Lupenreine Demokraten

Definitionen von Oxford Languages: lu·pen·rein /lúpenrein/ Adjektiv 1. (von Diamanten) bei einer bestimmten starken Vergrößerung große Reinheit zeigend, keinen Einschluss erkennen lassend. "lupenreine Brillanten" 2. fehlerfrei, ohne jede Abweichung vom Ideal. "ein lupenreiner Sound"

Es sind gerade schwere Zeiten für Pazifistʔinnen. Wir erleben einerseits eine massive Militarisierung der Gesellschaft. Das offenbart sich in allen Bereichen. So etwas wie der Rheinmetall-Deal von Borussia Dortmund zum Beispiel wäre noch vor 4 Jahren undenkbar gewesen. Das ist möglicherweise nicht der stärkste Beleg, die Flexibilität gerade des Fußballs in Bezug auf die propagierten Werte, die sich eben ganz erheblich von den praktizierten unterscheiden, ist ja weithin bekannt.

Trotzdem finde ich es als Zeichen dafür, wie tief verankert der Militarismus inzwischen wieder ist, gar nicht so abwegig: Gerade die Dortmunder Fans haben eine durchaus lebhafte und große Fanszene, die sich immer wieder gesellschaftspolitisch positioniert. Und selbst diese lässt sich also mit den blumigen Erklärungen abspeisen, die vor allem eines beweisen: In der gesellschaftlichen Wirklichkeit sind Wertebekenntnisse ausgeleierte Phrasen. Auf die Irritationen, wenn dann künftig mit dem Rheinmetall-Logo gegen Rechtsextremisten Flagge gezeigt werden soll, dürfen wir uns alle freuen.

Natürlich ist es auch absurd zu glauben, wenn zwei Aktiengesellschaften einen Werbevertrag verkünden, ginge es um irgendwelche anderen Werte als Aktienwerte. Dazu hat auch jüngst Jon Stewart ein sehr schönes Stück präsentiert:

Jon Stewart Smashes the Myth of Corporate Morality in Pride, BLM, and Beyond | The Daily Show

Andererseits befindet sich auch der mediale Diskurs zunehmend in einem Kriegszustand, in dem es nur noch darum geht, auf welcher Seite man steht. Das ist natürlich verständlich, die Multikrise verlangt nach entschiedenem Handeln und da ist es durchaus hilfreich, Seiten zu wählen. Was mich aber irritiert: Wir scheinen es inzwischen für sehr wahrscheinlich zu halten, dass Menschen und Gruppierungen, die wir bis gestern noch für vernünftig gehalten haben, urplötzlich den Verstand verloren haben und jetzt Genozide oder Kriegsverbrechen schnafte finden. Ein solches Vorgehen aber übersieht etwas: Es ist vollkommen möglich, auf derselben Seite zu stehen und dennoch ein paar Anmerkungen zu haben und den eingeschlagenen Weg nicht für der Weisheit letzten Schluss zu halten.

Dieser Hang zum Tribalismus, der suggeriert, wir stünden kurz vom Bürgerkrieg, vor dem uns dann nur der uns genehme Stamm retten kann, in dem er alles für alle bestimmt – das mag für Krisenzeiten typisch sein. Hilfreich für eine freie und offene Gesellschaft ist das nicht. Aber alle machen mit.

Und so dürfen wir nun am Sonntag erleben, wie in den zwei ostdeutschen Freistaaten Parteien mit Macht in die Landtage gewählt werden, die das Banner der Demokratie und der Meinungsfreiheit vor sich hertragen, tatsächlich aber mit Genuss und Freude die Mauern der bürgerlichen Demokratie schleifen wollen. Und dies auch werden: Die Konservativen waren in der Geschichte und der Gegenwart immer die Steigbügelhalter autoritärer und faschistischer Mächte, sie werden es auch hier sein. Wer in faktenresistenten Propagandaschleudern wie dem Bündnis Sprechen wie Wladimir oder den lupenreinen Flügel-Faschisten Machtoptionen sieht, hat aus dem 20. Jahrhundert und aus dem Mord an Lübcke nur eines gelernt: Geschmeidige Opportunisten finden immer einen Weg durchzukommen – Franz von Papen als leuchtenden Bannerträger. Bloß nix für die eigenen Werte riskieren, dann wird das schon.

Denn wie riet der Hausheilige dieses Blogs im Jahr 1931?

