Monika Peetz: Sommerschwestern

Vier erwachsene Schwestern werden von ihrer Mutter in den idyllischen niederländischen Ort geladen, in dem die Familie einst ihre Sommerurlaube verbrachte. Nicht nur der Ort war idyllisch, auch die verbrachte Zeit schien eine reinste Idylle zu sein – die Abwesenheit des Allltags überdeckte die Schwierigkeiten des Zusammenlebens der Geschwister und so enstand dann das Wort von den Sommerschwestern. Die Idylle endete abrupt, als der Vater bei einem Unfall am Urlaubsort stirbt.

Seither ist viel Zeit vergangen, die Geschwister sind jede ihre eigenen Wege gegangen. Die Einladung der Mutter an den Kindheitsort, die einen Hinweis auf den Anlass vermissen ließ, irritiert die Schwestern naturgemäß und jede hat so ihre eigene Idee, was dahinter stecken könnte. Mehr sei nicht verraten, der Roman ist nicht wirklich plot-getrieben und es wäre unfair, hier weiter vorzugreifen.

Als ich diese Rezension vor vielen Monaten begann (sie blieb dann liegen – mir war irgendwie nicht nach Bloggen), war der Roman bereits ein veritabler Bestseller und inzwischen sind bereits mehrere weitere Titel mit den Protagonistinnen erschienen. Diese Tatsache ist für mich denn auch das wirklich spannende an dem Roman. Denn: Die Figuren entwickeln sich praktisch gar nicht, sie sind reißbrettartig typisiert – und das große Geheimnis ist weder überraschend noch treibt es die Geschichte entscheidend voran. Doch Bestseller entstehen nicht willkürlich – sie müssen irgendetwas treffen. Fast planbare Faktoren sind da beispielsweise die Prominenz der Autor:innen oder die Skandalträchtigkeit des Inhalts (letzteres ist freilich wenig nachhaltig – sowas nutzt sich extrem schnell ab und die geradezu notwendige Spirale ist kaum geeignet, eine lange Autor:innenkarriere zu begründen).

Bei Monika Preetz muss es aber etwas anderes, etwas werkimmanentes sein. Und es treibt mich aus beruflichem Ehrgeiz um, dass es mir schwer fällt, dieses “etwas” zu erkennen. Der Roman ist gefällig geschrieben, ich habe ihn auch gerne bis zum Ende gelesen. Das liest sich gut weg, ich hatte nie das Gefühl, der Geschichte nicht folgen zu können oder wegen emotionaler Erschütterung inne halten zu müssen. Ein ganz klassischer Sommerroman, das ruft geradezu nach Strandkorb, Sonne und Seele baumeln lassen. Aber warum schlägt gerade dieser Roman so ein? Warum sind die Sommerschwestern so erfolgreich, dass daraus eine Bestseller-Reihe wurde?

Ich weiß es nicht. Und so bleibt mir nur zu konstatieren, dass es Monika Preetz offenkundig gelingt, an Lebenserfahrungen anzuschließen, mit denen sich viele Leser:innen identifizieren können und die mir verschlossen bleiben.

Buchdetails:
Monika Preetz: Sommerschwestern. Roman. Kiepenheuer & Witsch Köln 2022, 304 Seiten, ISBN 978-3-462-00212-6, 16 €, als ebook 9,99 €, als Audio-CD 10 €
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Leipzig liest: Tucholsky über wirkungsvollen Pazifismus

»Fragen werden ja von der Menschheit nicht gelöst, sondern liegen gelassen.« schreibt Kurt Tucholsky in »Gruß nach vorn« 1926.

Das ist meiner Meinung nach auch der Grund, warum uns so viele Texte aus früheren Zeiten so aktuell erscheinen. Sie sind es. Freilich nicht unbedingt, weil die Autor:innen so hellsichtig und prophetisch waren, sondern weil die Menschheit in entscheidenden Fragen einfach nicht vom Fleck kommt.

Und so mag es sinnvoll erscheinen, einmal nachzusehen, ob wir vom Antimilitaristen und Pazifisten Kurt Tucholsky für die heutige Zeit Impulse erhalten können.

Unter dem Motto »Der Krieg ist aber unter allen Umständen tief unsittlich.« stellt die Lesung aus dem Sammelband »Die Zeit schreit nach Satire« den Antimilitaristen Tucholsky in den Mittelpunkt – und weil das ein riesiger Bereich seines Schaffens darstellt, steht dabei seine Suche nach wirkungsvollem Pazifismus besonders im Fokus.

Nach der Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts, als noch niemand wusste, dass wir Weltkriege dereinst zählen würden – etliche es aber ahnten – etablierte sich auch in Deutschland eine wachsende Pazifismusbewegung.

Diese gesellschaftliche Bewegung stellte sich mit der zentralen Forderung »Nie wieder Krieg!« dem tief verankerten Militarismus entgegen. Trotz teils beeindruckender Großveranstaltungen gelang es aber nie, nachhaltig in die ganze Gesellschaft hineinzuwirken.

Die Suche nach einem wirkungsvollen Pazifismus prägte Tucholskys umfangreiches antimilitaristisches Werk. Die Lesung stellt einige seiner Texte dazu vor.

