Das Buch zum Sonntag (113)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Elisabeth Rank: Bist Du noch wach?

[…] alles andere nahm er immer hin, auch Zahnärzte und rohe Zwiebeln und wenn er mit dem Zehl gegen die Tür donnerte. Konrad beschwerte sich nicht, sondern sagte jedes Mal, man müsse bestimmte Dinge halt machen, also könne man sich beschweren oder es eben lassen und es einfach machen, und jedes Mal, wenn Konrad das sagt, wurde ich wütend, weil ich glaubte, dass jeder ein Recht habe auf einen schlechten Tag und vor allen Dingen auch auf eine ordentliche Beschwerde, ma könne doch nicht einfach klaglos den Mund öffnen und sich Geräte in den Mund schieben lassen, man dürfe wenigstens einmal sagen, dass das kein schönes Gefühl sei und man lieber auf einer Dachterrasse säße mit einem Eistee und in netter Begleitung anstatt auf einer Liege und mit Gummihandschuhen im Mund und Menschen, denen das Mitleid ausgegangen war, weil sie das jeden Tag machten, weil sie damit Geld verdienten, man konnte kein Mitleid haben mit Menschen, die einem die Miete bezahlten und das Cordon bleu.

(S. 164)**

Es ist mit dem Erwachsenwerden ganz offenbar so eine Sache. Die zeitgenössische Literatur beschäftigt sich auffallend intensiv mit damit. Daher soll es in dieser und den nächsten Folgen dieser zu einer äußerst losen Empfehlungsreihe mutierten Serie um Bücher gehen, die sich ganz unterschiedlichen Aspekten des Erwachsenwerdens widmen.
Elisabeth Ranks ProtagonistInnen sind dabei keine Teenager auf der Suche nach den Grenzen, die ihnen die Gesellschaft setzt, sondern es handelt sich um junge Menschen um die 30, bei denen Rebellion als Abgrenzung kein Thema mehr ist. Auf der Suche nach einem Lebensentwurf sind sie aber trotzdem – und das ist ein wichtiger Aspekt des Erwachsenseins, wie ich finde.
Eine Gesellschaft, die ihre Mitglieder frei wählen lassen möchte, welche Lebensziele sie zu verfolgen wünschen, erhebt damit allerdings auch gleichzeitig erhebliche Ansprüche – denn dann musse in jede/r auch selbst entscheiden. Wir haben derartig viele Lebensentwürfe im Angebot, dass es tatsächlich eine erhebliche Leistung ist, überhaupt erst einmal herauszufinden, welcher zu uns passt – von den Schwierigkeiten, ihn dann auch noch umzusetzen gar nicht zu reden. Mit dieser Anforderung gehen Menschen naturgemäß sehr unterschiedlich um*. Das reicht von schierer Resignation bis zur kurzentschlossenen, pragmatischen Entscheidung.
Bei Frau Rank begegnen wir also einer Protagonistin, die auf der Suche ist. Sie stellt sich permanent in Frage, lässt sich von ihrer Familie ebenso beeindrucken wie von ihren Mitbewohnern oder KollegInnen. Alle treffen sie einen Nerv ihrer Seele, eine Saite, die zu klingen beginnt und es fällt ihr schwer, eine Melodie zu finden, die sie spielen könnte. Stattdessen wird dort eher unkoordiniert herumgezupft. Mich hat Rea einige Male ganz erheblich geärgert, ich wollte ihr zurufen, »Mensch, Mädel, nun komm mal klar, entscheide Dich endlich einmal für irgendetwas.« Wäre das meine Tochter, sie hätte sich etwas anhören dürfen (à la »Verlaufen ist möglich, aber auch nur, wenn man auch ein Ziel hat. Wer hin und her läuft, verirrt sich nicht, kommt aber auch nicht vorwärts.«).
Was aber Elisbath Rank hervorragend gelingt, worin ihre ganz große Stärke besteht, das ist ihre sehr feinfühlige Figurengestaltung – ich kaufe ihr die Rea ab. Ich halte sie für eine sehr glaubwürdige Figur, ja sogar für eine höchst realistische. Was denn ja auch einiges über meine Wahrnehmung der Welt da draußen aussagen mag.
Diese Suche nach dem, was richtig ist, ihre leichte Verletzbarkeit, die schon durch Kleinigkeiten aus dem Gleichgewicht zu bringende innere Balance, eine permanente Angst vor Zurückweisung – das ist schon sehr überzeugend dargestellt. Und so sehr mich die eine oder andere Eigenschaft dieser doch eigentlich längst im Leben stehenden jungen Frau furchtbar gerärgert hat – sie ist mir nicht egal. Ich habe doch trotzdem mit Rea mitgefühlt und gelitten, denn ihre Fragen, ihr Suchen sind deswegen ja nicht weniger existentiell.
Und wenn es so ist, was ich tatsächlich glaube, dass ein großer Teil der Menschen dieses Alters sich solchen Fragen stellt – dann wird die Lektüre von Elisbath Rank geradezu zur Bürgerpflicht, denn dann müssen wir etwas tun. Egal, wie sehr wir unsere Lebensspanne verlängern: Dreißigjährige, die ziellos durchs Leben wanken – das ist nicht gut.
Wer ddieser Bürgerpflicht nachkommen möchte, sei auf die

lieferbaren Ausgaben

verwiesen.

Mir jedenfalls hat dieser Roman Einblick in eine Gefühls- und Lebenswelt geboten, die mir einigermaßen fremd war – und es ist allein Frau Ranks Talent zu verdanken, dass ich nicht nach 10 Seiten genervt das Buch zur Seit legte, um einen kräftigen Schluck Sartre als Gegengift zu mir nehmen. 😉

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* »So wie alle Lebewesen, jedes nach seinen Fähigkeiten.« Man kann bei Star Trek ja so viel lernen. 😉
** zitiert aus: Rank, Elisabeth: Bist Du noch wach? Berlin Verlag. München 2013.

Das Buch zum Sonntag (112)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

John Jeremiah Sullivan: Pulphead

Schubladen sind eine feine Sache. Die Welt wäre viel chaotischer oder zumindest würde sie einen viel chaotischeren Eindruck machen, gäbe es keine Schubladen. Schubladen sind eine sehr große Hilfe beim Sortieren und so nimmt es nicht Wunder, nein: scheint es geradezu zwangsläufig, dass dieses in der physischen Welt so überaus erfolgreiche Konzept auch im Nichtphysischen Anwendung findet. Es fällt uns unglaublich schwer, mit Entwicklungen, Gedanken, Menschen umzugehen, von denen wir nicht wissen wo wir »sie hinstecken« sollen. Aus welcher Richtung kommen die? Was wollen die? Und vor allem: von mir?
Das ist natürlich in einer derart hybriden Welt wie der Kunst, die sich um solcherlei Überlegungen oft überhaupt nicht schert (Oscar Wilde: »Bücher sind gut oder schlecht geschrieben. Weiter nichts.«), schwierig – was nicht heißt, dass es nicht versucht wird, die zuständigen Lehrstühle überbieten sich gerne egegenseitig in Kategorisierungen auf unterschiedlichsten Ebenen in unterschiedlichsten Aspekten. Und das gilt natürlich auch für Texte. Texte, die sich weigern, die vorgesehenen Schubladen zu respektieren und es unter Umständen sogar noch wagen, die Grenzen zwischen Fiktion und Nichtfiktion aufzuweichen, kommen in die hübsche, bunte Schublade Essay.
Was natürlich schade ist, denn die Kunst des Essay ist eine hohe, lobenswerte und es gibt Flecken auf der geographischen Karte der Lesenden in denen sie höher im Kurs steht als hierzulande*. Um der geneigten Leserschaft eine ungefähre Vorstellung davon geben zu können, was John Jeremiah Sullivan in seinen Texten treibt, werde ich sie auch genau dort einsortieren: Er schreibt Essays.
Sullivan ist Journalist und der Ursprung seiner Texte ist denn auch meist ein journalistischer Impuls. Sei es, dass er auf ein Thema gestoßen wird (»Du, John, schreib doch mal über…«) oder dass es ihn selbst drängt, zu einem Thema zu schreiben. Wie das Journalisten eben so machen. Und so entsteht ein ungemein bunter Strauß Themen, seien es die Nahtoderfahrungen seines Bruders, das Comeback von Axl Rose, »Katrina«, ein Christenrockfestival oder ein exzentrischer, aber brillanter Naturforscher des 19. Jahrhunderts.
Was er aber aus diesen Anreizen macht, ist mit dem üblichen Schubladeninstrumentarium nicht genau zu fassen. Sullivan zieht Parallelen, assoziert, beschreibt, erzählt Anektoden oder analysiert messerscharf.
Sullivan nahm mich bereits mit seinem ersten Text gefangen in dem er von seinen Erlebnissen auf einem Christenrock-Festival berichtet. Einer Veranstaltung unvorstellbarer Größe übrigens. Er berichtet von seinen missmutigen Vorbereitungen, die Anlass für einen Exkurs zur Internet-Paranoia von Eltern (und ihren Kindern) ist, stellt die Typen vor, die auf dem Festival begegnen, versucht, ihre Motivation zu erfassen und dem Lesenden nahezubringen, erzählt nebenbei von seinen eigenen religiösen Erfahrungen, baut en passant eine Analyse der Musik ein, die dort gespielt wird, erklärt die Spielregeln des Business, legt zwischendurch noch einen Abstecher bei einer der Bands ein, weil er die aus früheren Zeiten, als die noch andere und er mehr Musik machten, kennt und kommt schließlich auf die Jungs zurück, die er auf dem Zeltplatz kennenlernte und schaffte es dabei, dass ich für sie doch etwas mehr als nur Kopfschütteln übrig habe.

Sullivans Ankunft verlief nicht ganz glatt, ich fasse es mal kurz so zusammen: Er brauchte Hilfe. Und fragte seine Helfer anschließend natürlich, wer sie so seien:

„Nur ein paar Jungs aus West Virgina, die für Christus brennen“, sagte er. „Ich bin Ritter, das hier sind darius, Jake, Bub und Jakes Bruder Josh. Pee Wee springt hier auch irgendwo rum.“
„Hinter irgendeinem Rock her“, sagte Darius abfällig.
„Ihr hängt hier also ein bisschen rum rettet nebenher Leben?“
„Wir kommen aus West Virginia“, sagte Darius ein zweites Mal, als hielte er mich vielleicht für schwer von Begriff. […] „Die Stelle hatten wir letztes Jahr auch“, erzählte Darius. „Ich habe dafür gebetet. Ich habe gesagt: Herrgott, ich hätte diesen Platz wirklich gerne wieder, sofern es Dein Wille ist.“
Ich war davon ausgegangen, dass meine Festivaltage einigermaßen einsam ausfallen und im Ritualmord an mir gipfeln würden. Aber diese Jungs aus West Virginia hatten so viel Wärme. Sie strömte gerade zu aus ihnen heraus. Sie fragten mich, was ich so trieb, ob ich Sassafras-Tee mochte und wie viele Leute ich in meinem Wohnmobil mitgebracht hatte. Außerdem kannten sie einen Typen, der auf grauenvolle Weise ums Leben gekommen war und aus einem Bundesstaat kam, der denselben Namen trägt wie der Fluss, an dessen Ufern ich aufgewachsen bin. Und ich bin niemand, der solche Zufälle in Zweifel zieht.

(S. 24f.)**

Sullivan wirkt in seinen Texten sehr offen, sehr aufmerksam, sehr seinem Gegenüber zugewandt, eben ernsthaft interessiert, was den Versuch des Verstehenwollens überhaupt erst glaubhaft macht. Natürlich taucht er auf, natürlich erfährt der Lesende etwas von seinen Anschauungen, seinen Vorstellungen, aber im Mittelpunkt stehen die anderen. Er nimmt sich auf wunderbare Weise zurück, was die anderen um so mehr leuchten lässt. Die Themen sind meist Anstöße zu einem frei flottierenden Text (Ganz großartig übrigens »Das haus der Peyton Sawyer«, der zum scharfsinnigsten gehört, dass ich je zum Thema „Reality-TV“ gelesen habe oder »Das Treiben der Lämmer«, in dem er die Grenzen zwischen allen Genres aufhebt). Ich kenne die USA aus eigener Anschauung nicht. Ich mag mich also irren. Aber Sullivan scheint mir hier ein überzeugendes Porträt abzuliefern und falls nicht, ist es immer noch unglaublich anregend zu lesen. Denn man merkt durchaus: Hier gibt sich einer nicht zufrieden mit dem, was ihm Mutter Kultur vorsetzt, nein, er legt sich durchaus mit ihr an. Er schaut genauer hin, ist im besten Sinne auf der Suche.
Wären journalistische Texte nur so, wir führten keine Debatten um »Qualitätsjournalismus«.

Oder, um es ganz kurz zu machen, wie es der Tagesspiegel in seiner Rezension vormachte: »John! Jeremiah! Sullivan!«

Und damit die geneigte Leserschaft meine berückenden Leseerfahrungen nachempfinden kann, muss hier natürlich noch der Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben

folgen.


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*Damit der Text nicht zu sehr abschweift: Zeitgenössischer Anspieltipp in deutscher Sprache ist aus meiner Sicht der ungemein luzide Franz Schuh.
rn2″>**aus: Auf diesen Rock will ich meine Kirche bauen. in: Sullivan, John Jeremiah: Pulphead. Suhrkamp Berlin 2012.

Das Buch zum Sonntag (111)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben

Sibylle Berg empfahl ich der geneigten Leserschaft bereits vor Jahren (nämlich als Nummer 12 und als Nummer 23). Dass ich sie nun ein drittes Mal ans Herz lege, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass ich sie gern lese. Wobei diese Aussage es nicht so ganz trifft, insbesondere beim heute zu empfehlenden Buch. Im Kundengespräch würde das in die falsche Richtung führen. Sibylle Berg ist keine Wohlfühlautorin. »Vielen Dank für das Leben« ist vielleicht das Buch von ihr, dass mich am stärksten aufgewühlt hat. Es scheint mir immer noch geprägt von der Wut auf die Welt zu sein, wie sie besonders bei ihren Theaterstücken offenbar wird, aber sie steht nicht mehr allein. Es ist kein Aufschrei, keine proklamierte Anklage, der Roman ist keine Empörungsprosa, sondern viel subtiler – und damit weit brutaler, weit kompromissloser, weit erschütternder. Hier werden keine Familiengeschichten verständnisinnig mit der deutschen Geschichte verwoben (weswegen sie den Deutschen Buchpreis auch 2012 nicht verliehen bekam), hier gibt es kein Suchen nach Verständnis für Anhänger totalitärer Ideologien, die es ja auch nicht immer leicht haben und ja trozdem auch irgendwie VaterMutterBruderSchwester sind und ja auch irgendwie Gefühle haben. Die alltäglichen Grausamkeiten, denen wir uns täglich aussetzen und die wir täglich begehen, die Furchtbarkeiten, die wir uns täglich gegenseitig antun, weil wir irgendwie durch dieses Leben durchkommen wollen, weil wir eben nur dieses eine Leben haben und möglichst viel davon haben wollen, all die Dinge, die wir bewusst oder aber, noch viel öfter, unbewusst, bzw., was die Sache wahrscheinlich mehr trifft, im Selbstbetrug tun – das sind die Themen, die in diesem Roman im Vordergrund stehen. „Gern“ lese ich das in dem Sinne, dass auch ich natürlich Teil dieser Welt und ihrer Spielregeln bin und ein Korrektiv, ein Wachrütteln, ein Schlag ins Gesicht, ein Finger-in-die-Wunde-legen hilfreich sein kann, die eigenen Prioritäten im Leben, die eigenen Maßstäbe, die eigenen Handlungsmaximen in Frage zu stellen. Wobei Frau Berg nicht nur den Finger in die Wunde legt – da ist mindestens noch Salz im Spiel. Und ein Messer. Und eine rührende Bewegung. Kurz: Angenehme Kaminlektüre ist was anderes.
Nun sind Dystopien nichts Neues und auch wenn vielleicht literaturtheoretisch Vielen Dank für das Leben darauf hinauslaufen mag – in meinen Augen ist es keine. Für eine Dystopie ist das viel zu langweilig – das Verrückte, das Spannende an diesem Roman ist nämlich gerade, dass es keine Dystopie ist, sondern die Figuren und ihr Umfeld keinerlei Überzeichnung bedürfen, keinerlei Fortführung auf irgendeinen absurden Zustand, auf dass man die innewohnenden Grausamkeiten erkennen möge. Es sind alles durchaus Menschen, die man genau so zu kennen scheint. Die genau so hinter der Nachbarstür, der Wohnungstür, der eigenen Stirn zu wohnen scheinen. Keiner mit überragenden Ambitionen, keiner mit überragender Schlechtigkeit, alle nur mit ihrem eigenen, kleinen Leben beschäftigt, lediglich bestrebt, ihren kleinen Anteil am Glück zu ergattern.
Was das aber heißt, wird erst vor der Folie der Protagonistin klar. Toto, geboren in der DDR, aufgewachsen in einem Heim, von unklarer geschlechtlicher Zuordnung und auch sonst in keine der herkömmlichen Schubladen zu stecken. Toto ist ein Mensch, die nichts zu erreichen sucht, nichts gelten will, die der Welt mit Sanftmut begegnet, wo ihr nur Hass entgegenschlägt. Vor der der Folie dieses unwahrscheinlichen, aber keineswegs unmöglichen Menschen, vor dieser Idee davon, wie Menschen sein könnten, offenbart sich kompromisslos, wer und wie wir sind. Ich mag Toto sehr, ich habe, ganz im Gegensatz zu ihr, fast 400 Seiten lang immer wieder gehofft – auf irgendetwas, ich weiß auch nicht auf was. Allein, es gibt keine Hoffnung.
Lest dieses Buch, schaut in den Spiegel, aber macht euch darauf gefasst, dass euch nicht gefallen könnte, was ihr seht.

Die Großartigkeit von Roman ist in

diesen Ausgaben

lieferbar.


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Das Buch zum Sonntag (110)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Umberto Eco: Der Name der Rose

Wenn Wissenschaftler Romane schreiben, muss das keine gute Idee sein. Erst recht nicht, wenn sie sich mit einer Disziplin beschäftigt, die sehr tief in Bedeutungen, in Sprachstrukturen eindringt, kann schnell die Gefahr entstehen, dass der Wissenschaftler über den Romancier triumphiert und am Ende nur ein elaboriertes Konstrukt ohne literarischen Wert entsteht.*
Gelingt es aber, kann daraus ein vielschichtiges, unterhaltsames Werk dabei entstehen, das keine Angst vor der Verfilmung haben muss**. So wie Ecos Großwerk, das seinen schriftstellerischen Ruhm begründete und das dementsprechend auch weit bekannter ist als etwa seine Auseinandersetzungen mit Roland Barthes.
Dass Eco ein guter Botschafter in eigener Sache ist, beweist schon seine Angabe über den Impuls, dieses Werk zu schreiben. Er habe einen Mönch umbringen wollen. Und in Beantweortung der semiotischen Grundfrage nach dem Verhältnis von Zeichen zur realen Welt, hat er dann auch genau das gemacht.
Es geht in Ecos Roman um merkwürdige Todesfälle in einem mittelalterlichen Kloster. Das ist zumindest der Köder, mit dem er Leser einfängt. Denn in Wirklichkeit ist das nur eine Ebene des Romans, die auch sehr gut funktioniert, man kann den Roman lesen und sich tatsächlich nur für die Frage nach dem Mörder interessiert. Für einen Who-Dunnit wäre dann sicher der Umfang etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man das aber als Schrullen eines talentierten Kriminalromanautors abtut, kommt man damit sehr gut durch. Wenn es aber nur das wäre, hätte es dieser Roman nicht zur eierlegenden Wollmilchsau der Buchbranche geschafft. Es gibt nahezu niemandem, dem dieses Buch nicht zu empfehlen wäre – der Traum eines jeden Buchhändlers am 23.12. – weil es nämlich gleichzeitig noch viel mehr ist.
Eco schafft hier eine Symbiose, die ihm sonst nie wieder gelingt und die ich so auch nur selten gefunden habe. Mein Grundstock an Kenntnissen der mittelalerlichen Philosophie und Theologie (die zugegebenermaßen schwerlich zu trennen sind) entstammt diesem Werk und den Dialogen seiner Figuren. Ganz auf die Kraft und Lebendigkeit seiner Charaktere vertrauend, lässt Eco hier seitenweise Dispute führen über Gott und die Welt und wie wohl in dieser am besten zu leben sei. Und das erstaunliche ist – das funktioniert. Als ich den Roman das erste Mal las, gerade frisch an Thomas Manns »Doktor Faustus« gescheitert***, konnte ich keinerlei Wissens- oder Erkenntnisvorsprung für mich reklamieren, hatte aber eine große Freude daran.
Dieser Roman wird getragen von einem Esprit, für den ich vielleicht aber auch besonders empfänglich bin. Hier finden Wortgefechte nicht mit offenem Visier statt, hier wird von hinten in die Brust gestochen. Mal eine klitzekleine Kostprobe:

„[…]Alles hier muß in herrlichstem Glanze erstrahlen…“ fügte er an und sah William fest in die Augen, und gleich darauf begriff ich, warum er so stolz darauf beharrte, sein Tun zu rechtfertigen, „denn wir halten dafür, daß es nützlich und gut ist, die Wohltaten Gottes nicht zu verbergen, sondern im Gegenteil offen zu zeigen.“
„Gewiß“, sagte William höflich, „wenn Eure Erhabenheit es für richtig hält, daß der Herr auf diese Weise gepriesen sei, so hat Eure Abtei die höchste Stufe in dieser Form der Lobpreisung erreicht.“

(S. 182)****

Diese Stelle ist noch aus einem anderen Grund interessant, weil sie einen kleinen Einblick in die Vielschichtigkeit des Werkes gibt. Diese kleine Szene kann gelesen werden als das höfliche Gespräch zweier Mönche, die Konversation betreiben. Man kann aber auch die Ironie in Williams Antwort entdecken, die in scharfem Kontrast zum Tonfall steht. Gleichzeitig wirft der Dialog ein Schlaglicht auf eine der wichtigsten Fragen mittelalterlichen Denkens (und damit auch eines der Kernthemen des Buches), nämlich, ob es gottesfürchtig ist, (viel) zu besitzen und dieses auch noch zur Schau zu stellen (es gibt da durchaus diskutable Stellen im Neuen Testament, die des Abtes Sicht auf den ersten Blick nicht zu stützen scheinen). Hierüber kreuzen die beiden sehr wohl gerade die Klingen. Ein weiterer Aspekt, den dieser Dialog zeigt, ist der von Ecos extrem gründlicher Arbeit in diesem Roman. All jene, die das Vergnügen hatten, Latein lernen zu dürfen, werden unschwer in der Satzkonstruktion des Abtes erkannt haben, dass sie geradezu unmittelbar aus dem Lateinischen übersetzt scheint.
Dies soll zur Illustration genügen. 😉

Lieferbar ist das Buch in mannigfacher Form. Und zwar als Taschenbuch, Hardcover, Hörbuch und ebook.


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*Ähnliches gilt natürlich auch für Libretti. 😉
**Die (Über-)mächtigkeit des Bildmediums ist ein beliebtes Debattenthema. Ich gebe gerne zu, dass die Verfilmungen die Chance haben, ein Publikum eher und direkter zu ergreifen. Meine Berufserfahrung lehrt mich allerdings, dass eine Verfilmung keineswegs zwangsläufig von der Lektüre des Buches abhält. Ganz im Gegenteil. Verfilmte Bücher haben auch langfristig erheblich bessere Chancen, im Bewusstsein zu bleiben. Eben weil ein vergleichsweise kurzes Vergnügen wie ein Film durchaus die Möglichkeit haben, öfter wahrgenommen zu werden und auf diese Weise als Erinnerungsfaktor wirkt. Das ist im Prinzip nichts anderes als Werbung. Und wenn der Film gut gemacht ist, macht er langfristig auch oft Lust aufs Buch. Natürlich ist aber eine Literatur-Rezeption, die nach der Rezeption der Verfilmung erfolgt eine ganz andere. Gilt aber auch vice versa.
***Das war im jugendlichen Übermut, 14, vielleicht 15 Jahre alt, gerade mit Begisterung die Buddenbrooks gelesen und noch in der Vorstellung gefangen, wenn man ein Werk eines Autoren gelesen habe, seien die anderen ebenso leicht zu lesen…
****zitiert aus: Eco, Umberto: Der Name der Rose. Erweiterte Ausgabe mit Ecos Nachschrift und dem Kommentar von Burkhard Kroeber. Zweitausendeins. Frankfurt/Main. 2000

Das Buch zum Sonntag (109)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jean-Paul Sartre: Wege der Freiheit

Sartre war für mich, wie die geneigte Leserschaft möglicherweise bereits bemerkt hat, eine der prägendsten Lektüreerfahrungen. Das hängt sicher nicht nur mit dem bei der jugendlichen Lektüre von Existentialisten nicht seltenen Epiphanie-Erlebnis* (was sich in diesem Falle vielleicht am besten mit »Aber natürlich, das macht alles keinen Sinn!« umschreiben ließe) zusammen.
Den Zyklus „Wege der Freiheit“ halte ich aber auch heute für nichts weniger als ein literarisches Meisterwerk – zumindest was die abgeschlossene Trilogie betrifft – der vierte Band ist zu sehr Fragment.
Sartre gelingt es hier, in jedem Band eine andere Erzähltechnik einzusetzen – und zwar jedes Mal hervorragend passend zur erzählten Geschichte.
Im Mittelpunkt der Reihe, insbesondere in den ersten beiden Bänden, steht der Philosophie-Lehrer Mathieu nebst einigen Personen seines Umfeldes. Wir begegnen ihnen zunächst 1938, ungefähr 2 Tage lang im Juni, dann im Herbst, kurz vor dem Münchener Abkommen und schließlich nach der französischen Niederlage.
Während also Band 1 sehr kleinteilig, wenn auch weit von Ulysses mit seinem intertextuellen Ozean entfernt, so doch erzählerisch sicher nicht unbeeinflusst, und sehr detailliert die 48 Stunden erzählt und es an tiefgründigen Gesprächen und weitreichender Charakterzeichnung nicht mangeln lässt, dabei allerdings, sicher nicht zuletzt aufgrund der historischen Situation, durchaus dynamisch bleibt, wechselt er in Band 2 in eine völlig andere Erzählweise. Hier, wo er eine unsichere, unklare Situation, eine verunsicherte Gesellschaft zeigen will, erschafft er ein höchst komplexes Gebilde aus zum Teil sehr fragmentarischen Erzählstücken. Dies erfordert natürlich ein durchaus aufmerksames Lesen, gibt aber ein sehr überzeugendes, mitreißendes Bild. Band 3 wird dann geradezu tagebuchhaft, insbesondere da, wo er die Lagersituation schildert.
Es mag meiner jugendlichen Begeisterungsfähigkeit geschuldet sein, aber ich stehe auch heute noch dazu: Für mich handelt es sich bei »Wege der Freiheit« um einen der gelungensten Versuche, eine philosophische Weltsicht in Romanform zu gießen. Im Gegensatz zu vielen sonstigen Versuchen, verlagert er nicht einfach ein sokratisches Gespräch in die Romanhandlung, so dass die Figuren ein philosophisches Seminar nachstellen, sondern der Existentialismus und sein zentrales Thema, die Freiheit menschlichen Handelns und sein Verhalten zur Welt, sind integraler Bestandteil von Handlung und Struktur.
Sartre schafft es, sowohl eine Zeitstimmung einzufangen, quasi ein gesellschaftliches Standbild zu zeichnen** und gleichzeitig überaus lesbar ein Kunstwerk zu schaffen, das über die erzählte Geschichte hinaus geht. Die Dramatik der Situation kommt ihm dabei sicher zugute, was aber ja nicht schlimm ist, ganz im Gegenteil.

Wer diese faszinierende und prägende Lektüreerfahrung nachvollziehen möchte, kann das mit Hilfe der

lieferbaren Ausgaben

tun.


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*siehe hierzu z.B. Brussig: Am kürzeren Ende der Sonnenallee
**Mit noch mehr quantitaivem Aufwand und weit weniger philosophischer Dichte gelingt das übrigens Ilja Ehrenburg in seinm „Der Fall von Paris„, der die Zeit unmittelbar vor und nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris beschreibt und wie so oft bei Ehrenburg mehr Zeitdokument als großer literarischer Wurf ist.

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (108)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Tschingis Aitmatow: Die Richtstatt

Mit dem heutigen Roman gehe ich wieder sehr weit zurück in meiner Lesebiographie. Es dürften fast zwanzig Jahre sein, was im Übrigen bedeutet, dass ich viel zu jung war, um den Roman in seiner ganzen Vielschichtigkeit zu erfassen.
Dass ich ihn aber trotzdem las und mich noch heute erinnere, scheint mir aber ein gutes Zeichen zu sein. Zumindest bedeutet es, dass dieses großartige Buch auch lesbar ist ohne intime Kenntnisse kirgisischer Verhältnisse in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die hatte ich im Alter von 13 oder 14 Jahren nämlich nicht im Geringsten.*
Aitmatow verwebt hier mehrere Geschichten. Zum einen die Rahmenhandlung der Wölfin Akbara, zum anderen von Awdi Kallistrow und Boston Üküntschijew, die beide aus unterschiedlichen Gründen mit ihrer sozialen Umwelt in Konflikt geraten. Für mich erweist sich Aitmatow hier als ein Meister der Perspektivwechsel. Es ist erstaunlich**, wie es ihm gelingt, die entscheidenden Szenen des Romans als Verknüpfungspunkte nutzend, ganz unterschiedliche Sichtweisen auf ein und dieselben Geschehnisse zu entwickeln. Dabei bewegen ihn durchaus die ganz großen Fragen. Vor den Augen der Wölfin spielt sich eine dramatische Veränderung der Umwelt ab. So tauchen einmal bei der Jagd auf Antilopen Hubschrauber auf, aus denen Menschen auf zusammengetriebene Herden schießen, damit das Planziel in Sachen Fleischproduktion erreicht werden kann, wobei dann nicht nur Antilopen sterben. Und Akbaras Flucht aus der Steppe an einen Bergsee bringt nicht einmal für den Rest ihres Lebens Ruhe.
Was in meiner kurzen Beschreibung wie ein platte Parabel klingt, ist in Wirklichkeit eine differenzierte, feinsinnige, dichte, dramatische Erzählung, die sich zudem in ihrer ganzen Verflechtung erst im Laufe des Lesens erschließt. Immer wieder wechselt die Erzählperspektive, immer wieder erscheinen eben noch schlüssige Situationen plötzlich völlig sinnlos, geradezu grotesk unsinnig.

Woher sollten die Steppenwölfe wissen, daß im Gebiet ständig Anrufe von oben kamen, Forderungen des Augenblicks? Und wenn ihr’s aus der Erde stampft, der Plan für das Fleischaufkommen muß erfüllt werden. Schluß mit den Ausreden, der Fünfjahresplan geht zu Ende, was sagen wir dem Volk, wie es mit dem Plan steht, mit dem Fleisch, mit den Verpflichtungen?
„Der Plan wird auf jeden Fall erfüllt“, antwortete die Gebietsverwaltung, „in der nächsten Dekade. Es gibt noch örtliche Reserven, wir machen Druck, wir fordern …“

Die Steppenwölfe aber, angeführt von der Wölfin Akbara, schlichen zu dieser Stunde ahnungslos ihrem ersehnten Ziel entgegen; lautlos in den weichen Schnee tretend, näherten sie sich der letzten Position vor dem Angriff, hohem Rohrgras, drängten sich hinein, sahen selber fast wie bräunliche Grasbüschel aus. Von hier aus konnten sie alles überblicken. Eine riesige Herde von Steppenantilopen mit weißen Flanken und kastanienbraunem Rücken weidete, noch ohne eine Gefahr zu spüren, in dem weiten Tamariskental, fraß gierig das Gras mit dem frischen Schnee. Akbara wartete noch ab, sie mußte abwarten, damit sie sich vor dem Angriff alle konzentrierten, alle gleichzeitig aus der Deckung sprangen, sich sofort in die Verfolgungsjagd stürzten, dann würde die Jagd selbst die Manöver diktieren.

(S. 28)**

Es erscheint mir nicht immer sinnvoll, kulturelle Hintergründe eines Autors in den Vordergrund zu rücken – im Falle Aitmatows möchte ich sie aber zumindest einbeziehen. Eine ernsthafte Urbanisierung, ja eigentlich sogar nennenswerte Seßhaftigkeit, entstand in Zentralasien, insbesondere in Kasachstan und Kirgisien, erst mit dem Beginn der Sowjetunion. Zu diesem Zeitpunkt wurde Aitmatow geboren – er entstammt also einer zutiefst nomadisch geprägten Kultur, was natürlich Spuren in der Erzählweise, in den Motiven und, das scheint mir hier besonders wichtig, der Weltsicht, hinterlässt. Wie auch bei Tschinag zeigt sich hier eine tiefverbundener, ganzheitlicher Blick auf die Welt, stets auf der Suche nach dem Gleichgewicht zwischen allem Sein.
Das macht einen großen Teil des Reizes aus, denn dieser Blick ermöglicht ein geradezu seismographisches Gespür für Veränderungen und Entwicklungen, die dem Einzelnen und im Einzelnen völlig normal, gut, richtig oder sinnvoll wirken, im Großen, in der Weite des Blicks jedoch katastrophale Auswirkungen zeitigen. Es ist diese Weite des Blicks, die mich bei Aitmatow fasziniert, denn er bildet sich auch in seinem wunderbaren Sprachgefühl, in seiner großen Erzählkonstuktion ab. Und hey, man wird nicht Botschafter, wenn man nicht mit Sprache umzugehen versteht. 😉

Die hier verwendete Übersetzung ist derzeit nicht lieferbar, sehr wohl jedoch die zeitgleich jenseits des Eisernen Vorhangs erschienene, und zwar in dieser

lieferbaren Ausgabe.


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*Und auch heute sind meine Kenntnisse höchst peripher. Interessant dabei übrigens der Anknüpfungspunkt: Ich las kurz zuvor mit großer Begeisterung W. Jans Mongolen-Trilogie und suchte nach Anschlusslektüre. Nunja, und in der Richtstatt taucht bereits auf der ersten Seite Issyk-Kul auf…
**Welch schwache Übersetzung für astonishing – fällt jemandem was passendes ein?
***zitiert aus: Aitmatow, Tschingis: Die Richtstatt. (=Reclams Universal-Bibliothek Band 1239) Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1988.

