Klaus Leesch: Eduard Bernstein (1850-1932)

Klaus Leesch hat sich in seiner Werkbiographie des frühen Sozialdemokraten Eduard Bernstein einer Mammutaufgabe gestellt.

Bernstein ist sowohl während seiner Lebzeiten als auch in der späteren Rezeption stets voreingenommen bewertet worden. In seinem Wirken während der Flügelkämpfe in der Sozialdemokratie, insbesondere in der Kaiserzeit, mag das noch in der Natur der Sache liegen.

Als bedeutender Publizist in der sozialdemokratischen Presse, der noch dazu immer wieder klar Stellung bezog, konnte er kaum mit einem ausgewogenen Urteil rechnen. In der Rezeption der Nachkriegszeit wiederum diente er beidseits der Mauer vorrangig als Projektionsfläche nebst der dazugehörigen Rosinenpickerei.

Das führte nicht nur zu einseitigen Urteilen, sondern auch zu erheblichen Forschungsdesideraten, denn wirklich intensiv und sachlich beschäftigten sich kaum Forscher mit ihm. So kommt es denn auch zustande, dass von einem der wichtigsten Vertreter der frühen Sozialdemokratie bis heute keine vollständige Werkausgabe vorliegt.

Vor diesem Hintergrund ist Klaus Leeschs umfassende Arbeit nicht nur zu begrüßen, sie ist willkommen zu heißen.

Leeschs Arbeit umfasst in der gedruckten Ausgabe zwei Bände mit insgesamt über 1700 Seiten und war seine Dissertation an der Fern-Universität Hagen. Leesch hat sich lange und intensiv mit Bernstein beschäftigt. Das ist von der ersten Seite an zu spüren – ebenso wie die Sympathie des Autors der Person Bernsteins gegenüber. Dass ihm trotzdem die sachliche Distanz nicht abhanden kommt, ist ein unbedingter Pluspunkt. Und unbedingt notwendig, voreingenommene Bernstein-Literatur gibt es ja – wie eingangs erwähnt – bereits zur Genüge.

Dennoch wäre hier ein etwas rigoroseres Lektorat gewinnbringend gewesen. Ich hatte beim Lesen sehr bald den Eindruck, Klaus Leesch wolle nun gleich alle bestehenden Lücken mit einem Mal schließen. Insbesondere seine langen und umfangreichen wörtlichen Zitate aus Bernsteins Werk machen die Lektüre schnell mühsam. Natürlich ist die Belegarbeit schwierig, wenn keine in Umfang und Güte zufriedenstellende Werkausgabe zur Verfügung steht. Eine bessere Lösung wäre hier aber wahrscheinlich dennoch die Auslagerung in einen Quellenband bzw. in den Anhang gewesen. So aber entstehen Redundanzen und Längen, die es schwer machen, die Biographiearbeit des Autors wahrzunehmen. Das ist sehr schade, denn so entsteht der Eindruck, dass vor lauter Ansprüchen, denen diese umfangreiche Arbeit gerecht werden will, sie letztlich keinem wirklich gut entspricht.

Dennoch: Dieses Mammutwerk wird seinen unübersehbaren Platz in jeglicher Arbeit zu Bernstein und der frühen deutschen Sozialdemokratie finden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand zu diesem Themenkomplex arbeiten kann, ohne künftig Leeschs Werkbiographie zur Kenntnis zu nehmen. Aus diesem Bergwerk werden noch so manche Schätze geholt werden.

Und dem interessierten Publikum wünsche ich, dass Klaus Leesch noch einmal nachlegt – mit einer schlankeren Biographie unter dem Motto: Mehr Leesch wagen.

Details zum Buch:
Klaus Leesch: Eduard Bernstein (1850-1932). Campus Verlag Frankfurt/Main 2024, 2 Bde., 1788 Seiten, 189 € ; als ebook (epub oder PDF) 179,99 €
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Steffen Mau: Ungleich vereint

Über Ost und West, die Einheit und ihre (Nicht-)Vollendung ist bereits viel geschrieben worden. Vieles davon beruht aber eher auf gefühltem Wissen oder tradierten (Vor-)Urteilen.

 Steffen Mau nimmt in diesem Buch seine Profession als Soziologe aber Ernst und macht etwas, das überraschend selten getan wird: Er schaut ganz genau hin, nutzt das Instrumentarium der Sozialwissenschaften und kommt dabei zu präzisen Ergebnissen. Dieser nüchterne, genaue Blick darauf, was wirklich ist – also welche Einstellungen, welche Wertvorstellungen, welche Mentalitäten tatsächlich im Osten existieren und woher sie stammen, hebt sich wohltuend von gängigen Polemiken ab.

Dabei zeichnet er die verschiedenen Phasen des Umgangs mit „dem Osten“ nach und macht überzeugend deutlich, dass die Strategie der Anwandlung an „den Westen“ nicht nur nicht zielführend, sondern auch schlicht nicht funktioniert hat – und auch nicht funktionierend wird. Eine demokratische Zukunft ist überhaupt nur erreichbar, wenn wir in der Gesamtgesellschaft anerkennen, dass es erhebliche Unterschiede gibt, die unterschiedliche Herangehensweisen und Instrumente erfordern. Wir müssen endlich weg davon kommen, unsere Entscheidungen auf Voreingenommenheiten und Illusionen zu stützen. Dafür ist eine realistische, saubere Bestandsaufnahme eine unerlässliche Grundlage.

Die sorgfältige Beobachtung und Argumentation von Steffen Mau bietet eine exzellente Grundlage für künftiges politisches Handeln, weg von illusorischen Vorstellungen, hin zu einer die Realitäten anerkennenden, aktiven Gestaltung einer weiterhin möglichen demokratischen Zukunft – nicht nur des Ostens, sondern der ganzen Bundesrepublik. 

Besonders spannend fand ich Maus Gedanken, die nie wirklich gelungene Verwurzelung der bundesrepublikanischen Parteien im Osten als Herausforderung und Ideenfeld zu nutzen, wie Demokratie dennoch funktionieren könnte – denn es braucht keine prophetische Gabe, um abzusehen, dass die bereits stark bröckelnden Strukturen im Westen auch dort nicht mehr ewig halten werden. Der Trend ist seit Jahrzehnten ungebrochen und es ist nicht abzusehen, dass er endet. Also: Anstatt immer wieder herumzujammern, dass der Osten nicht wie der Westen ist, lasst uns diesen Fakt doch einfach mal anerkennen und schauen, was wir da tun können. Denn eines ist klar: Die Faschisten haben das längst erkannt und spielen ihr Playbook durch. Wird Zeit, mal ganz zügig eine 20 zu würfeln und loszulegen…

Auch wenn ich Mau’s Optimismus für seine vorgeschlagenen Lösungswege nicht ganz zu teilen vermag, sein Plädoyer dafür, dass es unabdingbar ist, jetzt etwas zu tun, ist absolut überzeugend.

Buchdetails:
Ungleich vereint : warum der Osten anders bleibt von Steffen Mau. Suhrkamp Berlin 2024, 168 Seiten, ISBN 978-3-518-02989-3, auch als ebook erhältlich

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Lupenreine Demokraten

Definitionen von Oxford Languages: lu·pen·rein /lúpenrein/ Adjektiv 1. (von Diamanten) bei einer bestimmten starken Vergrößerung große Reinheit zeigend, keinen Einschluss erkennen lassend. "lupenreine Brillanten" 2. fehlerfrei, ohne jede Abweichung vom Ideal. "ein lupenreiner Sound"

Es sind gerade schwere Zeiten für Pazifistʔinnen. Wir erleben einerseits eine massive Militarisierung der Gesellschaft. Das offenbart sich in allen Bereichen. So etwas wie der Rheinmetall-Deal von Borussia Dortmund zum Beispiel wäre noch vor 4 Jahren undenkbar gewesen. Das ist möglicherweise nicht der stärkste Beleg, die Flexibilität gerade des Fußballs in Bezug auf die propagierten Werte, die sich eben ganz erheblich von den praktizierten unterscheiden, ist ja weithin bekannt.

Trotzdem finde ich es als Zeichen dafür, wie tief verankert der Militarismus inzwischen wieder ist, gar nicht so abwegig: Gerade die Dortmunder Fans haben eine durchaus lebhafte und große Fanszene, die sich immer wieder gesellschaftspolitisch positioniert. Und selbst diese lässt sich also mit den blumigen Erklärungen abspeisen, die vor allem eines beweisen: In der gesellschaftlichen Wirklichkeit sind Wertebekenntnisse ausgeleierte Phrasen. Auf die Irritationen, wenn dann künftig mit dem Rheinmetall-Logo gegen Rechtsextremisten Flagge gezeigt werden soll, dürfen wir uns alle freuen.

Natürlich ist es auch absurd zu glauben, wenn zwei Aktiengesellschaften einen Werbevertrag verkünden, ginge es um irgendwelche anderen Werte als Aktienwerte. Dazu hat auch jüngst Jon Stewart ein sehr schönes Stück präsentiert:

https://youtube.com/watch?v=TWVbZ0WQ3s8%3Fsi%3DEKq3SgVjiBFHc24b
Jon Stewart Smashes the Myth of Corporate Morality in Pride, BLM, and Beyond | The Daily Show

Andererseits befindet sich auch der mediale Diskurs zunehmend in einem Kriegszustand, in dem es nur noch darum geht, auf welcher Seite man steht. Das ist natürlich verständlich, die Multikrise verlangt nach entschiedenem Handeln und da ist es durchaus hilfreich, Seiten zu wählen. Was mich aber irritiert: Wir scheinen es inzwischen für sehr wahrscheinlich zu halten, dass Menschen und Gruppierungen, die wir bis gestern noch für vernünftig gehalten haben, urplötzlich den Verstand verloren haben und jetzt Genozide oder Kriegsverbrechen schnafte finden. Ein solches Vorgehen aber übersieht etwas: Es ist vollkommen möglich, auf derselben Seite zu stehen und dennoch ein paar Anmerkungen zu haben und den eingeschlagenen Weg nicht für der Weisheit letzten Schluss zu halten.

Dieser Hang zum Tribalismus, der suggeriert, wir stünden kurz vom Bürgerkrieg, vor dem uns dann nur der uns genehme Stamm retten kann, in dem er alles für alle bestimmt – das mag für Krisenzeiten typisch sein. Hilfreich für eine freie und offene Gesellschaft ist das nicht. Aber alle machen mit.

Und so dürfen wir nun am Sonntag erleben, wie in den zwei ostdeutschen Freistaaten Parteien mit Macht in die Landtage gewählt werden, die das Banner der Demokratie und der Meinungsfreiheit vor sich hertragen, tatsächlich aber mit Genuss und Freude die Mauern der bürgerlichen Demokratie schleifen wollen. Und dies auch werden: Die Konservativen waren in der Geschichte und der Gegenwart immer die Steigbügelhalter autoritärer und faschistischer Mächte, sie werden es auch hier sein. Wer in faktenresistenten Propagandaschleudern wie dem Bündnis Sprechen wie Wladimir oder den lupenreinen Flügel-Faschisten Machtoptionen sieht, hat aus dem 20. Jahrhundert und aus dem Mord an Lübcke nur eines gelernt: Geschmeidige Opportunisten finden immer einen Weg durchzukommen – Franz von Papen als leuchtenden Bannerträger. Bloß nix für die eigenen Werte riskieren, dann wird das schon.

Denn wie riet der Hausheilige dieses Blogs im Jahr 1931?

Wenn sie in ihren Sälen hetzen,
sagt: »Ja und Amen – aber gern!
Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!«
Und prügeln sie, so lobt den Herrn.
Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft.1

Was mich erschüttert, was mich wirklich betroffen macht: Wir haben als Gesellschaft die letzten 100 Jahre nicht genutzt, um wirksame Strategien gegen das immer gleiche Playbook (passende Stichworte: Landnahme, National befreite Zone, Diskursverschiebung [kurze Anmerkung: Wisst ihr noch, wie Anfang des Jahres das Wort Remigration Millionen auf die Straße trieb? Heute kann man damit Wahlkampf machen]) zu entwickeln und ins Werk zu setzen. In der Breite stehen wir heute wieder völlig ratlos da, lassen uns vorführen und überrumpeln. Und nicht einmal das mit Absicht und genau für diesen Fall eingeführte scharfe Schwert der Demokratie wagen wir zu ziehen. Die Verfasser:innen des Grundgesetzes wussten, dass gegen solche lupenreinen Demokraten wie sie nun bald mit fetten Prozentsätzen in den Landtagen sitzen im Zweifelsfall nichts anderes hilft. Kein Reden, kein Debattieren, keine seitenlangen Faktenchecks.

