Eine Woche in ungelesenen Büchern (5)

Für diese Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft folgende nicht gelesenen Bücher:

Cover Menschen in New York

Menschen in New York von Brandon Stanton ist die Buchumsetzung (bzw. die deutsche Übersetzung der Buchumsetzung) eines großartigen Projekts, das ich bereits seit einiger Zeit auf Facebook verfolge. Brandon Stanton läuft durch die Stadt und fotografiert Menschen. Was auch immer er dabei macht: Er bringt sie dazu, ihm berührende, manchmal intime, Geschichten zu entlocken. Eine Frage, eine Antwort – und jedes Mal steht dort ein Blick in das Leben eigentlich völlig fremder Menschen, die einmal merkwürdig nah wirken. Mich hat sein Projekt jedenfalls sehr beeindruckt und beeindruckt es noch heute, jeden Tag aufs Neue.

Cover Theogonie

Hesiods Theogonie gilt als das älteste Zeugnis griechischer Literatur (was damit für die abendländische Kultur nicht ganz egal ist). Raoul Schrott wiederum ist bekannt geworden für seinen höchst eigenen Zugang zu antiker Literatur. Mir fehlt eindeutig der philologische Hintergrund, um beurteilen zu können, wie weit sich Schrott in seinen Nachdichtungen vom Original entfernt. Wahrscheinlich ist er kein zuverlässiger Wegbegleiter in die antike Welt. Die Idee, ältere Texte zur Vorlage für eigene Werke zu nehmen, ist allerdings nicht völlig neu und meiner Meinung nach legitim. Es verlangt freilich vom Lesenden einen durchaus aufgeklärten Umgang mit dem Ergebnis. Dann aber kann es sich bei einer zeitgenössischen Auseinandersetzung mit einem 2800 Jahre alten Text um eine sehr spannende Lektüre handeln. Will sagen: Puristen (und Altphilologen) würde ich das Buch nur empfehlen, wenn sie Probleme mit zu niedrigem Blutdruck haben.

Cover Das neue Spiel

Das neue Spiel nennt Michael Seemann (@mspro) seine Auseinandersetzung mit dem Kontrollverlust, den die digitale Welt mit sich bringt. @mspro gehörte viele Jahre zu meiner Timeline (er gehörte zu den ersten 10 Leuten, denen ich folgte). Ich entfernte ihn dann irgendwann, weil ich so selten seiner Meinung war, bzw. mich seine Positionen so ärgerten, dass ich aus Gründen des seelischen Gleichgewichts darauf verzichtete, ihn unmittelbar zur Kenntnis zu nehmen. Was aber natürlich gar nichts heißt, denn meine Befindlichkeiten gelten nur für mich. Seine Analysen und Gedanken zu Kontrollverlust und Filtersouveränität sind unbedingt zur Kenntnis zu nehmen und seit ich mich nicht mehr täglich mit ihm beschäftige, scheinen mir auch einige seiner Punkte durchaus zustimmungsfähig. Andererseits: Ich habe das Buch (das übrigens per Crowdfunding mit einer bemerkenswerten Urheberlizenz ausgestattet wurde und daher auch kostenfrei online zu lesen ist oder zu einem äußerst günstigen Preis als eBook erworben werden kann) allerdings ja auch noch nicht gelesen. Sollte ich demnächst also irgendwo mit hochrotem Kopf auftauchen, wisst ihr, was ich gelesen habe…

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Der Ehrgeiz eines Hirnforschers und die Verzweiflung eines Vaters

Die Äußerug, man habe ein autistisches Kind erzielt oft eine merkwürdige Reaktion. Irgendwas zwischen Mitleid und Abscheu.
Und natürlich, das unterscheidet dieses Thema nicht von allen andere Themen, über die man sich unterhalten kann, hat praktisch jeder schon einmal etwas davon gehört und eine festgefügte Meinung, die sich zwar bestenfalls auf ein paar Hollywood-Weisheiten und Wetten-dass?-Erfahrungen stützt, aber nichtsdestotrotz bereits die Summe aller menschlichen Weisheit repräsentiert. Man kennt das.
Weshalb hier dringend dazu geraten sei: Welches Thema auch immer der geneigten Leserschaft wichtig ist – sprecht es bloß nicht auf einer gesellschaftlichen Veranstaltung irgendeiner Art an. Redet lieber übers Wetter (also natürlich nur, falls dies nciht zufällig eure Herzensangelegenheit ist…)

Auf Zeit-Online gibt es einen lesenswerten Artikel (ja, das kommt vor), der zwar leider im ganz typischen unverbindlichen Pseudoreportagenduktus dieser Publikation geschrieben ist, aber nichtsdestotrotz zum einen die Diagnosenirrfahrt als auch die Verzweiflung der Eltern einigermaßen gut einfängt (und das bemerkenswerte Können anderer Generationen, die einfach tun und dabei richtig liegen, das mit der Lebenserfahrung scheint ein Konzept zu sein…)

Vor allem demonstriert er sehr schön, wie wenig wir über Autisten, Gehirne, das Leben, das Universum und ganzen Rest wissen.

Einmal hier entlang bitte.

P.S. Zur Menschenkenntnis von Psychologen hat sich der Hausheilige dieses Blogs in einem hübschen Kabinettstückchen abschließend geäußert: In der Hotelhalle (1930).

Lahmann-Koller

Damit der geneigten Leserschaft nicht allzu langweilig wird, sei hier, quasi als Pausenunterhaltung, auf einen Text verwiesen, der in Sachen medizinische Rehabiliationsmaßnahmen weiterhin als der maßgebliche Text zum Thema gelten muss:

Kreuzworträtsel mit Gewalt.

Dieser Text beantwortet sehr überzeugend das Hauptproblem einer jeder Kur:

Ich absolvierte täglich ein längeres Zirkusprogramm, von morgens um sieben bis mittags um halb eins. Der Turnlehrer; die Wiegeschwester; der Bademeister; der Masseur; der Assistenzarzt; die Zimmerschwester … sie alle waren emsig um mich bemüht. Ich kam mir recht krank vor, und wenn ich mir krank vorkam, dann schnauzten sie mich an, was mir wohl einfiele – es ginge mir schon viel, viel besser. Was war da zu machen?

Was war vor allem an den langen Nachmittagen zu machen, die etwa acht- bis neunmal so lang waren wie die reichlich gefüllten Vormittage?

Wer nicht lesen möchte, sondern lieber hören:

Und ich versuche dann mal in den nächsten Wochen einen Lahmann-Koller zu vermeiden… 😉

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Pause (3)

Liebe geneigte Leserschaft,

dieser Blog geht in die Sommerpause. Ich vermag noch nicht zu sagen, wann die Piemont-Kirschen wieder pflück- und verarbeitungsbereit, bin aber zuversichtlich, dass es auch dieses Mal eine Rückkehr geben wird.

Bis dahin: Musik.

Noch immer: War Is Over (If You Want It)

»So this is Christmas / And what have we done?
Another year over / and a new one just begun.«

In der Tat, es ist ein weiteres Jahr vergangen und erneut darf ein jeder in sich gehen und grübeln, was er oder sie im letzten Jahr so getrieben hat. Für heute möchte ich aber die geneigte Leserschaft in ihrer besinnlichen Stimmung das Weihnachtsfest genießen lassen.

And so this is Christmas
For weak and for strong
For rich and the poor ones
The world is so wrong
And so Happy Christmas
For black and for white
For yellow and red ones
Let’s stop all the fight

Den kompletten Text gibt es hier.

Ich wünsche der geneigten Leserschaft eine besinnliche Weihnachtszeit.

Ich bin ein langweiliger Spießer

Der 31. Oktober ist der Gegenstand vielfältiger Auseinandersetzungen, deren Intensität weit über das hinausgeht, was bei einem Kinderspaß erwartbar wäre. Alle Jahre wieder entzünden sich ideologisch aufgeheizte Debatten um Kürbisgesichter, Süßigkeiten, Kinderstreiche und Maskenbälle.
Dass die evangelische Kirche von der Umdeutung des Reformationstages wenig begeistert ist, liegt auf der Hand. Immerhin huldigt man an diesem Tag dem eigenen Ersatzheiligen nebst Gründungsmythos der eigenen Institution. Da wird dann selbst diese, sonst der Integration zunächst kirchenfremder Bräuche nicht abgeneigte Religionsgemeinschaft, ungewohnt humorlos (das offene Verhältnis der evangelischen Kirche zur Lebenswirklichkeit ist Stärke und Schwäche zugleich, aber das sei ein andermal erörtert).
Übrigens ist natürlich auch das Festhalten am Mythos des Thesenanschlages, den die historische Forschung seit Jahrzehnten für eben genau dies hält: einen Mythos, auch eher den zuständigen Tourismusbehörden und den Qualitätsjournalisten vorzuwerfen als einer Glaubensgemeinschaft, die ja immerhin das Privileg besitzt, Wahrheit nach anderen Kriterien zu definieren.

Doch es gibt auch von anderer Seite Angriffe gegen die weiter voranschreitende Übernahme der Halloween-Bräuche. Die kommen zum Beispiel aus einem eher traditionalistischen Lager, wo man zwar auch keine Ahnung hat, was man am 31.10. so feiern könnte, aber auf jeden Fall findet, dieses amerikanische Zeug, das ginge ja mal gar nicht – und dabei vollkommen ignoriert, dass die kulturelle Verbindung zur US-amerikanischen Populärkultur seit Jahrzehnten derart fest und tief verwurzelt ist, dass es keineswegs verwundert, wenn junge Menschen im Fernsehen behaupten, die Süßigkeitenjagd gehöre nunmal dazu, schließlich sei das Tradition.

Nur, ganz ehrlich, müssen wir uns wirklich wegen merkwürdiger Bräuche derart aufregen? Betrachtet man einmal das Kalenderjahr und die höchst merkwürigen Dinge, die da im Jahreskreis als Kultur gelten (ich meine, mal ehrlich: Hühnereier im Gras verstecken zu Ostern? Streiche am 1. April? Kleidungsstücke zerschneiden zur »Weiberfastnacht«? Überhaupt, Karneval: Kostümiert durch Straßen und Bars ziehen, bis sich endlich ein Kopulationspartner gefunden hat – und dafür auch noch von der Arbeit freigestellt werden? usw. usf.), gibt es genügend Anlass, Halloween äußerst entspannt zu betrachten. Ja mei, dann laufens halt rum, sammeln Süßigkeiten und spielen die Zombieapokalypse schon mal durch. Sollen sie doch. Wer lieber zum Gottesdienst möchte, kann das ja gerne tun. Und wem das zu amerikanisch ist, der ziehe sich halt seine Lederhose an.

Ich freilich, ich stelle heute meine Klingel aus. Meinetwegen können die Leute treiben, was sie wollen, sie können von mir aus heute auch Baal anbeten, wenn ihnen das irgendwie hilft oder Chtulhu beschwören – ich aber, ich hätte heute gerne einfach meine Ruhe.

Das Schlusswort gehört dem Hausheiligen dieses Blogs:

Diese Art Deutscher hat nie unrecht, er geht nie in sich, kommt nie auf den Gedanken, daß auch er vielleicht jemandem Unrecht getan haben könne – er siegt, und wenn er nicht siegt, dann borgt er sich einen Sieg, und den findet er immer in dem, was er ›Staatsräson‹ oder ›Gesinnung‹ oder ›Innenleben‹ oder ›vaterländische Religiosität‹ oder sonst dergleichen nennt. Diese Linie läßt sich von Luther an verfolgen, der das Unglück Deutschlands gewesen ist.

*

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*aus: Tucholsky, Kurt: Grimms Märchen. in: Werke und Briefe: 1928. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 6164-6165, Digitale Bibliothek Bd. 15, vgl. Tucholsky-GW Bd. 6, S. 218.

„Strafe nicht – sondern schütze die Gesellschaft vor Rechtsbrechern.“

Die Wahlperiode, in der ich als Schöffe am Jugendgericht tätig war, neigt sich dem Ende zu. Es war eine höchst interessante Zeit, ich habe Menschen aus sozialen Zusammenhängen kennengelernt, die mir tatsächlich vollkommen fremd waren (und sind). Es gab dort bemerkenswerte Geschichten zu hören, Lebensgeschichten, deren einzige Konstanz ihre Brüche waren. Ich sah junge Menschen, die, ganz egal, wie sie sich vor Gericht gaben, doch eines einte: Eine tiefgehende Verunsicherung. Manches Mal waren da nur Flügel und keine Wurzeln. Und tatsächlich dachte ich auch in manchen Fällen, ganz entgegen meiner ursprünglichen Überzeugung: „Da ist nichts mehr zu wollen, diesen jungen Menschen haben wir verloren.“

Wann auch immer in der jeweiligen Heimatstadt der geneigten Leserschaft die nächsten Schöffenwahlen anstehen, ich kann nur dazu ermutigen, sich zu bewerben. Mir hat es geholfen, die Welt einmal mit anderen Augen zu sehen und wenig ist wichtiger als ein Perspektivwechsel*.

Der Hausheilige dieses Blogs, Dr. iur. Kurt Tucholsky, hat den vielleicht besten Text (ich kenne zumindest keinen besseren) dazu geschrieben:

Merkblatt für Geschworene

Nachdruck erbeten

Wenn du Geschworener bist, dann glaube nicht, du seist der liebe Gott. Daß du neben dem Richter sitzt und der Angeklagte vor euch steht, ist Zufall – es könnte ebensogut umgekehrt sein.

Wenn du Geschworener bist, gib dir darüber Rechenschaft, dass jeder Mensch von Äußerlichkeiten gefangen genommen wird – du auch. Ein Angeklagter mit brandroten Haaren, der beim Sprechen sabbert, ist keine angenehme Erscheinung; laß ihn das nicht entgelten.

Wenn du Geschworener bist, denk immer daran, dass dieser Angeklagte dort nicht der erste und einzige seiner Art ist, tagtäglich stehen solche Fälle vor andern Geschworenen; fall also nicht aus den Wolken, dass jemand etwas Schändliches begangen hat, auch wenn du in deiner Bekanntschaft solchen Fall noch nicht erlebt hast.

Jedes Verbrechen hat zwei Grundlagen: die biologische Veranlagung eines Menschen und das soziale Milieu, in dem er lebt. Wo die moralische Schuld anfängt, kannst du fast niemals beurteilen – niemand von uns kann das, es sei denn ein geübter Psychoanalytiker oder ein sehr weiser Beicht-Priester. Du bist nur Geschworener: strafe nicht – sondern schütze die Gesellschaft vor Rechtsbrechern.

Bevor du als Geschworener fungierst, versuche mit allen Mitteln, ein Gefängnis oder ein Zuchthaus zu besichtigen; die Erlaubnis ist nicht leicht zu erlangen, aber man bekommt sie. Gib dir genau Rechenschaft, wie die Strafe aussieht, die du verhängst – versuche, mit ehemaligen Strafgefangenen zu sprechen, und lies: Max Hölz, Karl Plättner und sonstige Gefängnis- und Zuchthauserinnerungen. Dann erst sage deinen Spruch.

Wenn du Geschworener bist, laß nicht die Anschauung deiner Klasse und deiner Kreise als die allein mögliche gelten. Es gibt auch andre – vielleicht schlechtere, vielleicht bessere, jedenfalls andre.

Glaub nicht an die abschreckende Wirkung eures Spruchs; eine solche Abschreckung gibt es nicht. Noch niemals hat sich ein Täter durch angedrohte Strafen abhalten lassen, etwas auszufressen. Glaub ja nicht, dass du oder die Richter die Aufgabe hätten, eine Untat zu sühnen – das überlaß den himmlischen Instanzen. Du hast nur, nur, nur die Gesellschaft zu schützen. Die Absperrung des Täters von der Gesellschaft ist ein zeitlicher Schutz.

Wenn du Geschworener bist, vergewissere dich vor der Sitzung über die Rechte, die du hast: Fragerechte an den Zeugen und so fort.

Die Beweisaufnahme reißt oft das Privatleben fremder Menschen vor dir auf. Bedenke –: wenn man deine Briefe, deine Gespräche, deine kleinen Liebesabenteuer und deine Ehezerwürfnisse vor fremden Menschen ausbreitete, sähen sie ganz, ganz anders aus, als sie in Wirklichkeit sind. Nimm nicht jedes Wort gleich tragisch – wir reden alle mehr daher, als wir unter Eid verantworten können. Sieh nicht in jeder Frau, die einmal einen Schwips gehabt hat, eine Hure; nicht in jedem Arbeitslosen einen Einbrecher; nicht in jedem allzuschlauen Kaufmann einen Betrüger. Denk an dich.

Wenn du Geschworener bist, vergiß dies nicht –: echte Geschworenengerichte gibt es nicht mehr. Der Herr Emminger aus Bayern hat sie zerstört, um den Einfluß der ›Laien‹ zu brechen. Nun sitzt ihr also mit den Berufsrichtern zusammen im Beratungszimmer.

Sieh im Richter zweierlei: den Mann, der in der Maschinerie der juristischen Logik mehr Erfahrung hat als du – und den Fehlenden aus Routine. Der Richter kennt die Schliche und das Bild der Verbrechen besser als du – das ist sein Vorteil; er ist abgestumpft und meist in den engen Anschauungen seiner kleinen Beamtenkaste gefangen – das ist sein Nachteil. Du bist dazu da, um diesen Nachteil zu korrigieren.

Laß dir vom Richter nicht imponieren. Ihr habt für diesen Tag genau die gleichen Rechte; er ist nicht dein Vorgesetzter; denke dir den Talar und die runde Mütze weg, er ist ein Mensch wie du. Laß dir von ihm nicht dumm kommen. Gib deiner Meinung auch dann Ausdruck, wenn der Richter mit Gesetzesstellen und Reichsgerichtsentscheidungen zu beweisen versucht, dass du unrecht hast – die Entscheidungen des Reichsgerichts taugen nicht viel. Du bist nicht verpflichtet, dich nach ihnen zu richten. Versuche, deine Kollegen in deinem Sinne zu beeinflussen, das ist dein Recht. Sprich knapp, klar und sage, was du willst – langweile die Geschworenen und die Richter während der Beratung nicht mit langen Reden.

Du sollst nur über die Tat des Angeklagten dein Urteil abgeben – nicht etwa über sein Verhalten vor Gericht. Eine Strafe darf lediglich auf Grund eines im Strafgesetzbuch angeführten Paragraphen verhängt werden; es gibt aber kein Delikt, das da heißt ›Freches Verhalten vor Gericht‹ Der Angeklagte hat folgende Rechte, die ihm die Richter, meistens aus Bequemlichkeit, gern zu nehmen pflegen: der Angeklagte darf leugnen; der Angeklagte darf jede Aussage verweigern; der Angeklagte darf ›verstockt‹ sein. Ein Geständnis ist niemals ein Strafmilderungsgrund –: das haben die Richter erfunden, um sich Arbeit zu sparen. Das Geständnis ist auch kein Zeichen von Reue, man kann von außen kaum beurteilen, wann ein Mensch reuig ist, und ihr sollt das auch gar nicht beurteilen. Du kennst die menschliche Seele höchstens gefühlsmäßig, das mag genügen; du würdest dich auch nicht getrauen, eine Blinddarmoperation auszuführen – laß also ab von Seelenoperationen.

Wenn du Geschworener bist, sieh nicht im Staatsanwalt eine über dir stehende Persönlichkeit. Es hat sich in der Praxis eingebürgert, dass die meisten Staatsanwälte ein Interesse daran haben, den Angeklagten ›hineinzulegen‹ – sie machen damit Karriere. Laß den Staatsanwalt reden. Und denk dir dein Teil.

Vergewissere dich vorher, welche Folgen die Bejahung oder Verneinung der an euch gerichteten Fragen nach sich zieht.

Hab Erbarmen. Das Leben ist schwer genug.

Kurt Tucholsky: Merkblatt für Geschworene. in: Die Weltbühne, 06.08.1929, Nr. 32, S. 202.

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* Diese Szene beeindruckte ihren jugendlichen Betrachter derart, dass er beschloss, Lehrer zu werden. Und ich möchte auch heute noch glauben, dass es möglich ist, ein solcher zu sein, auch wenn mein Weg woanders hinführte.

Alte Helden. Wirre Gedanken ohne sinnvolle Konklusion.

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Als ich diese Ankündigungen für ein Konzert von Dirk Michaelis in Leipzig hängen sah, fertigte ich ein photographisches Abbild an zu dem Behufe, in Verbindung mit eben diesem auf dem Kurznachrichtendienst »Twitter« alsbald ein geistreiches Bonmot zu veröffentlichen, das durch die Verbindung des Künstlernamens mit dem Auftrittsort auf eine vielleicht zu weit gehende Verehrung lokal verbundener Künstler referieren sollte und so geeignet gewesen wäre, die Gemüter zu erheitern und meinen Ruhm zu mehren.
So war der Plan.
Dann aber schaute ich mir das Plakat genauer an und stellte fest, was Dirk Michaelis da zu singen beabsichtigte. »Welthits in deutscher Sprache« nämlich. Das klang dann aber doch sehr nach Teleshop, diesem grauenhaften Ort, an dem man Welthits in noch ganz anderer Form käuflich erwerben kann (interpretiert von singenden Saxophonen etwa oder von grinsenden Gitarristen).
Dies stimmte mich nachdenklich.
Nun war ich nie ein besonders großer Freund der Kunst von Dirk Michaelis (die Karussell-Lieder, die ich mag, stammen aus der Zeit vor seinem Engagement in der Band), aber »Als ich fortging« war ein wichtiger Teil meiner jugendlichen Sozialisation und lässt mich auch heute nicht kalt. Das mag der Grund für eine gewisse sentimentale Grundsympathie sein, auch wenn ich keine Ahnung habe, was er in den letzten Jahren so getrieben hat.
Welches Recht also habe ich denn nun, wehmütig zu sein, wenn ich ein solches Plakat sehe und (möglicherweise auch vollkommen zu Unrecht) mit Assoziationen belege, von denen »Och nö, das ist aber schade« noch die freundlichste ist? Weiterlesen „Alte Helden. Wirre Gedanken ohne sinnvolle Konklusion.“

#Lesefreude, der Welttag des Buches und Decca

UPDATE, 29.04. 2013:
Da nun doch weit mehr Menschen teilnehmen als ich zu hoffen wagte, habe ich mir überlegt, die Preise etwas breiter aufzustellen. Es gibt jetzt folgende Gewinnmöglichkeiten:

1. Preis: Das Frank-Fischer-Komplettpaket
bestehend aus: »Weltmüller«, »Südharzreise«, »Der Louvre in zwanzig Minuten«, »Die Zerstörung der Leipziger Stadtbibliothek im Jahr 2003« und den beiden von Frank Fischer herausgegebenen und mit einem Nachwort versehenen Brawe-Dramen »Der Freygeist« und »Brutus«. Plus: Ein beliebiger Titel aus dem Verlagsprogramm von Ille & Riemer.
2. Preis: Das Frank-Fischer-Best-Of-Paket
bestehend aus: »Weltmüller«, »Südharzreise« und »Der Louvre in zwanzig Minuten«. Plus: Ein beliebiger Titel aus dem Verlagsprogramm von Ille & Riemer.
3. Preis: Das Frank-Fischer-Basis-Paket
bestehend aus: »Weltmüller« und »Der Louvre in zwanzig Minuten«. Plus: Ein beliebiger Titel aus dem Verlagsprogramm von Ille & Riemer.
4. Preis: Frank Fischers »Weltmüller«
bestehend aus: bestehend aus: »Weltmüller«. Plus: Ein beliebiger Titel aus dem Verlagsprogramm von Ille & Riemer.
5.-10. Preis: Ein beliebiger Titel aus dem Verlagsprogramm von Ille & Riemer.

Wie angekündigt, gibt es heute etwas zu gewinnen, da dieser Blog an der wunderbaren Aktion »Blogger schenken Lesefreude« teilnimmt, über die ich bereits berichtete.
Meine Wahl für das zu verlosende Buch fiel auf das güldene Buch Frank Fischers, betitelt »Weltmüller«.

Dieses stand hier bereits als Nummer 102 der Reihe »Buch zum Sonntag« im Mittelpunkt des Interesses. Ich formulierte meine Begeisterung seinerzeit folgendermaßen:

Vexierspiegel. Wenn ich eine Assoziation zu diesem Buch finden sollte, dann wäre es wohl diese.
Drei Reportagen eines preisentkrönten Journalisten namens Frank Fischer, von Begebenheiten handelnd, die in ihrer Absurdität gleichwohl möglich wirken. Ein Buch, das mit allem spielt, mit Wirklichkeitsebenen, mit Reflexionen, mit Wahrnehmungen, mit Erwartungshaltungen. Und wie, zumindest geht es mir so, beim Vexierspiegel der Eindruck entsteht, man müsse nur den richtigen Winkel finden, dann zeige sich die Wirklichkeit in ihrer unverzerrten Form, so drängt sich beim »Weltmüller« der Gedanke auf, man müsse ihn nur oft genug und mit der richtigen Fragestellung lesen und schon offenbare sich, was die Welt im Innersten zusammen hält. Oder zumindest doch, was eigentlich Kunst ist und welche Rolle sie in der besten der möglichen Welten spielt.
Es sind verschiedenste Lesarten dieses Bravourstücks möglich.
Man kann es als leichte Fingerübung eines talentierten Autors lesen, als intellektuelle Spielerei eines Passionsfeuilletonisten, gut geeignet, der distinguierten Zahnärztin als Geburtstagspräsent zu überreichen – bei all den Namen, die dort auftauchen, wird sie es kaum wagen, das Buch schlecht zu finden. Kann man machen.
Man kann es aber auch lesen als Satire auf „den Betrieb“. Auf den Theater- und sonstigen Kunstbetrieb, auf dieses um sich selbst drehende Universum, das stets darauf bedacht zu sein scheint, sich durch Deutungs- und Bedeutungshöhen abzugrenzen vom schnöden Plebs und dabei doch genau diesen, zumindest in seinem bildungsbürgerlichen Gewand, braucht, um die eigene Größe zu demonstrieren. Kann man machen.
Man kann es aber auch lesen als ein Schelmenstück, in dem ein Hamlet mit Tierpflegern und ein Godot mit einer sechsten Rolle oder 192 Tafeln auf dem Leipziger Augustusplatz eine Variation auf Kerkelings „Hurz“ sind, geeignet, das Publikum in seiner Erwartungshaltung vorzuführen, in seiner Sucht danach, sich selbst intellektuell nicht im Abseits zu sehen, alles, was das Etikett „Kunst“ trägt auch interpretieren und verstehen zu wollen – und vor allem auch zu können. Kann man machen.
Und das schöne wäre: Man hätte bei allen diesen Lesarten sein Vergnügen, je nachdem, wo man sich als Lesender selbst verortet.[…] »Weltmüller« ist für mich eines der faszinierendsten Leseerlebnisse der letzten Zeit – hochreferentiell, intertextuell geradezu ein Thanksgivingtruthahn – und doch auch ohne all dies ein exzellent funktionierender Text.

