David Mitchell: Utopia Avenue

Die Generation des Summer of Love, die in den späten Sechzigern jung waren, gilt heute nicht mehr als eine Generation, die aus dieser Welt einen besseren Ort machen möchte (Stichwort Boomer). Sie ist die Generation, gegen die die heutige Jugend aufbegehrt.

Das tut sie zu Recht, wie jede andere Jugendgeneration vor ihr – und möglicherweise sogar mit noch größerer Berechtigung. In Utopia Avenue erzählt David Mitchell die Geschichte einer Band, die sich aus dem Londoner Untergrund der späten Sechziger an die Spitze der weltweiten Charts arbeitet. Es ist die Zeit nach dem Hippie-Sommer, musikalisch wird viel experimentiert, die Labels sind auf der Suche nach der nächsten Erfolg versprechenden Musikströmung.

Die vier kongenialen Bandmitglieder werden von einem findigen Manager entdeckt, zusammengebracht und mit dem notwendigen Glück tatsächlich zum Erfolg geführt. Es ist ein kurzer Höhenflug, nicht einmal zwei Jahre sind der Band vergönnt, nur zwei Alben erscheinen. Das ist keine sehr unwahrscheinliche Geschichte in dieser kometenreichen Zeit des Popmusikgeschäfts.

David Mitchell hatte im von Bryan Adams besungenen Sommer wahrscheinlich noch keine six-string, denn er wurde im fraglichen Jahr ja erst geboren. Es handelt sich also – und das erscheint mir wichtig – um kein Erinnerungsbuch. Hier versucht nicht ein alter Mann seine Jugend wiederaufleben zu lassen, als er noch viril war und überhaupt – naja, ihr kennt diese Art Literatur…

Nein, Mitchell gelingt in diesem Roman eine mitreißende Erzählung von Träumen und Alpträumen, von Aufstieg und Absturz – vor allem aber von Musik. Seine vier Bandmitglieder, jedeʔr mit eigenen Dämonen kämpfend, sind überzeugend gestaltete Persönlichkeiten. Es lässt sich bei ihrem Aufstieg nicht vermeiden, dass sie (Pop-)Größen ihrer Zeit begegnen. Das ist dann amüsant und gelungen, wenn sie eher beiläufig geschehen – wie die Szenen mit dem jungen David Bowie, der ihnen in Kabelträgerjobs begegnet und von seinen Lebensträumen erzählt. Enervierend wird es allerdings, wenn sie auf der Höhe ihres Ruhmes immer noch jedes Mal aus dem Häuschen geraten, weil sie Zappa, Joplin oder Lennon begegnen. Vor allem aber wirken die so Porträtierten sehr gekünstelt – Mitchells Stärke, seine Protagonistʔinnen glaubwürdig zu zeichnen, verlässt ihn hier angesichts der Notwendigkeit, die Promis mit ihren überlieferten Bildern in Einklang zu bringen. Gerade diese Begegnungen verdeutlichen sehr stark, warum es eine kluge Entscheidung war, die Geschichte einer fiktiven Band zu erzählen.

Die ganz große Stärke liegt aber in der Beschreibung der Musik von Utopia Avenue. Jaspers Gitarrenriffs, Deans Bassläufe, Elfs Pianostücke und Gesangsparts, Griffs Schlagzeugspiel, der ganze Sound dieser Band – es wird so lebendig in Mitchells Worten. Wenn er Konzerte schildert, habe ich das Gefühl, dabei zu sein, in die Stimmung einzutauchen, ja, die Musik und das Publikum geradezu zu spüren.

Es sind diese athmosphärischen Bilder, die den Roman besonders machen und über die Schwächen des Plots und der erwähnten Begegnungen mit Zeitgrößen hinweghelfen. Und ja, ich habe mir am Ende gewünscht, es hätte diese Band wirklich gegeben. Diese Band großartiger Musikerʔinnen, die zusammen etwas schaffen, das die Zeit überdauert, die einem sexistischen Fernsehmoderator das Studio zerlegen, die mit ihrer Musik reifen und wachsen. Ja, ich hätte furchtbar gerne ihre Musik gehört und so ließ mich die Lektüre am Ende etwas wehmütig zurück.