Die Pazifismusbewegung der Weimarer Republik scheiterte. Ahistorische Vergleich verbieten sich – wir müssen nach dem 2. Weltkrieg anders über militärische Interventionen reden.

Aber vielleicht können Tucholskys Texte dennoch dazu anregen, über wirkungsvollen Pazifismus heute nachzudenken. Damit wir die Weltkriege nicht weiter hochzählen müssen.

Details zur Veranstaltung bei Leipzig liest.

Diva in Grau – Zum Tod von Helga Paris

Umschlagabbildung des Bandes »Diva in Grau« mit Fotografien von Helga Paris

Für Bildende Kunst in jeglicher Form bin ich kein Experte, mir fehlt da das viel gerühmte »Verständnis«. Vielleicht bin ich da nur untrainiert, vielleicht fehlen mir ein paar Wissenstatbestände, vielleicht ist es genetisch – keine Ahnung. Aber es gibt einige Bereiche, da finde ich zumindest einen Zugang. Und dies insbesondere in der Photographie.

Zwei Bildbände haben mich sehr tief berührt und schaffen es bis heute, dass ich mich in sie so tief versenken kann wie es mir sonst nur bei Textlektüren gelingt. Das ist zum einen Isolde Ohlbaums »Denn alle Lust will Ewigkeit« und zum anderen »Diva in Grau« eben von Helga Paris.

Gestern wurde bekannt, dass Helga Paris am 5. Februar verstorben ist. Ich kann Ihr Leben und Ihr Werk nicht würdigen, das möchte ich Berufeneren überlassen. Aber ich kann sagen, was mir die Bilder ihrer letztlich verbotenen Ausstellung Häuser und Gesichter in Halle bedeuten.

Die Bilder stammen aus den 80er Jahren, kurz vor dem Ende der DDR. Sie zeigen Menschen und Gebäude in einem Zustand, der nur wenige Jahre später nicht mehr existent war. Die rasante Geschwindigkeit des materiellen und immateriellen Wandels der frühen Neunziger Jahre fällt in meiner Biographie zusammen mit den Jahren der Pubertät, einer Phase der Identitätsbildung also. Und mir ging das alles viel zu schnell, ich hörte noch 1994 Stern Meißen (aber auch Nirvana) – durchaus als unbewusster Protest dagegen, dass alles, was meine Kindheit und frühe Jugend ausgemacht hatte nun nichts mehr galt und noch dazu einfach verschwand.

Natürlich ist es toll, dass die grandiose Bausubstanz Halles gerettet wurde, dass die Stadt aufblühte und dass sich auch mir völlig ungeahnte Möglichkeiten eröffneten. Aber so funktionieren Gefühle nun mal nicht. Die Orte meiner Kindheit existieren heute nicht mehr – das überrascht wohl kaum. Sie existierten aber auch schon während meiner Schulzeit nicht mehr. Das ist ein plötzlicher Verlust, der in all diesem Gefühlskonglomerat schwer wiegt. Ich trauere der DDR nicht nach. Es ist gut, dass es sie nicht mehr gibt. Doch ich hatte nie die Gelegenheit, mich selbst von ihr zu emanzipieren. Denn in der entscheidenden entwicklungspsychologischen Phase war sie einfach weg. Ich war zu jung, um die massive Veränderung freudig begrüßen zu können und zu alt, um sie einfach hinzunehmen. Zu sehr DDR-Kind, um einfach in die BRD hineinwachsen zu können und zu wenig DDR-Erwachsener, um die Freiheiten als Gewinn spüren zu können. Um das all das verstehen zu können, brauchte ich aber die Möglichkeit, mich konfrontieren zu können. Es ist kein Wunder, dass in der Literatur junge Erwachsene, die ihre Adoleszenz beenden wollen, ständig kathartische Erlebnisse bei der Rückkehr an die Orte ihrer Kindheit haben, an denen sich zwar das eine oder andere geändert haben mag – aber im Wesentlichen da sind eben doch noch.

Und dann stieß ich auf den Band »Diva in Grau«, dessen Titel nicht von Helga Paris, sondern von einem Begleittext stammt und der sich zu diesem Zeitpunkt schon lange als Bezeichnung für Halle etabliert hatte – und doch nicht mehr galt. Dass er so einschlug, ist indes kein Wunder, auch für mich ist er die perfekte Bezeichnung für die Stadt meiner Erinnerung. Die ich auf einmal wieder sah. Helga Paris` unverstellter, genauer Blick ist ein Teil der Faszination, die für mich auch heute von ihren Bildern ausgeht. Ihre Bilder dokumentieren ohne dokumentarisch zu sein. Denn sie fängt die Essenz, um nicht zu sagen: die Seele ihrer Motive ein – von Gebäuden nicht weniger als von den Menschen, die sie porträtiert. Und die Würde, die allem Menschlichen innewohnt.

Ich bin da, ich bin in diesen Straßen, ich stehe vor diesen Menschen, ich kenne die Häuserfassaden, die Straßenzüge, die Gesichter – und zwar durchaus ohne in jedem Fall die Adresse eines Hauses oder auch nur einmal den Namen eines Menschen benennen zu können. Und doch: Genau so war es. Es ist alles da und es sind alle da.