Das ist aber alles gar nicht der Grund, weshalb es mir ein tiefes inneres Bedürfnis war, für diese Aktion Frank Fischer auszuwählen. Die Hauptmotivation ist etwas, das ich ein »Decca-Erlebnis« nennen möchte. Die heute wohl nur noch Klassik-Fans und Freunden der Popmusikgeschichte bekannte Plattenfirma »Decca« lehnte im Jahr 1962 mit der Begründung, »guitar groups are on the way out« und der leichten Fehleinschätzung »The Beatles have no future in show business« ab, die Beatles unter Vertrag zu nehmen. Und in Sachen Frank Fischer habe ich ein ganz ähnliches Erlebnis zu berichten:

Zu den konventionellen Buchhändler-Träumen, die mir in den letzten Jahren in der Branche begegnet sind, gehört neben der fixen Idee, irgendwann einmal ein Literatur-Café zu eröffnen (wirklich, man müsste da mal eine empirische Untersuchung machen, aber ich bin mir sehr sicher, die Quote liegt signifikant hoch), der Gedanke, unbedingt selbst Bücher zu publizieren, und zwar vor allem die Bücher, die die bösen Großverlage nicht bringen, weil sie die Auflagenschwelle nicht erreichen können. Mit ersterem dauert es bei mir noch etwas, den Verlag habe ich bereits vor über 10 Jahren (mit-)gegründet und publiziere da nun vor mich hin. Vor einigen Jahren landete ein Manuskript auf meinem metaphorischen Schreibtisch, in dem der Ich-Erzähler von seiner Reise entlang der neugebauten A38 von Leipzig nach Göttingen reiste. Ich lehnte ab, insbesondere, da dies ein ziemlich schlechtes Jahr für den Verlag war und gerade ungefähr gar kein Geld da war. Es gibt keine Verlagsentscheidung, die ich mehr bereute als diese. Und so ist meine Gefühlslage durchaus ambivalent, jedes Mal, wenn ich Frank Fischers »Südharzreise«, die wenig später bei den Kollegen von SuKuLTuR erschien, zur Hand nehme.

Deshalb also gibt es unter allen, die bis zum 30.04. diesen Beitrag kommentieren, ein Exemplar des »Weltmüller« zu gewinnen. Und weil der Welttag des Buches so eine feine Sache ist, lege ich für den Gewinnenden noch ein Buch aus meinem Verlagsprogramm oben drauf, das sich die- oder derjenige dann frei aussuchen darf.

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Rose Tremain: Adieu, Sir Merivel

Tremain Cover

Im Buchhändlerleben kommt es immer wieder vor, dass persönliche Beziehungen zu Kunden entstehen. Diese wollen dann oft mit niemand anderem mehr sprechen, von keinem anderen beraten werden, ja manchmal nicht einmal Bestellungen aufgeben, sondern gehen unverrichteter Dinge wieder davon, sollte man gerade nicht anwesend sein (oder warten, bis man sein Pausenbrot gegessen hat…)
Ich habe meine Buchhandelslaufbahn bei einem MA-Spezialisten begonnen, intensive Beratung und lauschige Gespräche über Novitäten und Klassiker sind da durchaus Mangelware. Nichtesdestotrotz, meine erste Kundin, die explizit von mir beraten werden wollte, fand sich dort – weil ich sie nicht merkwürdig anschaute, als sie ihr Interesse an historischen Romanen offenbarte*.
Ich habe in jungen Jahren sehr gerne historische Romane gelesen, was im Wesentlichen dem Einfluss Alexandre Dumas´ auf mein junges Gemüt geschuldet ist, aber nach einer sehr extensiven Christian-Jacq-Phase hat sich mein Leseinteresse doch anderen Gefilden zugewandt.
Nun fand ich aber bei dem immer noch empfehlenswerten Projekt Blogg Dein Buch einen neuen Roman von Rose Tremain, immerhin mit dem Orange Prize ausgezeichnete Autorin, die zudem bei Insel Verlag publiziert wird, was mir ein gutes Zeichen erschien.
Ein nicht mehr ganz junger Vertrauter des englischen Königs Karl II., der Arzt Sir Merivel, sucht nach neuen Herausforderungen und begibt sich nach Frankreich, um in Versailles am Hofe zu reüssieren, was gründlich danebengeht. Immerhin aber ergibt sich eine Liebesbeziehung zu einer unglücklich verheirateten Frau und zu guter Letzt steht seine Loyalität zum König vor einer Prüfung.
Kann man machen, dachte ich mir, Mid-Life-Crisis in einem Zeitalter ohne Porsche, das könnte recht unterhaltsam werden.
Weiterlesen „Rose Tremain: Adieu, Sir Merivel“

Power to the (reading) People

Der Welttag des Buches ist eine feine Sache. Einmal im Jahr soll das Buch, soll die Literatur im Vordergrund des öffentlichen Interesses stehen. Man hat sich dafür ein symbolträchtiges Datum ausgesucht, der 23. April ist weltliterarisch durchaus ein Schwergewicht. Und Schwergewichte sind es auch, die den Welttag publik mach(t)en. Es sind Branchenverbände und Großverlage, die ihre PR-Maschinen anwerfen, um schön gestrickte Marketing-Aktionen in Gang zu setzen.
Auch das ist natürlich eine feine Sache und jeder, der schon einmal selbst versucht hat, Aufmerksamkeit zu generieren, weiß, dass es überhaupt nicht schaden kann, professionelle PR-Maschinen anwerfen zu können.

Ganz unter uns gesagt, sind aber solche professionell geplanten Marketinggeschichten durchaus eine gute Portion öde. Nicht immer wirklich langweilig, aber es fehlt doch stets das Quentchen Überraschung. Besonders, wenn man dann schon eine Weile in der Branche ist, merkt, wie Budgets abschmelzen, wie Kreativität fehlt und überhaupt alles ein bisschen sehr in gewöhnliche Fahrwasser gerät, wo es eigentlich nur noch um lancierte Leseproben geht.

Umso erfreulicher nun, dass die Lesenden nun das Heft des Handelns ergreifen und einfach sagen: »Wir holen uns den Welttag zurück«. Also, keine Ahnung, ob sie das wirklich sagen, aber ich empfinde es so. 😉
Die Aktion »Blogger schenken Lesefreude« lädt dazu ein, am 24. April über ein Buch zu bloggen, das dann unter den Kommentierenden verlost wird. Ganz genau nachlesen kann man das in diesem Interview, das zudem alle notwendigen weiterführenden Links bereit hält. Leider habe ich inzwischen vergessen, wie ich auf diese Aktion gestoßen bin (es war aber kurz bevor die Branchenpresse darauf aufmerksam wurde), wollte aber, wie sich die geneigte Leserschaft sicher vorstellen kann, unbedingt mitmachen.
Es wird daher hier am 23. April die Möglichkeit geben, Frank Fischers wunderbaren »Weltmüller« zu gewinnen.

Weil heute aber heute ist und heute ist indiebookday, eine ebenfalls sehr exzellente Aktion, die ganz hervorragend passt, wenn es darum gehen soll, bei all der wirklich wichtigen Leistung, die die Big Player für die Branche erbringen (das ist ein eigenes Thema wert, aber all die Dienstleistungen, die Präsenz, die Werbung, die von den »bösen Großen« erbracht werden, sind durchaus ein Rückgrat, eine Basis, auf der die »Kleinen« aufsatteln können), sind es doch oft die kleinen, unabhängigen, selbstausbeuterischen Idealisten, die das Salz in der Suppe bilden. Die auf der Suche nach neuer, unentdeckter, aber guter Literatur sind, die Nischen besetzen, die auch das noch publizieren, was nur noch eine Handvoll Leute interessiert – und die dabei doch nicht reich werden. Und zwar selbst wenn sie einmal einen Durchbruch schaffen, so ergeht es ihnen doch oft wie den Fußballvereinen, die immer für ihre hervorragende Jugendarbeit gelobt werden, deren erste Mannschaft dann aber doch nur in der dritten Liga spielt…

Und all diese Unermüdlichen, diese Verrückten, die mit Herzblut bei der Sache sind und trotzdem sehr häufig (es sind wirklich viele, auch solche, bei denen der geneigte Leser dann nie vermuten würde) mit einem ganz anderen Job ihre Miete verdienen müssen, deren Arbeit soll dieses eine Mal ganz im Mittelpunkt stehen und die Bestsellerlisten wenigstens für einen Tag mal nach hinten schieben.

Für all jene in der geneigten Leserschaft, die jetzt vor Schreck gar nicht wissen, welches Buch sie sich heute unbedingt zulegen wollen, habe ich eine Liste zusammengestellt, die ich unter größten Schmerzen auf 10 Titel beschränkt habe. Und der Gewinner der Verlosung nächsten Monat darf sich noch eines von der Liste wünschen. oder aus dem Programm dieses schnuffigen Verlages.

Und da Klassenkampf ja gerade wieder salonfähig ist, jetzt etwas Musik:


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Wünscht euch was

2013 wird alles anders. Das ist ja offensichtlich, denn wie wir alle wissen, hat Ende Dezember des Vorjahres eine neue Ära begonnen. Seitdem sind wir alle bessere Menschen geworden und ernähren uns nur noch Lichtenergie. Oder so.
Wenn dem so ist, dann wäre natürlich meine Hypothese, dass der Hausheilige dieses Blogs zu allen Fragen des modernen Lebens eine Antwort bietet, hinfällig. So recht mag ich da aber nicht dran glauben, weswegen sich eines 2013 nicht ändern wird: Es wird weiter kräftigst gehuldigt. Und da keine kultische Handlung ohne Zeremonienmeister auskommt und kein Zeremonienmeister ohne kultige Gegenstände, werde ich im Laufe des Frühjahrs wieder ein paar Texte einsprechen, um sie hernach in silbrig glänzende Rundscheiben zu verwandeln.

Da wir aber ja nun im 21. Jahrhundert leben und dieses Internet angeblich so ein Mitmachdings ist, wo die Crowd gesourct und die Community gebuildet wird, habe ich mir überlegt, ich frage die geneigte Leserschaft, die ja sicher im Laufe der Jahre bereits zu wahren Tucholsky-Kennern geworden ist, nach eventuellen Textwünschen. Ich kann dabei nicht hoch und heilig versprechen, allen Wünschen zu entsprechen (es gibt zum Beispiel einige sehr gute Texte, die ich schlicht nicht so lesen kann, wie es angemessen wäre und Schloss Gripsholm zum Beispiel wäre mir jetzt eine Nummer zu lang… 😉 )

Wer sich also an Texte erinnert, die es schon einmal zu hören gab oder die gerne gehört werden würden – immer her damit.
Wer noch Texte sucht, sehr umfassend lassen die sich finden bei textlog. Anspieltipps hält die Kurt-Tucholsky-Gesellschaft bereit.

Und wem völlig unklar ist, wie das bei mir so klingt, darf gerne einmal hereinhören.

Also, liebe geneigte Leserschaft, ich freue mich auf Vorschläge. Ansonsten ziehe ich am Ende meine Liste und nix ist mit Mitmachen. 😉


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P.S. Und auch Hinweise wie „Da gab es doch mal was, wo er über […] schreibt.“ oder auch „Schrieb er nicht mal irgendwie sowas wie […], ich komme nur grad nicht auf den Titel.“ sind gern gesehen. 😉

Das Buch des Tages

Den aufmerksamen Feuilleton-Lesern wird es aufgefallen sein: Heute gilt es ein Jubiläum zu feiern. Vor 60 Jahren fand die Uraufführung des Mutterstücks der Postmoderne, des Godfather of Absurdes Theater, des Über-Stücks des 20. Jahrhunderts statt.
Und im Gegensatz zum zeitgenössischen hiesigen Feuilleton, dessen Reaktionen geeignet sind, so manchem heute geschmähten Autor Hoffnung zumachen, weiß das heutige »Warten auf Godot« in den höchsten Tönen zu loben und seine Bedeutung in Regionen anzusiedeln, in denen jegliche Kritik als Blasphemie zu werten ist.

Anstatt also nun unzählige gleichlautende Artikel in diversen Medien zu lesen, empfehle ich der geneigten Leserschaft den einzig angemessenen Text zu lesen, nämlich das titelgebende Bravourstück aus Frank Fischers güldenem »Weltmüller«, den ich hier bereits wärmstens empfahl.

Für all jene, denen eine der lieferbaren Ausgaben zu teuer ist oder zunächst einmal überprüfen möchte wie recht ich habe, für all jene bietet sich die Möglichkeit eines Free Download.

Also, wie auch immer: Lest dieses Buch (und meinetwegen auch Beckett).


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Weiterhin: War is Over (If You Want It)

»So this is Christmas / And what have we done?
Another year over / and a new one just begun.«

In der Tat, es ist ein weiteres Jahr vergangen und erneut darf ein jeder in sich gehen und grübeln, was er oder sie im letzten Jahr so getrieben hat. Für heute möchte ich aber die geneigte Leserschaft in ihrer besinnlichen Stimmung das Weihnachtsfest genießen lassen.
Und da wir ja seit dem 21.12. in einer völlig neuen Ära leben und nun endlich alles ganz anders wird, sei auf diese Zeilen noch einmal besonders hingewiesen:

And so this is Christmas
For weak and for strong
For rich and the poor ones
The world is so wrong
And so Happy Christmas
For black and for white
For yellow and red ones
Let’s stop all the fight

Den kompletten Text gibt es hier.

Ich wünsche der geneigten Leserschaft eine besinnliche Weihnachtszeit.

Das Buch zum Sonntag (112)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

John Jeremiah Sullivan: Pulphead

Schubladen sind eine feine Sache. Die Welt wäre viel chaotischer oder zumindest würde sie einen viel chaotischeren Eindruck machen, gäbe es keine Schubladen. Schubladen sind eine sehr große Hilfe beim Sortieren und so nimmt es nicht Wunder, nein: scheint es geradezu zwangsläufig, dass dieses in der physischen Welt so überaus erfolgreiche Konzept auch im Nichtphysischen Anwendung findet. Es fällt uns unglaublich schwer, mit Entwicklungen, Gedanken, Menschen umzugehen, von denen wir nicht wissen wo wir »sie hinstecken« sollen. Aus welcher Richtung kommen die? Was wollen die? Und vor allem: von mir?
Das ist natürlich in einer derart hybriden Welt wie der Kunst, die sich um solcherlei Überlegungen oft überhaupt nicht schert (Oscar Wilde: »Bücher sind gut oder schlecht geschrieben. Weiter nichts.«), schwierig – was nicht heißt, dass es nicht versucht wird, die zuständigen Lehrstühle überbieten sich gerne egegenseitig in Kategorisierungen auf unterschiedlichsten Ebenen in unterschiedlichsten Aspekten. Und das gilt natürlich auch für Texte. Texte, die sich weigern, die vorgesehenen Schubladen zu respektieren und es unter Umständen sogar noch wagen, die Grenzen zwischen Fiktion und Nichtfiktion aufzuweichen, kommen in die hübsche, bunte Schublade Essay.
Was natürlich schade ist, denn die Kunst des Essay ist eine hohe, lobenswerte und es gibt Flecken auf der geographischen Karte der Lesenden in denen sie höher im Kurs steht als hierzulande*. Um der geneigten Leserschaft eine ungefähre Vorstellung davon geben zu können, was John Jeremiah Sullivan in seinen Texten treibt, werde ich sie auch genau dort einsortieren: Er schreibt Essays.
Sullivan ist Journalist und der Ursprung seiner Texte ist denn auch meist ein journalistischer Impuls. Sei es, dass er auf ein Thema gestoßen wird (»Du, John, schreib doch mal über…«) oder dass es ihn selbst drängt, zu einem Thema zu schreiben. Wie das Journalisten eben so machen. Und so entsteht ein ungemein bunter Strauß Themen, seien es die Nahtoderfahrungen seines Bruders, das Comeback von Axl Rose, »Katrina«, ein Christenrockfestival oder ein exzentrischer, aber brillanter Naturforscher des 19. Jahrhunderts.
Was er aber aus diesen Anreizen macht, ist mit dem üblichen Schubladeninstrumentarium nicht genau zu fassen. Sullivan zieht Parallelen, assoziert, beschreibt, erzählt Anektoden oder analysiert messerscharf.
Sullivan nahm mich bereits mit seinem ersten Text gefangen in dem er von seinen Erlebnissen auf einem Christenrock-Festival berichtet. Einer Veranstaltung unvorstellbarer Größe übrigens. Er berichtet von seinen missmutigen Vorbereitungen, die Anlass für einen Exkurs zur Internet-Paranoia von Eltern (und ihren Kindern) ist, stellt die Typen vor, die auf dem Festival begegnen, versucht, ihre Motivation zu erfassen und dem Lesenden nahezubringen, erzählt nebenbei von seinen eigenen religiösen Erfahrungen, baut en passant eine Analyse der Musik ein, die dort gespielt wird, erklärt die Spielregeln des Business, legt zwischendurch noch einen Abstecher bei einer der Bands ein, weil er die aus früheren Zeiten, als die noch andere und er mehr Musik machten, kennt und kommt schließlich auf die Jungs zurück, die er auf dem Zeltplatz kennenlernte und schaffte es dabei, dass ich für sie doch etwas mehr als nur Kopfschütteln übrig habe.

Sullivans Ankunft verlief nicht ganz glatt, ich fasse es mal kurz so zusammen: Er brauchte Hilfe. Und fragte seine Helfer anschließend natürlich, wer sie so seien:

„Nur ein paar Jungs aus West Virgina, die für Christus brennen“, sagte er. „Ich bin Ritter, das hier sind darius, Jake, Bub und Jakes Bruder Josh. Pee Wee springt hier auch irgendwo rum.“
„Hinter irgendeinem Rock her“, sagte Darius abfällig.
„Ihr hängt hier also ein bisschen rum rettet nebenher Leben?“
„Wir kommen aus West Virginia“, sagte Darius ein zweites Mal, als hielte er mich vielleicht für schwer von Begriff. […] „Die Stelle hatten wir letztes Jahr auch“, erzählte Darius. „Ich habe dafür gebetet. Ich habe gesagt: Herrgott, ich hätte diesen Platz wirklich gerne wieder, sofern es Dein Wille ist.“
Ich war davon ausgegangen, dass meine Festivaltage einigermaßen einsam ausfallen und im Ritualmord an mir gipfeln würden. Aber diese Jungs aus West Virginia hatten so viel Wärme. Sie strömte gerade zu aus ihnen heraus. Sie fragten mich, was ich so trieb, ob ich Sassafras-Tee mochte und wie viele Leute ich in meinem Wohnmobil mitgebracht hatte. Außerdem kannten sie einen Typen, der auf grauenvolle Weise ums Leben gekommen war und aus einem Bundesstaat kam, der denselben Namen trägt wie der Fluss, an dessen Ufern ich aufgewachsen bin. Und ich bin niemand, der solche Zufälle in Zweifel zieht.

(S. 24f.)**

Sullivan wirkt in seinen Texten sehr offen, sehr aufmerksam, sehr seinem Gegenüber zugewandt, eben ernsthaft interessiert, was den Versuch des Verstehenwollens überhaupt erst glaubhaft macht. Natürlich taucht er auf, natürlich erfährt der Lesende etwas von seinen Anschauungen, seinen Vorstellungen, aber im Mittelpunkt stehen die anderen. Er nimmt sich auf wunderbare Weise zurück, was die anderen um so mehr leuchten lässt. Die Themen sind meist Anstöße zu einem frei flottierenden Text (Ganz großartig übrigens »Das haus der Peyton Sawyer«, der zum scharfsinnigsten gehört, dass ich je zum Thema „Reality-TV“ gelesen habe oder »Das Treiben der Lämmer«, in dem er die Grenzen zwischen allen Genres aufhebt). Ich kenne die USA aus eigener Anschauung nicht. Ich mag mich also irren. Aber Sullivan scheint mir hier ein überzeugendes Porträt abzuliefern und falls nicht, ist es immer noch unglaublich anregend zu lesen. Denn man merkt durchaus: Hier gibt sich einer nicht zufrieden mit dem, was ihm Mutter Kultur vorsetzt, nein, er legt sich durchaus mit ihr an. Er schaut genauer hin, ist im besten Sinne auf der Suche.
Wären journalistische Texte nur so, wir führten keine Debatten um »Qualitätsjournalismus«.

Oder, um es ganz kurz zu machen, wie es der Tagesspiegel in seiner Rezension vormachte: »John! Jeremiah! Sullivan!«

Und damit die geneigte Leserschaft meine berückenden Leseerfahrungen nachempfinden kann, muss hier natürlich noch der Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben

folgen.


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*Damit der Text nicht zu sehr abschweift: Zeitgenössischer Anspieltipp in deutscher Sprache ist aus meiner Sicht der ungemein luzide Franz Schuh.
rn2″>**aus: Auf diesen Rock will ich meine Kirche bauen. in: Sullivan, John Jeremiah: Pulphead. Suhrkamp Berlin 2012.

Das Buch zum Sonntag (111)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben

Sibylle Berg empfahl ich der geneigten Leserschaft bereits vor Jahren (nämlich als Nummer 12 und als Nummer 23). Dass ich sie nun ein drittes Mal ans Herz lege, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass ich sie gern lese. Wobei diese Aussage es nicht so ganz trifft, insbesondere beim heute zu empfehlenden Buch. Im Kundengespräch würde das in die falsche Richtung führen. Sibylle Berg ist keine Wohlfühlautorin. »Vielen Dank für das Leben« ist vielleicht das Buch von ihr, dass mich am stärksten aufgewühlt hat. Es scheint mir immer noch geprägt von der Wut auf die Welt zu sein, wie sie besonders bei ihren Theaterstücken offenbar wird, aber sie steht nicht mehr allein. Es ist kein Aufschrei, keine proklamierte Anklage, der Roman ist keine Empörungsprosa, sondern viel subtiler – und damit weit brutaler, weit kompromissloser, weit erschütternder. Hier werden keine Familiengeschichten verständnisinnig mit der deutschen Geschichte verwoben (weswegen sie den Deutschen Buchpreis auch 2012 nicht verliehen bekam), hier gibt es kein Suchen nach Verständnis für Anhänger totalitärer Ideologien, die es ja auch nicht immer leicht haben und ja trozdem auch irgendwie VaterMutterBruderSchwester sind und ja auch irgendwie Gefühle haben. Die alltäglichen Grausamkeiten, denen wir uns täglich aussetzen und die wir täglich begehen, die Furchtbarkeiten, die wir uns täglich gegenseitig antun, weil wir irgendwie durch dieses Leben durchkommen wollen, weil wir eben nur dieses eine Leben haben und möglichst viel davon haben wollen, all die Dinge, die wir bewusst oder aber, noch viel öfter, unbewusst, bzw., was die Sache wahrscheinlich mehr trifft, im Selbstbetrug tun – das sind die Themen, die in diesem Roman im Vordergrund stehen. „Gern“ lese ich das in dem Sinne, dass auch ich natürlich Teil dieser Welt und ihrer Spielregeln bin und ein Korrektiv, ein Wachrütteln, ein Schlag ins Gesicht, ein Finger-in-die-Wunde-legen hilfreich sein kann, die eigenen Prioritäten im Leben, die eigenen Maßstäbe, die eigenen Handlungsmaximen in Frage zu stellen. Wobei Frau Berg nicht nur den Finger in die Wunde legt – da ist mindestens noch Salz im Spiel. Und ein Messer. Und eine rührende Bewegung. Kurz: Angenehme Kaminlektüre ist was anderes.
Nun sind Dystopien nichts Neues und auch wenn vielleicht literaturtheoretisch Vielen Dank für das Leben darauf hinauslaufen mag – in meinen Augen ist es keine. Für eine Dystopie ist das viel zu langweilig – das Verrückte, das Spannende an diesem Roman ist nämlich gerade, dass es keine Dystopie ist, sondern die Figuren und ihr Umfeld keinerlei Überzeichnung bedürfen, keinerlei Fortführung auf irgendeinen absurden Zustand, auf dass man die innewohnenden Grausamkeiten erkennen möge. Es sind alles durchaus Menschen, die man genau so zu kennen scheint. Die genau so hinter der Nachbarstür, der Wohnungstür, der eigenen Stirn zu wohnen scheinen. Keiner mit überragenden Ambitionen, keiner mit überragender Schlechtigkeit, alle nur mit ihrem eigenen, kleinen Leben beschäftigt, lediglich bestrebt, ihren kleinen Anteil am Glück zu ergattern.
Was das aber heißt, wird erst vor der Folie der Protagonistin klar. Toto, geboren in der DDR, aufgewachsen in einem Heim, von unklarer geschlechtlicher Zuordnung und auch sonst in keine der herkömmlichen Schubladen zu stecken. Toto ist ein Mensch, die nichts zu erreichen sucht, nichts gelten will, die der Welt mit Sanftmut begegnet, wo ihr nur Hass entgegenschlägt. Vor der der Folie dieses unwahrscheinlichen, aber keineswegs unmöglichen Menschen, vor dieser Idee davon, wie Menschen sein könnten, offenbart sich kompromisslos, wer und wie wir sind. Ich mag Toto sehr, ich habe, ganz im Gegensatz zu ihr, fast 400 Seiten lang immer wieder gehofft – auf irgendetwas, ich weiß auch nicht auf was. Allein, es gibt keine Hoffnung.
Lest dieses Buch, schaut in den Spiegel, aber macht euch darauf gefasst, dass euch nicht gefallen könnte, was ihr seht.