Jedenfalls werde ich jetzt erstmal meine Cream-CDs raussuchen und mich in eine andere Zeit und Welt tragen lassen.

Buchdetails:
David Mitchell: Utopia Avenue. Aus dem Englischen von Volker Oldenburg. Rowohlt Hamburg 2022, 747 Seiten, ISBN 978-3-498-00227-5, 26 €, als ebook 19,99 €
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Noch immer: War Is Over (If You Want It)

»So this is Christmas / And what have we done?
Another year over / and a new one just begun.«

In der Tat, es ist ein weiteres Jahr vergangen und erneut darf ein jeder in sich gehen und grübeln, was er oder sie im letzten Jahr so getrieben hat. Für heute möchte ich aber die geneigte Leserschaft in ihrer besinnlichen Stimmung das Weihnachtsfest genießen lassen.

And so this is Christmas
For weak and for strong
For rich and the poor ones
The world is so wrong
And so Happy Christmas
For black and for white
For yellow and red ones
Let’s stop all the fight

Den kompletten Text gibt es hier.

Ich wünsche der geneigten Leserschaft eine besinnliche Weihnachtszeit.

Weiterhin: War is Over (If You Want It)

»So this is Christmas / And what have we done?
Another year over / and a new one just begun.«

In der Tat, es ist ein weiteres Jahr vergangen und erneut darf ein jeder in sich gehen und grübeln, was er oder sie im letzten Jahr so getrieben hat. Für heute möchte ich aber die geneigte Leserschaft in ihrer besinnlichen Stimmung das Weihnachtsfest genießen lassen.
Und da wir ja seit dem 21.12. in einer völlig neuen Ära leben und nun endlich alles ganz anders wird, sei auf diese Zeilen noch einmal besonders hingewiesen:

And so this is Christmas
For weak and for strong
For rich and the poor ones
The world is so wrong
And so Happy Christmas
For black and for white
For yellow and red ones
Let’s stop all the fight

Den kompletten Text gibt es hier.

Ich wünsche der geneigten Leserschaft eine besinnliche Weihnachtszeit.

Hannes Wader. Aus Gründen.

Und schon morgen soll ein großer Sturm aufkommen
Und auch and’re wagen es herauszuschrei’n
Was sie beleidigt, alle Furcht vergessend
Und keinem bricht der Sturm das Zungenbein
Doch ihre Schreie packt er und die werden
Dann überall im Land zu hören sein.

Den ganzen Text gibt es hier.

Assoziationen überlasse ich wie immer ganz der geneigten Leserschaft, es sei einzig noch youtube-Nutzer Der05er zitiert:

Hannes Wader hören bedeutet für mich, die Hoffnung zu haben, dass die Menschheit noch nicht ganz verblödet ist.


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Immer noch: War Is Over. If You Want It.

„So this is Christmas / And what have we done?
Another year over / and a new one just begun.“

In der Tat, es ist ein weiteres Jahr vergangen und erneut darf ein jeder in sich gehen und grübeln, was er oder sie im letzten Jahr so getrieben hat. Für heute möchte ich aber die geneigte Leserschaft in ihrer besinnlichen Stimmung das Weihnachtsfest genießen lassen. Die allfällige Moralpredigt folgt dann in einer Woche. 😉
Allerdings scheinen mir diese Zeilen des alljährlich empfohlenen Weihnachtsleides im Jahr 2010 einer besonderen Erwähnung zu bedürfen:

And so this is Christmas
For weak and for strong
For rich and the poor ones
The world is so wrong
And so Happy Christmas
For black and for white
For yellow and red ones
Let’s stop all the fight

Den kompletten Text gibt es hier.

Ich wünsche der geneigten Leserschaft eine besinnliche Weihnachtszeit.

Re: Gachmurets dritte Kulturwoche: Musik

Musik: Zupfgeigenhansel

UPDATE 21.09.2010: Und der zweite Beitrag aus dem Februar (Erstpublikation am 02.02.2010).

Die Sechziger und Siebziger Jahre sind musikalisch von einer großen Folkwelle geprägt, die auch Deutschland erreichte. Hier wurde das Thema „Volkslied“ wieder neu interpretiert, es gab eine Wiederentdeckung alter Schätze, das Genre wurde aus dem Klammergriff von Schlagerindustrie und Schulmusikunterricht befreit. Tatsächlich gab es auf einmal ein breites Publikum, das bereit war, zuzuhören – die Singer-Songwriter hatten hier sozusagen die Schneise geschlagen.
Kurz: Der Zeitgeist war bereit.