Und eines können wir gewiss sein: Die werden die Hebel nutzen, die da sind. Sie werden uns zeigen, was die Werkzeuge der wehrhaften Demokratie können, wenn sie eingesetzt werden. Nur dann halt nicht von echten, sondern von lupenreinen Demokraten.

  1. aus: Kurt Tucholsky, Rosen auf den Weg gestreut. veröffentlicht als Theobald Tiger in Die Weltbühne, 31.03.1931, Nr. 13, S. 452. online verfügbar bei textlog.de ↩︎

Mareike Fallwickl: Die Wut, die bleibt

Umschlagabbildung zu Die Wut, die bleibt von Mareike Fallwickl

Helene, Mutter dreier Kinder, steht eines Tages vom Abendbrottisch auf, geht zum Balkon und stürzt sich in die Tiefe. Ihre Freundin Sarah will den Hinterbliebenen helfen und findet sich unversehens in Helenes Rolle wieder – obwohl sie das nie wollte.

Sarah möchte in dieser Krisensituation helfen – aus der lebenslangen Freundschaft zu Helene heraus, aus Zuneigung zu diesen Kindern, deren ältestes, Lola, sogar einst Teil ihrer Wohngemeinschaft war. Und schließlich, weil man Menschen eben in einer solchen Situation nicht hängen lässt.

Dass damit eine Falle zuschnappt, dass sie ganz selbstverständlich in einer Rolle gelandet ist, die sie weder wollte noch ihr zusteht und die ihr nur aus einem einzigen Grund zugewiesen wird, weil sie eine Frau ist, wird ihr bald klar. Weniger klar allerdings ist ihr der Weg, dort wieder herauszukommen. Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate und es droht die Jahresfrist. Begleitet wird in ihrem Geist von einer Manifestation Helenes, die sie spöttisch beobachtet, ihr Fragen stellt, die befreit wirkt.

Helenes hellsichtige Tochter Lola ist nicht bereit, sich den Erwartungen an ihre Rolle zu beugen. Sie liest feministische Literatur, weiß um die Wirkmechanismen des Patriarchats und mit der Intensität jugendlicher Überzeugungen konfrontiert sie Sarah und alle anderen Menschen in ihrer Umgebung mit ihrer Sicht auf die Welt. Klar, überzeugt und analytisch scharf. Doch erst eine Schlüsselsituation, in der sie sich hilflos männlicher Gewalt ausgesetzt sieht, bringt sie zur Tat. Sie ist nicht länger bereit, das Unrecht tatenlos hinzunehmen und die Gewalt männlichen Tätern zu überlassen, die mit ihren Taten unbehelligt ihre Leben weiterleben.

Ein Schlüsselement dafür wird das Teilen von Erfahrungen, von Erlebnissen wie sie nur Frauen (oder als Frauen gelesene Personen) haben – und die sie alle gemacht haben. Daraus speist sich Lolas Wut und es wird eine unglaubliche Energie frei dabei. Das Ende des Schweigens der Frauen wird auch Lola und Sarah helfen, einander zu verstehen und es ist der Motor ihrer Emanzipationsgeschichte. Je weiter diese voranschreitet, desto seltener tritt Helene in Erscheinung.

Mareike Fallwickls Roman hat bei mir massiven Eindruck hinterlassen. Was für eine Kraft, was für eine Wucht steckt in diesem Befreiungsschrei von einem Roman!

Es ist mit Sicherheit eine der aufwühlendsten, beeindruckendsten Lektüreerfahrungen mindestens der letzten Jahre, wenn nicht überhaupt meiner ganzen Lesebiographie. Da sind so viele Aspekte, die mir auch erst jetzt im Nachgang erst klar werden. Ich werde noch lange damit zu tun haben.

Buchdetails:
Mareike Fallwickl: Die Wut, die bleibt. Rowohlt Hundert Augen Hamburg 2022, 377 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-498-00296-1, 22 €, als ebook 15,99 €
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Carolin Kebekus: Es kann nur eine geben

Umschlagabbildung zu Carolin Kebekus, Es kann nur eine geben

Mit Carolin Kebekus bin ich sehr lange nicht so recht warm geworden. Wie bei vielen Comedians, die ihr Handwerk im Karneval-Kontext erlernt und erprobt haben, war mir das lange Zeit zu krawallig, zu platt, zu sehr schenkelklopfend (auch wenn ich hier mal selbstkritisch überprüfen muss, ob mich das bei ihr nicht besonders gestört hat, weil sie eine Frau ist – ich kann das nicht abschließend beurteilen, weil es extrem schwierig ist, sich in sein früheres Ich hineinzuversetzen, aber insbesondere nach der Lektüre dieses Buch muss ich das für wahrscheinlich halten).

Das hat sich in den letzten Jahren geändert, dennoch war ich skeptisch. Allerdings völlig zu Unrecht. Sie legt hier einen Grundkurs zu den drängendsten gesellschaftlichen Fragen aus feministischer Perspektive hin, der keine Themen scheut, Probleme klar benennt und dabei erstaunlich locker bleibt. Das ist eine große Kunst und Carolin Kebekus beherrscht sie meisterhaft. Immer wieder im Fokus steht dabei der Slogan »Die eine, die Schönste, die Beste, die Auserwählte.«

Es ist Augen öffnend, wie sie immer wieder zeigt, an wie vielen Stellen und mit wie vielen Mitteln und Methoden wir gesellschaftlich dafür sorgen, dass Frauen sich nicht nur permanent gegenseitig behindern, sondern das auch noch wollen. Wie sie dazu gebracht werden, es völlig normal und natürlich zu finden, dass es eben nur »die Eine« geben könne. Wie dazu schon unsere Urmythen, unsere Kindheitshelden, unsere Jugendidole, unsere Eltern beitragen.

Für mich ist das eine der großen Stärken dieses Buches, aufzuzeigen, wie viel möglich wäre, würden Frauen sich verbünden, Netzwerke schaffen, sich gegenseitig stärken und stützen – genau so wie Männer das ganz selbstverständlich und gesellschaftlich akzeptiert auch tun.

Und: Carolin Kebekus zeichnet ihren eigenen Erkenntnisweg nach, beschreibt, wie sie selbst erst gelernt hat, bestimmte Dinge zu sehen, wie sie heute Dinge anders handhabt als sie das noch vor wenigen Jahren getan hat. Das führt zu einer Haltung, die die Hand reicht, die mitnimmt, die einlädt. Und damit vielleicht in der Lage ist, Menschen mitzunehmen, die sich von Appellen nicht angesprochen fühlen.

Mich hat sie auf jeden Fall erreicht und ich habe vieles zu sehen gelernt, das mir vorher nicht so klar war.

Buchdetails:
Carolin Kebekus: Es kann nur eine geben. Mit einem Kapitel von Mariella Tripke. Kiepenheuer & Witsch Köln 2021. 352 Seiten, Paperback. ISBN 978-3-462-00174-7, 18 €, als ebook 14,99 €
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Neues aus der Wrobelei: Der Newsletter

Es ist ein hochspannender Prozess, der da seit ein paar Jahren beobachtet werden kann: Ein Rückzug ins Digital-Private. Wichtige Inhalte werden nicht mehr öffentlich auf bekannten sozialen Medienplattformen publiziert, sondern im geschützten Raum der Abonennten. Das gilt natürlich nicht erst, seit wir wissen, dass Hirse-Hitler seine Fans über Telegram anschreibt.

Die Renaissance des email-Newsletters ist schon länger zu beobachten und nimmt zunehmend Fahrt auf. Was ihr schon allein daran erkennt, dass so ein Late-Adopter wie ich jetzt damit anfange (wahrscheinlich kurz bevor ich mir ein TikTok-Konto zulege 😉 )

Jedenfalls: Drüben bei Substack (auf diese Plattform hat mich die wunderbare Berit Glanz mit ihrem nicht weniger wunderbaren Projekt »Phoneurie« gebracht) gibt es in Kürze »Neues aus der Wrobelei«.

Und darum soll es gehen:

Nicht erst seit dem Wiedererstarken des verdeckt und offen auftretenden Faschismus in Deutschland und Europa, wendet sich der Blick ein Jahrhundert zurück, in die gescheiterte Republik von Weimar.

Was ich hier versuchen möchte: Die Gegenwart ein wenig durch die Linse des Werks von Kurt Tucholsky und seiner Rezeption zu betrachten. Ich glaube, dass es spannend sein kann, heutige Rückgriffe mit dem Blick des Zeitgenossen zu kontrastieren. Oder heutige Debatten ähnlichen Debatten aus dem »Babylon Berlin« gegenüberzustellen. Und sonst interessante Dinge mit Tucholsky- oder Weltbühnenbezug, die mir so begegnen. 🙂

Der Titel »Neues aus der Wrobelei« ist freilich selbst bereits Referenz. Die Nicht-Tucholsky-Referenz überlasse ich dabei Suchwilligen. Die andere sei kurz erläutert:

Ignaz Wrobel war eines der 5 PS, seiner fünf Finger an einer Hand, in Kurt Tucholskys Schaffen. Seinen Ignaz Wrobel, benannt nach dem ungeliebten Mathematik-Lehrbuch und dem hässlichsten Vornamen, den er sich denken konnte, beschreibt er so:

Wrobel, einen essigsauern, bebrillten, blaurasierten Kerl, in der Nähe eines Buckels und roter Haare [aus: Start, 1927]

Und so sind denn auch viele der Texte, die er unter diesem Pseudonym veröffentlichte: Grantelnd, mosernd, die Schlechtigkeit der Menschen anklagend. Aber eben auch: Aufklärerisch, moralisch unbeirrt, bitter-ironisch.
Mit 16, als ich das erste Mal durch die Raddatz-Ausgabe durch war*, wäre Ignaz Wrobel kein Pseudonym gewesen, mit dem ich mich irgendwie hätte identifizieren wollen oder können.

Ein paar Jahrzehnte und Kompromisse mit der Welt später, fühle ich mich ihm doch deutlich näher. Schlußendlich aber soll Tucholskys Charakterisierung des Satirikers als Leitspruch über diesem Projekt stehen:

Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an. [aus: Was darf die Satire?, 1919]

Ich plane derzeit 1-2 Newsletter je Monat, los geht es Ende November 2020. Bis dahin, tell your friends!

*was hier nur als Zustandsbeschreibung verstanden werden soll, nicht als fishing for compliments, ich war nicht sozial eingebunden und Bücher waren sozusagen meine Freunde, da sind 10 Bände keine allzu ausufernde Beschäftigung – mal ganz davon abgesehen, dass die Jugend aufgrund ihrer kurzen Lesebiographie eine Phase zu sein scheint, in der noch so viel neu und aufregend ist, dass erstaunliche Lesetempi entstehen, ich jedenfalls habe nie wieder so viel »weggelesen« wie zwischen 14 und 18

Die Verteidiger des Abendlands

»Die Zeit schreit nach Satire« – nach diesem Tucholsky-Text benennt die Kurt Tucholsky-Gesellschaft ihre neue Anthologie, die im Jubiläumsjahr 2015 erscheinen soll.

Und es ist wirklich so, anders als satirisch ist das alles gar nicht mehr zu ertragen, was sich in Dresden und anderswo abspielt. Wer da so alles bei Spengler reloaded mitspielt – das treibt einem derart die Tränen der Verzweiflung in die Augen, dass sich doch ernsthaft die Frage stellt: Wenn dies Ausdruck des zu verteidigenden Abendlandes ist, wäre dann ein Untergang desselben nicht möglicherweise doch zu begrüßen?

Und doch, es ist auch mein Land, um das es hier geht. Da ist eben nicht egal, wenn hier wieder Leute unterwegs sind, um »der ganzen Welt und sich selbst zu beweisen, dass die Deutschen wieder die Deutschen sind«. Ich bin nur so müde. Meine politische Sozialisation erfolgte in den Neunziger Jahren, in den Jahren von Lichtenhagen, Solingen, Mölln, Hoyerswerda. Irgendwie hatte ich mich der Illusion hingegeben, diese Gesellschaft habe etwas gelernt und das Thema zumindest hätten wir hinter uns. Haben wir aber nicht. Und wenn selbst CSNY die Klampfen wieder in die Hand nehmen, weil sie merken, dass ihre Themen doch noch nicht durch sind – nun, dann werden wir jungen Hüpfer das doch wohl auch hinbekommen. Dann müssen wir wohl wieder raus.