Die Großartigkeit von Roman ist in

diesen Ausgaben

lieferbar.


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Das Buch zum Sonntag (110)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Umberto Eco: Der Name der Rose

Wenn Wissenschaftler Romane schreiben, muss das keine gute Idee sein. Erst recht nicht, wenn sie sich mit einer Disziplin beschäftigt, die sehr tief in Bedeutungen, in Sprachstrukturen eindringt, kann schnell die Gefahr entstehen, dass der Wissenschaftler über den Romancier triumphiert und am Ende nur ein elaboriertes Konstrukt ohne literarischen Wert entsteht.*
Gelingt es aber, kann daraus ein vielschichtiges, unterhaltsames Werk dabei entstehen, das keine Angst vor der Verfilmung haben muss**. So wie Ecos Großwerk, das seinen schriftstellerischen Ruhm begründete und das dementsprechend auch weit bekannter ist als etwa seine Auseinandersetzungen mit Roland Barthes.
Dass Eco ein guter Botschafter in eigener Sache ist, beweist schon seine Angabe über den Impuls, dieses Werk zu schreiben. Er habe einen Mönch umbringen wollen. Und in Beantweortung der semiotischen Grundfrage nach dem Verhältnis von Zeichen zur realen Welt, hat er dann auch genau das gemacht.
Es geht in Ecos Roman um merkwürdige Todesfälle in einem mittelalterlichen Kloster. Das ist zumindest der Köder, mit dem er Leser einfängt. Denn in Wirklichkeit ist das nur eine Ebene des Romans, die auch sehr gut funktioniert, man kann den Roman lesen und sich tatsächlich nur für die Frage nach dem Mörder interessiert. Für einen Who-Dunnit wäre dann sicher der Umfang etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man das aber als Schrullen eines talentierten Kriminalromanautors abtut, kommt man damit sehr gut durch. Wenn es aber nur das wäre, hätte es dieser Roman nicht zur eierlegenden Wollmilchsau der Buchbranche geschafft. Es gibt nahezu niemandem, dem dieses Buch nicht zu empfehlen wäre – der Traum eines jeden Buchhändlers am 23.12. – weil es nämlich gleichzeitig noch viel mehr ist.
Eco schafft hier eine Symbiose, die ihm sonst nie wieder gelingt und die ich so auch nur selten gefunden habe. Mein Grundstock an Kenntnissen der mittelalerlichen Philosophie und Theologie (die zugegebenermaßen schwerlich zu trennen sind) entstammt diesem Werk und den Dialogen seiner Figuren. Ganz auf die Kraft und Lebendigkeit seiner Charaktere vertrauend, lässt Eco hier seitenweise Dispute führen über Gott und die Welt und wie wohl in dieser am besten zu leben sei. Und das erstaunliche ist – das funktioniert. Als ich den Roman das erste Mal las, gerade frisch an Thomas Manns »Doktor Faustus« gescheitert***, konnte ich keinerlei Wissens- oder Erkenntnisvorsprung für mich reklamieren, hatte aber eine große Freude daran.
Dieser Roman wird getragen von einem Esprit, für den ich vielleicht aber auch besonders empfänglich bin. Hier finden Wortgefechte nicht mit offenem Visier statt, hier wird von hinten in die Brust gestochen. Mal eine klitzekleine Kostprobe:

„[…]Alles hier muß in herrlichstem Glanze erstrahlen…“ fügte er an und sah William fest in die Augen, und gleich darauf begriff ich, warum er so stolz darauf beharrte, sein Tun zu rechtfertigen, „denn wir halten dafür, daß es nützlich und gut ist, die Wohltaten Gottes nicht zu verbergen, sondern im Gegenteil offen zu zeigen.“
„Gewiß“, sagte William höflich, „wenn Eure Erhabenheit es für richtig hält, daß der Herr auf diese Weise gepriesen sei, so hat Eure Abtei die höchste Stufe in dieser Form der Lobpreisung erreicht.“

(S. 182)****

Diese Stelle ist noch aus einem anderen Grund interessant, weil sie einen kleinen Einblick in die Vielschichtigkeit des Werkes gibt. Diese kleine Szene kann gelesen werden als das höfliche Gespräch zweier Mönche, die Konversation betreiben. Man kann aber auch die Ironie in Williams Antwort entdecken, die in scharfem Kontrast zum Tonfall steht. Gleichzeitig wirft der Dialog ein Schlaglicht auf eine der wichtigsten Fragen mittelalterlichen Denkens (und damit auch eines der Kernthemen des Buches), nämlich, ob es gottesfürchtig ist, (viel) zu besitzen und dieses auch noch zur Schau zu stellen (es gibt da durchaus diskutable Stellen im Neuen Testament, die des Abtes Sicht auf den ersten Blick nicht zu stützen scheinen). Hierüber kreuzen die beiden sehr wohl gerade die Klingen. Ein weiterer Aspekt, den dieser Dialog zeigt, ist der von Ecos extrem gründlicher Arbeit in diesem Roman. All jene, die das Vergnügen hatten, Latein lernen zu dürfen, werden unschwer in der Satzkonstruktion des Abtes erkannt haben, dass sie geradezu unmittelbar aus dem Lateinischen übersetzt scheint.
Dies soll zur Illustration genügen. 😉

Lieferbar ist das Buch in mannigfacher Form. Und zwar als Taschenbuch, Hardcover, Hörbuch und ebook.


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*Ähnliches gilt natürlich auch für Libretti. 😉
**Die (Über-)mächtigkeit des Bildmediums ist ein beliebtes Debattenthema. Ich gebe gerne zu, dass die Verfilmungen die Chance haben, ein Publikum eher und direkter zu ergreifen. Meine Berufserfahrung lehrt mich allerdings, dass eine Verfilmung keineswegs zwangsläufig von der Lektüre des Buches abhält. Ganz im Gegenteil. Verfilmte Bücher haben auch langfristig erheblich bessere Chancen, im Bewusstsein zu bleiben. Eben weil ein vergleichsweise kurzes Vergnügen wie ein Film durchaus die Möglichkeit haben, öfter wahrgenommen zu werden und auf diese Weise als Erinnerungsfaktor wirkt. Das ist im Prinzip nichts anderes als Werbung. Und wenn der Film gut gemacht ist, macht er langfristig auch oft Lust aufs Buch. Natürlich ist aber eine Literatur-Rezeption, die nach der Rezeption der Verfilmung erfolgt eine ganz andere. Gilt aber auch vice versa.
***Das war im jugendlichen Übermut, 14, vielleicht 15 Jahre alt, gerade mit Begisterung die Buddenbrooks gelesen und noch in der Vorstellung gefangen, wenn man ein Werk eines Autoren gelesen habe, seien die anderen ebenso leicht zu lesen…
****zitiert aus: Eco, Umberto: Der Name der Rose. Erweiterte Ausgabe mit Ecos Nachschrift und dem Kommentar von Burkhard Kroeber. Zweitausendeins. Frankfurt/Main. 2000

Das Buch zum Sonntag (109)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jean-Paul Sartre: Wege der Freiheit

Sartre war für mich, wie die geneigte Leserschaft möglicherweise bereits bemerkt hat, eine der prägendsten Lektüreerfahrungen. Das hängt sicher nicht nur mit dem bei der jugendlichen Lektüre von Existentialisten nicht seltenen Epiphanie-Erlebnis* (was sich in diesem Falle vielleicht am besten mit »Aber natürlich, das macht alles keinen Sinn!« umschreiben ließe) zusammen.
Den Zyklus „Wege der Freiheit“ halte ich aber auch heute für nichts weniger als ein literarisches Meisterwerk – zumindest was die abgeschlossene Trilogie betrifft – der vierte Band ist zu sehr Fragment.
Sartre gelingt es hier, in jedem Band eine andere Erzähltechnik einzusetzen – und zwar jedes Mal hervorragend passend zur erzählten Geschichte.
Im Mittelpunkt der Reihe, insbesondere in den ersten beiden Bänden, steht der Philosophie-Lehrer Mathieu nebst einigen Personen seines Umfeldes. Wir begegnen ihnen zunächst 1938, ungefähr 2 Tage lang im Juni, dann im Herbst, kurz vor dem Münchener Abkommen und schließlich nach der französischen Niederlage.
Während also Band 1 sehr kleinteilig, wenn auch weit von Ulysses mit seinem intertextuellen Ozean entfernt, so doch erzählerisch sicher nicht unbeeinflusst, und sehr detailliert die 48 Stunden erzählt und es an tiefgründigen Gesprächen und weitreichender Charakterzeichnung nicht mangeln lässt, dabei allerdings, sicher nicht zuletzt aufgrund der historischen Situation, durchaus dynamisch bleibt, wechselt er in Band 2 in eine völlig andere Erzählweise. Hier, wo er eine unsichere, unklare Situation, eine verunsicherte Gesellschaft zeigen will, erschafft er ein höchst komplexes Gebilde aus zum Teil sehr fragmentarischen Erzählstücken. Dies erfordert natürlich ein durchaus aufmerksames Lesen, gibt aber ein sehr überzeugendes, mitreißendes Bild. Band 3 wird dann geradezu tagebuchhaft, insbesondere da, wo er die Lagersituation schildert.
Es mag meiner jugendlichen Begeisterungsfähigkeit geschuldet sein, aber ich stehe auch heute noch dazu: Für mich handelt es sich bei »Wege der Freiheit« um einen der gelungensten Versuche, eine philosophische Weltsicht in Romanform zu gießen. Im Gegensatz zu vielen sonstigen Versuchen, verlagert er nicht einfach ein sokratisches Gespräch in die Romanhandlung, so dass die Figuren ein philosophisches Seminar nachstellen, sondern der Existentialismus und sein zentrales Thema, die Freiheit menschlichen Handelns und sein Verhalten zur Welt, sind integraler Bestandteil von Handlung und Struktur.
Sartre schafft es, sowohl eine Zeitstimmung einzufangen, quasi ein gesellschaftliches Standbild zu zeichnen** und gleichzeitig überaus lesbar ein Kunstwerk zu schaffen, das über die erzählte Geschichte hinaus geht. Die Dramatik der Situation kommt ihm dabei sicher zugute, was aber ja nicht schlimm ist, ganz im Gegenteil.

Wer diese faszinierende und prägende Lektüreerfahrung nachvollziehen möchte, kann das mit Hilfe der

lieferbaren Ausgaben

tun.


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*siehe hierzu z.B. Brussig: Am kürzeren Ende der Sonnenallee
**Mit noch mehr quantitaivem Aufwand und weit weniger philosophischer Dichte gelingt das übrigens Ilja Ehrenburg in seinm „Der Fall von Paris„, der die Zeit unmittelbar vor und nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris beschreibt und wie so oft bei Ehrenburg mehr Zeitdokument als großer literarischer Wurf ist.

Frank Westerman: Das Schicksal der weißen Pferde

Ich halte die Kulturgeschichte für eine spannendsten Entwicklungen der Geschichtsschreibung. Wo es in der politischen Geschichte immer nur um Könige, Kaiser und andere Potentaten geht, kann die Kulturgeschichte aus dem Vollen schöpfen. Und so können Tee, Salz oder Kaffee im Mittelpunkt des Interesses stehen, genauso gut aber auch die Entwicklung des Aborts im Wandel der Zeiten oder eben des Menschen Verältnis zu Tieren. Die daraus zu gewinnenden Erkenntnisse sind nicht minder aufschlussreich als die Winkelzüge Metternichs oder die strategischen Großtaten Ramses II.
Mit großen Erwartungen ging ich also an die Lektüre von Frank Westermans Schicksal der weißen Pferde, das im Untertitel nicht weniger verspricht als eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts sein zu wollen.
Westerman wird vom Verlag als Meister der literarischen Reportage eingeführt und das scheint mir auch recht zutreffend zu beschreiben, was im Buch passiert. Es handelt sich dabei nämlich keineswegs um eine konzise, umfassende und strukturierte Darstellung seine Sujets, sondern vielmehr um eine Beschreibung seiner Annäherung an das Thema, seine Recherchen, Gespräche und Reisen.
Im Zentrum steht das Schicksal der Lippizaner, einst der ganze Stolz der Habsburger Doppelmonarchie und durchaus Symbol des herrschaftlichen Selbstverständisses. Die edelste und schönste Rasse der Pferde, gezüchtet in verschiedenen Teilen des Vielvölkerreichs und ureigenste Erfindung desselben.
Ausgangspunkt Westermans eigenen Interesses scheint der Lippizanerhengst seines Reitlehrers (Conversano Primula) zu sein, dessen Erwerb in den Niederlanden seinerzeit eine kleine Sensation war. Ausgehend von dessen Stammbaum führt er durch die Zeitläufte des 20. Jahrhunderts, zeigt auf, welche Sonderrolle die Lippizaner immer spielten, insbesondere als Statussymbol – und zwar sowohl für die Nationalsozialisten wie für Tito oder die Republik Österreich. Immer wieder unterbricht er dies mit Exkursen in frühere Jahrhunderte (in denen die Lippizaner ähnlichen Status genossen), die Geschichte der Genetik und Züchtung oder mit Berichten über seine Reisen zu Orten und Menschen.

Das ist alles sehr gefällig zu lesen, gelegentlich sogar wirklich spannend – aber eine Aussage, eine Idee, eine Botschaft suchte ich vergebens. Außer zwei Dingen: Es schimmert durch alles, wenn es nicht simple Pferdenarrheit ist, ein Antispeziezistischer Ansatz, der interessant und diskutabel wäre, würde er denn formuliert.
Und Westerman mag offenkundig keine Russen. Im Gewande des sowjetischen Soldaten tauchen sie mehrfach in seiner Darstellung auf, während aber alle Akteure sonstiger ethnischer Herkunft, egal wie sie die Pferde nachher behandelten, so doch ihren symbolischen Wert jederzeit anerkannten, so tauchen die sowjetischen Soldaten stets nur auf, um sie als Lasttiere oder künftige Speise zu behandeln.
Ganz übel stieß mir jedoch folgender Satz auf, der aus einer eigenen (also nicht aus Quellen entnommenen) Schilderung einer Massenszene vor Stalin entstammt:

Nachdem das Klappern der Hufe verklungen war, trat eine Hundertschaft Iwans an:

(S. 214)

Sorry, aber so etwas geht gar nicht. Ich erwarte von einem Werk, das in irgendeiner Form als Geschichtswerk ernst genommen werden soll, dass Abwertungen ganzer Völker unterbleiben. Was ansonsten im Buch zu finden ist, mag als tendenziös bezeichnet werden können, aber Iwan als Bezeichnung für sowjetische Soldaten frei zu wählen, ist mindestens unseriös.

Im Ganzen bleibt mir das ganze Buch viel zu bruchstückhaft, es fehlt eine Linie, ein Faden, eine Idee, der all die, durchaus interessanten, durchaus gut erzählten Versatzstücke zusammenfügt. Es entsteht so keine Einheit, kein Werk, das seinen Untertitel wirklich rechtfertigt.
Aber für verschiedene Aspekte, gerade des Mensch-Tier-Verhältnisses und die politische Rolle von Wissenschaft in den letzten 150 Jahren vermag das Buch durchaus bereichernd wirken.

erschienen 2012 bei C.H. Beck.

Bestellt werden kann es hier:.

Das Rezensionsexemplar wurde zur Verfügung gestellt über das empfehlenswerte und hochinteressante Projekt .

Bibliographische Daten:

Frank Westerman: Das Schicksal der weißen Pferde. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts. C.H. Beck München 2012.


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Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (108)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Tschingis Aitmatow: Die Richtstatt

Mit dem heutigen Roman gehe ich wieder sehr weit zurück in meiner Lesebiographie. Es dürften fast zwanzig Jahre sein, was im Übrigen bedeutet, dass ich viel zu jung war, um den Roman in seiner ganzen Vielschichtigkeit zu erfassen.
Dass ich ihn aber trotzdem las und mich noch heute erinnere, scheint mir aber ein gutes Zeichen zu sein. Zumindest bedeutet es, dass dieses großartige Buch auch lesbar ist ohne intime Kenntnisse kirgisischer Verhältnisse in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die hatte ich im Alter von 13 oder 14 Jahren nämlich nicht im Geringsten.*
Aitmatow verwebt hier mehrere Geschichten. Zum einen die Rahmenhandlung der Wölfin Akbara, zum anderen von Awdi Kallistrow und Boston Üküntschijew, die beide aus unterschiedlichen Gründen mit ihrer sozialen Umwelt in Konflikt geraten. Für mich erweist sich Aitmatow hier als ein Meister der Perspektivwechsel. Es ist erstaunlich**, wie es ihm gelingt, die entscheidenden Szenen des Romans als Verknüpfungspunkte nutzend, ganz unterschiedliche Sichtweisen auf ein und dieselben Geschehnisse zu entwickeln. Dabei bewegen ihn durchaus die ganz großen Fragen. Vor den Augen der Wölfin spielt sich eine dramatische Veränderung der Umwelt ab. So tauchen einmal bei der Jagd auf Antilopen Hubschrauber auf, aus denen Menschen auf zusammengetriebene Herden schießen, damit das Planziel in Sachen Fleischproduktion erreicht werden kann, wobei dann nicht nur Antilopen sterben. Und Akbaras Flucht aus der Steppe an einen Bergsee bringt nicht einmal für den Rest ihres Lebens Ruhe.
Was in meiner kurzen Beschreibung wie ein platte Parabel klingt, ist in Wirklichkeit eine differenzierte, feinsinnige, dichte, dramatische Erzählung, die sich zudem in ihrer ganzen Verflechtung erst im Laufe des Lesens erschließt. Immer wieder wechselt die Erzählperspektive, immer wieder erscheinen eben noch schlüssige Situationen plötzlich völlig sinnlos, geradezu grotesk unsinnig.

Woher sollten die Steppenwölfe wissen, daß im Gebiet ständig Anrufe von oben kamen, Forderungen des Augenblicks? Und wenn ihr’s aus der Erde stampft, der Plan für das Fleischaufkommen muß erfüllt werden. Schluß mit den Ausreden, der Fünfjahresplan geht zu Ende, was sagen wir dem Volk, wie es mit dem Plan steht, mit dem Fleisch, mit den Verpflichtungen?
„Der Plan wird auf jeden Fall erfüllt“, antwortete die Gebietsverwaltung, „in der nächsten Dekade. Es gibt noch örtliche Reserven, wir machen Druck, wir fordern …“

Die Steppenwölfe aber, angeführt von der Wölfin Akbara, schlichen zu dieser Stunde ahnungslos ihrem ersehnten Ziel entgegen; lautlos in den weichen Schnee tretend, näherten sie sich der letzten Position vor dem Angriff, hohem Rohrgras, drängten sich hinein, sahen selber fast wie bräunliche Grasbüschel aus. Von hier aus konnten sie alles überblicken. Eine riesige Herde von Steppenantilopen mit weißen Flanken und kastanienbraunem Rücken weidete, noch ohne eine Gefahr zu spüren, in dem weiten Tamariskental, fraß gierig das Gras mit dem frischen Schnee. Akbara wartete noch ab, sie mußte abwarten, damit sie sich vor dem Angriff alle konzentrierten, alle gleichzeitig aus der Deckung sprangen, sich sofort in die Verfolgungsjagd stürzten, dann würde die Jagd selbst die Manöver diktieren.

(S. 28)**

Es erscheint mir nicht immer sinnvoll, kulturelle Hintergründe eines Autors in den Vordergrund zu rücken – im Falle Aitmatows möchte ich sie aber zumindest einbeziehen. Eine ernsthafte Urbanisierung, ja eigentlich sogar nennenswerte Seßhaftigkeit, entstand in Zentralasien, insbesondere in Kasachstan und Kirgisien, erst mit dem Beginn der Sowjetunion. Zu diesem Zeitpunkt wurde Aitmatow geboren – er entstammt also einer zutiefst nomadisch geprägten Kultur, was natürlich Spuren in der Erzählweise, in den Motiven und, das scheint mir hier besonders wichtig, der Weltsicht, hinterlässt. Wie auch bei Tschinag zeigt sich hier eine tiefverbundener, ganzheitlicher Blick auf die Welt, stets auf der Suche nach dem Gleichgewicht zwischen allem Sein.
Das macht einen großen Teil des Reizes aus, denn dieser Blick ermöglicht ein geradezu seismographisches Gespür für Veränderungen und Entwicklungen, die dem Einzelnen und im Einzelnen völlig normal, gut, richtig oder sinnvoll wirken, im Großen, in der Weite des Blicks jedoch katastrophale Auswirkungen zeitigen. Es ist diese Weite des Blicks, die mich bei Aitmatow fasziniert, denn er bildet sich auch in seinem wunderbaren Sprachgefühl, in seiner großen Erzählkonstuktion ab. Und hey, man wird nicht Botschafter, wenn man nicht mit Sprache umzugehen versteht. 😉

Die hier verwendete Übersetzung ist derzeit nicht lieferbar, sehr wohl jedoch die zeitgleich jenseits des Eisernen Vorhangs erschienene, und zwar in dieser

lieferbaren Ausgabe.


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*Und auch heute sind meine Kenntnisse höchst peripher. Interessant dabei übrigens der Anknüpfungspunkt: Ich las kurz zuvor mit großer Begeisterung W. Jans Mongolen-Trilogie und suchte nach Anschlusslektüre. Nunja, und in der Richtstatt taucht bereits auf der ersten Seite Issyk-Kul auf…
**Welch schwache Übersetzung für astonishing – fällt jemandem was passendes ein?
***zitiert aus: Aitmatow, Tschingis: Die Richtstatt. (=Reclams Universal-Bibliothek Band 1239) Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1988.

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (107)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Alexandra Tobor: Sitzen vier Polen im Auto

Kindheitsgeschichten (nicht: Kindergeschichten) zu schreiben gehört zu den literarischen Versuchen, die selten gelingen und falls doch, dann meist kaum Anerkennung bringen. Zu banal, zu einfältig, zu eindimensional scheinen die Gedankenwelten von Kindern, als dass deren Darstellung zu hohem feuillotinistischen Ansehen berechtigte. Ich halte aber genau diese Disziplin zu einer der höchsten Ansprüche überhaupt, denn um eine Kindheitsgeschichte glaubhaft erzählen zu können, ist ein radikaler Perspektivwechsel nötig. Es gilt ja nicht einfach nur die Seiten zu wechseln, ein paar Nuancen der Wahrnehmung und Interpretation zu verschieben, sondern vielmehr ein völlig anderes Werte- und Denksystem anzunehmen. Kinder denken und werten anders. Sich daran aus eigener Erfahung erinnern und hineinfühlen zu können, ist weit schwieriger als dies gemeinhin angenommen werden mag.*
Keine Kindheit ist wirklich unbeschwert, weil das Leben nie unbeschwert und sorgenfrei ist, kann es eine Kindheit auch nicht sein. Kinder sind genauso von Ängsten, Sorgen und Sehnsüchten erfüllt wie es erwachsene Menschen auch sind. Aber es mögen andere Ängste, Sorgen und Sehnsüchte sein. Wir lernen Alexandra Tobors Protagonistin 1986 kennen als Kind in der polnischen Provinz mit einem erheblichen Hang zum Dramatischen, was ihr in unangenehmen Situationen hilft, aus eben diesen auszubrechen, wenn sie sich nicht anders auflösen. Wir verlassen sie wieder etwa 6 Jahre später, nach ihrer Kommunion in einer deutschen Vorstadt.
Natürlich ist die Geschichte dazwischen voller grotesker, teils absurder Situationen, wie sie entstehen müssen in einer Welt, in der ein Quelle-Katalog zum Inbegriff des Paradieses wird, wo leere Cola-Dosen als Trophäen in der Glasvitrine landen, wo schlußendlich eine Familie in ein verheißungsvoll ersehntes Land auswandert, dessen Sprache und kulturellen Codes ihnen völlig fremd sind.
Wäre es nur dies, ich würde das Buch hier nicht empfehlen. Was nämlich Alexandra Tobor ganz hervorragend gelingt, ist, die Perspektive des Kindes zu schildern, ohne in kindliche Sprache zu verfallen. Und auch wenn dabei Thomas-Mann- und Cicero-Jünger eher nicht auf ihre Kosten kommen, so ist das doch sehr überzeugend gelungen. Es sind berührende Szenen, in denen die Tragik der Diskrepanz zwischen Hoffnungen, Erwartungen und dem letztlich klaren Nichterwünschtsein durchscheint. Frau Tobor läßt ihre Protagonistin einfach nur erzählen, sie analysiert nicht, sie ist nicht die Erwachsene, die rückblickend ihre Kindheit reflketiert, sondern sie erzählt einfach nach, was dieses Kind sieht und empfindet. Und genau das macht die Stärke dieses Buches aus.

Während der Weihnachtsfeier in ihrer Schule wird ihre Mutter von der Mutter einer polnischen Klassenkameradin angesprochen und aus diesem Dialog möchte ich kurz zitieren:

»Pschsch!«, zischte Frau Kowalski. »Ich bin keine von euch … Wir sind schon vor fünf Jahren gekommen und haben hart dafür gearbeitet, Deutsche zu werden. Wir haben was geleistet, verstehen Sie? Wir wollen mit den anderen Spätaussiedlern nicht in einen Topf geworfen werden. Es kann ja sein, dass Sie eine gebildete Frau waren in Polen, darum rede ich überhaupt mit Ihnen.« […]
»Sie müssen sich schon anpassen, wenn Sie hier ein ruhiges Leben haben wollen, meine Liebe. Ich kaufe meiner Ewa zum Beispiel nur Markenkleidung. Das ist hier ziemlich wichtig.«
»Ich persönlich finde es wichtiger, dass aus meiner Tochter ein anständiger Mensch wird«, sagte Mama.
»Sehen Sie? Und genau deswegen hat Ewa Freunde und Ihre Tochter nicht. Entschuldigen Sie mich« – sie schaute auf ihre goldene Armbanduhr -,»wir müssen jetzt gehen. Mein Mann holt uns gleich ab.«
»Es war nett, Sie kennenzulernen«, sagte Mama knapp, und Frau Kowalski erhob sich, um Ewa in die Jacke zu helfen.
»Sie hat uns nicht mal gefragt, ob sie uns mitnehmen kann«, sagte Mama, als die beiden außer Hörweite waren. »Dieser Frau mangelt es völlig an Kultur. Polin will sie nicht sein, aber das macht sie nicht zur Deutschen. Sie ist überhaupt nichts.« In Momenten größter Enttäuschung erinnerte mich Mama an Oma Greta.