Ein kleiner Exkurs noch:
Die Idee, daß es sehr viel mehr kreative Quellen gibt als die öffentliche Wahrnehmung weismachen will, scheint mir gerade heute höchst aktuell. Was dem einen die kanonisierte Volksliedvermittlung, sind dem anderen die Qualitätsmedien. Kreativität breiter Volksschichten gibt es nicht erst seit dem 21. Jahrhundert mit seinen Blogs, Onlinemagazinen und sozialen Plattformen. Die gab es schon immer. Und ebenso wie in allen Jahrhunderten früher wird es auch weiterhin großartige Werke geben, die nie beachtet werden und verschütt gehen, um vielleicht dereinst ausgegraben zu werden – zum Erstaunen späterer Generationen. Gut, back to topic.

Für mich persönlich verbindet sich mit „Volkslied“ zwangsläufig der seltsam harmonische Klang dieses Duos, handelt es sich dabei doch um eine ganz frühe Prägung (ich höre die nun schon seit gut und gerne 20 Jahren). Sie haben eine Frische und ein Einfühlungsvermögen, das ich so nirgenwo sonst wieder gehört habe (und Nein, liebe Liederjan-Fans, auch bei denen nicht 😉 ). Den Revoluzzer von Mühsam, zum Beispiel, könnte ich nicht vorlesen – die Melodie wäre zu prägnant im Kopf. Dabei geht es hier nicht um schönen Gesang im Sinne von technischer Reinheit, denn Volkslieder sind ja Lieder des Volkes. Und das hat keine BelCanto-Ausbildung. Es geht darum, ein Lied zu singen, seine Stimmung zu spüren und auszudrücken. Und das machten Zupfgeigenhansel in meinen Augen perfekt. Eine derart frische, lebendige Interpretation wünschte ich mir bei so etlichen anderen Darbietungen populärer Musik.

Zupfgeigenhansel interpretieren den Begriff „Volkslied“ denn auch etwas weiter als dies der akademische Diskurs tun würde, nicht selten finden sich vertonte Gedichte oder Texte aus dem Untergrund der nationalsozialistischen Zeit darunter. Die Themenvielfalt reicht mithin von den üblichen lüsternen Mönchen und Pfarrern über naive Bauerntöchter und frustrierte Soldaten (hier mal mit Musik) bis zu sehnsüchtigen Kindheitserinnerungen (ganz wunderbare Interpretation übrigens, die Heines großartige Kunst, im romantischen gewande böse zu spotten, hervorragend herüberbringt.) oder dem Suchen nach Hoffnung in dunkler Zeit.

Unglücklicherweise sind nicht allzu viele Tonbeispiele online auffindbar (also, zumindest für mich nicht), so daß einige meiner liebsten Stücke (wie eben das Heine-Lied) hier ungespielt bleiben müssen.
Aber, es genügt doch, um einen Eindruck zu bekommen und die unliebsten Stücke sind es auch nicht, die ich gefunden habe.
Weiterlesen „Re: Gachmurets dritte Kulturwoche: Musik“