Denn, wie der Hausheilige dieses Blogs 1929 schrieb:

Sie reißen den Mund auf und rufen: »Im Namen Deutschlands … !« Sie rufen: »Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.« Es ist nicht wahr.

Eben. Wir sind auch noch da. Wird Zeit, dies auch wieder zu zeigen:

Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land.

In diesem Sinne: Nehmen wir die Ratschläge der skeptischen Generationen ernst, hängen wir nicht nur die ganze Zeit vorm Rechner. Gehen wir doch mal wieder draußen spielen.

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Gruß zum 1. Advent

Der Gruß zum ersten Advent stammt heuer vom Hausheiligen dieses Blogs, Dr. iur. Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1913, geschrieben als Theobald Tiger:

Großstadt – Weihnachten

Nun senkt sich wieder auf die heim’schen Fluren

die Weihenacht! die Weihenacht!

Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,

wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?

Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.

Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,

den Aschenbecher aus Emalch glasé.

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen

auf einen stillen heiligen Grammophon.

Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen

den Schlips, die Puppe und das Lexikohn,

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,

voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,

dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:

»Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!«

Und frohgelaunt spricht er vom ›Weihnachtswetter‹,

mag es nun regnen oder mag es schnein,

Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,

die trächtig sind von süßen Plauderein.

So trifft denn nur auf eitel Glück hienieden

in dieser Residenz Christkindleins Flug?

Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …

»Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.«

(Nachzulesen bei textlog.org)

Eine Woche in ungelesenen Büchern (2)

Auch letzte Woche fielen mir wieder Bücher in die Hand, die ich aus verschiedensten Gründen bemerkenswert fand und ohne die ich die geneigte Leserschaft nicht in die nächste Woche gehen lassen möchte:

Im Marketing gilt ja derzeit Storytelling als Heilsbringer, weil auch die Damen und Herren dort inzwischen mitbekommen haben, dass Menschen gerne Geschichten hören (was passiert, wenn Marketingmenschen Geschichten erzählen, lässt sich ja an der durchaus grenzwertigen Telekom-Kampagne zu Magenta 1 erkennen…).

Wie so oft, so sind auch hier die Gamer schon viel weiter. Einen sehr spannenden Eindruck macht da auf mich der Band

Cover New Level

Thomas Böhm (Hrsg.): New Level, der sich mit dem Verhältnis von literarischem Erzählen und den Erzählstrukturen in Computerspielen beschäftigt – soweit ich das verstanden habe. Die Autorenliste liest sich jedenfalls vielversprechend, und damit meine ich nicht nur die Schriftstellerseite (auch wenn ich da tatsächlich mehr Namen einordnen kann: Wladimir Kaminer, Monika Rinck, Alban Nikolai Herbst, Ulrike Daesner, Sasa Stasinic und und und – die Liste ist durchaus bemerkenswert). Thomas Böhm hat ja das Internationale Literaturfestival Berlin kürzlich verlassen und schon allein dieses Projekt verdeutlicht, welch ein Verlust das ist. Besonders freue ich mich ja auf den Beitrag von Grit Schuster (siehe hierzu auch das Interview im Rahmen der Buchrezensionen auf WDR3). Hier sage ich mal, auch wenn ich noch keine Zeile gelesen habe: Das Buch lohnt sich. Definitiv.

Weit weniger tiefschürfend dürfte es bei

Cover Katze Internetstar

Patricia Carlin: Wie Sie Ihre Katze zum Internet-Star machen zugehen. Ganz im Gegenteil, es dürfte sich wohl alles in allem um einen grandiosen Spaß eher kurzer Haltbarkeitsdauer handeln, aber wer einen Ratgeber mit dem Titel »How to Tell If Your Boyfriend is the Antichrist (And If He Is, Should You Break Up with Him?)« schreibt, verdient Vertrauen.

Das Internet ist ja möglicherweise nicht nur eine Modeerscheinung, die wieder vergeht. Ganz im Gegenteil, mit dem Internet der Dinge scheint eher die nächste Stufe anzustehen (übrigens, und das finde ich an Umbruchszeiten immer sehr spannend, während da draußen Menschen sehr gut ohne Mobiltelefon und bargeldloses Zahlen klar kommen). Cyborgs sind wir vermutlich selbst schon lange und während ich mich noch an diesen Gedanken zu gewöhnen versuche, stolperte ich über dieses Buch (das offiziell erst morgen erscheint):

Cover Pschera Internet der Tiere

Alexander Pschera: Das Internet der Tiere. Da bin ich doch einmal sehr gespannt – zum einen, weil mir die Naturwissenschaften immer etwas fremd sind (faszinierend, aber fremd) – und zum anderen, weil mich interessiert, wie Ausnutzung der Tiere unser Verhältnis zu ihnen inniger werden lässt. Denn der Gedanke, mehr Kenntnis würde zu mehr Achtung führen, scheint mir doch angesichts des momentanen Zustandes der Mensch-Tier-Beziehung etwas zu naiv. Mag mich da aber auch irren.

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Fundstück (1)

Heute gefunden:

Wir stehen vor einem Deutschland voll unerhörter Korruption, voll Schiebern und Schleichern, voll dreimalhunderttausend Teufeln, von denen jeder das Recht in Anspruch nimmt, für seine schwarze Person von der Revolution unangetastet zu bleiben. Wir meinen aber ihn und grade ihn und nur ihn.
Und wir haben die Möglichkeit, zu wählen: bekämpfen wir ihn mit der Liebe, bekämpfen wir ihn mit Haß? Wir wollen kämpfen mit Haß aus Liebe. Mit Haß gegen jeden Burschen, der sich erkühnt hat, das Blut seiner Landsleute zu trinken, wie man Wein trinkt, um damit auf seine Gesundheit und die seiner Freunde anzustoßen. Mit Haß gegen einen Klüngel, dem übermäßig erraffter Besitz und das Elend der Heimarbeiter gottgewollt erscheint, der von erkauften Professoren beweisen läßt, dass dem so sein muß, und der auf gebeugten Rücken vegetierender Menschen freundliche Idyllen feiert. Wir kämpfen allerdings mit Haß. Aber wir kämpfen aus Liebe für die Unterdrückten, die nicht immer notwendigerweise Proletarier sein müssen, und wir lieben in den Menschen den Gedanken an die Menschheit.

Aus dem möglicherweise stärksten Text des Hausheiligen, der unbedingt und in Gänze zur Lektüre empfohlen sei: »Wir Negativen« (1919).

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Eine Woche in ungelesenen Büchern (1)

Wie der geneigten Leserschaft unschwer aufgefallen sein wird, ist das ursprüngliche Kernthema dieses Blogs, die wöchentliche Buchempfehlung, seit langer Zeit zur Ruhe gekommen. Real Life, was willste machen….

Also werde ich mal etwas anderes versuchen. Da die Hauptbeschäftigung von Buchhändlern darin besteht, ungelesene Bücher in den höchsten Tönen zu loben (Schnittmengen zum Feuilleton sind möglich, und ja, wir haben eine eigene Abteilung in der Hölle), werde ich das hier auch mal versuchen. Es soll um Bücher gehen, die mir im Laufe der Woche aus unterschiedlichsten Gründen in die Hände fielen (meist sicher, weil sie neu erschienen sind, es sind aber auch jede Menge andere Gründe denkbar) und deren Lektüre mir lohnenswert erscheint.

Sollte sich jemand in der geneigten Leserschaft animiert fühlen und das eine oder andere Buch tatsächlich lesen: Rückmeldungen sind gern gesehen – und der Vorteil am Virtual Life: Ihr könnt mir die Dinger nicht ohne weiteres an den Kopf werfen. Hehe.

Ist der Feminismus am Ziel?
Maskulisten, PI-Leser und Freunde der »Partei des gesunden Menschenverstands« würden diese Frage wohl nicht nur bejahen, sondern wohl sogar konstatieren, dass dieser über sein Ziel hinausgeschossen sei.
Emma Watson (an deren Rede es durchaus auch Grund zur Kritik gibt) verdeutlich aber zumindest eins: Es geht beim Feminismus gar nicht um Frauen. Verwirrt? Dann sei dringend zu

Cover Anne Wizorek

Anne Wizorek: Weil ein #Aufschrei nicht genügt geraten. Anne Wizorek (@marthadear) zeigt gerade jenen, die bei »Feminismus« bestenfalls Alice Schwarzer und brennende BHs assoziieren, dass Kernthema der aktuellen feministischen Bewegungen keineswegs die aanzustrebende Weltherrschaft der Frauen ist, sondern eher eine gerechte Welt für alle. Ich denke, wenn man schon überall über Feminismus diskutiert, sollten wir doch wenigstens in Grundzügen wissen, worüber wir da sprechen.

Apropos Alice Schwarzer. Deren merkwürdiges Gesellschaftsverständnis (siehe hierzu meine früheren Lektürehinweise) unterscheidet sich strukturell kaum von patriachalen Denkmustern. Besonders deutlich wird dies in ihrem Kreuzzug gegen Pornographie und Prostitution. Und gerade zu letzterem scheint mir Melissa Gira Grant einen wesentlichen Debattenbeitrag in ihrem Buch

Cover Melissa Gira Grant

„http://bit.ly/1sHPGYD“ target=“_blank“>Hure spielen. Die Arbeit der Sexarbeit zu leisten. Ich habe jedenfalls schon einmal mit der Lektüre begonnen.

Dann fiel mir noch dieses Buch hier in die Hände:

Cover Niklas Maak

Niklas Maak: Wohnkomplex. Warum wir andere Häuser brauchen. Niklas Maak habe ich bisher nur aus der Ferne wahrgenommen, kann der Beschreibung seitens des Verlages, sein Werk sei witzig, streitbar und bestens recherchiert hier zunächst einmal nur wiedergeben. Das Thema mag nicht besonders massentauglich sein, ist aber nichtsdestotrotz wichtig. Die Frage, warum eigentlich unser Lebensglück an einem Einfamilienhaus hängen soll, ist nicht abwegig. Maaks Lebenslauf macht auf jeden Fall Hoffnung, dass es sich hier nicht um oberflächliches Getue handelt.
Und das Wortspiel des Titels verdient immerhin Vertrauen. 😉

Zu guter Letzt sei noch darauf hingewiesen, dass Sibylle Bergs

Cover Sibylle Berg

Vielen Dank für das Leben nun als Taschenbuch vorliegt. Womit es keine Ausrede mehr gibt.

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Verleger sein

Wie ist das eigentlich, Verleger eines Kleinstverlages zu sein?

Zugegeben, das ist möglicherweise nicht gerade eine Frage, die Millionen hinter dem Ofen vorlocken werden, möglicherweise spielt die winzige Detailfrage einer kleinen Branche im großen Weltenplan gar keine Rolle.
Falls es aber doch jemanden interessiert:
Gesine von Prittwitz war so freundlich, mir einige Fragen zum Verlegersein und dem ganzen Drumherum zu stellen. Das Interview findet ihr in ihrem Blog auf SteglitzMind.

Und ein besonderer Dank geht an Barbara Miklaw vom Mirabilis Verlag, die mich für die Reihe vorschlug.

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Der Ehrgeiz eines Hirnforschers und die Verzweiflung eines Vaters

Die Äußerug, man habe ein autistisches Kind erzielt oft eine merkwürdige Reaktion. Irgendwas zwischen Mitleid und Abscheu.
Und natürlich, das unterscheidet dieses Thema nicht von allen andere Themen, über die man sich unterhalten kann, hat praktisch jeder schon einmal etwas davon gehört und eine festgefügte Meinung, die sich zwar bestenfalls auf ein paar Hollywood-Weisheiten und Wetten-dass?-Erfahrungen stützt, aber nichtsdestotrotz bereits die Summe aller menschlichen Weisheit repräsentiert. Man kennt das.
Weshalb hier dringend dazu geraten sei: Welches Thema auch immer der geneigten Leserschaft wichtig ist – sprecht es bloß nicht auf einer gesellschaftlichen Veranstaltung irgendeiner Art an. Redet lieber übers Wetter (also natürlich nur, falls dies nciht zufällig eure Herzensangelegenheit ist…)

Auf Zeit-Online gibt es einen lesenswerten Artikel (ja, das kommt vor), der zwar leider im ganz typischen unverbindlichen Pseudoreportagenduktus dieser Publikation geschrieben ist, aber nichtsdestotrotz zum einen die Diagnosenirrfahrt als auch die Verzweiflung der Eltern einigermaßen gut einfängt (und das bemerkenswerte Können anderer Generationen, die einfach tun und dabei richtig liegen, das mit der Lebenserfahrung scheint ein Konzept zu sein…)

Vor allem demonstriert er sehr schön, wie wenig wir über Autisten, Gehirne, das Leben, das Universum und ganzen Rest wissen.