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (107)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Alexandra Tobor: Sitzen vier Polen im Auto

Kindheitsgeschichten (nicht: Kindergeschichten) zu schreiben gehört zu den literarischen Versuchen, die selten gelingen und falls doch, dann meist kaum Anerkennung bringen. Zu banal, zu einfältig, zu eindimensional scheinen die Gedankenwelten von Kindern, als dass deren Darstellung zu hohem feuillotinistischen Ansehen berechtigte. Ich halte aber genau diese Disziplin zu einer der höchsten Ansprüche überhaupt, denn um eine Kindheitsgeschichte glaubhaft erzählen zu können, ist ein radikaler Perspektivwechsel nötig. Es gilt ja nicht einfach nur die Seiten zu wechseln, ein paar Nuancen der Wahrnehmung und Interpretation zu verschieben, sondern vielmehr ein völlig anderes Werte- und Denksystem anzunehmen. Kinder denken und werten anders. Sich daran aus eigener Erfahung erinnern und hineinfühlen zu können, ist weit schwieriger als dies gemeinhin angenommen werden mag.*
Keine Kindheit ist wirklich unbeschwert, weil das Leben nie unbeschwert und sorgenfrei ist, kann es eine Kindheit auch nicht sein. Kinder sind genauso von Ängsten, Sorgen und Sehnsüchten erfüllt wie es erwachsene Menschen auch sind. Aber es mögen andere Ängste, Sorgen und Sehnsüchte sein. Wir lernen Alexandra Tobors Protagonistin 1986 kennen als Kind in der polnischen Provinz mit einem erheblichen Hang zum Dramatischen, was ihr in unangenehmen Situationen hilft, aus eben diesen auszubrechen, wenn sie sich nicht anders auflösen. Wir verlassen sie wieder etwa 6 Jahre später, nach ihrer Kommunion in einer deutschen Vorstadt.
Natürlich ist die Geschichte dazwischen voller grotesker, teils absurder Situationen, wie sie entstehen müssen in einer Welt, in der ein Quelle-Katalog zum Inbegriff des Paradieses wird, wo leere Cola-Dosen als Trophäen in der Glasvitrine landen, wo schlußendlich eine Familie in ein verheißungsvoll ersehntes Land auswandert, dessen Sprache und kulturellen Codes ihnen völlig fremd sind.
Wäre es nur dies, ich würde das Buch hier nicht empfehlen. Was nämlich Alexandra Tobor ganz hervorragend gelingt, ist, die Perspektive des Kindes zu schildern, ohne in kindliche Sprache zu verfallen. Und auch wenn dabei Thomas-Mann- und Cicero-Jünger eher nicht auf ihre Kosten kommen, so ist das doch sehr überzeugend gelungen. Es sind berührende Szenen, in denen die Tragik der Diskrepanz zwischen Hoffnungen, Erwartungen und dem letztlich klaren Nichterwünschtsein durchscheint. Frau Tobor läßt ihre Protagonistin einfach nur erzählen, sie analysiert nicht, sie ist nicht die Erwachsene, die rückblickend ihre Kindheit reflketiert, sondern sie erzählt einfach nach, was dieses Kind sieht und empfindet. Und genau das macht die Stärke dieses Buches aus.

Während der Weihnachtsfeier in ihrer Schule wird ihre Mutter von der Mutter einer polnischen Klassenkameradin angesprochen und aus diesem Dialog möchte ich kurz zitieren:

»Pschsch!«, zischte Frau Kowalski. »Ich bin keine von euch … Wir sind schon vor fünf Jahren gekommen und haben hart dafür gearbeitet, Deutsche zu werden. Wir haben was geleistet, verstehen Sie? Wir wollen mit den anderen Spätaussiedlern nicht in einen Topf geworfen werden. Es kann ja sein, dass Sie eine gebildete Frau waren in Polen, darum rede ich überhaupt mit Ihnen.« […]
»Sie müssen sich schon anpassen, wenn Sie hier ein ruhiges Leben haben wollen, meine Liebe. Ich kaufe meiner Ewa zum Beispiel nur Markenkleidung. Das ist hier ziemlich wichtig.«
»Ich persönlich finde es wichtiger, dass aus meiner Tochter ein anständiger Mensch wird«, sagte Mama.
»Sehen Sie? Und genau deswegen hat Ewa Freunde und Ihre Tochter nicht. Entschuldigen Sie mich« – sie schaute auf ihre goldene Armbanduhr -,»wir müssen jetzt gehen. Mein Mann holt uns gleich ab.«
»Es war nett, Sie kennenzulernen«, sagte Mama knapp, und Frau Kowalski erhob sich, um Ewa in die Jacke zu helfen.
»Sie hat uns nicht mal gefragt, ob sie uns mitnehmen kann«, sagte Mama, als die beiden außer Hörweite waren. »Dieser Frau mangelt es völlig an Kultur. Polin will sie nicht sein, aber das macht sie nicht zur Deutschen. Sie ist überhaupt nichts.« In Momenten größter Enttäuschung erinnerte mich Mama an Oma Greta.

(S. 162ff.)**

Es ist eine schlichte Szene und doch steckt die ganze Tragik des Kampfes um die eigene Würde darin, den die Familie nach ihrer Auswanderung ausficht. Dass sie diesen Weg nicht psychologisierend, nicht analysierend, nicht überdramatisiert darstellt***, dafür bin ich ihr sehr dankbar. Diese Geschichte eines jungen Mädchens, das in eine völlig neue Welt gerät, in der die Menschen noch merkwürdiger sind als in der Welt, die sie verließ, und die doch dort sein möchte und willens ist, ihren Platz zu finden, ohne sich aufzugeben – diese Geschichte ist in der Lage viel mehr Augen zu öffnen als so manch elaboriertes kulturwissenschaftliches Werk.

Zum Abschluß noch eine Szene, die mir persönlich sehr nahe ist:

Papa hatte schon mehrere Vorstellungsgespräche erfolglos hinter sich gebracht. Hinterher hat er uns immer erzählt, wie sie gelaufen waren. Wenn ein Arbeitgeber auf seine guten Abschlussnoten zu sprechen kam, behauptete Papa, die hätten nichts mit seinem Können zu tun. Dass er in der Schule Russisch gelernt hatte, gab er zu; dass er sich selbst Englisch begebracht hatte, verschwieg er. Nach seinen persönlichen Interessen berfragt, zuckte er nur die Schultern, als hätte er die Frage nicht verstanden. Warum sollte es einen Arbeitgeber interessieren, dass er gern Bücher über die Funktionsweise von Computern las, wenn er am Ende bloß Fernseher reparieren würde?

(S. 168f.)

Ich hoffe, nie darüber lachen zu können.

Und natürlich soll auch heute nicht der Hinweis auf die

lieferbare Ausgabe

fehlen.


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P.S.

»Schorle!«, sagte Dominik entschlossen.
»Was ist das?«
»Was? Du kennst Schorle nicht?«
»Nie gehört.«
»Hahaha! Wie kann man das nicht kennen?«
Ich zuckte mit den Schultern. Dominik sprang auf und griff zur Mineralwasserflasche und zum Apfelsaft, die beide auf dem Tisch standen. Das Glas, das ich ihm gereicht hatte, füllte er nur zur Hälfte mit Apfelsaft, dann goss er bis zum Rand Mineralwasser nach, bis das Glas fast überschwappte.
»DAS ist Schorle«, sagte er stolz.
»Soso, die Deutschen sparen also auch«, hörte ich Oma unter der Nase murmeln.

(S. 204)

Ullstein platziert dieses Werk in einem Segment, in dem „humorvoll und augenzwinkernd“ (vulgo: schenkelklopfend) Kulturen aufeinander prallen dürfen. Meist bewegen sich dort dann die Helden mit der kulturellen Empathie eines Obelix („Die spinnen, die [Volksstam]“). Was bei Jan Weiler zumindest ja stilistisch noch gefällig war und gelegentlich sogar fein beobachtet, gerät dort häufig zum bloßen Klischeefestival. Wogegen ich nichts sagen will, Selbstbestätigung verkauft sich immer gut. Allerdings tut man Frau Tobors Buch damit Unrecht, es gehört dort nicht so recht herein (auch wenn es hier natürlich, wie oben erwähnt, einiges zu lachen gibt) und das wird eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihrem Werk nicht eben befördern. Allerdings sei dem zuständigen Lektorat unterstellt, dass man wenig Möglichkeiten sah, das Buch anderweitig zu platzieren (und nicht selten muss man ja schon im Haus kämpfen, wenn kein passendes Etikett zur Verfügung steht), es aber wichtig genug fand, um es trotzdem zu bringen. Möge das Buch also als Trojaner wirken und all jene zum Nachdenken bringen, die es sich auf ihren Klischeesofas mit dem „Diesindsounddiesindanders“-Muster allzu bequem gemacht haben.

*Als kleine Übung dazu betrachte man doch einmal „die Jugend“ und versuche sich ernsthaft vorzustellen, keinen Deut anders gewesen zu sein. Fällt schwer, aber wenn man nicht völlig der Hybris erliegt, schon immer besser als der Rest der Welt gewesen zu sein, führt kein Weg an der bitteren Erkenntnis vorbei, dass man selbst tatsächlich ziemlich genau so gewesen ist. Möglicherweise mit anderem Vokabular, möglicherweise mit anderen modischen Varianten – aber nicht wesentlich. Wäre dem so, klagten nicht sämtliche Quellen zu diesem Thema über die Verdorbenheit der Jugend – und zwar seit Erfindung der Schrift. 😉
**zitiert aus: Tobor, Alexandra: Sitzen vier Polen im Auto. Ullstein Taschenbuch. Berlin 2012.
***Man denke nur an Julia Francks „Rücken an Rücken„, wo es immer noch ein Trauma mehr sein muss.

Das Buch zum Sonntag (106)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jonathan Franzen: Freiheit

Die englischprachige Wikipedia führt diesen Roman als einen Anwärter auf den wohl ewig vakanten Titel der „Great American Novel“. Inwieweit dies berechtigt ist, mögen die zuständigen Amerikanisten und sonstige Berufene entscheiden. Unstrittig scheint mir aber zu sein, dass dem Lesenden hier ein Panaroma der USA nach dem Elftenseptember geboten wird. Oder sagen wir genauer: Franzens Panorama.
Ich habe dieses Roman von Sigrid Löffler empfohlen bekommen. Also, nicht persönlich, aber sie war seinerzeit bei uns in der Buchhandlung und stellte dort einige Bücher zum Thema Vater-Sohn-Konflikte vor. Bemerkenswerterweise halte ich genau diesen Konflikt nicht einmal für den stärksten Aspekt des Buches.
Aber fangen wir vorne an.
Franzen beschreibt die Familiengeschichte der Berglunds, genauer des Paares Patty und Walter Berglund nebst ihren beiden Kindern. Wohlsituiert und liberalen Geistes geraten sie durchaus in Konflikt mit ihrer zunehmend proletarischen und weit weniger liberalen Wohngegend. Gerade die Beschreibung dieses Prozesses der Veränderung in den Leitgedanken der US-amerikanischen Gesellschaft fand ich sehr faszinierend. Indem er einen Bogen von der Jugend Pattys und Walters bis zu den ersten Erwachsenenjahren ihrer Kinder schlägt, wird das sehr deutlich. Wo in ihrer Jugend noch Freiheitsgedanken, Nachhaltigkeitsideen und Liberalität – überhaupt Ideale, vorherrschten, wirkt in der Gegenwart des Romans alles in Vordergründigkeit, Hinterhältigkeit, Ehrlosigkeit erstarrt. Rockstars ohne Botschaft, Militäraustatter, die dem Militär schaden und Umwelschutzorganisationen, die Wälder roden und Berge sprengen. Irgendwie wirkt alles falsch und verlogen in der Bush.jr.-Ära.
Und doch ist das nicht so einfach. Denn die große Politik, die großen Namen, die großen Konflikte – sie tauchen gar nicht selbst auf. Sie sind das Hintergrundgeräusch einer Geschichte, die sich im kleinen Rahmen abspielt. Es sind nur ganz wenige Personen, die Franzen agieren lässt, ein enger Kreis mit durchaus wenigen Handlungsorten. So sind es dann auch die Details, die Kleinigkeiten, die scheinbaren Trivialitäten – die kleinen Nachbarschaftsstreits um zu laute Musik und zerstochene Reifen, über streunende Katzen den besten Kuchen der Straße, nicht zu vergessen: die Gespräche in der Küche oder auf der Terrasse, anhand derer er sein Gesellschaftsporträt zeichnet.
Dabei kommt dann wirklich die Frage auf, ob das nicht auch alles schon früher? so gewesen sei. Wie diese Frage zu beantworten ist, überlasse ich der geneigten Leserschaft und der eigenen Lektüre – allerdings halte ich Franzens Position für eindeutig bestimmbar. 😉
Es sind verschiedene Lebensentwürfe, die Franzen hier konkurrieren läßt, die er einander gegenüberstellt und ihre Wechselwirkungen untersucht. Und genau dort stößt eben auch der von Frau Löffler angesprochene Vater-Sohn-Konflikt hinein – aber genau das ist es: Wir haben es hier nicht mit einem Vater-Sohn-Buch zu tun, sondern eher mit dem literarischen Versuch, eine verunsicherte, sich verändernde Gesellschaft zu erfassen, die in scheinbarer RBesinnung auf ihre Grundsätze genau diese aufgibt, weil sie sie nicht mehr lebt.
Unabhängig davon ist es aber eine Freude, Franzen zu lesen, weil er pointiert zu schreiben versteht. Ich möchte einmal eine Stelle herausgreifen, noch weit am Anfang des Romans, die aber zeigt, wie er mit wenigen Sätzen Figuren entwerfen und erfassen kann:

Jeder wusste, dass Patty an der Ostküste, in einem Vorort von New York, aufgewachsen war und eines der ersten Vollstipendien für Frauen bekommen hatte, um an der University of Minnesota Basketball zu spielen, wo sie es, das ging aus einer Urkundentafel an der Wand von Walters Arbeitszimmer hervor, in ihrem zweiten Studienjahr in das virtuelle Team der zweitbesten Spielerinnen ganz Amerikas geschafft hatte.

(S. 8f.)*

Und es sind da ein paar wunderbare Spitzen zu finden, sei es, gegen Charaktere (btw: erinnert sich noch jemand an diese IKEA-Werbung?):

Merrie, zehn Jahre älter als Patty, und jedes einzelne davon sah man ihr an, hatte sich früher für die linke Studentenorganisation SDS in Madison engagiert und engagierte sich jetzt sehr in Sachen Beujolais nouveau.

(S. 11)

oder gegen Kollegen:

Er zog den Roman hervor, den seine Schwester ihm zu Weihnachten geschenkt hatt, Abbitte, und bemühte sich, an den Beschreibungen von Zimmern und Pflanzungen ein Interesse zu entwickeln

(S. 444)

NUTZE DEINE FREIHEIT WOHL lässt Franzen über dem College stehen, das Pattys Tochter besucht. Das könnte gut und gerne auch Motto des ganzen Buches sein. Letztlich nämlich geht es um genau diese Fragen: Was ist Freiheit für jeden einzelnen? Wie kann, wie soll er sie nutzen? Und was heißt das für alle anderen?

Glücklicherweise hat Franzen darüber keinen naseweisen Essay geschrieben, sondern einen im besten Wortsinne unterhaltenden Roman, der überdies in diesen

lieferbaren Ausgaben

leicht zu erhalten ist.


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*zitiert aus: Franzen, Jonathan: Freiheit. Rowohlt Digitalbuch. Reinbek 2010

Das Buch zum Sonntag (105)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Christa Wolf: Kassandra

In einem an Selbstgefälligkeit kaum zu überbietenden Interview mit dem Deutschlandradio anlässlich seines neu erschienenen Buches über „verbotene“ Literatur kündigte Werner Fuld ein baldiges Vergessen des literarischen Schaffens Christa Wolfs an.*
Das erscheint mir etwas voreilig, steht sie doch derzeit recht fest im Lektüreplan sowohl des Deutschunterrichts als auch der germanistischen Seminare. Und wer da einmal drin ist…

… der muss gerettet werden. Denn es gibt nur wenige Methoden, die so zielsicher die Lust an der Lektüre eines Autors zerstören wie dessen Behandlung im Deutschunterricht. Namen, die dort auftauchen, haben auf Lesewillige meist eine ähnliche Wirkung wie Wasser auf die Hexe des Westens – sie weichen vor ihnen zurück.
Damit dies bei Christa Wolf nicht auch geschieht, sei diesem also entgegen gewirkt.
Kassandra bezieht sich selbstverständlich auf den bekannten antiken Mythos und versucht sich an einer Erzählung der Geschehnisse in und um Troja aus der Perspektive der namensgebenden Protagonistin. Es entsteht dabei ein beeindruckendes inneres Gespräch, eine derart intensive Reise in die Gedanken- und Gefühlswelt einer Heldin, die scharfsinnig ihre Umwelt beobachtet, klar und sachlich analysierend, aber keineswegs emotionslos, immer dann in die Geschicke ihrer Stadt und ihrer Familie einzugreifen versucht, wo sie Irrwege erkennt – und doch scheitert.
Die Kassandra Christa Wolfs ist eine der beeindruckendsten Frauenfiguren, die mir bisher begegneten. Es gelingt ihr hier, eine Frau zu zeichnen, die keineswegs als Spielball göttlicher und irdischer Mächte fungiert, sondern die selbständig handelt, die stark ist (nicht im Sinne von machtvoll, sondern im Sinne einer festen Persönlichkeit), die ihre Stimme erhebt, die sich mit dem, wenn auch nicht selten erfolgreichen, Vernetzen und Manipulieren im Hintergrund nicht zufrieden geben will, die das Recht der Vernunft einfordert, wo die Unvernunft herrscht (die bei Christa Wolf hier klar männlich konnotiert ist).
Der Widerspruch zur tradierten Figur der einsamen, ungehörten Ruferin des antiken Mythos offenbart sich eben erst wirklich und klar durch die Innensicht, die hier entworfen wird. Da ist keine Rede vom Fluch der Götter, der Kassandras Schicksal besiegelt und die Trojaner ins Unglück rennen lässt – keine höheren Mächte sind hier im Spiel, es sind die Menschen selbst, die nicht hören wollen. Kassandra erkennt ganz klar die Religion, die offizielle Ideologie als reines Machtinstrument, als Mittel zum Zweck – und entlarvt Trojas Machthaber als kleingeistige Ränkeschmiede ohne Vertrauen in das eigene Volk, die eigene Tradition, die eigenen Überzeugungen. Gerade diese Aufgabe der eigenen Ideale öffnet Tür und Tor für den Untergang, der dann unvermeidlich wird. Und so wird das einst edle, mit hochfliegenden Zielen und Idealen aufgebaute Troja zum Opfer einer sie bedrohenden, belagernden, kulturlosen Macht.

Eine großartige Interpretation eines alten Stoffes und trotz seines geringen Umfangs, freilig unterstützt durch starke Referenzen, äußerst vielschichtig lesbar – was eine regelmäßige Lektüre übrigens empfehlenswert macht. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieses Buch je nach eigener Lebens- und Leseerfahrung, jeweils deutlich anders gelesen wird.

Ich möchte schließen mit einer Stelle, die in meinen Augen sehr schön illustriert, wie sinnfrei es ist, Zensur von kleingeistigen Beamten ausüben zu lassen – ein wirklich kunstsinniger Mensch (In Your Face, Werner Fuld) hätte die folgende Passage unmöglich durchgehen lassen können:

Mit einem bißchen Wahrheitswillen, mit einem bißchen Mut sei doch das ganze Mißverständnis aus der Welt zu schaffen, glaubt ich immer noch. Was wahr ist, wahr zu nennen, und was unwahr falsch: das mindeste, so dachte ich, und hätte unsern Kampf weit besser unterstützt als jede Lüge oder Halbwahrheit. […] Bis ich begriff: In Helena, die wir erfanden, verteidigten wir alles, was wir nicht mehr hatten. Was wir aber, je mehr es schwand, für um so wirklicher erklären mußten. So daß aus Worten, Gesten, Zeremonien und Schweigen ein andres Troia, eine Geisterstadt erstand, in der wir häuslich leben und uns wohlfühln sollten.

(S. 112)**

Vergesst die Geschichtsbücher, Kassandra ist vielleicht eines der besten Bücher darüber, wie die DDR funktionieren konnte, wie Gesellschaften, wie Machtkonstellationen ganz generell funktionieren und wie im Kampf gegen echte oder imaginierte Feinde Sicherheitsversprechen immer ein Weg sind, Kontrolle auszuüben.
Kurz: Ich war beeindruckt. Da können noch etliche Hundertjährige aus diversen Hausöffnungen verschwinden, eh ich wieder ähnlich begeistert sein werde.

Und noch einen letzten Hinweis – die Frage, was die Künstlerin uns wohl damit sagen wolle, hat sie selbst beantwortet, in den zur Erzählung gehörenden Frankfurter Poetikvorlesungen 1982. Ich empfehle der geneigten Leserschaft jedoch, diese erst danach zu lesen, wenn denn gewüscnht. Die andere Reihenfolge wollen wir den literaturwissenschaftlichen Seminaren überlassen. 😉

Und so sei denn auch heute auf die

lieferbaren Ausgaben

verwiesen.


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*Putzigerweise begründet er das mit deren mangelnder literarischer Qualität. Was nun aber bekanntermaßen überhaupt kein Kriterium für die Frage nach ewigem Ruhm ist. Schon gar nicht nach Meinung eines Kritikers. Es würde mich hier sogar einmal die Gegenprobe interessieren, nämlich ob das Verdammen durch zeitgenössische Literaturkritiker nicht eher ein Indiz für folgenden Nachruhm ist.
**zitiert aus: Wolf, Christa: Kassandra. Suhrkamp Frankfurt/Main. 1. Aufl. 2008

Das Buch zum Sonntag (104)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Galsan Tschinag: »Die neun Träume des Dschingis Khan«

Galsan Tschinag ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Er entstammt einer ethnischen Minderheit in der Mongolei, den Tuwa, bei denen er Stammesoberhaupt ist und in deren Dienst er sein Schreiben, wie auch sein sonstiges Handeln, sieht.
So sind denn seine Werke, die er übrigens auf deutsch verfasst (Tschinag studierte seinerzeit Germanistik in Leipzig), geprägt von der nomadischen Kultur der Tuwa, von den Geschichten, die dort erzählt werden. Das ist an sich nicht überraschend, gilt dies doch für alle Schriftsteller, ist hier aber trotzdem der Erwähnung wert, weil es zumindest für mich einen erheblichen Teil der Faszination ausmacht. Das Fremde, das Andersartige, soweit wir in der Lage sind, es als etwas Neues, Bereicherndes aufzufassen, übt einen starken Reiz aus – denn schließlich, wofür lesen wir, wenn nicht, um eine neue Welt zu entdecken?*
Im heute empfohlenen Buch gibt eine Welt zu entdecken, die aus einer merkwürdigen Mischung aus weitläufiger, weltumspannender, den Einzelnen einhüllender Mystik und kühlet, rationaler und realitätssicherer Pragmatik besteht. Tschinag führt uns zurück in die Zeit Dschingis Khans, der nach einem Unfall schwer verletzt darniederliegt und noch neun Tage zu leben hat. Während dieser neuen Tage erlangt der Leser Einblick in dessen vergangenes Leben, in seine Gedanken- und Gefühlswelt, lernt Weggefährten, Konkurrenten und Feinde kennen.
Beeindruckend finde ich Tschinags Fähigkeit, einen Sog zu erzeugen, der mich nicht losgelassen hat – obwohl nicht viel passiert (was soll schon passieren, Dschingis Khan liegt verletzt in seinem Zelt), konnte ich doch zu keinem Zeitpunkt von dem Buch und seiner Welt lassen. Die Scharf- und Feinsinnigkeit, mit der Tschinag seinen Protagonisten all die kleinen Machtspiele, die natürlich beginnen oder sich verschärfen, während er dort liegt, erkennen lässt, ist beeindruckend und, vor allen Dingen, glaubhaft. Wie sonst sollte jemand wie Temudschin aus so schwierigen Verhältnissen es zu einem Großherrscher schaffen, wenn nicht durch die Fähigkeit, geradezu seismographisch zu spüren, was in seiner Umgebung geschieht?
Und doch steht auch Dschingis Khan in größeren Verhältnissen. So sehr er auch machtpolitisch klug handelt, so sehr er entschieden ist, wo es gilt, zu vernichten, so sehr er auch da taktiert und seine Untergebenen sich gegenseitig ergänzen lässt und so sehr er auch die Glaubenstraditionen zu seinen Zwecken einzusetzen weiß – am Ende seines Lebens muss er sich in neun Träumen doch dem Universum** stellen.
Faszinierend, wie er nach und nach sein ganzes Umfeld im stummen Dialog neu kennenlernt, wie er ihn erkennen lässt, was diese wohl wirklich über ihn dachten, warum sie sich ihm gegenüber so verhielten, wie sie es taten.

Diese neun Träume sind ein langer, weiter und tiefer Weg in das Innere eines Seelenlebens. Eine beeindruckende sprachliche Reise in eine fremde, faszinierende, unerbittliche Welt und einen Dschingis Khan beschreibend, der wohl weit von seinem Mythos entfernt ist, aber vielleicht gerade dadurch ihm näher kommt als es die Geschichtsschreibung je können wird.

Erhältlich ist das Werk in diesen

lieferbaren Ausgaben.


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*Womit ich nicht verhehlen möchte, dass wir als Buchhändler und Verleger nicht zuletzt vom Gegenteil leben. Gäbe es nur Leser, die ständig Neues, Überraschendes, Noch-nie-gelesenes haben wollten, wäre unser Job deutlich spannender (aka stressiger), aber kaufmännisch wohl deutlich schwieriger zu betreiben. So wenig ich es verstehe, wie viele Menschen tatsächlich unbedingt immer wieder dieselbe Geschichte lesen wollen (wenn es geht auch noch vom selben Autor, ansonsten doch bitte von jemandem, der wenigstens „so ähnlich“ schreibt), so sehr schätze ich sie doch als Kunden. Sie machen mir meine Sortimentsexperimente überhaupt erst möglich. Gäbe es diese treue und zuverlässige Käuferschicht nicht, wir sähen doch ganz schön alt aus. Letztlich sind sie es, die treuen Donna-Leon-Leser, die zuverlässigen Zafon-Käufer, die Lucinda-Riley und die Cecilia-Ahern-Fans, die uns am Leben lassen und ohne die keine 1-A-Mieten bezahlbar wären.
**Das klingt seltsam, aber drunter machen es ganzheitliche Weltanschauungen nun mal nicht.

Das Buch zum Sonntag (103)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Yasmina Reza: »Kunst«

Die Frage, was denn nun Kunst sei, wurde bereits im Buch der letzten Woche durchaus debattiert. In Yasmina Rezas Stück »Kunst« steht diese Frage im Zentrum. Neben der Frage, was eine Freundschaft kann, muss und überhaupt eigentlich ausmacht.
Idealerweise sollte man Theaterstücke ja so wahrnehmen, wie sie gedacht sind: Auf der Bühne. Das geht, im Gegensatz zum zweiten hier empfohlenen Stück, bei »Kunst« recht gut, wird es doch immer wieder gespielt. Ich habe es auch tatsächlich durch eine Aufführung kennengelernt, in die mich mein sehr viel kunstsinniger Bruder mitnahm. Wenn ich mich recht entsinne, war ein Wanderensemble, das seinerzeit in der Moritzbastei Leipzig mit diesem Stück auftrat (ich war übrigens sehr viel mehr von der Leistung der Darsteller eingenommen als mein Bruder – aber wie gesagt, er ist der kunstsinnigere)

Allzu viele Worte möchte ich heute gar nicht verlieren, nur kurz skizzieren, worum es geht.
Wir lernen ein Freundetrio kennen: Serge, Marc und Yvan. Serge hat sich ein Kunstwerk gekauft. Für 200.000 Franc (ja, so alt ist das Stück schon 😉 ). Eine angesagte Galerie, ein angesagter Künstler, ein angemessener Preis.
Das Problem dabei ist – Marc und Yvan erkennen in dem Gemälde rein gar nichts (aus gutem Grund, ich sage nur so viel:

Für mich ist es nicht weiß. Wenn ich sage, für mich, dann meine ich objektiv. Objektiv gesehen ist es nicht weiß.

)

(S. 35)*

und reagieren nun, wie Freunde, Bekannte, der Umkreis gelegentlich reagieren, wenn sie finden, dass wir eine Dummheit begangen haben. Es entfacht sich eine Debatte, die schon sehr bald von der Frage, ob, das was die drei dort betrachten, ein Kunstwerk im Werte eines sechsstelligen Franc-Betrages sei, entfernt.
Reza lässt hier Stück für Stück die Frustrationen, die aus den jeweiligen Lebensentwürfen nebst ihren Abweichungen von den jeweiligen Lebensläufen resultieren, hervortreten.
Können Menschen befreundet sein, die so unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben und was in diesem wichtig ist, haben?
Kann eine Freundschaft aushalten, dass der eine große Summen aus reinem Vergnügen ausgibt, während den anderen viel elementarere Geldsorgen plagen?
Kann ich akzeptieren, dass meinem Freund Dinge wichtig sind, die mir völlig egal sind?
Und überhaupt, sind eigentlich mein Leben, mein Lebensentwurf, meine Wertvorstellungen eigentlich nur im Vergleich zu anderen etwas wert?

Die drei haben also einen hübschen Berg abzuarbeiten.
Möglicherweise ist dieses eher frühe Stück nicht ihr elbaoriertestes, nicht ihr schärfstes, nicht ihr bestes Werk – aber ich finde es wirklich großartig, wie sie hier ihre Fähigkeit zeigt, Masken fallen zu lassen, Fassaden niederzureißen, die es uns sonst immer ermöglichen, an der Oberfläche unserer sozialen Interaktion zu bleiben, im Unverbindlichen des täglichen Miteinanders.
Und die Fadenscheinigkeit des Freundschaftsbegriffes auch ganz ohne Herrn Zuckerberg kann man sich nicht oft genug vor Augen führen. Was ist das, ein Freund?
Denkt mal bei der nächsten Aufführung von »Kunst«, die ganz sicher in naher Zukunft auf einer Bühne in eurer Nähe stattfinden wird, mit Frau Reza darüber nach.

Bis dahin kann man sich allerdings auch mit der

lieferbaren Ausgabe

behelfen.

P.S. Bemerke gerade, dass Frau Reza so alt war wie ich jetzt, als sie dieses Stück schrieb. Mhm.


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aus: Reza, Yasmina: »Kunst«. Libelle Verlag. Lengwil am Bodensee. 8. Aufl. 2012

Das Buch zum Sonntag (102)

Es ist Juni. Ein wunderbarer Zeitpunkt für einen Neubeginn. Und passend zur Konstruktion dieses Blogs erfolgt dieser mit einer Buchempfehlung, auf dass ihr, geneigte Lesende dieser Publikation, nicht weiter irrlichternd und suchend durch das weite Meer der Literatur segeln müsst, einen sicheren Kompass, ach was sage ich, einen richtungweisenden Fixpunkt am Firmament, einen Leitstern verzweifelt suchend. Oder so.*

Der Autor des heute empfohlenen Buches war hier gelegentlich bereits Thema (so zum Beispiel in Nummer 94 und Nummer 40 dieser Reihe), ich vermag also eine gewisse Affinität zu seinem Schaffen nicht verleugnen. Allerdings ist diese auch vollkommen begründet, womit es mir völlig gerechtfertigt erscheint, den neuerlichen Neustart dieses Blogs mit ihm zu eröffnen, insbesondere, da erst vor kurzem ein neues Werk von ihm veröffentlicht wurde und so

empfehle ich der geneigten Leserschaft für die morgen beginnende Woche zur Lektüre:

Frank Fischer: Weltmüller

Vexierspiegel. Wenn ich eine Assoziation zu diesem Buch finden sollte, dann wäre es wohl diese.
Drei Reportagen eines preisentkrönten Journalisten namens Frank Fischer, von Begebenheiten handelnd, die in ihrer Absurdität gleichwohl möglich wirken. Ein Buch, das mit allem spielt, mit Wirklichkeitsebenen, mit Reflexionen, mit Wahrnehmungen, mit Erwartungshaltungen. Und wie, zumindest geht es mir so, beim Vexierspiegel der Eindruck entsteht, man müsse nur den richtigen Winkel finden, dann zeige sich die Wirklichkeit in ihrer unverzerrten Form, so drängt sich beim Weltmüller der Gedanke auf, man müsse ihn nur oft genug und mit der richtigen Fragestellung lesen und schon offenbare sich, was die Welt im Innersten zusammen hält. Oder zumindest doch, was eigentlich Kunst ist und welche Rolle sie in der besten der möglichen Welten spielt.
Es sind verschiedenste Lesarten dieses Bravourstücks möglich.
Man kann es als leichte Fingerübung eines talentierten Autors lesen, als intellektuelle Spielerei eines Passionsfeuilletonisten, gut geeignet, der distinguierten Zahnärztin als Geburtstagspräsent zu überreichen – bei all den Namen, die dort auftauchen, wird sie es kaum wagen, das Buch schlecht zu finden.*** Kann man machen.
Man kann es aber auch lesen als Satire auf „den Betrieb“. Auf den Theater- und sonstigen Kunstbetrieb, auf dieses um sich selbst drehende Universum, das stets darauf bedacht zu sein scheint, sich durch Deutungs- und Bedeutungshöhen abzugrenzen vom schnöden Plebs und dabei doch genau diesen, zumindest in seinem bildungsbürgerlichen Gewand, braucht, um die eigene Größe zu demonstrieren. Kann man machen.
Man kann es aber auch lesen als ein Schelmenstück, in dem ein Hamlet mit Tierpflegern und ein Godot mit einer sechsten Rolle oder 192 Tafeln auf dem Leipziger Augustusplatz eine Variation auf Kerkelings „Hurz“ sind, geeignet, das Publikum in seiner Erwartungshaltung vorzuführen, in seiner Sucht danach, sich selbst intellektuell nicht im Abseits zu sehen, alles, was das Etikett „Kunst“ trägt auch interpretieren und verstehen zu wollen – und vor allem auch zu können. Kann man machen.
Und das schöne wäre: Man hätte bei allen diesen Lesarten sein Vergnügen, je nachdem, wo man sich als Lesender selbst verortet.
Es gäbe noch zahlreiche weitere denkbare Lesarten, was für mich einen der größten Reize dieses Buches ausmacht. Die Lesart, die ich jedoch empfehle, wäre die, sich einfach darauf einzulassen. Was vor allen Dingen bedeutet, Fragen zuzulassen. Wer ist dieser Reporter eigentlich – und wieso zum Henker wird ihm ein Journalistenpreis aberkannt, noch dazu für eine Reportage über ein in höchstem Grade öffentliches Ereignis (die versprochene Berichterstattung, zu dessen Gegenstand er nun geworden sein soll, sucht man, zumindest im Buch, vergebens)?
Was ist von Menschen zu halten, der unbescholtene Bewohner entferntester Länder behelligen, nur um das Rätsel einer Inschrift einer Kunstinstallation zu lösen, die sich zudem sowieso im Momente der Erkenntnis wieder verändert?

Und schließlich, die größte aller Fragen, wieso muss ich so viele Worte zu einem Buch verlieren, in dem ein Satz wie

Es ist ja von sich aus interessant, wenn irgendwo irgendwas von irgendwem geschrieben steht.

(S. 58)**

zu lesen ist?
Eben.
Weltmüller ist für mich eines der faszinierendsten Leseerlebnisse der letzten Zeit – hochreferentiell, intertextuell geradezu ein Thanksgivingtruthahn – und doch auch ohne all dies ein exzellent funktionierender Text. Es gibt nur wenige Werke der Literatur, über die sich ähnliches sagen ließe. Ich bin mir sicher, noch eine ganze Weile daran zu sitzen und noch ganz andere Fragen als die oben erwähnten zu klären.
Damit mir das aber gelingt, müsst ihr jetzt alle mal eine der

lieferbaren Ausgaben

kaufen und – vor allem – lesen.