Dass es nicht nur meine eigenen Assoziationen oder die abgebildete Zeitspanne ist, die mich so stark rühren, zeigte sich mir daran, dass so viele andere Bilder aus dieser Zeit mich weitgehend kalt lassen, ja bestenfalls ein paar nostalgische Regungen hervorrufen. Bei Helga Paris‘ Photos aber öffnet sich mein Herz, spüre ich Emotionen, die irgendwo tief unten ganz unsortiert herumliegen.

»Helga Paris’ fotografische Porträts zeigen nicht nur die abgebildete Person, in deren Blicken spiegelt sich auch die Person, die das Bild gemacht hat. Man sieht in den Augen der Fotografierten Vertrautheit, nie Hochmütigkeit oder Herablassung, Helga Paris hat die Kraft, die sie hatte, nie als Macht missbraucht. Niemand wurde aufgefordert, doch mal zu lachen.« schreibt Annett Gröschner in ihrer Würdigung. Und vielleicht ist es genau das, was ihre Bilder dazu bringt, Saiten beim Betrachtenden zum Schwingen zu bringen.

„Ich hab nicht das Gefühl gehabt, daß ich im lebenden Ding bin, im Gegenteil, ich weiß noch ganz genau, wie furchtbar mir die Kneipen vorkamen, und erst auf den Fotos von Helga Paris hab ich gesehen, da ist Leben.“ zitiert Gröschner zwischendrin Elke Erb.

Ja.

In memoriam Dr. Ian King

Dr. Ian King bei der Tagung der Kurt Tucholsky-Gesellschaft 2014 in Dresden (c) Klaus Leesch
Dr. Ian King bei der Tagung der Kurt Tucholsky-Gesellschaft 2014 in Dresden (c) Klaus Leesch
Dr. Ian King bei der Tagung der Kurt Tucholsky-Gesellschaft 2014 in Dresden (c) Klaus Leesch

Vor wenigen Tagen verstarb Dr. Ian King. Er war im Laufe seines beruflichen Lebens unter anderem Dozent, Germanist, Übersetzer und Journalist – um nur einige Stationen zu nennen. Seine reichhaltige Arbeit mögen dafür Berufene würdigen, mir steht das weder zu noch wäre ich dazu auch nur annähernd in der Lage. Ich möchte an den Menschen erinnern, den ich kennen und schätzen gelernt habe.

Vor allem nämlich war Ian Tucholsky-Liebhaber. Mir fehlt ein besseres Wort, aber so richtig trifft es das nicht, denn Tucholsky widmete er sein Leben. Man konnte Ian zu jeder Tag- und Nachtzeit mit einer Tucholsky-Frage kontaktieren, es kam stets innerhalb kürzester Frist eine aussagekräftige Antwort. Liebhaber scheint mir für diese Leidenschaft ein zu geringes Wort.

Das erste Mal getroffen habe ich Ian bei der Tagung der Kurt Tucholsky-Gesellschaft 2012, von deren Existenz ich erst kurz vorher erfahren hatte, in Rheinsberg. Eine Tagung, die zeitgleich mit einem Neonazi-Aufmarsch stattfand – damals war man noch genötigt, steigende Benzin-Preise als Aufhänger zu nehmen – und an der Gegenwehr beteiligte sich natürlich auch die KTG. Draußen auf der Straße Flagge zeigen gegen Nazis, drinnen über das komplexe Verhältnis von Tucholsky zu den Frauen in seinem Leben nachdenken. Es war meine erste Tagungsteilnahme und ich dachte mir: Also, da kommste wieder hin.

Erheblichen Anteil daran hatte auch dieser nicht sehr hochgewachsene, vollkommen unprätentiöse, an Selbstironie nie sparende, unentwegt spöttelnde Schotte, der durch die Tagung führte. In den folgenden Jahren habe ich intensiv mit Ian im Vorstand der Kurt Tucholsky-Gesellschaft zusammengearbeit – und wir waren während dieser Zeit so gut wie nie einer Meinung. Wir stritten miteinander wie wohl nur Menschen streiten können, die ein gemeinsames Ziel verbindet: Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft. Für diese brannte Ian, das war in jedem Moment zu spüren. Sich selbst schonte er dabei nie – um der KTG Ausgaben zu erparen, übernachtete er auf Flughäfen, reiste mit einer Plastetüte als einzigem Gepäck und musste von der Notwendigkeit eines Jacketts bei offiziellen Veranstaltungen mühsam überzeugt werden. Dementsprechend engagiert setzte er sich für das ein, was er als richtig und notwendig erachtete. Nicht laut, nie die Contenance verlierend (und in dieser Hinsicht mir meilenweit voraus), klar in der Sache, entschieden in seiner Meinung – und immer mit dieser leisen Ironie, die ihn selbst nie ausschloss.

Es mag in dieser Zeit der zunehmenden Tribalisierung erstaunen, aber tatsächlich ist es möglich, trotz fundamental unterschiedlicher Ansichten, zusammenzuarbeiten. Unsere Namen stehen zum Beispiel gemeinsam in Tagungsbänden, Rundbriefen, einem KTG-Lesebuch, dem Deniz-Yücel-Solidaritätsband – so sehr ich mich auch geärgert haben mag, es war eine fruchtbare Zeit, die die KTG vorangebracht hat.

