

UPDATE 20.09.2010 Nachdem ich im Februar (Erstpublikation dieses Beitrages war am 01.02.2010) krankheitsbedingt abbrechen musste, hier nun ein neuer Anlauf. Die beiden Eröffnungsbeiträge sind also reine Republikationen, was aber ja nicht heißt, daß man sie nicht noch einmal lesen kann. 😉

Nun denn, nach einigen Wochen Ruhe im Notizblog, soll es nun wieder einmal Schlag auf Schlag gehen. Ich präsentiere der geneigten Leserschaft: Gachmurets dritte Kulturwoche.
Und traditionsgemäß eröffne ich diese mit einem Kabarettisten.

Marc-Uwe Kling ist aufmerksamen Lesern dieses Blogs ja bereits bekannt. Ich schätze an ihm besonders seine Originalität. Es gelingt ihm, die ja letztlich doch immer gleichen Themen und Muster des politischen Kabaretts so in Szene zu setzen, daß sie neu wirken.
Dabei ist sicherlich hilfreich, daß er äußerst vielfältig unterwegs ist. Er hat eine Radiokolumne (über die noch zu sprechen sein wird), seine Programme sind mindestens zur Hälfte mit Musik gefüllt und er betreibt seit Jahren eine PoetrySlam-Bühne (und tritt natürlich auch selbst bei Slams auf).

Aber vielleicht lasse ich ihn mal lieber selbst wirken.

Was ich bei Kabarettisten besonders wichtig finde, ist, daß sie nicht einfach billige Rundumschläge auf „die da oben“ verteilen, denn das kann die „Bild“ auch, sondern einen klaren Standpunkt beziehen. Und an Klarheit läßt Herr Kling hier zum Beispiel wenig zu wünschen übrig. Politisches Kabarett soll unter anderem ja auch Ventil sein:

Nun noch ein paar Worte zu seiner RadioKolumne bei Radio Fritz, die inzwischen auch in Buchform erhältlich ist. Kling erzählt dort von seinen Erlebnissen mit einem kommunistischen Känguru, das Bestandteil der 2er-WG ist, in der er lebt. Das ergibt durchaus bizarre Situationen, ist aber immer treffend – und wunderbar böse. Hier mal ein Beispiel solcher Ereignisse:

Jörg Dwix*

Zum Abschluß noch der Verweis auf Marc-Uwe Klings Webpräsenz.


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*20.09.10: Der Link ist neu. Was auch immer da ursprünglich verlinkt war, es ist nicht mehr auffindbar.

Das Buch zum Sonntag (61)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Alan Alexander Milne: Pu der Bär

Ein häufige Entwicklung in der Literaturrezeption ist das „Wandern nach unten“, womit ich meine, daß Bücher, die ursprünglich einem erwachsenen Publikum galten (Das Genre der Kinderliteratur ist weitaus jünger als man glauben mag), im Laufe der Jahrzehnte zu Jugend- oder gar Kinderliteratur wurden. Alexandre Dumas wäre da ein Beispiel, Jules Verne ein anderes. Jonathan Swift ist ein besonders krasses Beispiel, aber auch James Fenimoore Coopers erste Leser waren weitaus älter als das heutige Durchschnittsleseeintrittsalter* für diesen Autor. Hierzu noch ein kleiner Exkurs: Mir fiel auf, daß die Rezeption Melvilles hierzulande etwas schizophren ist. Einerseits gilt „Moby Dick“, wahrscheinlich zu Recht, als einer der bedeutendsten Romane der Weltliteratur und werden Übersetzungsprojekte entsprechend kritisch vom Großfeuilleton begleitet, gleichzeitig aber gibt es regalmeterweise Kinderbuchklassikerausgaben, gekürzt, bearbeitet, nacherzählt. Was soll das? Es gibt wahrhaft genug exzellente Kinderliteratur, da müssen wir nicht eine spätere Rezeption klassischer Werke durch ein, sicher wohlmeinendes, Zurechtstutzen verhindern. Denn bitte schön, wer „Moby Dick“ zehnjährig als AbenteuerKinderBuchAusgabe gelesen hat, dessen Bild ist doch geprägt. Dann noch einen anderen Zugang zu finden, geschweige denn dafür überhaupt eine Motivation aufzubringen, dürfte schwierig sein und selten geschehen.

Es kommt aber auch vor, daß eine entgegengesetzte Wanderung stattfindet. Kinderliteratur, die auch, manchmal sogar bevorzugt, von Erwachsenen gelesen wird. Joanne K. Rowling wäre da ein naheliegendes Beispiel, deren Rezepienten wohl zu einem erheblichen, wenn nicht sogar überwiegenden Teil jenseits der Volljährigkeit zu suchen sind. „Pu der Bär“, vor inzwischen 84 Jahren erschienen, gehört ebenfalls in diese Kategorie.
Was Milne auszeichnet, ist eine sehr genaue Beobachtungsgabe und ein ganz feiner Humor. Im Mittelpunkt der Geschichten steht Pu-der-Bär, „ein Bär von sehr geringem Verstand“, der mit den verschiedensten Bewohnern des Hundert-Morgen-Waldes in Freundschaft zu leben versteht und der eine ganz wunderbare Eigenschaft besitzt: Alle so zu akzeptieren, wie sie eben sind. Mögen sie nun besserwisserisch, ängstlich oder dauerdeprimiert sein.

Hier kommt nun Eduard Bär die Treppe herunter, rumpel-di-pumpel, auf dem Hinterkopf, hinter Christopher Robin. Es ist dies, soweit er weiß, die einzige Art, treppab zu gehen, aber manchmal hat er das Gefühl, als gäbe es in Wirklichkeit noch eine andere Art, wenn er nur mal einen Augenblick lang mit dem Gerumpel aufhören und darüber nachdenken könnte. Und dann hat er das Gefühl, daß es vielleicht keine andere Art gibt. Jedenfalls ist er jetzt unten angekommen und bereit dir vorgestellt zu werden. Winnie-der-Pu.

(S. 13)**

Vor der Projektionsfläche „Pu“ läßt Milne nun ein ganzes Panoptikum höchst bemerkenswerter Figuren auftreten. Auf mich machen sie den Eindruck einer Interpretation der Welt, wie sie Kindern zu eigen sein mag. So lassen sich denn in Eule, Kaninchen, I-Ah und wie sie alle heißen mögen, Karikaturen der Welt erkennen – oder eben einfach das, was in Kinderaugen davon ankommen mag. Was eben auch bedeutet, daß wir es hier keineswegs nur mit knuddeligen Liebhabekuscheltieren zu tun haben. Keineswegs sind alle Charaktere liebenswert (es gibt sogar welche, die ich rein gar nicht mag) und trotzdem wirkt die Welt irgendwie in Ordnung. Und das liegt zu einem erheblichen Teil am namengebenden Bären, der mit Verweis auf seinen geringen Verstand Dinge und Vorgänge, die er nicht versteht, einfach hinnimmt. Ein wahrlich kindliches Gemüt.
Mein persönlicher Favorit ist I-Ah, ein stets deprimierter Esel. Den möchte ich einmal kurz vorstellen:

I-Ah, der alte graue Esel, stand am Bach und betrachtete sich im Wasser.
„Ein Bild des Jammers“, sagte er. „Genau. Ein Bild des Jammers.“ Er drehte sich um und ging langsam zwanzig Meter am Bach entlang, durchquerte ihn platschend und ging langsam auf der anderen Seite wieder zurück.
„Wie ich mir gedacht hatte“, sagte er. „Von dieser Seite auch nicht besser. Aber das stört niemanden. Es macht keinem was aus. Ein Bild des Jammers, aber genau.“
Es raschelte im Farn hinter ihm, und heraus kam Pu.
„Guten Morgen, I-Ah“, sagte Pu.
„Guten Morgen, Pu Bär“, sagte I-Ah düster. „Falls es ein guter Morgen ist„, sagte er. „Was ich bezweifle“, sagte er.
„Warum, was ist denn los?“
„Nichts, Pu Bär, nichts. Nicht jeder kann es, und mancher läßt es ganz. Das ist der ganze Witz.“
„Nicht jeder kann was?“ sagte Pu und rieb sich die Nase.
„Frohsinn. Gesang und Tanz. Ringel Ringel Rosen. Darf ich bitten, mein Fräulein.“
„Aha!“ sagte Pu. Er dachte lange nach und fragte dann:
„Was sind Ringelrosen?“
„Bonno-Mi“, fuhr I-Ah düster fort. „Französisches Wort; bedeutet soviel wie Bonhomie“, erläuterte er. „Ich beklage mich ja gar nicht, aber so ist es nun mal.“

(S. 77f.)

Ja, es ist nicht so einfach mit I-Ah. Erst recht für einen Bären von sehr geringem Verstand.
Es braucht aber nicht immer eines großen Verstandes, um auf die richtige Lösung zu kommen. Daher noch eine Stelle, die sich an die Szene eben anschließt und deren letzter Satz schon seit Jahren fester Bestandteil meiner gelegentlich angebrachter Sentenzen ist:

„Ich habe gerade I-Ah gesehen“, begann er, „und der arme I-Ah ist in einem sehr traurigen Zustand, weil er heute Geburtstag hat, und niemand hat davon Notiz genommen, und er ist sehr düster – du weißt ja, wie I-Ah ist -, und da stand er nun, und… Erstaunlich, wie lange wer-auch-immer-hier-wohnt braucht, um an die Tür zu gehen.“ Und er klopfte noch einmal.
„Aber, Pu!“ sagte Ferkel. „Das ist doch dein Haus!“
„Oh!“ sagte Pu. „Mein Haus“, sagte er. Dann wollen wir doch mal eintreten.“
Also traten sie ein. Als erstes ging Pu an den Schrank, um zu sehen, ob er noch einen ganz kleinen Topf Honig übrig hatte; er hatte noch einen, und er nahm ihn aus dem Schrank.
„Dies werde ich I-Ah schenken“, erklärte er, „als Geschenk. Was wirst du ihm schenken?“
„Könnte ich es nicht mitschenken?“ sagte Ferkel. „Von uns beiden?“
„Nein“, sagte Pu. „Das wäre kein guter Plan.“
„Na gut, dann schenke ich ihm einen Ballon. Ich habe noch einen von meiner Party übrig. Ich gehe jetzt los und hole ihn, ja?“
„Das, Ferkel, ist eine sehr gute Idee. Das ist genau as, was sich I-Ah zur Aufheiterung wünscht. Niemand kann mit einem Ballon unaufgeheitert bleiben.“

(S. 81ff.)

Niemand kann mit einem Ballon unaufgeheitert bleiben. So isses.
Also, liebe geneigte Leserschaft, öffnet eure Herzen und laßt diesen Bären ein. Ihr werdet es nicht bereuen. Auch wenn meine Empfehlung nicht immer so geklungen haben mag, dieses Büchlein ist derartig kitschfrei wie es keineswegs selbstverständlich für Kinderliteratur ist. Selbst Disney hat es nicht geschafft, die Charaktere kaputt zu kriegen. Und vielleicht liegt da auch der Schlüssel für die andauernde Begeisterung, die dieses Buch hervorruft.

Natürlich soll auch heute der Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben

nicht fehlen, allerdings dieses Mal mit einem dringenden Hinweis:
Ausnahmsweise sei empfohlen, das Buch nicht zuerst selbst zu lesen, sondern es sich vom grandios lesenden Harry Rowohlt vorlesen zu lassen.


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*tolles Wort, was?
zitiert nach: Milne, A.A.: Pu der Bär. übersetzt von Harry Rowohlt. dtv München. 3. Auflage 1997.

Das Buch zum Sonntag (60)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Juli Zeh: Adler und Engel

Juli Zeh halte ich für eine der interessantesten jüngeren Schriftstellerinnen, weshalb sie hier bereits auch schon sehr zeitig einmal empfohlen wurde. Und wie seinerzeit versprochen, so soll auch ihr Debutroman in dieser beliebten Wochenendrubrik eine Rolle spielen. Wie das manchmal so geht im Buchhändlerleben, trudelte das Buch als Leseexemplar anläßlich der Taschenbuchausgabe in der Buchhandlung ein. Im Jahre 2003 lebten wir noch in der großen Zeit, als kleine pelzige Wesen von Alpha Centauri noch richtige kleine pelzige Wesen von Alpha Centauri waren und also die Publikumsverlage noch nicht ausschließlich die 25. Variante ihrer bereits hinlänglich bekannten Bücher bewarben, so daß es dem geneigten Buchhändler also durchaus noch gelingen konnte, Interessantes oder Neues aus der LEX-Kiste zu fischen. Nun war die damals immerhin schon mit dem Deutschen Bücherpreis dekorierte Frau Zeh keine wahre Neuentdeckung mehr, aber immerhin: Ich hatte sie noch nicht gelesen.
Was ich dann las, beeindruckte mich nachhaltig.
In meiner mir selbst zusammengebauten Idealwelt fördert das juristische Studium ein genaues, exaktes und konsequentes Denken. Das Debüt der Juristin J. Zeh taugt zumindest nicht als Gegenbeweis.
Sie erzählt uns von Max, einem keineswegs erfolglosen Anwalt, der durch den Tod seiner Freundin Jessie völlig aus der Bahn geworfen wurde und nun, zurückgeworfen auf sich selbst, mit dem Leben abgeschlossen zu haben meint. In diese Situation nun platzt die Radiomoderatorin Clara.
Und eh jetzt in der geneigten Leserschaft ein falsches Bild entsteht („Agathe liebkoste die entblätterte Rose und ließ sich auch durch das Zureden des Assessors von Waldern nicht trösten… Seite 95″*), ein erstes Zitat:

Aber sie hat diese unverkennbare Stimme, deren beleidigter Klang sich immer auf die Ungerechtigkeit der Welt im Ganzen zu beziehen scheint, während sie den albernen Geschichten ihre Anrufer zuhört. Es sind vor allem Männer. Sie hört sie an und macht ab und zu Hmhm-hmhm, dasselbe tiefe, brummende Hmhm, mit dem ihre Mütter sie in den Armen gewiegt haben. Manche fangen an zu heulen. Ich nicht. Dafür begeisterte mich von Anfang an die unglaubliche Kälte, mit der sie ihre schluchzenden Anrufer mitten im Satz abwürgt, wenn sie die vorgeschriebenen drei Minuten Sprechzeit überschritten haben. Sie muss grausamer sein als die Inquisition. Schon vor Monaten, lange bevor ich selbst eine alberne Story zu erzählen hatte, habe ich mir angewöhnt, sie Mittwoch- und Sonntagnacht einzuschalten.

(S. 10)**

Clara also taucht einfach bei ihm auf und was nun folgt ist eine wilde Reise durch Europa und Maxens Vergangenheit, die dieser keineswegs freiwillig unternimmt, sondern von der unbeirrbaren Clara, die auf der Suche nach der ganzen „albernen Geschichte“ ist, getrieben wird. Denn auch Psychologinnen müssen mal eine Diplomarbeit schreiben.
Die sich in vielen Rückblenden stückweise offenbarende Geschichte des Aufstiegs und Falls eines talentierten Völkerrechtlers ist geradezu bizarr, sehr verworren und bevölkert mit höchst merkwürdigen Figuren. Kaum geeignet als entspannende Feierabendlektüre, verschont uns die Autorin mit keinem Drogenexzeß ihres Protagonisten, mit keiner Brutalität seines Erlebens und Handelns. Kompromißlos wird hier erzählt, nicht detailarm, aber ohne unnötiges Abschweifen ins Ungefähre, Unbestimmte. Damit gelingt es ihr, einen sehr dichten Roman zu schreiben, dessen Lesegewinn für Spannungsliteratur eher untypisch ist. Keineswegs macht es den Hauptreiz aus, die Geschichte zu entwirren, die Fäden aufzudröseln und das Puzzle zusammenzusetzen – es sind eher die unzähligen Denkanstöße, die Frau Zeh dem geneigten Lesenden mitgibt. Immer wieder taucht ein neuer Aspekt auf, über den nachzudenken lohnt, so daß am Ende der Eindruck entsteht, weit mehr als nur ein Buch gelesen zu haben (also, wer mag, kann sich hier zum Beispiel auch einige profunde Kenntnisse des Völkerrechts abholen…)

Ich starre ihr ins Gesicht. Sie trampelt von einem Fuß auf den anderen. Sie regt mich auf, als wäre sie eins von Jessie und Shershahs nicht im Brunnen ertrunkenen Kindern und ich nicht dazu berechtigt, ihr den Hals umzudrehen.
Ich mache es, sage ich, wenn du auf der Stelle dein stinkendes T-Shirt und deinen BH ausziehst und nackt drei Mal auf und nieder hüpfst.
Sie hört sofort auf zu trampeln.
Was soll denn der Scheiß, fragt sie, erregt dich das irgendwie körperlich?
Unsinn, sage ich, du bist schon im bekleideten Zustand in der Lage, alle männliche Potenz im Umkreis von hundert Metern zu vernichten.
Soweit ich weiß, sagt sie, ist das bei dir gar nicht mehr nötig.
Stimmt genau, sage ich, folglich habe ich nichts zu verlieren. Ich will mir nur noch einmal klar vor Augen führen, dass du wirklich nicht den geringsten Funken Selbstachtung besitzt.
Ach so, sagt sie, das kannst du gerne haben.