Denn ich muss dringend mal mit jemandem darüber sprechen.


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*Das mit der Bescheidenheit übe ich noch.
**aus: Fischer, Frank: Weltmüller. SuKuLTuR. Berlin 2012
***Genau zu diesem Behufe übrigens habe ich das Buch heute verkauft. 😉

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (101)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Frédéric Valin: Randgruppenmitglied

Ich mag es, wenn Literatur Lebensgefühle einzufangen vermag. Das kann in einem großangelegten Panorama geschehen, es können aber auch Miniaturen sein. Solche Miniaturen schrieb Frédéric Valin in dieser Erzählungssammlung. Wie der Titel bereits nahe legt, sind seine Protagonisten nicht unbedingt diejenigen, die im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens und Interesses stehen. Es sind eher aus den verschiedensten Gründen am Rand stehende, an ihren Ansprüchen, Ideen oder schlicht dem Leben gescheiterte, zweifelnde, ausgestoßene Figuren. Valin ist dabei ein sehr genauer, einfühlsamer Beobachter*, was sich in einer durchaus behutsamen Erzählweise offenbart. Es kracht und scheppert bei Valin nicht, es gibt keine dramatischen Liebesszenen und keinen Streit mit fliegenden Gegenständen mannigfacher Gestalt. Was es aber gibt, ist eine leise Ironie. Und auch wenn ich finde, daß es einen enervierenden Hang der zeitgenössischen Literatur zu einer distanzierenden, alles ironisierenden und damit positionslosen Schreibweise gibt, hier scheint dies nicht zuzutreffen.

Das ist Punk, dachten wir. So wie er, dachten wir. So gut man eben mit vierzehn Punk sein konnte in einer süddeutschen Kleinstadt, also nicht sehr. Ein Freund aus Cottbus hat mir mal erzählt, es hätte bei ihnen nur drei Möglichkeiten gegeben, was man als Teenager hätte sein können: Punk, Nazi oder Hip-Hopper. In einer idyllischen Kleinstadt mit spitzen Kirchtürmen und Lateinleistungskursen, mit den ganzen Audis als Zweitwagen, mit Wäldern und Wiesen, mit Kühen auf der Wide und Ochsen im Rathaus, war das anders. Wir waren so sehr Provinz, wir hatten noch nicht einmal Subkultur.

(S. 77)**

Vielleicht ist eine der nachhaltigsten Wirkungen des Fängers im Roggen, daß es Salinger gelungen ist, aufzuzeigen, welche Verletzlichkeit, welche Berührbarkeit, welche Empfindsamkeit sich hinter einem schnoddrigen Tonfall verbergen kann. Wie wichtig es ist, genau zuzuhören, genau hinzusehen, den gehörten, den gelesenen Worten nachzuspüren. es gibt solche Momente auch bei Valin. So in der Erzählung »Frau Nachtweih wünscht zu sterben«, in der letztlich dem Lesenden zu überlegen bleibt, wen der Protagonisten er alles zur Randgruppe zu zählen gedenkt:

Manche brauchen zwei tage, um zu begreifen, dass das hier das Abstellgleis ist, andere Monate. Je länger einer braucht, desto beschissener geht es ihm. Frau Nachtweih geht es seit drei Monaten sehr beschissen.
Die meisten, die hier ankommen, werden innerhalb eines Monats von ihren Partnern verlassen. Die begreifen viel schneller, dass das hier das Ende der Sackgasse ist. Die haben die Reha mit durchgestanden, weil sie ein schlechtes Gewissen hatten und dachten, das halbe Jahr Zuversicht und Unterstützung sind sie dem anderen schuldig. Die meisten sind allerdings drei Wochen nach der Hirnblutung schon auf irgendwelchen Datingportalen unterwegs. Ist ja auch keine einfache Situation für die Partner, wenn der andere plötzlich statt Hirn nur noch Blutwirst unter der Schädeldecke hat. Das hält man vielleicht ein halbes Jahr aus, und dann ist man froh, wenn man woanders unterkommt.

(S. 16f.)

Frédéric Valin erweist sich als ein Erzähler, der seine Protagonisten kennt, sich einzufühlen vermag und dem Lesenden en passant die eine oder andere Denkaufgabe mit auf den Weg geht. Dieser kleine Band ermöglicht einen Einblick in die Erlebniswelt all jener Figuren modernen urbanen Lebens, die wir in all den Hipster-Trend-Gentrifidingsbums-Diskursen allzu schnell zu vergessen bereit sind und die doch auch Teil genau jener Diskurse sind. Nur eben nicht im Mittelpunkt, sondern eher am Rande – wo sie vielleicht gar nicht hingehören, weil erst Ränder eine Mitte definieren können.

Und ganz unabhängig davon, macht es eben auch einfach Freude, Valin zu lesen. Das sollte eigentlich Grund genug sein, sich umgehend die

lieferbare Ausgabe

zuzulegen.


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*Was sich bemerkenswerter Weise sogar in seinen grandiosen Bundesligaspielberichten widerspiegelt, die er bis 2011 auf Spreeblick veröffentlichte. Auch wenn mich persönlich die Fußball-Bundesliga eher peripher interessiert, die Spielberichte las ich mir immer durch – mit deren Ende flachte das Interesse allerdings auch sofort wieder ab (und meine mühsam erworbene Fachkompetenz gleich mit… 😉 )
**aus: Punk Dead in: Valin, Frédéric: Randgruppenmitglied. Verbrecher Verlag Berlin 2010

Das Buch zum Sonntag (100)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Wolfram von Eschenbach: Parzival

Von meiner Schwäche für Epen war hier gelegentlich ja bereits die Rede. Der Parzival ist mir das bisher liebste.
Es gäbe zur literaturhistorischen Ausnahmestellung des Parzival, insbesondere aber seines Autors, gäbe es viel zu sagen. Und wird es auch. Vieles, was Wolfram verhandelt, ist in seinem Kontext höchst spannend und anspielungsreich und nur zu verstehen, wenn man über einen entsprechenden Kenntnisstand verfügt oder aber es sich erklären läßt – so wie es zum Beispiel Peter Wapnewski in seiner unvergleichlichen Lesung macht. Wäre dies allerdings das einzige, was zum Parzival zu sagen wäre, so wäre dieses Werk in mediävistischen Zirkeln am besten aufgehoben und bräuchte außerhalb derselben niemanden zu tangieren.
Allein, ich bin der festen Überzeugung, daß es auch einen voraussetzungsfreien Zugang zu diesem Epos gibt und ein ebensolcher Lesegenuß sich einzustellen vermag, ganz ohne historische oder germanistische Seminare zu belegen. Nur dann nämlich macht Literatur, Kunst überhaupt, in meinen Augen Sinn: Wenn ich sie voraussetzungslos begreifen und genießen kann. Wobei das so natürlich nicht stimmt, denn Voraussetzungen bringt ein jeder mit, seien sie nun kulturell geprägt oder sonstwie angelernt – ein Neo Rauch sieht ein Bild ganz anders als ich und ein Abraham-a-Sancta-Clara-Forscher wird dessen Werke völlig anders lesen als ich das tun würde und dabei durchaus einen Lesegenuß entwickeln, wo ich nur rätselnd verzweifle. Aber ehe ich mich jetzt in theoretische Überlegungen verrenne, denen ich nicht gewachsen bin, kommen wir doch lieber zum Buch. Weiterlesen „Das Buch zum Sonntag (100)“

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (99)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Tomas Tranströmer: Sämtliche Gedichte

Der Buchempfehlungsreigen nähert sich der Dreistelligkeit, höchste Zeit also für einen Lyriker.
Einen Lyriker zudem, das sei an dieser Stelle freimütig bekannt, auf den ich ohne die Zuerkennung des Literatur-Nobelpreises wohl nicht gestoßen wäre. Es waren drei Dinge, die mich bewogen, Tranströmer zu lesen.
Zum einen der Widerwillen gegen die in unzähligen Kommentaren aufwallende „Wasfüreinbekloppteskommitteemitseinenidiotischenentscheidung“-Stimmung – von Leuten, die nie auch nur eine Zeile des soeben Geehrten gelesen hatten. Zum zweiten die immer wieder kolportierte Behauptung, es sei in Schweden durchaus üblich, das eine oder andere Tranströmer-Gedicht auswendig zu kennen. Und zum Dritten diese Zeile:

Das Erwachen ist ein Fallschirmsprung aus dem Traum.

(S. 7)*

Über die ich in einem Tweet stolperte, den ich nicht mehr wiederfinde. Vergänglich ist der Menschen Tun…
Es zeugt nicht unbedingt von Kenntnis, wenn man pauschal das Gesamtwerk eines Autoren empfiehlt. Nunja, ich kenne Tranströmer auch erst seit knapp 2 Monaten, intime Kenntnis zu behaupten, wäre da wenig glaubwürdig. Zudem ist sein Werk auch recht schmal, allzuviel ist seit 1996, das Jahr mit dem diese Zusammenstellung endet, nicht von ihm erschienen und, das scheint mir der spannendere Grund zu sein, es steckt in diesen wenigen Seiten eine erhebliche Menge drin. Es gibt hier einen Lyriker zu entdecken, der immer wieder aufzuzeigen imstande ist, warum man von Dichtkunst spricht. Warum es eben nicht um das epische Beschreiben eines Sonnenuntergangs in hügeliger Steppenlandschaft geht, sondern um das Verkürzen, Verknappen, Verdichten. Den unmittelbaren Eindruck eines Moments, eines Gefühls, eines Gedankens in ebenso unmittelbare Worte zu fassen – das ist Dichten.

Ein Zeitraum
wenige Minuten lang
achtundfünfzig Jahre breit.

Und hinter mir
jenseits der bleischimmernden Wasser
lag die andere Küste
und diejenigen, die herrschten.

Menschen mit Zukunft
statt eines Gesichts.

(S. 229)**

Er scheint mir ein sehr genauer, sehr empfindsamer Beobachter zu sein. Durchaus auch des (politischen/ideologischen) Weltgeschehens, vor allem aber seiner Mitmenschen. „Menschen mit Zukunft/statt eines Gesichts“ – da blitzen Bilder auf, da entstehen Menschen vor dem inneren Auge, die sich nicht treffender beschreiben ließen.
Es überwiegen bei Tranströmer durchaus klassische Lyrikthemen, Politprop sucht man vergebens, auch wenn es immer mal wieder den einen oder anderen Fingerzeig gibt – es geht ihm doch eher um das menschliche Miteinander in durchaus wenig pathetischem Sinne, was ihn mir sehr angenehm macht. Es ist eine eher leise Dichtkunst, die er pflegt.

Während der düsteren Monate saß die Seele zusammengekauert
und leblos,
doch der Leib ging gradenwegs zu dir.
Der Nachthimmel brüllte.
Verstohlen melkten wir den Kosmos und überlebten.

(S. 188)***

Ich bin dem Nobelpreiskomitee dankbar dafür, meinen Blick auf diesen Dichter gelenkt zu haben. Ohne die Entscheidung, ihn in diesem Jahr zu ehren, hätte ich ihn wohl nie entdeckt. Und da hätte ich doch was verpaßt. Wie zum Beispiel diese Stelle hier, die ich abschließend zitieren möchte:

Stille Zimmer.
Die Möbel stehen flugbereit im Mondschein.
Sachte gehe ich in mich selbst hinein
durch einen Wald von leeren Rüstungen.

(S. 190)****

Und auch wenn es übertrieben sein mag, daß jeder Schwede einige Lieblingszeilen Tranströmer zu zitieren vermag – für möglich halte ich es durchaus. Sein Werk gibt das her.

Wer also noch keine Lieblingszeile hat, der möge sich umgehend die

lieferbare Ausgabe

holen.


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*zitiert aus: Präludium (1954). in: Tranströmer, Tomas: Sämtliche Gedichte. Carl Hanser München 1997.
**aus: Nachtbuchblatt (1996)
***aus: Feuergekritzel (1983)
********aus: Postludium (1983)

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (98)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Thomas Mann: Die Buddenbrooks

Zugegeben, Thomas Mann zu empfehlen, ist nicht gerade originell. Allerdings war es von Anfang an eine Linie dieser Buchempfehlungsreihe, sich um Kanonisierungen nicht zu scheren. Und das gilt auch für die Literaten, die das Pech hatten, in den bildungsbürgerlichen Heiligenstand versetzt worden zu sein.* Es scheint in der Tat so, als sei Thomas Manns Einfluß auf die deutsche Literaturproduktion und -rezeption gar nicht zu überschätzen. Wie anders als durch des Konsuls langen Schatten wäre sonst die an eine Gesetzmäßigkeit erinnernde Formel „deutsche Geschichte plus Familienroman gleich Deutscher Buchpreis“ zu erklären?
Die Buddenbrooks stehen jedoch nicht nur für absehbare Preisgewinner** Pate, sondern auch für die immer wieder gerne diskutierte Frage der Kunstfreiheit vor dem Hintergrund der Schutzwürdigkeit von Persönlichkeitsrechten. Denn natürlich war für den kommerziellen Erfolg eines derart umfangreichen Werkes (es ist rührend, den Briefwechsel zwischen Samuel Fischer und Thomas Mann zu lesen, in dem der Verleger den Autor geradezu händeringend bittet, zu kürzen) äußerst nützlich, daß so etliche ehrenwerte Bürger der ehrenwertesten Stadt Lübeck sich darin karikiert zu finden glaubten. Wäre der Roman allerdings nur das, eine armselige Kolportage, so lohnte es sich nicht, heute auch nur noch ein Wort darüber zu verlieren.
Ist es aber nicht.
Die Buddenbrooks sind ganz im Gegenteil ein wirkliches, ein dauerndes, ein großartiges Meisterwerk. Und so sehr auch unsere Schulen und Literaturexperten versuchen, diesen Schriftsteller und insbesondere diesen Roman totzuloben: Manchmal, liebe Lesende, manchmal lohnt es sich trotzdem. Manchmal steht wirklich ein Buch im Kanon, das nicht nur im literaturhistorischen Kontext spannend ist, das nicht nur exemplarisch für irgendetwas steht.
Ich habe die Buddenbrooks zum ersten Mal mit 16 Jahren gelesen und mich hatte er sofort. Da ist eine Prägnanz und Eleganz in seiner Sprache, in seinem den Roman eröffnenden Defilee der Protagonisten, die mit wenigen Sätzen vollständig beschrieben werden – mir raubte das seinerzeit den Atem und ich finde es noch heute faszinierend:

»Was ist das. – Was – ist das…«
»Je, den Düwel ook, c´est la question, ma très chère demoiselle!«
Die Konsulin Buddenbrook, neben ihrer Schwiegermutter auf dem geradlinigen, weiß lackierten und mit einem goldenen Löwenkopf verzierten Sofa, dessen Polster hellgelb überzogen waren, warf einen Blick auf ihren Gatten, der in einem Armsessel bei ihr saß, und kam ihrer kleinen Tochter zu Hilfe, die der Großvater am Fenster auf den Knieen hielt.
»Tony!« sagte sie, »ich glaube, daß mich Gott –«
Und die kleine Antonie, achtjährig und zartgebaut, in einem Kleidchen aus ganz leichter changierender Seide, den hübschen Blondkopf ein wenig vom Gesichte des Großvaters abgewandt, blickte aus ihren graublauen Augen angestrengt nachdenkend und ohne etwas zu sehen ins Zimmer hinein[…]

S. 7

Alle hatten in sein Lachen eingestimmt, hauptsächlich aus Ehrerbietung gegen das Familienoberhaupt. Mme. Antoinette Buddenbrook, geborene Duchamps, kicherte in genau derselben Weise wie ihr Gatte. Sie war eine korpulente Dame mit dicken weißen Locken über den Ohren, einem schwarz und hellgrau gestreiften Kleide ohne Schmuck, das Einfachheit und Bescheidenheit verriet, und mit noch immer schönen und weißen Händen, in denen sie einen kleinen, sammetnen Pompadour auf dem Schoße hielt. Ihre Gesichtszüge waren im Laufe der Jahre auf wunderliche Weise denjenigen ihres Gatten ähnlich geworden. Nur der Schnitt und die lebhafte Dunkelheit ihrer Augen redeten ein wenig von ihrer halb romanischen Herkunft;

(S. 8)

Toll.
Thomas Mann ist neben seiner bewundernswerten Sprachvirtuosität (auch wenn wir zugeben wollen, daß es sich hier um eine andere Art Virtuosität als die einer Juli Zeh oder einer Sibylle Berg handelt, die ihre Sätze weit kürzer zu fassen pflegen) vor allem ein glänzender Beobachter. Seine Figuren sind derart lebendig gezeichnet, daß man sich ihrem Bann nur schwer entziehen kann. Und auch wenn die Buddenbrooks dank ihres für Mannsche Verhältnisse schon überbordenden Plots zu Recht als sein unterhaltsamstes Werk gelten dürfen – es sind doch vor allem seine Figuren, die das Buch auch nach über 100 Jahren noch lebendig erscheinen lassen, völlig frei von irgendwelcher Klassiker-Patina erstehen auch für den heute lesenden Betrachter Figuren, denen ihr Menschsein nicht verlorengegangen ist. Denn eines gilt in der Kunst immer wieder: Wirklich gute Typisierungen gelingen nur ohne Typen. Gerade solche Figuren wie Tony Buddenbrook, für mich eine der mir liebsten literarischen Frauengestalten oder Bendix Grünlich, in seiner anschmeichelnden Widerwärtigkeit großartig getroffen, sind es, die bei aller zeitlichen Ferne zum Geschehen (die im Übrigen bezweifelt werden darf, denn Umbrüche aufgrund veränderter Produktivverhältnisse, das Zusammenbrechen althergebrachter Lebensformen unter der Last eines allgegenwärtigen Wandels etc. kamen ja nicht nur im 19. Jahrhundert vor…) mich auch heute ausrufen lassen:

Keine Angst vor großen Namen: Leute, lest Thomas Mann. Es lohnt sich. Wirklich.

Und damit das auch gleich beginnen kann, hier der Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben.


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*Auch wenn wir davon ausgehen dürfen, daß Thomas Mann selbst diesen Umstand nicht mit der Vokabel „Pech“ assoziiert hätte.
**Und Weihnachtsumsatzgaranten. Ich erwarte glänzende Geschäfte mit dem Ruge. Eben auch, weil er so kompatibel mit dem ist, was allgemein unter „guter Literatur“ verstanden wird.
***zitiert aus: Mann, Thomas: Die Buddenbrooks. (=Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Bd. 1) S. Fischer Frankfurt/Main. 1997

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (97)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Florian Meimberg: Auf die Länge kommt es an.

Die Geschichte der Literatur ist auch eine Geschichte der formalen Experimente – und dabei vor allem der formalen Beschränkungen. Ob Hexameter, Stabreim oder Sonett – es wurde auf allen Feldern und in allen Bereichen nach formalen Kriterien gesucht, die ein literarisches Kunstwerk als besonders gelungen erscheinen lassen. Und auch wenn die Moderne mit all dem aufräumen wollte, es gab und gibt immer Gegenbewegungen. Mag sie auch als getarnt als Zeitlimit im sonst so freien Poetry Slam auftauchen, die künstliche Beschränkung hatte immer ihren Reiz, fordert sie doch den Schaffenden heraus.
Als Herausforderung begreift denn auch Florian Meimberg die 140-Zeichen-Beschränkung des Microblogginganbieters Twitter für die über ihn versendeten Botschaften. „Sehr kurze Geschichten“ nennt er das, was in diesem Band zu lesen ist (und bei seinem Twitteraccount). Und in der Tat, das sind sie: Sehr kurz. Um in 140 Zeichen eine vollständige Geschichte zu erzählen, bedarf es neben eines Höchstmaßes an Reduktion jedoch gleichzeitig auch der Mithilfe des Lesers, in dessen Kopf die fehlenden Bilder ergänzt werden. Das ist höchst reizvoll, wenn es wirklich gelingt, können sich Kaskaden von Bildern ergeben, Stoffe für ganze Epen. Oder auch einfach nur überraschend, pointiert – nicht selten böse.

Shiro hasste seinen Chef. Was für eine sinnlose Dienstreise! Wütend starrte er auf das Zugticket. Hiroshima-Osaka. 5.8. 1945

(S. 113)*

Zac tobte. In der Klapse? Er? Brüllend schlug er gegen das Sicherheitsglas. Und verharrte. Den Mann in der matten Reflexion kannte er nicht.

(S. 129)

Das mit der Wiedergeburt hatte sich Kate irgendwie anders vorgestellt. Epischer. Träge schwappte das Wasser an die Wand des Goldfischglases.

(S. 141)

Meimberg ist hauptberuflich Werber und könnte ich ihn bezahlen, würde ich mir von ihm Werbefilme drehen lassen. In kürzester Zeit eine Geschichte zu erzählen, kann er ganz offenkundig. Natürlich sind die dramaturgischen Mittel bei einer derartigen Verkürzung des Raumes beschränkt. Und so sei für die Lektüre dieses Bandes dringend noch einmal meine Empfehlung für Anthologien jeglicher Art wiederholt: Möglichst nicht am Stück lesen. Es empfiehlt sich, immer dem einzelnen Text Zeit und Raum zur Wirkung zu geben. Das ist nicht nur fair jedem neuen Text gegenüber, es wird so auch die Gefahr verringert, durch einfachen Überdruß sich um ein Leseerlebnis zu bringen. Die Tiny Tales sind eher ein Buch, das man immer mal wieder an irgendeiner Stelle aufschlagen kann, um dort eine Perle zu entdecken. Das erscheint mir auch etwas angemessener als die thematische Sortierung des Bandes, die Redundanzen nicht gerade verhindert. Womit freilich keine Ausrede geliefert werden soll, auf die Anschaffung der

lieferbaren Ausgabe

zu verzichten.

Einen habe ich noch:

Er blickte in die leeren Mienen der jungen Krieger. Seiner Privatarmee. Das Signal ertönte. Große Pause. Die 5b war jetzt bereit.

(S. 126)


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*aus: Meimberg, Florian: Auf die Länge kommt es an. Fischer Taschenbuch. Frankfurt/Main 2011

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (96)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Walter Moers: Die Stadt der träumenden Bücher

Bei dem bemerkenswerten Projekt „Fünf Bücher“ ist Walter Moers nach heutigem Stand der meist genannter Autor. Das überrascht wenig, gibt es kaum jemanden, der derartig leidenschaftliche Plädoyers fürs Lesen in seine Werke schreibt wie Moers. Das verfängt naturgemäß bei Leuten, die mit Literatur zu tun haben, sehr gut.
»Die Stadt der Träumenden Bücher« ist noch weit mehr als das. Es ist eine Liebeserklärung an die Literatur und das Buch – versteckt in einer atemberaubenden Abenteuergeschichte, gespickt mit skurrilen Figuren, ingeniösem Wortwitz und literaturhistorischen Anspielungen. Ein Plädoyer für die Literatur, das vollkommen unplädoyerhaft geschrieben ist und gerade dadurch um so stärker wirkt.
Kurz: Das Buch ist eine wahre Freude und in meinen Augen das bisher beste, was ich von Moers gelesen habe. Weiterlesen „Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (96)“

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (95)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jerome David Salinger: Der Fänger im Roggen

„Ein jegliches hat seine Zeit“ (Prediger 8,1). Das gilt im Besonderen für Coming-of-Age-Romane. Zum richtigen Zeitpunkt gelesen, können diese geradezu offenbarische Wirkung haben, vermag der oder die Lesende das eigene Gefühlschaos, die wirren Gedanken, das Unbehagen an der Welt endlich einmal niedergeschrieben, in Worte gefasst sehen. Ein glühendes „Ja, so ist es!“ mag dann hervorgerufen werden. Und nicht selten stehen Menschen anderer Lebensalter dieser Begeisterung verständnislos gegenüber. Oder, was wahrscheinlich noch schlimmer ist, wissend erhaben lächelnd.
Es bedarf also einiges Können und vor allem auch einiges an weitergehender Aussagefähigkeit, um die Grenzen des Genres zu überwinden. Befragt man die glühenden Verehrer Salingers nach dem Alter ihrer Erstlektüre werden denn auch selten Zahlen >20 genannt. Ich selber las ihn denn auch erst kürzlich (ungläubiges Staunen, ein Raunen geht durchs Publikum), hatte ich bisher dem Druck der Peer-Group widerstanden („Wie, Du hast den noch nicht gelesen?“*), wurde mir das Buch tückischerweise von einer mir sehr lieben Freundin geschenkt – und nun ja, da konnte ich ja nicht anders.
Es gibt manchmal Kunstwerke, bei denen man spürt, daß sie verdammt gut sind und trotzdem gelingt es nicht, sie zu mögen. Das Herz will sich nicht öffnen. Mir geht das zum Beispiel bei Bob-Dylan-Songs so, zumindest, wenn sie von Bob Dylan gesungen werden. Ich merke, das sind starke Sachen, aber diese enervierende Stimme regt mich auf. Das ist irgendwie schade, aber zum Glück wurden ja einige Sachen gecovert.
Es ging mir bei der Lektüre des Fänger im Roggen streckenweise ähnlich – irgendwie nerven der schnoddrige Tonfall und die ständigen Jugendfloskeln („und so“) schon ein wenig. Mich zumindest. Gleichzeitig aber machen diese Stilmittel Sinn, gehören geradezu herein. Vielleicht liegt es auch daran, daß Heranwachsende ganz generell auf sich bereits für erwachsen haltende Menschen einfach enervierend wirken. Durch ihre Art, die Welt zu sehen, durch ihre merkwürdige Ausdrucksweise, ihre Gedankensprünge bei gleichzeitigem Hang zur Monothematik (Sex, nur gelegentlich unterbrochen von Gedanken zum Weltfrieden). Dies aber zeichnet Salinger ganz großartig.

Der gute Luce. War das ein Typ. Als ich an der Whooton war, sollte er eigentlich mein Studienberater sein. Aber eigentlich redete er bloß immer über Sex und so, nachts, wenn ein Haufen Typen bei ihm im Zimmer war. Er wusste einiges über Sex, besonders über Perverse und so. Er erzählte uns immer von einer Menge gruseliger Typen, die was mit Schafen haben, und Typen, die sich eine Mädchenunterhose in ihren Hut genäht haben. und Homos und Lesbierinnen. Der gute Luce wusste genau, wer in den Vereinigten Staaten Homo und wer Lesbierin war. Man brauchte nur jemanden – egal wen – zu erwähnen, und der gute Luce sagte einem, ob der ein Homo war oder nicht.

(S. 184)**

Diesen Luce nun trifft er eines Abends in New York wieder. Und dise Anschlußszene ist bemerkenswert:

»He, ich hab ’n Homo für dich«, sagte ich zu ihm. »Am Ende der Bar. Sieh jetzt nicht hin. Den hab ich für dich aufgehoben.«
»Sehr komisch«, sagte er. »Der gute alte Caulfield. Wann wirst du endlich erwachsen?«
Ich langweilte ihn ziemlich. Wirklich. Aber ich fand ihn lustig. Er ghörte zu den Typen, die ich ziemlich lustig finde.
»Was macht dein Sexleben?«, fragte ich ihn. Er konnte es niht ausstehen, wenn man ihn solchen Kram fragte.
»Entspann dich«, sagte er.»Versuch dich einfach mal zu entspannen, Herrgott.«
»Ich bin entspannt.«, sagte ich.»Was macht die Columbia? Gut da?«
»Sicher ist es gut da. Wenn’s da nicht gut wär, dann wäre ich gar nicht hin«, sagte er. Er konnte manchmal auch selber ganz schön langweilig sein.
»Was macht’n als Hauptfach?«, fragte ich ihn.»Perverse?«
»Was soll’n das sein – komisch?«

(S. 185f.)

Ein Dokument des gegenseitigen Unverständnisses. Mir öffneten sich da sofort Assoziationen zu duchaus ähnlichen Szenen. Es ist schon bemerkenswert, wie schnell man einander nicht mehr verstehen kann, wie Szenarien, die vor kurzem noch funktionierten, das auf einmal nicht mehr tun, weil sich die Beteiligten spürbar veränderten. Luce ist nicht mehr der strahlende Alleinunterhalter, der Jüngere mit seinem profunden Geheimwissen beeindrucken möchte – dieser Teil seines Lebens scheint ihm eher peinlich geworden. Und da kommt dann so ein Grünschnabel und konfrontiert ihn mit dem Bild, das er von ihm hat. Mit solchen Szenen hebt sich für mich Salinger über die Grenzen des Coming-of-Age hinaus. Das ist durchaus mehr als nur eine Identifikationsmöglichkeit für junge Menschen auf der Suche nach ihrem Platz im Leben (obwohl es das natürlich auch und vielleicht sogar vorrangig ist).

Salingers Holden Caulfield, notorischer Kandidat für Schulverweise, weigert sich, die Weltsicht anzunehmen, die ihm von offizeller, erwachsener Seite aufgezwungen werden soll. Er will nicht zu den angepassten, durckmäuserischen, aufschneiderischen Heuchlern gehören, die ihn auf den verschiedenen Privatschulen, die er erleben durfte, begegnen, gehören und die schon genau so sind, wie angepassten, duckmäuserischen, aufschneiderischen Heuchler, als welche sich ihm die Erwachsenen darstellen. Er ist auf der Suche nach Wahrhaftigkeit, nach ernsten, tiefen Gefühlen, nach einem Leben, das sich nicht verstellt, nicht verbiegt (und geht aber trotzdem mit einer hübschen, jedoch hohlen Nuss aus – man hat es nicht leicht***). Und entlarvt dabei all die Hohlheit, die Schauspielerei, die Heuchelei, die wir tagtäglich begehen, weil wir meinen, dies tun zu müssen, weil wir »endlich erwachsen« geworden sind. Diese Notwendigkeit stellt Caulfield radikal in Frage. Er ist enttäuscht von seinem Bruder, der sein schriftstellerisches Talent an hohle Hollywoodfilme verkauft hat, empfindet seine Eltern eher als hohle Gestalten denn als lebendige Menschen und ist beeindruckt von zwei Nonnen, die konsequent ihrer Überzeugung und ihrer Weltsicht folgen.
Holden bleibt in seiner ganzen nervigen Teenagerhaftigkeit, mit der ganzen Gefühlspalette, die von tiefstem Selbstzweifel bis zum Größenwahn reicht, aber eine höchst liebenswerte Figur. Das zeigt sich an vielen Stellen (zum Beispiel in seinem rührend unbedarften, aber integrem Verhalten einer Prostituierten gegenüber), ganz besonders aber in den Szenen, in denen es um seine Schwester geht. Phoebe ist vielleicht eine der rührendsten Gestalten, die mir bisher in meiner Lektüre begegneten. Und so möchte ich schließen mit der Szene, in der denn auch ich meinen Identifikationsmoment mit Holden Caulfield hatte:

Alle Eltern und Mütter und alle liefen zum Karussell und stellten sich unters Dach, damit sie nicht bis auf die Haut nass wurden oder was, aber ich blieb noch eine ganze Weile auf der Bank sitzen. Ich wurde richtig quietschnass, besonders der Kragen und die Hose. Meine Jägermütze gab mir irgendwie eine ganze Menge Schutz, aber trotzdem wurde ich patschnass. Aber das war mir egal. Ich war auf einmal so verdammt glücklich, als die gute Phoebe da immer im Kreis fuhr. Fast hätte ich geheult, so verdammt glücklich war ich, wenn ihr’s genau wissen wollt. Warum, weiß ich nicht. Sie sah einfach nur so verdammt nett aus, wie sie da in ihrem blauen Mantel und so immer im Kreis fuhr. Gott, ich wünschte, ihr hättet auch da sein können.

(S. 268)

Und mit diesem rührenden Moment möchte ich auf die

lieferbaren Ausgaben

verweisen.


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*Wobei sich damit ja auch kokettieren läßt. Immerhin macht solch deviantes Verhalten ja auch interessant…
**zitiert nach: Salinger, J.D.: Der Fänger im Roggen. neu übersetzt von Eike Schönfeld. Rowohlt TB. 12. Aufl. 2010.
***auch dies übrigens eine großartige Szene gegenseitigen Unverständnisses.

Das Buch zum Sonntag (94)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Frank Fischer: Der Louvre in 20 Minuten

Die UNESCO definiert ein Buch als eine nichtperiodische Publikation mit 49 oder mehr Seiten Umfang.
Demnach wäre das heute zu empfehlende Werk kein Buch. Nun ist der Verfasser dieser Zeilen ja hauptberuflich Buchhändler und im Buchhandel gibt es (unter anderem, dies sei der Fairness halber erwähnt) die äußerst pragmatische Definition »Ein Buch ist alles, was eine ISBN hat.«, an welche ich mich denn heute auch einmal halten möchte.


Der Titel von Frank Fischers neuestem Streich ist in doppelter Hinsicht programmatisch. Zum einen beschreibt er das wahnwitzige Projekt der Protagonisten des Werkes, nämlich den Louvre in 20 Minuten – wenn nicht vollständig, so doch erschöpfend – zu durchqueren. Zum anderen dauert die lesende Begleitung der Kunsttouristen auch kaum länger als 20 Minuten. Man befindet sich sozusagen im Gleichklang mit der beschriebenen Handlung – und die rast von Anfang an:

… stürmen wir den Denon-Flügel, überwinden die ersten Stufen, springen die Wendeltreppen hinauf in den Salle du Manège und von da aus sofort weiter in die Galerie Michel-Ange, ziehen dort im Slalom um ein paar Skulpturen herum und halten dann zum ersten Mal. Vor uns steht Michelangelos »Sterbender Sklave« (1513-1516), dessen Körper auf die schönste Weise vom Morgenlicht beschienen wird. Sébastien2000, unser sicher nicht ganz legal arbeitender Hochgeschindigkeitsmusemsführer, erläutert laut und schnell die berühmten Verrenkungen der Figuren.

(S. 3)*

Eine solche Tour de force durch die europäische Kunstgeschichte ist naturgemäß hochselektiv, offenbart dabei aber auf deutliche Weise die Willkür einer jeden Kanonisierung. So mag ich das Buch denn auch nicht wegen seiner profunden Einführung in zentrale Kunstepochen und deren Vertreter empfehlen, sondern eher wegen Fischers Fähigkeit zur Miniatur, zur pointierten Charakterisierung. Das Büchlein ist ein Kaleidoskop glitzernder Perlen, bei deren Betrachtung geradezu kindliche Freude aufkommt. Das trifft nicht nur auf seine Begleiter und im Vorbeiziehen aufscheinende andere Besucher zu, sondern durchaus auch auf seine Beschreibungen, die vor selten verwandten Neologismen keinen Halt machen, wenn sie denn den Punkt treffen:

Die nächsten Kommandos von Sèbastien dirigieren uns in die Helligkeit des Folgesaals, den Salon Carré. Bereits dessen Decke ist üppig zugekunstet, aber wir widmen uns dezidiert einer »Jungfrau mit Kind« von Cimabue (um 1280), während ich hinter mir jemanden sagen höre: »This is just like in the Sistine Chapel.« Was jetzt genau hier in diesem Saal wie dort in der Kapelle sein soll, kann ich nicht heraushören, aber ich muss an Leute denken, die in Zürich sind und sich an London erinnert fühlen oder an Cottbus.