Einmal hier entlang bitte.

P.S. Zur Menschenkenntnis von Psychologen hat sich der Hausheilige dieses Blogs in einem hübschen Kabinettstückchen abschließend geäußert: In der Hotelhalle (1930).

Verletzte Gefühle, unbeabsichtigt

»Politiker_innen wollen gar nicht (mehr) gestalten, sie wollen nur wiedergewählt werden.«
Das ist ein Allgemeinplatz und wie jede Pauschalisierung mit äußerster Vorsicht zu genießen, auch wenn ich tatsächlich dazu neige, mich von einer empirischen Bestätigung dieser Aussage nicht überraschen zu lassen. Ein gewisser Grad an Diskursverweigerung freilich scheint durchaus zum Standardverhalten aktiver Politiker_innen zu gehören. Kann man nahezu täglich in einer beliebigen »politischen Talkshow« beobachten – oder beim öffentlichen Ritual »Entschuldigen«, das ähnlich ritualisiert ist wie »Trauern« und »Gedenken«.
Wobei fairerweise gesagt werden muss, dass diese Verhaltensweisen keineswegs auf Politiker_innen beschränkt sind, sondern selbstverständlich von allen Teilnehmer_innen des gesellschaftlichen Diskurses gepflegt werden.

Antje Schrupp schreibt dazu:

Immer wenn ich eine solche „Entschuldigung“ lese, werde ich fast noch ärgerlicher als über den ursprünglichen Sachverhalt. Denn der Verweis auf die angeblich verletzten Gefühle der Kritiker_innen ist keineswegs ein Entgegenkommen, wie es den Anschein erweckt, sondern ganz im Gegenteil die Verweigerung einer ernsthaften Auseinandersetzung. Es wird nämlich so getan, als sei der Grund für die Kritik die subjektive Befindlichkeit derjenigen, die die Kritik vorbringen. So als seien sie irgendwie besonders empfindlich. Großmütig ist man dann bereit, auf diese zart besaiteten Menschen Rücksicht zu nehmen – und konstruiert nebenbei eine Opfergruppe, der man dann gönnerhaft ein bisschen entgegen kommt.

Bei der Kritik an gesellschaftlichen Missständen wie Sexismus oder Rassismus geht es aber nicht um verletzte Gefühle oder „Betroffenheit“ – auch wenn Sexismus oder Rassismus zweifellos Gefühle von Menschen verletzen – sondern um eine Analyse von Strukturen. Wenn ich kritisiere, dass in Werbevideos Gewalt gegen Frauen verharmlosend dargestellt wird, oder wenn ich gegen die Darstellung von Frauen als sexualisierte willenlose Wesen protestiere, dann nicht weil „meine Gefühle als Frau“ dadurch verletzt würden. Sondern weil ich solche kulturellen Muster für schädlich halte – und zwar nicht nur für mich oder für die „Betroffenen“, sondern generell und für alle.

Alles, was dem noch hinzuzufügen wäre, findet sich im ganzen Beitrag, den ich an dieser Stelle zu lesen empfehle.

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Der neue Sarrazin

Thilo Sarrazin, Treuhandmanager, Bahnvorstand, Finanzsenator und zuletzt Vorstandsmitglied der Bundesbank, vor allem aber: professioneller Falsch- und Unverstandener, hat ein neues Buch vorgelegt.
Wahrscheinlich wird sich auch dieses wieder hervorragend verkaufen und wahrscheinlich wird er auch dieses Mal wieder auf unzähligen gut besuchten Pressekonferenzen erzählen, wie sehr er in seiner freien Meinungsäußerung unterdrückt wird.
Für all jene, die noch zögern, ob sich eine Beschäftigung mit seinem neuen Werk lohnt, sei auf diese ausführliche, erschöpfende und das Für und Wider angemessen würdigende Vorabrezension hingewiesen:

Graphitti-Blog

(via Graphitti-Blog)

Das Buch zum Sonntag (113)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Elisabeth Rank: Bist Du noch wach?

[…] alles andere nahm er immer hin, auch Zahnärzte und rohe Zwiebeln und wenn er mit dem Zehl gegen die Tür donnerte. Konrad beschwerte sich nicht, sondern sagte jedes Mal, man müsse bestimmte Dinge halt machen, also könne man sich beschweren oder es eben lassen und es einfach machen, und jedes Mal, wenn Konrad das sagt, wurde ich wütend, weil ich glaubte, dass jeder ein Recht habe auf einen schlechten Tag und vor allen Dingen auch auf eine ordentliche Beschwerde, ma könne doch nicht einfach klaglos den Mund öffnen und sich Geräte in den Mund schieben lassen, man dürfe wenigstens einmal sagen, dass das kein schönes Gefühl sei und man lieber auf einer Dachterrasse säße mit einem Eistee und in netter Begleitung anstatt auf einer Liege und mit Gummihandschuhen im Mund und Menschen, denen das Mitleid ausgegangen war, weil sie das jeden Tag machten, weil sie damit Geld verdienten, man konnte kein Mitleid haben mit Menschen, die einem die Miete bezahlten und das Cordon bleu.

(S. 164)**

Es ist mit dem Erwachsenwerden ganz offenbar so eine Sache. Die zeitgenössische Literatur beschäftigt sich auffallend intensiv mit damit. Daher soll es in dieser und den nächsten Folgen dieser zu einer äußerst losen Empfehlungsreihe mutierten Serie um Bücher gehen, die sich ganz unterschiedlichen Aspekten des Erwachsenwerdens widmen.
Elisabeth Ranks ProtagonistInnen sind dabei keine Teenager auf der Suche nach den Grenzen, die ihnen die Gesellschaft setzt, sondern es handelt sich um junge Menschen um die 30, bei denen Rebellion als Abgrenzung kein Thema mehr ist. Auf der Suche nach einem Lebensentwurf sind sie aber trotzdem – und das ist ein wichtiger Aspekt des Erwachsenseins, wie ich finde.
Eine Gesellschaft, die ihre Mitglieder frei wählen lassen möchte, welche Lebensziele sie zu verfolgen wünschen, erhebt damit allerdings auch gleichzeitig erhebliche Ansprüche – denn dann musse in jede/r auch selbst entscheiden. Wir haben derartig viele Lebensentwürfe im Angebot, dass es tatsächlich eine erhebliche Leistung ist, überhaupt erst einmal herauszufinden, welcher zu uns passt – von den Schwierigkeiten, ihn dann auch noch umzusetzen gar nicht zu reden. Mit dieser Anforderung gehen Menschen naturgemäß sehr unterschiedlich um*. Das reicht von schierer Resignation bis zur kurzentschlossenen, pragmatischen Entscheidung.
Bei Frau Rank begegnen wir also einer Protagonistin, die auf der Suche ist. Sie stellt sich permanent in Frage, lässt sich von ihrer Familie ebenso beeindrucken wie von ihren Mitbewohnern oder KollegInnen. Alle treffen sie einen Nerv ihrer Seele, eine Saite, die zu klingen beginnt und es fällt ihr schwer, eine Melodie zu finden, die sie spielen könnte. Stattdessen wird dort eher unkoordiniert herumgezupft. Mich hat Rea einige Male ganz erheblich geärgert, ich wollte ihr zurufen, »Mensch, Mädel, nun komm mal klar, entscheide Dich endlich einmal für irgendetwas.« Wäre das meine Tochter, sie hätte sich etwas anhören dürfen (à la »Verlaufen ist möglich, aber auch nur, wenn man auch ein Ziel hat. Wer hin und her läuft, verirrt sich nicht, kommt aber auch nicht vorwärts.«).
Was aber Elisbath Rank hervorragend gelingt, worin ihre ganz große Stärke besteht, das ist ihre sehr feinfühlige Figurengestaltung – ich kaufe ihr die Rea ab. Ich halte sie für eine sehr glaubwürdige Figur, ja sogar für eine höchst realistische. Was denn ja auch einiges über meine Wahrnehmung der Welt da draußen aussagen mag.
Diese Suche nach dem, was richtig ist, ihre leichte Verletzbarkeit, die schon durch Kleinigkeiten aus dem Gleichgewicht zu bringende innere Balance, eine permanente Angst vor Zurückweisung – das ist schon sehr überzeugend dargestellt. Und so sehr mich die eine oder andere Eigenschaft dieser doch eigentlich längst im Leben stehenden jungen Frau furchtbar gerärgert hat – sie ist mir nicht egal. Ich habe doch trotzdem mit Rea mitgefühlt und gelitten, denn ihre Fragen, ihr Suchen sind deswegen ja nicht weniger existentiell.
Und wenn es so ist, was ich tatsächlich glaube, dass ein großer Teil der Menschen dieses Alters sich solchen Fragen stellt – dann wird die Lektüre von Elisbath Rank geradezu zur Bürgerpflicht, denn dann müssen wir etwas tun. Egal, wie sehr wir unsere Lebensspanne verlängern: Dreißigjährige, die ziellos durchs Leben wanken – das ist nicht gut.
Wer ddieser Bürgerpflicht nachkommen möchte, sei auf die

lieferbaren Ausgaben

verwiesen.

Mir jedenfalls hat dieser Roman Einblick in eine Gefühls- und Lebenswelt geboten, die mir einigermaßen fremd war – und es ist allein Frau Ranks Talent zu verdanken, dass ich nicht nach 10 Seiten genervt das Buch zur Seit legte, um einen kräftigen Schluck Sartre als Gegengift zu mir nehmen. 😉

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* »So wie alle Lebewesen, jedes nach seinen Fähigkeiten.« Man kann bei Star Trek ja so viel lernen. 😉
** zitiert aus: Rank, Elisabeth: Bist Du noch wach? Berlin Verlag. München 2013.

Mit dem Holzhammer

Nach dem Angriffskrieg der USA gegen den Irak sah sich Neil Young gezwungen, mit Crosby, Stills und Nash die alten Lieder wieder auszupacken und erneut durchs Land zu touren, um den Menschen die Idee nahezubringen, dass Kriege beginnen nur so mittel ist. Die Dokumentation dazu heißt nicht zufällig »Déjà Vu«.

Ich habe Hannes Wader ungefähr zu der Zeit in einem Auftritt gesehn, bei dem er auf mich den Eindruck machte, als hätte er gedacht, nach fast dreißig Jahren »Es ist an der Zeit« nicht mehr singen zu müssen.

Die Ereignisse in Schneeberg (und nicht nur die, sie mögen hier exemplarisch stehen) lassen mich erkennen, dass wir offenbar auch in der Frage des Zusammenlebens in diesem Land wieder ganz von vorne anfangen müssen. Dass wir wieder an einem Punkt stehen, an dem wir ernsthaft erklären müssen, »dass ›fremd‹ kein Wort für ›feindlich‹ ist«.

Nun gut, wenn es denn sein muss, dann müssen wir das mit den feineren Argumentationen eben lassen und den Holzhammer wieder herausholen:

Ergänzend sei noch auf einem maßgeblichen und großartigen Text des Hausheiligen verwiesen, der fordert, den Begriff »Heimat« nicht preiszugeben, dort ist zum Beispiel zu lesen:

Und nun will ich euch mal etwas sagen:
Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich ›national‹ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da.
Sie reißen den Mund auf und rufen: »Im Namen Deutschlands … !« Sie rufen: »Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.« Es ist nicht wahr.[…]

Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen – weil wir es lieben. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitliebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn ›Deutschland‹ gedacht wird … wie einfach, so zu tun, als bestehe Deutschland nur aus den nationalen Verbänden.
Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir.