Leichter zueinander fanden wir an den langen Abenden, die so mancher Vorstandssitzung folgten. Ian war ein aufmerksamer Beobachter der Zeitenläufte, ob nun die Verirrungen der britischen Politik oder das wechselhafte Schicksal seines Lieblingsfußballvereins – sein Themenspektrum war durchaus breit. An einem dieser Abende mit langen Gesprächen über, naja, das Leben, das Universum und den ganzen Rest, stellten wir so unsere gemeinsame Verehrung des großartigen Douglas Adams fest. Das Zitieren unserer Lieblingsstellen (er auf Englisch, ich auf Deutsch) bleibt mir als eine meiner liebsten Erinnerungen. Ich war nicht dabei, als er während des London-Besuches meiner Frau und meiner Tochter Zeit für die beiden hatte. Aber ich bin ihm dankbar dafür – dass beide zu seiner Beerdigung anreisen werden, hat mit dem tiefen Eindruck zu tun, den er auf die beiden gemacht hat.

Wir haben uns in den letzten Jahren voneinander entfernt. Für mich endete das Projekt Kurt Tucholsky-Gesellschaft – für Ian ging es in neuer Rolle weiter. Dass die KTG, die er einst mitgegründet hatte, ihn zum Ehrenvorsitzenden ernannte, war mehr als nur folgerichtig. Wir gingen auch persönlich nicht im Guten auseinander: Bei unserem letzten Zusammentreffen verweigerte Ian mir den Handschlag. Ich bedaure zutiefst, dass es mir nicht gelungen ist, ihm meine Wertschätzung für ihn zu vermitteln.

So bleibt mir nun nur, ihm als letzten Gruß über den Kanal zuzurufen: So long, and thanks for all the fish.

Er wird mir fehlen, dieser schottische Sturkopf.

Nachtrag, 03.10.2023:
Ians Freunde haben eine Gedenkseite mit umfangreichen Würdigungen seines Lebens für ihn eingerichtet. Dort besteht zum einen die Möglichkeit, der Trauerfeier live zu folgen (oder sie innerhalb von 28 Tagen nachzusehen). Zum anderen kann dort für Cancer Research UK gespendet werden, die Ian während seiner Krebserkrankung unterstützt haben.

Die Woken wollen uns Winnetou wegnehmen

Karl May (1907), Bild von Erwin Raupp, Public domain, via Wikimedia Commons

Da sich der Gefechtsrauch etwas verzogen hat, soll heute mal ein Blick zurück auf die große deutsche Debatte des vorigen Jahres geworfen werden: Die Woken wollen uns Winnetou wegnehmen!

Die Dynamik dieses Diskurses bietet Stoff für reichlich Qualifizierungsschriften in diversen Wissenschaftsdisziplinen, soll hier aber nicht weiter erörtert werden. Vielmehr habe ich das zum Anlass genommen, mal zu schauen was der Hausheilige dieses Blogs – der ja immerhin einer der ersten Jugendgenerationen angehörte, für die Karl May Bestandteil der Sozialisation war – zum ollen Flunkersachsen zu sagen hatte.

Es gibt nicht viele Belegstellen, häufig ist er nur passim erwähnt. Aber ich habe zwei Stellen gefunden, die mir auch heute so einiges erklären.

In der Rezension zu Leo Perutz’ “Der Marques de Bolibar” beschreibt Tucholsky 1920 ein jugendliches Leseerlebnis, das mir sehr vertraut vorkommt, wenn auch in Details abweichend:

Dagegen kommt dann ja nichts mehr auf: Nach Abschreibung der komplizierten Mathematikaufgabe zu morgen lagen wir auf dem Bauch in der schattigsten Ecke des Zimmers, um uns auch ganz sicher die Augen zu verderben, fraßen von einem Teller, der gleichfalls auf der Erde stand, Mandeln, und während wir sie langsam zerkrachten, lasen wir “Die Skalpjäger”.

Dieses Buch heißt bei Jedem anders – aber jeder richtige Junge hat so etwas einmal gelesen. Das muß so sein. Manche lasen Karl May – ich habe es wegen Langweiligkeit nie fertig bekommen -, manche schmökerten Ebers, und manche – o schöne Zeit! – den “Guten Kamerad”. Es war eine dolle Sache: weiter jagte die Geschichte, weiter, weiter, weiter – und Landschaftsschilderungen wurden grundsätzlich überschlagen. Kommt der Reiter durch oder kommt er nicht durch? Alles Andre war gleich.