(S. 6)*

Mit diesen wenigen Sätzen entstehen doch gleich ganze Bilder, sowohl von der Einrichtung als auch von den Mitanwesenden…
Und so geht es munter weiter, 20 Minuten lang, bis sowohl Reisegruppe als auch Lesender, je nach Kondition leicht bis mittelmäßig erschöpft, aber doch zufrieden und leicht beglückt, den Louvre-Rundgang beendet haben. Ich würde gerne noch mehr über das Buch plaudern, allein, ich möchte ja nicht spoilern und bei einer Paginierung, die mit der Zahl 19 endet, hat man doch schneller zu viel verraten als es der geneigten Leserschaft lieb sein kann.

Also, holt euch lieber die

lieferbare Ausgabe in Print oder als eBook.

und lest selber.

Wer nicht online bestellen mag, kann das Werk problemlos auch hier erwerben (zum Beispiel, wenn man nächsten Donnerstag ja eh dort ist 😉 ) oder auch, was besonders für die Berliner interessant sein dürfte, an den unglaublich tollen Bücherautomaten.

*zitiert aus: Fischer, Frank: Der Louvre in 20 Minuten. (=Schöner Lesen Nummer 105) SuKuLTuR Berlin 2011

Das Buch zum Sonntag (93)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Gregor Hens: Nikotin.

Die Literaturgeschichte ist zu nicht wenigen Teilen eine Drogengeschichte. Der Alkohol hat eine lange Liste literarischer Verehrer (und nicht erst seit der Grünen Fee) und eine ebensolche lange Liste von Opfern. Für einige Strömungen würde ich den Konsum verschiedener pharmakologisch wirksamer Substanzen sogar für konstitutiv halten. Rauchen ist denn auch das passende Stichwort. Kaum ein Berufsstand wird im kulturellen Gedächtnis so sehr mit dem Rauchen in Verbindung gebracht wie der Künstler jeglicher Spielart.
Der Schriftsteller mit Pfeife, Zigarre oder Zigarette ist denn auch ein gewohntes Bild. Die zugeschriebene Wirkung der Ruhe, der Konzentrationshilfe läßt diese Verbindung geradezu natürlich erscheinen.
Geraucht wird indes ja nicht nur von Künstlern, nicht einmal nur von Künstlerseelen. Was also treibt Menschen an, sich diesem Gelüste hinzugeben? Was macht sie zu Jüngern des blauen Dunstes?

Ich habe geraucht, weil ich satt war und ich habe geraucht, weil ich hungrig war. Ich habe geraucht, weil ich glücklich war und ich habe geraucht, weil ich niedergeschlagen war. Aus Einsamkeit habe ich geraucht und aus Freundschaft, aus Angst und aus Übermut. Jede Zigarette, die ich geraucht habe, hatte eine Funktion – sie war Zeichen, Medikament, Aufputsch- oder Beruhigungsmittel, sie war Spielzeug, Accessoire, Fetisch, Pausenfüller, Erinnerungsstütze, Kommunikationsinstrument oder Meditationsobjekt. Manchmal war sie alles auf einmal.****

(S. 8)

Die Lektüre von Gregor Hens* Meditationen über das Nikotin legt jedenfalls nahe, daß es nicht die Faszination der kunstvollen Wolken Gandalfs ist, sondern die Gründe in tieferen Schichten zu suchen sind. Dies ist zunächst auch der Grundimpuls des Werkes: Nachforschen, Ergründen, Hineinhorchen – und es ist ein Glück, daß wir es hier mit einem Literaten zu tun haben. Denn die meisten Schriftstücke, die aus einem therapeutischen Ansatz heraus geschrieben wurden, sind schlicht unerträglich (als aus beruflichen Gründen für das Empfangen von Manuskripten prädestinierter Mensch muß ich das so behaupten).
Ich schätze Hens für seine Fähigkeit, sehr genau zu beobachten. Und dafür ist eine solche Innenschau hervorragend geeignet. Es ist eine Biographie in Zigaretten, die sich hier öffnet, ein Lebenskreis im Rauch, sozusagen. Daß er in eben diesen nicht aufgeht, ist die Grundsorge des Schreibenden, es ist ein beständiges Anschreiben gegen eine Grundstruktur seiner Persönlichkeit. Hens erzählt, wie er sich eine letzte Zigarette holt, geschnorrt von einer Frau in einem Berliner Eckcafé. Diese nun platziert er daheim auf einem weißen Blatt („mittig und exakt parallel zu den Kanten. Ich betrachte die Komposition, ein Bild. Ce n´est pas une cigarette.“, S. 30) und schneidet sie auf.*** Er seziert sie, zerlegt sie in ihre Einzelteile (der interessierte Leser erfährt hier einiges über Aufbau und Zusammensetzung einer Filterzigarette). Eben diese Genauigkeit, dieses exakte Sezieren einer Zigarette steht metaphorisch für das genau, exakte Sezieren seiner Sucht, der Denkmuster, die diese in ihn eingeprägt hat, die Handlungsmuster, die ihn leiten – und zwar weit über Beschaffung und Konsumierung hinaus.

Ich trete nicht näher an den Tisch. Ich beuge mich nicht vor, ich greife nicht nach den Zigaretten. Ich sehe sie an, aber ich betrachte nicht sie, sondern mich selbst in dieser Situation. Was ich im Blick habe, ist mein Verhältnis zu dem erdachten Päckchen Salem, ich betrachte die überbrückbare Distanz, das Kräfteverhältnis zwischen mir und dem Objekt. Ich spüre eine Wirkung, eine beinahe physische Anziehung. Es ist, als würden die Zigaretten an mir zerren. Das Objekt will jetzt meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, nichts anderes soll mich interessieren.

(S. 87f.)

Es ist nicht leicht, mit dem Rauchen aufzuhören. 😉
Wirklich groß wird Hens da, wo er erzählt. Erzählt von seiner ersten Zigarette, von den Orten und Situationen, in denen er rauchte, von den entscheidenden Situationen seines Lebens, die immer mit einer Zigarette verbunden sind. Diese Miniaturen sind exzellente Schilderungen dessen, was eine Zigarette auszulösen vermag und warum sie geradezu zu einem Symbol des Lebendigseins, zu einem Lebensgefühl werden kann. Warum man also gerne und intensiv rauchen will. Meine Lieblingssituation ist die Szene, in der er, seit mehreren Jahren Nichtraucher, nach einem schweren Radunfall wiederbelebt wurde und unmittelbar nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus, noch kaum bewegungsfähig, geradezu gierig nach einer Zigarette verlangt und sich lebend wie nie zu vor fühlt.
Es ist immer diese erste Zigarette, jener erste Zug:

Ja, dachte ich, der erste Zug… Ich schloss die Augen und spürte, wie mir das Nikotin nach der langen Abstinenz in die Adern schoss, wie es in tausend winzigen Explosionen in meinen Gehirnwindungen prasselte, ich spürte dieses großartige Feuerwerk, das Kitzeln in den Nerven, den Rausch meiner ersten Rückfallzigarette! Ich saß an der Kiesgrube, auf dem Geländewagen meiner verstorbenen Mutter, zog den Rauch bis in die empfindlichen, zur Entzündung neigenden Lungenspitzen, das Dopamin flutete mein mesolimbisches System, und ich verstand, dass der Rausch des Rückfalls ein ganz besonderes Geschenk war – weit mehr als der Lohn für das, was mir in den Wochen der Entbehrung entgangen war, weit mehr als nur ein Nachholeffekt.

(S. 144)

Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, daß dies eine andere Szene ist – aber bitte: Was für eine! Ja, Rauchen, Drogen, Sucht – natürlich ist das Genuß, natürlich fühlt sich das verdammt gut an. Wer wirklich heranwill an die Gründe, dem muß das klar sein. Ein Rausch ist ein unerhört gutes Gefühl, eines, nach dem es sich sehnen läßt, das lockt und ruft. Und das eben genau deshalb eine Dominanz entwickeln kann, eine beherrschende Stellung im Leben und Streben eines Menschen, das von Freiheit, von eigener Willensbildung keine Rede sein kann. So lohnend ein Rausch also auch es ist, es kann sehr lohnend sein, sich davon zu befreien.
Es ist dieses Buch kein Loblied aufs Rauchen und keines auf das Nichtrauchen, Hens schreibt hier keinen Ratgeber und keine jammernde Betroffenheitsliteratur. Es ist das Buch von einem, der auszog, seine Kindheitsmuster zu besiegen.
Ich glaube im Übrigen, daß dieses Buch von Rauchern und Nichtrauchern gänzlich unterschiedlich gelesen wird. 😉

So, und nun gehet hin und kauft die

lieferbare Ausgabe.


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P.S. Das Buch ist keineswegs eine dröge Innenschau, es ist durchaus unterhaltsam, hier mal eine Stelle für die Freunde klassischer deutscher Literatur:

Zwischen meinem dreizehnten und meinem neunzehnten Lebensjahr las und rauchte ich tatsächlich alles, was mir zwischen die Finger kam. Mir selbst ist das Ausmaß meiner Langeweile erst bewusst geworden, als mir vor kurzem einfiel, dass ich Gottfried Kellers Grünen Heinrich, einen ausgesprochen langatmigen Entwicklungsroman, in der Fassung von 1855 und dann noch einmal in der Fassung von 1879 gelesen habe – im Ganzen über eintausendsiebenhundert Seiten, die mit Betrachtungen zu Goethe, zur antiken und zeitgenössischen Kunst, zu Sitte, Religion, Metaphysik und Geschichte gefüllt sind. Keller lässt nichts, aber auch gar nichts aus, was das bürgerliche Gemüt der Zeit bewegt hat, während sich die Handlung auf drei Seiten zusammenfassen ließe.

(S. 135f.)

*der hier bereits vor über 2 Jahren mit seinem großartigen Matta empfohlen wurde.
**zitiert nach: Hens, Gregor: Nikotin. S. Fischer Frankfurt/M. 2011
***Eventuell mitlesende Raucher seien beruhigt: Es handelt sich um eine Benson&Hedges, also nichts, worüber man traurig sein müsste. Aufschneiden könnte noch das beste sein, was man mit diesen Dingern machen kann. 😉

Das Buch zum Sonntag (92)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Robin Lane Fox: Alexander der Große

Aus geschichtstheoretischen Überlegungen bin ich ja bekennender Anhänger der französischen Geschichtsschreibung (Annales, longue durée und so). Vom sozialhistorischen Ansatz der Annales ist nun das heute empfohlene Werk denkbar weit entfernt. Wir haben es ganz im Gegenteil mit einer politischen Biographie zu tun, die ganz klar ihren Schwerpunkt auf die Ereignisgeschichte legt.
Aber wie!
Da Alte Geschichte nun wirklich nicht mein Thema ist, begegnete ich Lane Fox denn auch erst recht spät, und zwar in einer Dokureihe zum frühen Christentum, die auf arte lief.* Er fiel mir dort mit seiner geistreichen Art auf, mit seinem intellektuellen Witz, kurz: very british. Da fiel es mir nicht schwer, das Erscheinen der Taschenbuchausgabe seines ersten Großwerkes als willkommenen Anlaß für einen Leseexemplarwunsch zu nehmen, um meinen telemedialen Eindruck gegenzuprüfen.**
Die opulente Biographie ist zwar inzwischen fast 40 Jahre alt (wenn auch die aktuellen Ausgaben überarbeitet wurden), taugt aber noch immer als solide Grundlage für weit mehr als nur Konversationswissen zu einer der faszinierendsten Herrschergestalten der Geschichte. Vor allem aber: Bei den Briten, und bei Lane Fox insbesondere, scheint die Idee, daß Geschichte eine interessante Sache sei, die man denn auch interessant erzählen kann, noch nicht verloren gegangen zu sein (unter den Literaturnobelpreisträgern finden sich einige Historiker oder zumindest Autoren, die für ihre historischen Werke ausgezeichnet wurden). Und so ist es also durchaus eine Freude, diese Biographie zu lesen.

In Alexanders Plan gibt es auch den Erforscher und den „unerbittlichen Wohltäter“ sowie den Eroberer. Langeweile ist nämlich eine Triebkraft des Lebens, die die Geschichtsbüher stets vergessen.
Alexander war 29 Jahre alt und unbesiegbar. Er stand am Rande eines unbekannten Kontinents. Umzukehren wäre sehr unaufregend gewesen – das Leben in Asien verhieß kaum mehr als Jagen und die langweilige Routinearbeit, die Aufstände und provinziale Erlasse erfordern. Nur in einer Rede an seine Truppen ist von einem Marsch zum östlichen Ozean die Rede, zum – wie die Griechen meinten – Rand der Welt. Obwohl die Rede sicherlich nicht authentisch überliefert ist, ist es doch richtig anzunehmen, nicht nur weil es so romantisch klingt, daß dieses Detail auf Tatsachen beruht.

(S. 438f.)***

Gerade solch persönliche Aspekte halte ich in der Tat zu Unrecht für unterbewertet. Mir ist schleierhaft, warum anzunehmen sei, in der Vergangenheit seien Entscheidungen weniger banal begründet gewesen als heute. Ich behaupte da eher mit Thukydides, daß Menschen schon immer Canaille waren und es auch bleiben werden (also, mal ganz grobkörnig formuliert 😉 ). Es ist schwer, sich viele Jahre intensiv mit einer Sache zu beschäftigen und von dieser unberührt zu bleiben. Dies gilt umso mehr für historische Gegenstände und erst Recht, wenn diese dann auch noch biographischer Natur sind. So wäre die Behauptung, Fox könne Alexander nicht leiden, wohl auch durch nichts im Buch zu rechtfertigen. Man spürt die Sympathie des Autoren seinem Helden gegenüber schon reht deutlich. Freilich haben wir es hier trotzdem nicht mit einer Hagiographie zu tun, vielmehr mit einem sehr lebendigen Zeitpanorama, auf dessen Bühne die allerdings tatsählich beeindruckende Gestalt Alexanders auftritt, dessen weniger glänzende Seiten ebenso beschrieben werden wie die manhmal noch spannendere Rezeptionsgeschichte seines Mythos. Es ist dies auch eines der Grundprobleme bei jeder Beschäftigung mit Alexander: Unmittelbare Zeugnisse existieren nicht und so erhält der geneigte Leser nebenbei auch noch eine kleine Einführung in Quellenkritik.
Wie überhaupt zu sagen ist, daß hier historische Forschung so nonchalant, so sophisticated präsentiert wird (selbst solche Nerdthemen wie Numismatik, also diese Disziplin, die sich unzählige Münzen anschaut, um anhand von minimalen Abweichungen tiefschürfende Erkenntnisse zu gewinnen, wirkt bei Fox wie ein großer Spaß), daß es mir geradezu unvorstellbar scheint, irgendjemand könne nach der Lektüre nicht sofort nach dem nächsten Thema lechzen.

Wer nun nach diesem Werk lechzt, dessen Durst ließe sich mit diesen

lieferbaren Ausgaben

stillen.


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*Die im Übrigen großartig ist. Erstaunlicher Weise kann es tatsächlich funktionieren, einfach mal 90 Minuten lang ein paar Leute von Dingen reden zu lassen, von denen sie Ahnung haben. Nichts zum mal Lockerflockignebenbeischauen, aber sehr interessant und tiefgründig. Und durchaus unterhaltsam.
**Man kann sich da ja manchmal täuschen. Ustinov zum Beispiel liest sich nicht annähernd so flüssig und elegant, wie er sich anhört (und -schaut).
***zitiert nach: Fox, Robin Lane: Alexander der Große. Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbek 2010

Das Buch zum Sonntag (91)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Stefanie Sourlier: Das weisse Meer

Erzählungen haben es angeblich nicht leicht, Leser zu finden.* Das wäre, sollte es denn stimmen (was ich nicht glaube), äußerst bedauerlich. Im Falle von Stefanie Sourlier sogar noch weit mehr für das Publikum als für die Autorin. Hier gäbe es wirklich etwas zu verpassen.
Stefanie Sourlier schreibt Geschichten, die sehr genau beobachtet sind, die sehr nahe an ihre Protagonisten herangehen und ihre Abgründigkeit erst spät offenbaren. Gelegentlich auch erst mit dem letzten Satz. Es bedarf solcher Werke, um im Wust der geradezu täglichen Neuerscheinungen, im belletristischen Alltag, der angefüllt ist mit der Mischung aus Epigonen und Mittelmaß, die das schriftstellerische Schaffen von Anbeginn an ausmacht, daran erinnert zu werden, daß es auch noch Literatur gibt.

Seitdem ich mich erinnern kann, war der Mittwoch Onkel Georgs Tag gewesen. Unsere Mutter setzte uns in den Trolleybus, mit dem wir dann bis zur Endstation namens Holzerhurd fuhren, wo Onkel Georg auf uns wartete. Jeden Mittwoch stand Onkel Georg am selben Ort bei dem dürren Bäumchen an der Bushaltestelle, das im Vergleich zum riesigen Onkel Georg geradezu winzig erschien, und ruderte mit seinen langen Armen, sobald er uns oder auch nur den Bus erblickte. Der Onkel Georg war sehr groß. Wie er erzählte, habe seine Körpergröße immer oberhalb all der Linien auf den Tabellen gelegen, mit denen man beim Schularzt die ungefähr zu erwartende Größe am Ende des Wachstums bestimmen konnte, trotzdem hatte niemand geglaubt, dass er tatsächlich zwei Meter und neun Zentimeter messen würde. Der Onkel Georg stand also an der Bushaltestelle, ruderte mit den Armen, und wir rannten auf ihn zu. Er bückte sich, indem er seinen Oberkörper einknickte wie eine gefällte Tanne und je einen der langen Arme um mich und meinen Bruder legte.

(S. 42f.)**

Vielleicht liegt es auch nur an meinen persönlichen Vorlieben. Ich mag Erzählungen sehr, insbesondere dann, wenn sie auch tatsächlich erzählen und nicht nur mühsam kaschierte Romanversuche sind. Und erzählen kann Frau Sourlier. Sie erzählt von Verfremdung, Entfremdung, Enttäuschung, Nähe, Ferne, Träumen und anderen Ideen. Es ist naturgemäß schwer, aus einem so feingewebten Gebilde wie einer Erzählung etwas Signifikantes, Eindeutiges herauszufiltern. Vielleicht aber gelingt es mit dieser Miniatur anzudeuten, warum mich ihre Erzählungen faszinieren:

Als ich nachmittags das Haus verließ, traf ich den alten Mann im Treppenhaus. Ich grüßte ihn, getraute mich aber nicht, ihn mit seinem Namen anzusprechen, da diesen ja nur vom Klingelschild kannte. Ich hätte wortlos an ihm vorbeigehen können, doch dies erschien mir unhöflich, also ging ich, einen Fuß vor den anderen setzend, hinter ihm die Treppe hinunter und blickte auf den Hut, der seinen kahlen Hinterkopf bedeckte. Wir sprachen nicht miteinander, ich hätte ihn fragen können, ob er etwas mit dem Schmuckgroßhandel H. SAMUEL zu tun habe, aber das hatte er bestimmt nicht, so why would I live in this filthy building, hätte er vielleicht geantwortet, aber der alte Mann antwortete nichts, da ich ja nichts gefragt hatte, er atmete nur leicht keuchend. Ich hielt im die Haustür auf, da blieb er stehen und sagte: Go on, Madame, it´s better if they don´t see us together. Ich blieb einen Moment stehen und starrte ihn perplex an. Er legte einen Finger vor den Mund und sagte: Psst, they are everywhre. Even if you don´t see them, they are there. Schnell ging ich zur Tür hinaus.

(S. 82)***

Jede ihrer Erzählungen ist durchaus ein wenig anders und sie findet immer den zur erzählten Geschichte passenden Ton. Und auch wenn sich durch die ganze Sammlung durchaus eine leichte Traumstimmung, eine sanfte Melancholie quasi als weicher Teppich zieht – sie läßt uns immer wieder unter ebendiesen schauen. Und da offenbaren sich gerne wahre Abgründe. Ich bin ihr dabei immer wieder auf den Leim gegangen, indem ich ihr immer wieder aufs Neue folgte und immer wieder einen Schauer verspürte. Es ist ist erstaunlich, wie nonchalant es möglich, in rührselig scheinenden Kindeheitserinnerungen Dramen zu verstecken, die für wochenlange Boulevardberichterstattung ausreichen würden. Mich hat sie damit eins ums andere Mal hereingelegt – doch sei hier versichert: Immer wieder gerne.

Die geneigte Leserschaft sei zum Abschluß auf die Möglichkeit verwiesen, sich mit Hilfe der

lieferbaren Ausgabe

ebenfalls hereinlegen lassen.


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*Im Übrigen sehe ich da einen klassischen Fall der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Es ist schwer, etwas zu verkaufen, von dem man glaubt, daß es gar keiner haben will. Insofern wäre ein nachhaltiger Schub für das Genre „Erzählungen“ noch eine der besten Folgen des „literarischen Fräuleinwunders“
**aus: Nach Italien in: Sourlier, Stefanie: Das weisse Meer. Frankfurter Verlagsanstalt. Frankfurt/M. 2011.
***aus: Das weiße Meer. ebenda.

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (90)

Prolog: Es gab in den letzten Tagen eine erstaunliche Häufung familiärer Klein- und Großereignisse, die von dem pünktlichen Beginn des Schreibens dieser Empfehlung nicht viel übrig ließen. Ähem.

Für die laufende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Mark Twain: Die schreckliche deutsche Sprache

Mark Twain gehört vielleicht zum Besten, was die US-amerikanische Literaturgeschichte zu bieten hat. Auch wenn ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, daß zu dieser Erkenntnis besonders gelangt, wer die USA kennt. So manches scheint mir doch sehr typisch, sehr aus der kulturellen Seele* dieses eigenartigen Landes geschrieben. Was andererseits aber natürlich Gelegenheit gibt, einen tiefen Blick in eben diese Seele zu werfen.
Es lohnt sich also durchaus, Mark Twain auch einmal jenseits der Jugendabenteurromantik, mit der 12jährige „Tom Sawyer“ verschlingen, zu lesen.
Das heute empfohlene Werk allerdings hat von alldem wenig. Aber es ist großartig gegrantelt. Ein frustrierte Deutschlerner haut den Deutschsprechenden (und vor allem: -schreibenden) ihre Sprache mal gehörig um die Ohren. Neben dem diebischen Vergnügen, das man dabei als Lesender hat, eröffnen sich hier durchaus einige Perspektiven. Zum einen darauf, wie Nicht-Muttersprachler die deutsche Sprache mit ihren, nunja, Eigenheiten warnehmen und zum anderen auch, wie sich die deutsche Sprache vor 130 Jahren präsentierte. Oder auch heute noch präsentiert:

Dieser Abschnitt liefert den Stoff für ein paar Bemerkungen über eine der seltsamsten und merkwürdigsten Besonderheiten meines Themas – die Länge der deutschen Wörter. Einige deutsche Wörter sind so lang, daß sie eine Perspektive aufweisen. Man beachte folgende Beispiele:

Freundschaftsbezeigungen.
Dilettantenaufdringlichkeiten.
Stadtverordnetenversammlungen.

Diese Dinger sind keine Wörter, sie sind alphabetische Prozessionen. Und sie sind nicht selten; man kann jederzeit eine deutsche Zeitung aufschlagen und sie majestätisch quer über die Seite marschieren sehen – und wenn man nur einen Funken Phantasie besitzt, kann man auch die Banner sehen und die Musik hören.

(S. 49)**

Noch viel verwirrender als die kaum zu entwirrenden Komposita muß aber auf einen dem englischen Sprachraum entstammenden Menschen das große Thema „Genus“ erscheinen. Es ist ja schon für Muttersprachler kaum zu durchschauen und eher intuitiv als rational zu erfassen – wie absurd das ganze Thema aber im Deutschen ist, zeigt sich vielleicht wirklich erst durch den Blickwinkel eines Außenstehenden. Und auch wenn der gute Herr Twain das Spiel mit den Unterschieden zwischen grammatikalischem und natürlichem Geschlecht sehr ausführlich und sehr auf die Spitze treibt – es ist ja nicht so, daß er Unrecht hätte. 😉

Jedes Substantiv hat ein Geschlecht, und in dessen Verteilung liegt kein Sinn und kein System; deshalb muß das Geschlecht jedes einzelnen Hauptwortes für sich auswendig gelernt werden. Es gibt keinen anderen Weg. Zu diesem Zwecke muß man das Gedächtnis eines Notizbuches haben. Im Deutschen hat ein Fräulein kein Geschlecht, während eine weiße Rübes eines hat. Man denke nur, auf welch übertriebene Verehrung der Rübe das deutet und auf welch dickfellige Respektlosigkeit dem Fräulein gegenüber.

(S. 31)

Es ist wirklich eine vergnügliche Stunde, die man mit diesem Essay verbringen kann (wer kann, sollte es auf Englisch lesen), nicht zuletzt eben auch, weil Twain nie verachtend, billig, abwertend wird – er scheint diese Sprache, die sich seinem Verständnis so konsequent verweigert, wirklich und wahrhaftig unfaßbar zu finden. Dieses Erstaunen darüber, daß man sich etwas so Elementares wir die Sprache so unglaublich schwer machen kann, schwingt immer mit.
Freilich, er läßt die armen Deutschsprechenden nicht ohne Hoffnung und Trost zurück:

Es gibt in der Welt Leute, die sich ziemlich viel Mühe geben, die Mängel an einer Religion oder Sprache aufzuzeigen, und dann gelassen ihrer Wege gehen, ohne Abhilfe vorzuschlagen. Ich bin kein Mensch dieser Art. Ich habe bewiesen, daß die deutsche Sprache reformbedürftig ist. Nun gut, ich bin bereit, sie zu reformieren. Zumindest bin ich bereit, die geeigneten Vorschläge zu machen. Ein solches Vorgehen wäre bei jemand anderem unbescheiden; aber ich habe alles in allem mehr als neun Wochen einem gewissenhaften und kritischen Studium dieser Sprache gewidmet und daraus ein Zutrauen zu meiner Fähigkeit gewonnen, sie zu reformieren, das mir eine bloß oberflächliche Bildung nicht hätte verleihen können.

(S. 67)

Diese Begründung ist derart großartig, daß ich ernsthaft überlege, sie als Handlungsmuster zu übernehmen. Wobei, wenn ich es mir so recht überlege, scheint es bereits ein gängiges Muster zu sein, daß Menschen mit Aufgaben betraut werden, einzig weil sie behaupten, diese auch zu beherrschen. Im Übrigen sollt eman ja auch nie unterschätzen, welchen Erkenntnisgewinn neuneinhalb Wochen so mit sich bringen können.

Ursprünglich als Anhang zu seinem „Bummel durch Europa“ erschienen, ist das Werk inzwischen auch mehrfach separat erschienen, derzeit ist es in diesen

lieferbaren Ausgaben

erhältlich.


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*Da die französische Geschichtsschreibung so freundlich war, die „Mentalitätsgeschichte“ als Beitrag der Historiker zur allumfassenden Superdisziplin „Kulturwissenschaften“ einzubringen, darf man sowas ja schreiben ohne sich sofort intellektuell zu disqualifizieren. 😉
**zitiert nach: Twain, Mark: The awful German Language / Die schreckliche deutsche Sprache. übersetzt von Ana Maria Brock. Nikol Hamburg 2010.

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (89)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Niccolò Machiavelli: Der Fürst

Ist nicht alles schon gesagt zu diesem Werk? Haben wir in den letzten 500 Jahren nicht bereits jede Ecke seines Denkgebäudes ausgeleuchtet und können ihn nunmehr ad acta legen?
Nein, natürlich nicht. Auch wenn ich in der Tat mit keiner bahnbrechenden Neuinterpretation mehr rechne und auch wenn in der Tat nach Machiavelli-Lektüren für „Frauen, Manager, Streithammel und Zeitgenossen, um mal nur einige zu nennen, kaum noch Zielgruppen bleiben, die in die Verlegenheit kämen, Machiavelli selbst lesen zu müssen, weil ihnen das noch kein origineller Lektor abgenommen hat – ich halte es für wichtig und richtig, gerade den „Fürsten“ zu lesen.
Was Machiavelli in seinem Handbuch für Leonardo de Medici nämlich unübertroffen gelingt, ist die Entlarvung aller, wirklich aller, ideologischen Grundlagen von Politik als reines Mittel zum Zweck. Die Moralkeule wird immer dann geschwungen, wenn es den eigenen Zielen dient, ansonsten bleibt die mal schön in der Ecke versteckt. Sonst findet die noch wer und stellt Unfug damit an.
Indem er eben gerade kein theoretisches Werk darüber, wie ein Staat idealerweise verfaßt sein sollte oder wie das Verhalten eines Herrschers aussehen sollte, um hehren Prinzipien Genüge zu tun, sondern stattdessen einen Ratgeber dafür, wie man in der Welt, wie sie nunmal ist, möglichst gut und geschickt Macht erwirbt und erhält, zeigt er auf, wie Politik tatsächlich funktioniert. Und das macht er so scharfsinnig und ohne Rücksicht auf Dinge, die man so vielleicht nicht sagen sollte, daß beim Lesen nicht selten ein durch seine Heftigkeit die Unversehrtheit von Tischplatten gefährdendes Kopfnicken ausgelöst werden kann.
Im Kapitel 5 referiert Machiavelli darüber, wie eroberte Staaten, die bereits ein funktionierendes Herrschaftssystem besaßen, zu regieren sind. Er unterscheidet dabei drei Wege: Zerstörung, zur Residenz erheben oder nach ihren eigenen Gesetzen weiterleben lassen.

Denn eine solche Regierung weiß wohl, dass sie sich nicht ohne Unterstützung ihres Schöpfers halten kann, und muss alles tun, um ihm die Herrschaft zu sichern. […] Und wer sich zum Herrn einer Stadt macht, die gewohnt gewesen ist, in Freiheit zu leben, ohne dass er sie ganz auflöst, mag nur darauf gefasst sein, selbst von ihr zugrunde gerichtet zu werden. Denn der Name der Freiheit dient immer nur zum Vorwande des Aufstandes, und die alte Staatsverfassung wird weder über langer Dauer noch über Wohltaten vergessen. Was man auch immer für Vorkehrungen treffen mag, es kommen, wenn die Einwohner nicht zerstreut und getrennt werden, immer der alte Name und die alte Verfassung wieder zum Vorschein, so wie in Pisa nach einem vollen Jahrhundert, das es unter der Herrschaft von Florenz gestanden hatte. Sind aber Städte oder Länder gewohnt gewesen, unter einem Fürsten zu leben, und dieser ist ihnen genommen und sein Geschlecht erloschen; sind sie also einerseits gewohnt, einen Fürsten zu haben, und haben doch andererseits keinen alten, so fügen sie sich nicht einem, der aus ihrer Mitte erhoben worden ist; und frei leben können sie erst recht nicht. Sie ergreifen also die Waffen nicht so leicht, und ein Fürst bemächtigt sich ihrer ohne Mühe und hält sie auch leicht im Gehorsam fest. Aber die Republiken bergen mehr Hass und das Andenken an die verlorene Freiheit. Man zerstört sie also am sichersten, oder man wählt sie zur Residenz.

(S. 22f.)*

Nicht selten wird Machiavelli Grausamkeit, Kälte, Unmenschlichkeit vorgeworfen. Meiner Meinung nach trifft das so nicht ohne Weiteres zu. Es wäre sehr gewagt, zu behaupten, er fände das alles super und dufte, was er da schreibt und dies sei eine Welt, in der er gerne und glücklich leben würde. Denn er macht ja nur eins: Die Welt beschreiben, die er sieht. Und da stellt sich nun die Frage, wenn ein Portrait häßlich ist, liegt das wirklich zwangsläufig am Maler?
Ich meine, hat er denn wirklich Unrecht, wenn er schreibt:

Denn man kann im Allgemeinen von den Menschen sagen, dass sie undankbar, wankelmütig, heuchlerisch, feig in der Gefahr, begierig auf Gewinn sind: solange du ihnen wohltust, sind sie dir ganz ergeben, wollen Gut und Blut für dich lassen, ihr eignes Leben aufopfern, das Leben ihrer Kinder. […] Die Menschen machen sich weniger daraus, einen zu verletzen, der sich beliebt macht, als einen, der gefürchtet wird; denn die Zuneigung der Menschen beruht auf einem Bande der Dankbarkeit, das bei der Schlechtigkeit der menschlichen Natur reißt, sobald der Eigennutz damit in Streit gerät: Furcht vor Züchtigung aber versagt niemals.

Achtung, jetzt kommt ein Knaller:

Nur muss der Fürst sich auf solche Art gefürchtet machen, dass er nicht verhasst wird; denn es kann recht gut miteinander bestehen, gefürchtet und doch nicht verhasst zu sein. Hierzu ist vornehmlich erforderlich, dass er sich der Eingriffe in das Vermögen seiner Bürger und Untertanen und in ihre Weiber enthalte. […] Vor allen Dingen aber enhalte er sich, das Vermögen der Untertanen anzutasten, denn die Menschen verschmerzen allenfalls noch eher den Tod des Vaters, als den Verlust des Vermögens.

(S. 68)

Es kann nicht schaden, immer mal wieder das Büchlein zur Hand zu nehmen und nachzuschauen, ob man sich wirklich nicht wir die Canaille benimmt, für die Machiavelli die Menschheit zu halten scheint.

Erhältlich ist das Werk in nahezu allen Formen und Farben, man möge sich eine der

lieferbaren Ausgaben

erwählen.


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*zitiert nach: Machiavelli, Niccolò: Fürst. übersetzt von August Wilhelm Rehberg. Fischer Taschenbuch Frankfurt/M. 2. Auflage 2010

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (88)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jan-Uwe Fitz: Entschuldigen Sie meine Störung

„Ein Wahnsinnsroman“ lautet der Untertitel und setzt damit gelungen die Mehrdeutigkeit des Titels fort.** Es ist dieses Buch für Freunde des Grotesken, zu denen ich mich durchaus zähle, eine Fundgrube ohne Gleichen.
Soweit der absurden Rahmenhandlung zu folgen ist, berichtet der als durchaus gestört zu bezeichnende Ich-Erzähler von Erlebnissen innerhalb und außerhalb einer psychiatrischen Klinik, die eine Trennung dieser beiden Lebensbereiche als mindestens diskutabel erscheinen lassen. Dabei gelingen Jan-Uwe Fitz Handlungsabläufe und Formulierungen, die dem Gehirn des Lesers nur noch den biologisch vorgesehenen Wahnsinnsabwehreflex erlauben: Lachen.

Hoffnung und Vorfreude wurden mir früh im Leben ausgetrieben. Von meinen Eltern.
Wenn sie unter dem Weihnachtsbaum die Geschenke auspackten – und ich ihnen mit großen Augen dabei zusah. Und mit leeren Händen. Obwohl sie mir in der Zeit vor Weihnachten immer wieder versprochen hatten: „Freu dich auf Weihnachten, da gibt es etwas Tolles.“
Stattdessen saß ich Heiligabend etwas verloren unter dem Weihnachtsbaum. Und wenn ich dann fragte: „Duhu, wo ist denn das Tolle, das ihr mir versprochen habt?“ antworteten Sie: „Wer hat denn gesagt, dass das Tolle für Dich ist?“ Dann zeigten sie mir freudig erregt ihr neues Auto in der Garage. […] Manchmal glaube ich, ich war kein Wunschkind.