(S. 194)

Grenzen und wann und wie sie zu überschreiten sind, was Regeln eigentlich für das gesellschaftliche und persönliche Miteinander bedeuten und was sie wie lange aushalten – ein Themenkreis, von dem sich durchaus behaupten läßt, daß er in Juli Zehs Werk eine zentrale Rolle einnimmt. Spannend bei ihr ist, daß sie das sehr genau und sehr tiefgründig auslotet. Sie selbst läßt ihre Figuren Grenzen überschreiten, um zu beobachten, was dann geschieht. Interessanterweise aber ohne dabei selbst die Kontrolle abzugeben.
Letztlich bleibt für mich „Adler und Engel“ eine Leseerfahrung, die durchaus physisch zu beschreiben wäre (ihr wißt schon, „umhauen“, „wegziehen“ und so weiter) und der Eintritt in die Denkwelt einer faszinierenden Autorin.
Und zum Schluß noch einmal eine Szene, die mir auch nach 7 Jahren nicht aus dem Kopf will:

Du willst ein Zimmer deiner eigenen Wohnung nie wieder betreten, fragt sie, und das in einer Drei-Zimmer-Wohnung?
Halts Maul, brülle ich.
Ich lasse eine Hand lach auf den Tisch fallen, dass der Kaffeelöffel auf den Boden hüpft.
Dann hast Du nir noch zwei Zimmer, sagt sie.
Nur noch eins, flüstere ich, es sit in einem Durchgangszimmer passiert.
Das solltest du dir noch einmal überlegen, sagt sie.
Ich erhebe mich leicht von meinem Stuhl, um besser ausholen zu können, und schlage ihr mit dem Handrücken quer über den Mund. Ihr Kopf wird zur Seite geschleudert, und der Zopf, den sie gerade erst locker zusammengebunden hatt, löst sich unterwegs, die Haare fliegen durch die Luft und fallen wirr über Gesicht und Schultern. In Zeitlupe hätte das mit Sicherheit gut ausgesehen. Wie eine Shampoo-Werbung. Ich stehe auf und gehe zum Fenster, um ihr Zeit zu geben, ihr Haar wieder in Ordnung zu bringen. Rechts unten in der Ecke sind drei Marienkäfer in einem tüllartigen Spinnennetz verendet, alle mit der gleichen Anzahl von Punkten auf dem Rücken. Ich frage mich, ob irgendeine Spinne auf der Welt in der Lage ist, an das Weiche, Essbare in ihrem Inneren heranzukommen.

(S. 15f.)

Wie sehr leicht zu erkennen, keine Lektüre für die Freunde feinfühliger Jane-Austen-Romane. Lieferbar ist der Roman in

diesen Ausgaben.


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*aus: Kreuzworträtsel mit Gewalt. in: Werke und Briefe: 1930. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 7608 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 8, S. 185)
zitiert nach: Zeh, Juli: Adler und Engel. btb bei Goldmann. München 2003

Das Buch zum Sonntag (59)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Joachim Wilhelm von Brawe: Brutus

Bühnenwerke gehören auf die Bühne. Nur wenige Menschen kämen auf die Idee, vor Besuch eines Lichtspielhauses sich zunächst einmal das Drehbuch zu besorgen und dieses intensiv zu lesen, zu interpretieren und überhaupt mal so richtig durchzuarbeiten. Nein, wenn überhaupt, dann findet solch tiefgehende Rezeption erst nach dem Filmbesuch statt, weil der Film entsprechend beeindruckte oder eben sonst ein weitergehendes Interesse verursachte.
Generationen von Schülern aber lesen Schillers „Kabale und Liebe“ von vorne bis hinten, in verteilten Rollen, abschnittsweise und unter wohlmeinender Begleitung von Königs Erläuterungen (bitte ggf. durch die jeweils bevorzugte Interpretationshilfe ersetzen). Da wird also intensiv das Drama durchleuchtet und wenn die Schüler schon brav waren, dann dürfen sie das auf diese Weise bereits gedanklich sezierte Stück auch mal im Theater sehen. Woraufhin sich die Lehrenden wundern, daß bei den wenigsten sich Begeisterung einstellen mag. Was natürlich an der schlimmen Jugend liegt, die mal wieder kein Verständnis für wahre Kunst hat. Ich behaupte aber im Gegenzug: Würden die Schüler zu jeder gelesenen Szene ein Bild im Kopf haben, die Worte beim Lesen im Kopf verbinden können mit der Darstellung auf der Bühne – dann stellte sich ein ganz anderer Umgang mit dem Stück ein. Weil selbstverständlich der Eindruck ein ganz anderer ist. Kopf und Herz sind noch frei und empfänglich für die Schauspielkunst und noch nicht besetzt von germanistischen Interpretationsdiskursen. Was nebenbei gerade bei Schiller, der doch so auf die Empfänglichkeit des Zuschauers setzt, überaus tragisch ist. Aber gut, man kann vielleicht nicht von jedem erwarten, daß er die Interpretationen, die er predigt, vorher auch schon mal verstanden hat.

Insofern mag es die geneigte Leserschaft also verwundern, daß ich heute ein Drama zur Lektüre empfehle. Ich täte dies auch nicht, läge seine letzte Aufführung nicht bereits über 200 Jahre zurück und bestünde ernsthafte Aussicht, daß eine Wiederaufführung in naher Zukunft zu erwarten wäre. Vor die Wahl gestellt zwischen Lesen oder gar nicht erst zur Kenntnis nehmen, erstrahlt das Lesen natürlich mit wunderbarer Gloriole.
Von Joachim Wilhelm von Brawe gibt es zwei Dramen, den „Freygeist“ und eben den „Brutus“. Während es der „Freygeist“ in das Repertoire vieler deutscher Bühnen seiner Zeit schaffte, blieb vergleichbarer Ruhm seinem Zweitwerk verwehrt. Doch dazu später mehr.
Im „Brutus“ erzählt Brawe die Geschichte eines Mannes, der sich als Rächer eines von einem übermächtigen Imperium unterdrückten Volkes sieht, sich zu diesem Behufe in eben jenes integriert, als Bürger Vertrauen gewinnt, um dann in einer entscheidenden Situation mit einer einzigen Aktion Rache zu üben, dabei sein eigenes Leben opfernd.
Nicht gerade das typische Setting des Aufklärungsdramas, nicht wahr? Und genau deshalb verdient es weit mehr Aufmerksamkeit als die, zugegebener Maßen steigende, Beachtung in literaturhistorischen Zirkeln.
Was Brawe hier in seiner Verquickung von Gründungsmythen, Sendungsbewußtsein und persönlichen Konflikten anstellt, ist höchst faszinierend. Die Guten und Wahrhaften, die strahlenden Helden sind hier überhaupt nicht mehr vorhanden. Ein jeder irrt, fehlt und richtet Unheil an. Er zeichnet das Bild einer sich im scheinbaren Abwehrkampf gegen zerstörerische Tendenzen selbst zerstörenden Welt, in der jeder meint, die einzige Wahrheit zu kennen und bereit ist, diese durchzusetzen.

[…]Versöhnst Du so
Den Zorn, den deine Weichlichkeit gereizt,
Vermeßner? sprichst du durch dieß freche Lob
Noch meinem Hasse Hohn? Ruft nicht das Blut,
Das in dir glüht, zur Rache dich? War es
In jenem Krieg´, als Roms unmenschlich Joch
Italien zum alten Muthe zwang,
Nicht Brutus Vater, der mein ganz Geschlecht
Vertilgte, weil es nicht der Römer Stolz
Vergötternd ehrte, weil ihm der Geist
Des freyen Samniums erwachte? – Tag
Des Grauns! Verhaßter Tag! als dieser Held,
Mein Vater, und um ihn ein blühend Chor
Ihm gleicher Söhne von dem stolzen Beil,
Das schon so oft vom Mord der Edelsten
Geraucht, ertödtet fielen, als mich selbst
Die glückliche Verachtung kaum erhielt,
Die meine Kindheit traf, als mich das Blut
Des Vaters überfloß, und Rache bat.
O Tag! Nein, dich vergeß ich nie – […]

(I/6, 231-249)*

Zum Zeitpunkt des Geschehens (wir befinden uns im Vorfeld der Schlacht bei Philippi) liegen diese Ereignisse nun schon knapp ein halbes Jahrhundert zurück, aber solche Kleinigkeiten hindern ja auch heute niemanden daran, sich Gründe für seinen überbordenden Haß zurechtzulegen.
Und auch heute noch finden sich Leute, die auf ihre superschlauen Pläne, mit denen sie die Offenheit und Toleranz einer Gesellschaft zu ihren Zwecken ausnutzen, furchtbar stolz sind (selten übrigens macht diese Formulierung derart Sinn):

[…]Erblick in mir
Der Römer größten Feind, den Samnier.
Ihr schläfertet zu niederträchtger Ruh
Und feigem Frieden zwar Italien,
Durch eure Tyranney empöret, ein;
Gehorsam trug ihr Joch die Erde: nur
Nicht ich; in mir nur lebte noch der Krieg,
Dem hofnungslos die Nationen feig´
Entsagten. Euch bekämpfte nur verdeckt
Mein Haß, da öffentlich stets wider ihn
Roms stolzer Genius den Sieg erstritt.
Mir war dieß stolze Bürgerrecht, das ihr
Mir gabt, zu eurem Fall ein günstger Weg.
Ich säete durch eifersüchtge Furcht
Zukünftgen Krieg in eurer Großen Herz.

(IV/7, 1270-1284)

In den Nachrufen auf den gerade einmal zwanzigjährig verstorbenen Dramatiker wurde das zeitige Ableben eines der größten Talente seiner Zeit betrauert. Und auch wenn ich nach dem „Brutus“ geneigt bin, zu glauben, daß er es nicht leicht gehabt hätte. Denn ob das durch Tucholsky vermittelte Credo Jacobsohns, Erfolg sei Mißverständnis, auch für das 18. Jahrhundert gilt, vermag ich nicht zu beurteilen, auf jeden Fall aber gilt es für den Mißerfolg. Damals wie heute. Und nach allem, was ich bisher über die zeitgenössische Rezeption lesen konnte, deutet doch vieles darauf hin, daß Brawes Hang zum „genialisch-fundamentalistischen Rächer“** auf Dauer wenig Verständnis seines bürgerlichen Publikums erwarten durfte. Nach der Lektüre des „Brutus“ jedenfalls bedauerte ich sein frühes Versterben durchaus auch aus egoistischen Motiven: Ich hätte gar zu gerne noch mehr von ihm gelesen – oder gar gesehen.
Schließen möchte ich mit einem Zitat aus dem Nachwort der 2007er Ausgabe des „Brutus“:

Lessing´scher Humor oder eine ähnliche Brechung sucht man in den Stücken Brawes vergebens, denn er ist in der Umsetzung seiner thematischen Obsession radikal. Wo gerächt wird, gibt es nichts zu lachen.

(S.87)

Und natürlich für die kaufwilligen Lesenden auch einen Verweis auf die

lieferbare Ausgabe.


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*zitiert nach: Brawe, J.W.v.: Brutus. Ille & Riemer. Leipzig/Weißenfels 2007
**Frank Fischer

Das Buch zum Sonntag (58)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Gaius Iulius Caesar: Der gallische Krieg

Die Eroberung Galliens durch die römischen Truppen unter Caesar ist ja hinlänglich bekannt. „Ganz Gallien ist von den Römern besetzt…“ bis auf ein paar übermütige gallier, die den römischen Helden mit „Morgen, Julius!“ begrüßen und im Übrigen Herakles für einen Milchmann halten.
Ehe allerdings die bekannten französischen Historiker Goscinny und Uderzo zu ihrer überzeugenden Darstellung der Ereignisse im Jahre 50 v.u.Z. gelangten, bedurfte es eines umfangreichen Quellenstudiums. Eine der spannendsten Quellen und ein auch außerhalb des unmittelbaren historischen Interesses unbedingt zu empfehlendes Werk sind die Commentarii de Bello Gallico des Prokonsuls Caesar.
Da es sich hier nicht um ein origenes literarisches Werk handelt, ein paar wenige Hintergrundinformationen, die helfen, die Großartigkeit dieser Schrift zu erkennen.
Caesar war für 5 Jahre als Statthalter* in Gallia Cisalpina (so in etwa das heutige Norditalien und ein Stück Istrien) und Gallia Narbonensis (das ist so ziemlich die heutige Provence) eingesetzt. Der Regst dessen, was im heutigen Gedächtnis als „Ganz Gallien“ firmiert, war zu diesem Zeitpunkt (58 v.u.Z.) noch frei von römischer Herrschaft und buntes Stammesgebiet. Nun bestand die Hauptaufgabe von Statthaltern in Grenzprovinzen vorrangig im Schutz des Imperiums, den Caesar aber etwas weitgehend interpretierte. Er nutze die erstbeste Gelegenheit, um einem mit Rom befreundeten Gallierstamm zu Hilfe zu eilen, als dieser von einem anderen Stamm angegriffen wurde. Natürlich diente das ausschließlich dem Schutze Roms und nach erfolgreichem Zurückschlagen der Angreifer in ihr angestammtes Gebiet** blieb er dann gleich mal da. Nur zum Schutz natürlich. Eine Methode, die auch heutige Imperien noch gerne verwenden. Wenn sie einmal da sind, wird man sie nur schwer wieder los.
Caesar hatte allerdings in Rom nicht nur Freunde, was der Endpunkt seiner Biographie ja auch nahe legt, und war zudem verpflichtet, dem Senat daheim über seine Tätigkeit zu berichten. Aus diesen Berichten nun entstand das heute empfohlene Werk. Mit dem Wissen im Hintergrund, daß hier jemand sein keineswegs im Einklang mit geltendem Recht stehendes Verhalten zu rechtfetigen sucht, ließt sich das ganze noch einmal vergnüglicher.

Von all diesen sind die Belger die tapfersten, weil sie von der Verfeinerung und Kultur unserer Provinz am weitesten entfernt sind, nur ganz selten Kaufleute zu ihnen kommen und verweichlichende Waren einführen, auch weil sie nächste Nachbarn der Germanen rechts des Rheins sind, mit denen sie ständig Krieg führen. Aus diesem Grund sind auch die Helvetier tapferer als die übrigen Gallier, da sie fast täglich in Gefechte mit den Germanen verwickelt sind, indem sie diese von ihren Grenzen abwehren oder selbst in deren Land Krieg führen.

(S. 7)

Neben einer gelungenen Ohrfeige für die Senatoren daheim, deren Lebensführung ja noch weitaus verfeienerter und kultivierter ist als diejenige in der Provinz, zeichnet uns GI Caesar in wenigen Worten ein wahres Schreckensbild der Bewohner dieses barbarischen Galliens. Die Leute dort haben also nichts anderes zu tun, als sich permanent mit den schrecklichen germanen zu prügeln und die Helvetier gar noch fast täglich, ja noch schlimmer, die wagen es sogar, sie anzugreifen. Man hat den Schauder der gutmütigen Senatoren geradezu bildlich vor Augen. Diese Barbaren…
In den folgenden Kapiteln wird dieses Bild der kriegslüsternen und verräterischen Helvetier weiter gestrickt, der unaufmerksame Leser wird schnell den Eindruck gewinnen, bei ihnen handele es sich um pathologische Brandstifter, die nur darauf warteten, dem römischen Reich oder seinen Verbündeten zu schaden und überhaupt eine Gefahr für den Weltfrieden darstellen.
Was die Jungs aus den Schweizer Bergen tatsächlich wollten, war ein neues Siedlungsgebiet zu finden, wozu sie in Verhandlungen mit diversen gallischen Stämmen standen. Liest sich beim guten Caesar allerdings nur zwischen den Zeilen, was allerdings das intellektuelle Vergnügen beim Dechiffrieren erhöht.

Da sie allein die Sequaner nicht bereden konnten, schickten sie Gesandte an den Häduer Dumnorix, um durch seine Fürsprache von ihnen die Erlaubnis zu erhalten. Dumnorix besaß durch Beliebtheit und Freigebigkeit bei den Sequanern großen Einfluß und war auch ein Freund der Helvetier, weil er aus ihrem Stamm die Tochter des Orgetorix geheiratet hatte; und da er die Königswürde anstrebte, wünschte er einen Umsturz und wollte sich möglichst viele Stämme durch persönliche Gefälligkeit verpflichten. Er übernahm also den Auftrag, bestimmte die Sequaner, die Helvetier durch irh Gebiet ziehen zu lassen, und veranlaßte sie, Geiseln untereinander auszutauschen, die Squaner für ungehinderten Durchzug der Helvetier, die Helvetier für einen Marsch ohne Gewalt und Rechtsverletzung.