Gachmurets zweite Kulturwoche: Radio

Radio: Japan-A-Radio

Es gibt Tage, da schalte ich einen ganzen Tag lang obigen Radiosender ein. Bevorzugt, wenn es Dinge zu räumen (zum Beispiel endlich mal die Belletristik nach dem Umzug wieder alphabetisiert werden soll) oder zu packen (für eine längere Reise, zum Beispiel) gilt oder der Frühjahrsputz ansteht.
Die japanische Kultur ist in höchstem Maße hybrid. Ob Schrift (chinesische Schriftzeichen), Religion (Buddhismus), oder HighTech – stets schien das Credo zu gelten: „Oh, feine Sache – aber das können wir noch besser machen.“
Und dieses Prinzip gilt auch für japanische Popmusik. Nicht zuletzt durch die US-amerikanischen Militärbasen und insbesondere deren Insassen kam die japanische Kultur mit westlicher Unterhaltungsmusik in Berührung. Und dachte sich: „Feine Sache das, aber das können wir noch besser machen.“ Das Phänomen, das dabei entstand, betiteln die üblichen Genre-Etiketten-Verteiler als J-Pop. Vereint sind dabei Elemente westlicher Musik (und zwar keineswegs nur hierzulande als U-Musik bezeichneter Werke), insbesondere Rhythmus und Instrumentierung, und fernöstliche Musiktraditionen.
Die Ergebnisse, die das zeitigt, sind vielfältig in Qualität und Ausdrucksformen, insbesondere, da die japanischen Unterhaltungskünstler auch vor anderen Stilrichtungen westlicher Musik nicht Halt machten. So gibt es eben auch J-Ska, J-Rock etc.
Ein Radiosender, der sich dieser Bandbreite annimmt, ist Japan-A-Radio.
Beim Einschalten sollte allerdings bedacht werden, daß Japan in einer Zeitzone liegt, die der unseren ca. 8 Stunden voraus ist. Das macht sich in der Musikauswahl bemerkbar. Abends um sieben gibt es also durchaus mal eher bombastisch-getragenes zu hören, weil dann selbst in Japan mal Ruhezeit ist, schon zwei Stunden später geht es dann aber gerne mal mit erheblich erhöhter Beatzahl zur Sache, weil es gilt, aufzustehen. Tagsüber ist das aber ansonsten kein größeres Problem und man kann prima zuhören. Im Windows-Media-Player zeigt der Stream auch die gespielten Titel an, bei itunes hat er das, zumindest bei mir, nicht.
Um das eine oder andere noch einmal zu verdeutlichen, hier ein paar Musikbeispiele.

Den Anfang macht eine Künstlerin, die, nachdem sie in Fernost bereits höchst etabliert ist, zur Zeit sehr stark in den USA vermarktet wird. Warum, sollte erkennbar sein:

Doch es geht auch anders. Utada Hikaru ist eine meine ausgesprochenen Lieblingskünstlerinnen, und zwar ganz allgemein gesprochen. Ihr Album „Deep River“ werde ich vielleicht gelegentlich noch einmal gesondert vorstellen. Für heute soll dieses Beispiel genügen:

Doch natürlich gibt es auch in Japan Casting-Shows. Allerdings finde ich die Ergebnisse sehr viel amüsanter als die hiesigen. Diese schräge, schrille, durchaus ausgeflippte Musik finde ich höchst erfrischend. Allerdings sei die geneigte Leserschaft gewarnt: Die meisten Menschen dürften es eher enervierend finde. Aber es gibt ja Stopp-Tasten:

(Dieses Video sah ich übrigens zum ersten Mal auf der Leipziger Buchmesse)

Natürlich gibt es auch ruhigere Töne, hier mal ein Beispiel von Ayumi Hamasaki, das problemlos auch in hiesigen Radiostationen laufen könnte:

Es wird Zeit, mal eine etwas andere Note hereinzubringen. Die folgende Band läßt sich unter J-Ska einsortieren. Und klingt großartig.

Yum!Yum!Orange lohnen eine intensivere Beschäftigung, die machen nämlich Riesenspaß:

Wer annahm, Streetpunk sei tot, kennt die umfangreiche japanische RockSzene nicht. Auch wenn die japanischen Spielarten Puristen wohl eher nicht zusagen werden, denn, wie gesagt, die japanische Kultur ist höchst hybrid. Hier mal die Band B-Dash:

Breiten Raum im J-Pop nehmen natürlich Filmmusiken ein. Und die klingen nicht selten so:

(also im Wesentlichen: Nett. Oder, um mal wieder mit dem Hitchhikers Guide zu sprechen: Größtenteils harmlos.)