(S. 107)*

Es sind nicht zuletzt diese trockenen Abschlüsse, diese das vorhergehende Geschehen konterkarierenden Kommentare, die mich immer wieder aufs Neue erfreuen.
Es gehört zu den besten Effekten einer Groteske, wenn den Lesenden das leichte Gefühl beschleicht, daß der soeben gelesene Text vielleicht weit weniger überzogen ist, als das im ersten Moment schien. Oder auch weit mehr mit dem „wahren Leben“ zu tun hat, viel näher dran ist als das einem lieb sein könnte.

Ich werde häufig gefragt: „Herr Fitz, Sie sind doch sozialer Phobiker. Ich auch! Haben Sie nicht ein paar Tipps, wie ich in soziale Situationen meine Störung in den Griff bekomme?“ Dann antworte ich: „Zufälle gibt’s: Ich habe tatsächlich ein paar Tipps!“
[…]
Das Problem:Soziale Phobiker glauben, dass Ihnen jeder die Angst ansieht.
Falsch: In dieser Situation kann man nichts falsch mache. Selbst sofortiger Selbstmord, noch vor Ort, ist jetzt eine Option und gesellschaftlich akzeptiert.
Richtig:Suche Sie sich auf Partys Menschen, die ähnlich gestört sind wie Sie, und stellen Sie sich zu ihnen. Dann fallen Sie nicht so auf. Vorsicht vor Spiegeln! Das darin sind oft Sie. Wenn Sie den ganzen Abend vor einem Wandspiegel stehen, hält man Sie vielleicht für eitel. Und negative Bewertung wird Ihnen wohl kaum gefallen.

(S. 49/52)

Ich gebe zu, es bedarf eines Hanges zum Abgedrehten, Merkwürdigen – eine gewisse Bereitschaft, sich auf Absurdes einzulassen. Dann erwartet den geneigten Leser ein unermeßlicher Quell unbändiger Lesefreude. Eine Lesefreude, die sich nicht zuletzt dadurch einstellt, daß hier jemand gaz offenbar gerne schreibt. Und gerne ohne Rücksicht auf logische Abläufe und aristotelische Einheiten. Postmoderne at his best, sozusagen.
Auch wenn ich überzeugt bin, daß in diesem Buch keine Weltformel versteckt ist, es gibt Stellen, die mich durchaus stutzen lassen.

In einer Gruppentherapie erwarte einen Trost, Verständnis, Solidarität und emotionale Unterstützung. Sie nehme einem das Gefühl, mit seinen Problemen allein auf der Welt zu sein.
Haha, Herr Fitz, haha. Bullshit! Glauben Sie kein Wort. Die Welt geht vor die Hund, jeder kämpft für sich, und ausgerechnet in einer Gruppentherapie soll das anders sein? Wohin man auch schaut, überall Arschlöcher, aber in der Gruppentherapie einer Nervenklinik finden Sie ausschließlich reine Seelen? Nirgends Empathie, Verständnis und Solidarität, aber im Gruppenraum 026 in Gebäude B – da denkt jeder an den anderen, hat Mitgefühl für ihn und ein offenes Ohr für seine Probleme?

(S. 237)

Auch diese Woche möchte ich schließen mit dem Hinweis auf die

lieferbare Ausgabe

Und nun gehet dahin und kauft.


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**Trotzdem sei an dieser Stelle mal ein wenig gemeckert, weil es mich ärgert, daß selbst das alles in allem doch ambitionierte Haus Dumont der unsäglichen Mode nicht widerstehen kann, alles und jeden „Roman“ zu nennen, aus Angst, der zahlende Kunde wäre mit anderen Genrebezeichnungen hoffnungslos überfordert und würde schreiend vor der Auslage der Buchhandlungen zusammenbrechen. Oder was auch immer die Verlage dazu bringt, dieses Etikett an alles zu kleben, was auch nur entfernt an eine Handlung erinnert. Nun habe ich mein Germanistikstudium nicht beendet, bin also möglicherweise nicht befugt, dies zu beurteilen: Aber das heute empfohlene Werk ist vieles, nur eben kein Roman.

*zitiert aus: Fitz, Jan-Uwe: Entschuldigen Sie meine Störung. Dumont Buchverlag. Köln 2011

Das Buch zum Sonntag (87)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden

Über Kant gäbe es einiges zu sagen – und dies wurde ja auch bisher umfänglich getan.
Die heute empfohlene Schrift gehört zu seinen, nun, sagen wir, leichter zugänglichen Werken.*
Ich hatte bei der Lektüre den Eindruck, der Königsberger Zeitgeber hatte sich die Politik seiner Zeit angeschaut und festgestellt, daß sie nicht gut sei. Wie deprimierend also, daß seine Ratschläge auch heute noch zutreffend scheinen.

5. „Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staats gewalttätig einmischen.“
Denn was kann ihn dazu berechtigen? Etwa das Skandal, was er den Untertanen eines andern Staats gibt? Es kann dieser vielmehr, durch das Beispiel der großen Übel, die sich ein Volk durch seine Gesetzlosigkeit zugeszogen hat, zur Warnung dienen; und überhaupt ist das böse Beispiel, was eine freie Person der andern gibt, (als scandalum acceptum) keine Läsion derselben. – Dahin würde zwar nicht zu ziehen sein, wenn ein Staat sich durch innere Verunreinigung in zwei Teile spaltete, deren jeder für sich einen besonderen Staat vorstellt, der auf das Ganze Anspruch macht; wo einem derselben Beistand zu leisten einem äußern Staat nicht für Einmischung in die Verfassung des andern (denn es ist alsdann Anarchie) angerechnet werden könnte. So lange aber dieser innere Streit noch nicht entschieden ist, würde diese Einmischung äußerer Mächte Verletzung der Rechte eines nur mit seiner inneren Krankheit ringenden, von keinem andern abhängigen Volks, selbst also ein gegebenes Skandal sein, und die Autonomie aller Staaten unsicher machen.

(S. 15)**

Mit dieser Stelle wollte ich einen Beitrag zur Interventionitis der aktuellen europäischen Politik beginnen, habe das dann aber sein lassen, weil ich nicht wüßte, was ich dem noch hinzuzufügen hätte. Und so kurz, knapp und pragmatisch geht Kant weitere 5 Punkte durch, die er anschließend noch einmal ausführt, präzisiert, verfeinert – das muß schon sein, einfach nur ein paar polemische Thesen hinwerfen, das wäre ja nun nicht Kants Stil. Auch wenn die Präliminarartikel durchaus zu den erfrischensten Texten gehören, die ich von Kant bisher las. Und „erfrischend“ ist ein Wort, das durchaus selten im Zusammenhang mit Immanuel „sapere aude“ Kant fällt.
Als ich letzte Woche die soeben eingetroffene Neuausgabe des heute empfohlenen Werks einsortierte, griff eine Kundin danach und meinte, dieses Buch solle doch Pflichtlektüre für alle Politiker werden. Auch wenn ich mir nicht sicher war, ob die Dame tatsächlich mehr über den Band wußte als der Titel verriet (ihr Staunen über das Verhältnis zwischen Text und Kommentar legt diese Vermutung nahe) – sie hat vielleicht nicht Unrecht. Noch einmal zur Frage, wann und wie es zum Kriege kommt und welche Mittel dies zu verhindern in der Lage sein könnten. Kant schlägt im ersten Definitivartikel vor, daß die bügerliche Verfassung eines jeden Staates republikanisch sein solle. Aus einem einleuchtenden Grund:

Wenn (wie es in dieser Verfassung nicht anders sein kann) die Beistimmung der Staatsbürger dazu erfordert wird, um zu beschließen, „ob Krieg sein solle, oder nicht“, so ist nichts natürlicher, als daß, da sie alle Drangsale des Krieges über sich selbst beschließen müßten (als da sind: selbst zu fechten; die Kosten des Krieges aus ihrer eigenen Habe herzugeben; die Verwüstung, die er hinter sich läßt, kümmerlich zu verbessern, zum Übermaße des Übels endlich noch eine, den Frieden selbst verbitternde, nie (wegen naher immer neuer Kriege) zu tilgende Schuldenlast selbst zu übernehmen), sie sich sehr bedenken werden, ein so schlimmes Spiel anzufangen;

(S. 21f.)

Neben dem nicht zu verachtenden Aspekt, eine gut geeignete Einstiegslektüre in Kants Werk darzustellen, kann ich diesen philosophischen Entwurf (so der Autor selbst) auch deshalb wärmstens all jenen empfehlen, die ihren Nacken nicht durch zu vieles zustimmendes Kopfnicken gefährdet sehen, weil er von einer beeindruckenden Klarsichtigkeit zeugt und ein beeindruckendes Beispiel für die Relevanz philosophischer Überlegungen ist.

Erhältlich ist das Buch in diesen

lieferbaren Ausgaben.


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*Bei meiner ersten Thomas-Mann-Lektüre beschwerte ich mich meiner Mutter gegenüber über dessen ausufernden langen Sätze, die manchmal schwer zu verstehen seien. Worauf ich mit dem königlichen Satz belohnt wurde: „Lies mal Kant – da bist Du froh, wenn Du einen kurzen Satz findest, den Du nicht verstehst.“
**zitiert nach: Kant, Immanuel: Zum ewigen Frieden. Kommentar von Oliver Ebert und Peter Nielsen. Suhrkamp Studienbibliothek 14. Suhrkamp. Berlin 2011.

Das Buch zum Sonntag (86)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Arnon Grünberg: Phantomschmerz

Im gerade einmal wieder wegen des Anachronismus-Verdachts totgesagten Buchhandel gibt es, glücklicherweise, immer noch reisende Vertreter. Auch 62 Jahre nach Willy Lomans erstem Bühnentod. Was zunächst einmal meine These stützt, daß bei allem kaufmännischen Anteil in diesem Beruf, Bücher verkaufen immer noch etwas anderes ist als Waschmittel oder Katzenfutter an den Mann zu bringen. Das Buch ist sozusagen der Boutiqueartikel unter den Massengütern. Schon vor einigen Jahren nun als verwies mich die Vertreterin von Diogenes bei meiner Suche nach einem für mich passenden Autor in ihrem Verlag* auf Arnon Grünberg. Zu Recht, wie sich herausstellte.**
In „Phantomschmerz“ erzählt Grünberg von Robert G. Mehlman, einem hoffnungsvoll gestarteten Schriftsteller, dessen Einnahmen aus seinen Buchverkäufen in keinem sinnvollen Verhältnis mehr zu seinem Lebensstil stehen. Man hat es nicht leicht als verkannter Schriftsteller:

Wenn man der einzige ist, der einen für einen wichtigen Schriftsteller hält, ist das eine peinliche Angelegenheit, doch wenn zehntausend andere das auch tun, ist man ein Erfolg.
„Schau, Rebecca“, sagte ich, „mein erstes Buch, Platz 268 der Weltrangliste, hat der niederländischen Literatur ein anderes Gesicht gegeben, und mein Sidney-Brochstein-Zyklus hat das gleiche mit der ganzen westeuropäischen Literatur gemacht.“
„Oh“, sagte Rebecca.
„‚Oh‘ – was bedeutet ‚oh‘?“
„‚Oh‘ bedeutet ‚oh'“, sagte Rebecca störrisch. „‚Oh‘ bedeutet, daß ich andere Dinge über deinen Sidney-Brochstein-Zyklus gehört habe.“
„Nur weil die ganze Welt gegen mich ist, mein Schäfchen. Die Verleger, die Literaturagenten, die Kritiker, die Kolumnisten, die Philosophen, die Literaturwissenschaftler, die Soziologen, die Literaturzeitschriften, die politischen Magazine, die Fernseh- und Frauenzeitschriften, mein bester Freund David, mein Verleger, der Millionen an mir verdient hat – mein eigener Verleger will mich nicht mal bei seinem Neujahrempfang dabeihaben. […]
Das einzige, was ich jetzt noch will, ist, meinen Nachruf schreiben, damit sich nicht am Ende irgendein drittklassiger Journalist daran vergreift und sie mich irgendwo auf Seite zehn unter ‚Ferner liefen‘ bringen.“
„Stirbst Du denn bald?“
„Das nicht, aber mit dem Nachruf darf man auch nicht warten bis zum letzten Moment.“

(S. 240ff.)***

Ich lese Grünberg sehr gern, weil es ihm gelingt, seine tiefgehenden Aussagen, Untersuchungen, Erforschungen der menschlichen Seele so zu verweben und zu verschleiern, daß der Lesende immer wieder das Gefühl hat, einen ganz wunderbaren, gerne auch amüsanten Roman zu lesen – und doch im Hintergrund eine leise Ahnung verspürt, daß da mehr ist, etwas anderes, etwas, das nicht zum Vordergrund paßt. Für die Charakterisierung von Wein wird über den „Nachgang“ gesprochen. Grünbergs Roman hat einen „Nachgang“. Keinen bitteren, tanninhaltigen, aber durchaus auch keinen angenehm weichen, sanften. Aber es bleibt für den Kopf durchaus etwas zu tun.
Eine solche Athmosphäre zu schaffen und zu spüren, braucht durchaus Zeit, ich empfehle nicht, den Grünberg fürs schnelle Zwischendurchmallesen an die dafür vorgesehenen Plätze zu legen – eher an den Lieblingsleseplatz, mit passendem Getränk und bevorzugter Speise, jedenfalls dort, wo man auch mal ein, zwei Stunden Zeit für die Lektüre hat. Dementsprechend wird es mir auch nicht gelingen, diese Stimmung in den hier notwendigerweise kurzen Zitaten einzufangen. Daher vielleicht lieber noch eine Stelle, die vielleicht auf andere Art Lust macht, das Buch zu lesen:

Mein Vater arbeitete an seinem Opus magnum, meine Mutter in einer Tagesklinik für psychisch Gestörte. Ihr berühmtester Patient war ein Mann, der mit der Wand redete, in der Annahme, dem Geheimdienst auf diesem Wege Nachrichten zu übermitteln. Als der Geheimdienst nicht auf seine Berichte einging, wurde er destruktiv. So landete er bei meiner Mutter. Über diesen Mann hat sie promoviert. Dank meiner Mutter erkannte er, daß er zwanzig Jahre lang umsonst mit einer Wand geredet hatte. Diese Erkenntnis war zu viel für ihn, und er stürzte sich in einen Fahrstuhlschacht. Das war ein Wermutstropfen in der Promotionsfeier meiner Mutter, schließlich war er dort als Ehrengast geladen worden. Nach diesem Vorfall veröffentlichte sie einige Artikel, in denen sie die Frage aufwarf, ob es wirklich vernünftig sei, Menschen völlig von ihren Wahnideen zu heilen.

(S. 16)

Das Buch ist in dieser

lieferbaren Ausgabe

erhältlich.


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*Diogenes verlegt ja bekanntermaßen keine Bücher, sondern Autoren. Ein hehres Verlegerideal, bedeutet es doch auch, bewußt schlechte oder nichtverkäufliche Bücher zu publizieren. „Stand by your Author“ als Verlagshymne wird aber in Zeiten von Literaturagenten auch immer seltener belohnt. Kennt man ja aus dem Fußball: Sobald der Spieler fertig ausgebildet ist oder aus einem Formtief herausgearbeitet, wechselt er irgendwohin, wo er einem anderen Verein viel Geld einbringt. Fragen Sie mal bei Ajax.
**Und ich schon einmal erzählte, fällt mir gerade auf. Ich werde alt.
***zitiert nach: Grünberg, Arnon: Phantomschmerz. Diogenes. Zürich 2003

Kein Buch zum Sonntag (11)

In öffentlichen Diskussionen entsteht ja gern der Eindruck, es handele sich beim weltweiten Netz und der Realität hinter und vor der eigenen Haustür um verschiedene Welten. Das ist nicht völlig verkehrt, man hat tatsächlich manchmal den Eindruck, so ein Modem habe schon eine starke Ähnlichkeit mit einem Kaninchenbau.
Diese Vorstellung sollte aber freilich nicht darüber hinwegtäuschen, daß beide Welten sehr viel enger miteinander verzahnt sind als das manch flüchtiger Blick in der einen oder anderen Welt nahelegen mag. Und so gibt es einige, durchaus positive, Entwicklungen in meiner Nichtblogwelt, die es mir für diese Woche nicht erlauben, ausreichende Kapazitäten für eine Buchempfehlung abzustellen.
Aber das Buch ist schon ausgewählt und ein angebissener Beitrag liegt bereits auf dem Server, nächste Woche wird es also ganz bestimmt was.

Das Buch zum Sonntag (85)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Die Reclams stehen bei uns in unmittelbarer Nähe zu meiner Abteilung. Dementsprechend häufig fragen verzweifelte Schulpflichtige bei mir nach, weil sie Anouilhs „Antigone“, Hesses „Steppenwolf“ oder Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ nicht finden. Nach einer Reclam-Ausgabe von Bölls Katharina Blum fragte mich bis dato noch niemand. Das mag daran liegen, daß die anderen einschlägigen Schullektüren älter sind und man bei 50 oder 60 oder 80 Jahre alten Werken von der Existenz einer Reclam-Ausgabe ausgeht. Oder die Empirie der Deutschlektüren es nahelegt. Möglich.
Möglich wäre aber auch, daß Bölls Werk nicht alt wirkt.
Interessanterweise scheint mir dieser Roman aktueller denn je. Die Auswirkungen einer Angstpsychose auf eine Gesellschaft und die Rolle von menschenverachtenden, diese Hysterie befeuernder Medien – das halte ich für nicht abgehakt. Ich finde es ganz reizvoll, eine Empfehlung für Böll unmittelbar einer Empfehlung für Juli Zeh folgen zu lassen. Denn beide scheinen mir sehr genaue Beobachter zu sein und zudem sehr klarsichtig. Wo aber Juli Zeh das Skalpell auspackt und den Bunsenbrenner, ihre Versuchsanordnung überprüft, den Bleistift spitzt und ihr Protokoll beginnt, fühlt Böll seinen Protagonisten nach und erzählt. Hier wird nicht konstruiert, hier wird aufgezeigt. Hier sind keine dialogischen Gelehrtendiskussionen zu erwarten, hier beschreibt jemand einfach, was er sieht und spürt.

Als er Freitag früh gegen halb zehn mürrisch zum Frühstück erschien, hielt Trude ihm schon die ZEITUNG entgegen. Katharina auf der Titelseite. Riesenfoto, Riesenlettern. RÄUBERLIEBCHEN KATHARINA BLUM VERWEIGERT AUSSAGE ÜBER HERRENBESUCHE. Der seit eineinhalb Jahren gesuchte Bandit und Mörder Ludwig Götten hätte gestern verhaftet werden können, hätte nicht seine Geliebte, die Hausangestellte Katharina Blum, seine Spuren verwischt und seine Flucht gedeckt. Die Polizei vermutet, daß die Blum schon seit längerer Zeit in die Verschwörung verwickelt ist. (Weiteres siehe auf der Rückseite unter dem Titel: HERRENBESUCHE.)
Dort auf der Rückseite las er dann, daß die ZEITUNG aus seiner Äußerung, Katharina sei klug und kühl, „eiskalt und berechnend“ gemacht hatte und aus seiner generellen Äußerung über Kriminalität, daß sie „durchaus eines Verbrechens fähig sei“.

(S. 36)*

Schon mal mit dem Boulevard zu tun gehabt? Kann man niemandem wünschen. Bölls Exempel, in dem er den Weg einer jungen, hübschen, durchaus lebensfreudigen, aber keineswegs extrovertierten, exzessiven Frau nachzeichnet, die ins Visier eines Kampagnenjournalismus gerät, der keine Ruhe läßt, bis nicht auch das letzte Quentchen aus einer Geschichte herausgepreßt und aufgebläht wurde, die Zerstörung, die Zerrüttung, den Zusammenbruch von Menschen billigend in Kauf nehmend (und gegebenfalls anschließend nochmal ausschlachtend), halte ich für weiterhin gültig. Daß sich an der Methodik der Boulevardpresse nichts geändert hat, kann man jeden Tag im BILDBLOG nachlesen.
Und obwohl es sich um ein zutiefst moralisches Buch handelt, schreibt Böll wohltuend moralinfrei. Ganz im gegenteil, ich habe ihn selten so humorvoll gelesen, für seine Verhältnisse geradezu bissig-ironisch (wohlgemerkt: für seine Verhältnisse). Es wäre denn auch unzulänglich, dieses Buch auf BILD-Bashing zu reduzieren. Denn es geht ja nicht nur um Katharina Blum, ihr „Fall“ zieht sehr weite Kreise, es geraten eine erstaunliche Anzahl anderer Menschen in den Blickpunkt und wie es Böll hier gelingt, mal schlankerhand eine ganze Gesellschaft und besonders ihre miteinander verbandelten (heute nenen wir das euphemistisch „gut vernetzt“ und finden das dufte) besseren Kreise demaskiert, das ist wirklich große Klasse und macht unglaublichen Spaß. Es ist geradezu schade, daß dieses Buch den hiesigen Deutschlehrern und Königs Erläuterungen überlassen wird. Eigentlich ist es zu wichtig, um als Pflichtlektüre gelesen zu werden. Um der geneigten Leserschaft, so sie dieses Buch noch nicht gelesen hat, noch ein wenig entdecken zu lassen und doch einen Eindruck zu geben, hier mal eine Stelle, in der der Erzähler über die Auswirkungen von Lauschangriffen auf die Abhörenden nachdenkt:

Sind sich die vorgesetzten Behörden darüber klar, was sie ihren Beamten und Angestellten da zumuten? Nehmen wir einmal an, eine vorübergehend verdächtige Person vulgärer Natur, der man ein „Zäpfchen“ genehmigt hat, ruft ihren ebenfalls vulgären derzeitigen Liebespartner an. Da wir in einem freien Land leben und frei und offen miteinander sprechen dürfen, auch am Telefon, was kann da einer möglicherweise sittsamen oder gar sittenstrengen Person – ganz gleich welchen Geschlechts – alles um die Ohren sausen oder vom Tonband entgegenflattern? Ist das zu verantworten? Ist die psychiatrische Betreuung gewährleistet? Was sagt die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr dazu?[…]Warum schweigt der Papst dazu?[…] Da werden junge Menschen aufgefordert, die Beamtenlaufbahn zu ergreifen – und wem werden sie ausgeliefert? Telefonsittenstrolchen. Hier ist endlich ein Gebiet, wo Kirchen und Gewerkschaften zusammenarbeiten können. Man könnte doch mindestens eine Art Bildungsprogramm für Abhörer planen. Tonbänder mit Geschichtsunterricht. Das kostet nicht viel.

(S. 100f.)

Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann – es braucht keiner empirisch abgesicherten Studien, es genügt dieses kleine Buch, von dem ich mir wünschte, es würde dereinst keine aktuelle Relevanz mehr haben, sondern nur noch warnendes Beispiel aus einer schlechteren historischen Epoche sein.
Zum Abschluß noch ein Beispiel für Bölls leisen Humor:

Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der „Bild“-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.

(S. 5)

Erworben werden kann das Buch in einer der

lieferbaren Ausgaben**, nämlich


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*zitiert nach: Böll, Heinrich: Die verlorene Ehre der Katharina Blum. dtv München. 47. Auflage 2010.
**Es ist leider etwas schwierig, die unsäglich schlechten Daten der Branche so aufzubereiten, daß eine Suchergebnisliste entsteht, die nicht mit Sekundärliteratur verstopft ist. Daher dieses Mal so.

Das Buch zum Sonntag (84)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Juli Zeh: Corpus Delicti

Ich mag ja Juli Zeh. Also, ihre Werke. Allerdings habe ich inzwischen feststellen können, daß gerade einige der Punkte, die mir an ihren Büchern so gefallen, auch genau die sind, die andere davon abhalten, sie zu lesen. Auftritt verstaubte Binsenweisheit: Leseerfahrungen sind immer individuell.
Ihre Bücher sind in meinen Augen ja viel mehr Versuchsanordnung und philosophisches Experiment als erzählende Literatur. Genau das macht es immer wieder spannend, zu schauen, wie sich das Experiment entwickelt, welche Wendungen, welche Verläufe es nimmt. Und ich mag an Juli Zeh die Konsequenz ihres Denkens.
In Corpus Delicti sieht die Versuchsanordnung eine Welt vor, in der „Gesundes Leben“ zur Grundlage des Staates und der Gesellschaft wurde. Aus der simplen und auf den ersten Blick nachvollziehbaren Idee heraus, daß es eines jeden Menschen Ziel sei, lange und von Krankheiten unbelästigt zu leben wurde so ein Staat geboren, der genau dies garantiert, dafür aber freilich auch recht genau kontrolliert, wie denn die Staatsbürger so leben. Sonst könnte er ja die Garantie auch gar nicht einlösen.

In Wohnkomplexen, deren Hausgemeinschaft sich durch besondere Zuverläsigkeit auszeichnet, können Aufgaben der hygienischen Prophylaxe von den Bewohnern in Eigenregie übernommen werden. Regelmäßge Messungen der Luftwerte gehören ebenso dazu wie Müll- und Abwasserkontrolle und die Desinfizerung aller öffentlich zugänglichen Bereiche. Ein Haus, in dem diese Form der Selbstverwaltung funktionert, wird mit einer Plakette ausgezeichnet und erhält Rabatte auf Strom und Wasser. Die Wächterhaus-Initative feiert auf allen Ebenen die größten Erfolge. Der Fiskus spart Geld bei der Gesundheitsvorsorge, und die Menschen entwickeln Gemeinschaftssinn.

(S. 22)*

Entlarvend. Und ganz nebenbei ein ganz hübscher Hinweis darauf, warum manche Gesellschaftssysteme funktionieren. Nichts ist machtpolitisch klüger, als auf die gegenseitige Kontrolle der Nachbarn setzen. Doch eine solche Erkenntnis wäre für ein Juli-Zeh-Werk viel zu platt. Und neben den ganz großen rechtsphilosophischen Fragen, die sie aufwirft und äußerst klug verhandelt, geht es um die Frage: Wie aber umgehen mit Menschen, die sich unvernünftig verhalten? Denn das ist der Clou an der Staatsdoktrin: Sie ist über alle Maßen vernünftig, es wäre völlig sinnfrei, sich ihr zu verweigern. Was aber, wenn es Menschen gibt, die das trotzdem tun? Die Alkohol konsumieren, Zigaretten rauchen oder in die wilde, freie Natur mit all ihrem Schmutz und ihren Krankheitserregern gehen? Was tun mit Menschen, die in der Verweigerung von Lebensqualität Lebensqualität erkennen?

Einmal, ein einziges Mal will der Mensch das Überflüssige tun, das dem Leben erst die richtige Würze gibt.

**

So der Hausheilige zum Thema. Die Angeklagte im Prozess (so der Untertitel), Mia Holl, gerät in eine Rolle, die ihr zunächst gar nicht zu passen scheint. Sie ist als Biologin geradezu Protagonstin des Systems, vollkommen von der Richtigkeit der „Methode“ überzeugt und daher einer Abweichung völlig unverdächtig. Doch die Verurteilung ihres Bruders erscheint ihr falsch und das bringt alles ins Wanken. So die Ausgangsposition und mehr möchte ich gar nicht verraten, denn wie bereits oben geschrieben gehört es ja zum zentralen Vergnügen der Zeh-Lektüre, ihr beim Sezieren zuzuschauen. Ich weiß nicht, ob Juli Zeh mit dem Buch eine Mission verfolgt, aus ihrem mit Ilja Trojanow verfaßten Manifest und eingen Interviews darf man aber wohl schließen, daß die persönliche Freiheit ein Thema ist, das ihr wichtig ist. Und als Antidot für die schleichende Abschaffung dieser zugunsten einer wie auch immer begründeten Sicherheitsgesellschaft sei Corpus delict dringend empfohlen. Denn allzu unwahrscheinlich erscheint mir das beschriebende Szenario im Zuge populistischer Rauchverbote, Debatten über höhere Versicherungsbeiträge für bestimmte Lebensweisen oder Klagen gegen Karikaturen gar nicht zu sein.

„Das Leben“, sagt Mia leichthin, „beginnt nun einmal auf der Höhe sener Kraft, um sich von diesem Punkt aus, immer abwärts führend, seinem Ende zu nähern. Ein grober dramaturgischer Fehler.“
„D’accord. Und hinter die Erkenntnis, dass es diesen Fehler nicht anzubeten, sondern auszubügeln gilt, kann niemand mehr zurück. Was sollte vernünftigerweise dagegen sprechen, Gesundheit als Synonym für Normalität zu betrachten? Das Störungsfreie, Fehlerlose, Funktionierende: Nichts anderes taugt zum Ideal.“

(S. 181)

Damit aber kein falscher Eindruck entsteht: Es handelt sich hier keineswegs um eine trockene Abhandlung zu ein paar sehr grundlegenden Fragen menschlichen Zusammenlebens, zumal in soziologischer Perspektive. Zum einen versucht sich Juli Zeh durchaus auch an der individuellen Perspektive, Mia Holls Zweifel und Grübeln scheinen mir durchaus überzeugend (und ich mag die „ideale Geliebte“ sehr, da hat sie ein wunderbares Geschöpf erschaffen), zum anderen hat Frau Zeh durchaus Humor.

„Wer keine Seite wählt“, sagt die ideale Geliebte, „ist ein Außenseiter. Und Außenseiter leben gefährlich. Von Zeit zu Zeit braucht die Macht ein Exempel, um ihre Stärke unter Beweis zu stellen. Besonders, wenn im Innern der Glaube wackelt. Außenseiter eignen sich, weil sie nicht wissen, was sie wollen. Sie sind Fallobst.“
„Ich bin doch keine Außenseiterin“, sagt Mia schwach.
„Tief in deinem Herzen bist du der Meinung, dass der Umgang mit anderen Menschen Zeitverschwendung ist. Mit wenigen Ausnahmen, von denen die eine Hälfte tot und die andere dein Todfeind ist. Das reicht fürs Außenseitertum.“

(S. 144f.)

Ich kann es also nicht oft genug schreiben: Menschen dieser Welt, lest Juli Zeh.
Und zum Anfang vielleicht eine dieser

lieferbaren Ausgaben.


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*zitiert nach: Zeh, Juli: Corpus Delicti. Ein Prozess. Schöffling & Co. Frankfurt/M. 2009
**aus: „Was machen die Leute da oben eigentlich?“ in: Werke und Briefe: 1930, S. 327. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 7526 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 8, S. 149-150)

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (83)

Für die schon lange laufende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Arthur Schopenhauer: Die Kunst, Recht zu behalten.

Schopenhauer gilt landläufig als Misanthrop. Ich bin mir nicht sicher, ob das so ohne Weiteres zutrifft. Meiner vagen Vermutung nach konnte er durchaus eine ganze Menge Menschen nicht leiden, allerdings aus Gründen, die für jene nicht gerade schmeichelhaft gewesen sein dürften – was allerdings an ihrer möglichen Gültigkeit nichts ändert. Mir scheint da eher nicht ausgeschlossen, was der Hausheilige zur „Wahrheit“ schreibt:

Die Wahrheit ist ein Ding: hart und beschwerlich,
sowie in höchstem Maße feuergefährlich.
Brenn mit ihr nieder, was da morsch ist –
und wenns dein eigner Bruder Schorsch ist!
Beliebt wird man so nicht!

*

Denn Schopenhauers 38 Kunstgriffe, mit denen er dem geneigten Leser das Werkzeug an die Hand gibt, jederzeit Sieger einer Disputation zu sein, offenbaren einen sehr scharfsinnigen, genauen Beobachter und Analytiker menschlichen Handelns. In der Einleitung, in welcher er die Notwendigkeit seines Büchleins beschreibt, da

die objektive Wahrheit eines Satzes und die Gültigkeit desselben in der Approbation der Streiter und Hörer zweierlei [sind]

(S. 20)**

führt er aus:

Woher kommt das? – Von der natürlichen Schlechtigkeit des menschlichen Geschlechts. Wäre diese nicht, wären wir von Grund aus ehrlich, so würden wir bei jeder Debatte bloß darauf ausgehn, die Wahrheit zu Tage zu fördern, ganz unbekümmert ob solche unsrer zuerst aufgestellten Meinung oder der des Anderen gemäß ausfiele: dies würde gleichgültig, oder wenigstens ganz und gar Nebensache sein. Aber jetzt ist es Hauptsache. Die angeborne Eitelkeit, die besonders hinsichtlich der Verstandeskräfte reizbar ist, will nicht haben, daß was wir zuerst aufgestellt, sich als falsch und des Gegners als Recht ergebe.

(S. 20f.)

Schon klar, das war im 19. Jahrhundert. Inzwischen haben wir den Siegeszug der Vernunft erlebt und solcherlei persönliche Eitelkeiten spielen in unseren sachorientierten, emotionsfreien Debatten keinerlei Rolle mehr. Was natürlich bedeutet, daß man auch keine der von Schopenhauer vorgeschlagenen taktischen Finessen mehr benötigt.
Also so etwas wie:

Kunstgriff 27
Wird bei einem Argument unerwartet böse, so muß man dieses Argument eifrig urgieren: ncht bloß, weil es gut ist, ihn in Zorn zu versetzen, sondern weil zu vermuten ist, daß man die schwache Seite seines Gedankenganges berührt hat und ihm an dieser Stelle wohl noch mehr anzuhaben ist, als man vor der Hand selber sieht.

(S. 57)

oder das hier:

Letzter Kunstgriff
Wenn man merkt, daß der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend, grob. Das Persönlichwerden besteht darin, daß man von dem Gegenstand des Streites (weil man da verlornes Spiel hat) abgeht auf den Streitenden und seine Person irgendwie angreift: man könnte es nennen argumentum ad personam, zum Unterschied vom argumentum ad hominem: dieses geht vom ren objektiven Gegenstand ab, um sich an das zu halten, was der Gegner darüber gesagt oder zugegeben hat. Beim Persönlichwerden aber verläßt man den Gegenstand ganz, und richtet seinen Angriff auf die Person des Gegners: man wird also kränkend, hämisch, beleidigend, grob. Es ist eine Appellation von den Kräften des Geistes an die des Leibes, oder an die Tierheit. Diese Regel ist sehr beliebt, weil Jeder zur Ausführung tauglich ist, und wird daher häufig angewandt.

(S. 71f.)

ist völlig aus unserem Diskursverhalten verschwunden.
Scharfsinngkeit macht immer Freude. Und so ist es eine große Freude, die Eristische Dialektik, wie dieses kleine, feine Werk auch benannt ist, zu lesen. Doch hat diese Freude einen bittersüßen Geschmack, läßt sich doch leicht erkennen, daß es genügend Gründe gibt, an der Menschheit zu zweifeln. Sollten also die Schopenhauer-Exegeten zum Schluß kommen, er sei ein Misanthrop gewesen, so bliebe nur zu sagen: Aber aus Gründen.

Und um die Stimmung noch weiter zu heben, noch einmal Schopenhauer, denn mir fiele nichts ein, was ich dem hier noch hinzufügen sollte, was er nicht selbst viel überzeugender vorbringt:

Kunstgriff 28
Dieser ist hauptsächlich anwendbar, wenn Gelehrte vor ungelehrten Zuhörer streiten. Wenn man kein argumentum ad rem hat und auch nicht einmal eines ad hominem, so macht man eines ad auditores[an die Zuhörer], d.h. einen ungültigen Einwurf, dessen Ungültigkeit aber nur der Sachkundige einsieht; ein solcher ist der Gegner, aber die Hörer nicht: er wird also in ihren Augen geschlagen, zumal wenn der Einwurf seine Behauptung irgendwie in ein lächerliches Licht stellt: zum Lachen sind die Leute gleich bereit; und man hat die Lacher auf seiner Seite. Die Nichtigkeit des Einwurfes zu zeigen, müßte der Gegner eine lange Auseinandersetzung machen und auf die Prinzipien der Wissenschaft oder sonstige Angelegenheit zurückgehn: dazu findet er nicht leicht Gehör.