Diese Sensationen kehren nie wieder.

aus: “Der Marques de Bolibar” in: Die Weltbühne, Jg. 16, Heft 46, 11.11.1920

Ob ein solches Lektüreerlebnis nun wirklich konstituierend für einen “richtigen Jungen” ist, sei mal dahingestellt. Wiedergefunden habe ich mich in der Beschreibung jedenfalls sehr – auch wenn ich tatsächlich zu den juvenilen Karl-May-Lesern gehöre (ich habe aber Liselotte Welskopf-Henrich und Jack London genauso atemlos gelesen). Mir scheint hier ein Erklärungsansatz zu liegen: Dieses mitfiebernde, intensive, plotorientierte Lesen ist eine so tiefe Erfahrung und wird zudem im Laufe der Lebensjahre immer weiter verklärt. Da entsteht ein Identitätskernstück. Dementsprechend werden die Abwehrhandlungen schnell massiv und irrational (wir kennen das aus den Kolonialismus-Debatten um Pippi Langstrumpf oder den Ergebnissen der historisch-kritischen Harry-Potter-Lektüre).

Das ist das eine. Das andere ist: Im Rahmen der eigenen Lektüreverklärung wird dann auch noch der Autor verklärt. Ich habe in meinen Dreißigern nochmal versucht, May zu lesen – das war extrem ernüchternd, mir ist schleierhaft, wie ich das verschlingen konnte, es ist so entsetzlich langweilig. Daraufhin beschloss ich, meine jugendliche Begeisterung als solche in Erinnerung zu behalten.

Diesen Weg gehen aber durchaus nicht alle und auch schon vor 100 Jahren gingen ihn nicht alle:

Es gibt Leute, denen dieser Karl May – mir ist der Bursche immer als Ausbund der Fadheit vorgekommen – lieb und teuer ist. Aber sie sagens nicht. Sie malen ihm eine Glorie an: ihr meint, das sei einfach ein Unterhaltungsschriftsteller für die reifere Jugend gewesen? Gott bewahre, ein Philosoph war das, ein Mann mit den allegorischsten Hintergedanken, ein schwerer, vollbärtiger, sächsischer Denker, weiland zu Radebeul, jetzt in der Unsterblichkeit.

aus: Nette Bücher. in: Die Weltbühne, Jg. 14, Heft 35, 29.8.1918

Das klingt dann doch schon sehr ähnlich den Statements von Karl-May-Verlag und Karl-May-Gesellschaft zur überragenden Bedeutung Karl Mays. Schade bleibt aus meiner Sicht aber weiterhin, dass sich die Debatte so schnell vom ursprünglichen Thema (nämlich: Warum es falsch ist, die indigene Bevölkerung Nordamerikas so darzustellen als lebten wir noch im Kaiserreich) entfernt hat. Wir hätten da alle sehr viel Lehrreiches erfahren können.

Zum Abschluss dieses Inhaltsblocks noch einen kleinen Spengler-Diss Tucholskys, der angesichts der Kenntnis seiner Position zu May noch etwas mehr Spaß macht:

Spengler, dieser Karl May der Philosophie. Er hat keine Heldentaten verrichtet, er hat sie nur prahlend aufgeschrieben. May war übrigens bescheidener und schrieb um eine Spur besser.

aus: Schnipsel. in: Die Weltbühne, Jg. 28, Heft 32, 9.8.1932

David Mitchell: Utopia Avenue

Die Generation des Summer of Love, die in den späten Sechzigern jung waren, gilt heute nicht mehr als eine Generation, die aus dieser Welt einen besseren Ort machen möchte (Stichwort Boomer). Sie ist die Generation, gegen die die heutige Jugend aufbegehrt.

Das tut sie zu Recht, wie jede andere Jugendgeneration vor ihr – und möglicherweise sogar mit noch größerer Berechtigung. In Utopia Avenue erzählt David Mitchell die Geschichte einer Band, die sich aus dem Londoner Untergrund der späten Sechziger an die Spitze der weltweiten Charts arbeitet. Es ist die Zeit nach dem Hippie-Sommer, musikalisch wird viel experimentiert, die Labels sind auf der Suche nach der nächsten Erfolg versprechenden Musikströmung.

Die vier kongenialen Bandmitglieder werden von einem findigen Manager entdeckt, zusammengebracht und mit dem notwendigen Glück tatsächlich zum Erfolg geführt. Es ist ein kurzer Höhenflug, nicht einmal zwei Jahre sind der Band vergönnt, nur zwei Alben erscheinen. Das ist keine sehr unwahrscheinliche Geschichte in dieser kometenreichen Zeit des Popmusikgeschäfts.

David Mitchell hatte im von Bryan Adams besungenen Sommer wahrscheinlich noch keine six-string, denn er wurde im fraglichen Jahr ja erst geboren. Es handelt sich also – und das erscheint mir wichtig – um kein Erinnerungsbuch. Hier versucht nicht ein alter Mann seine Jugend wiederaufleben zu lassen, als er noch viril war und überhaupt – naja, ihr kennt diese Art Literatur…