*

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aus: Tucholsky, Werke und Briefe: 1929. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 7197-7198. Digitale Bibliohtek Berlin, 1999 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 7, S. 314)

Pan y circo

Wenn das Brot knapp wird, braucht es halt mehr Spiele.

Der nächste ist ein junger, aufgeregter Herr, der wie ein Bajazzo aus seinem Stall herausgepurzelt kommt. Er macht den Leuten viel zu schaffen, und das soll er ja wohl auch. Er zerstößt das Pferd, das ihm sein Vorgänger leichtverwundet zurückgelassen hat, zu einem bösen Klumpen, der Picador fällt herunter, es geschieht ihm aber nichts. Der Stier zerquält ein Pferd, so daß es sich schon nach dem ersten Stoß nicht mehr erheben kann – und da liegt es. Ich kann genau das Auge sehen, das große, sanfte Auge. Das Auge versteht nicht. Es sagt: »Warum? warum?«

*

In Spanien ist sowas jetzt national geschütztes Kulturgut. Und man möchte daraus ein UNESCO-geschütztes Kulturgut machen.

Die Beschreibung stammt aus: Kurt Tucholsky, Stierkampf in Bayonne. in: Werke und Briefe: 1927. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 4742. Digitale Bibliothek, Bd. 15, Berlin 1999. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 5, S. 15)
Der ganze Text ist bei textlog.de nachzulesen.

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Alice? Wer ist eigentlich Alice?

Ich halte es für ein beredtes Zeichen für den Zustand unserer Gesellschaft, dass hierzulande Alice Schwarzer für eine wichtige Feministin gehalten wird (und indem man sie dafür hält sie natürlich dementsprechend auch eine ist). Betrachtet man die Fähigkeit, gesellschaftliche relevante Breitenwirkung zu erzielen, ist sie vielleicht sogar die einzige.
Das ist aber höchst gefährlich, denn Alice Schwarzer vertritt ein Denkmodell, das unbedingt Widerspruch bedarf, und zwar besonders von progressiver Seite (siehe hierzu z.B. Seeliger, 2010).

Zur von ihr aktuell (und ganz zufällig pünktlich zum Erscheinen ihres neuen Buches) initiierten Aktion zur Abschaffung der Prostitution kommt jetzt genau dieser Widerspruch, sachlich, klar, nüchtern und doch entschieden.

Sonja Dolinsek erläutert sehr präzise, warum und wieso der Appell von Schwarzer und ihren prominenten MitunterzeichnerInnen unsäglich, wenn nicht sogar unerträglich ist – auf jeden Fall aber kontraproduktiv. Und ganz nebenbei seziert sie Schwarzers Denken und offenbart die zugrundeliegenden Denkmuster, die mit Denkmodellen kompatibel sind, von denen wir uns eigentlich verabschiedet haben wollten.

Also los, Sonja Dolinsek lesen.

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Mimosen und Macht

Die SPD hat wieder mal einen Austritt zu verzeichnen. Soweit, so normal.
Yasmina Banaszczuk, 28 jahre alt, tritt nach drei Jahren aus der SPD aus, weil sie sich unverstanden und ausgebrannt fühlt. Weil ihr Vorsitzender nicht auf sie hört und weil ihre differenzierten und feinen Vorschläge keine Wirkung haben und nicht beachtet wurden. Zumindest habe ich das jetzt so verstanden, aber da kann sich die geneigte Leserschaft ja auch einen eigenen Eindruck verschaffen (bemerkenswerter Weise übrigens bekam die Sache erst dann richtig Fahrt, als stern.de darüber berichtete – Irrelevanz klassischer Medienhäuser sieht auch anders aus, aber das ist ein anderes Thema).
Dazu zwei Fragen: Sie gibt nach drei Jahren auf, weil sie als Hamburger JuSo vom Parteivorsitzenden nicht ernst genommen wird? Ernsthaft? Dann war die Idee, in eine Partei einzutreten möglicherweise nicht die richtige Idee. Oder zumindest ihre Vorstellungen äußerst naiv.
Diesen Aspekt behandelt allerdings Julia Seeliger in ihrer bekannt erfrischenden, direkten Art ganz ausgezeichnet. Eine Kostprobe:

Parteipolitisches Engagement ist strukturell krank! Kann man sagen. Der ganze Rest, Kapitalismus, Krieg und Patriarchat und Freie Kameradschaften und Missbrauch und Sportvereine und Familien und Ödipus und Goethe und Kleingärtenvereine und Nachbarn, die sich bei der Hausverwaltung beschweren, diese ganzen Übel – die sind aber auch nicht gesund.

Julia Seeliger (Wikipedia) spricht aus ihrer Perspektive, aus zehn Jahren Parteieerfahrung bei den Grünen und sie hat wenig freundliche Worte übrig:

Da hat der Siggi einfach mal den Finger in die Wunde gelegt und die SPD-Mädchen lassen sich davon wütend machen. Noch ein paar Begriffe: Selbstüberschätzung, Egozentrismus, mangelnde Kritikfähigkeit, Netzgemeinden-Gehype, Irrelevanz. Traurige Wahrheit: der Sommer der Netzsperren ist schon drei, vier Jahre vorbei und es ist nicht gelungen, die Energie ins Jetzt zu überführen, auch weil die Netzbewegung strukturell kaputt ist. Vielleicht wurden aber auch Fehler gemacht. Vielleicht wurden Fehler gemacht, die strukturell sind. Zum Beispiel, dass im Internet besonders viele Arschlöcher mitreden bzw. mit sich selbst reden. Könnte ja sein?

um anzuschließen mit:

Fragezeichenmödchen meldet sich zu Wort zu einem weiteren Bereich: dem parteipolitischen Angajemang. Internetmödchen, du willst, dass sich dir alle Türen öffnen? Nach nicht mal zwei Jahren?

KullerZeit! ROFL! ROFL! ROFL!

(großartig!)
Aber ehe ich weiter schreibe, sei der geneigten Leserschaft die Lektüre des ganzen Textes empfohlen.

[Raum für Lektüre]

Wieder da?
Gut, dann hier meine zweite Frage: Ich denke, dass Frau Seeliger vollkommen recht hat – und ist das nicht vielleicht doch ein Problem? Sollte Politik nicht vielleicht doch anders gehen? So, dass engagierte, eifrige und empfindliche Menschen dort etwas zu sagen haben und nicht einfach verschreckt werden? So, dass geistige Gesundheit kein Ausschlusskriterium ist? Und wenn ja, wie soll das gehen?

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Ich bin ein langweiliger Spießer

Der 31. Oktober ist der Gegenstand vielfältiger Auseinandersetzungen, deren Intensität weit über das hinausgeht, was bei einem Kinderspaß erwartbar wäre. Alle Jahre wieder entzünden sich ideologisch aufgeheizte Debatten um Kürbisgesichter, Süßigkeiten, Kinderstreiche und Maskenbälle.
Dass die evangelische Kirche von der Umdeutung des Reformationstages wenig begeistert ist, liegt auf der Hand. Immerhin huldigt man an diesem Tag dem eigenen Ersatzheiligen nebst Gründungsmythos der eigenen Institution. Da wird dann selbst diese, sonst der Integration zunächst kirchenfremder Bräuche nicht abgeneigte Religionsgemeinschaft, ungewohnt humorlos (das offene Verhältnis der evangelischen Kirche zur Lebenswirklichkeit ist Stärke und Schwäche zugleich, aber das sei ein andermal erörtert).
Übrigens ist natürlich auch das Festhalten am Mythos des Thesenanschlages, den die historische Forschung seit Jahrzehnten für eben genau dies hält: einen Mythos, auch eher den zuständigen Tourismusbehörden und den Qualitätsjournalisten vorzuwerfen als einer Glaubensgemeinschaft, die ja immerhin das Privileg besitzt, Wahrheit nach anderen Kriterien zu definieren.

Doch es gibt auch von anderer Seite Angriffe gegen die weiter voranschreitende Übernahme der Halloween-Bräuche. Die kommen zum Beispiel aus einem eher traditionalistischen Lager, wo man zwar auch keine Ahnung hat, was man am 31.10. so feiern könnte, aber auf jeden Fall findet, dieses amerikanische Zeug, das ginge ja mal gar nicht – und dabei vollkommen ignoriert, dass die kulturelle Verbindung zur US-amerikanischen Populärkultur seit Jahrzehnten derart fest und tief verwurzelt ist, dass es keineswegs verwundert, wenn junge Menschen im Fernsehen behaupten, die Süßigkeitenjagd gehöre nunmal dazu, schließlich sei das Tradition.

Nur, ganz ehrlich, müssen wir uns wirklich wegen merkwürdiger Bräuche derart aufregen? Betrachtet man einmal das Kalenderjahr und die höchst merkwürigen Dinge, die da im Jahreskreis als Kultur gelten (ich meine, mal ehrlich: Hühnereier im Gras verstecken zu Ostern? Streiche am 1. April? Kleidungsstücke zerschneiden zur »Weiberfastnacht«? Überhaupt, Karneval: Kostümiert durch Straßen und Bars ziehen, bis sich endlich ein Kopulationspartner gefunden hat – und dafür auch noch von der Arbeit freigestellt werden? usw. usf.), gibt es genügend Anlass, Halloween äußerst entspannt zu betrachten. Ja mei, dann laufens halt rum, sammeln Süßigkeiten und spielen die Zombieapokalypse schon mal durch. Sollen sie doch. Wer lieber zum Gottesdienst möchte, kann das ja gerne tun. Und wem das zu amerikanisch ist, der ziehe sich halt seine Lederhose an.

Ich freilich, ich stelle heute meine Klingel aus. Meinetwegen können die Leute treiben, was sie wollen, sie können von mir aus heute auch Baal anbeten, wenn ihnen das irgendwie hilft oder Chtulhu beschwören – ich aber, ich hätte heute gerne einfach meine Ruhe.

Das Schlusswort gehört dem Hausheiligen dieses Blogs:

Diese Art Deutscher hat nie unrecht, er geht nie in sich, kommt nie auf den Gedanken, daß auch er vielleicht jemandem Unrecht getan haben könne – er siegt, und wenn er nicht siegt, dann borgt er sich einen Sieg, und den findet er immer in dem, was er ›Staatsräson‹ oder ›Gesinnung‹ oder ›Innenleben‹ oder ›vaterländische Religiosität‹ oder sonst dergleichen nennt. Diese Linie läßt sich von Luther an verfolgen, der das Unglück Deutschlands gewesen ist.

*

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*aus: Tucholsky, Kurt: Grimms Märchen. in: Werke und Briefe: 1928. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 6164-6165, Digitale Bibliothek Bd. 15, vgl. Tucholsky-GW Bd. 6, S. 218.

#auflaufenlassen

Die Wahl ist vorbei.
Es war eine in vielerlei Hinsicht deprimierende Wahl. Pia Ziefle hat dazu einige sehr gute Worte gefunden*.
Zwei Kostproben:

Während in den Medien wochenlang die bekannten Politikdarsteller*innen aller Parteien zu sehen gewesen sind, die brav ihre Rollen gespielt haben, außer Steinbrück, der noch am Wahlabend sowas von erleichtert aussah, dass er nicht Kanzler werden muss, hatten die AfD-Anhänger*innen die Schlacht in den facebook-Kommentaren und den Foren der etablierten Zeitungen ausgerufen. Kaum ein Artikel blieb unkommentiert, kaum ein Posting unter 100 Kommentaren. Kostet keine müde Mark, erreicht Millionen Leser*innen.

und:

Diese Wahl hat sehr deutlich gemacht, was für ein dummes, neidisches Volk wir sind, und wie ekelhaft wir in unseren überheizten Wohnungen mit den vollen Kühlschränken voller Fertigfraß geworden sind.

Ich wünsche mir, dass die Union ihren Wahlsieg bezahlen muss mit einer Minderheitsregierung. Ich wünsche mir, dass SPD und Grüne beide standhaft bleiben, und die Koalition verweigern. Wollen wir doch mal sehen, wie wir dann in ein oder zwei Jahren bei den Neuwahlen entscheiden werden.

Im Wesentlichen ist es das schon, was ich meine.