Wenn sie in ihren Sälen hetzen,
sagt: »Ja und Amen – aber gern!
Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!«
Und prügeln sie, so lobt den Herrn.
Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft.1

Was mich erschüttert, was mich wirklich betroffen macht: Wir haben als Gesellschaft die letzten 100 Jahre nicht genutzt, um wirksame Strategien gegen das immer gleiche Playbook (passende Stichworte: Landnahme, National befreite Zone, Diskursverschiebung [kurze Anmerkung: Wisst ihr noch, wie Anfang des Jahres das Wort Remigration Millionen auf die Straße trieb? Heute kann man damit Wahlkampf machen]) zu entwickeln und ins Werk zu setzen. In der Breite stehen wir heute wieder völlig ratlos da, lassen uns vorführen und überrumpeln. Und nicht einmal das mit Absicht und genau für diesen Fall eingeführte scharfe Schwert der Demokratie wagen wir zu ziehen. Die Verfasser:innen des Grundgesetzes wussten, dass gegen solche lupenreinen Demokraten wie sie nun bald mit fetten Prozentsätzen in den Landtagen sitzen im Zweifelsfall nichts anderes hilft. Kein Reden, kein Debattieren, keine seitenlangen Faktenchecks.

Und eines können wir gewiss sein: Die werden die Hebel nutzen, die da sind. Sie werden uns zeigen, was die Werkzeuge der wehrhaften Demokratie können, wenn sie eingesetzt werden. Nur dann halt nicht von echten, sondern von lupenreinen Demokraten.

  1. aus: Kurt Tucholsky, Rosen auf den Weg gestreut. veröffentlicht als Theobald Tiger in Die Weltbühne, 31.03.1931, Nr. 13, S. 452. online verfügbar bei textlog.de ↩︎

Willkommenskultur

Großstädte gelten als Zentren einer urbanen, weltoffenen Kultur. Und je nach Perspektive bedeutet das irgendetwas zwischen »Cool, Freiräume für Kreativität und experimentelle Lebensräume« und »Sodom und Gomorrha«.

In welche Richtung das Pendel dabei mehr ausschlägt, lässt sich gar nicht so genau vorhersagen. Es hat sicher etwas mit der Größe der Großstadt zu tun, aber keineswegs ausschließlich wie ich als Bewohner des sächsischen Freistaates sicher sagen kann.

In Leipzig steht Pfingsten an, das heißt eigentlich: Es liegt in der Luft.

Und wem dies als Anhaltspunkt noch nicht genügt, der kann es auch hören:

Das WGT gehört schon länger zu Leipzig als ich, somit kann ich zu den Anfangszeiten nichts aus eigener Anschauung sagen.

Doch in den letzten 17 Jahren war mir Pfingsten doch immer die liebste Jahreszeit in dieser Stadt: Die faszinierte Freundlichkeit, mit der die Besucher_innen hier empfangen werden, begeistert mich immer wieder.

Und so großartig ich es auch jedes Jahr wieder finde, wenn mir gezeigt wird wie bunt schwarz eigentlich sein kann, so freue ich mich noch mehr über die Reaktionen der Stadtbewohner_innen.

Es sind dies Momente, in denen ich fühle: Ja, ich lebe gerne in dieser Stadt. Eine Stadt, deren Bewohner_innen in der Lage sind, zu verstehen, dass »fremd« kein Wort für »feindlich« ist.

Natürlich ist das romantisierend und natürlich gibt es auch hier Menschen, die ganz anders denken. Und trotzdem kann ich mir das WGT nicht in Dresden vorstellen, wo sich noch immer Tausende jeden Montag hinter einem Kleinkriminellen aus Spanien im Kreis drehen, weil sie Angst vor kriminellen Menschen aus dem Ausland haben.

Nein, es ist nicht nur die Anzahl der Bewohner_innen einer Stadt – mit deren Größe hat es aber vielleicht doch etwas zu tun.

Trostlose Landschaft

Angeregt durch Herrn Kaliban, habe ich meine in letzter Zeit gepflegte Ignoranz den Wahlplakaten gegenüber aufgegeben und sie mir im Zuger der übermorgen stattfindenden Landtagswahl genauer angesehen.
Und ich muß sagen: Dieser Schritt hat sich nicht gelohnt. Die Wahlplakate sind ein Graus.

Ich möchte hier einfach mal vorstellen, was mir auf meinem täglichen Weg von und zur Arbeit so begegnete. Vielleicht hatte ich ja Pech mit meinem Arbeitsweg – ich weiß es nicht.
Das Ergebnis ist wirklich erschütternd. Und zwar in jeder Hinsicht.