Nein, Mitchell gelingt in diesem Roman eine mitreißende Erzählung von Träumen und Alpträumen, von Aufstieg und Absturz – vor allem aber von Musik. Seine vier Bandmitglieder, jedeʔr mit eigenen Dämonen kämpfend, sind überzeugend gestaltete Persönlichkeiten. Es lässt sich bei ihrem Aufstieg nicht vermeiden, dass sie (Pop-)Größen ihrer Zeit begegnen. Das ist dann amüsant und gelungen, wenn sie eher beiläufig geschehen – wie die Szenen mit dem jungen David Bowie, der ihnen in Kabelträgerjobs begegnet und von seinen Lebensträumen erzählt. Enervierend wird es allerdings, wenn sie auf der Höhe ihres Ruhmes immer noch jedes Mal aus dem Häuschen geraten, weil sie Zappa, Joplin oder Lennon begegnen. Vor allem aber wirken die so Porträtierten sehr gekünstelt – Mitchells Stärke, seine Protagonistʔinnen glaubwürdig zu zeichnen, verlässt ihn hier angesichts der Notwendigkeit, die Promis mit ihren überlieferten Bildern in Einklang zu bringen. Gerade diese Begegnungen verdeutlichen sehr stark, warum es eine kluge Entscheidung war, die Geschichte einer fiktiven Band zu erzählen.

Die ganz große Stärke liegt aber in der Beschreibung der Musik von Utopia Avenue. Jaspers Gitarrenriffs, Deans Bassläufe, Elfs Pianostücke und Gesangsparts, Griffs Schlagzeugspiel, der ganze Sound dieser Band – es wird so lebendig in Mitchells Worten. Wenn er Konzerte schildert, habe ich das Gefühl, dabei zu sein, in die Stimmung einzutauchen, ja, die Musik und das Publikum geradezu zu spüren.

Es sind diese athmosphärischen Bilder, die den Roman besonders machen und über die Schwächen des Plots und der erwähnten Begegnungen mit Zeitgrößen hinweghelfen. Und ja, ich habe mir am Ende gewünscht, es hätte diese Band wirklich gegeben. Diese Band großartiger Musikerʔinnen, die zusammen etwas schaffen, das die Zeit überdauert, die einem sexistischen Fernsehmoderator das Studio zerlegen, die mit ihrer Musik reifen und wachsen. Ja, ich hätte furchtbar gerne ihre Musik gehört und so ließ mich die Lektüre am Ende etwas wehmütig zurück.

Jedenfalls werde ich jetzt erstmal meine Cream-CDs raussuchen und mich in eine andere Zeit und Welt tragen lassen.

Buchdetails:
David Mitchell: Utopia Avenue. Aus dem Englischen von Volker Oldenburg. Rowohlt Hamburg 2022, 747 Seiten, ISBN 978-3-498-00227-5, 26 €, als ebook 19,99 €
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Hubertus Borck: Das Profil

Es ist ein bizarrer Anblick: Im Sandkasten eines Hamburger Spielplatzes wurde ein toter Mann eingegraben, nur sein Kopf schaut heraus – mit dem Blick in eine Richtung, in die er mit intaktem Genick nicht hätte schauen können. Nicht allzu lange und die ermittelnden Beamt:innen können einen Zusammenhang zum Tod einer jungen Frau herstellen, die in ihrer Wohnung schwerst misshandelt wurde.

Die Geschichte, die Hubertus Borck erzählt, ist nicht neu: Ein in seiner Kindheit traumatisierter Mann überfällt Frauen, an denen er sich stellvertretend rächt. Seine Opfer findet er über geschickte Instagram-Nutzung und macht es damit den ermittelnden Behörden nicht leicht – es ist zwar schnell offenkundig, dass es sich um einen einzigen Täter handelt, aber die Verbindung will sich partout nicht zeigen.

Borck wechselt in seiner Erzählung immer wieder die Perspektiven – mal steht der Täter im Mittelpunkt, mal Kommissarin Franka Erdmann, mal ihr neuer Assistent Alpay Eloğlu. Die Erzählstränge laufen dabei aufeinander zu und das macht er durchaus geschickt – seine Erfahrung als Drehbuchautor macht sich hier eindeutig bemerkbar.

Das ist einerseits eine Stärke dieses Thrillers – er liest sich schnell weg und ist spannend geschrieben, es fällt nicht schwer, das Gelesene in Bilder umzusetzen. Wollte man das verfilmen, wäre wahrscheinlich nicht viel Übersetzungsarbeit zu erledigen. Andererseits ist das auch eine Schwäche des Buches. Borck beschreibt gut – aber das Innenleben, die psychische Entwicklung der Figuren, das wirkt auf mich nicht überzeugend. Mir erscheint das zu oberflächlich und nicht immer nachvollziehbar, das war mir an vielen Stellen einfach zu sprunghaft und häufig auch einfach zu platt.

Und zu guter Letzt: So unbedingt brauche ich jetzt auch nicht den drölfzigsten Thriller, der ausgiebig Gewalt an Frauen zelebriert. Mir ist klar, dass Tatbeschreibungen zum Genre gehören und dass Frauen tatsächlich häufig Opfer von Gewalttaten sind. Aber übermäßig einfallsreich ist das halt auch nicht.

Buchdetails:
Hubertus Borck: Das Profil. Thriller [=Erdmann und Eloğlu 1]. Rowohlt Taschenbuch Verlag Hamburg 2022. 384 Seiten, Paperback, ISBN 978-3-499-00824-5, 12 €, als ebook 4,99 €
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Mónica Subietas: Waldinneres

Gottfried Messmer, Inhaber des Café Glück in Zürich, wohin er nach bewegten Wanderjahren zurückgekehrt ist, erhält einen merkwürdigen Anruf: Er solle in einer vertraulichen Angelegenheit in die Zürich-Bank kommen, der Leiter der Abteilung Rechtsnachfolge wolle ihn sprechen.