(S. 162ff.)**

Es ist eine schlichte Szene und doch steckt die ganze Tragik des Kampfes um die eigene Würde darin, den die Familie nach ihrer Auswanderung ausficht. Dass sie diesen Weg nicht psychologisierend, nicht analysierend, nicht überdramatisiert darstellt***, dafür bin ich ihr sehr dankbar. Diese Geschichte eines jungen Mädchens, das in eine völlig neue Welt gerät, in der die Menschen noch merkwürdiger sind als in der Welt, die sie verließ, und die doch dort sein möchte und willens ist, ihren Platz zu finden, ohne sich aufzugeben – diese Geschichte ist in der Lage viel mehr Augen zu öffnen als so manch elaboriertes kulturwissenschaftliches Werk.

Zum Abschluß noch eine Szene, die mir persönlich sehr nahe ist:

Papa hatte schon mehrere Vorstellungsgespräche erfolglos hinter sich gebracht. Hinterher hat er uns immer erzählt, wie sie gelaufen waren. Wenn ein Arbeitgeber auf seine guten Abschlussnoten zu sprechen kam, behauptete Papa, die hätten nichts mit seinem Können zu tun. Dass er in der Schule Russisch gelernt hatte, gab er zu; dass er sich selbst Englisch begebracht hatte, verschwieg er. Nach seinen persönlichen Interessen berfragt, zuckte er nur die Schultern, als hätte er die Frage nicht verstanden. Warum sollte es einen Arbeitgeber interessieren, dass er gern Bücher über die Funktionsweise von Computern las, wenn er am Ende bloß Fernseher reparieren würde?

(S. 168f.)

Ich hoffe, nie darüber lachen zu können.

Und natürlich soll auch heute nicht der Hinweis auf die

lieferbare Ausgabe

fehlen.


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P.S.

»Schorle!«, sagte Dominik entschlossen.
»Was ist das?«
»Was? Du kennst Schorle nicht?«
»Nie gehört.«
»Hahaha! Wie kann man das nicht kennen?«
Ich zuckte mit den Schultern. Dominik sprang auf und griff zur Mineralwasserflasche und zum Apfelsaft, die beide auf dem Tisch standen. Das Glas, das ich ihm gereicht hatte, füllte er nur zur Hälfte mit Apfelsaft, dann goss er bis zum Rand Mineralwasser nach, bis das Glas fast überschwappte.
»DAS ist Schorle«, sagte er stolz.
»Soso, die Deutschen sparen also auch«, hörte ich Oma unter der Nase murmeln.

(S. 204)

Ullstein platziert dieses Werk in einem Segment, in dem „humorvoll und augenzwinkernd“ (vulgo: schenkelklopfend) Kulturen aufeinander prallen dürfen. Meist bewegen sich dort dann die Helden mit der kulturellen Empathie eines Obelix („Die spinnen, die [Volksstam]“). Was bei Jan Weiler zumindest ja stilistisch noch gefällig war und gelegentlich sogar fein beobachtet, gerät dort häufig zum bloßen Klischeefestival. Wogegen ich nichts sagen will, Selbstbestätigung verkauft sich immer gut. Allerdings tut man Frau Tobors Buch damit Unrecht, es gehört dort nicht so recht herein (auch wenn es hier natürlich, wie oben erwähnt, einiges zu lachen gibt) und das wird eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihrem Werk nicht eben befördern. Allerdings sei dem zuständigen Lektorat unterstellt, dass man wenig Möglichkeiten sah, das Buch anderweitig zu platzieren (und nicht selten muss man ja schon im Haus kämpfen, wenn kein passendes Etikett zur Verfügung steht), es aber wichtig genug fand, um es trotzdem zu bringen. Möge das Buch also als Trojaner wirken und all jene zum Nachdenken bringen, die es sich auf ihren Klischeesofas mit dem „Diesindsounddiesindanders“-Muster allzu bequem gemacht haben.

*Als kleine Übung dazu betrachte man doch einmal „die Jugend“ und versuche sich ernsthaft vorzustellen, keinen Deut anders gewesen zu sein. Fällt schwer, aber wenn man nicht völlig der Hybris erliegt, schon immer besser als der Rest der Welt gewesen zu sein, führt kein Weg an der bitteren Erkenntnis vorbei, dass man selbst tatsächlich ziemlich genau so gewesen ist. Möglicherweise mit anderem Vokabular, möglicherweise mit anderen modischen Varianten – aber nicht wesentlich. Wäre dem so, klagten nicht sämtliche Quellen zu diesem Thema über die Verdorbenheit der Jugend – und zwar seit Erfindung der Schrift. 😉
**zitiert aus: Tobor, Alexandra: Sitzen vier Polen im Auto. Ullstein Taschenbuch. Berlin 2012.
***Man denke nur an Julia Francks „Rücken an Rücken„, wo es immer noch ein Trauma mehr sein muss.

Das Buch zum Sonntag (106)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jonathan Franzen: Freiheit

Die englischprachige Wikipedia führt diesen Roman als einen Anwärter auf den wohl ewig vakanten Titel der „Great American Novel“. Inwieweit dies berechtigt ist, mögen die zuständigen Amerikanisten und sonstige Berufene entscheiden. Unstrittig scheint mir aber zu sein, dass dem Lesenden hier ein Panaroma der USA nach dem Elftenseptember geboten wird. Oder sagen wir genauer: Franzens Panorama.
Ich habe dieses Roman von Sigrid Löffler empfohlen bekommen. Also, nicht persönlich, aber sie war seinerzeit bei uns in der Buchhandlung und stellte dort einige Bücher zum Thema Vater-Sohn-Konflikte vor. Bemerkenswerterweise halte ich genau diesen Konflikt nicht einmal für den stärksten Aspekt des Buches.
Aber fangen wir vorne an.
Franzen beschreibt die Familiengeschichte der Berglunds, genauer des Paares Patty und Walter Berglund nebst ihren beiden Kindern. Wohlsituiert und liberalen Geistes geraten sie durchaus in Konflikt mit ihrer zunehmend proletarischen und weit weniger liberalen Wohngegend. Gerade die Beschreibung dieses Prozesses der Veränderung in den Leitgedanken der US-amerikanischen Gesellschaft fand ich sehr faszinierend. Indem er einen Bogen von der Jugend Pattys und Walters bis zu den ersten Erwachsenenjahren ihrer Kinder schlägt, wird das sehr deutlich. Wo in ihrer Jugend noch Freiheitsgedanken, Nachhaltigkeitsideen und Liberalität – überhaupt Ideale, vorherrschten, wirkt in der Gegenwart des Romans alles in Vordergründigkeit, Hinterhältigkeit, Ehrlosigkeit erstarrt. Rockstars ohne Botschaft, Militäraustatter, die dem Militär schaden und Umwelschutzorganisationen, die Wälder roden und Berge sprengen. Irgendwie wirkt alles falsch und verlogen in der Bush.jr.-Ära.
Und doch ist das nicht so einfach. Denn die große Politik, die großen Namen, die großen Konflikte – sie tauchen gar nicht selbst auf. Sie sind das Hintergrundgeräusch einer Geschichte, die sich im kleinen Rahmen abspielt. Es sind nur ganz wenige Personen, die Franzen agieren lässt, ein enger Kreis mit durchaus wenigen Handlungsorten. So sind es dann auch die Details, die Kleinigkeiten, die scheinbaren Trivialitäten – die kleinen Nachbarschaftsstreits um zu laute Musik und zerstochene Reifen, über streunende Katzen den besten Kuchen der Straße, nicht zu vergessen: die Gespräche in der Küche oder auf der Terrasse, anhand derer er sein Gesellschaftsporträt zeichnet.
Dabei kommt dann wirklich die Frage auf, ob das nicht auch alles schon früher? so gewesen sei. Wie diese Frage zu beantworten ist, überlasse ich der geneigten Leserschaft und der eigenen Lektüre – allerdings halte ich Franzens Position für eindeutig bestimmbar. 😉
Es sind verschiedene Lebensentwürfe, die Franzen hier konkurrieren läßt, die er einander gegenüberstellt und ihre Wechselwirkungen untersucht. Und genau dort stößt eben auch der von Frau Löffler angesprochene Vater-Sohn-Konflikt hinein – aber genau das ist es: Wir haben es hier nicht mit einem Vater-Sohn-Buch zu tun, sondern eher mit dem literarischen Versuch, eine verunsicherte, sich verändernde Gesellschaft zu erfassen, die in scheinbarer RBesinnung auf ihre Grundsätze genau diese aufgibt, weil sie sie nicht mehr lebt.
Unabhängig davon ist es aber eine Freude, Franzen zu lesen, weil er pointiert zu schreiben versteht. Ich möchte einmal eine Stelle herausgreifen, noch weit am Anfang des Romans, die aber zeigt, wie er mit wenigen Sätzen Figuren entwerfen und erfassen kann:

Jeder wusste, dass Patty an der Ostküste, in einem Vorort von New York, aufgewachsen war und eines der ersten Vollstipendien für Frauen bekommen hatte, um an der University of Minnesota Basketball zu spielen, wo sie es, das ging aus einer Urkundentafel an der Wand von Walters Arbeitszimmer hervor, in ihrem zweiten Studienjahr in das virtuelle Team der zweitbesten Spielerinnen ganz Amerikas geschafft hatte.

(S. 8f.)*

Und es sind da ein paar wunderbare Spitzen zu finden, sei es, gegen Charaktere (btw: erinnert sich noch jemand an diese IKEA-Werbung?):

Merrie, zehn Jahre älter als Patty, und jedes einzelne davon sah man ihr an, hatte sich früher für die linke Studentenorganisation SDS in Madison engagiert und engagierte sich jetzt sehr in Sachen Beujolais nouveau.

(S. 11)

oder gegen Kollegen:

Er zog den Roman hervor, den seine Schwester ihm zu Weihnachten geschenkt hatt, Abbitte, und bemühte sich, an den Beschreibungen von Zimmern und Pflanzungen ein Interesse zu entwickeln

(S. 444)

NUTZE DEINE FREIHEIT WOHL lässt Franzen über dem College stehen, das Pattys Tochter besucht. Das könnte gut und gerne auch Motto des ganzen Buches sein. Letztlich nämlich geht es um genau diese Fragen: Was ist Freiheit für jeden einzelnen? Wie kann, wie soll er sie nutzen? Und was heißt das für alle anderen?

Glücklicherweise hat Franzen darüber keinen naseweisen Essay geschrieben, sondern einen im besten Wortsinne unterhaltenden Roman, der überdies in diesen

lieferbaren Ausgaben

leicht zu erhalten ist.


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*zitiert aus: Franzen, Jonathan: Freiheit. Rowohlt Digitalbuch. Reinbek 2010

Das Buch zum Sonntag (105)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Christa Wolf: Kassandra

In einem an Selbstgefälligkeit kaum zu überbietenden Interview mit dem Deutschlandradio anlässlich seines neu erschienenen Buches über „verbotene“ Literatur kündigte Werner Fuld ein baldiges Vergessen des literarischen Schaffens Christa Wolfs an.*
Das erscheint mir etwas voreilig, steht sie doch derzeit recht fest im Lektüreplan sowohl des Deutschunterrichts als auch der germanistischen Seminare. Und wer da einmal drin ist…

… der muss gerettet werden. Denn es gibt nur wenige Methoden, die so zielsicher die Lust an der Lektüre eines Autors zerstören wie dessen Behandlung im Deutschunterricht. Namen, die dort auftauchen, haben auf Lesewillige meist eine ähnliche Wirkung wie Wasser auf die Hexe des Westens – sie weichen vor ihnen zurück.
Damit dies bei Christa Wolf nicht auch geschieht, sei diesem also entgegen gewirkt.
Kassandra bezieht sich selbstverständlich auf den bekannten antiken Mythos und versucht sich an einer Erzählung der Geschehnisse in und um Troja aus der Perspektive der namensgebenden Protagonistin. Es entsteht dabei ein beeindruckendes inneres Gespräch, eine derart intensive Reise in die Gedanken- und Gefühlswelt einer Heldin, die scharfsinnig ihre Umwelt beobachtet, klar und sachlich analysierend, aber keineswegs emotionslos, immer dann in die Geschicke ihrer Stadt und ihrer Familie einzugreifen versucht, wo sie Irrwege erkennt – und doch scheitert.
Die Kassandra Christa Wolfs ist eine der beeindruckendsten Frauenfiguren, die mir bisher begegneten. Es gelingt ihr hier, eine Frau zu zeichnen, die keineswegs als Spielball göttlicher und irdischer Mächte fungiert, sondern die selbständig handelt, die stark ist (nicht im Sinne von machtvoll, sondern im Sinne einer festen Persönlichkeit), die ihre Stimme erhebt, die sich mit dem, wenn auch nicht selten erfolgreichen, Vernetzen und Manipulieren im Hintergrund nicht zufrieden geben will, die das Recht der Vernunft einfordert, wo die Unvernunft herrscht (die bei Christa Wolf hier klar männlich konnotiert ist).
Der Widerspruch zur tradierten Figur der einsamen, ungehörten Ruferin des antiken Mythos offenbart sich eben erst wirklich und klar durch die Innensicht, die hier entworfen wird. Da ist keine Rede vom Fluch der Götter, der Kassandras Schicksal besiegelt und die Trojaner ins Unglück rennen lässt – keine höheren Mächte sind hier im Spiel, es sind die Menschen selbst, die nicht hören wollen. Kassandra erkennt ganz klar die Religion, die offizielle Ideologie als reines Machtinstrument, als Mittel zum Zweck – und entlarvt Trojas Machthaber als kleingeistige Ränkeschmiede ohne Vertrauen in das eigene Volk, die eigene Tradition, die eigenen Überzeugungen. Gerade diese Aufgabe der eigenen Ideale öffnet Tür und Tor für den Untergang, der dann unvermeidlich wird. Und so wird das einst edle, mit hochfliegenden Zielen und Idealen aufgebaute Troja zum Opfer einer sie bedrohenden, belagernden, kulturlosen Macht.

Eine großartige Interpretation eines alten Stoffes und trotz seines geringen Umfangs, freilig unterstützt durch starke Referenzen, äußerst vielschichtig lesbar – was eine regelmäßige Lektüre übrigens empfehlenswert macht. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieses Buch je nach eigener Lebens- und Leseerfahrung, jeweils deutlich anders gelesen wird.

Ich möchte schließen mit einer Stelle, die in meinen Augen sehr schön illustriert, wie sinnfrei es ist, Zensur von kleingeistigen Beamten ausüben zu lassen – ein wirklich kunstsinniger Mensch (In Your Face, Werner Fuld) hätte die folgende Passage unmöglich durchgehen lassen können:

Mit einem bißchen Wahrheitswillen, mit einem bißchen Mut sei doch das ganze Mißverständnis aus der Welt zu schaffen, glaubt ich immer noch. Was wahr ist, wahr zu nennen, und was unwahr falsch: das mindeste, so dachte ich, und hätte unsern Kampf weit besser unterstützt als jede Lüge oder Halbwahrheit. […] Bis ich begriff: In Helena, die wir erfanden, verteidigten wir alles, was wir nicht mehr hatten. Was wir aber, je mehr es schwand, für um so wirklicher erklären mußten. So daß aus Worten, Gesten, Zeremonien und Schweigen ein andres Troia, eine Geisterstadt erstand, in der wir häuslich leben und uns wohlfühln sollten.

(S. 112)**

Vergesst die Geschichtsbücher, Kassandra ist vielleicht eines der besten Bücher darüber, wie die DDR funktionieren konnte, wie Gesellschaften, wie Machtkonstellationen ganz generell funktionieren und wie im Kampf gegen echte oder imaginierte Feinde Sicherheitsversprechen immer ein Weg sind, Kontrolle auszuüben.
Kurz: Ich war beeindruckt. Da können noch etliche Hundertjährige aus diversen Hausöffnungen verschwinden, eh ich wieder ähnlich begeistert sein werde.

Und noch einen letzten Hinweis – die Frage, was die Künstlerin uns wohl damit sagen wolle, hat sie selbst beantwortet, in den zur Erzählung gehörenden Frankfurter Poetikvorlesungen 1982. Ich empfehle der geneigten Leserschaft jedoch, diese erst danach zu lesen, wenn denn gewüscnht. Die andere Reihenfolge wollen wir den literaturwissenschaftlichen Seminaren überlassen. 😉

Und so sei denn auch heute auf die

lieferbaren Ausgaben

verwiesen.


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*Putzigerweise begründet er das mit deren mangelnder literarischer Qualität. Was nun aber bekanntermaßen überhaupt kein Kriterium für die Frage nach ewigem Ruhm ist. Schon gar nicht nach Meinung eines Kritikers. Es würde mich hier sogar einmal die Gegenprobe interessieren, nämlich ob das Verdammen durch zeitgenössische Literaturkritiker nicht eher ein Indiz für folgenden Nachruhm ist.
**zitiert aus: Wolf, Christa: Kassandra. Suhrkamp Frankfurt/Main. 1. Aufl. 2008

Das Buch zum Sonntag (104)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Galsan Tschinag: »Die neun Träume des Dschingis Khan«

Galsan Tschinag ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Er entstammt einer ethnischen Minderheit in der Mongolei, den Tuwa, bei denen er Stammesoberhaupt ist und in deren Dienst er sein Schreiben, wie auch sein sonstiges Handeln, sieht.
So sind denn seine Werke, die er übrigens auf deutsch verfasst (Tschinag studierte seinerzeit Germanistik in Leipzig), geprägt von der nomadischen Kultur der Tuwa, von den Geschichten, die dort erzählt werden. Das ist an sich nicht überraschend, gilt dies doch für alle Schriftsteller, ist hier aber trotzdem der Erwähnung wert, weil es zumindest für mich einen erheblichen Teil der Faszination ausmacht. Das Fremde, das Andersartige, soweit wir in der Lage sind, es als etwas Neues, Bereicherndes aufzufassen, übt einen starken Reiz aus – denn schließlich, wofür lesen wir, wenn nicht, um eine neue Welt zu entdecken?*
Im heute empfohlenen Buch gibt eine Welt zu entdecken, die aus einer merkwürdigen Mischung aus weitläufiger, weltumspannender, den Einzelnen einhüllender Mystik und kühlet, rationaler und realitätssicherer Pragmatik besteht. Tschinag führt uns zurück in die Zeit Dschingis Khans, der nach einem Unfall schwer verletzt darniederliegt und noch neun Tage zu leben hat. Während dieser neuen Tage erlangt der Leser Einblick in dessen vergangenes Leben, in seine Gedanken- und Gefühlswelt, lernt Weggefährten, Konkurrenten und Feinde kennen.
Beeindruckend finde ich Tschinags Fähigkeit, einen Sog zu erzeugen, der mich nicht losgelassen hat – obwohl nicht viel passiert (was soll schon passieren, Dschingis Khan liegt verletzt in seinem Zelt), konnte ich doch zu keinem Zeitpunkt von dem Buch und seiner Welt lassen. Die Scharf- und Feinsinnigkeit, mit der Tschinag seinen Protagonisten all die kleinen Machtspiele, die natürlich beginnen oder sich verschärfen, während er dort liegt, erkennen lässt, ist beeindruckend und, vor allen Dingen, glaubhaft. Wie sonst sollte jemand wie Temudschin aus so schwierigen Verhältnissen es zu einem Großherrscher schaffen, wenn nicht durch die Fähigkeit, geradezu seismographisch zu spüren, was in seiner Umgebung geschieht?
Und doch steht auch Dschingis Khan in größeren Verhältnissen. So sehr er auch machtpolitisch klug handelt, so sehr er entschieden ist, wo es gilt, zu vernichten, so sehr er auch da taktiert und seine Untergebenen sich gegenseitig ergänzen lässt und so sehr er auch die Glaubenstraditionen zu seinen Zwecken einzusetzen weiß – am Ende seines Lebens muss er sich in neun Träumen doch dem Universum** stellen.
Faszinierend, wie er nach und nach sein ganzes Umfeld im stummen Dialog neu kennenlernt, wie er ihn erkennen lässt, was diese wohl wirklich über ihn dachten, warum sie sich ihm gegenüber so verhielten, wie sie es taten.

Diese neun Träume sind ein langer, weiter und tiefer Weg in das Innere eines Seelenlebens. Eine beeindruckende sprachliche Reise in eine fremde, faszinierende, unerbittliche Welt und einen Dschingis Khan beschreibend, der wohl weit von seinem Mythos entfernt ist, aber vielleicht gerade dadurch ihm näher kommt als es die Geschichtsschreibung je können wird.

Erhältlich ist das Werk in diesen

lieferbaren Ausgaben.


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*Womit ich nicht verhehlen möchte, dass wir als Buchhändler und Verleger nicht zuletzt vom Gegenteil leben. Gäbe es nur Leser, die ständig Neues, Überraschendes, Noch-nie-gelesenes haben wollten, wäre unser Job deutlich spannender (aka stressiger), aber kaufmännisch wohl deutlich schwieriger zu betreiben. So wenig ich es verstehe, wie viele Menschen tatsächlich unbedingt immer wieder dieselbe Geschichte lesen wollen (wenn es geht auch noch vom selben Autor, ansonsten doch bitte von jemandem, der wenigstens „so ähnlich“ schreibt), so sehr schätze ich sie doch als Kunden. Sie machen mir meine Sortimentsexperimente überhaupt erst möglich. Gäbe es diese treue und zuverlässige Käuferschicht nicht, wir sähen doch ganz schön alt aus. Letztlich sind sie es, die treuen Donna-Leon-Leser, die zuverlässigen Zafon-Käufer, die Lucinda-Riley und die Cecilia-Ahern-Fans, die uns am Leben lassen und ohne die keine 1-A-Mieten bezahlbar wären.
**Das klingt seltsam, aber drunter machen es ganzheitliche Weltanschauungen nun mal nicht.

Das Buch zum Sonntag (103)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Yasmina Reza: »Kunst«

Die Frage, was denn nun Kunst sei, wurde bereits im Buch der letzten Woche durchaus debattiert. In Yasmina Rezas Stück »Kunst« steht diese Frage im Zentrum. Neben der Frage, was eine Freundschaft kann, muss und überhaupt eigentlich ausmacht.
Idealerweise sollte man Theaterstücke ja so wahrnehmen, wie sie gedacht sind: Auf der Bühne. Das geht, im Gegensatz zum zweiten hier empfohlenen Stück, bei »Kunst« recht gut, wird es doch immer wieder gespielt. Ich habe es auch tatsächlich durch eine Aufführung kennengelernt, in die mich mein sehr viel kunstsinniger Bruder mitnahm. Wenn ich mich recht entsinne, war ein Wanderensemble, das seinerzeit in der Moritzbastei Leipzig mit diesem Stück auftrat (ich war übrigens sehr viel mehr von der Leistung der Darsteller eingenommen als mein Bruder – aber wie gesagt, er ist der kunstsinnigere)

Allzu viele Worte möchte ich heute gar nicht verlieren, nur kurz skizzieren, worum es geht.
Wir lernen ein Freundetrio kennen: Serge, Marc und Yvan. Serge hat sich ein Kunstwerk gekauft. Für 200.000 Franc (ja, so alt ist das Stück schon 😉 ). Eine angesagte Galerie, ein angesagter Künstler, ein angemessener Preis.
Das Problem dabei ist – Marc und Yvan erkennen in dem Gemälde rein gar nichts (aus gutem Grund, ich sage nur so viel:

Für mich ist es nicht weiß. Wenn ich sage, für mich, dann meine ich objektiv. Objektiv gesehen ist es nicht weiß.

)

(S. 35)*

und reagieren nun, wie Freunde, Bekannte, der Umkreis gelegentlich reagieren, wenn sie finden, dass wir eine Dummheit begangen haben. Es entfacht sich eine Debatte, die schon sehr bald von der Frage, ob, das was die drei dort betrachten, ein Kunstwerk im Werte eines sechsstelligen Franc-Betrages sei, entfernt.
Reza lässt hier Stück für Stück die Frustrationen, die aus den jeweiligen Lebensentwürfen nebst ihren Abweichungen von den jeweiligen Lebensläufen resultieren, hervortreten.
Können Menschen befreundet sein, die so unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben und was in diesem wichtig ist, haben?
Kann eine Freundschaft aushalten, dass der eine große Summen aus reinem Vergnügen ausgibt, während den anderen viel elementarere Geldsorgen plagen?
Kann ich akzeptieren, dass meinem Freund Dinge wichtig sind, die mir völlig egal sind?
Und überhaupt, sind eigentlich mein Leben, mein Lebensentwurf, meine Wertvorstellungen eigentlich nur im Vergleich zu anderen etwas wert?

Die drei haben also einen hübschen Berg abzuarbeiten.
Möglicherweise ist dieses eher frühe Stück nicht ihr elbaoriertestes, nicht ihr schärfstes, nicht ihr bestes Werk – aber ich finde es wirklich großartig, wie sie hier ihre Fähigkeit zeigt, Masken fallen zu lassen, Fassaden niederzureißen, die es uns sonst immer ermöglichen, an der Oberfläche unserer sozialen Interaktion zu bleiben, im Unverbindlichen des täglichen Miteinanders.
Und die Fadenscheinigkeit des Freundschaftsbegriffes auch ganz ohne Herrn Zuckerberg kann man sich nicht oft genug vor Augen führen. Was ist das, ein Freund?
Denkt mal bei der nächsten Aufführung von »Kunst«, die ganz sicher in naher Zukunft auf einer Bühne in eurer Nähe stattfinden wird, mit Frau Reza darüber nach.