In Japan wird über alles und jeden gesungen. Es gibt Lieder über Milch, Fisch und natürlich auch zum Kochen. Wer tapfer ist und kein Problem mit extremer Niedlichkeit hat, kann sich gerne mal an diesem Kulturschock versuchen:

UPDATE: 28.03.2010: Leider finde ich keine vollständige Version mehr auf youtube, mußte das Video daher durch eine gekürzte Variante ersetzen. Aber ich denke, man bekommt auch so eine Vorstellung davon. 😉
Durchgehalten? Prima. Dann zum Abschluß noch ein Schmankerl, bei dem nun endgültig Grenzen überschritten werden. Hier vom J-Ska zum (Latin-)Jazz:

Wer mit all dem nichts anfangen kann, dessen Musikgeschmack ist vielleicht nicht passend zur heute vorgestellten Radiostation. Sollte dem ein oder anderen in der geneigten Leserschaft etwas gefallen haben – tune in. Es gilt, einen Musikkosmos zu entdecken. 😉

Gachmurets zweite Kulturwoche: Liedermacher

Liedermacher: Hannes Wader

Zu den wenigen musikalischen Prägungen meiner Jugend, die ich heute nicht ausschließlich mit dieser rührseligen Mischung aus Melancholie und Peinlichkeit höre, die nicht selten beim Wiederhören der Musik aus der eigenen pubertären Phase entsteht, sondern aus Überzeugung und mit Genuß höre, zählt Hannes Wader.
Der Typus des klassischen politischen Singer/Songwriters mit Verpflichtung zum Folk, den Wader verkörpert, muß auf das heutige Publikum massiv anachronistisch wirken.
Der komplette Verzicht auf Effekthascherei, das Setzen auf die reine Überzeugungskraft des Wortes, auf die Aufnahmefähigkeit des Publikums, das Vertrauen darauf, daß einem zugehört wird (und zwar länger als 3 Minuten) – das wirkt heute seltsam.
Es gibt Songs von Wader, die sind sieben, acht, manchmal sogar 12 Minuten (Der Tankerkönig, und der ist noch nicht mal gesungen) lang und bestehen aus nichts anderem als Text, Melodie und Gitarrenbegleitung (also, eine Gitarre, akustisch).
Zuhören ist also Pflicht, lohnt sich aber auch.
Die große Zeit der Liedermacher hierzulande waren die Jahre nach 68, vor allem also die 70er und die Zeit der Friedensbewegung in den 80ern. Diese Zeit voll bunter, manchmal auch irrsinniger Ideen spiegelt sich auch in Waders umfangreichem, vielfältigen Werk der letzten Jahrzehnte.
Neben vielen politischen Liedern mit Zeitbezug, proletarische Kampflieder, Volkslieder in hochdeutsch und Platt und Lieder aus dem Alltag. Nicht alles ist also auch heute noch uneingeschränkt zu empfehlen. 😉
Hannes Wader ist aber vor allem ein sehr genauer Beobachter, Figuren wie die Anke aus dem Bioladen sind treffliche Beschreibungen so mancher Zeitgenossen.
Und es gibt eben wahre Perlen, die den Kauf einer Compilation als angemessen erscheinen lassen sollten (wie diese oder diese) und eine solche möchte ich der geneigten Leserschaft heute vorstellen. Ich empfehle dieses Lied seit vielen Jahren als Entscheidungshilfe für junge Männer und Frauen, die vorhaben, Soldat zu werden. Wenn er oder sie danach immer noch zur Armee will, so sei es. Falls nicht, ist Soldatsein vielleicht nicht das richtige für den weiteren Lebensweg.

P.S.: Wie oft bei seinen besten Sachen, stammt hier nur der Text von ihm. Er textet meiner Meinung nach deutlich besser als er komponiert.
P.P.S.: Ich habe ihn bei einem Auftritt 2004 auf der Burg Waldeck mit Lydie Auvray gesehen. Mir schien es, als sei es ihm eine Verpflichtung, es erneut zu singen – und mir schien Verzweiflung darüber, es wieder singen zu müssen in seinem Gesicht zu liegen. Kann aber auch meine Überinterpretation sein.