Wir haben eine Frau gewählt, deren Politikstil verheerend ist. Dieser Stil mag in die Zeit passen, er mag auch zu diesem Volk passen.
Den Grünen wurde, nicht ganz zu Unrecht, wie Julia Seeliger hier unter anderem kurz darlegt, »Nannypolitik« vorgeworfen. Gewählt haben die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes eine »Mutti-wirds-schon-richten«-Politik. Eine Politik, die »unaufgeregt« genannt wird und doch bloß sedieren möchte.
Angela Merkel hat keinerlei Gegenspieler mehr. Innerparteilich schon lange nicht, außerhalb der Partei auch nicht. Das ist kein Zufall. Das ist System. Bei Sascha Lobo las ich das hübsche Wortspiel, Frau Merkel beherrsche die hohe Kunst des K.O.alierens. Und das scheint es mir zu treffen. Was die CDU gerade sucht, sind keine Partner, sondern Steigbügelhalter. Die auch in der Journaille verbreitete Mär, es wäre ein Koalitionspartner wichtig, um ein inhaltliches Korrektiv zu bilden, hat sich in den letzten 8 Jahren doch als klar illusorisch erwiesen. Es ist in einer Koalition mit Angela Merkel nicht möglich, inhaltliche Schwerpunkte gegen sie zu setzen. Das mag so in Ordnung sein, immerhin ist die die Kanzlerin, aber die Auswirkungen sind verheerend, wie SPD und FDP ja nun schmerzlich lernen mussten. Beide Parteien werden noch heute für Entscheidungen und nicht umgesetzte Ankündigungen abgestraft, die weitgehend der Richtlinienkompetenz der Kanzlerin anzulasten ist. Einer Kanzlerin, die ohne mit der Wimper zu zucken Minister, langjährige Weggefährten und Koalitionspartner fallen lässt, sobald sie das Gefühl hat, sie würden ihr schaden (ich sage nur »vollstes Vertrauen«). Dass sie dies in einer Endgültigkeit schafft, die ihresgleichen sucht, spricht für ihre Fähigkeiten als Machtpolitikerin. Aber die Konsequenz daraus für alle anderen sollte dieselbe sein, die auch König Friedrich August III. zog, als man für ihn untragbare Dinge verlangte: »Nu da machd doch eiern Drägg alleene.«**
Und dabei geht es erst in zweiter Linie darum, die koalierende Partei vor Schaden zu beschützen, nein, ganz im Gegensatz zu Schäubles staatstragender Behauptung, man müsse jetzt im Interesse des Landes mit der CDU zusammenarbeiten, ist es vielmehr gerade im Interesse dieses Landes, dass einer solchen Machtpolitik, die von keinerlei inhaltlicher Ausprägung mehr getragen wird, entgegengewirkt wird. Wenn die Bürgerinnen und Bürger dieses Staates eine solche Politik wollen, dann sollen sie sie wählen. Dann aber richtig. Bitte, dann wählt doch Frau Merkel eine absolute Mehrheit. Aber dann muss sie und ihre Partei wenisgtens endlich offensichtlich und offenkundig für ihre Politik einstehen. Eine Koalition von Merkels Gnaden dient eben gerade nicht dem Staatsinteresse, sondern ausschließlich dem Interesse ihrer Partei. Wer so konsequent und so nachhaltig alles und jeden wegbeißt, der soll zusehen, wie er alleine klar kommt. Das wäre soziale Gerechtigkeit***. Es ist Zeit, das zurückzugeben, was Angela Merkel und die armseligen Figuren, die sie noch neben sich duldet, austeilten. Es ist Zeit, sie auflaufen zu lassen.

Und wenn es dann Neuwahlen gibt und die CDU eine absolute Mehrheit bekommt – nun bitte, dann haben wir es wenigstens nicht anders gewollt.

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Dass sie gute Worte zu finden vermag, überrascht an sich natürlich nicht, immerhin ist sie Schriftstellerin. Aber nicht alle Schriftstellerinnen finden auch treffende Worte zur Lage der Nation. 😉
Ja, ich weiß, das Zitat ist nicht belegt, aber es ist einfach zu schön und passt so gut zu ihm. Und hey, wir feiern immer noch den Thesenanschlag Luthers, der inzwischen als widerlegt gilt, insofern…
ich weiß übrigens nicht, wieso der Begriff »sozial« derart pervertiert wurde, dass er sich auf ökonomische Verhältnisse bezieht. Ob sich jemand sozial oder asozial verhält, hat doch nichts damit zu tun, wieviel Geld er besitzt. »Sozial schwach« ist doch nicht, wer wenig finanzielle Mittel hat, sondern wer »ich« denkt, wo »wir« zu denken wäre.

Die bösen Nichtwähler

Morgen ist es also mal wieder soweit:
Es sind vier Jahre rum, auf einmal ist die Meinung der Bürger wieder furchtbar wichtig und so werden diese denn auch von durch Werbeagenturen gnadenlos optimierten und nahe an die Nullaussage geführten Kampagnen umworben. Da hat sich nicht viel geändert, es sei daher noch einmal auf die Plakate-Rundschau aus dem Landtagswahlkampf 2009 verwiesen verwiesen. Es ist erstaunlich, wie wenig Unterschied das macht.
Eines allerdings scheint mir 2013 nun doch neu zu sein, nämlich das zunehmende Nichtwähler-Bashing. Ich bilde mir ein, dass in früheren Wahlgängen doch die Frage, wie man sie zum Wählen motivieren klönnte, twas mehr im Vordergrund stand. Jetzt aber tendiert das doch eher in Richtung Beschimpfung. Als ob es keine guten Gründe gäbe, nicht wählen zu gehen. Ich jedenfalls kann es sehr gut nachvollziehen, wenn sich jemand aus guten Gründen weigert, für etwas zu sein, von dem er oder sie nicht überzeugt ist. Denn das Kreuz auf dem Wahlzettel ist j aimmer eine Entscheidung für jemanden. Und wenn keine der angebotenen Optionen akzeptabel ist, halte ich es für absolut zulässig, die Zustimmung zu verweigern. Schließlich werden sich hinterher alle hinstellen und behaupten, soundsoviele wären von ihrer Politik überzeugt und hätten ihnen einen Auftrag erteilt. Da spielen Differenzierungen wie »Ich wähle die unter großen Bauchschmerzen, weil alle anderen noch schlimmer sind.« keine Rolle. natürlich kann es sein, dass Menschen nicht wählen, weil sie zu bequem oder zu faul sind. Das scheinen mir aber weit weniger zu sein als das gemeinhin behauptet wird. Die meisten Menschen, die nicht wählen gehen, wählen deshalb nicht, weil das Politiktheater, das ihnen geboten wird, sie nicht mehr überzeugt. Weil sie den Eindruck haben, dass dort etwas grundlegend falsch läuft.
Um nur mal einen Aspekt herauszugreifen: ich empfehle der geneigten Leserschaft einmal, sich die Lebensläufe der Regierungsmitglieder anzuschauen und zu überprüfen, wie viele von denen jemals einer realen Arbeit nachgegangen sind. Der Anteil der Politiker, die schon einmal etwas anderes gemacht haben als Politik, nimmt stetig ab. Das wird zunehmend ein Verein, der Leute heranzüchtet, die nichts anderes kennen als diesen nach seinen eigenen Regeln funktionierenden Betrieb. Und Inzucht war schon immer problematisch.

Auch wenn ich zu einem anderen Schluss komme, aber wenn Menschen, die noch vor wenigen Jahren auf die Straße gegangen sind, um unter Einsatz ihrer Unversehrtheit für ein Recht auf freie Wahlen zu kämpfen, jetzt zu Hause bleiben und verzichten, dann sollte das ein Signal sein, darüber nachzudenken, ob hier nicht etwas grundlegend falsch läuft.

Wir dachten unter kaiserlichem Zwange
an eine Republik … und nun ists die!

schrieb Kurt Tucholsky in »Ideal und Wirklichkeit«.
Dass die Lösung nicht in Appellen und noch mehr Plakaten und noch mehr Wahlständen liegt und auch nicht in der Beschimpfung von Nichtwählern als miese Demokraten, die bequem geworden sein und ihre Freiheit nicht zu schätzen wüssten. Nein, hier wäre mal eine gründliche Supervision oder zumindest mal eine Selbstreflexion angebracht. Möglicherweise macht ihr ja etwas grundlegend falsch, liebe PolitikerInnen. Think about it. Wenn ihr das noch könnt.

Zum Abschluss seien noch zwei Beiträge zum Thema empfohlen, zum einen der grundlegende Tucholsky-Text »Ein älterer, aber leicht besoffener Herr«, leicht gekürzt, aber unschlagbar vorgetragen von Gerd E. Schäfer:

Und natürlich, die nicht weniger grundlegende, aber doch weniger feingeistige Southpark-Folge »Wähl oder stirb«

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„Strafe nicht – sondern schütze die Gesellschaft vor Rechtsbrechern.“

Die Wahlperiode, in der ich als Schöffe am Jugendgericht tätig war, neigt sich dem Ende zu. Es war eine höchst interessante Zeit, ich habe Menschen aus sozialen Zusammenhängen kennengelernt, die mir tatsächlich vollkommen fremd waren (und sind). Es gab dort bemerkenswerte Geschichten zu hören, Lebensgeschichten, deren einzige Konstanz ihre Brüche waren. Ich sah junge Menschen, die, ganz egal, wie sie sich vor Gericht gaben, doch eines einte: Eine tiefgehende Verunsicherung. Manches Mal waren da nur Flügel und keine Wurzeln. Und tatsächlich dachte ich auch in manchen Fällen, ganz entgegen meiner ursprünglichen Überzeugung: „Da ist nichts mehr zu wollen, diesen jungen Menschen haben wir verloren.“

Wann auch immer in der jeweiligen Heimatstadt der geneigten Leserschaft die nächsten Schöffenwahlen anstehen, ich kann nur dazu ermutigen, sich zu bewerben. Mir hat es geholfen, die Welt einmal mit anderen Augen zu sehen und wenig ist wichtiger als ein Perspektivwechsel*.

Der Hausheilige dieses Blogs, Dr. iur. Kurt Tucholsky, hat den vielleicht besten Text (ich kenne zumindest keinen besseren) dazu geschrieben:

Merkblatt für Geschworene

Nachdruck erbeten

Wenn du Geschworener bist, dann glaube nicht, du seist der liebe Gott. Daß du neben dem Richter sitzt und der Angeklagte vor euch steht, ist Zufall – es könnte ebensogut umgekehrt sein.

Wenn du Geschworener bist, gib dir darüber Rechenschaft, dass jeder Mensch von Äußerlichkeiten gefangen genommen wird – du auch. Ein Angeklagter mit brandroten Haaren, der beim Sprechen sabbert, ist keine angenehme Erscheinung; laß ihn das nicht entgelten.

Wenn du Geschworener bist, denk immer daran, dass dieser Angeklagte dort nicht der erste und einzige seiner Art ist, tagtäglich stehen solche Fälle vor andern Geschworenen; fall also nicht aus den Wolken, dass jemand etwas Schändliches begangen hat, auch wenn du in deiner Bekanntschaft solchen Fall noch nicht erlebt hast.

Jedes Verbrechen hat zwei Grundlagen: die biologische Veranlagung eines Menschen und das soziale Milieu, in dem er lebt. Wo die moralische Schuld anfängt, kannst du fast niemals beurteilen – niemand von uns kann das, es sei denn ein geübter Psychoanalytiker oder ein sehr weiser Beicht-Priester. Du bist nur Geschworener: strafe nicht – sondern schütze die Gesellschaft vor Rechtsbrechern.

Bevor du als Geschworener fungierst, versuche mit allen Mitteln, ein Gefängnis oder ein Zuchthaus zu besichtigen; die Erlaubnis ist nicht leicht zu erlangen, aber man bekommt sie. Gib dir genau Rechenschaft, wie die Strafe aussieht, die du verhängst – versuche, mit ehemaligen Strafgefangenen zu sprechen, und lies: Max Hölz, Karl Plättner und sonstige Gefängnis- und Zuchthauserinnerungen. Dann erst sage deinen Spruch.

Wenn du Geschworener bist, laß nicht die Anschauung deiner Klasse und deiner Kreise als die allein mögliche gelten. Es gibt auch andre – vielleicht schlechtere, vielleicht bessere, jedenfalls andre.

Glaub nicht an die abschreckende Wirkung eures Spruchs; eine solche Abschreckung gibt es nicht. Noch niemals hat sich ein Täter durch angedrohte Strafen abhalten lassen, etwas auszufressen. Glaub ja nicht, dass du oder die Richter die Aufgabe hätten, eine Untat zu sühnen – das überlaß den himmlischen Instanzen. Du hast nur, nur, nur die Gesellschaft zu schützen. Die Absperrung des Täters von der Gesellschaft ist ein zeitlicher Schutz.