(S. 57f.)

Vielleicht sollte dieses Buch zur Grundlage in diversen Schulfächern werden. Mir ist kein Werk bekannt, das knapper, deutlicher und scharfsinniger die Mechanismen öffentlicher Diskurse demaskiert. Und zwar eben nicht auf einer Meta-Ebene, deren Bedeutung ich nicht bestreiten möchte, sondern ganz konkret und ganz vordergründig. Dieses scheint mir nämlich der erste Schritt zu wahrer Medienkompetenz zu sein: Zu erkennen, was die Protagonisten da eigentlich treiben. Erst dann kann ich auch hinterfragen, warum, mit welchen Motiven und in welchen Zusammenhängen sie handeln.

Lieferbar ist das Buch in zahlreichen

verschiedenen Ausgaben.


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*aus: Diskretion. in: Werke und Briefe: 1929, S. 385. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 6872 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 7, S. 170)
*zitiert nach: Schopenhauer, Arthur: Die Kunst, Recht zu behalten. Dargestellt in achtunddreißig Kunstgriffen. Insel Frankfurt/M. und Leipzig 1995

Kein Buch zum Sonntag (10)

Ich weiß, es wird allmählich zur Regel, daß hier aller paar Wochen die Buchempfehlung ausfällt.
Aber wie die geneigte Leserschaft vielleicht mitbekommen hat, habe ich einige persönliche Bezugspunkte zu Japan. Einige der schönsten, beeindruckendsten, nachhaltigsten Momente meines Lebens verdanke ich diesem Land und seinen Menschen. Einige meiner liebsten Orte sind dort, wenn ich mir einen letzten Blick im Leben aussuchen dürfte, wäre es ein Blick auf das Meer bei Kamakura.
Und so sehr es mir auch gelingen mag, die unübersichtlichen Nachrichten aus Japan zu rationalisieren und einzuordnen, es läßt mich doch nicht unberührt.
Auch auf die Gefahr hin, nun in die große, weite Schar der Katastrophenbemitleider eingereiht zu werden, sehe ich diese Woche von einer Buchempfehlung ab.
Zu den liebenswerten Verrückten, die das Kunststück fertigbringen, sich mit 50 AKW an einer der tektonisch interessantesten Stellen der Erde sicher zu fühlen, werde ich aber sicher noch etwas schreiben.
Nur nicht heute. Heute möchte ich den Kreis noch vollenden und mich auch noch in die Schar der Weltungergangsverkünder einreihen mit dem allerdings ernst gemeinten Hinweis an all jene, die sich einer wie auch immer gearteten höheren Macht verpflichtet fühlen. Es gibt da etliche Lebewesen (Radioktivität ist ziemlich egal, ob Vögel, Hunde oder Mäuse Atomkraftwerke betreiben), die grad jedes gütige göttliche Eingreifen gut gebrauchen könnten.

4 DA lies der HERR einen grossen wind auffs Meer komen /vnd hub sich ein gros vngewitter auff dem Meer / Das man meinet / das Schiff würde zu brechen.
5 Vnd die Schiffleute furchten sich / vnd schrien / ein jglicher zu seinem Gott / vnd worffen das Gerete / das im Schiff war / ins Meer / das es leichter würde. Aber Jona war hinunter in das Schiff gestiegen / lag vnd schlieff.
6 Da trat zu jm der Schiffherr / vnd sprach zu jm / Was schleffestu? Stehe auff / ruffe deinen Gott an / Ob vieleicht Gott an vns gedencken wolte / das wir nicht verdürben.

aus: Luther-Bibel 1545: Der Prophet Jona. Die Luther-Bibel, S. 3360 (vgl. Jon 1, 4-6)

Jona übrigens kam aus der Sache raus, indem er seinen Fehler einsah und sein Verhalten änderte. Wäre vielleicht auch eine Option. Aber dazu ein anderes Mal mehr. Bis dahin hoffe ich einfach, daß die Sache noch irgendwie glimpflich ausgeht.

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (82)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Frédéric Valin: Randgruppenmitglied

Ich mag ja Erzählungen. Auch wenn ich für diese Aussage viel zu wenige lese. Womit meine Absicht, die hierzulande um sich greifende Idiotie, auf alles „Roman“ zu schreiben, weil es sich sonst angeblich nicht verkaufen ließe, wohl bereits trefflich torpediert wäre. Wobei: Für einen Verlag ist ja völlig zweitrangig, ob gelesen wird. Entscheidend ist ja eine ganz andere Handlung des menschlichen Aktionsspektrums. Insofern sei es gern noch einmal wiederholt: Ich mag ja Erzählungen.
Und ich mag sie besonders deshalb, wenn sie, nunja, erzählen. Sie sollen mich nicht läutern, mich nicht belehren, mir nichts vorführen. Eine Erzählung, die mir gefällt, zeigt mir Menschen, Begebenheiten, Dinge – völlig voraussetzungslos. Und ohne mir etwas zu erklären. Ich möchte nur mal kurz zuschauen, hineinsehen in die merkwürdige Welt, die sich mir dort bietet. Vielleicht bringt sie mich auf Gedanken, auf die ich vorher nicht gekommen wäre, vielleicht läßt sie mich träumen, vielleicht auch tatsächlich Dinge meines Lebens und meiner Welt in anderem Licht sehen. Vielleicht berührt sie mich auch einfach nur und ich bleibe in diesem Gefühl zurück.
Deshalb mag ich Erzählungen. Sie sind ein Angebot, ein „Komm mal mit, ich möchte Dir was zeigen.“ – und dann schaut man eben.*
Valins Erzählungen nun sind sehr gute Angebote. Seine Protagonisten sind nicht unbedingt die strahlenden Helden des urbanen Alltags, sie sind keine Kristallisationspunkte blühenden Lebens. Sie stehen eher am Rande, wenn auch an unterschiedlichen Rändern und aus unterschiedlichen Gründen.
Ich bin ja in urbanen Zusammenhängen aufgewachsen, daher kann ich Stellen wie diese immer nur mit einer gewssen Faszination lesen, Provinzkindheit scheint jedenfalls kein leichtes Schcksal gewesen zu sein:

In einer idyllischen süddeutschen Kleinstadt mit spitzen Kirchen und Lateinleistungskursen, mit den ganzen Audis als Zweitwagen, mit Wäldern und Wiesen, mit Kühen auf der Weide und Ochsen im Rathausen, war das anders. Wir waren so sehr Provnz, wir hatten noch nicht einmal Subkultur. Der nächste soziale Brennpunkt war ein Asylbewerberheim in vierzig Kilometer Entfernung, München und Stuttgart hielten wir für Großstädte.

(S. 77)**

Ja, ich weiß, auf der Provinz und süddeutschen Städten mit Geltungsdrang herumzuhacken, ist einfach. Aber ich bin mir sicher, die geneigte Leserschaft assoziierte sofort ein gültiges Bild samt Einwohnerschaft. Was kannn man mehr verlangen? Und es sind immer wieder solche Miniaturen, die mich sehr für diesen Band einnahmen.

Anders wurde es irgendwann in der siebten Klasse. Unser allererste Party. Bei einem Lehrerkind. Sie hieß marie, und wir dachten alle, dass sie Jochen sehr gerne mögen musste, denn ihm hatte sie als allererstem von der Party erzählt, mit hochrotem Kopf zwar, doch immerhin. Okay, nachdem sie ihren Freundinnen davon erzählt hatte. Und nachdem ihre Freundinnen davon die gesamte Stufe in Kenntns gesetzt hatten. Aber immerhin.
Wir waren alle eingeladen und bereiteten uns minitiös auf diese Party, oder, wie manche, die man dann am liebsten wieder ausgeladen hätte, es nannten: auf dieses „Feschdle“.

(S. 81f.)

Doch Valin erzählt keineswegs nur von Schwabenprovinzjugend, und auch davon nicht vorrangig. Seine Protagonisten stehen oft an einer Schwelle, in einem Schwebezustand zwischen „noch nicht“, „nicht mehr“ oder „vielleicht doch“. Zumindest gibt es Anlaß, das eigene Leben und Handeln Revue passieren zu lassen und ins Verhältnis zu setzen zu anderen Leben, die auf anderem Handeln beruhen.
In meiner hiermit spontan zur Lieblingsgeschichte erklärten titelgebenden Erzählung „Randgruppenmitglied“ sinniert der Protagonist über sich, sein Verhältnis zu Frauen und Sexualität im allgemeinen und besonderen nach. Ich zitiere einmal einfach zwei Stellen, als Angebot, als Einladung:

(Am Anfang ihrer Beziehung war das noch anders gewesen; Es hatte ihn genervt, wenn sie fünf Minuten von Ameisen und Kirchen sprach, ohne zum Punkt zu kommen. Jetzt aber freute er sich, wenn er merkte, wie sehr sie sich verhaspelte.)
Sie zu mögen war einfach: Denn sie war launisch und unausgeglichen, aufbrausend und gegenwärtig. Sie hatte Charakter. „Ich finde das gut“, sagte er wieder, „sehr gut.“ Sie war eine Person. Sie war nicht handzahm, sondern eigen. Bei ihr fühlte er sich gebraucht: Wenn er unachtsam war oder abwesend, wurde sie knurrig. Sie forderte ihn: Wenn er nicht ganz bei ihr war, dann drohten Krisen. Er empfand das als Herausforderung.

(S. 100)

Eigentlich, das wusste auch er, war die Zeit der Liebesbriefe mit 16 bereits passé, aber er war auf Grund seiner ungewöhnlichen Lektüre und dem Eindruck, den diese bei ihm hinterlassen hatte, unempfindlich gegenüber solchen Moden; wann Liebesbriefe albern wurden und wann sie angebracht waren, hatte er zu entscheiden, und zwar er allein. Es handelte sich schließlich um seine Leidenschaft.

(S. 112)

Wer die Einladung annehmen möchte, kann das mit Hilfe dieser

lieferbaren Ausgabe

bewerkstelligen.

P.S. Dank Hans Ulrich Gumbrecht hat ja nun endgültig die Sportbegeisterung auch den Status der gehobenen Intellektualität erreicht und sei auf die mehr als nur lesenswerten Spielberichte Frédéric Valins bei Spreeblick hingewiesen. Ganz große Kunst.


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*Ein Roman, zum Beispiel, mit seiner viel komplexeren Form, seinen vielen Erzählsträngen, seinen unterschiedlichen Charakteren, die in nicht immer leicht zu durchschauenden Verbindungen zueinander stehen, ist da ganz anders. Da geht es um ein ganz anderes Leseerlebnis.
**zitiert nach: Frédéric Valin: Randgruppenmitglied. Verbrecher Verlag. Berlin 2010.

Das Buch zum Sonntag (81)

Cover von Prokop: Wer stiehlt schon Unterschenkel?

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Gert Prokop: Wer stiehlt schon Unterschenkel?

Diese Woche gibt es mal wieder etwas entspannende Lektüre, denn die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, läßt Prokop weitgehend unbeantwortet.
Im Mittelpunkt der Erzählungen steht der Privatdetektiv Timothy Truckle, der in den USA der Zukunft lebt. Eine der interessanten Ideen bei Prokops Zukunftsentwurf scheint mir dabei zu sein, daß es der Welt irgendwann einfach mal reicht und sie bereits zu Beginn des 21. Jahrhunderts die USA unter einer riesigen Käseglocke verschwinden läßt. Es gibt also zwei Welten, die isolierten USA und DRAUSSEN. Natürlich spielt bei Prokops dystopischer Zukunftsvision, in der Gods own Country ohne Hilfe von außen gar nicht mehr lebensfähig wäre (was jetzt nicht heißt, daß man sich um sie kümmern würde – man läßt sie halt leben) und sich zudem die Bürger im festen Würgegriff von alleswissenden und alleskontrollierenden Staats- und Wirtschaftsinstitutionen befinden, unbedingt eine bestimmte Weltsicht mit. Und natürlich laufen Science-Fiction-Geschichten immer Gefahr, von der Realität überholt zu werden und damit merkwürdig angestaubt oder gar lächerlich zu wirken. Das gilt sicherlich, soweit wir utopische Literatur als konkrete Prophezeiung auffassen. Doch genauso wenig wie Khan Noonien Singh lächerlich wurde, als klar wurde, daß das mit den eugenischen Kriegen bs 1996 wohl nix mehr werden würde, oder Jules Vernes Mondreise weniger faszinierend, nachdem sich herausstellte, daß Schießbaumwolle wohl nicht der entscheidende Treibstoff würde, wird Timothy Truckle zu einer abwegigen Figur, nur weil sich die Weltpolitik seit 1978 in andere Richtungen entwickelte.
Überhaupt gilt für Science-Fiction ähnliches wie zu einem anderen Genre:

Jeder historische Roman vermittelt ein ausgezeichnetes Bild von der Epoche des Verfassers.

*

Das Verlegen einer Handlung in andere Welten und Zeiten ist ein probates Mittel, Aussagen über die eigene Welt und Zeit zu treffen. Mit dem wunderbaren Vorteil, sich um deren exaktes Abbild keine Gedanken machen zu müssen (daran hätte der Biller mal denken sollen). Aber zurück zum Buch, das den Untertitel „und andere unglaubliche Kriminalgeschichten“ trägt. Kriminalgeschichten behauptet Prokop also zu erzählen. Nun, das ist technisch nicht völlig unzutreffend, Truckle löst tatsächlich Kriminalfälle unterschiedlicher Art (das bringt der Beruf eines Privatdetektivs ja konstitutiv mit sich), andererseits:

„Aber es gibt anscheinend in ganz Chicago auch keinen Patienten, der auf einen zweiundfünfziger Unterschenkel wartet. Zumindest steht niemand auf den Wartelisten der offiziellen Kliniken und der registrierten Ärzte. Vielleicht bei den CAPOs, sollten die keine eigenen Kliniken haben?“
„Die CAPOs!“ Timothy lachte, daß ihm fast die Tasse aus der Hand gefallen wäre. „Was sind Sie doch für ein braver Bürger, Edward! Sie glauben wohl alles, was über Video flimmert? Die CAPOs sind nichts als eine Erfindung cleverer Journalisten und Public-Relations-Manager.“
„Wollen Sie behaupten, der ganze Kampf gegen die CAPOs sein nur -“
„Ein Märchen“, ergänzte Timmothy, „eine hübsche Geschichte für naive Gemüter, damit die etwas zum Gruseln haben und nicht soviel über andere Dinge nachdenken.“
„Und die CASA NOSTRA, die MAFIA?“
„Das war einmal. Im vorigen Jahrhundert. Glauben Sie mir, Edward, es gibt längst keine Unterscheidung mehr zwschen saubern und schmutzigen Unternehmen. Zumal die Ausnutzung der heutigen Gesetze in der Regel mehr Geld einbringt als ihre Verletzung.

(S. 27)**

Ich weiß, völlig absurd. Als ob eine Welt existieren könnte, in der ein Popanz aufgebaut wird, um alle gesellschaftlichen Aktivitäten unter dem Argument der Sicherheit zu kontrollieren. Diese Literaten… kopfschüttel
Unabhängig davon aber, denn wie eingangs erwähnt, empfehle ich Prokop ja nicht, weil er essentiell Neues und Sensationelles zur Großen Frage beizutragen hat***, sondern vorrangig, weil er, ohne platt zu werden, Freude macht. Es steckt eine Menge Phantasie in diesem Band, durchaus mit einem Hang zum Absurden, es werden hier nicht nur Körperteile gestohlen, sondern auch freigewählte Todesarten diskutiert (mit interessanten Optionen) und Identitätsfragen auf diversen Ebenen durchdekliniert. Mhm. Wenn ich es mir recht überlege, stecken vielleicht doch ein paar Antworten oder zumindest ein paar sehr interessante Fragen in den sich harmlos gebärdenden Geschichten.

Derzeit lieferbar ist eine Gesamtausgabe mit dem Fortsetzungsband „Der Samenbankraub“. Die ebook-Ausgabe ist auch einzeln erhältlich.

P.S. Eins noch:

Als Timothy schon im Mausoleum verschwinden wollte, räusperte sich Napoleon. Im Geber lag noch ein Streifen.
+ + aus der anleitung für die bedienung von electronicgehirnen + 12c3 merke: dein computer ist nicht allwissend + n. + + +

(S. 87)

* aus: Schnipsel. in: Werke und Briefe: 1932, S. 209. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8925 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 10, S. 98)
**zitiert nach: Prokop, Gert: Wer stiehlt schon Unterschenkel. Das Neue Berlin. Berlin 2006
***Wobei auch das natürlich eine Frage der eigenen Welterfahrung ist. Ich möchte mitnichten ausschließen, daß sich hier ganz wunderbare Ansätze zum Weiter- und Neudenken finden lassen. Ein reines Plauderbüchlein ist es nun auch wieder nicht.

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (80)

Prolog: Der Editionsplan dieses Blogs sieht eigentlich für Samstag, 22 Uhr die Publikation der Buchempfehlung vor. Davon bin ich derzeit weit entfernt und das wird wahrscheinlich auch noch eine ganze Weile so bleiben. Ich bitte die geneigte Leserschaft, mir dies nachzusehen, doch hat sich in den letzten Wochen einiges ereignet, was zu einer Neubewertung in der ABC-Analyse der diversen Aktivitäten des Schreibers dieser Zeilen führte.

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Franz Schuh: Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche*

Man mag es mir als mangelnden Einfallsreichtum auslegen, daß ich Franz Schuh nach dieser und jener Empfehlung nun bereits zum dritten Mal der geneigten Leserschaft ans Herz lege. Es ist aber eher Groupietum als Mangel an Phantasie. Meiner festen Überzeugung nach kann Franz Schuh gar nicht oft genug empfohlen – und vor allem gelesen werden.
„Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche“ ist das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe, es sind überhaupt die ersten Texte, die ich von ihm las (womit dann wohl auch dem letzten Leser klar sein dürfte, daß es mit meiner intimen Kenntnis des deutschen Feuilletons nicht weit her ist), und zwar nachdem ich ihn 2006 bei der Vorstellung der Nominierten für den Leipziger Buchpreis erlebte. Er wirkte dort auf dem Podium derart mißmutig, daß er schnell meine Aufmerksamkeit auf sich zog und ich erst nachdem er angesprochen wurde, begriff, daß er als Kandidat dort saß und nicht als ein aus nicht näher zu benennenden Gründen dorthin abgeordneter Befehlsempfänger. Doch selbst die Luzidität seiner Antworten ließ den einmal gewonnenen Eindruck erheblichen Widerwillens nicht völlig verfliegen. Es braucht dann der Leser auch nur bis zum dritten Satz zu warten, um auf „Widerwillen“ zu stoßen:

Ja, ich kann es nicht leugnen: Ich habe ein Werk in der Mangel, mein Hauptwerk, das aus lauter Nebensachen besteht. Mein Hauptwerk heißt „Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche“. Es sind Aufzeichnungen, die dem Durcheinander in meinem Kopf entsprechen – sie entsprechen auch meinem Widerwillen gegen die Hauptsachen, die Hauptsachen des Lebens, dieser immerwährenden, glückversprechenden Folter; ich hege den Widerwillen gegen die niederschmetternden Auskünfte der Weltgeschichte, gegen das nicht auszusparende Elend, das aus den lokalen und globalen Überheblichkeiten resultiert.

(S. 5)**

Es gehört einige Kunstfertigkeit dazu, Bilder von Herrn Schuh aufzutreiben, auf denen seine Mundwinkel nicht die zu dieser Textstelle erwartbare Richtung nehmen. Ich sehe mich völlig außer Stande, auf den Punkt zu bringen, was denn nun eigentlich meine Faszination für Franz Schuh ausmacht. Es scheint mir aber seine sehr eigenwillige Mischung aus Absurditäten, Ironie und einer Abneigung gegen die Welt, die ihn auch vor drastischer Wortwahl nicht zurückschrecken läßt, gepaart mit einer intellektuellen Schärfe ganz ohne jegliche erkennbare Missionsidee zu sein, die mich immer wieder mit Vergnügen seine Texte lesen läßt.

Alles käme, sagt jemand gereizt und entschieden (als ob er die Vollmacht hätte) über seinen Vorgesetztem, der offenkundig, aber selbstsicher wie stets, etwas falsch gemacht hat, alles käme von diesem „Pseudowissen“: „Er denkt, weil er es immer so und nicht anders gemacht hat, wird es auch immer so gehen, immer so weitergehen.“ Der Triumph, daß es diesmal nicht gegangen ist, erhält schnell den Anstrich eigener Vorzüglichkeit, und dabei fällt der Satz: „Ich behaupte nur das, was ich weiß.“ Ich will mich da nicht einmischen, mir leuchtet nur sehr grell ein, daß das auftrumpfende Pseudowissen und das risikolose Bescheidwissen einander verdienen.

(S. 297)

Es sind solche Beobachtungen der Merkwürdigkeit menschlicher Verhaltensweisen, die er aufgreift, weiterdenkt und ihrer Attitüde entkleidet, die diesen Band füllen. Schuh scheint mir kein Misanthrop zu sein, auch wenn ich nicht gerade behaupten würde, daß er Menschen mag. Aber er hat einen sehr genauen Blick, mir ist nicht eine Stelle untergekommen, bei der ich nicht hätte zugeben müssen, daß sie trifft. Er beobachtet unverklärt, aber ohne Häme, er analysiert schonungslos, aber ohne Überheblichkeit. Das ist eine hohe Kunst und Franz Schuh beherrscht sie – ich kenne keinen, der es besser kann.

„A little bit of awareness“ heißt es in einem Gedicht von Allen Ginsberg; es ist ein gedicht, um über den Mord an John Lennon zu trauern. A little bit of awareness, also nur eine Spur von geistesgegenwart – schlicht, um zu sehen, was los ist, was geschieht und wer tötet. Das Gegengewicht zur Dumpfheit ist dieses Hängen am Leben, die Wertschätzung des Lebendigen in seinen verschiedenen Ausprägungen, für die man sich interessiert, Sensibilität bewahrt. Der Dumpfe ist gleichgültig, un daraus resultiert, im verwandten Gegensatz zu den harmlosen Formen des Dumpfseins, die Zerstörungskraft der Dumpfheit: Die Welt will der Dumpfe der eigenen inneren Dumpfheit gleichmachen, sie einebnen, also sie zerstören; und hier springt einem zum Schluß eine Übereinstimmung der Gegensätze, eine Solidargemeinschaft ins Auge: Der aufgeladene, hochemotionalisierte Fanatiker und der dumpfe, gefühllose Schläger – sie stehen seit eh und je auf demselben Programm.

(S. 100f.)

Menschen dieser Welt, lest Franz Schuh!
Und damit dem auch kein Mangel an Lektüremöglichkeiten entgegensteht, sei auch heute auf die

lieferbaren Ausgaben

verwiesen.


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*Nein, die Titelauswahl soll keinen Bezug zu aktuellen Debatten herstellen.
**zitiert nach: Schuh, Franz: Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche. Paul Zsolnay Wien. 2006

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (79)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Aldous Huxley: Schöne neue Welt

Utopien sind eine sehr eigene Gattung menschlicher Schaffenskraft. Zum einen entsprechen Utopien dem menschlichen Geist wie kaum etwas anderes, denn in der Suche und dem Streben nach dem Besseren, Vollkommeneren, Perfekten offenbart sich die entscheidende Triebfeder der menschlichen Zivilisation. Zum anderen aber, und für diese These mag der heute empfohlene Roman einen Denkanstoß bieten, gibt es vielleicht nichts furchtbareres als eine wahr gewordene Utopie, eine wirklich und real existierende bessere Welt.

Ein grauer gedrungener Bau, nur vierunddreißig Stockwerke hoch. Über dem Haupteingang die Worte: BRUT- UND NORMZENTRALE BERLIN-DAHLEM. Darunter, auf einer Tafel, der Wahlspruch des Weltstaats: GEMEINSCHAFTLICHKEIT, EINHEITLICHKEIT, BESTÄNDIGKEIT.

(S. 20)*

Die schöne neue Welt erfüllt tatsächlich so einige langgehegte Menscheitsträume: Weltfrieden, lebenslange Gesundheit, Zufriedenheit aller mit sich und der Welt. Durch ein höchst augeklügeltes System wird jedem Menschen schon im Embryonalstadum sein späterer Platz im Gesellschaftssystem zugewiesen. Durch ein nicht weniger effizientes System werden sie im Kindesalter „genormt“, was den Effekt hat, daß sie sehr zufrieden mit ihrer Position sind und nie etwas anderes sein wollen als das, was sie eben sind.

„Hypnopädie ist das beste Mittel zur Stärkung der sittlichen und sozialen Gefühle, das es je gegeben hat.“
Die Studenten vermerken es in ihren Heften. Aus erster Quelle.
Der BUND drehte noch einmal an dem Knopf.
„-weil sie so schrecklich klug sind“, sagte die leise, eindringliche Stimme ohne Unterlaß. „Oh, wie froh bin ich, daß ich ein Beta bin-“
Nicht wie Wassertropfen, wenngleich Wasser Löcher in den härtesten Granit zu höhlen vermag, sondern eher wie Tropfen flüssigen Siegelwachses, die kleben, sich verkrusten und mit dem, worauf sie fallen, verschmelzen, bis der Felsblock ein einziger scharlachroter Klumpen ist.
„Bis schließlich der Geist des Kindes aus lauter solchen Einflüsterungen besteht und die Summe dieser Einflüsterungen den Geist des bildet. Und nicht nur den des Kindes, auch den des Erwachsenen – zeit seines Lebens. Der urteilende, begehrende abwägende Verstand – er ist aus diesen Einflüsterungen aufgebaut. Und alle diese Einflüsterungen sind unsere Einflüsterungen!“

(S. 43f.)

Na, unheimlich? Aber wenn ja, warum? Was ist daran unheimlich? Jedes dieser Kinder wird ein rundum zufriedenes Leben führen, jederzeit mit Freuden arbeiten und ebenso freudig konsumieren, um eines fernen Tages im Alter zwischen 60 und 70, nach einem krankheitsfreien, vitalen Leben zu sterben. Was kann man mehr wollen? Frieden, Gesundheit und Wohlstand für alle. Ist doch super.**
Es ist zu Huxley literarischer Qualität und vor allem zu seinen Motiven beim Schreiben dieses Werkes verschiedenes gesagt worden. Letztlich aber gilt für diese Utopie dasselbe, was für alle Utopien gilt: Ob die nun erstrebenswert sind oder nicht, liegt ganz allein im Auge des Betrachters. Nach meiner ganz persönlichen Sicht aber sollten Utopien lieber nicht Wirklichket werden, denn ihnen allen wohnt ein Absolutheitsanspruch inne, der mir zutiefst widerstrebt. Das liegt natürlich in der Natur der Sache, ein Ideal kennt keine Kompromisse.
Meine sehr wunderbare Englisch-Lehrerin (die ich heute aus durchaus anders gewichteten Motiven schätze als seinerzeit) bemühte sich sehr redlich, uns zu erklären, wie und warum es sich bei diesem Roman um eine Satire handele. Trotz einiger unverkennbarer satirischer Elemente, insbesondere bei der Charakterzeichnung seiner Protagonisten, kann ich mich dieser Einschätzung beim besten Willen nicht anschließen.*** Zumindest heute lese ich hier sehr viel mehr eine nahende Zukunftsvision, die sehr viel schneller und leichter Wirklichkeit werden kann. Eine Welt, in der weder Zensur noch Spionage nötig ist, weil sich jegliches Leben derart öffentlich und mit gegenseitiger sozialer Kontrolle abläuft, daß deviantes Verhalten unmöglich wird, scheint mir gar nicht so abwegig zu sein (nein, ich bin kein Fan der Postprivacy, aber dazu ein ander Mal mehr). Eine Welt, in der unsere einzige Aufgabe ist, bis ins hohe Alter glücklich und gesund zu sein und zu konsumieren – ist die so weit weg? Ist die so unmöglich?
Wie gesagt, ich weiß nicht, welche Motive Huxley bewogen, diese Vision zu entwerfen, es scheint einiges darauf hinzudeuten, daß er se weit weniger abstoßend fand als er späterhin bekundete, aber für mich wäre der Preis, den wir für eine perfekte Welt zahlen müßten, zu hoch (und dies ganz unabhängig davon, daß ich dies gar nicht so empfinden könnte, lebte ich in einer solchen).

„Ich fühle, ich könnte viel Bedeutenderes, Leidenschaftlicheres, Wirkungsvolleres leisten. Aber was? Was gibt es Bedeutungsvolleres zu sagen? Und wie kann man bei unseren herkömmlichen Themen Leidenschaft entwickeln? Worte können Röntgenstrahlen gleichen, wenn man sie richtig anwendet, können alles durchdringen. Man liest und ist durchdrungen. Das versuche ich immer, menen Studenten beizubringen. Wie schreibe ich durchdringen? Aber wozu in aller Welt ist es gut, von einem Artikel über einen Vereinigungschor oder über die neuesten Verbesserungen des Duftorgelbaus durchdrungen zu sein? Können denn überhaupt Worte durchdringend wie die stärksten Röntgenstrahlen sein, wenn man über solche Dinge schreibt? Kann man etwas über nichts sagen? Darauf läuft am Ende alles hinaus. Ich versuche und versuche…“

(S. 81)

Was in der schönen neuen Welt mit Zweiflern geschieht, verrate ich hier mal lieber nicht, auch nicht, warum es überhaupt welche geben kann, denn es soll ja noch Gründe geben, das Buch zu lesen. 😉
Aber eine Stelle möchte ich noch zitieren, weil sie sehr schön illustriert, daß jegliche Weltsicht immer nur eine Frage der Perspektive ist, es eine wahre, für alle gültige schöne und gute, lebenswerte Welt einfach nicht gibt:

Ein Heim, ein trautes Heim: ein paar enge Räume, zum Ersticken vollgepropft mit Bewohnern, als da waren: ein Mann, ein in regelmäßigen Abständen trächtiges Weib, eine Horde Jungen und Mädchen aller Altersstufen. Keine Luft, kein Platz: ein verseuchter Kerker; Finsternis, Krankheit, Gestank.

(S. 51)

„Du darfst wählen, aber du zahlst dafür.“ schließt Huxley sein Vorwort aus dem Jahr 1946. Wir sollten klug wählen.

Wenig Wahl läßt allerdings der deutsche Buchmarkt, der derzeit nur eine

lieferbare Ausgabe

bereithält.


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*zitiert nach: Huxley, Aldous: Schöne neue Welt. übersetzt von Herbert E. Herlitschka. Fischer Taschenbuch Frankfurt/Main. 66. Aufl. 2009
**Douglas Adams wirft im „Anhalter“ übrigens eine ganz ähnliche Frage auf, als er Arthur im Restaurant am Rande des Universums ein Tier treffen läßt, das aufgrund seiner Züchtung nichts lieber möchte als von ihm verspeist zu werden und ihm ganz ungeniert seine besten Teile empfiehlt.
***Und daß obwohl ich meiner hervorragenden Englisch-Lehrerin, die ich heute aus ganz anders gewichteten Motiven hoch schätze, seinerzeit so ziemlich überall hin gefolgt wäre. Im Übrigen konnte man anhand der Eigenart der Herlitschka-Übersetzung, Namen und Orte an Deutschland anzupassen, sehr gut erkennen, wer das Buch tatsächlich auf Englisch gelesen hatte. 😉

Kein Buch zum Sonntag (9)

Leider wird es heute keine Buchempfehlung geben,
Da ich mir im Klaren darüber bin, daß mir dies bei der geneigten Leserschaft keine Pluspunkte bringt, hoffe ich, daß diese frühzeitige Bekanntgabe mir zumindest eine vage Chance auf weitere Gewogenheit erhält.

Nächste Woche wird es aber bestimmt wieder was. Bis dahin verweise ich zur wohlfeilen Unterhaltung auf die sehr zuverlässig eintreffenden Sonntagslinks des geschätzten Herrn Kaliban.

Das Buch zum Sonntag (78)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Peter Høeg: Der Plan von der Abschaffung des Dunkels

Das Bildungssystem und seine Rolle in der Gesellschaft samt seinen Auswirkungen für den Einzelnen ist ein großes Thema. Wenn auch durchaus nicht gerade überrepräsentiert in der Literatur. Aber im heute empfohlenen Buch spielt das eine Rolle. Neben einigen anderen Fragen, denen Høeg nachspürt, ist es eben genau das: Wie können und wollen wir Kinder bilden und erziehen und wie gehen wir mit denen um, die sich nicht wie vorgesehen entwickeln? Was sich vor den Augen des Lesers abspielt, ist ein Experiment auf mehreren Ebenen, es ist das des Autor, des lyrischen Ichs und eben auch eines der handelnden Personen.
Ich hatte von Høeg vorher nur Fräulein Smilla gelesen, über die vielleicht auch noch zu reden sein wird, und er war mir als ein Autor in Erinnerung geblieben, der eine Spannungsgeschichte überraschend einfühlsam erzählen kann (der durchaus nicht schlechte Film übrigens enttäuschte mich genau deshalb, was da an Differenzierungen in den Personen fehlt, ist schon erheblich).* Im Plan von der Abschaffung des Dunkels geht es weit weniger dramatisch zu als bei Fräulein Smilla, dafür erleben wir einen sehr genauen, sehr tiefen Einblick in die Seelen von zum Scheitern verurteilten Menschen. Die Protagonisten seines Romanes sind für die sie umgebende Gesellschaft nicht greifbare, nicht fassbare Gestalten, sie funktionieren nicht so, wie das für sie vorgesehen ist. Sie denken anders, sie fühlen anders und sie spüren, daß sie im Konflikt mit dieser Welt stehen. Høeg macht das hier am metaphysischen Konzept der Zeit deutlich. Sein alter ego steht in Konflikt mit der Zeit, der Zeit als solcher. Und damit der Welt an sich, in der er nicht leben kann.

Ich erinnerte mich an zwei Dinge. Jesus hatte von der Zeit gesprochen. Die Leute hatten ihn gefragt, ob er ihnen das ewige Leben versprechen könne, also Freiheit von der Zeit. Darauf hatte er nicht wirklich geantwortet. […] Statt dessen hatte er dem jungen Mann, der ihn danach gefragt hatte, gesagt, was er tun solle, wenn er hier und jetzt zum Leben eingehen wolle. […]
Was soll man tun, wenn man hier und jetzt zum Leben eingehen will? Darauf hatte Jesus geantwortet. Das war das eine, was ich dachte.
Das anderer war: Vielleicht hatte Jesus auch versucht, die Zeit zu berühren, vielleicht war das sein Plan. In seinem Laboratorium, nicht im Stall mit der Krippe, sondern später. hatte er seine Gedanken gesammelt, um den Plan hinter allem zu verstehen. Dann hatte er zu denen, die ihm folgten, gesagt, sie sollten hinausgehen in die Welt und diesen Plan verraten, auch wenn das die natürliche Abneigung der Leute gegen sie erregen würde, so daß sie verfolgt und isoliert würden. Das sollten sie tun, damit alles, was geheim war, bekannt würde. Dann war er hinabgestiegen ins Totenreich.