Bis dahin kann man sich allerdings auch mit der

lieferbaren Ausgabe

behelfen.

P.S. Bemerke gerade, dass Frau Reza so alt war wie ich jetzt, als sie dieses Stück schrieb. Mhm.


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aus: Reza, Yasmina: »Kunst«. Libelle Verlag. Lengwil am Bodensee. 8. Aufl. 2012

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (101)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Frédéric Valin: Randgruppenmitglied

Ich mag es, wenn Literatur Lebensgefühle einzufangen vermag. Das kann in einem großangelegten Panorama geschehen, es können aber auch Miniaturen sein. Solche Miniaturen schrieb Frédéric Valin in dieser Erzählungssammlung. Wie der Titel bereits nahe legt, sind seine Protagonisten nicht unbedingt diejenigen, die im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens und Interesses stehen. Es sind eher aus den verschiedensten Gründen am Rand stehende, an ihren Ansprüchen, Ideen oder schlicht dem Leben gescheiterte, zweifelnde, ausgestoßene Figuren. Valin ist dabei ein sehr genauer, einfühlsamer Beobachter*, was sich in einer durchaus behutsamen Erzählweise offenbart. Es kracht und scheppert bei Valin nicht, es gibt keine dramatischen Liebesszenen und keinen Streit mit fliegenden Gegenständen mannigfacher Gestalt. Was es aber gibt, ist eine leise Ironie. Und auch wenn ich finde, daß es einen enervierenden Hang der zeitgenössischen Literatur zu einer distanzierenden, alles ironisierenden und damit positionslosen Schreibweise gibt, hier scheint dies nicht zuzutreffen.

Das ist Punk, dachten wir. So wie er, dachten wir. So gut man eben mit vierzehn Punk sein konnte in einer süddeutschen Kleinstadt, also nicht sehr. Ein Freund aus Cottbus hat mir mal erzählt, es hätte bei ihnen nur drei Möglichkeiten gegeben, was man als Teenager hätte sein können: Punk, Nazi oder Hip-Hopper. In einer idyllischen Kleinstadt mit spitzen Kirchtürmen und Lateinleistungskursen, mit den ganzen Audis als Zweitwagen, mit Wäldern und Wiesen, mit Kühen auf der Wide und Ochsen im Rathaus, war das anders. Wir waren so sehr Provinz, wir hatten noch nicht einmal Subkultur.

(S. 77)**

Vielleicht ist eine der nachhaltigsten Wirkungen des Fängers im Roggen, daß es Salinger gelungen ist, aufzuzeigen, welche Verletzlichkeit, welche Berührbarkeit, welche Empfindsamkeit sich hinter einem schnoddrigen Tonfall verbergen kann. Wie wichtig es ist, genau zuzuhören, genau hinzusehen, den gehörten, den gelesenen Worten nachzuspüren. es gibt solche Momente auch bei Valin. So in der Erzählung »Frau Nachtweih wünscht zu sterben«, in der letztlich dem Lesenden zu überlegen bleibt, wen der Protagonisten er alles zur Randgruppe zu zählen gedenkt:

Manche brauchen zwei tage, um zu begreifen, dass das hier das Abstellgleis ist, andere Monate. Je länger einer braucht, desto beschissener geht es ihm. Frau Nachtweih geht es seit drei Monaten sehr beschissen.
Die meisten, die hier ankommen, werden innerhalb eines Monats von ihren Partnern verlassen. Die begreifen viel schneller, dass das hier das Ende der Sackgasse ist. Die haben die Reha mit durchgestanden, weil sie ein schlechtes Gewissen hatten und dachten, das halbe Jahr Zuversicht und Unterstützung sind sie dem anderen schuldig. Die meisten sind allerdings drei Wochen nach der Hirnblutung schon auf irgendwelchen Datingportalen unterwegs. Ist ja auch keine einfache Situation für die Partner, wenn der andere plötzlich statt Hirn nur noch Blutwirst unter der Schädeldecke hat. Das hält man vielleicht ein halbes Jahr aus, und dann ist man froh, wenn man woanders unterkommt.

(S. 16f.)

Frédéric Valin erweist sich als ein Erzähler, der seine Protagonisten kennt, sich einzufühlen vermag und dem Lesenden en passant die eine oder andere Denkaufgabe mit auf den Weg geht. Dieser kleine Band ermöglicht einen Einblick in die Erlebniswelt all jener Figuren modernen urbanen Lebens, die wir in all den Hipster-Trend-Gentrifidingsbums-Diskursen allzu schnell zu vergessen bereit sind und die doch auch Teil genau jener Diskurse sind. Nur eben nicht im Mittelpunkt, sondern eher am Rande – wo sie vielleicht gar nicht hingehören, weil erst Ränder eine Mitte definieren können.

Und ganz unabhängig davon, macht es eben auch einfach Freude, Valin zu lesen. Das sollte eigentlich Grund genug sein, sich umgehend die

lieferbare Ausgabe

zuzulegen.


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*Was sich bemerkenswerter Weise sogar in seinen grandiosen Bundesligaspielberichten widerspiegelt, die er bis 2011 auf Spreeblick veröffentlichte. Auch wenn mich persönlich die Fußball-Bundesliga eher peripher interessiert, die Spielberichte las ich mir immer durch – mit deren Ende flachte das Interesse allerdings auch sofort wieder ab (und meine mühsam erworbene Fachkompetenz gleich mit… 😉 )
**aus: Punk Dead in: Valin, Frédéric: Randgruppenmitglied. Verbrecher Verlag Berlin 2010

Das Buch zum Sonntag (100)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Wolfram von Eschenbach: Parzival

Von meiner Schwäche für Epen war hier gelegentlich ja bereits die Rede. Der Parzival ist mir das bisher liebste.
Es gäbe zur literaturhistorischen Ausnahmestellung des Parzival, insbesondere aber seines Autors, gäbe es viel zu sagen. Und wird es auch. Vieles, was Wolfram verhandelt, ist in seinem Kontext höchst spannend und anspielungsreich und nur zu verstehen, wenn man über einen entsprechenden Kenntnisstand verfügt oder aber es sich erklären läßt – so wie es zum Beispiel Peter Wapnewski in seiner unvergleichlichen Lesung macht. Wäre dies allerdings das einzige, was zum Parzival zu sagen wäre, so wäre dieses Werk in mediävistischen Zirkeln am besten aufgehoben und bräuchte außerhalb derselben niemanden zu tangieren.
Allein, ich bin der festen Überzeugung, daß es auch einen voraussetzungsfreien Zugang zu diesem Epos gibt und ein ebensolcher Lesegenuß sich einzustellen vermag, ganz ohne historische oder germanistische Seminare zu belegen. Nur dann nämlich macht Literatur, Kunst überhaupt, in meinen Augen Sinn: Wenn ich sie voraussetzungslos begreifen und genießen kann. Wobei das so natürlich nicht stimmt, denn Voraussetzungen bringt ein jeder mit, seien sie nun kulturell geprägt oder sonstwie angelernt – ein Neo Rauch sieht ein Bild ganz anders als ich und ein Abraham-a-Sancta-Clara-Forscher wird dessen Werke völlig anders lesen als ich das tun würde und dabei durchaus einen Lesegenuß entwickeln, wo ich nur rätselnd verzweifle. Aber ehe ich mich jetzt in theoretische Überlegungen verrenne, denen ich nicht gewachsen bin, kommen wir doch lieber zum Buch. Weiterlesen „Das Buch zum Sonntag (100)“

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (99)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Tomas Tranströmer: Sämtliche Gedichte

Der Buchempfehlungsreigen nähert sich der Dreistelligkeit, höchste Zeit also für einen Lyriker.
Einen Lyriker zudem, das sei an dieser Stelle freimütig bekannt, auf den ich ohne die Zuerkennung des Literatur-Nobelpreises wohl nicht gestoßen wäre. Es waren drei Dinge, die mich bewogen, Tranströmer zu lesen.
Zum einen der Widerwillen gegen die in unzähligen Kommentaren aufwallende „Wasfüreinbekloppteskommitteemitseinenidiotischenentscheidung“-Stimmung – von Leuten, die nie auch nur eine Zeile des soeben Geehrten gelesen hatten. Zum zweiten die immer wieder kolportierte Behauptung, es sei in Schweden durchaus üblich, das eine oder andere Tranströmer-Gedicht auswendig zu kennen. Und zum Dritten diese Zeile:

Das Erwachen ist ein Fallschirmsprung aus dem Traum.

(S. 7)*

Über die ich in einem Tweet stolperte, den ich nicht mehr wiederfinde. Vergänglich ist der Menschen Tun…
Es zeugt nicht unbedingt von Kenntnis, wenn man pauschal das Gesamtwerk eines Autoren empfiehlt. Nunja, ich kenne Tranströmer auch erst seit knapp 2 Monaten, intime Kenntnis zu behaupten, wäre da wenig glaubwürdig. Zudem ist sein Werk auch recht schmal, allzuviel ist seit 1996, das Jahr mit dem diese Zusammenstellung endet, nicht von ihm erschienen und, das scheint mir der spannendere Grund zu sein, es steckt in diesen wenigen Seiten eine erhebliche Menge drin. Es gibt hier einen Lyriker zu entdecken, der immer wieder aufzuzeigen imstande ist, warum man von Dichtkunst spricht. Warum es eben nicht um das epische Beschreiben eines Sonnenuntergangs in hügeliger Steppenlandschaft geht, sondern um das Verkürzen, Verknappen, Verdichten. Den unmittelbaren Eindruck eines Moments, eines Gefühls, eines Gedankens in ebenso unmittelbare Worte zu fassen – das ist Dichten.

Ein Zeitraum
wenige Minuten lang
achtundfünfzig Jahre breit.

Und hinter mir
jenseits der bleischimmernden Wasser
lag die andere Küste
und diejenigen, die herrschten.

Menschen mit Zukunft
statt eines Gesichts.

(S. 229)**

Er scheint mir ein sehr genauer, sehr empfindsamer Beobachter zu sein. Durchaus auch des (politischen/ideologischen) Weltgeschehens, vor allem aber seiner Mitmenschen. „Menschen mit Zukunft/statt eines Gesichts“ – da blitzen Bilder auf, da entstehen Menschen vor dem inneren Auge, die sich nicht treffender beschreiben ließen.
Es überwiegen bei Tranströmer durchaus klassische Lyrikthemen, Politprop sucht man vergebens, auch wenn es immer mal wieder den einen oder anderen Fingerzeig gibt – es geht ihm doch eher um das menschliche Miteinander in durchaus wenig pathetischem Sinne, was ihn mir sehr angenehm macht. Es ist eine eher leise Dichtkunst, die er pflegt.

Während der düsteren Monate saß die Seele zusammengekauert
und leblos,
doch der Leib ging gradenwegs zu dir.
Der Nachthimmel brüllte.
Verstohlen melkten wir den Kosmos und überlebten.

(S. 188)***

Ich bin dem Nobelpreiskomitee dankbar dafür, meinen Blick auf diesen Dichter gelenkt zu haben. Ohne die Entscheidung, ihn in diesem Jahr zu ehren, hätte ich ihn wohl nie entdeckt. Und da hätte ich doch was verpaßt. Wie zum Beispiel diese Stelle hier, die ich abschließend zitieren möchte:

Stille Zimmer.
Die Möbel stehen flugbereit im Mondschein.
Sachte gehe ich in mich selbst hinein
durch einen Wald von leeren Rüstungen.

(S. 190)****

Und auch wenn es übertrieben sein mag, daß jeder Schwede einige Lieblingszeilen Tranströmer zu zitieren vermag – für möglich halte ich es durchaus. Sein Werk gibt das her.

Wer also noch keine Lieblingszeile hat, der möge sich umgehend die

lieferbare Ausgabe

holen.


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*zitiert aus: Präludium (1954). in: Tranströmer, Tomas: Sämtliche Gedichte. Carl Hanser München 1997.
**aus: Nachtbuchblatt (1996)
***aus: Feuergekritzel (1983)
********aus: Postludium (1983)

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (98)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Thomas Mann: Die Buddenbrooks

Zugegeben, Thomas Mann zu empfehlen, ist nicht gerade originell. Allerdings war es von Anfang an eine Linie dieser Buchempfehlungsreihe, sich um Kanonisierungen nicht zu scheren. Und das gilt auch für die Literaten, die das Pech hatten, in den bildungsbürgerlichen Heiligenstand versetzt worden zu sein.* Es scheint in der Tat so, als sei Thomas Manns Einfluß auf die deutsche Literaturproduktion und -rezeption gar nicht zu überschätzen. Wie anders als durch des Konsuls langen Schatten wäre sonst die an eine Gesetzmäßigkeit erinnernde Formel „deutsche Geschichte plus Familienroman gleich Deutscher Buchpreis“ zu erklären?
Die Buddenbrooks stehen jedoch nicht nur für absehbare Preisgewinner** Pate, sondern auch für die immer wieder gerne diskutierte Frage der Kunstfreiheit vor dem Hintergrund der Schutzwürdigkeit von Persönlichkeitsrechten. Denn natürlich war für den kommerziellen Erfolg eines derart umfangreichen Werkes (es ist rührend, den Briefwechsel zwischen Samuel Fischer und Thomas Mann zu lesen, in dem der Verleger den Autor geradezu händeringend bittet, zu kürzen) äußerst nützlich, daß so etliche ehrenwerte Bürger der ehrenwertesten Stadt Lübeck sich darin karikiert zu finden glaubten. Wäre der Roman allerdings nur das, eine armselige Kolportage, so lohnte es sich nicht, heute auch nur noch ein Wort darüber zu verlieren.
Ist es aber nicht.
Die Buddenbrooks sind ganz im Gegenteil ein wirkliches, ein dauerndes, ein großartiges Meisterwerk. Und so sehr auch unsere Schulen und Literaturexperten versuchen, diesen Schriftsteller und insbesondere diesen Roman totzuloben: Manchmal, liebe Lesende, manchmal lohnt es sich trotzdem. Manchmal steht wirklich ein Buch im Kanon, das nicht nur im literaturhistorischen Kontext spannend ist, das nicht nur exemplarisch für irgendetwas steht.
Ich habe die Buddenbrooks zum ersten Mal mit 16 Jahren gelesen und mich hatte er sofort. Da ist eine Prägnanz und Eleganz in seiner Sprache, in seinem den Roman eröffnenden Defilee der Protagonisten, die mit wenigen Sätzen vollständig beschrieben werden – mir raubte das seinerzeit den Atem und ich finde es noch heute faszinierend:

»Was ist das. – Was – ist das…«
»Je, den Düwel ook, c´est la question, ma très chère demoiselle!«
Die Konsulin Buddenbrook, neben ihrer Schwiegermutter auf dem geradlinigen, weiß lackierten und mit einem goldenen Löwenkopf verzierten Sofa, dessen Polster hellgelb überzogen waren, warf einen Blick auf ihren Gatten, der in einem Armsessel bei ihr saß, und kam ihrer kleinen Tochter zu Hilfe, die der Großvater am Fenster auf den Knieen hielt.
»Tony!« sagte sie, »ich glaube, daß mich Gott –«
Und die kleine Antonie, achtjährig und zartgebaut, in einem Kleidchen aus ganz leichter changierender Seide, den hübschen Blondkopf ein wenig vom Gesichte des Großvaters abgewandt, blickte aus ihren graublauen Augen angestrengt nachdenkend und ohne etwas zu sehen ins Zimmer hinein[…]

S. 7

Alle hatten in sein Lachen eingestimmt, hauptsächlich aus Ehrerbietung gegen das Familienoberhaupt. Mme. Antoinette Buddenbrook, geborene Duchamps, kicherte in genau derselben Weise wie ihr Gatte. Sie war eine korpulente Dame mit dicken weißen Locken über den Ohren, einem schwarz und hellgrau gestreiften Kleide ohne Schmuck, das Einfachheit und Bescheidenheit verriet, und mit noch immer schönen und weißen Händen, in denen sie einen kleinen, sammetnen Pompadour auf dem Schoße hielt. Ihre Gesichtszüge waren im Laufe der Jahre auf wunderliche Weise denjenigen ihres Gatten ähnlich geworden. Nur der Schnitt und die lebhafte Dunkelheit ihrer Augen redeten ein wenig von ihrer halb romanischen Herkunft;

(S. 8)

Toll.
Thomas Mann ist neben seiner bewundernswerten Sprachvirtuosität (auch wenn wir zugeben wollen, daß es sich hier um eine andere Art Virtuosität als die einer Juli Zeh oder einer Sibylle Berg handelt, die ihre Sätze weit kürzer zu fassen pflegen) vor allem ein glänzender Beobachter. Seine Figuren sind derart lebendig gezeichnet, daß man sich ihrem Bann nur schwer entziehen kann. Und auch wenn die Buddenbrooks dank ihres für Mannsche Verhältnisse schon überbordenden Plots zu Recht als sein unterhaltsamstes Werk gelten dürfen – es sind doch vor allem seine Figuren, die das Buch auch nach über 100 Jahren noch lebendig erscheinen lassen, völlig frei von irgendwelcher Klassiker-Patina erstehen auch für den heute lesenden Betrachter Figuren, denen ihr Menschsein nicht verlorengegangen ist. Denn eines gilt in der Kunst immer wieder: Wirklich gute Typisierungen gelingen nur ohne Typen. Gerade solche Figuren wie Tony Buddenbrook, für mich eine der mir liebsten literarischen Frauengestalten oder Bendix Grünlich, in seiner anschmeichelnden Widerwärtigkeit großartig getroffen, sind es, die bei aller zeitlichen Ferne zum Geschehen (die im Übrigen bezweifelt werden darf, denn Umbrüche aufgrund veränderter Produktivverhältnisse, das Zusammenbrechen althergebrachter Lebensformen unter der Last eines allgegenwärtigen Wandels etc. kamen ja nicht nur im 19. Jahrhundert vor…) mich auch heute ausrufen lassen:

Keine Angst vor großen Namen: Leute, lest Thomas Mann. Es lohnt sich. Wirklich.

Und damit das auch gleich beginnen kann, hier der Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben.


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*Auch wenn wir davon ausgehen dürfen, daß Thomas Mann selbst diesen Umstand nicht mit der Vokabel „Pech“ assoziiert hätte.
**Und Weihnachtsumsatzgaranten. Ich erwarte glänzende Geschäfte mit dem Ruge. Eben auch, weil er so kompatibel mit dem ist, was allgemein unter „guter Literatur“ verstanden wird.
***zitiert aus: Mann, Thomas: Die Buddenbrooks. (=Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Bd. 1) S. Fischer Frankfurt/Main. 1997

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (97)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Florian Meimberg: Auf die Länge kommt es an.

Die Geschichte der Literatur ist auch eine Geschichte der formalen Experimente – und dabei vor allem der formalen Beschränkungen. Ob Hexameter, Stabreim oder Sonett – es wurde auf allen Feldern und in allen Bereichen nach formalen Kriterien gesucht, die ein literarisches Kunstwerk als besonders gelungen erscheinen lassen. Und auch wenn die Moderne mit all dem aufräumen wollte, es gab und gibt immer Gegenbewegungen. Mag sie auch als getarnt als Zeitlimit im sonst so freien Poetry Slam auftauchen, die künstliche Beschränkung hatte immer ihren Reiz, fordert sie doch den Schaffenden heraus.
Als Herausforderung begreift denn auch Florian Meimberg die 140-Zeichen-Beschränkung des Microblogginganbieters Twitter für die über ihn versendeten Botschaften. „Sehr kurze Geschichten“ nennt er das, was in diesem Band zu lesen ist (und bei seinem Twitteraccount). Und in der Tat, das sind sie: Sehr kurz. Um in 140 Zeichen eine vollständige Geschichte zu erzählen, bedarf es neben eines Höchstmaßes an Reduktion jedoch gleichzeitig auch der Mithilfe des Lesers, in dessen Kopf die fehlenden Bilder ergänzt werden. Das ist höchst reizvoll, wenn es wirklich gelingt, können sich Kaskaden von Bildern ergeben, Stoffe für ganze Epen. Oder auch einfach nur überraschend, pointiert – nicht selten böse.

Shiro hasste seinen Chef. Was für eine sinnlose Dienstreise! Wütend starrte er auf das Zugticket. Hiroshima-Osaka. 5.8. 1945

(S. 113)*

Zac tobte. In der Klapse? Er? Brüllend schlug er gegen das Sicherheitsglas. Und verharrte. Den Mann in der matten Reflexion kannte er nicht.

(S. 129)

Das mit der Wiedergeburt hatte sich Kate irgendwie anders vorgestellt. Epischer. Träge schwappte das Wasser an die Wand des Goldfischglases.

(S. 141)

Meimberg ist hauptberuflich Werber und könnte ich ihn bezahlen, würde ich mir von ihm Werbefilme drehen lassen. In kürzester Zeit eine Geschichte zu erzählen, kann er ganz offenkundig. Natürlich sind die dramaturgischen Mittel bei einer derartigen Verkürzung des Raumes beschränkt. Und so sei für die Lektüre dieses Bandes dringend noch einmal meine Empfehlung für Anthologien jeglicher Art wiederholt: Möglichst nicht am Stück lesen. Es empfiehlt sich, immer dem einzelnen Text Zeit und Raum zur Wirkung zu geben. Das ist nicht nur fair jedem neuen Text gegenüber, es wird so auch die Gefahr verringert, durch einfachen Überdruß sich um ein Leseerlebnis zu bringen. Die Tiny Tales sind eher ein Buch, das man immer mal wieder an irgendeiner Stelle aufschlagen kann, um dort eine Perle zu entdecken. Das erscheint mir auch etwas angemessener als die thematische Sortierung des Bandes, die Redundanzen nicht gerade verhindert. Womit freilich keine Ausrede geliefert werden soll, auf die Anschaffung der

lieferbaren Ausgabe

zu verzichten.

Einen habe ich noch:

Er blickte in die leeren Mienen der jungen Krieger. Seiner Privatarmee. Das Signal ertönte. Große Pause. Die 5b war jetzt bereit.

(S. 126)


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*aus: Meimberg, Florian: Auf die Länge kommt es an. Fischer Taschenbuch. Frankfurt/Main 2011

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (96)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Walter Moers: Die Stadt der träumenden Bücher

Bei dem bemerkenswerten Projekt „Fünf Bücher“ ist Walter Moers nach heutigem Stand der meist genannter Autor. Das überrascht wenig, gibt es kaum jemanden, der derartig leidenschaftliche Plädoyers fürs Lesen in seine Werke schreibt wie Moers. Das verfängt naturgemäß bei Leuten, die mit Literatur zu tun haben, sehr gut.
»Die Stadt der Träumenden Bücher« ist noch weit mehr als das. Es ist eine Liebeserklärung an die Literatur und das Buch – versteckt in einer atemberaubenden Abenteuergeschichte, gespickt mit skurrilen Figuren, ingeniösem Wortwitz und literaturhistorischen Anspielungen. Ein Plädoyer für die Literatur, das vollkommen unplädoyerhaft geschrieben ist und gerade dadurch um so stärker wirkt.
Kurz: Das Buch ist eine wahre Freude und in meinen Augen das bisher beste, was ich von Moers gelesen habe. Weiterlesen „Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (96)“

Eine Branche schafft sich ab.

Der Kölner Kartäuser Werner Rovelinck begründete in der Einleitung zu einer Predigt, warum er sie habe drucken lassen: „Weil sie auf keinem anderen Wege schneller und leichter möglichst vielen Personen mitgeteilt werden konnte, habe ich dafür gesorgt, sie durch die Kunst des Drcuks der Bücher zu einer großen Zahl zu vervielfältigen.“

*

Dieses Zitat verdeutlicht ganz stark, was in den zahlreichen Spekulationen zur Zukunft der Buchbranche gerne vergessen wird: Der Buchdruck ist nicht geboren worden aus einem Wunsch nach metaphysischen Erlebnissen, nach Haptik, nach dem Geruch, nach schöner Gestaltung – neine, einzig und allein aus Pragmatismus. Es war leicht, effektiv und billig, etwas drucken zu lassen, um es zu verbreiten. Nichts anderes. Ich finde es erstaunlich, wie selten diese Erkenntnis in den Überlegungen der Branche eine Rolle spielt.
Schöner, Repräsentativer, Qualitätsvoller produzierten die Mönche, die im Übrigen auch über ein weitverzweigtes und gut funktionierendes Vertriebsnetz verfügten. Das interessierte aber seinerzeit niemanden mehr und innerhalb weniger Jahrzehnte wurde diese jahrhundertealte Kunst, die es zu erstaunlicher Präzision und Spezialisierung brachte, hinweggefegt und spielte fürderhin keine Rolle mehr:
Weiterlesen „Eine Branche schafft sich ab.“

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (95)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jerome David Salinger: Der Fänger im Roggen

„Ein jegliches hat seine Zeit“ (Prediger 8,1). Das gilt im Besonderen für Coming-of-Age-Romane. Zum richtigen Zeitpunkt gelesen, können diese geradezu offenbarische Wirkung haben, vermag der oder die Lesende das eigene Gefühlschaos, die wirren Gedanken, das Unbehagen an der Welt endlich einmal niedergeschrieben, in Worte gefasst sehen. Ein glühendes „Ja, so ist es!“ mag dann hervorgerufen werden. Und nicht selten stehen Menschen anderer Lebensalter dieser Begeisterung verständnislos gegenüber. Oder, was wahrscheinlich noch schlimmer ist, wissend erhaben lächelnd.
Es bedarf also einiges Können und vor allem auch einiges an weitergehender Aussagefähigkeit, um die Grenzen des Genres zu überwinden. Befragt man die glühenden Verehrer Salingers nach dem Alter ihrer Erstlektüre werden denn auch selten Zahlen >20 genannt. Ich selber las ihn denn auch erst kürzlich (ungläubiges Staunen, ein Raunen geht durchs Publikum), hatte ich bisher dem Druck der Peer-Group widerstanden („Wie, Du hast den noch nicht gelesen?“*), wurde mir das Buch tückischerweise von einer mir sehr lieben Freundin geschenkt – und nun ja, da konnte ich ja nicht anders.
Es gibt manchmal Kunstwerke, bei denen man spürt, daß sie verdammt gut sind und trotzdem gelingt es nicht, sie zu mögen. Das Herz will sich nicht öffnen. Mir geht das zum Beispiel bei Bob-Dylan-Songs so, zumindest, wenn sie von Bob Dylan gesungen werden. Ich merke, das sind starke Sachen, aber diese enervierende Stimme regt mich auf. Das ist irgendwie schade, aber zum Glück wurden ja einige Sachen gecovert.
Es ging mir bei der Lektüre des Fänger im Roggen streckenweise ähnlich – irgendwie nerven der schnoddrige Tonfall und die ständigen Jugendfloskeln („und so“) schon ein wenig. Mich zumindest. Gleichzeitig aber machen diese Stilmittel Sinn, gehören geradezu herein. Vielleicht liegt es auch daran, daß Heranwachsende ganz generell auf sich bereits für erwachsen haltende Menschen einfach enervierend wirken. Durch ihre Art, die Welt zu sehen, durch ihre merkwürdige Ausdrucksweise, ihre Gedankensprünge bei gleichzeitigem Hang zur Monothematik (Sex, nur gelegentlich unterbrochen von Gedanken zum Weltfrieden). Dies aber zeichnet Salinger ganz großartig.