Wenn du Geschworener bist, vergewissere dich vor der Sitzung über die Rechte, die du hast: Fragerechte an den Zeugen und so fort.

Die Beweisaufnahme reißt oft das Privatleben fremder Menschen vor dir auf. Bedenke –: wenn man deine Briefe, deine Gespräche, deine kleinen Liebesabenteuer und deine Ehezerwürfnisse vor fremden Menschen ausbreitete, sähen sie ganz, ganz anders aus, als sie in Wirklichkeit sind. Nimm nicht jedes Wort gleich tragisch – wir reden alle mehr daher, als wir unter Eid verantworten können. Sieh nicht in jeder Frau, die einmal einen Schwips gehabt hat, eine Hure; nicht in jedem Arbeitslosen einen Einbrecher; nicht in jedem allzuschlauen Kaufmann einen Betrüger. Denk an dich.

Wenn du Geschworener bist, vergiß dies nicht –: echte Geschworenengerichte gibt es nicht mehr. Der Herr Emminger aus Bayern hat sie zerstört, um den Einfluß der ›Laien‹ zu brechen. Nun sitzt ihr also mit den Berufsrichtern zusammen im Beratungszimmer.

Sieh im Richter zweierlei: den Mann, der in der Maschinerie der juristischen Logik mehr Erfahrung hat als du – und den Fehlenden aus Routine. Der Richter kennt die Schliche und das Bild der Verbrechen besser als du – das ist sein Vorteil; er ist abgestumpft und meist in den engen Anschauungen seiner kleinen Beamtenkaste gefangen – das ist sein Nachteil. Du bist dazu da, um diesen Nachteil zu korrigieren.

Laß dir vom Richter nicht imponieren. Ihr habt für diesen Tag genau die gleichen Rechte; er ist nicht dein Vorgesetzter; denke dir den Talar und die runde Mütze weg, er ist ein Mensch wie du. Laß dir von ihm nicht dumm kommen. Gib deiner Meinung auch dann Ausdruck, wenn der Richter mit Gesetzesstellen und Reichsgerichtsentscheidungen zu beweisen versucht, dass du unrecht hast – die Entscheidungen des Reichsgerichts taugen nicht viel. Du bist nicht verpflichtet, dich nach ihnen zu richten. Versuche, deine Kollegen in deinem Sinne zu beeinflussen, das ist dein Recht. Sprich knapp, klar und sage, was du willst – langweile die Geschworenen und die Richter während der Beratung nicht mit langen Reden.

Du sollst nur über die Tat des Angeklagten dein Urteil abgeben – nicht etwa über sein Verhalten vor Gericht. Eine Strafe darf lediglich auf Grund eines im Strafgesetzbuch angeführten Paragraphen verhängt werden; es gibt aber kein Delikt, das da heißt ›Freches Verhalten vor Gericht‹ Der Angeklagte hat folgende Rechte, die ihm die Richter, meistens aus Bequemlichkeit, gern zu nehmen pflegen: der Angeklagte darf leugnen; der Angeklagte darf jede Aussage verweigern; der Angeklagte darf ›verstockt‹ sein. Ein Geständnis ist niemals ein Strafmilderungsgrund –: das haben die Richter erfunden, um sich Arbeit zu sparen. Das Geständnis ist auch kein Zeichen von Reue, man kann von außen kaum beurteilen, wann ein Mensch reuig ist, und ihr sollt das auch gar nicht beurteilen. Du kennst die menschliche Seele höchstens gefühlsmäßig, das mag genügen; du würdest dich auch nicht getrauen, eine Blinddarmoperation auszuführen – laß also ab von Seelenoperationen.

Wenn du Geschworener bist, sieh nicht im Staatsanwalt eine über dir stehende Persönlichkeit. Es hat sich in der Praxis eingebürgert, dass die meisten Staatsanwälte ein Interesse daran haben, den Angeklagten ›hineinzulegen‹ – sie machen damit Karriere. Laß den Staatsanwalt reden. Und denk dir dein Teil.

Vergewissere dich vorher, welche Folgen die Bejahung oder Verneinung der an euch gerichteten Fragen nach sich zieht.

Hab Erbarmen. Das Leben ist schwer genug.

Kurt Tucholsky: Merkblatt für Geschworene. in: Die Weltbühne, 06.08.1929, Nr. 32, S. 202.

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* Diese Szene beeindruckte ihren jugendlichen Betrachter derart, dass er beschloss, Lehrer zu werden. Und ich möchte auch heute noch glauben, dass es möglich ist, ein solcher zu sein, auch wenn mein Weg woanders hinführte.

Merkt ihr nischt?

Ich habe mir bereits vor einiger Zeit abgewöhnt, den Verlautbarungen diverser Politiker Gehör zu schenken. Mir fehlt die Muße, unter all den Paraphrasen und Euphemismen mühsam das hervorzugraben, was gemeint sein könnte – wenn denn etwas gemeint ist.
Als allerdings einigermaßen politisch interessierter Mensch und nach der Erfahrung, dass die Dechiffrierer auch nicht ganz frei von Eigeninteressen sind, lässt es sich jedoch manches Mal nicht vermeiden, doch zur Quelle vorzustoßen und genauer zu schauen, was die Darsteller des Politikzirkus von sich geben.

So durften wir also in den letzten Tagen erfahren, dass Dank der heldenhaften Tätigkeit unserer Sicherheitskräfte und mit Unterstützung unseres Brudervolkes die hinterhältigen Pläne einiger vom imperialistischen Ausland gesteuerter feindlicher Elemente zum Sturz unserer demokratischen Ordnung vereitelt werden konnten.

Jedenfalls, wenn ich das richtig verstanden habe.

Nahezu gleichzeitig sah ich einen Bericht über begeisterte Eltern, die von den Möglichkeiten des Digitalen Klassenbuchs überaus erfreut waren, gibt es ihnen doch die Möglichkeit, jederzeit genauestens darüber informiert zu sein, wann sich ihr Kind wo wie aufge- und verhalten hat.

Und da frage ich mich doch: Merkt ihr nischt?

Mir jedenfalls ist klar, warum sich so ertaunlich wenig Protest regt: Die Leute finden das toll, der aufgeklärte, freiheitsliebende, aufrechte und kritische Citoyen ist eine Chimäre, ein Trugbild, ein Märchen. Es gibt ihn nicht. Oder zumindest nicht in ausreichender Anzahl.
Es bleibt nur noch festzuhalten, dass der Terror gewonnen hat, der Elfteseptember das Mahnmal des Abschieds von der Freiheit ist, denn diese haben wir aus purer Angst aufgegeben und finden das toll.

Falls unsere Kinder einmal fragen, warum Systeme wie die DDR so lange funktionierten: Eben genau darum: Wer nichts zu verbergen hat, braucht sich nicht zu fürchten. Und betroffen sind immer nur die anderen. Damit kann man offenkundig einen Staat machen.

Und die Bürger nicken.
Behaglich nicken sie, zufrieden, dass sie leben,
und froh, die Störenfriede los zu sein,
die Störenfriede ihrer Kontokasse.
Wo braust Empörung auf? Wo lodern Flammen,
die Unrat zehren, und sie heilsam brennen?
Die Bürger nicken. Schlecht verhohlne Freude.
Sie wollen Ordnung – das heißt: Unterordnung.
Sie wollen Ruhe – das heißt: Kirchhofsstille.

Kurt Tucholsky: Eisner. in: Die Weltbühne, 27.02.1919, Nr. 10, S. 224, wieder in: Fromme Gesänge.

Siehe hierzu auch das maßgebliche Buch zum Thema.

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München. Eine Assoziation.

In München wurde nun also das Camp um die sich im Hungerstreik befindlichen Asylbewerber aufgelöst.

Es gäbe dazu einiges zu sagen, vom mal wieder öffentlich zur Schau getragenen Ausländerhass bayerischer Politiker, die dafür wahrscheinlich mal wieder mit der absoluten Mehrheit belohnt werden, von Menschen, denen jegliches Verständnis dafür abhanden gekommen zu sein scheint, in anderen als in juristischen Kategorien zu denken, von anderen, die möglicherweise nicht nur lautere Motive hatten, sondern vielleicht auch eine Profilneurose spazieren tragen, über die Arroganz der Mächtigen, die Verzweiflung der Machtlosen – allein, ich habe mir in der letzten Woche den Luxus gegönnt, mal nicht über die Rettung der Welt nachzudenken, sondern mir Zeit für meine Familie zu nehmen. Ich kann daher nichts substantielles, nicht einmal unsortierte Gedanken ohne ausreichende empirische Datenbasis, zu dieser Sache beitragen.

Und so möchte ich es bei einer Assoziation belassen:
http://data8.blog.de/media/590/7112590_30dcecc5ce_a.wav

Ruhe und Ordnung

Wenn Millionen arbeiten, ohne zu leben,
wenn Mütter den Kindern nur Milchwasser geben –
das ist Ordnung.

Wenn Werkleute rufen: »Laßt uns ans Licht!
Wer Arbeit stiehlt, der muß vors Gericht!«
Das ist Unordnung.

Wenn Tuberkulöse zur Drehbank rennen,
wenn dreizehn in einer Stube pennen –
das ist Ordnung.

Wenn einer ausbricht mit Gebrüll,
weil er sein Alter sichern will –
das ist Unordnung.

Wenn reiche Erben im schweizer Schnee
jubeln – und sommers am Comer See –
dann herrscht Ruhe.

Wenn Gefahr besteht, dass sich Dinge wandeln,
wenn verboten wird, mit dem Boden zu handeln –
dann herrscht Unordnung.

Die Hauptsache ist: Nicht auf Hungernde hören.
Die Hauptsache ist: Nicht das Straßenbild stören.
Nur nicht schrein.
Mit der Zeit wird das schon.
Alles bringt euch die Evolution.
So hats euer Volksvertreter entdeckt.
Seid ihr bis dahin alle verreckt?

So wird man auf euern Gräbern doch lesen:
sie sind immer ruhig und ordentlich gewesen.

Text: Tucholsky, Kurt: Ruhe und Ordnung. in: Tucholsky, Gesammelte Werke, Bd. 4, Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbek 1975, S. 17f.
Lesung: Ille, Steffen: Gruß nach vorn. Ille & Riemer Leipzig, Weißenfels. 2011

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Immer auf die Großen

Ich weiß nicht, wie das in anderen Branchen so ist, da ich nur eine sehr aufmerksam verfolge. Aber die Buchbranche befindet sich, folgt man den Aussagen in den üblichen Branchenmagazinen, zumindest in den fast 14 Jahren, die ich sie beobachte, in einem schwerwiegenden Umbruch, Strukturwandel und einem für die Marktteilnehmer permanent zunehmenden Druck.

Wollte man den hyperventilierten BWL-Phrasen folgen, müssten wir inzwischen eigentlich schon Pizza verkaufen oder zumindest doch mit Burnout irgendwo in der Ecke liegen. Man stelle isch das vor: 14 Jahre lang jeden Tag auf Arbeit zu gehen, ohne zu wissen, ob es die eigene Branche morgen noch gibt. Da kann man ja nur verrückt werden.

Inzwischen habe ich ja eh die Überzeugung gewonnen, dass die Wirtschaftswissenschaftler die Rolle der Priesterschaft (im altägyptischen Sinne) übernommen haben. Mit ganz ähnlicher Methodik. Aber das ist ein anderes Feld, mir soll es um etwas anderes gehen.

Richtig ist natürlich, dass der verbreitende Buchhandel heute anders aussieht als vor 30 Jahren. Im Vergleich zur Metamorphose von Bergbaukonzernen, die jetzt Urlaubsreisen verkaufen, finde ich die Branche aber doch recht stabil und Wandel ist ein Kennzeichen der Moderne, wenn nicht überhaupt der ganzen Neuzeit.

Offenbar aber haben die Romantiker ganze Arbeit geleistet und so ist das mittelalterliche Ideal einer gleichbleibenden, unveränderten Weltordnung weiterhin tief verwurzelt. Über jede Veränderung wird geklagt, gejammert, geschimpft oder doch zumindest geseufzt. Und das kommt mir doch zumindest in einer Konsumbranche etwas merkwürdig vor.