(S. 17)

Böse Ränke werden da also geschmiedet, hinterhältige Ehrgeizlinge bestechen fremde Stämme zur Erlangung persönlicher Vorteile. Und das alles vor den Augen Roms. Gruselig. Da kann es nur eine Reaktion geben:

Caesar erhält Nachricht, die Helvetier wollten durch das Land der Sequaner und Häduer ins Gebiet der Santoner ziehen, die in der Nachbarschaft von Tolosa wohnen, das schon zur Proviinz gehört. Damit war, wie er erkannte, die große Gefahr für die Provinz verbunden, kriegslustige Menschen und feinde des römischen Volkes in einer sehr fruchtbaren Gegend mit offenen Grenzen als Nachbarn zu bekommen. Er übergibt deshalb den Oberbefehl über die angelegte Befestigung dem Legaten Titus Labienus und eilt selbst in großen Tagesstrecken nach Oberitalien. Hier hebt er zwei Legionen aus, führt drei Legionen aus den Winterquartieren bei Aquileia und eilt mit diesen fünf Legionen auf kürzestem Weg über die Alpen ins jenseitige Gallien. In den Alpen besetzten die Keutronen, Graiokeler und Katurigen beherrschende Punkte und versuchten, dem Heer den Weg zu versperren. Caesar schlug sie in mehreren Gefechten und kam von Ocelum, dem letzten Ort der diesseitigen Provinz, nach sechs Tagen ins Gebiet der Vokontier im jenseitigen Gallien;

(S. 17)

Puh. Da hat Rom aber nochmal Glück gehabt, daß dieser Caesar da so schnell reagiert hat. Und bemerkt man die Hinterhältigkeit der gallier nicht auch daran, daß sie sich ihm in den Weg stellen wollten, als er zur Rettung Roms mal eben schnell durch ihr Gebiet musste? Ganz üble Burschen.
Beinahe hätten doch da die Gallier eine gallische Angelegenheit nach gallischer Sitte untereinander geregelt. Das geht ja mal gar nicht. Da blieb Caesar gar keine andere Wahl, hier waren klar römische Interessen in Gefahr, da musste man eben auch mal ein paar Verträge ignorieren, sonst würden die verräterischen und vertragsbrüchigen Helvetier ja ganz in der Nähe von Nachbarn wohnen.

Man darf davon ausgehen, daß nicht alle Senatoren auf Caesars Vernebelungstaktik hereinfielen, aber ich bin sicher, bei etlichen verfehlte seine Rhetorik ihre Wirkung nicht. Und mir jedenfalls ist es immer eine freude, wenn ich ihn erwische und mir denke: „Moment mal, da war doch aber…“)
Was im oben zitierten Beispiel auch recht deutlich wird, ist Caesars präziser, schnörkelloser Stil (übrigens: immer in der dritten Person – es handelt sich ja auch ganz klar um den sachlichen bericht eines Außenstehenden 😉 ). Der macht vor allem dann Spaß, wenn die Geschehnisse an Fahrt gewinnen, denn dann geht es auch im Text Schlag auf Schlag. Und Verhandlungen wirken zwar im Vergleich durchaus zäh, bleiben aber stets gut lesbar. Bemerkenswert finde ich auch seinen konsequenten Verzicht auf Umschreibungen oder Synonyme aus stilistischen gründen. Nö, wenn aufgebrochen wird, dann wird eben aufgebrochen. Da reist man nicht ab oder begibt sich woanders hin – nein, man bricht auf. Für Sprachästheten sicher grenzwertig, aber die können sich ja gerne Alternativen denken.
Was übrigens für Lateinschüler den Vorteil hat, daß die Hälfte des Textes schon mal übersetzt ist, wenn man einmal „proficisci“ kapiert hat. 😉

In Sachen Selbstbeweihräucherung ist mir der Churchill zwar näher, aber auch hier handelt es sich um ein großartiges Werk der politischen Memoiren, einem Genre, in dem zugegebener Maßen recht heftig gedroschen werden muß, eh die Spreu sich vom Weizen trennen läßt.

Zum Schluß noch der Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

Für eine Einschätzung der besten Übersetzung sehe ich mich nicht in der Lage, dafür habe ich mein AltphilologieStudium etwas zu zeitig abgebrochen. Verwendet für die obigen Zitate habe ich die Tusculum-Ausgabe, die es glücklicherweise auch als Studienausgabe gibt:

C. Iulius Caesar: Der Gallische Krieg / De Bello Gallico. Lateinisch-deutsch. hrsg. und übersetzt von Otto Schönberger. Artemis & Winkler Düsseldorf / Zürich. 7. Auflage 2009. ISBN: 978-3-7608-1352-3


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*er erhielt außerdem noch Illyricum, aber der Balkan interessiert in diesem Zusammenhang nur peripher. 😉
**die Helvetier. Bekanntermaßen sind die seitdem dort auch nicht mehr rausgekommen.

Von Sachsen und anderen Anhaltern

Der Tag fing schon nicht gut an. Zwar erfüllte der Wecker getreulich seine Pflicht, lag aber unglücklicher Weise in unmittelbarer Reichweite meiner Hand, so daß die teuflische Funktion „Snooze-Taste“, deren Erfinder von allen zum pünktlichen Aufstehen verpflichteten Zeitgenossen wohl schon hundertmal verflucht wurde, problemlos nutzbar war. Ich stand also eine Stunde später als geplant auf. Was den sorgfältig geplanten Zeitplan gehörig ins Schwanken brachte, aber kompensierbar war.
Weiterlesen „Von Sachsen und anderen Anhaltern“

Das Buch zum Sonntag (57)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Wladimir Kaminer: Russendisko

Bereits in den ersten Wochen dieser Buchempfehlungsreihe wurde aus der geneigten Leserschaft der Wunsch an mich herangetragen, auch einmal Literatur zu empfehlen, die nicht zu ergründen sucht, was die Welt im Innersten zusammenhält. Und da ich schon immer mal den Satz „Auf Wunsch einer einzelnen Dame“ schreiben wollte, soll es heute also einmal nicht problemschwanger zugehen.
Auf Wunsch einer einzelnen Dame empfehle ich der geneigten Leserschaft heute eine Erzählungssammlung, auf deren Autor ich durch das wohlbekannte Morgenmagazin des öffentlich-rechtlichen Fernsehfunks aufmerksam wurde. Als er dort 2001 die Rubrik „Kaminer in Berlin“ gestaltete und über das Berliner Leben aus seiner Sicht berichtete, überschritt er meine Interessensschwelle, die damals Bestellertiteln gegenüber noch weit höher lag als heute, da ich seinerzeit noch sehr intensiv die Hochnäsigkeit des sich für intellektuell haltenden Lesers pflegte, der also jegliche Literatur, die hohe Verkaufszahlen erreicht, zwangsläufig für minderwertig hält.
„Russendisko“ ist das Debut dieses offenbar hyperaktiven Kunstschaffenden, denn in den letzten 10 Jahren sind nicht weniger als 14 weitere Bücher von ihm erschienen – neben diversen Kulturprojekten, die er, wie die titelgebende „Russendisko“, auch noch betreibt. Redundanzen sind dabei zwangsläufig, schließlich lautet sein Schaffensmotto: „Nie etwas ausdenken, sondern dem Leben vertrauen.“ – und so bunt ein Leben auch sein mag, manchmal wiederholt sich dann doch die eine oder andere Geschichte. Was aber wiederum ja seinem Motto entspricht, was jeder, der schon einmal Großmutters Lebensgeschichten lauschte, bestätigen kann.
„Russendisko“ empfehle ich aus diesem umfangreichen Oeuvre deshalb, weil hier der lakonische Stil Kaminers noch am ausgeprägtesten ist – und daher wunderbar mit den teilweise absurden Geschichten, die er erzählt, kontrastiert.
Im heute empfohlenen Werk erfahren wir viel über seine Ankunftszeit in Deutschland (1990) und die ersten Jahre hier, seine Kinder- und Jugendzeit in der Sowjetunion und seine bemerkenswerte Familie.
Auch wenn Christoph Links mit seinem Titel „Das wunderbare Jahr der Anarchie“ etwas anderes meint, so scheint er mir doch treffend zu sein, für das, was sich in den Monaten vor dem Oktober 1990 abspielte.

Wir drei waren vom Leben im Heim nicht sonderlich begeistert und suchten eine Alternative. Der Prenzlauer Berg galt damals als Geheimtipp für alle Wohnungssuchenden, dort war der Zauber der Wende noch nicht vorbei. Die Einheimischen hauten in Scharen nach Westen ab, ihre Wohnungen waren frei, aber noch mit allen möglichen Sachen voll gestellt. Gleichzeitig kam eine wahre Gegenwelle aus dem Westen in die Gegend: Punks, Ausländer und Anhänger der Kirche der Heiligen Mutter, schräge Typen und Lebenskünstler aller Art. Sie besetzten die Wohnungen, warfen die zurückgelassene Modelleisenbahn auf den Müll, rissen die Tapeten ab und brachen die Wände durch. Die Kommunale Wohnungsverwaltung hatte keinen Überblick mehr. Wir drei liefen von einem haus zum anderen und schauten durch die Fenster. Andrej wurde glücklicher Besitzer einer Zweizimmerwohnung in der Stargarder Straße, mit Innentoilette und Duschkabine. Mischa fand in der Greifenhagener Straße eine leere Wohnung, zwar ohne Klo und Dusche, aber dafür mit einer RFT-Musikanlage und großen Boxen, was seinen Interessen auch viel mehr entsprach. Ich zog in die Lychener Straße. Herr Palast, dessen Name noch auf dem Türschild stand, hatte es sehr eilig gehabt. Nahezu alles hatte er zurückgelassen: sdaubere Bettwäsche, ein Thermometer am Fenster, einen kleinen Kühlschrank, sogar Zahnpasta lag noch in der Küche auf dem Tisch. Etwas zu spät möchte ich Herrn Palast für dies alles danken. Besonders dankbar bin ich ihm für den selbst gebauten Durchlauferhitzer, ein wahres Wunder der Technik.

(S. 28f.)*

Liest man Kaminer, so gewinnt man tatsächlich den Eindruck, daß bei aller Abgedroschenheit des dazu passenden Spruchs die literarische Verfremdung des eigenen Erlebens doch gelegentlich überbewertet wird. Er wirkt auf mich wie ein staunendes, höchst aufmerksames Kind, das mit großen Augen und gespitzten Ohren durch das das Leben geht und abends erzählt, was tagsüber so alles gesehen und gehört hat. So kommt denn eine Merkwürdigkeit zur nächsten. Dieses Buch ist voller bemerkenswerter Figuren und ihrer eigenartigen Lebensgeschichten. Kaminer begegnet erstmals in seinem Leben einem Franzosen, soll für einen Clubmanager eine „russische Liebesgelegenheit“ organisieren und hilft einer Bekannten, einen Fluch loszuwerden. In diese Geschichte hören wir noch einmal kurz rein:

Wir fanden die Geschichte ziemlich komisch, denn seit Ewigkeiten hatte Marina die Kulturlosigkeit ihres Mannes bekämpft. Er saß immer nur zu Hause vor dem Fernseher und zeigte keinerlei Interesse am intellektuellen öffentlichen Leben. Und was passierte? Der Kerl gab irgendwann nach, ging ins Ballett und fiel prompt auf die erste Tänzerin herein, die er in seinem Leben gesehen hatte. Man hätte die Reaktion eines 45-jährigen Mannes, der vorher noch nie eine Ballerina aus der Nähe gesehen hatte, voraussehen können. Allerdings befand Marina, dass sie verhext sei, nämlich von der verstorben Mutter ihres ersten Mannes, und dass sie bestimmt sterben müsse, wenn es uns nicht gelänge, für sie in Berlin eine Hexe zu finden, die sie wieder fit machte.
Da ich mich auf dem Hexensektor überhaupt nicht auskannte, wandte ich mich an einen Freund, der in der Familie als ortskundig galt. Er schlug uns gleich zwei Hexen vor, die seiner Meinung nach dieser Aufgabe gewachsen seien: Eine chinesische und eine afrikanische.

(S. 68f.)

Diese unaufgeregte Erzählweise, die ganz darauf vertraut, daß die Absurdität menschlichen Verhaltens allein die Geschichten trägt, schafft eine ironische Distanz, die dem geneigten Lesenden ein andauerndes Schmunzeln auf die Lippen zaubert. Und ich zumindest bekam eine ungefähre Vorstellung, warum Berlin für viele derart anziehend ist und es schwer fällt, einmal dort angekommen, wieder wegzuziehen.
Trotzdem aber, auch wenn ich damit dem Wunsch der oben erwähnten Dame eventuell mal wieder zuwiderlaufe**, es steckt doch etwas mehr drin in so manchen Erzählungen. Man muß nur genau zuhören.
Es steht aber jedem frei, sie einfach als Erzählungen zu lesen, die ein Schlaglicht werfen auf das Leben in einer deutschen Großstadt. Und inwieweit man über das Leben nachdenken möchte, sei jedem selbst überlassen.

Ich wünsche jedenfalls viel Vergnügen mit einer der

lieferbaren Ausgaben.

P.S. Sehr viel Freude macht übrigens auch Kaminers titelgebende Veranstaltungsreihe „Russendisko“ selbst. Mit seinem Gespür für Absurditäten stellt er höchst bemerkenswerte Erzeugnisse osteuropäischer Musik vor. In Leipzig zum Beispiel das nächste Mal am 2. Oktober. Wer Interesse hat, sollte nicht zu lange zögern, die Karten sind erfahrungsgemäß schnell weg.


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*zitiert nach: Kaminer, Wladimir: Russendisko. Manhattan im Wilhelm Goldmann Verlag. München 2002
**Deutschlehrer dieser Welt: Die CC-Lizenz läßt es unproblematisch zu, dieses Beispiel für die Gegenüberstellung der Verwendung von „wieder“ und „wider“ zu benutzen. Gern geschehen. Interessierte Schulbuchverlage dürfen sich gerne bei mir melden.

Erinnerung: Gachmuret feat. Der Hausheilige & Kollegen – live.

Wem es im März nicht vergönnt war, der Lesung aus Texten des Hausheiligen beizuwohnen oder wem es so gut gefallen hat, daß eine Wiederholung wünschenswert wäre, hat nun die Gelegenheit dazu, mir erneut zu lauschen.
Im Programm des diesjährigen Sachsen-Anhalt-Tages, der in diesem Jahr in Weißenfels stattfindet, gibt es den Programmpunkt „Stille Schätze“, mit dem ein Kontrapunkt zum Volksfesttrubel des übrigen Programms gesetzt werden soll.

Am 21. August zwischen 12 und 13 Uhr werde ich also im Novalis-Pavillon zu erleben sein.

Auf dem Programmzettel stehen neben dem Hausheiligen dieses Blogs bereits Alexander Sergejewitsch Puschkin, sowie die Weißenfelser Geistesgrößen Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg, Joachim Wilhelm Freiherr von Brawe und Frank Fischer.

Für alle, die nicht ortskundig sind, hier eine Anfahrtsskizze.

Wir sehen uns dann nächste Woche. 😉

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Das Buch zum Sonntag (56)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Golo Mann: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts

Die Trennung von Geschichtsschreibung und Literatur ist recht jung. Ein Wolfram von Eschenbach hätte kaum Gehör gefunden, behauptete er die Fiktionalität seines „Parzival“. Denn selbstverständlich berichtete er von wahren Ereignissen. Die Mehrdeutigkeit des Wortes „Geschichte“ ist ja kein Zufall. Genausowenig wie der zweite Literaturnobelpreis, der an einen deutschen Historiker (oder sollte ich schreiben: den deutschen Historiker? ;)) vergeben wurde.
Und so richtig und wichtig es ist, historiographische Werke auf belegbare Aussagen zu stützen, so bleibt doch festzuhalten, daß Geschichte keine exakte Wissenschaft ist – und es auch nicht sein kann. Alles, was wir zu wissen meinen, ist letztlich Interpretation. Es kann alles auch ganz anders gewesen sein.*
Das Bemühen um größtmögliche Exaktheit der Geschichtswissenschaft führte gerade im zwanzigsten Jahrhundert zu einer Verödung der Sprache und einer gerade unlesbar zu nennenden Fachsprache. Die mag sicher bei der Diskussion um die korrekte Bewertung der Einträge in den Sundzollbüchern notwendig und hilfreich sein, Geschichte aber will erzählt sein. Erst in der Erzählung nämlich entsteht ein gültiges, ein umfassendes Bild dessen, was war – oder zumindest gewesen sein könnte.
Oder, wie Golo Mann selbst in seinem „Plädoyer für die historische Erzählung“ 1979 schrieb:

Keine Theorie gibt uns oder erklärt uns oder entschlüsselt uns die Fülle geschichtlicher Wirklichkeit; man bekommt sie niemals ganz in die Hand, sie ist unerschöpflich; darum muß man sie immer von verschiedenen Seiten angehen, um möglichst viele und weite Gegenden des unbekannten Kontinents zu erkunden.