Gachmurets zweite Kulturwoche: Musik

Musik: The Beautiful South

Über britischen Humor, ja über die Eigenartigkeit der Briten generell wurden bereits regalmeterfüllend (oder, wie wir wohl bald schreiben müssen, um noch verstanden zu werden: gigabytespeicherfüllend) Texte geschrieben, nicht wenige, und gerade einige der besten, von Briten selbst.
Wahrscheinlich ist da auch etwas dran. Einer meiner gelegentlich angebrachten Redewendungen lautet: „Man sollte Menschen nie zu lange alleine lassen, die werden seltsam.“
Was ich seinerzeit auf Japan münzte, gilt durchaus auch für andere Inseln (die Briten haben sich ja die sonst für den interkulturellen Austausch üblichen Nachbarsbesuche seit 1066 immer wieder erfolgreich verbeten).
Diese These von der Eigenart britischer Kultur unterstützt auch die Bandgeschichte von „The Beautiful South“. Die Band ist nämlich ein rein britisches Phänomen. Im Vereinigten Königreich sehr populär und mit dementsprechenden in die Millionen gehenden Verkaufserfolgen, sieht es im Rest der Welt doch eher mau aus. Und das kann durchaus an den Texten liegen. Diese sagen nämlich nicht selten etwas völlig anderes aus, als die musikalische Umsetzung beim Mal-eben-nebenbei-hören zunächst vermuten ließe. Ganz im Gegenteil.
Nicht selten sind gerade ganz freundlich und nett daherkommende Liedchen in Wahrheit ätzende Abrechnungen, beispielsweise mit Spießertum oder Doppelmoral.
Freilich, dafür muß man zuhören und auch noch verstehen, was zumindest ein Erklärungsansatz für den nicht üppigen Erfolg im nichtenglischen Sprachraum sein könnte.
Es gibt viele Gründe, warum ich das Lied besonders schätze, mit dem ich der geneigten Leserschaft „The Beautiful South“ heute vorstellen möchte. Aber ich möchte euch nicht des Vergnügens berauben, unvoreingenommen zuzuhören.
Nur soviel: Ich hörte das Lied zum ersten Mal im ICE-Radio, so ganz nebenbei, ohne genau hinzuhören. Ihr dürft raten, an welcher Stelle ich stutzig wurde und genauer hinhörte.

P.S.: Als Anektode zum Schluß: 2007 lösten sich „The Beautiful South“ aufgrund „musikalischer Ähnlichkeiten“ auf. Finde ich ja very british. 😉

Verschwindende Künste (1)

Heute: Alben hören.

Im Laufe der Zeit gehen viele Kulturtechniken verloren, weil sie aufgrund des technologischen Fortschrittes nicht mehr benötigt werden. Besonders deutlich zeigt sich das im Verschwinden von Berufen. Nun, im Zeitalter des DTP mag es nicht mehr notwendig sein, Schriftsetzer zu haben, auch Kettenhemden werden heute nur noch in Spezialfällen benötigt (dann aber dringend…).
Aber es zeigt sich auch außerhalb des Berufslebens immer wieder ein deutlicher Wandel.
Beispielsweise das Schreiben privater Briefe. Und ich meine hier durchaus das Schreiben auf zellstoffbasiertem Material. Denn die digitalen Kommunikationsmedien haben längst ihre eigenen Regeln, ihre eigene Sprache, ihren eigenen Stil entwickelt (*lol* oder 😉 in einem handgeschriebenen Brief wäre einfach unpassend).
Eine email hat einen anderen Tonfall als ein Brief (eine hübsche Zusammenstellung der Dinge, die die jüngste technologische Revolution an den Rand des Verschwindens bringt, hat übrigens Herm während seiner Urlaubsvertretung auf Herrn Niggemeiers Blog angefertigt.)
Doch um die Kunst des Briefeschreibens, derer ich auch allmählich verlustig gehe, wie ich jüngst anläßlich eines Versuches feststellen mußte, soll es mir heute nicht gehen.
Mir soll es heute um die Kunst des Musikalbenhörens gehen.
Untersuchungen zum Leseverhalten haben ergeben, daß hierzulande zwar immer mehr gelesen wird, jedoch immer weniger zu Ende. Mir scheint das symptomatisch. Denn es handelt sich hier um eine Rückwirkung der veränderten Mediennutzung. Computerbildschirme laden eher zum Erfassen kürzerer Texte ein. Und ähnliches scheint mir in der Nutzung und Wahrnehmung von Musik vor sich zu gehen. Die unglaublichen Möglichkeiten, die ein Format wie mp3 zusammen mit den nicht weniger unfaßbaren Möglichkeiten mobiler Geräte (erinnert sich noch irgendjemand daran, daß es gerade mal 20 Jahre her ist, daß ein Festnetztelefon mit Wählscheibe nicht nur nicht selbstverständlich sondern sogar Inhalt von Sehnsüchten war?) schaffen ein veränderte Nutzungsgewohnheiten, die weder tragbare CD-Player noch der Walkman je hätten erreichen können. Man kann heutzutage ganze CD-Schränke in einem bestenfalls handtellergroßen Wunderding mit sich herumtragen (wenn man auf die Möglichkeiten des Surfens, Spielens, Fotografierens, achja und natürlich Telefonierens verzichtet, sind wir schon nur noch im Fingerbereich) und die gespielte Musik jederzeit nach Gusto verändern. Jeder sein eigener DJ. Und dem Bedürfnis, unterwegs Musik zu hören, ist das vollkommen angemessen. Denn jederzeit sind Situationen denkbar, in denen man ausschalten muß oder sich geneigt fühlt, andere Musik zu hören (Idioten im Straßenverkehr, Trottel aufm Fußweg, Wetterwechel – oder das schlichte Erreichen des Zieles).
Auch die absurde Jagd diverser Radiostationen nach dem möglichst besten Mix (der Sechziger, Siebziger, Achtziger und so weiter) paßt sich diesem Bedürfnis an.
Wir nehmen also heute allerorten und jederzeit Musik wahr. Bunt gemischt, je nach Lust und Laune. Niemand brauche mehr ganze Alben las ich jüngst in einem Kommentar zur Urheberrechtsdebatte (leider finde ich den Kommentar nicht mehr). Und das könnte stimmen. Weder physisch (ich kenne noch das ehrfürchtige Gefühl, die erste eigene Platte in die Hand zu nehmen und aufzulegen – meine Kinder werden den Spruch „Leg mal eine andere Platte auf.“ überhaupt nicht mehr erfassen können) noch psychisch besteht möglicherweise noch Bedarf. Denn ein Album zu hören braucht Zeit, Ruhe und eine Athmosphäre, die ein Einlassen ganz auf die Musik (und eben nur diese) erfordert. Und ich fände es überaus schade, sollte uns tatsächlich diese Fähigkeit abhanden kommen. Denn es hat etwas entschleunigendes. Ein Innehalten, ein Pausieren von der Hektik unseres Alltags. Keine Prokrastination, kein Ablenken, kein Nebenherhören. Es ist Genießen.
Es ist Versinken in einer anderen Welt, es ist ganz Aufnehmen, es ist bis ins Innerste spüren.