Der gute Luce. War das ein Typ. Als ich an der Whooton war, sollte er eigentlich mein Studienberater sein. Aber eigentlich redete er bloß immer über Sex und so, nachts, wenn ein Haufen Typen bei ihm im Zimmer war. Er wusste einiges über Sex, besonders über Perverse und so. Er erzählte uns immer von einer Menge gruseliger Typen, die was mit Schafen haben, und Typen, die sich eine Mädchenunterhose in ihren Hut genäht haben. und Homos und Lesbierinnen. Der gute Luce wusste genau, wer in den Vereinigten Staaten Homo und wer Lesbierin war. Man brauchte nur jemanden – egal wen – zu erwähnen, und der gute Luce sagte einem, ob der ein Homo war oder nicht.

(S. 184)**

Diesen Luce nun trifft er eines Abends in New York wieder. Und dise Anschlußszene ist bemerkenswert:

»He, ich hab ’n Homo für dich«, sagte ich zu ihm. »Am Ende der Bar. Sieh jetzt nicht hin. Den hab ich für dich aufgehoben.«
»Sehr komisch«, sagte er. »Der gute alte Caulfield. Wann wirst du endlich erwachsen?«
Ich langweilte ihn ziemlich. Wirklich. Aber ich fand ihn lustig. Er ghörte zu den Typen, die ich ziemlich lustig finde.
»Was macht dein Sexleben?«, fragte ich ihn. Er konnte es niht ausstehen, wenn man ihn solchen Kram fragte.
»Entspann dich«, sagte er.»Versuch dich einfach mal zu entspannen, Herrgott.«
»Ich bin entspannt.«, sagte ich.»Was macht die Columbia? Gut da?«
»Sicher ist es gut da. Wenn’s da nicht gut wär, dann wäre ich gar nicht hin«, sagte er. Er konnte manchmal auch selber ganz schön langweilig sein.
»Was macht’n als Hauptfach?«, fragte ich ihn.»Perverse?«
»Was soll’n das sein – komisch?«

(S. 185f.)

Ein Dokument des gegenseitigen Unverständnisses. Mir öffneten sich da sofort Assoziationen zu duchaus ähnlichen Szenen. Es ist schon bemerkenswert, wie schnell man einander nicht mehr verstehen kann, wie Szenarien, die vor kurzem noch funktionierten, das auf einmal nicht mehr tun, weil sich die Beteiligten spürbar veränderten. Luce ist nicht mehr der strahlende Alleinunterhalter, der Jüngere mit seinem profunden Geheimwissen beeindrucken möchte – dieser Teil seines Lebens scheint ihm eher peinlich geworden. Und da kommt dann so ein Grünschnabel und konfrontiert ihn mit dem Bild, das er von ihm hat. Mit solchen Szenen hebt sich für mich Salinger über die Grenzen des Coming-of-Age hinaus. Das ist durchaus mehr als nur eine Identifikationsmöglichkeit für junge Menschen auf der Suche nach ihrem Platz im Leben (obwohl es das natürlich auch und vielleicht sogar vorrangig ist).

Salingers Holden Caulfield, notorischer Kandidat für Schulverweise, weigert sich, die Weltsicht anzunehmen, die ihm von offizeller, erwachsener Seite aufgezwungen werden soll. Er will nicht zu den angepassten, durckmäuserischen, aufschneiderischen Heuchlern gehören, die ihn auf den verschiedenen Privatschulen, die er erleben durfte, begegnen, gehören und die schon genau so sind, wie angepassten, duckmäuserischen, aufschneiderischen Heuchler, als welche sich ihm die Erwachsenen darstellen. Er ist auf der Suche nach Wahrhaftigkeit, nach ernsten, tiefen Gefühlen, nach einem Leben, das sich nicht verstellt, nicht verbiegt (und geht aber trotzdem mit einer hübschen, jedoch hohlen Nuss aus – man hat es nicht leicht***). Und entlarvt dabei all die Hohlheit, die Schauspielerei, die Heuchelei, die wir tagtäglich begehen, weil wir meinen, dies tun zu müssen, weil wir »endlich erwachsen« geworden sind. Diese Notwendigkeit stellt Caulfield radikal in Frage. Er ist enttäuscht von seinem Bruder, der sein schriftstellerisches Talent an hohle Hollywoodfilme verkauft hat, empfindet seine Eltern eher als hohle Gestalten denn als lebendige Menschen und ist beeindruckt von zwei Nonnen, die konsequent ihrer Überzeugung und ihrer Weltsicht folgen.
Holden bleibt in seiner ganzen nervigen Teenagerhaftigkeit, mit der ganzen Gefühlspalette, die von tiefstem Selbstzweifel bis zum Größenwahn reicht, aber eine höchst liebenswerte Figur. Das zeigt sich an vielen Stellen (zum Beispiel in seinem rührend unbedarften, aber integrem Verhalten einer Prostituierten gegenüber), ganz besonders aber in den Szenen, in denen es um seine Schwester geht. Phoebe ist vielleicht eine der rührendsten Gestalten, die mir bisher in meiner Lektüre begegneten. Und so möchte ich schließen mit der Szene, in der denn auch ich meinen Identifikationsmoment mit Holden Caulfield hatte:

Alle Eltern und Mütter und alle liefen zum Karussell und stellten sich unters Dach, damit sie nicht bis auf die Haut nass wurden oder was, aber ich blieb noch eine ganze Weile auf der Bank sitzen. Ich wurde richtig quietschnass, besonders der Kragen und die Hose. Meine Jägermütze gab mir irgendwie eine ganze Menge Schutz, aber trotzdem wurde ich patschnass. Aber das war mir egal. Ich war auf einmal so verdammt glücklich, als die gute Phoebe da immer im Kreis fuhr. Fast hätte ich geheult, so verdammt glücklich war ich, wenn ihr’s genau wissen wollt. Warum, weiß ich nicht. Sie sah einfach nur so verdammt nett aus, wie sie da in ihrem blauen Mantel und so immer im Kreis fuhr. Gott, ich wünschte, ihr hättet auch da sein können.

(S. 268)

Und mit diesem rührenden Moment möchte ich auf die

lieferbaren Ausgaben

verweisen.


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*Wobei sich damit ja auch kokettieren läßt. Immerhin macht solch deviantes Verhalten ja auch interessant…
**zitiert nach: Salinger, J.D.: Der Fänger im Roggen. neu übersetzt von Eike Schönfeld. Rowohlt TB. 12. Aufl. 2010.
***auch dies übrigens eine großartige Szene gegenseitigen Unverständnisses.

D-Klasse

In seiner Rezension zu Leon de Winters Roman „Leo Kaplan“ prägte Martin Ebel in der FAZ eines der branchenweit bekanntesten Verlags-Bonmots, auf das heute jeder Beitrag über den Diogenes-Verlag rekurrieren muß: „Auf dem deutschsprachigen Markt liegt es daher nahe, neben der E- und der U- eine D-Klasse zu schaffen, benannt nach dem Diogenes-Verlag“
Führte man eine Umfrage im deutschsprachigen Buchhandel nach dem unter Buchhändlern beliebtesten Verlag durch – spannend wäre wohl nur die Frage nach Platz 2.
Ich kann zu Daniel Keel selbst, der am Dienstag im Alter von 80 Jahren verstarb, nicht viel sagen – ich habe ihn schließlich nie kennengelernt. Um erschöpfend über die Geschichte seines Verlages berichten zu können, fehlt mir das Wissen, es erscheint mir auch unnötig, haben dies doch andere bereits getan. Aber es drängt mich, dieses Ereignis nicht unkommentiert zu lassen.
André Schiffrin beobachtete bereits vor vielen Jahren eine Entwicklung, die auch hierzulande zu beobachten war und ist: Das Verschwinden der Verleger. Verlage ohne Verleger agieren anders. Wo man als angestellter Mitarbeiter diversen Gesellschaftern und Anteilseignern rechenschaftspflichtig ist, wird über Risiken und Erfolgsaussichten völlig anders nachgedacht. Doch genau das macht eben Verlage sympathisch, die noch erkennbar die Handschrift ihres Verlegers tragen. Wo Bücher gemacht werden, weil der Verleger diese Bücher machen will. Bei Diogenes erschien vor wenigen Jahren eine großangelegte Alfred-Andersch-Ausgabe aus keinem anderen Grund als dem, daß dies so gewollt war. Rentiert hat die sich nie, wenn sie jemals dreistellige Verkauszahlen erzielt haben sollte, darf man das als großen Erfolg feiern – aber es sind solche Geschichten, die einem Verlag ein Gesicht, ein Profil, eine Erkennbarkeit geben, die aus ihm mehr machen als ein Medienunternehmen, sondern eher zu einer Heimat für seine Autoren. Daß Daniel Keel dies grandios gelungen ist, davon zeugen die Aussagen seiner Autoren über ihn. Mit dem seinerzeit (und wohl bei so manchem auch heute noch) irrsinnig wirkenden Anspruch angetreten, daß Literatur, gerade wenn sie gehaltvoll ist, bitte schön auch lesbar sein könne und solle, hat Diogenes erheblichen Einfluß auf den deutschen Buchmarkt ausgeübt – im Kreise der konzernfreien Verlage wohl nur noch vergleichbar mit Suhrkamp – und sich dabei eine Stellung erworben, die es erlaubte, einer Auslistung bei amazon entgegenzustehen, weil man sich deren Konditionendiktat nicht unterwerfen wollte. Daniel Keel und der Diogenes-Verlag hatten immer meine Bewunderung, weil es dort gelang, mit dem Lotteriespiel, das Bücher verlegen immer ist, auch noch erfolgreich zu sein. Nun, keineswegs von Anfang an in einem Maße, der sorgenfrei in die ferne Zukunft blicken ließe. Diogenesbücher sind mein bevorzugtes Beispiel zur Erklärung des etwas aus der Mode kommenden Begriffs der „Bindequote“:
Ein Buch, als physische Einheit, besteht, um es mal ganz grob zu fassen, im Wesentlichen aus zwei Teilen, dem Buchblock und dem Einband. Da Verlegen Lotteriespielen ist, plant und schätzt man zwar die erwartbar sinnvolle Auflagenhöhe, weiß es aber nie genau*. Um nun die eigene Liquidität nicht zu sehr in Gefahr zu bringen, gleichzeitig aber in der Lage zu sein, gegebenenfalls schnell auf eine ansteigende Nachfrage reagieren zu können, hat man nur einen Teil der gedruckten Auflage mit einem Einband versehen und die übrigen Buchblöcke eingelagert.**
Hier hatte man in Zürich nun eine großertige Idee. Trotz umsatzstarker Autoren wie Dürrenmatt oder Loriot wandelte man bei Diogenes lange auf einem schmalen Grat, so daß Liquidität durchaus ein zu besprechendes Thema war. Also wurde entschieden, anstatt zwei verschiedene Buchblöcke für die Hardcover und die Taschenbuchausgabe zu produzieren und damit auch doppelte Satzkosten zu haben, gab es die leinengebundene Originalausgabe (ja früher™ erschienen Originalausgaben noch gebunden und waren Taschenbücher reine Zweitverwertung) gleich im Taschenbuchformat. Das gab Diogenestiteln auch äußerlich eine gewisse Eigenart. Sollte man sich also bei der Auflagenhöhe für die Erstausgabe verschätzt haben, braucht man wenigstens nicht neu drucken fürs Taschenbuch. Andernfalls hat man sich auf jeden Fall die Satzkosten gespart. Aus der Not eine Tugend machen nennt das der Volksmund, Schwächen in Stärken verwandeln sagt der Personal Coach dazu und läßt sich üppig bezahlen. Die betriebswirtschaftliche Notwendigkeit dafür entfiel erst in den achtziger Jahren, als mit Süskinds Parfum der Begriff Bestseller für den deutschen Markt völlig neu definiert wurde.***

Aber all das erklärt noch nicht wirklich den Charme, mit dem es Diogenes-Büchern gelang einen ganzen Berufsstand um den Finger zu wickeln. Ein Charme, der es ermöglicht, ganze Werbeetats zu streichen, weil BuchhändlerInnen diese Bücher verkaufen wollen, sich in einem Maße engagieren, das den Effekt ganzer Plakataktionen ersetzt. Letztlich weiß ich es auch nicht, mir fehlen da die passenden soziologischen Untersuchungen, aber da andererseits dieses Blog mit dem Anspruch angetreten ist, auf eine ausreichende empirische Datenbasis zu verzichten, wage ich einfach mal zu behaupten:
Das Geheimnis des Erfolges von Diogenes ist die spürbare Seele des Verlages, die unbändige Lust darauf, neues zu wagen und zu entdecken, an Autoren zu glauben und sie mit Leidenschaft zu vertreten – kurz: Es ist die Persönlichkeit des Verlegers, die in seinem Programm zum Ausdruck kommt. Es war und ist mir immer eine Freude, es ist das halbjährliche Highlight, wenn die neue Diogenesvorschau eintrifft, es ist damit immer eine kribbelnde Vorfreude verbunden, welche Entdeckungen es dieses Mal zu machen gilt. Man fühlt sich immer ein bißchen wie ein Kind bei der Bescherung, schlägt man die erste Seite auf – und für diese Freude an meinem Beruf, für all die Stunden mit einem kleinen weißen Buch, auf dem ein schlichtes d den Rücken zierte, für all die wunderbaren Entdeckungen, für die anhaltende Lust, Bücher zu machen, weil sie einfach gut sind und den Glauben daran, daß es Buchhändler und Leser gibt, die nicht nach Marktlage, sondern nach Lust und Laune kaufen und auch noch zueinander finden mögen, letztlich also für das Gefühl, als Leser ernst genommen zu werden – dafür möchte ich Daniel Keel danken.

Ich möchte aber nicht schließen, ohne noch auf ein Buch hinzuweisen, nämlich den höchst erquicklichen Band mit Autorenbriefen an Daniel Keel, der sich hier

lieferbar

findet.

P.S. Diogenes-Cover mit ihren kunsthistorischen Referenzen haben bei mir übrigens manchmal den bemerkenswerten Effekt, daß nach langjähriger Berufstätigkeit inzwischen der Buchtitel den Werktitel überlagert. Matisse´ »Blaue Dame« zum Beispiel ist für mich immer vorrangig Leon de Winters »Malibu«. Erst im zweiten Gedankengang taucht Matisse Name im vorderen Stirnlappen auf.
P.P.S. Im Übrigen wünsche ich dem Verlag, daß ihm eine Frau Ulla ersprart bleibt. *hüstel*


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*Man kann da sehr irren. Die 500 Exemplare Startauflage, die Bloomsbury für Harry Potter I vorsah, waren zum Beispiel deutlich zu wenig, wie sich herausstellte. Sehr viel häufiger jedoch verschätzt man sich in die Gegenrichtung – die Beispiele hierfür finden sich regelmäßig auf der 1-Euro-Liste bei Weltbild…
**Mit den technischen Entwicklungen der Drucktechnik in den letzten Jahrzehnten ist diese schöne Tradition allerdings weitgehend außer Gebrauch geraten. Als Meldenummer für Lieferhindernisse vegetiert sie aber noch vor sich hin.
***Ich gönne Verlegern einen solchen Glücksfall aus tiefstem Herzen. Zum einen weil so die eine oder andere Sorge in Sachen Lebensabend verschwinden mag (Lutz von Schulenburg, der Verleger der edition Nautilus, die seit fast 4 Jahrzehnten unverdrossen Revolutionsliteratur verlegen, meinte nach dem Erfolg von Tannöd, seine Frau und er bräuchten sich nun keine Gedanken über die Rente mehr machen – was ich mit einer Mischung aus Rührung und Erschrecken zur Kenntnis nahm, bedeutete es ja schließlich, daß sie sich diese Gedanken bis dahin machen mussten) und zum anderen, weil so natürlich ganz andere Möglichkeiten bestehen, auf einmal das Spektrum der verlegerischen Möglichkeiten wächst, auf einmal ganz andere Bücher möglich werden…

Das Buch zum Sonntag (94)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Frank Fischer: Der Louvre in 20 Minuten

Die UNESCO definiert ein Buch als eine nichtperiodische Publikation mit 49 oder mehr Seiten Umfang.
Demnach wäre das heute zu empfehlende Werk kein Buch. Nun ist der Verfasser dieser Zeilen ja hauptberuflich Buchhändler und im Buchhandel gibt es (unter anderem, dies sei der Fairness halber erwähnt) die äußerst pragmatische Definition »Ein Buch ist alles, was eine ISBN hat.«, an welche ich mich denn heute auch einmal halten möchte.


Der Titel von Frank Fischers neuestem Streich ist in doppelter Hinsicht programmatisch. Zum einen beschreibt er das wahnwitzige Projekt der Protagonisten des Werkes, nämlich den Louvre in 20 Minuten – wenn nicht vollständig, so doch erschöpfend – zu durchqueren. Zum anderen dauert die lesende Begleitung der Kunsttouristen auch kaum länger als 20 Minuten. Man befindet sich sozusagen im Gleichklang mit der beschriebenen Handlung – und die rast von Anfang an:

… stürmen wir den Denon-Flügel, überwinden die ersten Stufen, springen die Wendeltreppen hinauf in den Salle du Manège und von da aus sofort weiter in die Galerie Michel-Ange, ziehen dort im Slalom um ein paar Skulpturen herum und halten dann zum ersten Mal. Vor uns steht Michelangelos »Sterbender Sklave« (1513-1516), dessen Körper auf die schönste Weise vom Morgenlicht beschienen wird. Sébastien2000, unser sicher nicht ganz legal arbeitender Hochgeschindigkeitsmusemsführer, erläutert laut und schnell die berühmten Verrenkungen der Figuren.

(S. 3)*

Eine solche Tour de force durch die europäische Kunstgeschichte ist naturgemäß hochselektiv, offenbart dabei aber auf deutliche Weise die Willkür einer jeden Kanonisierung. So mag ich das Buch denn auch nicht wegen seiner profunden Einführung in zentrale Kunstepochen und deren Vertreter empfehlen, sondern eher wegen Fischers Fähigkeit zur Miniatur, zur pointierten Charakterisierung. Das Büchlein ist ein Kaleidoskop glitzernder Perlen, bei deren Betrachtung geradezu kindliche Freude aufkommt. Das trifft nicht nur auf seine Begleiter und im Vorbeiziehen aufscheinende andere Besucher zu, sondern durchaus auch auf seine Beschreibungen, die vor selten verwandten Neologismen keinen Halt machen, wenn sie denn den Punkt treffen:

Die nächsten Kommandos von Sèbastien dirigieren uns in die Helligkeit des Folgesaals, den Salon Carré. Bereits dessen Decke ist üppig zugekunstet, aber wir widmen uns dezidiert einer »Jungfrau mit Kind« von Cimabue (um 1280), während ich hinter mir jemanden sagen höre: »This is just like in the Sistine Chapel.« Was jetzt genau hier in diesem Saal wie dort in der Kapelle sein soll, kann ich nicht heraushören, aber ich muss an Leute denken, die in Zürich sind und sich an London erinnert fühlen oder an Cottbus.

(S. 6)*

Mit diesen wenigen Sätzen entstehen doch gleich ganze Bilder, sowohl von der Einrichtung als auch von den Mitanwesenden…
Und so geht es munter weiter, 20 Minuten lang, bis sowohl Reisegruppe als auch Lesender, je nach Kondition leicht bis mittelmäßig erschöpft, aber doch zufrieden und leicht beglückt, den Louvre-Rundgang beendet haben. Ich würde gerne noch mehr über das Buch plaudern, allein, ich möchte ja nicht spoilern und bei einer Paginierung, die mit der Zahl 19 endet, hat man doch schneller zu viel verraten als es der geneigten Leserschaft lieb sein kann.

Also, holt euch lieber die

lieferbare Ausgabe in Print oder als eBook.

und lest selber.

Wer nicht online bestellen mag, kann das Werk problemlos auch hier erwerben (zum Beispiel, wenn man nächsten Donnerstag ja eh dort ist 😉 ) oder auch, was besonders für die Berliner interessant sein dürfte, an den unglaublich tollen Bücherautomaten.

*zitiert aus: Fischer, Frank: Der Louvre in 20 Minuten. (=Schöner Lesen Nummer 105) SuKuLTuR Berlin 2011

Historische Wende

Der 31. August 1997 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des Boulevardjournalismus. Die dramatischen Auswirkungen ihrer Arbeitsweise, manifestiert im Tod Lady Dianas und ihres Lebensabschnittsgefährten Dodi Al-Fayed, ließen die Journalisten umdenken, dem Publizieren von Paparazzi-Fotos abschwören, um so deren Arbeitsgrundlage zu zerstören, und fürderhin die Privatsphäre von Personen öffentlichen Interesses zu respektieren, damit sich dergleichen nie wiederhole. Mit großer Zerknirschung gestand man die eigene Mitschuld an diesem Tod ein und die staunende Leserschaft erlebte einen unvorhergesehen Umschwung in der Yellow Press, die sich seitdem jeglicher willkürlicher Aburteilung, Gerüchteverbreitung und Prominentenhatz enthält. Ja, so war das, damals.

Erstaunlich finde ich dabei übrigens weniger die Halbwertszeit dieser Beteuerungen als vielmehr die ungebrochene Nachfrage des Publikums. Es ist ja nicht so, daß Rupert Murdoch, Matthias Döpfner und wie die Kollegen alle heißen mögen, aus reiner Böswilligkeit ihre Zeitungen mit erfundenen, abgehörten, aufgebauschten, erpressten Geschichten füllen lassen – nein, es geht darum Geld zu verdienen. Möglichst viel Geld. Und nun mag es fragwürdig sein, sein Geld mit solcherlei Methoden verdienen zu wollen und auf die niedersten Instinkte zu setzen – allein, es gehören zwei dazu: Den ganzen Spaß muß auch jemand kaufen. Sonst sieht es nämlich schlecht aus mit dem Geldverdienen. Es sind täglich Millionen und Abermillionen Menschen bereit, dafür zu bezahlen, daß andere Menschen, die das Glück oder Pech haben, öffentliches Interesse erregt zu haben (und dazu gehört nach Auffassung der Axel Springer AG bekanntermaßen nicht viel), verfolgt, belauscht, erpresst werden. Die bereit sind, dafür zu zahlen, daß die minimalen Bürger- und Menschenrechte für all jene nicht mehr gelten, für die der Boulevardjournalismus das entscheidet.

Man kommt nicht umhin, hier heftigst Prostetnik Vogon Jeltz in seiner Einschätzung vollumfänglich zuzustimmen:

Ich weiß nicht, […] ein lahmer Drecksplanet ist das. Ich habe nicht das geringste Mitleid.

*

Und nun – Musik.


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*in: Adams, Douglas: Per Anhalter durch die Galaxis. Gesamtausgabe. Rogner & Bernhard Berlin. 3. Aufl. 2008, S. 38.

Gachmuret feat. Der Hausheilige – live und aus der Dose

Es ist mal wieder an der Zeit für eine kultische Handlung, wie sie einer anständigen Heiligenverehrung gebührt.
Nach einigen öffentlichen Zeremonien im vergangenen Jahr wird es in diesem Jahr nun etwas größer.
Damit es der geneigten Jünger-, ähem, Leserschaft künftighin leichter fällt, der täglichen Erbauung wegen Texte des Hausheiligen wahrzunehmen*, habe ich einen Tonträger herstellen lassen, der nunmehr gegen einen kleinen Unkostenbeitrag zu erwerben ist.
Und diese große Tat soll nun freilich auch angemessen gefeiert werden, zu welchem Behufe es gelang, die Leipziger Filiale des Informationshändlers lehmanns media zu einem zeitweiligen Tempel umbauen zu lassen.
Dies soll geschehen am 08. September 2011 ab 20:15 Uhr. Wie es sich für eine Zeremonie, die etwas auf sich hält und zudem Massen bewegen und erreichen möchte, wird es Speis und (alkoholischen) Trank geben.
Karten können hier erworben werden und wer nicht weiß, wo sich der Ort des Geschehens befindet, dem sei mit dieser Karte weitergeholfen:

Und natürlich ist es auch möglich, die CD bereits im Vorfeld zu erwerben (zum Beispiel für Missionszwecke), sei es vor Ort, sei es bei lehmanns.de (mit Hörproben!), einem anderen Buchhändler des Vertrauens oder dem Alleshändler mit dem a.
Wer gerne in Eigenitiative für ein volles Haus sorgen möchte, sei herzlichst eingeladen, dieses Plakat auszudrucken und an geeigneten Stellen aufzuhängen – oder auf sonstige Weise zu verbreiten. Es soll da ja heutzutage ganz erstaunliche Möglichkeiten geben.