Daß dies keine Absage an wissenschaftliches Arbeiten ist, dafür steht in meinen Augen Golo Mann.
Seine „Deutsche Geschichte“, erschienen 1958, entwirft, ausgehend von der französischen Revolution (das 19. Jahrhundert muß spätestens dort begonnen werden, denn keine Entwicklung der darauffolgenden Jahrzehnte ist ohne Bezug zur Revolution zu verstehen) bis zu den Tagen der Niederschrift, auf gut 1000 Seiten ein detailliertes und farbenprächtiges Panorama.
Hier mal ein Beispiel aus der Zeit der Paulskirche und dem Versuch einer ersten deutschen Republik:

Zu der Sorge, welche radikale Ausbrüche und Handstreiche bereiteten, kam eine andere, verwirrende: das Problem der fremden Nationalitäten.
Man hatte den Fünfzigerausschuß ergänzen, ihn repärsentativer für Deutschland machen wollen und darum auch einige Österreicher dazu gebeten, darunter den Prager Publizisten Professor Palacký. Die Voraussetzung war, daß Böhmen, wie von alters her, zu Deutschland gehörte. Palacký antwortete, er sei Tscheche und nicht Deutscher. Die Deutschen könnten ihre Republik machen, das sollte ihm willkommen sein; er aber als Tscheche habe damit nichts zu tun. Er sei übrigens nicht bloß Tscheche, sondern Österreicher; Österreich sei das Reich, das den kleinen west- und südslawischen Völkern einen gemeinsamen Schutz gewährte und durchaus nicht zerstört werden dürfte.

S. 205**

Der Nationalismus betrat die Bühne. Während also die liberale Versammlung der Nationalversammlung noch von einem mittelalterlichen, bunten Deutschland träumte, war man andernorts bereits mit ganz anderen Gedanken beschäftigt. Doch vielleicht war die Stelle oben noch nicht sehr geschickt ausgewählt, handelt es sich doch eher um indirekte Rede als eigene Formulierungen Manns.***
Versuchen wir also mal eine andere Stelle, einen Ausschnitt aus dem Portraits Bismarcks, in dem sich manifestiert, was sich die heutige Geschichtsschreibung kaum noch wagt. Der Mut zur Farbe:

Oft, besonders in jüngeren Jahren, äußerte er einen dreisten, fast humorisisch karikierten Standeshochmut, nannte alle bürgerlichen Politiker, die „links“ von ihm standen, „Schneider“ und höhnte, wenn er bei diplomatischen Diners neben einer Kaufmannsgattin zu sitzen kam. Wenn das übertrieben war, wenn er in seinem Auftreten den Reiter und Jäger, den Soldaten, den Herrn vom Lande bewußt spielte, so war er es auch wieder seiner wahren Natur nach. Bildung, Klugheit, Ehrgeiz, Weltläufigkeit, Geschäftsgewandtheit mag man mit dem Milieu der Mutter in Zusammenhang bringen. Was aber seinen Talenten wirkende Einheit gab, die untergründige Kraft, der Wille, die Roheit, deren er fähig war, die unersättliche Erwerbsgier, die sich nicht so sehr auf Geld wie auf Land und Wald richteten, sie waren bismarckischer Natur. Einen intellektuellen Bürger aus ihm machen, der sich als Baron maskierte, hieße das großartig-wirre Bild seines Charakters vereinfachen. Landkind war er wirklich, ein Liebhaber des Waldes und der Tiere; seine Grundansichten über Menschen und Gesellschaft blieben bis zuletzt von ländlich-patriachalischen Eindrücken seiner Jugend mitbestimmt.
Übrigens ist die Frage, was Bismarck von der väterlichen und was er von der mütterlichen Familie hatte, doch nur in unsicheren Grenzen sinnvoll. Sein Bruder Bernhard war ein durchschnittlicher Krautjunker. Der Genius kommt von nirgendwo.

(S. 318)

Da hat man doch jemanden vor Augen, nicht wahr? Das Portrait wird noch weitaus plastischer und differenzierter, der Effekt ist aber, denke ich, bereits ahnbar. In den folgenden Kapiteln, wenn dem geneigten Leser dieser Mensch in seinen öffentlichen Rollen und Handlungen entgegentritt, dann hat er ein Bild im Kopf, dann kann sich vor dem inneren Auge eine Geschichte abspielen, dann wird Geschichte erfahrbar. Was natürlich nicht heißt, daß die Analyse zu kurz kommt – auch wenn Mann den heutigen Ansprüchen der Struktur- und Sozialgeschichte nicht mehr genügen mag, er bewegte sich 1958 aber vollkommen auf der Höhe der Zeit. Es mag also sein, daß die aktuelle Debatte verschiedene Dinge anders sieht – aber im oben beschriebenen Sinne bleibt dieses Werk „wahr“.

Es ist uns im Laufe der Jahrzehnte des Geschichtsunterrichts gelungen, ein Fach, an dem ein geradezu natürliches Interesse seit Kindertagen besteht (wie es denn früher gewesen sei gehört zum Standardfragerepertoire Heranwachsender), derart zu veröden, daß daraus demonstratives Desinteresse geworden ist.
Als Antidot sei heute herzlichst Golo Mann in einer der

lieferbaren Ausgaben

empfohlen.

*Hierzu noch eine kleine Anektode. Ich war immer sehr stolz darauf, diesen Grundsatz formuliert zu haben, in der festen Überzeugung, es handele sich dabei um eine originäre Denkleistung meinerseits. Und dann war ich am 31.10.2009 in der Golo-Mann-Ausstellung im Lübecker Buddenbrookhaus und entdeckte dort groß und unübersehbar an einer Tafel ein nahezu wortgleiches Zitat Manns. Da ich gleichzeitig nicht behaupten kann, diesem Satz nie zuvor begegnet zu sein, auch wenn mir eine bewußte Erinnerung fehlt, erfüllte sich damit wohl ein anderes Diktum des geschätzten Historikers: „Wir alle sind, was wir gelesen.“

**zitiert nach: Mann, Golo: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Fischer Taschenbuch Frankfurt/Main. limit. Sonderausgabe 1999

***widerstehen konnte ich trotzdem nicht, ich mag dieses „Die Deutschen könnten ihre Republik machen, das sollte ihm willkommen sein.“ – das Kopfradio assoziiert da sofort Sostschenkos „Agitiert nur, agitiert nur


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Das Buch zum Sonntag (55)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Franz Schuh: Hilfe! Ein Versuch zur Güte

Franz Schuh, der in diesem Blog bereits empfohlen wurde, ist ein glänzender Essayist*. Was meine Aufgabe hier nicht eben leichter macht, denn beim Herangehen an die heutige Empfehlungsaufgabe las ich mich an jeder aufgeschlagenen Stelle sofort fest und folgte den Gedankengängen des Autors über viele Seiten, während derer er immer mal wieder vom Wege abging, links und rechts ein paar Blümen pflückte, einen pittoresken Strauß band, nur um ganz unvermittelt wieder auf dem Pfade des Grundgedankens aufzutauchen, ihm einige Schritte zu folgen, ehe eine verführerisch duftende Pflanze ihn wieder in Wiese, Wald oder Lichtung driften ließ. So, wie das im Essay auch sein sollen. Und als wahrer Könner seines Faches entläßt er den Lesenden denn auch aus keinem Text, ohne tatsächlich am Ausgangspunkt anzuknüpfen.
Im heute empfohlenen Band arbeitet sich Franz Schuh am vieldeutigen Begriff der Güte ab. Denn „gut“ vermag nun so einiges sein.
So geht er beispielsweise der Frage nach, was denn von der medial aufwändig inszenierten Güte begüterter Gesellschaftsmitglieder zu halten sei:
Weiterlesen „Das Buch zum Sonntag (55)“

Das Buch zum Sonntag (54)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Oscar Wilde: Ein idealer Gatte

Prinzipiell bin ich der Meinung, Theaterstücke gehören nicht gelesen, sondern gespielt. Schließlich wurden sie genau dafür geschrieben. Ich fine es sehr wichtig, daß den Figuren und ihren Handlungen durch Schauspieler Leben eingehaucht wird. Diese Vermittlung, diese Interpretation sind es erst, die aus einem guten Stück ein unvergessliches, einprägendes Erlebnis machen.
Unglücklicherweise werden aber nicht immer genau die Stücke gespielt, nach denen einem gerade verlangt. Bis also die Bühne on Demand erfunden wird, bedarf es Ersatzhandlungen. Neben dem Rückgriff auf Verfilmungen oder Filmaufnahmen kommt da eben auch Lesen in Frage.
Ergo: Was sind schon Prinzipien?
Nun, Prinzipien und die Treue zu diesen stehen ganz im Mittelpunkt des heute empfohlenen Buches. Sir Robert Chiltern ist der aufsteigende Stern des britischen Politestablishments und gerät innerhalb eines Tages im Jahre 1895 in heftigste Verwicklungen, bei denen die Beteiligten nicht sauber zwischen privater und beruflicher Sphäre trennen.
Genauer möchte ich mich zur Handlung nicht äußern, wobei mir zu Gute kommt, daß bei den Gesellschaftsstücken Oscar Wildes die Handlung eh nur Kulisse für seine geistreichen Karikaturen sind.
Mal ein Beispiel:

Lord Caversham: Guten Abend, Lady Chiltern! Ist mein junger Nichtsnutz von Sohn hier?
Lady Chiltern lächelnd: Ich glaube, Lord Goring ist noch nicht gekommen.
Mabel Chiltern tritt auf Lord Caversham zu: Warum schimpfen Sie Lord Goring einen Nichtsnutz?
Mabel Chiltern ist ein vollendetes Beispiel für den englischen Typus von Schönheit, den Apfelblütentypus. Sie besitzt die ganze Zartheit und Natürlichkeit einer Blume. Ein unaufhörliches Geriesel von Sonnenlicht ist in ihrem Haar, und der kleine Mund mit den halb geöffneten Lippen ist erwartungsvoll wie der Mund eines Kindes. Die entzückende Tyrannei der Jugend und die erstaunliche Beherztheit der Unschuld ist ihr eigen. Nüchterne Leute erinnert sie nicht an irgendein Kunstwerk. Doch in Wahrheit gleicht sie einem Tanagrafigürchen und wäre recht ungehalten, wenn man es ihr sagte.
Lord Caversham: Weil er ein so müßiges Leben führt.
Mabel Chiltern: Wie können Sie so etwas sagen? Er reitet um zehn Uhr vormittags durch die Rotten Row, geht dreimal wöchentlich in die Oper, wechselt seine Kleidung wenigstens fünfmal am Tag und speist in der Saison jeden Abend außer Haus. Das können Sie doch nicht ein müßiges Leben nennen?

(1. Akt / S. 156f.)*

Im Gegensatz zu anderen Werken, wie, sagen wir mal, Dorian Gray, wird hier also die Paradedisziplin Oscar Wildes, das geistreiche Wortgefecht, nicht unnötig durch schwerwiegende Fragen oder eine mehr oder minder komplexe Handlung gestört. Das ist höchst erfrischend und hat den unschätzbaren Vorteil, daß jederzeit ein Aufschlagen an beliebiger Stelle möglich ist und eine Bemerkung Lord Gorings, ein Seitenhieb Lady Chilterns oder eine Anspielung Mrs. Cheveley´s erheitern das Gemüt.
Trotzdem aber finden sich durchaus Stellen, die den geneigten Zuschauer (bzw. Leser) nachdenken lassen können. Ich verrate diesmal nicht, von wem und an wen diese Worte gerichtet sind, denn es wäre ja höchst unfair, die feingestrickte Handlung vorwegzunehmen. 😉

Denken Sie daran, wohin euer Puritanismus in England euch gebracht hat. Früher maßte sich niemand an, ein wenig besser zu sein als seine Nachbarn. Ein wenig besser zu sein als der Nachbar wurde sogar für überaus vulgär und spießbürgerlich gehalten. Heutzutage, bei der Moralsucht, die bei uns Mode ist, muß jeder als ein Musterbild der Reinheit, Unbestechlichkeit und aller anderen sieben Todtugenden dastehen – und was ist das Resultat? Ihr stürzt alle wie die Kegel – einer nach dem andern. Kein Jahr vergeht in England, ohne daß jemand in der Versenkung verschwindet. Ärgerliches Aufsehen pflegte einen Mannreizvoll oder zumindest interessant zu machen – jetzt vernichtet es ihn.

(1. Akt / S. 174)

Kurz: Für den Fall, daß die geneigte Leserschaft vor ihren unzähligen Bücherregalen steht, nicht weiß, was auf der Lektüreliste als nächstes abgearbeitet werden soll und gerade ein Milchschnittengefühl hat („etwas leichtes, lockeres, das nicht belastet“), so sei herzlichst zu diesem kleinen Kunstwerk geraten.

Neben den

lieferbaren Ausgaben

sei dieses Mal auch die Verfilmung mit einem grandiosen Rupert Everett, einer bezaubernden Minnie Driver und einer perfekt besetzten Cate Blanchett, kurz: Mit einem Ensemble, deren Spaß an der Arbeit geradezu spürbar ist, empfohlen.

*zitiert nach: Wilde, Oscar: Theaterstücke I, aus dem Englischen von Christine Heppener. in: Sämtliche Werke in sieben Bänden, herausgegeben von Norbert Kohl, Band 3. Insel Frankfurt/Main und Leipzig, 2000.

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Das Buch zum Sonntag (53)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues

Der erste Weltkrieg gilt als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ und Ende des langen 19. Jahrhunderts (das üblicherweise mit der Französischen Revolution als Beginn gesetzt wird). Für diese Sichtweise gibt es einige Anhaltspunkte. Vielen Kriegsteilnehmern, vielleicht sogar einigen Protagonisten auf Regierungsebene, war nicht annähernd klar, worauf sie sich da eingelassen hatten. Der erste Weltkrieg offenbarte schnell, daß im Zeitalter der Millionenheere der Einzelne nun gar keine Rolle mehr spielte. Die einzigen Aufgaben, die noch blieben, waren das Bedienen von Artilleriemaschinen und das Füllen von Gräbe(r)n.
Was Remarque in seinem Roman gelingt, ist das Portrait einer Generation, die in 4 Jahren Krieg nicht nur traumatisiert wird, nicht nur schreckliche Dinge erlebt, sondern physisch und psychisch vollkommen zerrüttet wird, die nicht nur den Glauben (woran an auch immer) verliert, sondern auch sich selbst. Eine Generation, die jung und enthusiastisch, kaum der Schulbank entronnen, in einen unvorstellbaren Krieg zieht – und verbraucht, zerstört, lebensmüde zurückkommt.
Dieser Roman ist in meinen Augen besonders deshalb so wertvoll, weil er auf Anklagen, Entschuldigungen, Bekenntnisse verzichtet. Er erzählt einfach. Dies aber konsequent. Krieg ist kein reinigendes Stahlgewitter, in dem ein Junge zum Manne reift. Krieg ist vor allem eines: Grauen.

Haie Westhus wird mit abgerissenem Rücken fortgeschleppt; bei jedem Atemzug pulst die Lunge durch die Wunde. Ich kann ihm noch die Hand drücken; -„is alle, Paul“, stöhnt er und beißt sich vor Schmerz in die Arme.
Wir sehen Menschen leben, denen der Schädel fehlt, wir sehen Soldaten laufen, denen beide Füße weggefetzt sind; sie stolpern auf den splitternden Stümpfen bis zum nächsten Loch; ein Gefreiter kriecht zwei Kilometer weit auf den Händen und schleppt die zerschmetterten Knie hinter sich her; ein anderer geht zur Verbandsstelle und über seine festhaltenden Hände quellen die Därme; wir sehen Leute ohne Mund, ohne Unterkiefer, ohne Gesicht; wir finden jemand, der mit den Zähnen zwei Stunden die Schlagader seines Armes klemmt, um nicht zu verbluten, die Sonne geht auf, die Nacht kommt, die Granaten pfeifen, das Leben ist zu Ende.
Doch das Stückchen zerwühlter Erde, in dem wir liegen, ist gehalten gegen die Übermacht, nur wenige hundert Meter sind preisgegeben worden. Aber auf jeden Meter kommt ein Toter.

(S. 97)*

Remarque bleibt aber nicht bei simplen Schilderungen stehen. In der Veränderung, die der junge Paul Bäumer durchläuft, in den Denkweisen, die sich an der Front, nicht nur bei ihm, bilden, offenbart sich das Drama einer verlorenen Generation. Und dies wirkt umso stärker, als es Remarque gelingt, Figuren zu schaffen, die sich auch mit dem Abstand fast eines ganzen Jahrhunderts noch zur Identifikation eignen. Auch ganz ohne eigene Erfahrungen in einem solchen Krieg, fühlt und leidet man auch heute mit Paul und seinen Gefährten. Für mich bleibt „Im Westen nichts Neues“ auch und gerade heute ein Antidot gegen all die hehren Beschwörungen von der Notwendigkeit des Krieges und den großen Dingen, für die es zu töten gilt.