Ein Album, das diesen Titel auch verdient, denn es gab und gibt heute erst Recht, da Künstler ja auch verkaufen müssen und mithin die Bedürfnisse des Publikums nicht ignorieren können, auch simpel zusammgestellte Kompilationen, ist eine Einladung an den Hörenden, auf eine Reise zu gehen. Und es lohnt sich, eine solche Reise mitzumachen.

Wir sollten darauf achten, uns das zu erhalten. Schon allein, weil es Musik gibt, die es verdient, ganz und gar gehört zu werden. Manchmal erfordert sie es sogar – doch mit welchem Gewinn für den Hörenden!

Das Verhältnis des Hausheiligen zur Musik darf getrost als ambivalent bezeichnet werden, wobei sich seine Ablehnung nicht selten eher auf Rezipienten und so manche Musizierende bezieht, als auf die Musik selbst.

Ich bin unmusikalisch. Wenn ich es sage, antworten die Leute mit einem frohen Gefühl der Überlegenheit: »Aber nein – das ist ja nicht möglich! Sie verstehen gewiß sehr viel von Musik . . . « und freuen sich. Es ist aber doch so. Musik läßt mich aufhorchen; wenn ich sie höre, habe ich ein Bündel blödsinniger Assoziationen – und dann verliere ich mich im Gewirr der Töne, finde mich nicht mehr heraus . . . Und um rat- und hilflos zu sein, dazu brauche ich schließlich nicht erst in eine Oper zu gehen.

aus: Die Musikalischen. in: Werke und Briefe: 1926. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 4617 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 4, S. 529) (c) Rowohlt Verlag http://www.digitale-bibliothek.de/band15.htm

Außerdem sehr lesenswert zur Frage der globalen Massenkultur in der Musik: Lyrik der Antennen.

UPDATE (05.11.2009): Bei Spreeblick gibt es einen höchst interessanten Beitrag samt ebenso beschaffener Diskussion zur Zukunft von Musikalben.