(S. 138)**

Und auch Høegs Protagonisten wollen wissen, wollen sehen, was hinter allem steckt, welchem Plan, welchem Ablauf ihre Welt, die in diesem Falle eine Internatsschule mit hehrem Ruf ist, folgt. Beeindruckend, wirklich beeindruckend für mich ist seine Art, berührend zu schrieben. Es gibt Szenen in diesem Buch, die ich nur mit Tränen in den Augen lesen kann, weil sie mich so tief rühren. Wer weiß, welche Saiten er da trifft und womöglich läßt sich das nur schwer nachvollziehen und sehr wahrscheinlich hätte ich dieses Buch ganz anders gelesen, wäre ich noch nicht Vater. Doch die Frage, wie das, was wir „für die Kinder“ tun, tatsächlich auf diese wirkt, ist eine kaum zu überschätzende. Um so schlimmer, wenn die Handelnden dann die Fähigkeit verlieren, ihr Handeln zu reflektieren, wenn sie im besten Glauben, das Richtige und Beste zu tun, verheerendes anrichten.
Ich habe jedenfalls selten so intensiv mit den Protagonisten eines Romanes mitgefühlt, mitgelebt, mitgelitten und mitgefiebert wie bei diesem.
Ehe ich nun vollständig in Gefühlsduselei abdrifte, mal noch eine kleine Stelle, die mir bei meinem heldenhaften Kampf für die Abschaffung der Bewertung in den musischen Fächern*** ob ihrer Plastizität sicher nützlich gewesen wäre:

Er zog sie hervor und faltete sie auseinander, es war eine Zeichnung auf einem großen weißen Bogen von der Sorte, die aus dem zeichensaal nicht entfertn werden durften.
Sie war mit Bleistift gemacht. Es gab eine Handlung, zwei Männchen bewegten sich von Bild zu Bild wie in einem Comic. Es war eine Kette von Gewalt.
Auf der Zeichnung waren eine Menge Leute, die erschossen wurden, unter anderem ein Mann und eine in einem Raum, vielleicht war es ein Krankenzimmer, vielleicht ein Klassenraum.
Abgesehen davon, daß es hart war, das anzusehen, war es, so unglaublich das schien, besser als die Wirklichkeit, also war er nicht auf allen Gebieten unfähig.
Er wollte dann wieder weiter die Wände entlang, doch allmählich kamen die Mogadons bei ihm an.
„Ich habe null Sterne gekriegt.“, sagte er.
[…]
„Versuch, den Hintergrund auszufüllen“, sagte ich. „Karin Ærø hält nichts von einem leeren Hintergrund, es darf nicht zuviel weißes Papier zu sehen sein, wenn man fertig ist.“

(S. 52f.)

Wer wissen will, ob der Tipp etwas taugt, möge nachlesen. 😉
Die Zahl der Bildungsromane ist durchaus nicht klein, jedoch genausowenig, wie sich Fräulein Smilla trotz eindeutiger Kriminalhandlung sinnvoll im Krimiregal unterbringen läßt, sperrt sich dieser stille, innige, empathische Roman gegen eine Genreisierung. Mich hat er jedenfalls über weit mehr als über Schule nachdenken lassen. Er geht viel tiefer.

Lieferbar ist das Buch derzeit in

diesen Ausgaben.


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*Ja, der Anteil an männlichen Buchkäufern hielt sich, zumindest meiner Erfahrung nach, sehr in Grenzen. Und wenn kauften sie es fast immer mit dem Ziel, es zu verschenken. Zumindest offiziell. 😉
**zitiert nach: Høeg, Peter: Der Plan von der Abschaffung des Dunkels. Rowohlt Taschenbuch Reinbek. 13. Aufl. 2009
***Zugegeben, andere kämpfen mit 17 für größere Ziele. Aber alle Weltrevolutionsfans, die ich damals traf, erweckten in mir kein großes Vertrauen in einen baldigen Ausbruch eben dieser.

Das Buch zum Sonntag (77)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Nikolai Gogol: Die toten Seelen

Auch wenn ich mich durchaus als souveränen Leser betrachte, bin ich doch manchmal etwas gehemmt, was die Einschätzung von Büchern angeht, die bereits eine lange Rezeptionsgeschichte hinter sich haben. Diese läßt sich ja doch nicht immer so ganz einfach ausblenden. Wenig hilfreich ist da auch der andachtsvolle Umgang mit Literatur „großer“ Schriftsteller sowohl im Feuilleton als auch, was ich gravierender finde, in der Schule.*
Allein die Tatsache, daß es jemand in den zu behandelnden Kanon geschafft hat, macht ihn ja geradezu unangreifbar. Mir fehlen da empirische Untersuchungen, aber ich habe stark den Eindruck, als ob der Standpunkt, „Der Proceß“ sei ein schwaches Buch, im Rahmen des Deutschunterrichts per se ausgeschlossen ist. Und möglicher Weise ist es ja das, dieses verordnete Gutfindenmüssen, das auch durchaus literaturaffine Menschen dazu bringt, bei „großen“ Autoren prinzipiell die Schotten dicht zu machen. Es gibt Menschen in meinem Umfeld, bei denen renne ich seit Jahren gegen diese Wand. Vielleicht ist ja das heutige Werk der eine Stein, dessen Entfernung diese Wand zum Einsturz bringt.
Gogol las ich erstmalig im Zuge meiner Puschkin-Phase. Ganz im Sinne des „Kunden, die Puschkin kauften, kauften auch“-Prinzips, für das es nicht erst die Erfindungen eines AllesVersenders im Internet brauchte, war ich auf der Suche nach ähnlichen Autoren. Wer auch nur wenig über Puschkin liest, wird zwangsläufig auf Gogol gestoßen, denn offenbar scheint es kaum möglich, den einen ohne den anderen zu rezipieren.
Gogol aber schreibt völlig anders als der romantisierende Alexander Sergejewitsch. Seine Charaktere sind weitgehend niederträchtige, gerne auch innerlich zerrissene, mehr oder weniger verschlagene Geschöpfe mit höchst zweifelhaften Motiven. Es steht zu vermuten, daß Gogol keine sehr hohe Meinung von der Welt, insbesondere von Menschen, hatte – sehr genau beobachtet hat er sie jedenfalls. Im Mittelpunkt der „Toten Seelen“ steht Pawel Tschitschikow, den Gogol bei seinem ertsen Auftritt folgendermaßen beschreibt:

Im Wagen saß ein Herr, nicht schön und nicht häßlich, nicht zu dick und nicht zu mager; man konnte ihn nicht alt nennen, indessen sah er auch eben nicht jugendlich aus. Seine Ankunft brachte in der Stadt nicht den geringsten Lärm hervor und war auch von keinem besondern Ereignisse begleitet; nur zwei russische Bauern, die an der Thüre der dem Gasthofe gegenüber liegenden Schenke standen, machte einige Bemerkungen, die sich übrigens mehr auf den Wagen, als auf den in selbem Sitzenden bezogen.

(S. 5)**

Gogol gibt sich viel Mühe, Tschitschikow als in höchstem Grade mittelmäßig darzustellen. Er ist an Unauffälligkeit kaum zu überbieten, möchte aber fragwürdige Geschäfte mit ortsansässigen Gutsbesitzern abschließen. Zu diesem Behufe nun inszeniert er sich aber in der Stadt, versucht sich in die entsprechenden Kreise einzuführen, sich bei den richtigen Personen bekannt und beliebt zu machen, kurz: zu netzwerken.
Großartig ist dabei Gogols feine Ironie, immer wieder geschickt verwebt im Text, aber nichtsdestotrotz wunderbar treffend. Selbst mit dem Abstand von 170 Jahren halte ich Stellen wie diese hier für sehr passend:

Er fand nämlich, daß diese Stadt vor anderen Gouvernementsstädten durchaus nicht zurückstehe; die steinernen Häuser waren eben so grell gelb, die hölzernen eben so dunkelgrau angestrichen, wie überall. Den ein- oder zweistöckigen Häusern fehlten nicht die stereotypen wie Vogelbauer aussehenden Dachstübchen, die nach Ansicht der Gouvernementbaumeister sich wunderhübsch ausnahmen.

(S. 11)

Oder diese:

Er begab sich zuerst zum Gouverneur, der gleich Tschitschikow weder zu dick, noch zu dünn war, den Annaorden auf dem Halse hatte, und wie es hieß, zu einem Sterne vorgstellt war; er war übrigens sehr gutmüthig, und beschäftigte sich sogar dann und wann mit weiblichen Stickereien. Dann begab sich Tschitschikow zum Vicegouverneur, Procuror, Gerichtspräsidenten, Polizeimeister, Branntweinpächter, Aufseher der Kronfabriken….. Schade, daß man sich alle die Gewaltigen der Erde nicht merken kann;

(S. 14)

Ganze Regalböden an Kleinstadt- und Provinzliteratur kann man da getrost ungelesen liegen lassen. Und genau das ist es, was mich diesen Band immer mal wieder zur Hand nehmen läßt. Tschitschikows Idee, zu Geld zu kommen, bleibt etwas unklar ebenso wie die ganze Handlung, was sicher damit zu tun hat, daß Gogol hier ursprünglich eine Trilogie plante, von der nur erste Teil vollständig überliefert ist. Sein Personal aber ist so lebendig, so frisch, so überzeugend beschrieben, daß es immer wieder erhellend ist, Gogol zu lesen. So wie ich mir sicher bin, daß auch hier so einigen in der geneigten Leserschaft Szenen und Personen aus dem eigenen Leben vor Augen kommen:

Alle Gespräche hörten auf, was gewöhnlich bei ernsten Angelegenheiten der Fall ist. Obgleich der Postmeister sehr redselig war, aber wie er die Karten in die Hand nahm, sprach sich in seinen Zügen alsogleich ein bedeutender Ernst aus, er bedeckte die Oberlippe mit der untern und behielt diese Lage während der ganzen Spielzeit bei. Spielte er eine Figur aus, schlug er dabei mit der Hand auf den Tisch und sagte, wenn es eine Dame war: „fort mit der alten Pozinn,“ und wenn es ein König: „da ist der Tambower Bauer!“ Und der Gerichtspräsident antwortete: „Der kriegt was von mir über seinen Schnurrbart!“

(S. 19)

Bei zeitnahen Übersetzungen aus dem Russischen (die hier zitierte erschien nur 4 Jahre nach der russischen Ausgabe) gibt es häufig Probleme, was ihre Qualität, zumindest nach heutigen Maßstäben, angeht. Nicht selten handelt es sich dabei um erhebliche Eigenleistungen des Übersetzers. Möglicherweise las ich also eher Löbenstein, frei nach Gogol, als diesen selbst. Das vermag ich nicht zu beurteilen. Insofern vermag ich auch keine Aussage zu treffen, welche der

lieferbaren Ausgaben

nun genau zu empfehlen sei.

Aber sich für eine davon zu entscheiden, sei die geneigte Leserschaft hiermit aufgefordert.


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*Oder im Studium. Während meiner sehr kurzen Zeit als Germanistik-Student kursierte eine Anektode, deren Pointe darin bestand, daß ein Student in Unkenntnis des Verfassers ein Goethe-Gedicht nach allen Regeln der Kunst durchfallen ließ. Die Quintessenz, an jegliche Literatur mit dem Wahlspruch „Im Zweifel ist es Goethe.“ heranzugehen, finde ich heute weit weniger charmant als ich es damals sah. Denn dieser Grundsatz ist durchaus ambivalent. Der sympathische Punkt daran ist, einem literarischen Werk unabhängig von seinem Verfasser mit Respekt zu begegnen. Gleichzeitig aber bringt er auch zum Ausdruck, daß es anerkannte Unantastbare zu geben scheint. Und dieser Aspekt überwiegt bei mir doch inzwischen.
**zitiert nach: Gogol, Nikolai: Die toten Seelen. übersetzt von Philipp Löbenstein. Diogenes Zürich 1977

Das Buch zum Sonntag (76)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Theodore Dreiser: Eine amerikanische Tragödie

Von Dreiser war hier ja schon vor knapp einem Jahr die Rede. Dies nur, um gelegentlichen Behauptungen der geneigten Leserschaft, in dieser allwöchentlichen Rubrik würde kein Autor mehrfach erwähnt, entschieden entgegenzutreten.*
Die „amerikanische Tragödie“ gilt Leuten, die für solche Einschätzungen zuständig sind, als wichtigstes Werk in Dreisers durchaus umfänglichen Schaffen (eine Eigenart dieser Schriftsteller, die von Hause aus Journalisten sind, deren Ouevre wächst nicht selten in erstaunlicher Geschwindigkeit an) und wohl als eines der wenigen, denen eine Überlebenschance eingeräumt wird.
Und das nicht zu Unrecht. Dreiser gelingt hier eine Tragödie im wahrsten Sinne des Wortes. Clyde Griffiths, Sohn eines Wanderpredigers, treibt eines an: Die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Für die Verwirklcihung dieses Traumes geht er letztlich über Leichen, allerdings, und das macht den Roman höchst interessant, nicht als aktiver Part – irgendwie passieren ihm die verschiedensten Dinge nur, er ist praktisch nie aktiver Part. Und doch ist es immer wieder dieses Geschehenlassen, das die Ereignisse vorantreibt, das eines aufs andere folgen läßt und letztlich seinen Untergang bewirkt. Dreiser forscht dem sehr genau nach, für den einen oder anderen Leser vielleicht zu genau (es bedarf schon eines langen Atems für die ca. 900 Seiten), ergründet die Seelenzustände seines Protagonisten, versucht, verständlich zu machen, warum er sich so und nicht anders verhält. Zumindest bei mir funktionierte das, es ist durchaus möglich, sich mit Clyde zu identifizieren, der ein netter junger Mann ist, vielleicht ein bißchen naiv, vielleicht ein bißchen zu wenig tatkräftig – aber doch niemand, den man rundheraus verabscheuen müsste.

Er überlegte, wie er sich gegen Kansas City verändert hatte. Dort war er so unsicher gegenüber Hortense Briggs und jedem anderen Mädchen gewesen: fast hatte er sich gefürchtet, mit einem von ihnen zu sprechen. Aber hier, und besonders seit er das Stempelzimmer leitete, begann er sich dessen bewußt zu werden, daß er hübscher war als er je gedacht hätte, daß er den Mädchen gefiel und nicht mehr solche Angst vor ihnen hatte. Selbst Robertas Augen hatten ihm heute gezeigt, wie sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Sie war sein, und wenn sie kam, würde er deb Arm um sie legen und sie küssen und sie würde nicht widerstehen können.

S. 393**

Völlig normale Gedanken für einen jungen Mann, der gerade der Pubertät entwächst und zudem das Stempelzimmer einer Kragenfabrik leitet. Wie verderblich für das eigene Weltbild, und vor allem die eigene Rolle in der Welt, die Arbeit als Page eines Luxushotels ist, zeigte Thomas Mann im „Felix Krull“ recht amüsant. Für Clydes Leben gilt ähnliches, die bunte Welt des Reichtums, des luxuriösen Lebens, ist nicht nur sein Leitstern, er fühlt sich diesem Leben auch rechtmäßig zugehörig. Und das wiederum gerät dann durchaus in Konflikt mit der Lebensrealität des Stempelzimmerleiters. Sehr zeitig baut Dreiser denn auch untergründig eine bedrohliche Stimmung auf, die, einem Generalbaß gleich, immer wieder spüren läßt: „Das kann nicht gut gehen.“ Und doch kommt Clyde Griffiths immer wieder durch, so daß die vordergründigen Ereignisse (die Melodie sozusagen, um mal im Bilde zu bleiben) permanent eine Rettung des Helden für mindestens möglich zu halten lassen. Es ist diese Spannung, die Dreisers manchmal etwas weitgehenden Hang zur Psychologisierung überstehen lassen. Es braucht schon das tiefgründige Interesse an einem Charakter und seinen Beweggründen, um den Roman vollständig genießen zu können.
Schließen möchte ich mit einer kurzen Passage, die das eben Geschriebene vielleicht zu verdeutlichen vermag:

Wo es keine besondere Geschicklichkeit gab, mit einer solchen Lage fertig zu werden, mußten entgegengesetzte Ansichten gleich diesen nur noch größere Schwierigkeiten und selbst Verderben hervorrufen, wenn ihnen der Zufall nicht half. Und der Zufall half nicht und Robertas Anwesenheit in der Fabrik war etwas, das Clyde nicht vergessen ließ. Könnte er sie nur dahin bringen, zu kündigen und von hier fortzuziehen, so würde er sie nicht fortwährend sehen und könnte ruhiger nachdenken. Denn solange sie durch ihre bloße Gegenwart fragte, was er zu tun gedachte, war jede Überlegung unmöglich, und das Maß dessen, was ihr nach seiner sonstigen Erwägung gebührt hätte, wurde durch das Ersterben seiner Liebe noch geringer.

(S. 602)

Der geneigten Leserschaft ist meine Schwäche für solche Werke, die dem Scheitern des Einzelnen, der nicht „das Böse“ will und es doch immer wieder erschafft, nachspüren, ja bereits hinlänglich bekannt. Und hier sind wir beim Ausgangspunkt angekommen. „Eine amerikanische Tragödie“ las ich erstmalig im Alter von 12 Jahren*** und die Lektüre hätte kaum nachhaltiger wirken können, beschäftigt mich dieses Thema in verschiedensten Facetten noch heute und prägen gerade diese Erfahrungen massiv meine Einstellung dazu, wie ich Menschen und ihr Handeln bewerte, wenn ich es denn tue. So wird es wohl auch kein Zufall sein, daß es ein Gerichtsprozeß war, der Dreiser den Anstoß gab, diesen Roman zu schreiben. Jedes erneute Lesen der „amerikanischen Tragödie“ ist für mich eine Reise nicht nur in die Seele des unglückseligen Clyde Griffiths, sondern immer auch in die eigene. An jeder Wegescheide, bei jedem Momentum, indem sich Clyde immer tiefer vertrickt, immer weiter in den Sog der Ereignisse gerät, stellt sich die Frage: Und du? Könntest Du handeln oder würdest auch Du der süßen Versuchung des Wartens, des Hoffens, des Glaubens erliegen?

Mit der Lieferbarkeit ist das nun so eine Sache****. Derzeit sieht sich kein deutscher Verlag in der Lage, dieses Werk lieferbar zu halten. Und so bleibt mir denn nichts anderes, als auf die Angebote der Kollegen des Antiquariatsbuchhandels zu verweisen.
So wie

diese

hier.

Problemlos lieferbar ist das Werk freilich im Original.


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*Was nicht heißt, daß ich es mir nicht zu Gute rechne, wenn dieser Effekt eintritt. So viel Selbstverliebtheit muß sein. 😉
**zitiert nach: Dreiser: Eine amerikanische Tragödie. Paul Zsolnay Berlin/Wien/Leipzig 1928.
***Mein Vater muß große Stücke auf meine intellektuellen Fähigkeiten gehalten haben, als er mir in der abklingenden Karl-May-Phase, die sich soeben anschickte in die Alexandre-Dumas-Phase zu wechseln, dieses Werk in die Hand drückte. Und doch: Gerade diese frühe Lektüre eröffnete mir völlig andere Lesewelten, auf die ich selbst so vielleicht nie gestoßen wäre.
****„Eine amerikanische Tragödie“ war damals, als wir „Schwester Carrie“ druckten, das Buch, das ich eigentlich verlegen wollte. Es scheiterte allerdings seinerzeit an einer sehr profanen Tatsache: Es ist schlicht zu umfangreich. Bei der für unser Haus zumutbaren Auflagenhöhe galt es abzuschätzen, wie groß wohl der Markt für dilettantisch gesetzte, kartonierte Nachdrucke uralter Auflagen eines im deutschsprachigen Raum weitgehend vergessenen Autors im Preissegment von 30-35 € (das wäre der Ladenpreis auf den unsere Ausgabe hinausgelaufen wäre, schließlich hätten ja auch noch Lizenzgebühren gezahlt werdenn müssen) wohl ist. Unter Berücksichtigung des reichen Fundus an antiquarischen Ausgaben schätzte ich die Verkaufschancen auf ca. 0, grob aufgerundet.

Das Buch zum Sonntag (75)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Haruki Murakami: Der Elefant verschwindet

Murakami Haruki (村上 春樹 ) gehört zu den Schriftstellern, mit denen die Nobelpreis-Buchmacher bisher ganz gut verdienen konnten. Immer wieder mit dabei, aber gute Chancen, den Preis wieder nicht zu bekommen. Bis zur Philipp-Roth-Ehrenmedaille fehlt allerdings noch ein Stück. Aber er ist ja noch jung. 😉
„Der Elefant verschwindet“ ist eine Erzählungssammlung und wie das bei guten Anthologien so ist, sind die einzelnen Erzählungen durchaus nicht über einen Kamm zu scheren. Und auch wenn Murakami sehr viel „westlicher“ schreibt als andere japanische Autoren, so steht er doch felsenfest in seiner heimatlichen Erzähltradition. Und so gibt es denn auch das eine oder andere Seltsame, Merkwürdige, vielleicht Irreale zu lesen, das aber mit großer Selbstverständlichkeit eingewoben ist. Und auch wenn es Werke von ihm gibt, bei denen das eine stärkere Rolle spielt, ohne Merkwürdigkeiten geht es auch hier nicht. Gerade das macht aber einen großen Teil der Faszination dieser Texte aus, die sehr erstaunliche Geschichten erzählen. Was diese zu bedeuten haben, was uns, um mal aus dem Schatzkästlein des anachronistischen Didaktikfreundes zu zitieren, der Dichter damit wohl sagen wolle, das bleibt erfreulich undeutlich und ist der eigenen Interpretation mitin völlig frei gestellt. Warum ein Elefant samt Pfleger einfach verschwinden können, was es mit Dienstagsfrauen auf sich habe und wieso ein Aufziehvogel dabei eine Rolle spielt und welche Gründe es geben mag, eine Bäckerei zu überfallen und dabei Wagner zu hören – nebst einigen neuen Erkenntnissen zum Untergang des Römischen Reiches läßt sich hier bei Murakami einiges in Erfahrung bringen. Seine große Popularität sollte denn auch die geneigte Leserschaft nicht davon abhalten, ihn zu lesen. Und gerade diese frühen Erzählungen, mit leichter Hand geschrieben (also, das weiß man ja nicht, aber sie wirken zumindest so), sind ein wunderbarer Einstieg in das Werk dieses Erzählers.

Es war kurz vor zwei Uhr nachts. Meine Frau und ich hatten um sechs Uhr ein leichtes Abendessen eingenommen, waren um halb zehn ins Bett gegangen und hatten die Augen zugemacht, waren aber zu der genannten Zeit seltsamerweise gleichzeitig wieder aufgewacht. Mit der Macht des Wirbelwindes, der im „Zauberer von Oz“ vorkommt, überfiel uns kurz darauf der Hunger. Ein gewaltiger, geradezu unfair zu nennender Hunger.
Unser Kühlschrank enthielt allerdings nichts, was den Namen „Lebensmittel“ verdient hätte. Was wir fanden, waren French dressing, sechs Dosen Bier, zwei schrumplige Zwiebeln, Butter und einen Beutel Geruchsfrei. Wir waren erst zwei Wochen verheiratet und hatten noch keine gemeinschaftliche Vorstellung davon entwickelt, was Essen sei. Damals gab es noch einen Haufen anderer Dinge, die wir entwickeln mußten.

(S. 58)*

Was mir bei Murakami neben diesem höchst angenehmen Erzählstil immer wieder Freude macht, ist seine Art, sehr gerne Erzählstränge parallel laufen zu lassen. Freilich ist das in Romanen sehr viel ausgeprägter möglich, in seinen Erzählungen kommt es aber auch immer wieder vor, daß eine Handlung mal eben unterbrochen wird, um noch mal kurz etwas einzuschieben, daß selbstverständlich etwas mit der Erzählung und ihren Personen zu tun hat, aber gerne mal zu einer ganz anderen Zeit, an einem anderen ort und vielleicht auch mal mit anderen Personen spielt. Simple, linear erzählte „Und dann…“-Geschichten gibt es hier nicht.
Und das ist auch gut so.

Ich wünsche der geneigten Leserschaft ein großes Lesevergnügen mit einer der

lieferbaren Ausgaben.

Und weil es einfach zu schön ist, hier mal noch das Ereignis, nach der das deutsche Feuilleton-Publikum die Frage „Haruki wer?“ nur noch um den Preis der Abendempfangseinsamkeit stellen konnte:


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*zitiert nach: Murakami, Haruki: Der Elefant verschwindet. Berliner Taschenbuch Verlag. Berlin. Sonderausgabe 2003

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (74)

Prolog: Zu meinen Vorsätzen für das neue Jahr gehörte die Idee, das Buch zum Sonntag wieder pünktlich zu liefern, in den letzten Wochen schlich sich da doch der Schlendrian ein. Wie es sich für gute Vorsätze gehört, war bereits am 01. Januar abends nichts mehr davon übrig (da wäre die Buchempfehlung ja fällig gewesen).
Daher also ein weiteres Mal reichlich verspätet empfehle ich der geneigten Leserschaft für die gestern begonnene Woche zur Lektüre:

Beowulf

Wie ich bei meinen bisherigen kurzen Erwähnungen bereits andeutete, las ich den „Beowulf“ bereits sehr zeitig. Ich muß so ungefähr 10 jahre alt gewesen und es war mein erstes Epos, das ich nicht in einer nacherzählten Fassung las. Mit nachhaltiger Wirkung. Die damalige Ausgabe habe ich noch immer und sie gehört zu den Büchern, bei denen es mir nicht nur auf den Inhalt ankommt. Das Exemplar ist mir eines der liebsten in der nicht ganz kleinen Bibliothek, die ich hier mein Eigen nenne (und die 12 Abbildungen alter Buchmalereien haben mein ästhetisches Empfinden nicht unerheblich beeinflußt – denn man bedenke: Mir hatten ja nüscht).
Doch genug der Nostalgie, ein paar Worte zum Werk.
Beowulf ist wie viele weitere Epen, insbesondere des frühen Mittelalters, kulturell hybrid. Es geht um die Verknüpfung alter germanischer Erzähltraditionen mit dem Fuß fassenden oder etablierten Christentum und seinen Traditionen und Vorstellungen. „Beowulf“ steht dabei sehr weit am Anfang (es ist fast ein halbes Jahrtausend jünger als das Nibelungenlied) und es ist nicht nur sprachlich bei weitem noch nicht so ausgefeilt wie es spätere Werke wie das Rolandlied oder Wolframs Parzival sind.
Aber: Es ist dadurch durchaus leichter lesbar. Und: Es ist ein großer Spaß, also zumindest für alle, die etwas für Heroen übrig haben. Interessanter Weise spielt das altenglische Nationalepos nicht in England, es hat noch nicht einmal irgendetwas mit England zu tun. Schauplatz ist Dänemark, der große Held Beowulf stammt aus Gotland. Aber gut, das deutsche Nationalepos spielt in Burgund und das französische in Spanien – insofern…
Ein echter Held, insbesondere ein echter germanischer Held (und Beowulf ist das in Reinkultur) bedarf zur Initiation unbedingt ein zu erlegendes Monster. Ohne totes Monster ist man kein echter Held, bestenfalls Kandidat. Und Beowulf hat sich ein durchaus stattliches Exemplar ausgesucht:

Es wurde der grimme Geist Grendel geheißen,
Der gräßliche Markgänger, der die begrenzdenden Moore beherrschte,
Das Fenn und die Feste im Sumpf. Der freudlose Mann
Bewohnte das Reich des Riesengeschlechts seit geraumer Zeit,
Nachdem ihn der Schöpfer schonungslos verdammt hatte
Mit dem Stamm Kains. Es strafte den Mord
Der ewige Herr, weil jener Abel erschlug.
Nicht erfreute sich Kain der Fehde, denn Gott verfemte ihn weit weg,
Der Allmächtige, von der Menschheit wegen dieses maßlosen Verbrechens.

(V. 102-110)*

Ein Riese also. Nun, es müssen ja nicht immer gleich Drachen sein. So ein Riese ist für den Anfang ja auch ganz hübsch. Zumal, wenn er Menschen verspeist und ein Kainsmal trägt. Für die theologisch geschulten in der geneigten Leserschaft mag die oben zitierte Passage ein Schlaglicht auf das frühe Verständnis der Schrift in den frisch christianisierten Gebieten werfen. Natürlich kann Beowulf nicht anders, als sofort loszureisen, um Grendel den Garaus zu machen, ein echter Held braucht keine Einladung. Er wird dort freilich höchst willkommen geheißen, leidet der Dänenkönig doch nun schon 12 Jahre unter den Gräueltaten Grendels, da ist ein südschwedischer Heißsporn mit der Kraft von 30 Männern gern gesehener Gast. Freilich ruft so etwas Neider auf den Plan und so konfrontiert beim Gelage ein Gefolgsmann des Dänenkönigs unseren Held mit der Geschichte eines verlorenen Schwimmwettkampfes gegen einen gewissen Breca, dies zum Anlaß nehmend, ihn vor einem Kampf mit Grendel zu warnen, der unweigerlich schlimmer ausgehen werde als dieses Wettschwimmen. Was wiederum Beowulf für einen geeigneten Anlaß hält, eine ausführliche Gegendarstellung zu bieten, die folgendermaßen endet:

Schließlich war es mir beschieden, daß ich mit dem Schwert erschlug
Neun Wasserungeheuer. Niemals erfuhr ich
Von einem härteren Kampf unter des Himmels Gewölbe,
Noch von einem elenderen Mann auf einsamen Meer.
Doch vom Fanggriff der Feinde entfernte ich mich lebend,
Ermattet von dem Unternehmen. Das Meer trug mich dann,
Die Flut mit der Strömung, zu den Finnlappen ans Land,
Die wogenden Wellen. Wahrlich, über dich habe ich noch nie
Von solchen Seekämpfen je sagen hören,
Von solchem Schrecken der Schwerter. Schließlich hat Breca niemals,
Ja, keiner von euch, im Kampfe bisher
Solche tapferen Taten vollbracht
Mit blankem Schwert – ich brüste mich damit nicht -,

(V. 574-586))

Nein, natürlich nicht. Das ist eine ganz bescheidene, zurückhaltende Zusammenfassung. Mitnichten also kam Beowulf später an und wenn überhaupt, dann nur, weil er eben nebenbei mal eben noch neun Meeresungeheuer zersäbeln musste. Zugegeben, sowas kann dauern.
Beowulf ist schon sehr heldisch. Gegen ihn wirkt ein Siegfried geradezu von Selbstzweifeln zerfressen. Zum einen habe ich ja bekanntermaßen eine Schwäche für solche Figuren, zum anderen aber entwickelt sich Beowulf durchaus auch weiter. Natürlich wird er weiterhin ein riesiger Held sein, dem keine Aufgabe zu groß ist und natürlich wird auch er noch gegen einen Drachen kämpfen (das muß schon sein), aber seine Persönlichkeit wird in den folgenden 2500 Versen durchaus komplexer. Genauso wie die Struktur der Handlungsstränge, ihre Verknüpfung über weite Passagen hinweg, manchmal nur mit kleinen Einschüben vorangebracht, sich weit über das vielleicht erwartete „Und dann… und dann…“-Chronologieschema erhebt.
Ich möchte aber noch einmal kurz zeigen, wie nur mühsam kaschiert im „Beowulf“ die alten Erzähltraditionen werden. Der Dichter scheint ernstlich bemüht zu sein, seiner Erzählung christlichen Anstrich zu geben, aber, nun ja, wie sagt man? Er übt noch. So wirkt dieses Bemühen manches Mal etwas hölzern, eher wie der Versuch von jemandem, die Zensurbehörde auszutricksen, in dem er ein paar Stichworte verwendet, ansonsten aber eine subversive Schrift verfaßt. Grendel pflegt nachts und hinterrücks zuzuschlagen, was Beowulf sehr farblich und aufs schärfste als niederträchtig und eines wahren Kämpfers nicht würdig bezeichnet, weshalb er sich ihm ohne Waffe entgegenzustellen wünscht und:

„[…]Der weise Gott möge dann,
Der heilige Herr, einem der beiden Handkämpfer
Den Ruhm zuerkennen, wie es ihm recht dünkt.“

(V. 685-687)

Dies im Gedächtnis nun aus der Kampfszene:

Sie wollten das Leben ihres geliebten Landesgebieters schützen,
Des berühmten Kriegsherren, so gut sie konnten.
Sie wußten noch nicht, als sie die Waffen führten,
Die hartbeherzten Heldenkrieger,
Und von allen Seiten auf ihn einzuhauen gedachten,
Um seine Seele auszulöschen: diesem sündhaften Schädiger
Konnte überall auf Erden kein noch so ausgezeichnetes Eisen,
Keines der Schlachtschwerter, einen Schaden zufügen,
Denn verwunschen hatte er die Waffen alle,

(V. 796-804)

Der geübte christliche Mythenschreiber hätte hier unmöglich die Oberlehrerpose verlassen können und vollumfänglich auf die göttliche Vorhersehung hingewiesen, die Beowulf auf seine Waffe zu verzichten gehieß. Unabhängig davon, daß er ja wohl kaum von alleine auf diese Idee hätte kommen können. Selbständig denken, soweit kommt´s noch. Womit wir übrigens bei einem entscheidenden Punkt sind, warum mir die alten Heldenepen sehr viel lieber sind als die unzähligen Heiligenlegenden: Die hier handeln noch. Sie irren manchmal, sie begehen nicht selten grauenhafte Fehler, sie sind nicht selten laut und ungehobelt, manchmal sind auch sie eine Spur zu perfekt – aber sie sind wenigstens nicht fremdgesteuert. 😉

Leider sind meine Kenntnisse zur Güte der Übersetzungen höchst beschränkt, es möge also ein jeder selbst seine Auswahl unter den lieferbaren Ausgaben treffen. [Für die ich einen Link nachliefere, sobald ich einen Weg gefunden habe, ein anständiges Suchergebnis in einen Permalink zu verwandeln. *hmpf*]


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*zitiert nach: Beowulf. Ein altenglisches Heldenepos. übertragen und herausgegeben von Martin Lehnert. Insel Leipzig 1988.

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (73)

Prolog: Ich betrachte es mal als gutes Zeichen, daß ich zu Weihnachten andere Dinge zu tun hatte als mich im Blog herumzutreiben. 😉
Daher also ein weiteres Mal die Buchempfehlung erst am Montag. Aber ist ja auch irgendwie ein Wochenanfang. Und eines ist sicher: Dieses Jahr war das die letzte Verspätung.*

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Heusen/Mikus/Michel: Das geheime Leben der Bücher vor dem Erscheinen.

Über die mittelmäßig Verrückten beim Verlag Hermann Schmidt Mainz schrieb ich hier gelegentlich schon. Dieses hier ist ein wunderbares Beispiel und sehr gut geeignet, den diesjährigen Reigen an Buchempfehlungen zu beenden, weil es das Medium als solches in den Mittelpunkt stellt. Und so wenig ich für die Beurteilung von Texten das Medium, mit dem diese transportiert werden, für relevant halte: So ein Buch, des isch scho schee**.
Offiziell wurde das Buch für Kinder und junge Jugendliche geschrieben („ab 8“, sagt der Verlag) und natürlich können diese das auch mit Genuß und Gewinn lesen. Aber vielleicht ist es ja auch ein Trick, um die noch immer latente Ablehnung des deutschen Buchpublikums gegenüber bildhaften Erklärungen zu überwinden. So nach dem Motto: Ist nicht für mich, das ist für mein/e [passende Verwandschaftsbezeichnung].
Wer wirklich wissen möchte, wie ein Buch entsteht (und da gibt es eine Menge zu lernen), dem sei dringend zu diesem großartigen Werk geraten. Das beginnt schon beim Umschlag – Ich sage nur: thermosensitives Cover(leider nur für Facebook-Nutzer).