Kantorek kann von Mittelstaedt nichts anderes verlangen, denn er hat ihm einmal eine Versetzung vermurkst, und Mittelstaedt wäre schön dumm, diese gute Gelegenheit nicht auszunutzen, bevor er wieder ins Feld kommt. Man stirbt doch vielleicht etwas leichter, wenn der Kommiß einem auch einmal solch eine Chance geboten hat.
Einstweilen spritzt Kantorek hin und her wie ein aufgescheuchtes Wildschwein. Nach einiger Zeit läßt Mittelstaedt aufhören, und nun beginnt die so wichtige Übung des Kriechens. Auf Knien und Ellenbogen, die Knarre vorschriftsmäßig gefaßt, schiebt Kantorek seine Prachtfigur durch den Sand, dicht an uns vorbei. Er schnauft kräftig, und sein Schnaufen ist Musik.
Mittelstaedt ermuntert ihn, indem er den Landsturmmann Kantorek mit Zitaten des Oberlehrers Kantorek tröstet. „Landsturmmann Kantorek, wir haben alle das Glück, in einer großen Zeit zu leben, da müssen wir alle uns zusammenreißen und das Bittere überwinden.“ Kantorek spuckt ein schmutziges Stück Holz aus, das ihm zwischen die Zähne gekommen ist, und schwitzt. Mittelstaedt beugt sich nieder, beschwörend eindringlich: „Und über Kleinigkeiten niemals das Erlebnis vergessen, Landsturmmann Kantorek!“

(S. 124f.)

Natürlich wurde der Roman 1928 anders gelesen als er heute gelesen wird. Die Zeitgenossen steckten ja selbst in den Schützengräben der Westfront, im zermürbenden, sinnlosen Stellungskrieg und diese geteilte Erfahrung führt zwangsläufig zu einer anderen Rezeption als bei einer Generation, deren Kriegserfahrungen im Wesentlichen aus n-tv-Dokumentationen stammt. Einer der wichtigsten Punkte in der umfangreichen zeitgenössischen Debatte war die Frage, ob denn das alles wahr sei, was da stünde, ob der Herr Remarque dies überhaupt erlebt habe. Zum einen zeigt dies, daß die Authentizitätsfrage, die bei Frau Hegemann durchexerziert wurde, auch schon etwas älter ist, und zum anderen scheint mir eine solche Frage immer ein Versuch zu sein, von den Fragen, die ein solches Werk aufwirft, abzulenken. Dazu mal kurz den Hausheiligen:

Gegen das Buch läßt sich vielerlei sagen.
Man darf den Stilisten Remarque angreifen. (Ich tus nicht – aber so ein Angriff ist denkbar.) Man darf sagen: so ist der Krieg nicht gewesen; der Krieg war edel, hilfreich und gut – die Soldaten haben sich mit
Schokoladenplätzchen beworfen und in den Pausen ihrem Kaiser gehuldigt. Man darf sagen: Der wahre Mann beginnt erst, wenn er seinem Gegner eine
Handgranate in die Gedärme geworfen hat. Man darf vieles über, für und gegen das Buch sagen, fast alles.
Aber eines darf man nicht.
Man darf nicht den Kampf verschieben und sich die bürgerliche Person des Autors vornehmen, dessen Haltung nach einem in der Geschichte des deutschen Buchhandels beispiellosen Erfolg mustergültig ist.
Der Mann erzählt uns keine dicken Töne, er hält sich zurück; er spielt nicht den Ehrenvorsitzenden und nicht den Edelsten der Nation – er läßt sich nicht mehr fotografieren als nötig ist, und man könnte manchem engeren Berufsgenossen soviel Takt und Reserve wünschen, wie jener Remarque sie zeigt.

**

Oder, deutlich prägnanter, vom Verlag freundlicherweise auf der Rückseite der Taschenbuchausgabe abgedruckt, Stefan Zweig: „Ein vollkommenes Kunstwerk und unzweifelhafte Wahrheit zugleich.“
So bleibt denn festzuhalten, daß „Im Westen nichts Neues“ kein Antikriegsroman ist, kein pazifistisches Manifest – aber gerade daraus seine starke Wirkung zieht. Ich kann (oder will?) mir nicht vorstellen, daß jemand nach der Lektüre dieses Romans uneingeschränkt und unerschüttert sich für die Notwendigkeit von Kriegen als Mittel der menschlichen Zivilisation einsetzen kann. Dazu noch ein letztes Zitat:

Das Grauen läßt sich ertragen, solange man sich einfach duckt; aber es tötet, wenn man darüber nachdenkt.
Genau wie wir zu Tieren werden, wenn wir nach vorn gehen, weil es das einzige ist, was uns durchbringt, so werden wir zu oberflächlichen Witzbolden und Schlafmützen, wenn wir in Ruhe sind. Wir können gar nicht anders, es ist förmlich ein Zwang. Wir wollen leben um jeden Preis; da können wir uns nicht mit Gefühlen belasten, die für den Frieden dekorativ sein mögen, hier aber falsch sind. Kemmerich ist tot, Haie Westhus stirbt, mit dem Körper Hans Kramers werden sie am Jüngsten Tage Last haben, ihn aus einem Volltreffer zusammenzuklauben, Martens hat keine Beine, Meyer ist tot, Marx ist tot, Beyer ist tot, Hämmerling ist tot, hundertzwanzig Mann liegen irgendwo mit Schüssen, es ist eine verdammt Sache, aber was geht es uns noch an, wir leben. Könnten wir sie retten, ja, dann sollte man mal sehen, es wäre egal, ob wir selbst draufgingen, so würden wir loslegen; denn wir haben einen verdammten Muck, wenn wir wollen; Furcht kennen wir nicht viel – Todesangst wohl, doch das ist etwas anderes, das ist körperlich. […]
Und ich weiß: all das, was jetzt, solange wir im Kriege sind, versackt in uns wie ein Stein, wird nach dem Kriege wieder aufwachen, und dann beginnt erst die Auseinandersetzung auf Leben und Tod.

(S. 100f.)

Und nun gehet hin und lest, vielleicht aus einer der

lieferbaren Ausgaben.

*zitiert nach: Remarque, Erich Maria: Im Westen nichts Neues. Kiepenheuer & Witsch Köln. 5. Auflage 1999

**aus: Hat Mynona wirklich gelebt? in: Werke und Briefe: 1929, S. 636f. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 7123f. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 7, S. 283) – Der Hausheilige hält Remarques Werk im Übrigen für kein originär pazifistisches Werk und zudem auch nicht für überragend. Aber immerhin für ein gutes Buch.

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P.S. Ich kann nicht über dieses Buch schreiben, ohne auf dieses Lied zu verweisen. Wer das hören kann und dann immer noch den dringenden Wunsch verspürt, Soldat zu sein – nun, der soll es auch werden. Allen anderen wäre abzuraten.

Das Buch zum Sonntag (52)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten

Leichte Urlaubslektüre ist dieses Buch eher nicht. Gerade deshalb wäre aber vielleicht gerade ein Urlaub genau der richtige Zeitpunkt, um es zu lesen. Denn Littell hat hier einen sehr dichten Roman geschrieben, der in kleinen Portionen und nur zwischendurch kaum zu erfassen sein dürfte.
Ich möchte daher auch nur ein paar wenige Aspekte herausgreifen, die es mir Wert erscheinen lassen, dieses Werk zu lesen.
Erzählt werden die fiktiven Erinnerungen eines Fabrikbesitzers aus Frankreich, Dr. iur. Maximilian Aue, SS-Offizier, französisch-deutscher Herkunft, intellektuell, homosexuell und an nahezu allen entscheidenden Orten des Krieges im Osten dabei.

Blobels Argumente waren gar nicht so dumm: Wenn der höchste Wert das Volk ist, zu dem man gehört, und wenn der Wille dieses Volkes in seinem Führer verkörpert ist, dann, in der Tat, haben Führerworte Gesetzeskraft. Trotzdem war es von entscheidender Bedeutung, die Notwendigkeit der Führerbefehle für sich selbst zu verstehen und anzunehmen: Wenn man ihnen bloß aus preußischem Gehorsam, aus knechtischer Gesinnung folgte, ohne sie zu verstehen und zu akzeptieren, das heißt sich ihnen zu unterwerfen, war man lediglich ein Schaf, ein Sklave und kein Mensch.“

(S. 147)*

Hier schimmert kurz auf, was für mich einen der stärksten Punkte, die für dieses Buch sprechen, ausmacht: Littell unternimmt den Versuch, die Protagonisten der NS-Nomenklatura in ihrem Weltbild Ernst zu nehmen. Was könnten diese Menschen gedacht haben, wie sah es wohl in ihnen aus, wenn sie das alles wirklich geglaubt haben? Was, wenn sie wirklich und ernsthaft annahmen, im Recht zu sein? Das Richtige und Gute zu tun?
Und nur wenige Sätze nach dem obigen Zitat kommt das auch mehr oder weniger direkt zur Sprache, wenn Max Aue über die gefangenen und verhörten Offiziere der Roten Armee nachdenkt, von denen die offizielle Propaganda verlautbarte, daß sie Untermenschen seien:

[…] und ich konnte mich der Einsicht nicht verschließen, dass auch sie Menschen wie wir waren, Menschen, die nur das Beste wollten, die ihre Familie und ihr Vaterland liebten. Trotzdem hatten diese Kommissare und Offiziere den Tod von Millionen ihrer eigenen Landsleute verschuldet, sie hatten Kulaken deportiert, die ukrainische Landbevölkerung verhungern lassen, die Bourgeois und Abweichler unterdrückt und erschossen. Unter ihnen gab es natürlich Sadisten und Verrückte, aber auch gute Menschen, die aufrichtig das Beste für ihr Volk und die Arbeiterklasse wollten, und wenn sie irrten, so blieben sie doch guten Glaubens. […] auch bei unseren Feinden vermochte sich ein gute und ehrlicher Mensch davon zu überzeugen, dass er schreckliche Dinge tun müsse.

(S. 147f.)

Max Aue ist in meinen Augen ein höchst unwahrscheinlicher Charakter. Mir ist das alles ein bißchen sehr viel, was Littell da in ihn hineinlegt. Aber: Er ist eine intellektuelle Herausforderung, eine Aussage, die sich auf den ganzen Roman anwenden läßt. Selbst wenn man all die unzähligen Intertextualitäten nicht versteht, bleibt hier eine Herausforderung bestehen. In seiner scheinbaren Kälte, die doch eigentlich viel mehr Exaktheit ist, fordert das Buch den Lesenden heraus. Es ist kein Vergnügen, es macht an keiner Stelle Spaß, diesen Roman zu lesen, aber es war mir gleichzeitig unmöglich, mich ihm zu entziehen. Indem Littell hier sehr glaubwürdig aufzeigt, wie die Elite des NS-Staates gedacht und gehandelt haben könnte, welche Grundlagen das Handeln und Denken dieser ja keineswegs einfach nur tumben, gewaltsüchtigen Gestalten (die es auch gab und die er hier auch nicht ausklammert) hatte, wirft er der heutigen Erinnerungskultur, die ja in Wirklichkeit eine Verdrängungskultur ist, den Fehdehandschuh hin.
Wie auch immer man sich also zu diesem Werk positioniert, ich halte es für wichtig, es zu lesen, denn es ist ein starkes Buch. Befremdend, vielleicht. Herausfordernd, bestimmt. Schön, auf keinen Fall. Notwendig, unbedingt.

Und um den Fehdehandschuh auch der geneigten Leserschaft hinzuwerfen, sei noch folgender Dialog zitiert, der mitten in der Schilderung des Vormarsches der deutschen Truppen samt der Maßnahmen zur Vernichtung der jüdischen Bevölkerung auftaucht:

„Pjatigorsk gefällt Ihnen also?“, fragte mich Voss. Ich lächelte, ich freute mich, ihn hier anzutreffen. „Ich habe noch nicht viel gesehen“, sagte ich. „Wenn Sie Lermontow mögen, ist die Stadt eine echte Pilgerstätte. Die Sowjets haben in seinem Hause ein hübsches kleines Museum eingerichtet. Wenn Sie mal einen freien Nachmittag haben, gehen wir es besichtigen.“ – „Gerne. Wissen Sie denn auch, wo das Duell stattgefunden hat?“ – „Das von Petschorin oder das von Lermontow?“ – „Das von Lermontow.“ – „Hinter dem Maschuk. Da gibt es natürlich ein grässliches Denkmal. Und stellen Sie sich vor, wir haben sogar eien seiner Nachkommen ausfindig gemacht.“ Ich lachte: „Nicht möglich.“ – „Doch, doch. Eine Frau Jewgenija Akimowa Schan-Girej. Sie ist sehr alt. Der General hat ihr eine Pension ausgesetzt, geoßzügiger bemessen als die der Sowjets.“

(S. 352f.)

Lieferbar ist der Roman in

diesen Ausgaben.

*zitiert nach: Littell, Jonathan: Die Wohlgesinnten. Berlin Verlag, Berlin 2008.

P.S. Mit meinem Versuch, dieses der geneigten Leserschaft ans Herz zu legen, werde ich dem Roman mitnichten gerecht werden. Aber zum Glück gibt es Menschen, die das können. Frank Fischer hat im Umblätterer seinerzeit 10 Aspekte des Werkes untersucht. Da aber eine nicht zu unterschätzende Spoilergefahr besteht, sollte dieser Link erst nach erfolgter Lektüre benutzt werden.

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Das Buch zum Sonntag (51)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Amélie Nothomb: Mit Staunen und Zittern

Juli 2010: Draußen sind 40°C, drinnen laufen die diversen Kühlgeräte auf Hochtouren und die Getränkeindustrie legt Überstunden ein.
Da ich es aber unmöglich verantworten kann, daß die geneigte Leserschaft sich in rettungslose Abhängigkeit von Softdrinks begibt, empfehle ich diese Woche ein Buch, das höchst erfrischend ist.
In Frau Nothombs Roman tritt eine hochqualifizierte junge Europäerin in ein japanisches Unternehmen ein. Wer wissen möchte, was „Clash of civilizations“ wirklich bedeutet, kann das hier lernen. In diversen Reiseführern wird immer wieder behauptet, man könne als Europäer nicht nach Japan reisen, ohne sich zu blamieren. Ich halte diese These übrigens für höchstwahrscheinlich gültig, denn im Laufe der Jahrhunderte, die dieses Land sich vom Rest der Welt abgeschottet hatte, hat sich dort ein komplexes Gebilde an Verhaltensregeln entwickelt, das zu beachten jahrelange Übung benötigt*.
Und so beginnt der erste Arbeitstag von Ameliesan mit einem Fauxpas, gefolgt von einer Lehrstunde in japanischer Mitarbeiterführung:

Die „Herausforderung“, die Herr Saito mir zugedacht hatte, bestand darin, die Einladung eines gewissen Adam Johnson zu beantworten, der am kommenden Sonntag mit ihm Golf spielen wollte. Diesem Herrn mußte ich auf englisch einen Brief schreiben, der ihm Herrn Saitos Einverständnis anzeigte.
– Wer ist denn Adam Johnson? fragte ich in meiner Einfalt.
Mein Vorgesetzter seufzte gereizt und gab mir keine Antwort. War es abnorm, nicht zu wissen, wer Adam Johnson war, oder war meine Frage vielleicht indiskret gewesen? Ich habe es nie erfahren – und wer Adam Johnson ist, weiß ich bis heute nicht.
Die Sache kam mir nicht schwierig vor. Ich setzte mich hin und schrieb einen freundlichen Brief: Herr Saito freue sich schon darauf, nächsten Sonntag mit Herrn Johnson Golf zu spielen, und grüße ihn auf das herzlichste. Damit ging ich zu meinem Vorgsetzten.
Herr Saito las mein Werk durch, stieß einen leisen, verächtlichen Schrei aus und zerriß es.
– Schreiben Sie es noch mal!

(S. 7f.)

Dies wiederholt sich einige Stunden lang. Ameliesan schreibt, Saitosan gibt einen Schrei von sich und zerreißt. Ohne Kommentar, ohne Hinweis, nur ein simples: „Schreiben sie es noch mal!“ Sowas kann einen zur Verzweiflung bringen, insbesondere, da nach einer gewissen Anzahl von Versuchen sich das Gefühl einschleichen muß, niemals ein befriedigendes Ergebnis zu erzielen. Bei Nothomb aber beginnt hier der Spaß:

Manches an dieser Übung war nicht ohne Witz und erinnerte an das „Sterben machen, schöne Marquise, Ihre schönen Augen mich vor Liebe“ des Bourgeois gentilhomme. Ich experimentierte mit Abwandlungen von grammatischen Kategorien: „Und wenn nun Adam Johnson das Verb würde, der nächste Sonntag das Subjekt, die Golfpartie das Akkusativobjekt und Herr Saito das Adverb? „Der nächste Sonntag sieht herrsaitomäßig erfreut eine Golfpartie adamjohnsonieren kommen.“ Aristoteles würde staunen!