Gachmurets Kulturwoche: Radiosendung

Zum Abschluß der ersten Kulturwoche stelle ich euch heute eine Radiosendung vor, der ich mehr oder weniger regelmäßig seit 17 Jahren zuhöre. Ihre Absetzung bei mdr-Sputnik führte zu einem bis heute dauernden Boykott meines die Adoleszenz bestimmenden Radiosenders (mein erstes Radio bekam ich 1988, damals hießen die noch DT64, ich folgte dem Sender auch in die Emigration auf Mittelwelle und Satellit – übrigens haben die in dieser Nische ein sensationelles Programm gemacht, das bis heute seinesgleichen sucht) und der Aufkündigung meiner immerhin nur dreistelligen Club-Mitgliedsnummer. Es geht also heute um eine Herzensangelegenheit.

Radiosendung: Pops tönende Wunderwelt

Pops tönende Wunderwelt ist eine Radiosendung, die in unverändertem Konzept bereits seit 1987 zu hören ist.
Gestartet auf Radio Bremen, hatte sie ihre Hochzeit in Sachen Verbreitung um die Jahrtausendwende, als auch Hörer des Funkhaus Europa, von Radio Multikulti, mdr-sputnik und sogar Radio 3fach Luzern dem „geschwätzigen Moderator“ als „geneigte Hörerschaft“ huldigen durften.
Es handelt sich bei Pops tönende Wunderwelt um eine zweistündige Sendung, deren Aufbau immer gleich ist: In der ersten Stunde pseudophilosophiert Joachim Deicke über die hiesige Welt und ihre Absurditäten ebenso wie über die Erlebnisse Paul E. Pops und seiner Gefährten. Nicht selten kommt dabei die geneigte Hörerschaft über Briefeinsendungen ebenfalls zu Wort oder liefert die entscheidenden Anstöße. Alles in allem steht dabei Einfallsreichtum durchaus über allgemeiner Akzeptanz, was im Übrigen auch für die Musikauswahl gilt, hier gibt es eigentlich immer etwas zu entdecken.
In der zweiten Stunde wird die großartige Musikauswahl dann vom jeweils aktuellen Abenteuer des „Mannes aus dem Jenseits“ unterbrochen. Dies spielt sich in einer durchaus eigenen Weltkonstruktion ab, für deren Verständnis man nur wissen sollte, daß die verschiedenen Parallelwelten, die es in den unterschiedlichsten Raum-Zeit-Konstellationen gibt, durch die sogenannte „Globale Rutschbahn“, zu der es auf der Erde, wie wir sie kennen, etliche versteckte Eingänge gibt, miteinander verbunden sind. Das Wissen über sowie das korrekte Funktionieren der Globalen Rutschbahn wird von der „Auriga-Gruppe“, einer verständlicherweise exklusiven Gemeinschaft, bewacht.
Mit diesem Wissen im Hintergrund kann man jederzeit in jede Geschichte einsteigen, insbesondere, da der erste Textblock der zweiten Stunde immer einer kurzen Zusammenfassung gewidmet ist.
Kurz:
Man braucht eine Schwäche fürs Abwegige, Außergewöhnliche, eine gewisse Offenheit, sich von eigenen Vorlieben auch mal wegführen zu lassen – aber dann macht es eine große Freude, zuzuhören.

Sendetermin: jeden Sonntag 22:05 bis 24:00 auf Radio Bremen Eins (auch per Livestream)
(fast) alle Sendungen seit 1987 zum Nachvollziehen gibt es hier
Die offizielle Homepage findet sich hier
Außerdem existiert ein Webring mit Fanseiten

Le Roi est mort

Eine der wenigen Figuren des Paralleluniversums der Unterhaltungsindustrie, die mir wirklich Leid taten, war Michael Jackson.
Ich wurde und werde das Gefühl nicht los, daß er ein armer Hund war, sein Leben lang getrieben.
Sehr schön hat das, und damit will ich es bewenden lassen, Jenny Zylka in der taz formuliert.
Ihrem Artikel schließe ich mich hiermit an.

Und verweise natürlich auf die Revolution des Musikvideos.
Sowie auf meine erste Erfahrung mit Michael Jacksons Musik. 1988, Schaulaufen in Calgary.

Möge er in Frieden ruhen.