Ich freue mich auf jeden Zuhörenden und jede Zuhörende. Machen wir uns einen schönen Abend.

*Und natürlich, um die notwendigen finanziellen Ressourcen für den Aufbau einer funktionierenden Organisation zu sammeln.

Das Buch zum Sonntag (93)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Gregor Hens: Nikotin.

Die Literaturgeschichte ist zu nicht wenigen Teilen eine Drogengeschichte. Der Alkohol hat eine lange Liste literarischer Verehrer (und nicht erst seit der Grünen Fee) und eine ebensolche lange Liste von Opfern. Für einige Strömungen würde ich den Konsum verschiedener pharmakologisch wirksamer Substanzen sogar für konstitutiv halten. Rauchen ist denn auch das passende Stichwort. Kaum ein Berufsstand wird im kulturellen Gedächtnis so sehr mit dem Rauchen in Verbindung gebracht wie der Künstler jeglicher Spielart.
Der Schriftsteller mit Pfeife, Zigarre oder Zigarette ist denn auch ein gewohntes Bild. Die zugeschriebene Wirkung der Ruhe, der Konzentrationshilfe läßt diese Verbindung geradezu natürlich erscheinen.
Geraucht wird indes ja nicht nur von Künstlern, nicht einmal nur von Künstlerseelen. Was also treibt Menschen an, sich diesem Gelüste hinzugeben? Was macht sie zu Jüngern des blauen Dunstes?

Ich habe geraucht, weil ich satt war und ich habe geraucht, weil ich hungrig war. Ich habe geraucht, weil ich glücklich war und ich habe geraucht, weil ich niedergeschlagen war. Aus Einsamkeit habe ich geraucht und aus Freundschaft, aus Angst und aus Übermut. Jede Zigarette, die ich geraucht habe, hatte eine Funktion – sie war Zeichen, Medikament, Aufputsch- oder Beruhigungsmittel, sie war Spielzeug, Accessoire, Fetisch, Pausenfüller, Erinnerungsstütze, Kommunikationsinstrument oder Meditationsobjekt. Manchmal war sie alles auf einmal.****

(S. 8)

Die Lektüre von Gregor Hens* Meditationen über das Nikotin legt jedenfalls nahe, daß es nicht die Faszination der kunstvollen Wolken Gandalfs ist, sondern die Gründe in tieferen Schichten zu suchen sind. Dies ist zunächst auch der Grundimpuls des Werkes: Nachforschen, Ergründen, Hineinhorchen – und es ist ein Glück, daß wir es hier mit einem Literaten zu tun haben. Denn die meisten Schriftstücke, die aus einem therapeutischen Ansatz heraus geschrieben wurden, sind schlicht unerträglich (als aus beruflichen Gründen für das Empfangen von Manuskripten prädestinierter Mensch muß ich das so behaupten).
Ich schätze Hens für seine Fähigkeit, sehr genau zu beobachten. Und dafür ist eine solche Innenschau hervorragend geeignet. Es ist eine Biographie in Zigaretten, die sich hier öffnet, ein Lebenskreis im Rauch, sozusagen. Daß er in eben diesen nicht aufgeht, ist die Grundsorge des Schreibenden, es ist ein beständiges Anschreiben gegen eine Grundstruktur seiner Persönlichkeit. Hens erzählt, wie er sich eine letzte Zigarette holt, geschnorrt von einer Frau in einem Berliner Eckcafé. Diese nun platziert er daheim auf einem weißen Blatt („mittig und exakt parallel zu den Kanten. Ich betrachte die Komposition, ein Bild. Ce n´est pas une cigarette.“, S. 30) und schneidet sie auf.*** Er seziert sie, zerlegt sie in ihre Einzelteile (der interessierte Leser erfährt hier einiges über Aufbau und Zusammensetzung einer Filterzigarette). Eben diese Genauigkeit, dieses exakte Sezieren einer Zigarette steht metaphorisch für das genau, exakte Sezieren seiner Sucht, der Denkmuster, die diese in ihn eingeprägt hat, die Handlungsmuster, die ihn leiten – und zwar weit über Beschaffung und Konsumierung hinaus.

Ich trete nicht näher an den Tisch. Ich beuge mich nicht vor, ich greife nicht nach den Zigaretten. Ich sehe sie an, aber ich betrachte nicht sie, sondern mich selbst in dieser Situation. Was ich im Blick habe, ist mein Verhältnis zu dem erdachten Päckchen Salem, ich betrachte die überbrückbare Distanz, das Kräfteverhältnis zwischen mir und dem Objekt. Ich spüre eine Wirkung, eine beinahe physische Anziehung. Es ist, als würden die Zigaretten an mir zerren. Das Objekt will jetzt meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, nichts anderes soll mich interessieren.

(S. 87f.)

Es ist nicht leicht, mit dem Rauchen aufzuhören. 😉
Wirklich groß wird Hens da, wo er erzählt. Erzählt von seiner ersten Zigarette, von den Orten und Situationen, in denen er rauchte, von den entscheidenden Situationen seines Lebens, die immer mit einer Zigarette verbunden sind. Diese Miniaturen sind exzellente Schilderungen dessen, was eine Zigarette auszulösen vermag und warum sie geradezu zu einem Symbol des Lebendigseins, zu einem Lebensgefühl werden kann. Warum man also gerne und intensiv rauchen will. Meine Lieblingssituation ist die Szene, in der er, seit mehreren Jahren Nichtraucher, nach einem schweren Radunfall wiederbelebt wurde und unmittelbar nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus, noch kaum bewegungsfähig, geradezu gierig nach einer Zigarette verlangt und sich lebend wie nie zu vor fühlt.
Es ist immer diese erste Zigarette, jener erste Zug:

Ja, dachte ich, der erste Zug… Ich schloss die Augen und spürte, wie mir das Nikotin nach der langen Abstinenz in die Adern schoss, wie es in tausend winzigen Explosionen in meinen Gehirnwindungen prasselte, ich spürte dieses großartige Feuerwerk, das Kitzeln in den Nerven, den Rausch meiner ersten Rückfallzigarette! Ich saß an der Kiesgrube, auf dem Geländewagen meiner verstorbenen Mutter, zog den Rauch bis in die empfindlichen, zur Entzündung neigenden Lungenspitzen, das Dopamin flutete mein mesolimbisches System, und ich verstand, dass der Rausch des Rückfalls ein ganz besonderes Geschenk war – weit mehr als der Lohn für das, was mir in den Wochen der Entbehrung entgangen war, weit mehr als nur ein Nachholeffekt.

(S. 144)

Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, daß dies eine andere Szene ist – aber bitte: Was für eine! Ja, Rauchen, Drogen, Sucht – natürlich ist das Genuß, natürlich fühlt sich das verdammt gut an. Wer wirklich heranwill an die Gründe, dem muß das klar sein. Ein Rausch ist ein unerhört gutes Gefühl, eines, nach dem es sich sehnen läßt, das lockt und ruft. Und das eben genau deshalb eine Dominanz entwickeln kann, eine beherrschende Stellung im Leben und Streben eines Menschen, das von Freiheit, von eigener Willensbildung keine Rede sein kann. So lohnend ein Rausch also auch es ist, es kann sehr lohnend sein, sich davon zu befreien.
Es ist dieses Buch kein Loblied aufs Rauchen und keines auf das Nichtrauchen, Hens schreibt hier keinen Ratgeber und keine jammernde Betroffenheitsliteratur. Es ist das Buch von einem, der auszog, seine Kindheitsmuster zu besiegen.
Ich glaube im Übrigen, daß dieses Buch von Rauchern und Nichtrauchern gänzlich unterschiedlich gelesen wird. 😉

So, und nun gehet hin und kauft die

lieferbare Ausgabe.


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P.S. Das Buch ist keineswegs eine dröge Innenschau, es ist durchaus unterhaltsam, hier mal eine Stelle für die Freunde klassischer deutscher Literatur:

Zwischen meinem dreizehnten und meinem neunzehnten Lebensjahr las und rauchte ich tatsächlich alles, was mir zwischen die Finger kam. Mir selbst ist das Ausmaß meiner Langeweile erst bewusst geworden, als mir vor kurzem einfiel, dass ich Gottfried Kellers Grünen Heinrich, einen ausgesprochen langatmigen Entwicklungsroman, in der Fassung von 1855 und dann noch einmal in der Fassung von 1879 gelesen habe – im Ganzen über eintausendsiebenhundert Seiten, die mit Betrachtungen zu Goethe, zur antiken und zeitgenössischen Kunst, zu Sitte, Religion, Metaphysik und Geschichte gefüllt sind. Keller lässt nichts, aber auch gar nichts aus, was das bürgerliche Gemüt der Zeit bewegt hat, während sich die Handlung auf drei Seiten zusammenfassen ließe.

(S. 135f.)

*der hier bereits vor über 2 Jahren mit seinem großartigen Matta empfohlen wurde.
**zitiert nach: Hens, Gregor: Nikotin. S. Fischer Frankfurt/M. 2011
***Eventuell mitlesende Raucher seien beruhigt: Es handelt sich um eine Benson&Hedges, also nichts, worüber man traurig sein müsste. Aufschneiden könnte noch das beste sein, was man mit diesen Dingern machen kann. 😉

Gestürzte Götter

Eine junge Frau ist gestorben. Zu Grunde gegangen an multipler Sucht, unter der voyeuristischen, sensationsgeilen Beobachtung der Gesellschaft. Da standen sie alle da und schauten zu, wie ein Mensch zerbrach.

Amy ist nicht gestorben, nein vielerorts konnte man dann diverse Versionen von “die ist endlich abgekratzt” hören. Und wenn man dem dann etwas entgegen setzte, bekam man ein “aber das hat sie sich doch selbst zuzuschreiben”. Ja, ach. Aber so ist das wohl, wenn man einmal diese Figur ist, der dann eine gesamte Öffentlichkeit beim langsamen Verenden zuschaut.

schreibt Herm in seinem hier dringend zur Lektüre empfohlenen Beitrag „Für Amy
Es ist in den letzten Tagen viel zum Tode Amy Winehouses zu lesen gewesen. Und natürlich wird sie gewürdigt als eine Frau mit großer Stimme und großem Talent, die leider, leider, den Drogen verfallen ist und nun leider, leider so früh von uns ging und es war ja auch nicht und die Schlagzeilen, die sich so wenig auf die Musik bezogen.
Warum eigentlich nicht? Was bringt uns dazu, Geld zu bezahlen, damit Menschen bis in intimste Bereiche ausgespäht werden? Daß sie keine Sekunde Ruhe, Frieden, Privatheit haben?
Was bringt uns dazu, lustvoll von Fehltritten, Ausrutschern, Abstürzen, Verfall zu lesen?
Was ist es, das uns antreibt, Befriedigung am grundlegenden Scheitern anderer Menschen zu empfinden?
Was bringt uns dazu, jedes noch so kleine Detail erhaschen zu wollen, um beim öffentlichen Sterben eines Menschen aber auch ja nichts zu verpassen?
Es scheint nur wenig befriedigender zu sein, als Götter stürzen zu sehen. In unserer weitgehend säkularisierten Welt müssen wir uns unsere Heroen selbst schaffen – und es scheint gut zu tun, zu sehen, wenn die dann – Überraschung! – „auch nur Menschen“ sind. Mit welcher Gefühlskälte da über Mitmenschen geurteilt wird, die den Fehler begangen haben, etwas zu schaffen, das anderen etwas bedeutet, ist geradezu abstoßend und läßt mich ein weiteres Mal an der Menschheit zweifeln. Wäre ich nicht zufällig Bestandteil derselben, ich hielte es mit Protestnik Vogon Jeltz: „Ein lahmer Drecksplanet ist das, ich habe nicht das geringste Mitleid“.

In der SouthPark-Folge „Britney´s neuer Look“ (natürlich aus der großartigen Staffel 12) gehen die Macher genau dieser Frage nach. Und ich kann mich ihrer Analyse nur vollumfnglich anschließen. Was Tucholsky dem Leser 1985 zuruft, gilt auch in ganz anderen Zeitdimensionen: „Besser seid ihr auch nicht als wir und die vorigen. Aber keine Spur, aber gar keine –“
Wir nennen unsere Fruchtbarkeitsgötter nicht mehr so, aber noch immer beten wir sie an und zerstören ihre Statuen und Tempel, sobald sie nicht mehr funktionieren. Heute darf es eben auch gerne mal der heroisierte Mitmensch sein.

Schließen möchte ich mit einem beim Herm geborgten Zitat aus Russell Brands Posting zum Tod von Frau Winehouse, in der Hoffnung, es möge dem einen oder anderen in Erinnerung rufen, daß auch hier ein Mensch starb:

When you love someone who suffers from the disease of addiction you await the phone call. There will be a phone call. The sincere hope is that the call will be from the addict themselves, telling you they’ve had enough, that they’re ready to stop, ready to try something new. Of course though, you fear the other call, the sad nocturnal chime from a friend or relative telling you it’s too late, she’s gone.

Frustratingly it’s not a call you can ever make it must be received. It is impossible to intervene.


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Dulce et decorum est pro patria mori

Diese Zeile aus einer Horaz-Ode ist ein beredtes Beispiel für den Wahn, in den Menschen gerne verfallen, sobald jemand „Vaterland“ und „bedroht“ auf die passende Weise miteinander verbindet. Sie ist es auch deshalb, weil sie zum einen zeigt, daß sich dieser Wahn in allen Zeiten (und wohl auch allen Kulturen, aber da fehlt mir der Überblick) finden läßt und zum anderen späteren Zeiten als gelehrtes Feigenblatt für den eigenen geistigen Ausnahmezustand diente. Immer getreu dem Motto: „Schon Horaz sagte…“ Ich bin mir nicht sicher, was verheerender war, die unmittelbare Wirkung auf die partherbekämpfenden Zeitgenossen oder die mittelbare auf Generationen von Menschen, die meinten, hier humanistisches Gedankengut zu zitieren, nur weil der Unsinn zufällig auf Latein geschrieben wurde.
Am 70. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion sei darauf hingewiesen, daß das Problem an dieser ganzen unseligen Angelegenheit weit weniger die Frage der konkret Beteiligten und ihrer Motive sind, sondern mir eher der Krieg an sich ein Übel zu sein scheint. Denn genauso wie Horaz seine Mitbürger gegen die Parther einschwört, so schwörten sich die sowjetischen Soldaten gegen die deutschen Angreifer ein. Und lassen da an Pathos nichts vermissen. Ich halte es für müßig, darüber zu diskutieren, welcher Seite man nun das größere Recht am Töten zugestehen möchte. Gerade die Konstellation Hitler vs. Stalin macht die Absurdität einer solchen Frage offenkundig. Das Problem liegt viel tiefer und ist vielleicht gar nicht lösbar, da es schwierig werden könnte, Identität ohne Abgrenzung zu definieren.
Jedenfalls erscheint es mir auch heute, da wieder einmal das Vaterland verteidigt wird (derzeit am Hindukusch), nötig, den Hausheiligen auf die Bühne dieses Blogs zu holen, auch wenn ich auf Seegers Frage danach, wann wir denn endlich lernen werden, derzeit zur deprimierenden Antwort neige: Niemals.
Aber vielleicht irre ich ja.

Gebet nach dem Schlachten

Kopf ab zum Gebet!

Herrgott! Wir alten vermoderten Knochen
sind aus den Kalkgräbern noch einmal hervorgekrochen.
Wir treten zum Beten vor dich und bleiben nicht stumm.
Und fragen dich, Gott:
Warum –?

Warum haben wir unser rotes Herzblut dahingegeben?
Bei unserm Kaiser blieben alle sechs am Leben.
Wir haben einmal geglaubt … Wir waren schön dumm … !
Uns haben sie besoffen gemacht …
Warum –?

Einer hat noch sechs Monate im Lazarett geschrien.
Erst das Dörrgemüse und zwei Stabsärzte erledigten ihn.
Einer wurde blind und nahm heimlich Opium.
Drei von uns haben zusammen nur einen Arm …
Warum –?

Wir haben Glauben, Krieg, Leben und alles verloren.
Uns trieben sie hinein wie im Kino die Gladiatoren.
Wir hatten das allerbeste Publikum.
Das starb aber nicht mit …
Warum –? Warum –?

Herrgott!
Wenn du wirklich der bist, als den wir dich lernten:
Steig herunter von deinem Himmel, dem besternten!
Fahr hernieder oder schick deinen Sohn!
Reiß ab die Fahnen, die Helme, die
Ordensdekoration!
Verkünde den Staaten der Erde, wie wir gelitten,
wie uns Hunger, Läuse, Schrapnells und Lügen den Leib zerschnitten!
Feldprediger haben uns in deinem Namen zu Grabe getragen.
Erkläre, dass sie gelogen haben! Läßt du dir das sagen?
Jag uns zurück in unsre Gräber, aber antworte zuvor!
Soweit wir das noch können, knien wir vor dir – aber leih uns dein Ohr!
Wenn unser Sterben nicht völlig sinnlos war,
verhüte wie 1914 ein Jahr!
Sag es den Menschen! Treib sie zur Desertion!
Wir stehen vor dir: ein Totenbataillon.
Dies blieb uns: zu dir kommen und beten!

Weggetreten!

in: Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke, Bd. 3. Rowohlt TB. Reinbek 1995. S.437f.


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Das Buch zum Sonntag (92)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Robin Lane Fox: Alexander der Große

Aus geschichtstheoretischen Überlegungen bin ich ja bekennender Anhänger der französischen Geschichtsschreibung (Annales, longue durée und so). Vom sozialhistorischen Ansatz der Annales ist nun das heute empfohlene Werk denkbar weit entfernt. Wir haben es ganz im Gegenteil mit einer politischen Biographie zu tun, die ganz klar ihren Schwerpunkt auf die Ereignisgeschichte legt.
Aber wie!
Da Alte Geschichte nun wirklich nicht mein Thema ist, begegnete ich Lane Fox denn auch erst recht spät, und zwar in einer Dokureihe zum frühen Christentum, die auf arte lief.* Er fiel mir dort mit seiner geistreichen Art auf, mit seinem intellektuellen Witz, kurz: very british. Da fiel es mir nicht schwer, das Erscheinen der Taschenbuchausgabe seines ersten Großwerkes als willkommenen Anlaß für einen Leseexemplarwunsch zu nehmen, um meinen telemedialen Eindruck gegenzuprüfen.**
Die opulente Biographie ist zwar inzwischen fast 40 Jahre alt (wenn auch die aktuellen Ausgaben überarbeitet wurden), taugt aber noch immer als solide Grundlage für weit mehr als nur Konversationswissen zu einer der faszinierendsten Herrschergestalten der Geschichte. Vor allem aber: Bei den Briten, und bei Lane Fox insbesondere, scheint die Idee, daß Geschichte eine interessante Sache sei, die man denn auch interessant erzählen kann, noch nicht verloren gegangen zu sein (unter den Literaturnobelpreisträgern finden sich einige Historiker oder zumindest Autoren, die für ihre historischen Werke ausgezeichnet wurden). Und so ist es also durchaus eine Freude, diese Biographie zu lesen.

In Alexanders Plan gibt es auch den Erforscher und den „unerbittlichen Wohltäter“ sowie den Eroberer. Langeweile ist nämlich eine Triebkraft des Lebens, die die Geschichtsbüher stets vergessen.
Alexander war 29 Jahre alt und unbesiegbar. Er stand am Rande eines unbekannten Kontinents. Umzukehren wäre sehr unaufregend gewesen – das Leben in Asien verhieß kaum mehr als Jagen und die langweilige Routinearbeit, die Aufstände und provinziale Erlasse erfordern. Nur in einer Rede an seine Truppen ist von einem Marsch zum östlichen Ozean die Rede, zum – wie die Griechen meinten – Rand der Welt. Obwohl die Rede sicherlich nicht authentisch überliefert ist, ist es doch richtig anzunehmen, nicht nur weil es so romantisch klingt, daß dieses Detail auf Tatsachen beruht.

(S. 438f.)***

Gerade solch persönliche Aspekte halte ich in der Tat zu Unrecht für unterbewertet. Mir ist schleierhaft, warum anzunehmen sei, in der Vergangenheit seien Entscheidungen weniger banal begründet gewesen als heute. Ich behaupte da eher mit Thukydides, daß Menschen schon immer Canaille waren und es auch bleiben werden (also, mal ganz grobkörnig formuliert 😉 ). Es ist schwer, sich viele Jahre intensiv mit einer Sache zu beschäftigen und von dieser unberührt zu bleiben. Dies gilt umso mehr für historische Gegenstände und erst Recht, wenn diese dann auch noch biographischer Natur sind. So wäre die Behauptung, Fox könne Alexander nicht leiden, wohl auch durch nichts im Buch zu rechtfertigen. Man spürt die Sympathie des Autoren seinem Helden gegenüber schon reht deutlich. Freilich haben wir es hier trotzdem nicht mit einer Hagiographie zu tun, vielmehr mit einem sehr lebendigen Zeitpanorama, auf dessen Bühne die allerdings tatsählich beeindruckende Gestalt Alexanders auftritt, dessen weniger glänzende Seiten ebenso beschrieben werden wie die manhmal noch spannendere Rezeptionsgeschichte seines Mythos. Es ist dies auch eines der Grundprobleme bei jeder Beschäftigung mit Alexander: Unmittelbare Zeugnisse existieren nicht und so erhält der geneigte Leser nebenbei auch noch eine kleine Einführung in Quellenkritik.
Wie überhaupt zu sagen ist, daß hier historische Forschung so nonchalant, so sophisticated präsentiert wird (selbst solche Nerdthemen wie Numismatik, also diese Disziplin, die sich unzählige Münzen anschaut, um anhand von minimalen Abweichungen tiefschürfende Erkenntnisse zu gewinnen, wirkt bei Fox wie ein großer Spaß), daß es mir geradezu unvorstellbar scheint, irgendjemand könne nach der Lektüre nicht sofort nach dem nächsten Thema lechzen.

Wer nun nach diesem Werk lechzt, dessen Durst ließe sich mit diesen

lieferbaren Ausgaben

stillen.


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*Die im Übrigen großartig ist. Erstaunlicher Weise kann es tatsächlich funktionieren, einfach mal 90 Minuten lang ein paar Leute von Dingen reden zu lassen, von denen sie Ahnung haben. Nichts zum mal Lockerflockignebenbeischauen, aber sehr interessant und tiefgründig. Und durchaus unterhaltsam.
**Man kann sich da ja manchmal täuschen. Ustinov zum Beispiel liest sich nicht annähernd so flüssig und elegant, wie er sich anhört (und -schaut).
***zitiert nach: Fox, Robin Lane: Alexander der Große. Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbek 2010

Das Buch zum Sonntag (91)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Stefanie Sourlier: Das weisse Meer

Erzählungen haben es angeblich nicht leicht, Leser zu finden.* Das wäre, sollte es denn stimmen (was ich nicht glaube), äußerst bedauerlich. Im Falle von Stefanie Sourlier sogar noch weit mehr für das Publikum als für die Autorin. Hier gäbe es wirklich etwas zu verpassen.
Stefanie Sourlier schreibt Geschichten, die sehr genau beobachtet sind, die sehr nahe an ihre Protagonisten herangehen und ihre Abgründigkeit erst spät offenbaren. Gelegentlich auch erst mit dem letzten Satz. Es bedarf solcher Werke, um im Wust der geradezu täglichen Neuerscheinungen, im belletristischen Alltag, der angefüllt ist mit der Mischung aus Epigonen und Mittelmaß, die das schriftstellerische Schaffen von Anbeginn an ausmacht, daran erinnert zu werden, daß es auch noch Literatur gibt.

Seitdem ich mich erinnern kann, war der Mittwoch Onkel Georgs Tag gewesen. Unsere Mutter setzte uns in den Trolleybus, mit dem wir dann bis zur Endstation namens Holzerhurd fuhren, wo Onkel Georg auf uns wartete. Jeden Mittwoch stand Onkel Georg am selben Ort bei dem dürren Bäumchen an der Bushaltestelle, das im Vergleich zum riesigen Onkel Georg geradezu winzig erschien, und ruderte mit seinen langen Armen, sobald er uns oder auch nur den Bus erblickte. Der Onkel Georg war sehr groß. Wie er erzählte, habe seine Körpergröße immer oberhalb all der Linien auf den Tabellen gelegen, mit denen man beim Schularzt die ungefähr zu erwartende Größe am Ende des Wachstums bestimmen konnte, trotzdem hatte niemand geglaubt, dass er tatsächlich zwei Meter und neun Zentimeter messen würde. Der Onkel Georg stand also an der Bushaltestelle, ruderte mit den Armen, und wir rannten auf ihn zu. Er bückte sich, indem er seinen Oberkörper einknickte wie eine gefällte Tanne und je einen der langen Arme um mich und meinen Bruder legte.

(S. 42f.)**

Vielleicht liegt es auch nur an meinen persönlichen Vorlieben. Ich mag Erzählungen sehr, insbesondere dann, wenn sie auch tatsächlich erzählen und nicht nur mühsam kaschierte Romanversuche sind. Und erzählen kann Frau Sourlier. Sie erzählt von Verfremdung, Entfremdung, Enttäuschung, Nähe, Ferne, Träumen und anderen Ideen. Es ist naturgemäß schwer, aus einem so feingewebten Gebilde wie einer Erzählung etwas Signifikantes, Eindeutiges herauszufiltern. Vielleicht aber gelingt es mit dieser Miniatur anzudeuten, warum mich ihre Erzählungen faszinieren:

Als ich nachmittags das Haus verließ, traf ich den alten Mann im Treppenhaus. Ich grüßte ihn, getraute mich aber nicht, ihn mit seinem Namen anzusprechen, da diesen ja nur vom Klingelschild kannte. Ich hätte wortlos an ihm vorbeigehen können, doch dies erschien mir unhöflich, also ging ich, einen Fuß vor den anderen setzend, hinter ihm die Treppe hinunter und blickte auf den Hut, der seinen kahlen Hinterkopf bedeckte. Wir sprachen nicht miteinander, ich hätte ihn fragen können, ob er etwas mit dem Schmuckgroßhandel H. SAMUEL zu tun habe, aber das hatte er bestimmt nicht, so why would I live in this filthy building, hätte er vielleicht geantwortet, aber der alte Mann antwortete nichts, da ich ja nichts gefragt hatte, er atmete nur leicht keuchend. Ich hielt im die Haustür auf, da blieb er stehen und sagte: Go on, Madame, it´s better if they don´t see us together. Ich blieb einen Moment stehen und starrte ihn perplex an. Er legte einen Finger vor den Mund und sagte: Psst, they are everywhre. Even if you don´t see them, they are there. Schnell ging ich zur Tür hinaus.