(S. 9)

Man kann erahnen, daß es für die Protagonistin nicht leicht wird, ihren Platz in der Firma zu finden. Ich habe mich beim Lesen allerdings dabei ertappt, daß mich der Fortgang der streckenweise höchst bizarren Story weit weniger gefangen nahm als die Erwartung des nächsten flapsig-ironischen Kommentars.

So wie zum Beispiel hier:

Ich hatte geglaubt, schon zu wissen, was ein Anpfiff ist. Was ich nun erlebte, bewies mir meine Ahnungslosigkeit. Über Herrn Tenshi und mich ergoß sich ein wahnsinniges, ohrenbetäubendes Gebrüll. Ich frage mich heute noch, was schlimmer war, der Inhalt oder die Form.
Der Inhalt waren die unglaublichsten Beleidigungen. Mein Leidensgefährte und ich wurden mit allen erdenklichen Schimpfworten belegt: Verräter waren wir, Nullen, Schlangen, Gauner und – der Gipfel der Schmach – Individualisten.
Die Form bot Erklärungen für vielerlei Besonderheiten der japanischen Geschichte: Um dies wütende Gebrüll zum Verstummen zu bringen, wäre ich zu allem bereit gewesen – die Mandschurei verheeren, Tausende von Chinesen zu massakrieren, mich auf Befehl des Kaiseres umzubringen, mich mit meinem Flugzeug in einen amerikanischen Panzerkreuzer hineinzustürzen, vielleicht sogar in zwei Firmen wie Yumimoto zu arbeiten.

(S. 37)

Und zum Abschluß noch eine höchst prägnante Szene, bei der ich mir von einer Landeskundigen habe erklären lassen, daß sie weit weniger surreal ist, als es dem europäischen Leser zunächst erscheint:

Ich folgte ihm in ein leeres Zimmer. Er stotterte vor Wut:
– Sie haben die Delegation der befreundeten Firma zutiefst verstimmt. Beim Servieren des Kaffees haben Sie Formeln gebraucht, die verrieten, daß Sie perfekt japanisch sprechen.
– Aber ich spreche es nun mal gar nicht so schlecht, Saito-san.
– Seien Sie still! Wer gibt Ihnen das Recht, sich auch noch zu verteidigen? Herr Omochi ist sehr böse auf Sie. Sie haben in seiner Sitzung heute vormittag die Athmosphäre vergiftet: Wie sollten unsere Partner sich gut aufgehoben fühlen, wenn eine Weiße da ist, die Ihre Sprache versteht? Von jetzt an sprechen Sie nicht mehr japanisch.
Ich machte große Augen.
– Wie bitte?
– Sie verstehen kein Japanisch mehr! Ist das klar?
– Aber wegen meiner Kenntnis Ihrer Sprache hat Yumimoto mich doch eingestellt!
– Ist mir egal. Ich befehle Ihnen, kein Japanisch mehr zu verstehen.
– Das ist unmöglich. Niemand könnte einem solchen Befehl gehorchen.
– Gehorchen kann man immer. Das muß doch auch in westliche Gehirne noch hineingehen.
„Da haben wir´s!“ dachte ich, bevor ich antwortete:
– Das japanische Gehirn mag imstande sein, sich zum Vergessen einer Sprache zu zwingen. Das westliche Gehirn leistet das nicht.
Dieses extravagante Argument schien Herrn Saito einzuleuchten.
– Versuchen Sie es trotzdem! Tun Sie wenigstens so! Ich habe in bezug auf Sie Anweisungen erhalten. Wir sind uns also einig?

(S. 17)

Allerdings ist die Sache nicht ganz so einfach. Ein simples „Die spinnen, die Japaner“-Buch wäre mir zu wenig. Der merkwürdigen Faszination, die dieses seltsame Land seit langer Zeit gerade für Europäer ausübt, läßt sich auch hier nachspüren. Es sind eben nicht alles einfach gefühllose Rassisten, die einer gaijin mal zeigen wollen, wo es langgeht. Nein, hinter all diesen Fassaden, hinter den Unterwerfungsritualen, dem merkwürdig erscheinenden Ehrbegriffen stecken immer auch Menschen. Menschen, die fühlen und glauben und leiden. Und diese Menschen läßt Amélie Nothomb hier aufscheinen und es bleibt durchaus die Frage, ob das alles so verrückt ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Ich wünsche jedenfalls einen vergnüglichen Sommernachmittag mit einer

lieferbaren Ausgabe.

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Das Buch zum Sonntag (50)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Terry Pratchett: Der fünfte Elefant

Zugegeben, ein Geheimtipp ist Sir Terry Pratchett nun gerade nicht. Aber es soll ja Menschen geben, die um alles, was auch nur annähernd nach „Fantasy“ aussieht, einen großen Bogen machen. Keineswegs immer zu Unrecht, in diesem Falle allerdings schon.
Genretypisch hat Pratchett eine eigene Welt entworfen, im vorliegenden Falle handelt es sich um die Scheibenwelt, die so heißt, weil es sich bei ihr um eine Scheibe handelt,m die von vier Elefanten getragen wird, welche auf dem Rücken einer Schildkröte stehen – was weit weniger seltsam wirkt, wenn man sich beispielsweise mit indischen Mythen beschäftigt.
Was ich aber an Pratchett mag, sind seine Figuren, die durchaus mit Tiefe überzeugen, seine Dialoge und sein geistreicher Stil. Das ist beste britische Literaturtradition, für die ich ja bekanntermaßen eine Schwäche habe. Noch viel stärker als bei historischen Romanen, besteht in der phantastischen Literatur die Möglichkeit, die hiesige, zeitgenössische Welt genauestens unter die Lupe zu nehmen.
Und genau das macht Pratchett exzellent. Ich lese seine Romane geradezu als satirische Rundumschläge, bei denen niemand ungeschoren bleibt. Da werden menschliche Schwächen ebenso aufs Korn genommen wie die Merkwürdigkeiten der ach so hoch entwickelten menschlichen Zivilisation.
Zum Auftakt mal eine Szene, die Oscar-Wilde-Lesern vertraut sein könnte:

In einem nicht weit entfernten Schloss blätterte Lady Margolotta stumm in einer Ausgabe von Twurps Adelsverzeichnis.
Es war kein besonders gutes Nachschlagewerk für die Länder auf dieser Seite der Spitzhornberg, wo das Standardwerk Der große Almanach hieß – darin nahm Lady Margolotta vier Seiten ein.* Aber es leistete wertvolle Dienste, wenn man wissen wollte, wer in Ankh-Morpok eine Rolle spielte.
Inzwischen steckten Dutzende von Lesezeichen in dem dicken Buch.[…]
Wen würde Vetinari schicken?
Lady Margolotta erhoffte sich wichtige Hinweise von seiner Wahl. Entsandte er vielleicht jemanden wie Lord Rust? Oder Lord Selachii? Dann würde sie weit weniger von ihm halten. Nach dem, was sie gehört hatte – und Lady Margolotaa hörte viel -, konnte das diplomatische Korps von Ankh-Morpok den eigenen Hintern nicht einmal mit einer Karte finden. Natürlich war es sehr nützlich für einen Diplomaten, dumm zu wirken, bis er einem die Socken klaute, aber Lady Margolotta hatte einige Botschafter von Ankh-Morpok kennen gelernt, und ihrer Meinung nach konnte niemand so gut schauspielern.[…]
Sie zögerte und zog dann den Klingelzug über dem Sarg. Igor erschien erneut, auf typische Igor-Art.
„Die tüchtigen, jungen Männer beim Nachrichtenturm sind noch wach, nicht wahr?“
„Ja, gnä´ Frau.“
„Lass unserem Agenten eine Mitteilung zukommen. Er soll alles über Kommandeur Mumm von der Wache herausfinden.“
„Ift er der Diplomat, gnä´ Frau?“
Lady Margolotta legte sich hin. „Nein, Igor. Er ist der Grund für Diplomaten. Bitte schließ den Deckel.“

* Bei Vampiren wachsen die Namen immer mehr in die Länge. Es hilft ihnen, sich während der langen Jahre die Zeit zu vertreiben.

(S. 37f.)*

Wir sehen, eine sympathische, distinguierte Dame aus altem Adel, nicht ohne Einfluß, der ein Polizist in diplomatischer Mission geschickt wird. Die Szenen mit beiden sind wahre Höhepunkte. Es gibt einige liebenswerte Figuren in Pratchetts Universum, der immer wieder in eigenartige Situationen geratende Sam Mumm gehört sicher dazu. Mein erklärter Favorit aber, und ich vermute stark, damit nicht allein zu sein, ist Tod. Eigentlich ist es ein ziemlich billiger Trick, Abstracta zu personifizieren, aber wie Pratchett den Tod gestaltet, das ist einfach zu köstlich.

GUTEN MORGEN.
Mumm blinzelte. Eine große, in einen dunklen Umhang gehüllte Gestalt saß plötzlich im Boot.
„Bist du der Tod?“
ES LIEGT AN DER SENSE, NICHT WAHR? DEN LEUTEN FÄLLT IMMER DIE SENSE AUF.
„Sterbe ich?“
VIELLEICHT.
Vielleicht? Du erscheinst, wenn jemand vielleicht stirbt?“
JA. DAS IST JETZT GANZ NEU. WEGEN DES UNSICHERHEITSPRINZIPS.
„Was ist das denn?“
ICH BIN NICHT SICHER.
„Ein sehr nützlicher Hinweis.“
ICH GLAUBE, ES BEDEUTET, DASS JEMAND VIELLEICHT ODER VIELLEICHT AUCH NICHT STIRBT. NATÜRLICH BRINGT ES MEINEN TERMINKALENDER VÖLLIG DURCHEINANDER, ABER ICH VERSUCHE, MODERN ZU SEIN.

(S. 303)

Tod hat es wirklich nicht leicht. Nie. In einem anderen Roman nimmt er Urlaub und läßt sich von seinem Azubi vertreten – ihr macht euch keine Vorstellungen…

Wahrscheinlich bringt die Lektüre Pratchetts uns der Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält auch nicht näher. Aber ich bin sicher, es hilft, einige Dinge klarer zu sehen:

Hier sind die Dinge anders, Herr. Erst vor 10 Jahren wurden Gottesurteile durch Gerichtsverfahren abgelöst, und nur deshalb, weil man herausfand, dass Anwälte viel scheußlicher sein können.

**

Wie wichtig der Wort- und Sprachwitz Pratchetts ist, läßt sich übrigens sehr gut an den Verfilmungen erkennen, in denen all die vielen Seitenhiebe und Nebenbemerkungen (Pratchett setzt stark auf Fußnoten, nicht ganz so exzessiv wie Moers oder gar Stauffer, aber doch in erheblichem Ausmaß) schlicht verloren gingen.

Zum Abschluß noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

*zitiert nach: Pratchett, Terry: Der fünfte Elefant. Goldmann TB München 2002
** ich habe die Stelle nicht wiedergefunden. Aber sie ist drin. Sachdienliche Hinweise nehme ich gerne entgegen.

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Das Buch zum Sonntag (49)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Benjamin Stein: Die Leinwand

Was macht eigentlich unsere Identität aus?
Wie definieren wir uns selbst, wenn nicht über das, was wir erlebt haben, was wir erinnern?
Und was passiert eigentlich, wenn wir nicht mehr wissen, welche unserer Erinnerungen überhaupt wahr sind?
Können Erinnerungen überhaupt „wahr“ oder „gelogen“ sein?

Es sind nicht gerade die kleinen Fragen des Lebens, denen Benjamin Stein in seinem Roman nachgeht. Dem Diffusen und Mäandernden seines Gegenstandes entsprechend handelt es sich denn auch um keine linear erzählte Geschichte, was meinen Job hier freilich nicht einfacher macht.
Es fällt mir überhaupt schwer, irgendetwas über den Inhalt zu verraten, weil es sich bei Steins Roman um ein Buch handelt, das es zu entdecken gilt. Ich bin davon überzeugt, daß jeder Leser hier ein zum Teil völlig anderes Buch zu lesen vermag, je nachdem, von welcher Seite aus er es beginnt. Und das gilt in diesem Falle sogar wörtlich, gibt es doch tatsächlich zwei Anfänge, einmal aus der Perspektive des Protagonisten Jan Wechsler und einmal aus der von Amnon Zichroni. Schon allein die unterschiedliche Wahl zwischen diesen beiden Protagonisten wird unweigerlich dazu führen, unterschiedliche Bücher zu lesen. Es sei denn, es gibt in der geneigten Leserschaft Menschen, die in der Lage sind, Teile ihrer Erinnerung komplett auszuschalten, so daß sie bei der Lektüre Zichronis ausblenden können, was sie bei Wechsler lasen – et vice versa. Diskussionen über dieses Buch stelle ich mir höchst fruchtbringend vor.

Mich beeindruckte die Tiefe und Genauigkeit, mit der Stein das Seelenleben seiner Protagonisten ausleuchtet, wie er sie an allem zweifeln läßt, an der Welt, ihren Werten, vor allem aber: sich selbst.

Ich greife mal ein paar Stellen heraus, die mir, aus ganz verschiedenen Gründen, besonders eindrücklich erschienen, in der Hoffnung, damit die geneigte Leserschaft zur Lektüre zu bewegen. Denn zum Inhalt kann und will ich wirklich nichts verraten.

Dieses Versunkensein im eigenen Ich war so stark, dass es lang brauchte, bis mir überhaupt klar wurde, dass ich sie ausschloss. Mein Gefühl sagte mir, dass ich sie in Liebe und Aufmerksamkeit badete. Jeder zweite Gedanke falt ihr. Sie machte mich glücklich wie noch niemand zuvor. Und ich konnte gar nicht begreifen, dass sie dies nicht wahrnahm, sondern im Gegenteil glaubte, ich interessiere mich für alles Mögliche, nur nicht für sie.
[…]
Mitunter kam es vor, dass ich sie mit einer Bemerkung überraschte, die ich für ganz belanglos hielt, weil keineswegs neu. Wie selbstverständlich bin ich jeweils davon ausgegangen, dass sie doch wissen muss, was ich denke und fühle, nicht zuletzt, weil ich mir sicher war, es schon dutzende Male ausgesprochen zu haben. Und dann erfuhr ich von ihr, dass ihr völlig neu sei, was ich erzählte, und ich mir nur eingebildet hatte, ihr alles mitgeteilt zu haben.

(S. W74f.)

Ich weiß noch, dass ich an diesem Tag die Buchhandlungen im Zentrum abklapperte in der Hoffnung, einen Hilbig-Band zu finden. Jeder Buchhändler bot an, das Buch zu bestellen. Aber ich wollte es jetzt, sofort, ohne noch länger zu warten. Überhaupt fand ich es unfassbar, dass in einem Land, in dem man Hilbig lesen durfte, seine Bücher nicht in allen Buchhandlungen auslagen. Vielleicht sagte ich das sogar. Der Verkäufer in der Autorenbuchhandlung am Savigny-Platz zeigte mir jedenfalls einen Vogel.

(S. W.112f.)

Die Maschine Mensch musste funktionieren. War sie gestört, wurde grobes Werkzeug bemüht, damit sie wenigstens keinen Schaden anrichten konnte oder, besser noch, sich als Hilfsmaschine mit eingeschränkter Leistung wieder in die gesellschaftlichen Prozesse integrierern ließ. Menschen, die in anderen Kulturen als Heilige mit dem Zweiten Gesicht verehrt worden wären, wurden in den Kliniken weggesperrt und schemisch ruhiggestellt, damit sie nur ja nicht auffielen.
Dieses Menschenbild war mir fremd. Wie könnte auch jemand, der wie ich den menschen als in Gottes Ebenbild geschaffen betrachtet, erwägen, einem Patienten chirurgisch ganze Hirnareale zu entfernen und ihn zu einem nahezu willenlosen Geschöpf zu machen?

(S. Z.118)

Und noch eine Stelle, die ich aus mir selbst nicht restlos erklärlichen Gründen sehr rührend finde.

Auch als die Polizei kam, die vom Notarzt gerufen worden war, blieb ich sitzen. Die Beamten berieten sich kurz mit dem Arzt. Mich fragten sie nur, ob ich etwas verändert hätte. Ich hob das Buch, das auf Onkel Nathans Schoß gelegen hatte.
Und wann haben Sie ihn gefunden?
Ich zeigte nach oben, auf das Zifferblatt der Standuhr, die ich angehalten hatte.
Der Beamte, der mich befragt hatte, nickte. Dann verschwanden sie.
Ob ich Hilfe bräuchte, fragte einer der roten Vögel.
Ich schüttelte den Kopf. Der Fahrer des Notarztteams war jüdisch. Sie müssen im Rabbinat anrufen, sagte er. Sie würden die Chevra Kadischa verständigen, die sich um alles kümmere. Er beugte sich zu mir herab und sagte: Mögest du getröstet sein unter den Trauenden um Zion und Yerushalayim.