***

Ich möchte einmal aus der Warnung des Verlages zitieren, die bereits zu Beginn des Buches erscheint, nachdem der geneigte Lesende bereits erfahren hat, was ein Vorsatz ist und was unter einem Schmutztitel zu verstehen sei:

Achtung, Achtung, hier spricht der Verlag:
„Dieses Buch könnte dein Leben verändern!“
Deshalb überlege bitte genau, ob du weiterblättern willst.
Du könntest anfangen, Milchtüten zu lesen. […] Du wirst schon nach ein paar Seiten mehr über Bücher wissen als deine Eltern. […] Du wirst möglicherweise überhaupt ein wenig komisch werden.

(S. 2f.)***

Kurz: Hier sind Enthusiasten am Werk und sie sind auf Mission. Ich kann mir kaum vorstellen, daß sich jemand der Faszination dieses Bandes zu entziehen vermag. Nicht nur, daß hier locker das Konversationswissen für das Jahrgangstreffen einer beliebigen Seckbach-Klasse steckt (bereits vor Beginn des ersten Kapitels dürfte die Behauptung zum überlegenen Nachwuchswissen erfüllt sein) – man spürt auf jeder Seite die Liebe zum Detail, die Begeisterung für die Schönheit handwerklicher Arbeit. Denn auch im Zeitalter der weitgehenden Automatisierung, des DTP und des Digitaldrucks, der Buchautomaten – ein gutes, ein schönes Buch, das ist immer noch feinste Handwerkskunst. Die Werkzeuge mögen sich geändert haben, zugegeben. Aber wer hier einmal gelesen hat, worin die Arbeit eines Typografen besteht (bzw. bestehen kann), wird so manche preiswerte Klassiker-Ausgabe künftig mit anderen Augen sehen (und dies im wahrsten Sinne des Wortes).
Die geneigten Lesenden verfolgen die Autorin und ihre kleine, zarte Idee, vom Reifen zur Geschichte, von der ersten Idee bis zum fertigen Buch, jeder Schritt wird locker, nicht selten amüsant, vor allem aber: liebevoll genau verfolgt. Wer wissen und verstehen möchte, warum es Menschen gibt, denen ein eReader selbst bei liebevollstem Design ein Graus ist, warum es Menschen gibt, die ein Antiquariat mit leuchtenden Augen betreten und Bücher betrachten, deren Inhalt ihnen nahezu egal ist, die aber das Buch und seine Geschichte, die Liebe und die Arbeit, die es brauchte, es herzustellen, spüren und fühlen wollen, die in Ehrfurcht vor einer Inkunabel mindestens innerlich in die Knie zu gehen wünschen, Menschen, die schließlich und endlich zu schätzen wissen, wenn ein Buch spüren läßt, daß es hergestellt wurde, um in die Hand genommen, betrachtet und gelesen zu werden – und eben nicht nur, um einen Käufer zu finden -, nun, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Und allen anderen auch.
Oder kurz:

Jugend dieser Welt: Lest dieses Buch.

Und drückt es anschließend euren Eltern in die Hand. Von mir aus auch umgekehrt.
Hauptsache, ihr kauft die

lieferbare Ausgabe.;)

Wer im Übrigen von meinem flammenden Plädoyer noch immer nicht überzeugt sein sollte, kann beim Verlag selbst noch einmal schauen. Oder natürlich in einer guten Buchhandlung, so wie dieser hier.


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*Ja, ich habe eine unsägliche Schwäche für Jahresendwitze. Und da seid mal froh, daß wir wir nicht 1999 schreiben. 😉
**Die eventeuell mitlesenden Dialektkundigen mögen mich korrigieren, sollte mein Ohr da falsches vernommen haben. Ich habe nämlich außerdem noch eine unsägliche Schwäche für Wendungen aus Dialekten, die ich gar nicht beherrsche. Diese Ansammlung an sch-Lauten finde ich jedenfalls sehr reizend.
***Eigentlich bräuchte ich hier gar nicht weiterschreiben. Denn: Hallo? Thermosensitives Cover! Aber es soll ja Menschen geben, die sowas gar nicht beeindruckt. *kopfschüttel*
****zitiert nach: Heussen et.al.: Das geheime Leben der Bücher vor dem Erscheinen. Verlag Hermann Schmidt. Mainz 2010

Das Buch zum Sonntag (72)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Cicero: Gespräche in Tusculum

Trotz LateinLK kam ich das erste Mal mit den Tusculanae disputationes in deutscher Sprache und noch dazu im Theater in Berührung. Das nt in Halle führte seinerzeit eine Bühnenfassung auf, mit dem von mir verehrten Siegfried Voß als Cicero, wenn ich das recht memoriere. Wobei „Bühnenfassung“ vielleicht etwas hochtrabend klingt, denn genau genommen wurden eben einige Dialoge vorgetragen.
Der Dialog ist das typische Stilmittel der antiken Philosophie.

Und zwar gingen wir so vor, daß zuerst der, der etwas zu vernehmen wünschte, seine Meinung sagte und ich dann dagegen sprach. Denn dies ist, wie Du weißt, die alte sokratische Form, gegen die Meinung eines anderen zu diskutieren. Auf diese Weise, glaubte Sokrates, könne am leichtesten gefunden werden, was der Wahrheit am nächsten komme. Aber damit unsere Diksussionen bequemer lesbar seien, werde ich sie lieber in dramatischer als in erzählender Form berichten.

(Buch 1, 8 / S. 58)*

Bedenkt man, welches Ende das Leben des Sokrates nahm, ist es erstaunlich, wie sehr sich dessen Methode der Wahrheitsfindung durchzusetzen vermochte. Denn die Welt zeigte den Freunden der Wahrheit doch recht deutlich, wie wenig sie letztlich an eben dieser interessiert ist, zumindest sobald sie unbequem wird. Was ich einmal kurz zu einem Exkurs nutzen möchte, um in Anschluß an meinen Lateinlehrer mal eine Lanze für die im Nachruhm ja doch arg gebeutelte Xanthippe zu brechen. Schließlich pflegte das klassische Athen ja durchaus das Rollenmodell der schwäbischen Hausfrau**, was man nun schön finden kann oder auch nicht. Das Funktionieren eben dieses Lebensentwurfs setzt aber einen Mann voraus, der einer gewinnbringenden Tätigkeit nachgeht, auf die Haushaltskasse ausreichend gefüllt sei. Den ganzen Tag auf em Marktplatz Athener Mitbürgern aufzuzeigen, wie oberflächlich und irrig sie ihr Leben führen mag nun zwar im Dienste der Wahrheit stehen und insofern gewinnbringend sein, bringt aber zum einen nicht sonderlich viele Geldstücke ein und macht zum anderen die Geschäftsbeziehungen der Frau des Hauses durchaus problematisch, von den Auswirkungen aufs soziale Netzwerk gar nicht erst zu reden. Die gute Xanthippe hatte also durchaus Anlaß zur Klage.
Die griechischen Philosophen und ihre Überlegungen stehen durchaus im Mittelpunkt der Tusculanischen Studien, Cicero zitiert hier umfänglichst. Neben einem wunderbaren Überblick über die griechische Philosophie erhält man hier durchaus auch einen Einblick in römisches Denken, auch wenn sich das nicht immer sauber differenzieren läßt. Freude macht dabei vor allem Ciceros überragendes stilistisches Talent, weshalb den dazu fähigen in der geneigten Leserschaft auch unbedingt das lateinische Original empfohlen sei. Aber auch in der Übersetzung ist das spürbar. Sicherlich gibt es leichtere Lektüren, aber noch immer bleiben die Überlegungen der klassichen Antike zu vielen Fragen der menschlichen Existenz bedenkenswert. Und sie sind kaum besser aufbereitet als beim alten Egomanen Marc. T.

A: Ich habe es ja getan und sogar öfters; solange ich es lese, bin ich überzeugt, aber sobald ich das Buch beiseite gelegt habe und ich für mich allein über die Unsterblichkeit der Seele nachzudenken anfange, entgleitet mir irgendwie jene ganze Überzeugung.
B: Wieso? Gibst Du zu, daß die Seelen entweder nach dem Tode weiterleben oder im Tode selbst zugrundegehen?
B(sic!): Gewiß.
B: Und wenn sie weiterleben?
A: So gestehe ich zu, daß sie glückselig sind.
B: Wenn sie aber untergehen?
A: Daß sie nicht unselig sind, weil sie dann ja überhaupt nicht existieren. Dies zuzugeben hast Du mich schon kurz zuvor gezwungen.
B: Wie und warum kannst Du dann behaupten, daß der Tod Dir als ein Unglück erscheine? Da er uns doch entweder glückselig macht, wenn die Seelen weiterexistieren, oder jedenfalls nicht unglücklich, wenn wir keine Empfindungen mehr haben.

(1, 24-25 / S. 67)***

Ich habe ja eine Schwäche für literarische Selbstdarsteller und es scheint mir kein unzulässiger Spoiler zu sein, darauf hinzuweisen, daß die Rededuelle nie zu Gunsten von Ciceros Kontrahenten ausgehen. Seine Gesprächspartner haben stets die Ehre, scheinbar gute oder gültige Behauptungen von sich zu geben, die dann Stück für Stück und geradezu genüßlich seziert und widerlegt werden. Wie im obigen Beispiel, das einige Absätze vorher mit der simplen Aussage „Der Tod scheint mir ein Übel zu sein.“ begann. Das mag vielleicht nicht jedem liegen, ich aber finde das immer wieder höchst amüsant. Da sitzt also eine Runde durchaus nicht armer römischer Bürger (also wahrscheinlicher Weise liegen sie) beisammen, konsumiert guten Rotwein (es ist zwar keine Weinliste überliefert und der Johnson schweigt sich zu diesen Jahrgängen auch aus, aber es würde mich doch sehr wundern, wenn sie das antike Äquivalent zum AldiTetrapakWein genossen) und denkt darüber nach, wie die Welt wohl beschaffen sei und wie ein gutes Leben zu führen sei. Und Cicero, Retter der Republik, also letztlich ja mindestens der Welt, erklärt ihnen wohlformuliert und allwissend, wie sehr sie auf dem Holzweg sind. Da haben die anderen bestimmt gedacht: „Na, wie gut, daß wir den Marcus Tullius haben.“
So ähnlich dachten sie ja schon im Senat, als sie Cicero in die Wüste schickten, was ja überhaupt erst der Anlaß war, der diesem die Gelegenheit zu seinen Studien gab. Bei Cicero klingt das natürlich anders:

Als ich mich endlich von meiner Arbeit als Verteidiger vor Gericht und von den Pflichten als Senator ganz oder doch zum großen Teil befreit sah, da kehrte ich – vor allem auf Deine Mahnung hin, Brutus – zu jenen Studien zurück, die ich im Geiste zwar festgehalten, unter dem Zwang der Umstände aber zurückgestellt hatte und die während langer Zeit liegen geblieben waren.

(1, 1 / S. 55)

Die Trauben waren wohl arg sauer.
Von vielen griechischen Philosophen und ihren Gedanken wissen wir heute nur durch Ciceros Vermittlung, weil die Originalschriften verloren gegangen sind. Ein Gutteil der griechischen Philosophie wird also auf ewig mit dem Namen Marcus Tullius Cicero verbunden bleiben. Gloria aeterna, gegen die er wohl nichts einzuwenden hätte.

Und so sei zum Abschluß noch auf die

lieferbaren Ausgaben

verwiesen.


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*zitiert nach: Cicero: Gespräche in Tusculum. übersetzt von Olof Gigon. Bibliothek der Antike. dtv München 1991
**Was von Frau Merkel wohl außerhalb dieser Metapher bleiben wird?
***Diese Stelle gehört übrigens immer noch zum Beispiel, daß Cicero wählte, um seine Methode zu illustrieren, die er im ersten Zitat vorstellte. 😉

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (71)

Prolog: Was auch immer über Landluft erzählt wird, zumindest mich Großstadtbewohner macht sie müde. Liegt wahrscheinlich am vielen Sauerstoff. Jedenfalls nach einem wunderbaren Adventswochenende bei lieben Freunden, die, öhm, landschaftlich sehr reizvoll wohnen, komme ich erst heute zur Buchempfehlung.

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Hermann Hesse: Siddhartha

Kunden zu klassifizieren ist ein beliebter Zeitvertreib, natürlich auch im Buchhandel, der demnach selbstverständlich seine eigenen Sinus-Milieus hat. Eine Kategorie jedoch wird man dort vergeblich suchen, auch wenn ich sicher bin, daß zumindest die Kolleginnen und Kollegen aus der Branche sofort ein Bild vor Augen haben: Empfindsame junge Damen in der Hesse-Phase. Für diese ist Siddhartha natürlich Pflichtlektüre. Allerdings bin ich tatsächlich der Meinung, daß es sich auch für andere Zielgruppen lohnt, dieses Büchlein zu lesen.
Denn die Faszination, die Hesses „indische Dichtung“ auf empfindsame junge Damen ausübt, ist durchaus nachvollziehbar. Er schreibt in Nachahmung alter Mythenerzählungen mit einer beeindruckenden poetischen Kraft, die ihn davor bewahrt, an der Gratwanderung zum Kitsch zu scheitern. Es geht ein gewisser Sog von seiner Erzählung aus, die mich immer bewog, weiterzulesen. Und daß, obwohl klar ist, wie das Endziel des Ewigsuchenden, als der Siddharta hier porträtiert wird, aussehen wird – eine Problematik, der jede Literatur, die sich an mehr oder weniger historischen Personen und Begebenheiten orientiert, unterliegt. Können zeigt sich dann also in der Ausformung des Wie, in der Gestaltung der Personen. Und Hesses Siddharta ist überaus gelungen. Gerade das jugendliche Sehnen und Suchen nach anderen Regeln, anderen Werten als denen der Altvorderen, das Streben nach Höherem oder doch zumindest Neuem, das fängt Hesse sehr gut ein.

Die Waschungen waren gut, aber sie waren Wasser, sie wuschen nicht Sünde ab, sie heilten nicht Geistesdurst, sie lösten nicht Herzensangst. Vortrefflich waren die Opfer und die Anrufungen der Götter – aber war dies alles? Gaben die Opfer Glück? Und wie war das mit den Göttern? War es wirklich Prajapati, er die Welt erschaffen hat? War es nicht Atman, Er, der Einzige, der All-Eine? Waren nicht die Götter Gestaltungen, erschaffen wie ich und du, der Zeit untertan, vergänglich? War es also gut, war es richtig, war es ein sinnvolles und höchstes Tun, den Göttern zu opfern? […] Ach, und niemand zeigte diesen Weg, niemand wußte ihn, nicht der Vater, nicht die Lehrer und Weisen, nicht die heiligen Opfergesänge!

(S. 11)*

Hier haben wir denn die Grundthemen, die sich durch das ganze Werk ziehen werden, schon angedeutet: Das Suchen nach dem Großen, Einen, Ganzen, nach der Erlösung, dem Aufgehen in der Welt, dem Loslösen und ganz Aufgehobensein – und die Frage, wer dies und wenn ja, wie erreichen könnte. Gibt es dafür eine Lehre, eine Regel? Sind die Regeln, die wir haben, die Götter, die wir anbeten, nicht nur ein Vehikel, das uns hilft, dieses Leben zu überstehen, weil der wahre Weg viel zu beschwerlich, zu weit, zu unerreichbar ist?
Sehr schön illustriert dies auch folgender kurzer Dialog, einer der wenigen Stellen, die mich zu einem Schmunzeln bewegten:

Unterwegs sagte Govinda: „O Siddharta, du hast bei den Samanas mehr gelernt, als ich wußte. Es ist schwer, es ist sehr schwer, einen alten Samana zu bezaubern. Wahrlich, wärest du dort geblieben, du hättest bald gelernt, auf dem Wasser zu gehen.“
„Ich begehre nicht, auf dem Wasser zu gehen“, sagte Siddharta. „Mögen alte Samanas mit solchen Künsten sich zufriedengeben.“

(S. 26)

Der geneigte Leser folgt Siddhartas Weg zur Erlösung mit allen Höhen und Tiefen, mit seinen Irrungen, seinen Seitenwegen und Abzweigen – und derer sind es einige. Und natürlich muß er zunächst soweit wie nur irgend denkbar vom Wege abkommen, ehe er die gesuchte Erlösung finden wird. Und, dieser Seitenhieb sei mir noch gestattet, es ist kein Wunder, daß die Geschichte eines jungen Mannes, der aus einem gehobenen Haushalt stammt, der sich um seinen Lebensunterhalt nie Gedanken machten mußte, der nichts anderes an Künsten vorzuweisen hat als Warten, Denken und Fasten und dessen einzige Sorge also darin besteht, sich selbst zu finden (und beziehungsweise, sich selbst loszuwerden, um im buddhistischen Sinne im großen ganzen Einen aufzugehen), eine ganz bestimmte Klientel besonders anspricht.

Nichtsdestotrotz: Wäre mir unmittelbar nach Beendigung der Lektüre ein Buddhist begegnet – gut möglich, daß ich heute in orangefarbenem Gewand nach dem Om suchen würde. Dieses Buch ist im wahrsten Sinne schön. Es ist ein Buch zum Versinken, zum Treibenlassen. Man kann darin eintauchen und geht erfrischt daraus hervor.
Oder, wie es der Hausheilige formulierte:

Hermann Hesse hat, fern vom Problematischen, immer gut gespielt: seine naturalistischen Schilderungen sind fast unübertroffen, kräftig im Ton, bunt in
der Farbe, sauber, voll Blut und Luft und Atmosphäre . . .

**

Suhrkamp bemüht sich redlich um Hesse, und so ist denn die Zahl

der lieferbaren Ausgaben

beträchtlich.

P.S. Im Übrigen behaupte ich, daß dieses schmale Büchlein einen ganz hervorragenden Einblick in buddhistische Denkweisen bietet. Wofür gelehrte Abhandlungen recht umfangreiche Lektüre erfordern, erschließt sich hier auf nur wenigen und zudem sehr viel leichter zu lesenden Seiten. Aber ich bin kein Religionswissenschaftler und beim besten Willen kein Buddhismus-Experte, ich mag mich da also auch irren. 😉


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*zitiert nach: Hesse, Hermann: Siddharta. Eine indische Dichtung. Suhrkamp Frankfurt/Main 2007. ISBN: 978-3-518-45853-2

**aus: Der deutsche Mensch. in: Werke und Briefe: 1927, S. 645. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 5367 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 5, S. 295) (c)Rowohlt Verlag

Das Buch zum Sonntag (70)

Prolog: Wie die ganz wunderbare @missmarple76 formulierte, war bei mir heute „Intra-familiärer Kleinstbackwerkerzeugungssonntag“. Zudem hatte die Traumtochter™ einen nachmittäglichen Chor-Auftritt und sich der Faszination eines Weihnachtsmarktes im Dunkeln zu entziehen, kann von Kindern im präpubertären Alter schlicht nicht verlangt werden. Gestern Abend war ich viel zu müde (Stichworte: Buch = wunderbares und wertiges WeihnachtsGeschenk >> Buchhandel >> Adventssamstag). So viel dazu. Nun zur Sache.

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft:

Victor Klemperer: LTI

Bedenkt man, daß schon Humboldt meinte, mit dem Erlernen einer neuen Sprache lerne man eine ganze Kultur, ist es sehr erstaunlich, wie lange es bis zum liguistic turn dauerte. Das hat zwar nichts mit dem heutigen Buch zu tun, aber ich wollte das schon immer mal sagen und ehe ich jetzt noch anderthalb Jahre auf einen günstigen Moment warte, bringe ich das lieber mal heute an.
Wobei es in einem Punkt dann doch etwas mit Klemperers „Notizbuch eines Philologen“ zu tun hat: Dem genauen Blick auf die Sprache, um zu verstehen, was geschieht.
Klemperer schaut sehr genau hin. Welche Wrter, welche Wendungen offiziell und alltäglich verwendet werden, wie sich der Gebauch und der Wortschatz ändert und kommt dabei zu sehr aufschlußreichen Beobachtungen.

Was nach außen das Gesicht eines unschuldigen Friedensspiels zur Erhaltung der Volksgesundheit zu wahren hat, muß tatsächlich eine Vorbereitung zum Kriege sein und auch im Bewußtsein des Volkes als etwas derart Ernstes geschätzt werden. Es gibt jetzt eine Hochschule für Sport, ein Sportaakademiker ist jedem anderen Akademiker mindestens gleichgestellt – in den Augen des Führers ihm sicherlich überlegen. Die Aktualität dieser Wertschätzung dokumentiert sich um die Mitte der dreißiger Jahre in der Benennung von Zigaretten und Zigarillos und wird durch sie gefördert: man raucht „Sportstudent“ und „Wehrsport“ und „Sportbanner“ und „Sportnixe“.

(S. 295)*

Es fällt mir schwer, bei Klemperer nur kurz zu zitieren. Zu stringent sind seine Ausführungen, zu sehr widerstrebt es, etwas davon wegzulassen. Seine Überlegungen sind sehr scharfsinnig, sehr genau und mit einer bemerkenswerten Distanz geschrieben, die mich bei der Erstlektüre durchaus überraschte. Denn Klemperer hätte nun wahrlich jeden Grund wohl auch jedes Recht gehabt, ein wütendes Pamphlet zu schreiben. Dies ist vielleicht eine der größten Stärken dieses Buches, daß es keineswegs unbewegt oder unberührt aus sicherer Entfernung entstand, sondern auf unmittelbarem Erleben, auf tätiger und täglicher Beobachtung beruht. Und doch ist, bei aller akademischen Faszination, derer sich der Philologe keineswegs entziehen kann (die wahrscheinlich sogar notwendig ist, um überhaupt so genau beobachten zu können, es bedarf dafür ja einer gewissen Sensibilität für Worte, Sprache und deren Gebrauch) und die eine merkwürdige Ambivalenz erzeugt, der Impuls, der ihn bewog, dieses Buch zu veröffentlichen, ist immer sichtbar:

Wie viele Begriffe und Gefühle hat sie geschändet und vergiftet! Am sogenannten Abendgymnasium der Dresdner Volkshochschule und in den Diskussionen, die der Kulturbund mit der Freien Deutschen Jugend veranstaltete, ist mir oft und oft aufgefallen, wie die jungen Leute in aller Unschuld und bei aufrichtigem Bemühen, die Lücken und Irrtümer ihrer vernachlässigten Bildung auszufüllen, am Gedankengut des Nazismus festhalten. Sie wissen es gar nicht; der beibehaltene Sprachgebrauch der abgelaufenen Epoche verwirrt und verführt sie.

(S. 10)

Es geht um die Demaskierung der Sprache, um das Dahinterschauen, das Nachdenken darüber, welche Denkweise hinter einem bestimmten Sprachgebrauch steckt. Denn Worte werden nie zufälli8g gewählt. Sie sind immer Ausdruck einer Weltsicht. Und wenn denn Klemperer einmal der Furor packt, dann beim plumpen Heroismus, den er als ganz wesentliches Merkmal nazistischer Denkweise sieht.

Ich nenne derartiges einen komischen Rückfall; denn da der Nationalsozialismus auf Fanatismus gegründet ist und mit allen Mitteln die Erziehung zum Fanatismus betreibt, so ist fanatisch während der gesamten Ära des Dritten Reiches ein superlativisch anerkennendes Beiwort gewesen. Es bedeutet die Übersteigerung der Begriffe tapfer, hingebungsvoll, beharrlich, genauer: eine glorios verschmelzende Gesamtaussage all dieser Tugenden, und selbst der leiseste pejorative Nebensinn fiel im üblichen LTI-Gebrauch des Wortes fort. An Festtagen, an Hitlers Geburtstag etwa oder am Tag der Machtübernahme, gab es keinen zeitungsartikel, keinen Glückwunsch, keinen Aufruf an irgendeinen Truppenteil oder irgendeine Organisation, die nicht ein „fanatisches Gelöbnis“ oder „fanatisches Bekenntnis“ enthielten, die nicht den „fanatischen Glauben“ an die ewige Dauer des Hitlerreiches bezeugten.

(S. 80f.)

Was man nun so Furor nennen kann. Diese Stelle kam nicht zuletzt deshalb in die Auswahl, weil sie zeigt, wie ungemein gut lesbar Klemperer ist. Es ist ja manches Mal erstaunlich, wie schlecht manche Philologen mit der Sprache umzugehen vermögen. Dieser hier kann es ganz hervorragend. Ich bin davon überzeugt, daß dieser schmale Band n Regalmeter historischer Literatur zu ersetzen vermag. Weniger, weil die Historiker unnütze Arbeit verrichten, ganz im Gegenteil, mögen sie nur alles, so exakt wie es ihnen ihre Wissenschaft erlaubt, erforschen, prüfen und nachweisen. Wer aber verstehen will, wie und warum im Dritten Reich gedacht wurde, der möge Klemperer lesen.
Wer das nicht möchte, möge bitte trotzdem Klemperer lesen. Denn eines kann LTI auf jeden Fall ganz hervorragend vermitteln: Sensibilität für den Gebrauch von Sprache. Sensibilität dafür, was wir alltäglich so hören, hin- und übernehmen. Welche Schlagworte wir uns von wem vorkauen lassen. Wie wir gesellschaftliche Gruppen bezeichnen. LTI ist über seinen ursprünglichen und unmittelbaren Aufklärungszweck hinaus vor allen Dingen ein Plädoyer dafür, selbst zu denken. Und zwar mit aller Konsequenz. Das macht das Leben sicher nicht einfacher, aber es hilft, sich die Sicht auf die Welt nicht verkleistern zu lassen und so in eine (Denk-)Richtung zu geraten, in die man gar nicht wollte.
Kaum etwas könnte in diesen hysterischen Zeiten wichtiger sein als das Nachprüfen dessen, was da eigentlich wie und von wem erzählt wird.

Beim Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben

sei erwähnt, daß diese hier die wohl künftig maßgebende, weil korrigierte und verbesserte Edition ist.


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*zitiert nach: Klemperer: LTI. Reclam Leipzig. 16. Auflage 1996

Das Buch zum Sonntag (69)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Kurt Tucholsky: Schloß Gripsholm. Eine Sommergeschichte

Tucholsky gilt gemeinhin, und das nicht zu Unrecht, als Meister der kleinen Form. Merkwürdigerweise hat das hierzulande, wo man eine geradezu kultische Verehrung für den Roman hegt, tatsächlich einen pejorativen Anklang. Zumindest die Hochkritik akzeptiert einen Schriftsteller ja erst, wenn er endlich einen von ihr akzeptierten Roman vorlegt (hier sei exemplarisch an das seinerzeitige sehnsuchtsvolle Warten des Feuilletons auf den „großen Roman“ von Judith Hermann erinnert, nachdem man ihre Erzählungen himmelhoch lobte – und dabei offenbar die Möglichkeit, daß dies genau das zu ihr und ihrem Erzählstill passende Genre sein könnte, nicht ernsthaft in Betracht zog). Mir erscheint das etwas mekrwürdig, aber in einer eigenartigen Interaktion zwischen meinungsbildenden Kritikern, verlegerischen Verkaufserwartungen und Konsumentenverhalten entstand nun die Merkwürdigkeit, daß auf nahezu jedem erzählerischen Werk „Roman“ steht – völlig unabhängig davon, ob das nun zutrifft oder nicht.
Ich bin kein Literaturwissenschaftler, ob Schloß Gripsholm also zu Recht als Roman firmiert oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen (ich sage mal: Nö.) Es ist aber zumindest der längste zusammenhängende Text, den Tucholsky publizierte. Und ist für mich auch eher eine Sammlung exzellenter, wunderbarer Miniaturen, die durch eine Rahmenhandlung zusammengehalten werden, als ein Roman.
Es geht schon ganz wunderbar los mit einem (fiktiven) Briefwechsel zwischen Rowohlt und Tucholsky, aus dem ich nur eine kleine Stelle zitieren möchte, nicht zuletzt, weil ich sie selbst immer wieder gerne verwende:

Die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können. Sie glauben gar nicht, wie das fehlt. Ich denke an eine kleine Geschichte, nicht zu umfangreich, etwa 15-16 Bogen, zart im Gefühl, kartoniert, leicht ironisch und mit einem bunten Umschlag.

(S. 150)*

So denken Verleger. 😉
Was nun folgt, ist eine kleine Geschichte, nicht zu umfangreich, zart im Gefühl, leicht ironisch – und nicht selten tatsächlich kartoniert mit buntem Umschlag. Der Lesende darf teilhaben an den Urlaubsabenteuern des Erzählers mit seiner Freundin Lydia, die einen mehrwöchigen Urlaub in Schweden verbringen.
Lydia („die Prinzessin“) gehört nun zu meinen liebsten literarischen Frauenfiguren. Stets gradeaus und vorneweg, forsch, aber nicht gefühllos, bestimmend, aber irgendwie auch zum Knuddeln.

„Frau Kremser hat gesagt“, begann Lydia, „ich soll mir meinen Pelz mitnehmen und viele warme Mäntel – denn in Schweden gibt es überhaupt keinen Sommer, hat Frau Kremser gesagt. Da wäre immer Winter. Ische woll nich möchlich!“ Frau Kremser war die Haushälterin der Prinzessin, Stubenmädchen, Reinmachefrau und Großsiegelbewahrerin. Gegen mich hatte sie noch immer, nach so langer Zeit, ein leise schnüffelndes Mißtrauen – die Frau hatte einen guten Instinkt. „Sag mal … ist es wirklich so kalt da oben?“
„Es ist doch merkwürdig“, sagte ich. „Wenn die Leute in Deutschland an Schweden denken, dann denken sie: Schwedenpunsch, furchtbar kalt, Ivar Kreuger, Zündhölzer, furchtbar kalt, blonde Frauen und furchtbar kalt. So kalt ist es gar nicht.“ – „Also wie kalt ist es denn?“ – „Alle Frauen sind pedantisch“, sagte ich. „Außer dir!“ sagte Lydia. – „Ich bin keine Frau.“ – „Aber pedantisch!“ – „Erlaube mal“, sagte ich, „hier liegt ein logischer Fehler vor. Es ist genauestens zu unterscheiden, ob pro primo …“
„Gib mal ´n Kuß auf Lydia!“ sagte die Dame. Ich tat es, und der Chauffeur nuckelte leicht mit dem Kopf, denn seine Scheibe vorn spiegelte. Und dann hielt das Auto da, wo alle bessern Geschichten anfangen: am Bahnhof.

(S. 153)

Die Sommergeschichte plätschert sodann vor sich hin. Die beiden betreiben allerlei Blödsinn, vergnügen sich nach Verliebtenart und es kommt auch durchaus zu dramatischen Entwicklungen, die zu einer guten Tat anregen. Das alles wird aber immer wieder unterbrochen von scharfsinigen Beobachtungen und melancholisch anmutenden Betrachtungen über die Welt, die Liebe und die Freundschaft.

Sich auf jemanden verlassen können! Einmal mit jemand zusammen sein, der einen nicht mißtrauisch von der Seite ansieht, wenn irgend ein Wort fällt, das vielleicht die als Berufsinteressen verkleidete Eitelkeit verletzen könnte, einer, der nicht jede Minute bereit ist, das Visier herunterzulassen und anzutreten auf Tod und Leben … ach, darauf treten die Leute gar nicht an – sie zanken sich schon um eine Mark fünfzig … um einen alten Hut … um Klatsch … Zwei Männer kenne ich auf der Welt; wenn ich bei denen nachts anklopfte und sagte: Herrschaften, so und so … ich muß nach Amerika – was nun? Sie würden mir helfen. Zwei – einer davon war Karlchen. Freundschaft, das ist wie Heimat. Darüber wurde nie gesprochen, und leichte Anwandlungen von Gefühl wurden, wenn nicht ernste Nachtgespräche stattfanden, in einem kalten Guß bunter Schimpfwörter erstickt. Es war sehr schön.

(S. 197f.)

Für diejenigen in der geneigten Leserschaft, die für die Entwicklung eines Autors ein Faible haben, sei empfohlen, Rheinsberg und anschließend Schloß Gripsholm zu lesen. Wo der 22jährige noch ein wahrhaft unbeschwertes (Rheinsberg ist vielleicht der einzige Prosatext Tucholskys, den ich als rundherum „unbeschwert“ bezeichnen würde) Bild eines verliebten jungen Paares zeichnet und sich diese naive Verliebtheit auch im Sprachstil ausdrückt, kann man in Schloß Gripsholm einen Autor genießen, der gereift ist, der auch ein wenig desillusioniert ist, der vor allem aber über eine breite Palette an sprachlichen Möglichkeiten verfügt. Und: Der einen untrüglichen, scharfen Blick besitzt. Wer dem Protagonisten folgt, wird einen Menschen erkennen, der doch bei allem Theater, das er um seine Person veranstaltet, sich doch nur wünscht, aus seiner Einsamkeit gelöst zu werden. Inwieweit nicht nur für Peter Panter, sondern auch für dessen Schöpfer gilt, mögen die Biographen beurteilen.
Ich möchte noch schließen mit einer versteckten Liebeserklärung ans Norddeutsche, an die ich immer wieder denken muß, wenn ich hier unten im Süden Menschen von „da oben“ begegne – und die einer der Gründe ist, warum ich durch Lübeck immer mit einem versonnnen Lächeln laufe:

Da stand sie schon mit den Koffern vor ihrem Haus – „Hallo!“ „Du bischa all do?“ sagte die Prinzessin – zur grenzenlosen Verwunderung des Taxichauffeurs, der dieses für ostchinesisch hielt. Es war aber missingsch.
Missingsch ist das, was herauskommt, wenn ein Plattdeutscher hochdeutsch sprechen will. Er krabbelt auf der glatt gebohnerten Treppe der deutschen Grammatik empor und rutscht alle Nase lang wieder in sein geliebtes Platt zurück. Lydia stammte aus Rostock, und sie beherrschte dieses Idiom in der Vollendung. Es ist kein bäurisches Platt – es ist viel feiner. Das Hochdeutsch darin nimmt sich aus wie Hohn und Karikatur; es ist, wie wenn ein Bauer in Frack und Zylinder aufs Feld ginge und so ackerte. Der Zylinder ischa en finen statschen haut, över wen dor nich mit grot worn is, denn rutscht hei ümmer werrer aff, dat deit he … Und dann ist da im Platt der ganze Humor dieser Norddeutschen; ihr gutmütiger Spott, wenn es einer gar zu toll teibt, ihr fest zupackender Spaß, wenn sie falschen Glanz wittern, und sie wittern ihn, unfehlbar …

(S. 152)

Gerade beim Hausheiligen kann ich natürlich unmöglich den Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben

auslassen.


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*zitiert nach: Tucholsky, Kurt: Texte 1931 (=Gesamtausgabe. Texte und Briefe, Band 14), Rowohlt. Reinbek 1998