Es stellt sich heraus: Er ist der Erbe eines Schließfaches, das seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr bezahlt wurde. Der Inhalt – ein Spazierstock – wirft zahlreiche Fragen auf und sein Versuch, diese zu beantworten, bringt Ereignisse ins Rollen, deren Antriebsfedern vor Jahrzehnten gespannt wurden.

Mónica Subietas wählt mit der Schweiz zur Zeit der deutschen Nazi-Diktatur eine historische Folie, die mir zumindest nicht sehr präsent war. Und das Verhalten der Schweiz jüdischen Flüchtenden gegenüber darf getrost als verwerflich bezeichnet werden (passt aber natürlich ins allgemeine Bild, abgewiesen wurden sie ja nicht nur dort, sondern an vielen Grenzen der Welt).

Zum Einstieg gibt es einen Tatort: Ein Schweizer Künstler wurde in seinem Atelier angegriffen, Überlebenschancen unklar. Von hier ausgehend schlägt Subietas einen Bogen, weit zurück zum vermögenden Jakob Sandler, der sich nach dem “Anschluss” Österreichs zur Flucht entschließt und zu Gottfrieds Vater, der einst selbst aus Deutschland in die Schweiz flüchtete.

Mónica Subietas verknüpft mehrere Erzählstränge, den sie jeweils aus der Protagonist:innenperspektive erzählt. Das macht sie sehr geschickt, ihr gelingen dabei gute Übergänge zwischen Erinnerungen und Erleben, zwischen Zeitebenen und Protagonist:innen. Das macht den Roman sehr flüssig lesbar und erzeugt eine Spannung, die der Plot selbst nicht hergeben würde. Wie überhaupt die Handlung als solche mich nicht überzeugt, das ist doch sehr vorhersehbar und ich möchte doch fast sagen – unoriginell.

Stärker ist das Werk in der Innenperspektive der handelnden Figuren und in der Darstellung der verheerenden Folgen, die kleinste Kommunikationsfehler mit sich bringen können. Nämlich dann, wenn sie nicht aufgelöst werden. Und ich möchte der Autorin daher unterstellen, dass die unterkomplexe Handlung genau deshalb Absicht war: Ich saß als Leser immer wieder da und dachte – “Nein, nicht doch, das war doch anders – Himmerherrgott, will denn niemand die Sache aufklären?” Und zwar weil die Protagonist:innen die ganze Zeit Geheimnisse aufzuklären versuchten, dabei völlig falsche Schlüsse zogen – Leser aber sowohl die Geheimnisse längst kennen als auch sofort ahnen, welche Schlüsse sie ziehen werden und welche Handlungen daraus folgen.

Dieser Roman ist in seinem ganzen Wesen zutiefst und in klassischem Sinne tragisch. Denn Schuld sind hier wenige – das Helfernetzwerk nicht, Gottfrieds Eltern nicht, Gottfried ebenso wenig, Jakob Sandler nicht, sein Sohn noch weniger und so weiter – alle handeln völlig nachvollziehbar und geradezu zwingend. Das Ergebnis aber ist erschütternd.

Dies ganz deutlich darzustellen, darin liegt in meinen Augen die Stärke dieses flüssig geschriebenen Romans. Dass dies etwas auf Kosten der Handlung geht, die an manchen Stellen dann doch sehr offensichtlich konstruiert erscheint, ist schade – öffnet aber den Raum für eigene Assoziationen und Gedanken.

Buchdetails:
Mónica Subietas: Waldinneres [OT: El bosque en silencio]. Roman. aus dem Spanischen übersetzt von Lisa Grüneisen. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2022, gebunden, 253 Seiten, 22 €, als ebook 18,99 €
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Bonnie Garmus: Eine Frage der Chemie

Elizabeth Zott scheint auf dem Weg nach oben: Die brillante junge Chemikerin hat eine Promotionsstelle und widmet sich zukunftsträchtiger Forschung.
Als sie sich gegen die Vergewaltigung durch ihren Vorgesetzten wehrt (sie bekommt einen Bleistift zu fassen und rammt ihn in dessen Körper), wird letztlich sie beschuldigt und muss unter erniedrigenden und entwürdigenden Bedingungen die Universität verlassen. Einen Bleistift wird sie aber von nun an immer bei sich tragen.
In dem Forschungsinstitut, in dem sie anschließend unterkommt, wird ihre wegweisende Arbeit gering geschätzt, nichtsdestotrotz aber ausgenutzt – ihre Ergebnisse werden sogar ohne ihr Wissen und ohne sie auch nur zu erwähnen unter dem Namen des Leiters veröffentlicht. Dass sie eine Beziehung mit dem Star des Instituts, dem Nobelpreiskandidaten Calvin Evans beginnt, fügt der Missachtung nun auch noch Missgunst hinzu.

Wenden wird sich das Blatt erst, als sie landesweit bekannt wird als Star einer Kochsendung, die so gar nicht in die vorgesehenen Schubladen passen will.