(S. Z.147f.)

Freilich, die für Zitate notwendige Kürze (ich will ja nicht abschreiben) bringt es mit sich, daß sich die Dichte des Leseerlebnisses nicht einmal annähernd wiedergeben läßt. Daher sicherheitshalber mal noch ein Autoritätsargument zum Schluß: Lest dieses Buch. Lest es von mir aus, wie ihr wollt.* Aber lest es.

Die

lieferbare Ausgabe

möchte ich natürlich nicht unerwähnt lassen.

*Zwei Hauptwege und verschlungene Nebenpfade führen durch diesen Roman. Hinter jedem Umschlag befindet sich ein möglicher Ausgangspunkt für das Geschehen. Es ist Ihnen überlassen, wo Sie zu lesen beginnen. Dies lassen Autor und Verlag bereits auf dem Schutzumschlag wissen. Die Herangehensweise mag weit weniger innovativ sein als das Vertriebsteam dies glauben lassen will – ungewöhnlich und spannend ist es aber nichtsdestotrotz.

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Das Buch zum Sonntag (48)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Luther Blissett: Q

Zum Autorenkollektiv, das hinter diesem Roman steckt, ließe sich einiges sagen. Ich möchte es einmal bei der Bemerkung des Hausheiligen belassen, der meinte seinerzeit:

Jeder historische Roman vermittelt ein ausgezeichnetes Bild von der Epoche des Verfassers.*

„Q“ spielt im Europa der Reformationszeit, der Protagonist ist dabei, einsetzend dem thüringischen Bauernkrieg unter Führung Thomas Müntzers, an den wesentlichen Unruhen und Umwälzungen dieser Umbruchsepoche beteiligt. Gerade Deutschland kommt in dieser Zeit eine Schlüsselstellung zu, hatten sich doch gerade hier Bewegungen gebildet, die den Freiheitsgedanken, der in Luthers radikaler Neupositionierung des Verhältnisses zwischen den Glaubenden und ihrem Gott steckt, eben nicht nur auf die religiöse Sphäre beschränkt sahen.
Zusammen mit den Verwerfungen, die der Frühkapitalismus in die geordnete Ständegesellschaft brachte und die nun massiv spürbar wurden, ergab dies eine explosive Mischung. Eine ideale Zeitspanne also, um einen ambitionierten Roman dort anzusiedeln.
Daß ein historischer Roman ambitioniert sein könnte, fällt in einer Welt, in der die allgemeine Assoziation mit dieser Kategorie eher Ken Follett** als Heinrich Mann produziert, schwer zu glauben. Aber hier haben wir einen solchen Fall. Die Handlung ist keineswegs geradlinig erzählt, immer wieder gibt es Rückblenden, die zu vergangenen Ereignissen zurückführt und immer wieder tauchen die Berichte und Briefe von „Q“ auf, einem unermüdlichen Spion und agent provocateur der Kurie.
Doch hören wir mal in den Roman hinein:

Beinahe blindlings.
Tun, was ich tun muß.
Schreie in den Ohren, in denen noch der Donner der Kanonen dröhnt. Geronnenes Blut und Schweiß verschließen mir die Kehle, ein Hustenanfall zerreißt mich.
Die Blicke der Fliehenden: Entsetzen. Verbundene Köpfe, zerquetschte Glieder… Immer wieder sehe ich mich um: Elias ist hinter mir. Er bahnt sich einen Weg durch die riesige Menge. Trägt den reglosen Magister Thomas auf den Schultern.
Wo ist der allgegenwärtige Gott? Seine Herde wird hingemetzelt.
Tun, was ich tun muß. Die Briefsäcke festgezurrt. Nicht stehenbleiben. Das Schwert schlägt mir an die Seite.
Elias immer hinter mir.
Eine wirre Gestalt kommt auf mich zugerannt. Das Gesicht halb unter Verbänden, offenes Fleisch. Eine Frau. Sie erkennt uns. Tun, was ich tun muß: Der Magister darf nicht entdeckt werden. Ich packe sie: nicht sprechen. Schreie hinter meinem Rücken: „Landsknechte! Landsknechte!“
Ich stoße sie fort; weg, sich in Sicherheit bringen. Eine Gasse zur Rechten. Im Laufschritt, Elias hinter mir, Hals über Kopf. Tun, was ich tun muß: Haustüren. Die erste, die zweite, die dritte, sie geht auf. Drinnen.

(S. 20)***

Es steht zu vermuten, daß die kooperative Arbeitsweise sich nicht in der ungewöhnlichen Erzählstruktur niederschlug, sondern auch hilfreich war, die unterschiedlichen Handlungsstränge auch sprachlich abzubilden. Für mich zählt es jedenfalls zu den Stärken des Buches, stets geradezu eintauchen zu können in die Situationen, Orte und Begebenheiten, weil Rhythmus und Wortwahl einfach immer passen. Wie bei der eben zitierten Stelle, in der die gehetzte Stimmung einer überstürzten Flucht, das hektische Suchen nach einem geeigneten Versteck geradezu spürbar wird. Ganz anders die Ankunft in Venedig:

Kaum habe ich einen Fuß an Land gesetzt, überwältigt mich das lebhafte Treiben: Die Menschen laufen in alle Richtungen durcheinander, schreien herum, drängeln, rufen sich Grüße zu und streiten sich lautstark; vielleicht ist dies die einzige Möglichkeit, das Meer, den Ort gedämpfter Geräusche, vom Rest der Stadt zu trennen.
Kaum habe ich also einen Fuß an Land gesetzt, werde ich, aufgrund welcher Merkmale auch immer, sofort als deutschsprachiger Fremder erkannt und von zwei Dutzend Jungen umringt, die sich mühen, mir zu erklären, wie unmöglich es sei, sich in Venedig zu bewegen, ohne die Stadt gründlich zu kennen, wie groß die Gefahr, sich zu verlaufen, Gaunern in die Hände zu fallen, beim Wechseln übervorteilt zu werden; und während sie diese Gefahren anschaulich schildern, versuchen sie auf jedenur erdenkliche Weise, mit ihren Händen in meine Taschen zu gelangen.

(S. 535)

Womit ich noch einmal auf den Ausgangspunkt zurückkommen möchte. Es ist natürlich kein Zufall, daß Luther Blissett, bzw. Wu ming, wie die Gruppe heute heißt, eine Phase der europäischen Geschichte wählte, in der sich eine alte Ordnung in Auflösung befand und die Gesellschaft auf der Suche nach Lösungen war. Meine Empfehlung ist jedoch, sich im Vorfeld nicht mit den Autoren zu beschäftigen. Vergleiche ich meine Leseerfahrungen mit denen der Rezensenten des (Vorsicht, Spoiler)Feuilletons, so komme ich zu dem Schluß, daß man sich einiges an Leservergnügen verwehrt. Denn es macht doch sehr viel mehr Fruede, eigene Bezüge zur Gegenwart herzustellen, als sie vorgekaut zu bekommen. Wer es trotzdem nicht genauer wissen möchte oder für den Klick nach der eigenen Lektüre, bitte schön.
Zu guter Letzt sei noch erwähnt, daß meine Sympathie für dieses Buch wohl nicht zuletzt auch von meiner eigenen per Sozialisation erworbenen, durchaus romantisch-verklärten, Sympathie revolutionären Bewegungen gegenüber herrührt (ich überlasse die tiefenpsychologische Deutung da aber lieber anderen). Auch wenn ich im Laufe der Jahre durchaus die Fähigkeit erworben habe, in Müntzer nicht einfach den strahlenden Helden der frühbürgerlichen Revolution zu sehen und mein Lutherbild nicht mehr ausschließlich das „geistlose, sanftlebende Fleisch zu Wittenberg“ vor Augen hat, so schlägt mein Herz doch immer noch eher für den Magister Thomas denn für Junker Jörg. Warum, nun, auch das läßt sich ganz wunderbar im Roman erfahren, denn obwohl das Zitat des Hausheiligen ohne weiteres zutrifft: Es läßt sich durchaus auch einiges über die Epoche der Protagonisten erfahren.

„Nun, meine Herren, heute, müßt ihr wissen, hat ein alter Feind sich endlich entschlossen, das Zeitliche zu segnen. Ich bin versucht, auf dieses erfreuliche Ereignis zu trinken.“
Die drei wechselten rätselhafte Blicke, als könnten sie sich im Geiste verständigen, doch es ist immer der eine, der für alle spricht. „So sagt uns doch bitte, wer es war, der sich Euren Haß zugezogen hatte.“
„Nur ein alter Augustinermönch, Deutscher wie ich, der in unserer Jugend mich und Tausende anderer schändlich verraten hat.“

(S. 563)

Ob er mit diesem Haß wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht. Also das Licht der Leselampe.

Zum Abschluß auch heute der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

*aus: „Schnipsel“ in: Werke und Briefe: 1932, S. 209. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8925 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 10, S. 98) (c) Rowohlt Verlag
**womit ich nichts gegen Herrn Follett gesagt haben will. „Die Säulen der Erde“ beispielsweise ist ein athmosphärisch gelungener, sauber geschriebener Roman. Exzellente Handwerksarbeit. Man kann aber mit Literatur auch mehr wollen. 😉
***zitiert nach: Luther Blissett: Q. Piper. München und Zürich 2002

Gachmuret feat. Der Hausheilige & Kollegen – live

Wem es im März nicht vergönnt war, der Lesung aus Texten des Hausheiligen beizuwohnen oder wem es so gut gefallen hat, daß eine Wiederholung wünschenswert wäre, hat nun die Gelegenheit dazu, mir erneut zu lauschen.
Im Programm des diesjährigen Sachsen-Anhalt-Tages, der in diesem Jahr in Weißenfels stattfindet, gibt es den Programmpunkt „Stille Schätze“, mit dem ein Kontrapunkt zum Volksfesttrubel des übrigen Programms gesetzt werden soll.

Am 21. August zwischen 12 und 13 Uhr werde ich also im Novalis-Pavillon zu erleben sein.

Die Gästeliste ist noch nicht endgültig, zugesagt haben aber neben dem Hausheiligen dieses Blogs bereits Alexander Sergejewitsch Puschkin, Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg und Johann Christoph Friedrich von Schiller. Weitere Gäste sind geladen, haben aber ihre Teilnahme noch nicht bestätigt.

Für alle, die nicht ortskundig sind, hier eine Anfahrtsskizze.

Wir sehen uns dann im August. 😉

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Das Buch zum Sonntag (47)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Sir Winston Churchill: Der Zweite Weltkrieg

Politikermemoiren sind meist schlicht unlesbar. Dies mußte ich schmerzhaft erfahren, nachdem mein erster Versuch sehr geglückt, aber offenbar nicht repräsentativ war.
Da diese Blogrubrik aber die Existenz nicht lesenswerter Bücher ja konsequent ignoriert, soll auch heute davon keine Rede sein. Stattdessen empfehle ich Churchills Erinnerungen zum zweiten Weltkrieg. Es handelt sich dabei um eine von ihm selbst erstellte einbändige Fassung seines 12-bändigen Memoirenwerks, was ein Durchlesen innerhalb eines absehbaren Zeitrahmens ja zumindest vorstellbar macht.
Das Nobelpreiskomitee begründete seine Entscheidung 1953 folgendermaßen:

für seine Meisterschaft in der historischen und biographischen Darstellung sowie für die glänzende Redekunst, mit welcher er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten hervortritt*

Vor allem aber ist Churchill ein Meister der Selbstdarstellung. Nach der Lektüre seines Werkes kann überhaupt kein Zweifel mehr daran bestehen, daß Sir Winston der größte Politiker war, der jemals auf Erden wandelte und das British Empire sein Überleben wesentlich seiner Brillanz zu verdanken hat. Sir Winston bindet das dem Lesenden natürlich nicht plump auf die Nase, auch wenn er mit politischen Gegnern nicht immer zimperlich umgeht. Wunderbar folgende Stelle, die sich mit der Reaktion auf das Münchner Abkommen im britischen Parlament befaßt:

Die Debatte war der herrschenden Erregung und der Probleme, die auf dem Spiele standen, nicht unwürdig. Ich erinnere mich recht wohl, daß bei meinen Worten: „Wir haben eine vollständige, durch nichts gemilderte Niederlage erlitten“, ein Sturm ausbrach, der mich nötigte, eine Weile innezuhalten, bevor ich weitersprechen konnte. Chamberlains beharrliche und unermüdliche Bemühungen zur Wahrung des Friedens und die persönlichen Strapazen, denen er sich dabei ausgesetzt hatte, wurden in weiten Kreisen aufrichtig anerkannt. In der vorliegenden Darstellung kann man aber unmöglich vermeiden, auf die lange Reihe von Fehlurteilen und Fehlrechnungen über Menschen und Tatsachen hinzuweisen, auf die er sich stützte; die Beweggründe jedoch, von denen er sich leiten ließ, haben niemals meine Anfechtung erfahren, und tatsächlich erforderte der Weg, den er beschritt, den höchsten Grad von moralischem Mut. Zwei Jahre später sprach ich in meiner Rede nach seinem Tode meine Anerkennung dafür aus.
Es gab auch eine schwerwiegende und praktische Beweisführung, auf die sich die Regierung – wenn auch nicht zu ihren Gunsten – stützen konnte. Niemand konnte in Abrede stellen, daß wir auf einen Krieg entsetzlich schlecht vorbereitet waren. Wer hatte dringender darauf hingewiesen als meine Freunde und ich? […] Wenn Hitler ehrliche Absichten hatte und ein dauerhafter Friede tatsächlich erreicht worden war, hatte Chamberlain Recht. Wenn er aber unglücklicherweise irregeführt worden war, mußten wir wenigstens eine Atempause gewinnen, um die schlimmsten unserer Unterlassungen gutzumachen. Diese Gedankengänge und die allgemeine Erleichterung und Freude darüber, daß die Schrecken des Krieges sich vorübergehend hatten abwenden lassen, bewirkten die loyale Zustimmung der großen Menge der Regierungsanhänger.

(S. 161)**

Der Chamberlain war schon ein feiner Kerl, hat aber eben den Fehler gemacht, nicht auf Herrn Churchill zu hören (wie auch die Vorgängerregierung nicht, tstststs).
Bekanntermaßen lief aber auch nach Churchills Regierungsübernahme nicht alles glatt. Bei ihm liest sich das dann so:

Dieses Bild bot natürlich ganz allgemein den Eindruck der Niederlage. Ich hatte im ersten Weltkrieg oft dergleichen gesehen, und die Vorstellung einer durchbrochenen Front, selbst auf einem breiten Abschnitt, erweckte in mir nicht den Gedanken an die entsetzlichen Folgen, die sich jetzt daraus ergaben. Da ich seit vielen Jahren keinen Zugang zu den offiziellen Informationen gehabt hatte, erfaßte ich die Gewalt der Umwälzung nicht, die sich seit dem letzten Krieg durch das Auftauchen einer Masse schnellbeweglicher, schwerer Panzerfahrzeuge vollzogen hatte. Ich wußte wohl davon, aber es hatte meine Überlegungen nicht in dem Grade beeinflußt, wie das nötig gewesen wäre. Doch auch dann wäre für mich keine Möglichkei zu handeln gewesen.

(S. 287)

Sprich: Auch wenn er die Lage richtig eingeschätzt hätte, hätte es doch keinen Unterschied gemacht. Die geneigte Leserschaft darf darauf vertrauen, daß Churchill dann, wenn es drauf ankam, selbstverständlich immer richtig entschied.
Glücklicherweise verzichtet Churchill auf eine strikt chronologische Vorgehensweise, immer wieder gibt es Abstecher zu Seitenthemen, Vorgriffe auf spätere Ereignisse, persönliche Einschätzungen zu Personen und Prozessen, kurz: Eine assoziative Erzählweise, wie sie für Erinnerungen ja auch angemessen ist. Den roten Faden freilich gibt die Historie vor. Bei allem Ernst, den die behandelte Zeitepoche mit sich bringt, bleibt er doch ein anregender Erzähler. Und durchaus nicht ohne Witz, wie folgende Stelle illustrieren soll, die sich mit den deutschen Plänen zur Invasion Großbritanniens befaßt:

Je näher das deutsche Oberkommando und der „Führer“ das Abenteuer ins Auge faßten, desto weniger gefiel es ihnen. Wir und sie konnten natürlich die Stimmungen und Erwägungen im andern Lager nicht genau kennen; aber von Woche zu Woche, von Mitte Juli bis Mitte September, gelangten das Oberkommando der deutschen Kriegsmarine und die englische Admiralität, das deutsche Oberkommando der Wehrmacht und die englischen Stabschefs und auch Hitler und der Verfasser dieses Buches, ohne es zu wissen, zu immer größerer Übereinstimmung in der BBeurteilung dieses Problems. Hätten wir uns in andern Dingen ebensogut verstanden, so wäre der Krieg überflüssig gewesen.