(S. 82)***

Jede ihrer Erzählungen ist durchaus ein wenig anders und sie findet immer den zur erzählten Geschichte passenden Ton. Und auch wenn sich durch die ganze Sammlung durchaus eine leichte Traumstimmung, eine sanfte Melancholie quasi als weicher Teppich zieht – sie läßt uns immer wieder unter ebendiesen schauen. Und da offenbaren sich gerne wahre Abgründe. Ich bin ihr dabei immer wieder auf den Leim gegangen, indem ich ihr immer wieder aufs Neue folgte und immer wieder einen Schauer verspürte. Es ist ist erstaunlich, wie nonchalant es möglich, in rührselig scheinenden Kindeheitserinnerungen Dramen zu verstecken, die für wochenlange Boulevardberichterstattung ausreichen würden. Mich hat sie damit eins ums andere Mal hereingelegt – doch sei hier versichert: Immer wieder gerne.

Die geneigte Leserschaft sei zum Abschluß auf die Möglichkeit verwiesen, sich mit Hilfe der

lieferbaren Ausgabe

ebenfalls hereinlegen lassen.


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*Im Übrigen sehe ich da einen klassischen Fall der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Es ist schwer, etwas zu verkaufen, von dem man glaubt, daß es gar keiner haben will. Insofern wäre ein nachhaltiger Schub für das Genre „Erzählungen“ noch eine der besten Folgen des „literarischen Fräuleinwunders“
**aus: Nach Italien in: Sourlier, Stefanie: Das weisse Meer. Frankfurter Verlagsanstalt. Frankfurt/M. 2011.
***aus: Das weiße Meer. ebenda.

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (90)

Prolog: Es gab in den letzten Tagen eine erstaunliche Häufung familiärer Klein- und Großereignisse, die von dem pünktlichen Beginn des Schreibens dieser Empfehlung nicht viel übrig ließen. Ähem.

Für die laufende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Mark Twain: Die schreckliche deutsche Sprache

Mark Twain gehört vielleicht zum Besten, was die US-amerikanische Literaturgeschichte zu bieten hat. Auch wenn ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, daß zu dieser Erkenntnis besonders gelangt, wer die USA kennt. So manches scheint mir doch sehr typisch, sehr aus der kulturellen Seele* dieses eigenartigen Landes geschrieben. Was andererseits aber natürlich Gelegenheit gibt, einen tiefen Blick in eben diese Seele zu werfen.
Es lohnt sich also durchaus, Mark Twain auch einmal jenseits der Jugendabenteurromantik, mit der 12jährige „Tom Sawyer“ verschlingen, zu lesen.
Das heute empfohlene Werk allerdings hat von alldem wenig. Aber es ist großartig gegrantelt. Ein frustrierte Deutschlerner haut den Deutschsprechenden (und vor allem: -schreibenden) ihre Sprache mal gehörig um die Ohren. Neben dem diebischen Vergnügen, das man dabei als Lesender hat, eröffnen sich hier durchaus einige Perspektiven. Zum einen darauf, wie Nicht-Muttersprachler die deutsche Sprache mit ihren, nunja, Eigenheiten warnehmen und zum anderen auch, wie sich die deutsche Sprache vor 130 Jahren präsentierte. Oder auch heute noch präsentiert:

Dieser Abschnitt liefert den Stoff für ein paar Bemerkungen über eine der seltsamsten und merkwürdigsten Besonderheiten meines Themas – die Länge der deutschen Wörter. Einige deutsche Wörter sind so lang, daß sie eine Perspektive aufweisen. Man beachte folgende Beispiele:

Freundschaftsbezeigungen.
Dilettantenaufdringlichkeiten.
Stadtverordnetenversammlungen.

Diese Dinger sind keine Wörter, sie sind alphabetische Prozessionen. Und sie sind nicht selten; man kann jederzeit eine deutsche Zeitung aufschlagen und sie majestätisch quer über die Seite marschieren sehen – und wenn man nur einen Funken Phantasie besitzt, kann man auch die Banner sehen und die Musik hören.

(S. 49)**

Noch viel verwirrender als die kaum zu entwirrenden Komposita muß aber auf einen dem englischen Sprachraum entstammenden Menschen das große Thema „Genus“ erscheinen. Es ist ja schon für Muttersprachler kaum zu durchschauen und eher intuitiv als rational zu erfassen – wie absurd das ganze Thema aber im Deutschen ist, zeigt sich vielleicht wirklich erst durch den Blickwinkel eines Außenstehenden. Und auch wenn der gute Herr Twain das Spiel mit den Unterschieden zwischen grammatikalischem und natürlichem Geschlecht sehr ausführlich und sehr auf die Spitze treibt – es ist ja nicht so, daß er Unrecht hätte. 😉

Jedes Substantiv hat ein Geschlecht, und in dessen Verteilung liegt kein Sinn und kein System; deshalb muß das Geschlecht jedes einzelnen Hauptwortes für sich auswendig gelernt werden. Es gibt keinen anderen Weg. Zu diesem Zwecke muß man das Gedächtnis eines Notizbuches haben. Im Deutschen hat ein Fräulein kein Geschlecht, während eine weiße Rübes eines hat. Man denke nur, auf welch übertriebene Verehrung der Rübe das deutet und auf welch dickfellige Respektlosigkeit dem Fräulein gegenüber.

(S. 31)

Es ist wirklich eine vergnügliche Stunde, die man mit diesem Essay verbringen kann (wer kann, sollte es auf Englisch lesen), nicht zuletzt eben auch, weil Twain nie verachtend, billig, abwertend wird – er scheint diese Sprache, die sich seinem Verständnis so konsequent verweigert, wirklich und wahrhaftig unfaßbar zu finden. Dieses Erstaunen darüber, daß man sich etwas so Elementares wir die Sprache so unglaublich schwer machen kann, schwingt immer mit.
Freilich, er läßt die armen Deutschsprechenden nicht ohne Hoffnung und Trost zurück:

Es gibt in der Welt Leute, die sich ziemlich viel Mühe geben, die Mängel an einer Religion oder Sprache aufzuzeigen, und dann gelassen ihrer Wege gehen, ohne Abhilfe vorzuschlagen. Ich bin kein Mensch dieser Art. Ich habe bewiesen, daß die deutsche Sprache reformbedürftig ist. Nun gut, ich bin bereit, sie zu reformieren. Zumindest bin ich bereit, die geeigneten Vorschläge zu machen. Ein solches Vorgehen wäre bei jemand anderem unbescheiden; aber ich habe alles in allem mehr als neun Wochen einem gewissenhaften und kritischen Studium dieser Sprache gewidmet und daraus ein Zutrauen zu meiner Fähigkeit gewonnen, sie zu reformieren, das mir eine bloß oberflächliche Bildung nicht hätte verleihen können.

(S. 67)

Diese Begründung ist derart großartig, daß ich ernsthaft überlege, sie als Handlungsmuster zu übernehmen. Wobei, wenn ich es mir so recht überlege, scheint es bereits ein gängiges Muster zu sein, daß Menschen mit Aufgaben betraut werden, einzig weil sie behaupten, diese auch zu beherrschen. Im Übrigen sollt eman ja auch nie unterschätzen, welchen Erkenntnisgewinn neuneinhalb Wochen so mit sich bringen können.

Ursprünglich als Anhang zu seinem „Bummel durch Europa“ erschienen, ist das Werk inzwischen auch mehrfach separat erschienen, derzeit ist es in diesen

lieferbaren Ausgaben

erhältlich.


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*Da die französische Geschichtsschreibung so freundlich war, die „Mentalitätsgeschichte“ als Beitrag der Historiker zur allumfassenden Superdisziplin „Kulturwissenschaften“ einzubringen, darf man sowas ja schreiben ohne sich sofort intellektuell zu disqualifizieren. 😉
**zitiert nach: Twain, Mark: The awful German Language / Die schreckliche deutsche Sprache. übersetzt von Ana Maria Brock. Nikol Hamburg 2010.

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (89)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Niccolò Machiavelli: Der Fürst

Ist nicht alles schon gesagt zu diesem Werk? Haben wir in den letzten 500 Jahren nicht bereits jede Ecke seines Denkgebäudes ausgeleuchtet und können ihn nunmehr ad acta legen?
Nein, natürlich nicht. Auch wenn ich in der Tat mit keiner bahnbrechenden Neuinterpretation mehr rechne und auch wenn in der Tat nach Machiavelli-Lektüren für „Frauen, Manager, Streithammel und Zeitgenossen, um mal nur einige zu nennen, kaum noch Zielgruppen bleiben, die in die Verlegenheit kämen, Machiavelli selbst lesen zu müssen, weil ihnen das noch kein origineller Lektor abgenommen hat – ich halte es für wichtig und richtig, gerade den „Fürsten“ zu lesen.
Was Machiavelli in seinem Handbuch für Leonardo de Medici nämlich unübertroffen gelingt, ist die Entlarvung aller, wirklich aller, ideologischen Grundlagen von Politik als reines Mittel zum Zweck. Die Moralkeule wird immer dann geschwungen, wenn es den eigenen Zielen dient, ansonsten bleibt die mal schön in der Ecke versteckt. Sonst findet die noch wer und stellt Unfug damit an.
Indem er eben gerade kein theoretisches Werk darüber, wie ein Staat idealerweise verfaßt sein sollte oder wie das Verhalten eines Herrschers aussehen sollte, um hehren Prinzipien Genüge zu tun, sondern stattdessen einen Ratgeber dafür, wie man in der Welt, wie sie nunmal ist, möglichst gut und geschickt Macht erwirbt und erhält, zeigt er auf, wie Politik tatsächlich funktioniert. Und das macht er so scharfsinnig und ohne Rücksicht auf Dinge, die man so vielleicht nicht sagen sollte, daß beim Lesen nicht selten ein durch seine Heftigkeit die Unversehrtheit von Tischplatten gefährdendes Kopfnicken ausgelöst werden kann.
Im Kapitel 5 referiert Machiavelli darüber, wie eroberte Staaten, die bereits ein funktionierendes Herrschaftssystem besaßen, zu regieren sind. Er unterscheidet dabei drei Wege: Zerstörung, zur Residenz erheben oder nach ihren eigenen Gesetzen weiterleben lassen.

Denn eine solche Regierung weiß wohl, dass sie sich nicht ohne Unterstützung ihres Schöpfers halten kann, und muss alles tun, um ihm die Herrschaft zu sichern. […] Und wer sich zum Herrn einer Stadt macht, die gewohnt gewesen ist, in Freiheit zu leben, ohne dass er sie ganz auflöst, mag nur darauf gefasst sein, selbst von ihr zugrunde gerichtet zu werden. Denn der Name der Freiheit dient immer nur zum Vorwande des Aufstandes, und die alte Staatsverfassung wird weder über langer Dauer noch über Wohltaten vergessen. Was man auch immer für Vorkehrungen treffen mag, es kommen, wenn die Einwohner nicht zerstreut und getrennt werden, immer der alte Name und die alte Verfassung wieder zum Vorschein, so wie in Pisa nach einem vollen Jahrhundert, das es unter der Herrschaft von Florenz gestanden hatte. Sind aber Städte oder Länder gewohnt gewesen, unter einem Fürsten zu leben, und dieser ist ihnen genommen und sein Geschlecht erloschen; sind sie also einerseits gewohnt, einen Fürsten zu haben, und haben doch andererseits keinen alten, so fügen sie sich nicht einem, der aus ihrer Mitte erhoben worden ist; und frei leben können sie erst recht nicht. Sie ergreifen also die Waffen nicht so leicht, und ein Fürst bemächtigt sich ihrer ohne Mühe und hält sie auch leicht im Gehorsam fest. Aber die Republiken bergen mehr Hass und das Andenken an die verlorene Freiheit. Man zerstört sie also am sichersten, oder man wählt sie zur Residenz.

(S. 22f.)*

Nicht selten wird Machiavelli Grausamkeit, Kälte, Unmenschlichkeit vorgeworfen. Meiner Meinung nach trifft das so nicht ohne Weiteres zu. Es wäre sehr gewagt, zu behaupten, er fände das alles super und dufte, was er da schreibt und dies sei eine Welt, in der er gerne und glücklich leben würde. Denn er macht ja nur eins: Die Welt beschreiben, die er sieht. Und da stellt sich nun die Frage, wenn ein Portrait häßlich ist, liegt das wirklich zwangsläufig am Maler?
Ich meine, hat er denn wirklich Unrecht, wenn er schreibt:

Denn man kann im Allgemeinen von den Menschen sagen, dass sie undankbar, wankelmütig, heuchlerisch, feig in der Gefahr, begierig auf Gewinn sind: solange du ihnen wohltust, sind sie dir ganz ergeben, wollen Gut und Blut für dich lassen, ihr eignes Leben aufopfern, das Leben ihrer Kinder. […] Die Menschen machen sich weniger daraus, einen zu verletzen, der sich beliebt macht, als einen, der gefürchtet wird; denn die Zuneigung der Menschen beruht auf einem Bande der Dankbarkeit, das bei der Schlechtigkeit der menschlichen Natur reißt, sobald der Eigennutz damit in Streit gerät: Furcht vor Züchtigung aber versagt niemals.

Achtung, jetzt kommt ein Knaller:

Nur muss der Fürst sich auf solche Art gefürchtet machen, dass er nicht verhasst wird; denn es kann recht gut miteinander bestehen, gefürchtet und doch nicht verhasst zu sein. Hierzu ist vornehmlich erforderlich, dass er sich der Eingriffe in das Vermögen seiner Bürger und Untertanen und in ihre Weiber enthalte. […] Vor allen Dingen aber enhalte er sich, das Vermögen der Untertanen anzutasten, denn die Menschen verschmerzen allenfalls noch eher den Tod des Vaters, als den Verlust des Vermögens.

(S. 68)

Es kann nicht schaden, immer mal wieder das Büchlein zur Hand zu nehmen und nachzuschauen, ob man sich wirklich nicht wir die Canaille benimmt, für die Machiavelli die Menschheit zu halten scheint.

Erhältlich ist das Werk in nahezu allen Formen und Farben, man möge sich eine der

lieferbaren Ausgaben

erwählen.


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*zitiert nach: Machiavelli, Niccolò: Fürst. übersetzt von August Wilhelm Rehberg. Fischer Taschenbuch Frankfurt/M. 2. Auflage 2010

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (88)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jan-Uwe Fitz: Entschuldigen Sie meine Störung

„Ein Wahnsinnsroman“ lautet der Untertitel und setzt damit gelungen die Mehrdeutigkeit des Titels fort.** Es ist dieses Buch für Freunde des Grotesken, zu denen ich mich durchaus zähle, eine Fundgrube ohne Gleichen.
Soweit der absurden Rahmenhandlung zu folgen ist, berichtet der als durchaus gestört zu bezeichnende Ich-Erzähler von Erlebnissen innerhalb und außerhalb einer psychiatrischen Klinik, die eine Trennung dieser beiden Lebensbereiche als mindestens diskutabel erscheinen lassen. Dabei gelingen Jan-Uwe Fitz Handlungsabläufe und Formulierungen, die dem Gehirn des Lesers nur noch den biologisch vorgesehenen Wahnsinnsabwehreflex erlauben: Lachen.

Hoffnung und Vorfreude wurden mir früh im Leben ausgetrieben. Von meinen Eltern.
Wenn sie unter dem Weihnachtsbaum die Geschenke auspackten – und ich ihnen mit großen Augen dabei zusah. Und mit leeren Händen. Obwohl sie mir in der Zeit vor Weihnachten immer wieder versprochen hatten: „Freu dich auf Weihnachten, da gibt es etwas Tolles.“
Stattdessen saß ich Heiligabend etwas verloren unter dem Weihnachtsbaum. Und wenn ich dann fragte: „Duhu, wo ist denn das Tolle, das ihr mir versprochen habt?“ antworteten Sie: „Wer hat denn gesagt, dass das Tolle für Dich ist?“ Dann zeigten sie mir freudig erregt ihr neues Auto in der Garage. […] Manchmal glaube ich, ich war kein Wunschkind.

(S. 107)*

Es sind nicht zuletzt diese trockenen Abschlüsse, diese das vorhergehende Geschehen konterkarierenden Kommentare, die mich immer wieder aufs Neue erfreuen.
Es gehört zu den besten Effekten einer Groteske, wenn den Lesenden das leichte Gefühl beschleicht, daß der soeben gelesene Text vielleicht weit weniger überzogen ist, als das im ersten Moment schien. Oder auch weit mehr mit dem „wahren Leben“ zu tun hat, viel näher dran ist als das einem lieb sein könnte.

Ich werde häufig gefragt: „Herr Fitz, Sie sind doch sozialer Phobiker. Ich auch! Haben Sie nicht ein paar Tipps, wie ich in soziale Situationen meine Störung in den Griff bekomme?“ Dann antworte ich: „Zufälle gibt’s: Ich habe tatsächlich ein paar Tipps!“
[…]
Das Problem:Soziale Phobiker glauben, dass Ihnen jeder die Angst ansieht.
Falsch: In dieser Situation kann man nichts falsch mache. Selbst sofortiger Selbstmord, noch vor Ort, ist jetzt eine Option und gesellschaftlich akzeptiert.
Richtig:Suche Sie sich auf Partys Menschen, die ähnlich gestört sind wie Sie, und stellen Sie sich zu ihnen. Dann fallen Sie nicht so auf. Vorsicht vor Spiegeln! Das darin sind oft Sie. Wenn Sie den ganzen Abend vor einem Wandspiegel stehen, hält man Sie vielleicht für eitel. Und negative Bewertung wird Ihnen wohl kaum gefallen.

(S. 49/52)

Ich gebe zu, es bedarf eines Hanges zum Abgedrehten, Merkwürdigen – eine gewisse Bereitschaft, sich auf Absurdes einzulassen. Dann erwartet den geneigten Leser ein unermeßlicher Quell unbändiger Lesefreude. Eine Lesefreude, die sich nicht zuletzt dadurch einstellt, daß hier jemand gaz offenbar gerne schreibt. Und gerne ohne Rücksicht auf logische Abläufe und aristotelische Einheiten. Postmoderne at his best, sozusagen.
Auch wenn ich überzeugt bin, daß in diesem Buch keine Weltformel versteckt ist, es gibt Stellen, die mich durchaus stutzen lassen.

In einer Gruppentherapie erwarte einen Trost, Verständnis, Solidarität und emotionale Unterstützung. Sie nehme einem das Gefühl, mit seinen Problemen allein auf der Welt zu sein.
Haha, Herr Fitz, haha. Bullshit! Glauben Sie kein Wort. Die Welt geht vor die Hund, jeder kämpft für sich, und ausgerechnet in einer Gruppentherapie soll das anders sein? Wohin man auch schaut, überall Arschlöcher, aber in der Gruppentherapie einer Nervenklinik finden Sie ausschließlich reine Seelen? Nirgends Empathie, Verständnis und Solidarität, aber im Gruppenraum 026 in Gebäude B – da denkt jeder an den anderen, hat Mitgefühl für ihn und ein offenes Ohr für seine Probleme?

(S. 237)

Auch diese Woche möchte ich schließen mit dem Hinweis auf die

lieferbare Ausgabe

Und nun gehet dahin und kauft.


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**Trotzdem sei an dieser Stelle mal ein wenig gemeckert, weil es mich ärgert, daß selbst das alles in allem doch ambitionierte Haus Dumont der unsäglichen Mode nicht widerstehen kann, alles und jeden „Roman“ zu nennen, aus Angst, der zahlende Kunde wäre mit anderen Genrebezeichnungen hoffnungslos überfordert und würde schreiend vor der Auslage der Buchhandlungen zusammenbrechen. Oder was auch immer die Verlage dazu bringt, dieses Etikett an alles zu kleben, was auch nur entfernt an eine Handlung erinnert. Nun habe ich mein Germanistikstudium nicht beendet, bin also möglicherweise nicht befugt, dies zu beurteilen: Aber das heute empfohlene Werk ist vieles, nur eben kein Roman.

*zitiert aus: Fitz, Jan-Uwe: Entschuldigen Sie meine Störung. Dumont Buchverlag. Köln 2011

Das Buch zum Sonntag (87)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden

Über Kant gäbe es einiges zu sagen – und dies wurde ja auch bisher umfänglich getan.
Die heute empfohlene Schrift gehört zu seinen, nun, sagen wir, leichter zugänglichen Werken.*
Ich hatte bei der Lektüre den Eindruck, der Königsberger Zeitgeber hatte sich die Politik seiner Zeit angeschaut und festgestellt, daß sie nicht gut sei. Wie deprimierend also, daß seine Ratschläge auch heute noch zutreffend scheinen.

5. „Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staats gewalttätig einmischen.“
Denn was kann ihn dazu berechtigen? Etwa das Skandal, was er den Untertanen eines andern Staats gibt? Es kann dieser vielmehr, durch das Beispiel der großen Übel, die sich ein Volk durch seine Gesetzlosigkeit zugeszogen hat, zur Warnung dienen; und überhaupt ist das böse Beispiel, was eine freie Person der andern gibt, (als scandalum acceptum) keine Läsion derselben. – Dahin würde zwar nicht zu ziehen sein, wenn ein Staat sich durch innere Verunreinigung in zwei Teile spaltete, deren jeder für sich einen besonderen Staat vorstellt, der auf das Ganze Anspruch macht; wo einem derselben Beistand zu leisten einem äußern Staat nicht für Einmischung in die Verfassung des andern (denn es ist alsdann Anarchie) angerechnet werden könnte. So lange aber dieser innere Streit noch nicht entschieden ist, würde diese Einmischung äußerer Mächte Verletzung der Rechte eines nur mit seiner inneren Krankheit ringenden, von keinem andern abhängigen Volks, selbst also ein gegebenes Skandal sein, und die Autonomie aller Staaten unsicher machen.

(S. 15)**

Mit dieser Stelle wollte ich einen Beitrag zur Interventionitis der aktuellen europäischen Politik beginnen, habe das dann aber sein lassen, weil ich nicht wüßte, was ich dem noch hinzuzufügen hätte. Und so kurz, knapp und pragmatisch geht Kant weitere 5 Punkte durch, die er anschließend noch einmal ausführt, präzisiert, verfeinert – das muß schon sein, einfach nur ein paar polemische Thesen hinwerfen, das wäre ja nun nicht Kants Stil. Auch wenn die Präliminarartikel durchaus zu den erfrischensten Texten gehören, die ich von Kant bisher las. Und „erfrischend“ ist ein Wort, das durchaus selten im Zusammenhang mit Immanuel „sapere aude“ Kant fällt.
Als ich letzte Woche die soeben eingetroffene Neuausgabe des heute empfohlenen Werks einsortierte, griff eine Kundin danach und meinte, dieses Buch solle doch Pflichtlektüre für alle Politiker werden. Auch wenn ich mir nicht sicher war, ob die Dame tatsächlich mehr über den Band wußte als der Titel verriet (ihr Staunen über das Verhältnis zwischen Text und Kommentar legt diese Vermutung nahe) – sie hat vielleicht nicht Unrecht. Noch einmal zur Frage, wann und wie es zum Kriege kommt und welche Mittel dies zu verhindern in der Lage sein könnten. Kant schlägt im ersten Definitivartikel vor, daß die bügerliche Verfassung eines jeden Staates republikanisch sein solle. Aus einem einleuchtenden Grund:

Wenn (wie es in dieser Verfassung nicht anders sein kann) die Beistimmung der Staatsbürger dazu erfordert wird, um zu beschließen, „ob Krieg sein solle, oder nicht“, so ist nichts natürlicher, als daß, da sie alle Drangsale des Krieges über sich selbst beschließen müßten (als da sind: selbst zu fechten; die Kosten des Krieges aus ihrer eigenen Habe herzugeben; die Verwüstung, die er hinter sich läßt, kümmerlich zu verbessern, zum Übermaße des Übels endlich noch eine, den Frieden selbst verbitternde, nie (wegen naher immer neuer Kriege) zu tilgende Schuldenlast selbst zu übernehmen), sie sich sehr bedenken werden, ein so schlimmes Spiel anzufangen;

(S. 21f.)

Neben dem nicht zu verachtenden Aspekt, eine gut geeignete Einstiegslektüre in Kants Werk darzustellen, kann ich diesen philosophischen Entwurf (so der Autor selbst) auch deshalb wärmstens all jenen empfehlen, die ihren Nacken nicht durch zu vieles zustimmendes Kopfnicken gefährdet sehen, weil er von einer beeindruckenden Klarsichtigkeit zeugt und ein beeindruckendes Beispiel für die Relevanz philosophischer Überlegungen ist.

Erhältlich ist das Buch in diesen

lieferbaren Ausgaben.


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*Bei meiner ersten Thomas-Mann-Lektüre beschwerte ich mich meiner Mutter gegenüber über dessen ausufernden langen Sätze, die manchmal schwer zu verstehen seien. Worauf ich mit dem königlichen Satz belohnt wurde: „Lies mal Kant – da bist Du froh, wenn Du einen kurzen Satz findest, den Du nicht verstehst.“
**zitiert nach: Kant, Immanuel: Zum ewigen Frieden. Kommentar von Oliver Ebert und Peter Nielsen. Suhrkamp Studienbibliothek 14. Suhrkamp. Berlin 2011.