Nunja, lassen wir die Show samt vollkommen subjektiver Anmerkungen beginnen:

Hier sehen wir, wie ganz gekonnt landespolitische Themen behandelt werden. *kopfschüttel*
Andererseits ist natürlich der lobenswerte, weil ressourcenschonende Ansatz zu loben, bei jeder Wahl dasselbe zu hängen. Wenn man eh imer nur dasselbe zu sagen hat, braucht es natürlich auch keinen krampfhaften Versuch, das jedes Mal anders darzustellen. Insofern…

Als ich dieses Plakat zum ersten Mal von Ferne sah, hielt ich es für Werbung eines dieser schrecklichen Guten-Morgen-Gute-Laune-Aufstehen-mit-Lächeln-im-Gesicht-Radioprogramme.
Erst aus der Nähe erkannte ich die tatsächliche Funktion. Wer hat eigentlich diesen Unsinn mit den „Freien Wählern“ in die Welt gesetzt? Freie Wähler sind schließlich alle. Die gemeinte Unabhängigkeit zielt doch auf die Kandidaten, nicht die Wähler. Ein Alleinstellungsmerkmal der Allianz ist das also wohl kaum…

Hier sehen wir ein ganz typisches Beispiel für die Wahlkämpfe der letzten Zeit: Es soll alles anders werden. Wie, ist schnuppe, Hauptsache anders.

Ich sehe ja ein, das Wortspiel war naheliegend und ist auch nicht schlecht – aber Form und Inhalt stimmen einfach nicht. Biss? Entscheidend ist nicht, Zähne abzubilden. Entscheidend ist, wie dies geschieht. Und einen besonders zupackenden Eindruck macht dieses Gebiß nicht. Zumindest nicht auf mich.

Zu welch später Stunde und in welcher dunklen Kaschemme wurde denn dieses Plakat genehmigt? „Die SachsenMacher“? Wenn die CDU dies nicht als Darstellung zeugungsfreudiger junger Männer gemeint hat (wovon ich ausgehe), sondern eher auf die Schröder-Qualitäten ihres Personals (oder doch des sächsischen Handwerks?) verweisen wollte, wäre eine andere Formulierung empfehlenswert gewesen. Plakate, die man erst begreift, wenn man lange drüber nachdenkt, sind schlechte Plakate. 😉

Ja, und wenn mir gar nichts mehr einfällt, dann klaue ich eben beim ADAC und der Verkehrspolizei. Was soll das? Hatten sie noch Budget übrig? Das erfüllt ja nicht mal einen Nutzen. Denn, wer dieses Plakat lesen kann, ist doch schon längst in den Laternenpfahl gerauscht, an dem es hängt.*

Ja, stimmt, es wird nach 20 Jahren Regierung wirklich mal Zeit, liebe Union. ???

Immerhin, das beste Portrait, das ich gesehen habe. Hier besteht wirklich die Möglichkeit, eine Person zu entdecken. Und nicht nur ein Abziehbild mit Schlagersängergrinsen. Aber auch hier: Sachsen grüner machen. Ja, nun…

Wir auch:

Kindchenschema und Familie. Würden die Plakate über- oder nebeneinander hängen, käme vielleicht der flüchtige Betrachter auf die Idee, daß die beiden nicht unbedingt dasselbe meinen. Tun sie aber nicht…
Btw: Das Plakat liest sich übrigens sehr gut als: „Wegen Dir müssen wir jetzt FDP wählen…“

Und weil ich grad dabei bin:

Es soll Leute geben, für die stellt sich die Frage, ob sich Arbeit lohnt, vollkommen unabhängig vom Steuersatz. Da sind ganz andere Sätze interessant. Aber zum Glück macht die FDP ja keine Klientelpolitik… 😉

Bilder Upload

Als ob es die SPD nicht schon schwer genug hätte. Jetzt klauen die Möchte-Gern-Nazis von den Republikanern ihnen auch noch die Ideen. Übrigens: Meinen die 4 Millionen Arbeitsplätze jetzt nur in Sachsen oder bleiben die Plakate gleich hängen?

Sehr puristisch. Und dafür eine zu kleine Type gewählt. Wer nur auf Text setzt, muß diesem auch Gelegenheit zur Wirkung geben.