Bonnie Garmus schreibt ein modernes Märchen. Ein Märchen um eine Frau, die zunächst an der Misogynie ihres Zeitalters zu scheitern scheint, sich aber mit unbeirrbarem Vertrauen in die Macht des wissenschaftlichen Arguments aus diesen Zwängen befreit – und damit nicht allein ihre unfassbar kluge Tochter, sondern Frauen im ganzen Land inspiriert. Es ist eine großartige Idee, sie ausgerechnet eine Kochsendung kapern zu lassen. Denn sie zeigt einerseits den Wert der Care-Arbeit von Hausfrauen auf, bleibt damit vordergründig im vorherrschenden Rollen- und Weltbild, unterläuft dieses aber gleichzeitig, indem sie die Anerkennung für die komplexe und wertvolle Arbeit aufzeigt und dabei Frauen wissenschaftliches Wissen und Verständnis vermittelt – sie also intellektuell ernst nimmt. Eine neue und befreiende Erfahrung für ihr Publikum. Sie verändert dabei nicht nur ein Leben.

Es hat Elisabeth Zott nicht gegeben. Und mir scheinen im Roman auch etliche Anachronismen verbaut zu sein. Das ist aber nicht schlimm und verringert die Lesefreude überhaupt nicht, denn letztlich ist es eben ein Märchen. Mit all der Kraft, die Märchen haben können: Inspirierend, aufrüttelnd, stärkend.

Buchdetails:
Bonnie Garmus: Eine Frage der Chemie (OT: Lessons in Chemistry). aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Piper München 2022. ISBN 978-3-492-07109-3, gebunden, 461 Seiten, 22 €, als ebook 19,99 €

Lucy Fricke: Die Diplomatin

»Im Erfahrungsbericht meines Vorgängers hatte gestanden: Genießen Sie es! Dies ist das wunderbarste Land der Welt. Ich lasse Ihnen ein paar Restaurantempfehlungen da.
Ich hatte das Papier umgedreht, die Schubladen des leeren Schreibtisches geöffnet, die Sekretärin gefragt, doch es blieb das Einzige, was er mir dagelassen hatte. Ein paar Hinweise, wo sich gut essen ließ. Vielleicht gab es mehr nicht zu sagen. Nicht ohne Grund gab es bei uns den alten Spruch: Der Vorgänger ist der größte Idiot und der Nachfolger der größte Verbrecher.«
Friederike Andermann, kurz: Fred, hat eine erstaunliche Karriere im Diplomatischen Dienst hingelegt. Kinder alleinerziehender Mütter in prekären Verhältnissen sind dort jedenfalls Mangelware. Und nun ist sie die frisch berufene Botschafterin in Montevideo.
Sie ist eine erfahrene Diplomatin, sie hat im Irak traumatisierende Dinge gesehen und erlebt, ein Botschaftsposten, dessen Hauptaufgabe darin besteht, herumzustehen und Deutschland zu sein (eine herrliche Formulierung), verspricht die dringend benötigte Ruhe. Aber es kommt anders.
Einige Jahre später ist sie Konsulin in Istanbul und dieses Mal wird sie nicht versuchen, nach den Regeln zu spielen, sondern etwas bewirken wollen.

Etwas verwundert habe ich die Verlagsbeschreibung zur Kenntnis genommen, denn ich sehe hier keine Frau, die den Glauben an die Diplomatie verliert. Vielmehr habe ich Fred als eine Frau wahrgenommen, die nach dem Möglichen sucht. Dass Fricke ihr einen persönlichen Ratgeber beiseite stellt, der seine eigene Karriere exzellent vorantreibt, indem er strikt nach den Regeln des Betriebs spielt, ist doch kein Zufall. Vielmehr verhandelt dieser Roman die Frage, wieviel persönlicher Einsatz eigentlich erforderlich ist, um das Richtige zu tun, um sich nicht selbst zu verraten. So erlebe ich Fred eher als Diplomatin, die nicht hilflos sein will, die die Chancen und Möglichkeiten ihres Berufes nutzen will.

Damit ist sie natürlich nicht das, wofür Beamtendiplomatie sonst steht, das zeichnet Lucy Fricke auch deutlich auf. »Das Amt« belohnt solches Verhalten nicht, sondern ein Verhalten, das stets dafür sorgt, für nichts verantwortlich zu sein, sich aalglatt und stromlinienförmig überall durchzuschlängeln und rückzuversichern. Nur: Solches Verhalten bewirkt halt auch nichts. Zumindest nichts gutes. Aber damit glaubt die Protagonistin doch immer noch an Diplomatie – sie glaubt nur möglicherweise nicht mehr an den Betrieb und seine kalten Regeln.

Besonders eingenommen haben mich Lucy Frickes feiner Humor, ihre nonchalant eingespielten Punchlines (»Wir haben keine Panik, wir sind Beamte.«) und ihre mit wenigen Strichen klar gezeichneten Charaktere.

Buchdetails:
Lucy Fricke: Die Diplomatin. Claassen Verlag Berlin 2022. ISBN 978-3-546-10005-2, gebunden, 253 Seiten, 22 €, als ebook 17,99 €
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