(S. 397f.)

Wir haben also richtig Glück gehabt, daß es Sir Winston Churchill gab, der in seinem Buch auch einige höchst bemerkenswerte Analysen zu bieten hat. Aber das sind ja eh die Schlimmsten, diese Typen, die sich für großartig halten und nicht mal völlig Unrecht damit haben.

Natürlich fehlt auch diese Woche nicht der Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

*(lt. Wikipedia)
**zitiert nach: Churchill, Sir Winston S.: Der zweite Weltkrieg. Fischer TB Frankfurt/Main. 2003

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Puschkin. Aus Gründen.

Ich traure dir nicht nach, verlorne Zeit,
Die ich verschwendet hab mit Liebesleiden,
Auch um die Nächte ist es mir nicht leid,
Die ich besang als Sänger leichter Freuden.

Ich traue keinem nach, der mich verriet,
Ob Freund, ob Freundin, längst sind sie vergessen,
Mit denen ich beim Becherklang gesessen,
Entfremdet alledem ist mein Gemüt.

Nach euch jedoch werd ich mich immer sehnen,
Nach euch allein noch meine Seele schreit,
Ihr heiligen Feuer, ihr Begeisterungstränen,
Kehrt wieder, Hoffnungen der Jugendzeit!

übersetzt von Martin Remané. zitiert aus: Puschkin, Alexander S.: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Band 1. Gedichte. Aufbau Berlin und Weimar. 2. Aufl. 1973

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Das Buch zum Sonntag (46)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Terry Eagleton: Der Sinn des Lebens

Seit dem linguistic turn, der ja nun auch schon ein Weilchen her ist (seitdem wurde in Geistes- und Sozialwissenschaften ja reichlich geturnt. Der letzte Schrei ist wohl der iconic turn – übrigens assoziiert das Kopfradio dabei mal wieder völlig sinnfrei) verschwimmen die Grenzen zwischen Philologie und Philosophie zunehmend. Und so ist es denn auch nicht ungewöhnlich, daß ein Literaturwissenschaftler sich der ewigen Frage nach dem Sinn des Lebens annimmt. Denn auch wenn die Antwort auf die letzte große Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest inzwischen hinlänglich bekannt ist, so ist die Menschheit doch dem Sinn keinen Schritt näher gekommen. Im Gegenteil, es scheint eher, als seien wir in postmoderner Beliebigkeit so weit wie nie davon entfernt, diese Frage zu beantworten.
Terry Eagleton steht also in einer langen Reihe und schaut sich denn auch an, was seine Vorgänger so für Ideen hatten. Dabei ist er weder um Vollständigkeit noch um ein ausgewogenes Urteil bemüht. Die geneigten Leser erkennen seine Vorlieben und Abneigungen recht schnell.
Warum also dann dieses Buch lesen? Nun, weil es einfach vergnüglich ist. Schon der Anfang ist wirklich gelungen:

Philosophen haben die ärgerliche Angewohnheit, Fragen nicht zu beantworten, sondern zu analysieren, und genau so möchte ich anfangen.* Ist die Frage „Was ist der Sinn des Lebens?“ eine echte Frage, oder sieht sie nur so aus? Gibt es irgendeine vernünftige Antwort darauf, oder ist es in Wirklichkeit eine Scheinfrage, wie die legendäre Oxforder Prüfungsfrage, die angeblich lautete: „Ist dies eine gute Frage?“

*Vielleicht sollte ich anmerken, daß ich selbst kein Philosoph bin, zumal einige Rezensenten ohnehin darauf hinweisen werden.

(S. 11)*

Und, gleich darauf, bei einem Abstecher zur Frage „Wieso ist das Sein?“:

[…] – das ist die Frage, zu der Heidegger zurückkehren möchte. Er interessiert sich weniger dafür, wie einzelnes Seiendes entstanden ist, als für die unglaubliche Tatsache, dass es überhaupt Seiendes gibt. Und diese Dinge sind unserem Verstand zugänglich, was ja leicht auch hätte anders sein können.
Für viele Philosophen – nicht zuletzt die angelsächsischen – ist die Frage „Wieso ist das Sein?“ allerdings das Paradebeispiel einer Scheinfrage. In ihren Augen ist es nicht nur schwierig oder gar unmöglich, diese Frage zu beantworten, sondern auch äußerst zweifelhaft, ob es da überhaupt etwas zu beantworten gibt. Sie meinen, die Frage sei nur ein umständlicher teutonischer Ausdruck für „Wow!“. Sie sei etwas für Dichter und Mystiker, nicht aber für Philosophen. Und vor allem in der angelsächsischen Welt sind die Barrikaden zwischen diesen beiden Lagern gut bewacht.

(S. 14)

Eagleton bedient sich natürlich eines immer wieder gerne genommenen Tricks. Indem er Aristoteles, Nietzsche, Schopenhauer, Marx, Wittgenstein oder Deleuze auftreten läßt, entzieht er sich der eigenen Positionierung. So entsteht ein höchst amüsanter Streifzug durch die europäische Geistesgeschichte, immer wieder mit Seitenhieben, immer wieder sehr sophisticated. Hier mal keine solche Stelle:

Der symbolische Bereich wurde nicht nur vom öffentlichen abgespalten, sondern auch von ihm vereinnahmt. Die Sexualität wurde gewinnbringend als Ware vermarktet, und für Kultur standen größtenteils die profitgierigen Massenmedien. Kunst war eine Frage von Geld, Macht, gesellschaftlicher Stellung und kulturellem Kapital. Kulturen wurden nun von der Touristikbranche exotisch verpackt und verhökert. Selbst die Religion entwickelte sich zu einer gewinnbringenden Industrie, in der Fernsehprediger den frommen und leichtgläubigen Armen ihr schwer verdientes Geld aus der Tasche zogen. Damit hatten wir das Schlechteste beider Welten erfolgreich vereint: Die Orte, an denen Sinn traditionell in größter Fülle sprudelte, hatten nun kaum noch Einfluss auf den öffentlichen Bereich. Zugleich aber waren diese Orte so aggressiv von kommerziellen Kräften kolonisiert worden, dass sie nun selbst Teil des Sinnverlusts wurden, dem sie einst entgegenwirken wollten. Der inzwischen privatisierte Bereich des symbolischen Lebens stand unter dem Druck, mehr zu liefern, als er mit Anstand konnte. In der Folge fiel es auch in der Privatsphäre immer schwerer, Sinn zu finden. Fiedeln, während die Zivilisation in Flammen stand, oder den eigenen Garten bestellen, während die Geschichte um einen herum in sich zusammenstürzte, schienen keine so brauchbaren Optionen mehr zu sein wie früher.

(S. 42f.)

„Sinn des Lebens“ ist keine Philosophiegeschichte, auch nicht populär, es ist auch keine philosophische Abhandlung zur Sinnfrage, es ist alles in allem ein akademischer Spaß. Was nicht bedeutet, daß es keine Inspiration bietet oder keine Gedanken herauszuziehen sind.
Und so läßt sich auch Herr Eagleton im Laufe des Buches doch noch aus der Reserve locken und bietet sehr wohl einen Sinn des Lebens an. Seine Überzeugung läuft im Wesentlichen darauf hinaus, daß der Sinn des Lebens Jazz ist. Und um den Spoiler zu entschärfen, sage ich: Das macht sogar Sinn. 😉

Zum Schluß noch der Hinweis auf

die lieferbaren Ausgaben.

Und ganz zum Schluß noch ein Hinweis auf die Scobel-Sendung mit Eagleton, die mich anregte, das Buch zu erwerben.

*zitiert nach: Eagleton, Terry: Der Sinn des Lebens. List TB. Berlin 2010.

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Das Buch zum Sonntag (45)

Hat in der geneigten Leserschaft jemand nachgezählt, wie oft die Buchempfehlung eigentlich pünktlich kam und ob es sich nicht inzwischen lohnte, die Rubrik in „Das Buch am Sonntag“ umzubenennen?
Nunja,

für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Albert Camus: Die Pest

Im Rahmen einer Reise in meine Lesebiographie las ich kürzlich diesen Roman wieder. Solche Reisen sind ja eine zwiespältige Angelegenheit. Nicht immer gelingt es, die positiven Erinnerungen an das Lesegefühl wieder auferstehen zu lassen. Und nicht selten stellen sich nicht einmal andersartige positive Erlebnisse ein. Bei Karl May zum Beispiel frage ich mich nicht nur, wieso ich den seinerzeit gern las – ich frage mich sogar, wie es mir überhaupt gelang, ihn zu lesen.
Ganz anders aber bei Camus. Die Lektüre war auch nach 14 Jahren wieder ein Gewinn. Erzählt wird die Geschichte der Stadt Oran, in der die Pest ausbricht. Es beginnt mit einer toten Ratte.

Am Morgen des 16. April trat Doktor Bernard Rieux aus seiner Praxis und stolperte mitten auf dem Treppenabsatz über eine tote Ratte. Vorerst schob er das Tier beiseite, ohne es zu beachten, und ging die Treppe hinunter. Aber auf der Straße kam ihm der Gedanke, daß diese Ratte dort nicht hingehörte, und er machte kehrt, um den Concierge zu informieren. Angesichts der Reaktion des alten Monsieur Michel wurde ihm klarer, wie ungewöhnlich seine Entdeckung war. Das Vorhandensein dieser toten Ratte war ihm nur sonderbar vorgekommen, wohingegen es für den Concierge einen Skandal darstellte. Dessen Standpunkt war kategorisch: Es gab keine Ratten im Haus.

(S. 12)*

Geradezu mit dem Seziermesser genau schaut Camus auf das verhalten der Menschen in dieser Ausnahmesituation. Um die Hauptperson, den Arzt Rieux, gruppiert er Menschen unterschiedlichster Herkunft, Anschauungen und Motivationen. Und so findet sich eine große Bandbreite von Reaktionen – Fluchtversuche, Schadenfreude und die ängstliche Sorge um den eigenen Vorteil, donnernde Reden über verdientes Unheil als Schuldsühne und leises Nachdenken über den rechten Weg zum Glücke aller, beherztes Engagement und stille Hilfe im Hintergrund, ekstatisches Vergnügen und verbarrikadierte Türen im Angesicht der unbarmherzigen, unberechenbaren Katastrophe. Um nur einige zu nennen.
Camus´ Erzählkraft schlug mich hier von Anfang in den Bann, erzeugte einen Sog, dem ich mich nur schwer entziehen konnte. Geradezu bedauernd legte ich das Buch zu Seite, wenn das böse Leben da draußen seinen Tribut forderte. Und es veränderte meine Wahrnehmung erheblich. Als ich während einer Bahnfahrt am anderen Ende des Abteils jemanden ausdauernd husten hörte, drehte ich mich erschrocken um und wollte instinktiv das Beförderungsmittel verlassen, ehe sich das Vorderhirn meldete und die Trennwand zwischen virtueller und realer Welt wiederherstellte.
„Die Pest“ ist mit Sicherheit kein schönes Buch, keines, daß man am Sonntagnachmittag in gemütlicher Runde den Kindern oder Enkeln vorliest, aber es ist ein verdammt gutes. Camus führt uns sehr gut vor Augen, wie hilflos wir trotz unseres alltäglichen Überlegenheitsgefühles, das uns suggeriert, alles stets und immer im Griff zu haben, letztlich sind, wenn der Tod, den wir zu ignorieren uns erlauben, über uns hereinbricht – und welche Wege es geben könnte, darauf zu reagieren.
Es gibt zwei Stellen in diesem Roman, die mich wirklich stark bewegt haben. Die erste stammt aus der Predigt eines Jesuiten, die Doktor Rieux hört:

Sein Interesse wurde konzentrierte, als Paneloux nachdrücklich sagte, es gebe Dinge, die man im Angesicht Gottes erklären könne und andere, die man nicht erklären könne. Zwar gebe es Gut und Böse, und im allgemeinen könne man sich leicht erklären, was sie trennt. Doch die Schwierigkeit beginne innerhalb des Bösen. Es gebe zum Beispielk das scheinbar notwendige Böse und das scheinbar unnötige Böse. Es gebe den in die Hölle gestoßenen Don Juan und den Tod eines Kindes. Denn während es gerecht sei, daß der Lebemann vernichtet wird, verstehe man das Leiden des Kidnes nicht. Und eigentlich gebe es auf Erden nichts Wichtigeres als das Leiden eines Kindes und Grauen,
das dieses Leiden mit sich bringt, und die Gründe, die man dafür finden muß. Im sonstigen Leben erleichtere Gott uns alles, und bis dahin sei die Religion ohne Verdienste. Hier dagegen treibe er uns in die Enge. So ständen wir zwischen den Mauern der Pest und müßten in ihrem todbringenden Schatten unseren Gewinn finden. Pater Paneloux schlug sogar die Erleichterung bringenden Vorteile aus, die ihm ermöglicht hätten, die Mauer zu erklimmen. Es wäre für ihn ein leichtes gewesen zu sagen, die Wonnen der Ewigkeit, die auf das Kind warteten, könnten sein Leiden ausgleichen, aber in Wahrheit wußte er nichts darüber. Wer konnte denn behaupten, daß eine ewige Wonne einen Augenblick menschlichen Schmerzes ausgleichen kann? Ganz sicher kein Christ, deren Meister den Schmerz in seinen Gliedern und in seiner Seele empfunden hat. Nein, der Pater würde am Fuße der Mauer stehenbleiben, jener Zerrissenheit getreu, deren Symbol das Kreuz ist, Auge in Auge mit dem Leiden eines Kindes. Und er würde denen, die ihm an diesem Tag zuhörten, furchtlos sagen: „Liebe Brüder, der Augenblick ist da. Man muß alles glauben oder alles leugnen. Und wer unter euch würde es wagen, alles zu leugnen?“

(S. 253f.)

Der Reiz und die Gefahr der Religion: Das Unerklärliche, das Unfaßbare, erklärbar zu machen. In seiner Absolutheit aber eben auch alles erklärbar zu machen. Nicht nur das erlittene, sondern auch das zugefügte Leid. Auch ein Gott hilft uns nicht aus der Patsche: Was richtig und falsch ist hier auf Erden, wir müssen es selbst entscheiden.
Dies gilt freilich nicht nur für religiös motivierte Wahrheitsbesitzer, wie die nächste Stelle zeigen wird, die mir bei meiner Neulektüre vor Augen führte, daß Golo Manns Satz „Wir alle sind, was wir gelesen.“ wohl nicht von der Hand zu weisen ist, bildete ich mir doch ein, eine ganz eigenständige Position entwickelt zu haben, was unwahrscheinlich wird, wenn sie sich so perfekt beschrieben in einem vor vielen Jahren gelesenen Buch findet:

Jedenfalls war das Diskutieren nicht meine Sache. Da war die rote Eule, dieses widerliche Abenteuer, bei dem widerliche, verpestete Münder einem Mann in Ketten verkündeten, daß er gleich sterben werde und alles vorbereiteten, damit er tatsächlich starb uind nach Nächten und Nächten der Todesangst, in denen er offenen Auges darauf wartete, ermordet zu werden.
Meine Sache war das Loch in der Brust. Und ich sagte mir, daß ich mich vorläufig wenigstens für mein Teil weigern würde, dieser ekelhaften Schlachterei je eine einzige, eine einzige, hören Sie, Rechtfertigung zu geben. Ja, ich habe diese eigensinnige Blindheit gewählt, bis ich klarer sehe.
Seither habe ich mich nicht verändert. Seit langer Zeit schäme ich mich, schäme mich tödlich, daß auch ich, wenn auch nur von ferne, wenn auch aus einer guten Gesinnung, ein Mörder gewesen bin. Mit der Zeit habe ich einfach festgestellt, daß selbst die, die besser sind als andere, heute nicht umhinkönnen, zu töten oder töten zu lassen, weil es in der Logik liegt, in der sie leben, und daß wir in dieser Welt keine Bewegung machen können, ohne Gefahr zu laufen, zu töten. Ja, ich habe mich weiter geschämt, ich habe gelernt, daß wir alle im Zustand der Pest sind, und ich habe den Frieden verloren. Ich suche ihn noch heute, indem ich versuche, alle zu verstehen niemandes Todfeind zu sein. Ich weiß nur, daß man das Nötige tun muß, um kein Verpesteter zu sein, und daß wir nur dadurch auf Frieden hoffen können oder doch wenigstens auf einen guten Tod. Das ist es, was die Menschen erleichtern kann und ihnen, wenn es sie auch nicht rettet, zumindest sowenig Böses wie möglich zufügt und manchmal sogar ein wenig Gutes. Und deshalb habe ich beschlossen, alles abzulehnen, was von nah oder ferne, aus guten oder schlechten Gründen, tötet oder rechtfertigt, daß getötet wird.

(S. 286f.)

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*zitiert nach: Camus, Albert: Die Pest. Deutsch von Uli Aumüller. Rowohlt Taschenbuch Reinbek. Sonderausgabe 1999

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