Intelligentes Plakat, macht aber nur Sinn, wenn man in Ruhe davor stehen kann (um zum Beispiel die Anspielung auf Orwell zu bemerken). Und ob die Gestaltung ausreicht, um dies zu bewirken…

Und die Piraten noch einmal. Das Plakat finde ich gelungen, habe dann aber doch mal eine inhaltliche Anmerkung. Die Gedanken sind ohne Zweifel frei – das bedeutet aber eben auch, frei verkäuflich. Die Piraten planen da derzeit eher eine Art Enteignung
Und, damit leite ich dann gleich mal zum nächsten Beispiel über, der Farbode gerät derzeit sehr durcheinander. Ein Plakat in schwarz-orange ist also nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, von der CDU, sondern von den Piraten,

dafür wirken ein CDU- und ein SPD-Plakat übereinander wie ein rot-grünes Projekt und

schwarz-grün wirbt nur für die Union

.

Der Hintergrund für die Farbwahl ist klar, die sächsischen Landesfarben sind nunmal grün/weiß – aber ob der vorbeifahrende Autofahrer die Kombination aus dem Wahlslogan „Damit ihre Zukunft Sachsen heißt“, der grünen Signalfarbe und dem SPD-Rot tatsächlich zu „Oh, die Union ist schon eine feine Truppe, die wähle ich mal“ zusammenreimt – na, ich weiß nicht.

Und weil wir schon über intelligente Plakate sprachen:

Sehr schön der Bezug auf den CDU-Slogan „Wissen, wo´s langgeht“. Zum Glück funktioniert das Plakat aber auch ohne dieses Hintergrundwissen, die CDU schreibt den ja nun nicht gerade sehr groß auf ihre Plakate. 😉

Schlußbemerkung:

Ich wollte eigentlich noch was zu den, leider, geschickt gemachten Plakaten der Nazis von der NPD schreiben, aber die waren verschwunden, als ich mit dem Fotoknips da war. Daher soll an dieser Stelle ein Link genügen: http://www.zeit.de/online/2009/36/npd-wahlkampf-strategie

Und die Plakate der Linken bestanden nur aus Veranstaltungshinweisen, wann denn die Genossen Lothar und Gregor zu sicher aufrüttelnden Reden in die Stadt kommen…

Alles in allem bleibt die Erkenntnis: Mehr als „Ich will aber der Bestimmer sein.“ kommt bei den allermeisten Plakaten nicht herüber. Warum gerade die und nicht die anderen, bleibt nahezu im Dunkeln. Was natürlich damit zusammenhängen könnte, daß es auch gar keine Gründe gäbe. So weit will ich aber (noch) nicht gehen.
Ich wünschte mir jedenfalls, es würden die Plakate mit etwas mehr Gedanken gestaltet, wenigstens mit dem Versuch, eine klare Aussage zu transportieren. Und zwar eine die über „Wir sind toll, die anderen stinken.“ hinausgeht. Ich bin sogar fest davon überzeugt, daß die Plakate sehr viel spannender wären, wenn tatsächlich versucht würde, Inhalte zu transportieren. Für etwas Konkretes zu werben, fördert die Kreativität nämlich viel mehr, als für etwas Diffuses, kaum zu Definierendes. Die Piraten zeigen das, das Grünenplakat zur Überwachung zeigt das und auf ihre ganz spezielle Art zeigen das auch die Fundamentalisten von der PBC.

Und zum Abschluß noch ein paar aufmunternde Worte des Hausheiligen:

Denn winsch ick Sie ooch ne vajniechte Wahl! Halten Sie die Fahne hoch! Hie alleweje! Un ick wer Sie mal wat sahrn: Uffjelöst wern wa doch . . . rejiert wern wa doch . . .
Die Wahl is der Rummelplatz des kleinen Mannes!Det sacht Ihn ein Mann, der det Lehm kennt! Jute Nacht -!

[in: Ein älterer, aber leicht besoffener Herr. Werke und Briefe: 1930, S. 478. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 7677 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 8, S. 215) (c) Rowohlt Verlag]

P.S.: Fast vergessen, die PBC kann auch Waschmittelwerbung…

… oder so ähnlich.

*Hängt wohl mit dieser Spitzenaktion zusammen: http://bit.ly/IAzV5 – ich nehme an, die Pressevertreter haben es sich nicht nehmen lassen, beim Plakatieren dabeizusein. Ist ja auch ein Ereignis. Unsinn sind die Plakate trotzdem, so, wie sie aussehen.