Über das merkwürdige Verhalten einiger geschäftsinhabender Buchhändler in der »Umbruchszeit« wird an anderer Stelle zu reden sein*, mir soll es heute um die kognitive Dissonanz der Kunden gehen.

Ganz egal, ob es um den rasanten Filialausbau der Großfilialisten geht (das Umbruchsthema der 90er Jahre und der ersten Jahre nach 2000 – wer meiner Einschätzung von BWLern nicht folgen möchte, lese sich deren Analysen zu dieser Zeit durch und vergleiche sie mit der heutigen Situation. Menschen sollten einfach keine Zukunftsprognosen abgeben…) oder den x-ten Trend zum Versandbuchhandel nebst dessen Monopolisierungstendenz, jedes Mal wird auf die bösen Großen geschimpft.

Thalia mache die kleinen Buchhandlungen kaputt, amazon auch, wenn nicht überhaupt gleich den ganzen Buchhandel. Das ist wohlfeil. Die Großen wollen auch nur spielen, genau so wie alle anderen auch. Aus den verschiedensten Gründen sind sie dabei eben erfolgreicher als andere.

Ignoriert wird dabei nämlich, dass weder Thalia, Hugendubel oder amazon irgendjemanden zerstören – es sind die Kunden, die das tun. Was genau hindert sie denn daran, woanders einzukaufen? Wenn es mir wichtig ist, eine kleine Buchhandlung in der Nähe zu haben, dann kaufe ich da ein. Wenn ich amazon doof finde, lasse ich mein Geld nicht da. Das ist ganz einfach. Weiterlesen „Immer auf die Großen“

The Battle of Lobbyverbände

Ich bin es so Leid, es ist derart ermüdend, dass ich mich immer wieder dazu durchringe, nichts zu schreiben.
Die Debatten um eine notwendige Anpassung der Urheberrechtssituation an das 21. Jahrhundert (die im Wesentlichen ja Debatten um eine Anpassung der Verwertungsrechtssituation ist), drehen sich derart im Kreis und sind derart vom Nichtverstehenwollen der anderen Seite geprägt, dass es wirklich keinen Spaß macht, sich damit zu beschäftigen.*
Eine Winzigkeit in diesem ganzen Themenkomplex ist dabei das sogenannte Leistungsschutzrecht für Presseverleger, das ich für eine unfassbare Dummheit halte.
Allerdings auch nicht für mehr. Umso mehr stieß mir nun auf, dass in meine Timelines seit einiger Zeit regelmäßig bezahlte Google-Links, vulgo: Werbe-Anzeigen, gespült wurden, die mich aufforderten, »mein Netz zu verteidigen«

Und da muss ich jetzt einmal sagen: Wie bitte?

Es geht beim Leistungsschutzrecht einzig und allein um Geschäftsmodelle, um die Frage, ob Suchmaschinenanbieter Lizenzgebühren zahlen müssen, wenn sie auf Verlagsangebote verlinken.
Das ist nicht ganz trivial, aber »mein Netz«? Es geht doch wohl eher um Googles Netz. Google möchte gerne ein Maximum an Informationen zur freien Verfügung haben, weil deren Geschäftsmodell darauf beruht – und nicht, weil sie so große Fans der Meinungsfreiheit sind.
Und hallo? Die Informationsfreiheit ist in Gefahr? Weil im schlimmsten Falle Google etwas zahlen muss? Kleiner haben wirs nicht? Ein Konzern, der im abgelaufenen Jahr 10 Milliarden Dollar Gewinn gemacht hat (und damit nur etwas weniger als beispielsweise die gesamte Buchbranche an Umsatz erwirtschaftet) will mir also erzählen, dass wegen ein paar zu erwartender Lizenzgebühren die Informationsfreiheit in Gefahr steht. Logisch.
Nur, liebe Damen und Herren bei Google: Das Netz kümmert sich nicht um große Namen. Die Namen der Gescheiterten sind Legion: Compuserve, GeoCities, Lycos, AOL, Altavista – die waren alle mal total wichtig fürs Netz. Dachten sie.
Bedroht ist nicht das Netz, schon gar nicht »Mein Netz« – bedroht ist eure Gewinnspanne. Und das ist etwas ganz anderes.

Dasselbe gilt natürlich auch für die Presseverleger, die mindestens die Pressefreiheit, wenn nicht gleich die ganze Demokratie in Gefahr sehen. Und im Gegensatz zu Google haben die keine so nette PR-Abteilung und schaffen es tatsächlich, in einem David-vs.-Goliath-Setting als die Bösen dazustehen, obwohl sie (Springer hin oder her) gar nicht die Goliaths sind. Es ist kein Zufall, dass das Wort »Qualitätsjournalismus«, einst als Kampfbegriff für die eigene Sache geprägt, heute weitgehend ironisch von der Gegenseite verwendet wird. Was ja auch der Hausheilige dieses Blogs bereits vor 94 Jahren anmerkte:

Der Zustand ist eben der, daß aus Annoncengeschäft und Nachrichtenübermittlung jene
üble Mischung herauskommt, die sich heute Presse nennt.

**

Noch einmal zum Abschluss also: Ich halte das Leistungsschutzrecht für einen Irrweg. Aber für keinen Grund, mich vor den Karren eines Riesenkonzerns spannen zu lassen, dessen Interessenlage sich in nichts, in rein gar nichts von der Interessenlage von Springer & Kollegen unterscheidet. Mir macht die Entwicklung durchaus Sorgen, aber zum einen könnte ich mich ja auch irren und wir erleben mit dem Leistungsschutzrecht die Renaissance der deutschen Presselandschaft und zum anderen: Wenn sich ein paar Konzerne darum streiten, wer von wem warum Geld zu bekommen hat, so ist das nicht meine Sache. Und schon gar nicht »mein Netz«.


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P.S. Noch ein paar Anspieltipps für all jene in der geneigten Leserschaft, die noch einen Einstieg in die Thematik suchen. Ich verlinke nur solche Beiträge, von denen ich glaube, dass sie einigermaßen ideologiearm der Sache nähern:
Zunächst natürlich der Wikipedia-Eintrag zum Thema, nicht übermäßig ergiebig, aber vielleicht für ganz grundsätzliche Verständnisfragen, worum es überhaupt geht, ganz nützlich.
Stefan Niggemeiers Artikelserie zum Thema. Im Laufe der Jahre schon etwas gewachsen, aber in gewohnter Niggemeier-Erklärbär-Qualität.
Und für alle, die es ganz genau wissen wollen, die viel beachtete Stellungnahme des zuständigen Max-Planck-Instituts.

*»Man könnte den Menschen gradezu als ein Wesen definieren, das nie zuhört.« schreibt der Hausheilige in Der Mensch
**aus: Sozialisierung der Presse. in: Werke und Briefe: 1919. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien. Digitale Bibliothek Bd. 15, S. 1612 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 2, S. 220)

Und noch einmal: Küsst die Faschisten

Man sollte sich vielleicht doch nicht mit Geschichte befassen. Allzu gruselig ist es doch, wie oft sich ein- und dieselben Dinge wiederholen und wie wenig Mühe sich manche Kräfte geben müssen, um sich eine Strategie auszudenken. Und auch wenn es die geneigte Leserschaft ermüden mag, zu den aktuellen Meldungen um die Zwickauer Nazi-Zelle, die beliebten Kürzungen der Mittel im Kampf gegen Rechts und die perfide Dramatisierung des Linksterrorismus ((gar nicht zu reden von den bösen Muslimen) bei gleichzeitiger Marginalisierung desselben von rechts , muß ich noch einmal auf diesen Text verweisen:

http://www.blog.de/srv/media/dewplayer.swf?son=http://data7.blog.de/media/632/5938632_f94e907f9b_a.mp3

Rosen auf den Weg gestreut

Ihr müßt sie lieb und nett behandeln,
erschreckt sie nicht – sie sind so zart!
Ihr müßt mit Palmen sie umwandeln,
getreulich ihrer Eigenart!
Pfeift euerm Hunde, wenn er kläfft –:
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!

Wenn sie in ihren Sälen hetzen,
sagt: »Ja und Amen – aber gern!
Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!«
Und prügeln sie, so lobt den Herrn.
Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft.

Und schießen sie –: du lieber Himmel,
schätzt ihr das Leben so hoch ein?
Das ist ein Pazifisten-Fimmel!
Wer möchte nicht gern Opfer sein?
Nennt sie: die süßen Schnuckerchen,
gebt ihnen Bonbons und Zuckerchen . . .
Und verspürt ihr auch
in euerm Bauch
den Hitler-Dolch, tief, bis zum Heft –:
Küßt die Faschisten, küßt die Faschisten,
küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft –!

Die Lesung findet sich auf dem Hörbuch Gruß nach vorn

in: Werke und Briefe: 1931. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 8324-8325 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 9, S. 162-163)

D-Klasse

In seiner Rezension zu Leon de Winters Roman „Leo Kaplan“ prägte Martin Ebel in der FAZ eines der branchenweit bekanntesten Verlags-Bonmots, auf das heute jeder Beitrag über den Diogenes-Verlag rekurrieren muß: „Auf dem deutschsprachigen Markt liegt es daher nahe, neben der E- und der U- eine D-Klasse zu schaffen, benannt nach dem Diogenes-Verlag“
Führte man eine Umfrage im deutschsprachigen Buchhandel nach dem unter Buchhändlern beliebtesten Verlag durch – spannend wäre wohl nur die Frage nach Platz 2.
Ich kann zu Daniel Keel selbst, der am Dienstag im Alter von 80 Jahren verstarb, nicht viel sagen – ich habe ihn schließlich nie kennengelernt. Um erschöpfend über die Geschichte seines Verlages berichten zu können, fehlt mir das Wissen, es erscheint mir auch unnötig, haben dies doch andere bereits getan. Aber es drängt mich, dieses Ereignis nicht unkommentiert zu lassen.
André Schiffrin beobachtete bereits vor vielen Jahren eine Entwicklung, die auch hierzulande zu beobachten war und ist: Das Verschwinden der Verleger. Verlage ohne Verleger agieren anders. Wo man als angestellter Mitarbeiter diversen Gesellschaftern und Anteilseignern rechenschaftspflichtig ist, wird über Risiken und Erfolgsaussichten völlig anders nachgedacht. Doch genau das macht eben Verlage sympathisch, die noch erkennbar die Handschrift ihres Verlegers tragen. Wo Bücher gemacht werden, weil der Verleger diese Bücher machen will. Bei Diogenes erschien vor wenigen Jahren eine großangelegte Alfred-Andersch-Ausgabe aus keinem anderen Grund als dem, daß dies so gewollt war. Rentiert hat die sich nie, wenn sie jemals dreistellige Verkauszahlen erzielt haben sollte, darf man das als großen Erfolg feiern – aber es sind solche Geschichten, die einem Verlag ein Gesicht, ein Profil, eine Erkennbarkeit geben, die aus ihm mehr machen als ein Medienunternehmen, sondern eher zu einer Heimat für seine Autoren. Daß Daniel Keel dies grandios gelungen ist, davon zeugen die Aussagen seiner Autoren über ihn. Mit dem seinerzeit (und wohl bei so manchem auch heute noch) irrsinnig wirkenden Anspruch angetreten, daß Literatur, gerade wenn sie gehaltvoll ist, bitte schön auch lesbar sein könne und solle, hat Diogenes erheblichen Einfluß auf den deutschen Buchmarkt ausgeübt – im Kreise der konzernfreien Verlage wohl nur noch vergleichbar mit Suhrkamp – und sich dabei eine Stellung erworben, die es erlaubte, einer Auslistung bei amazon entgegenzustehen, weil man sich deren Konditionendiktat nicht unterwerfen wollte. Daniel Keel und der Diogenes-Verlag hatten immer meine Bewunderung, weil es dort gelang, mit dem Lotteriespiel, das Bücher verlegen immer ist, auch noch erfolgreich zu sein. Nun, keineswegs von Anfang an in einem Maße, der sorgenfrei in die ferne Zukunft blicken ließe. Diogenesbücher sind mein bevorzugtes Beispiel zur Erklärung des etwas aus der Mode kommenden Begriffs der „Bindequote“:
Ein Buch, als physische Einheit, besteht, um es mal ganz grob zu fassen, im Wesentlichen aus zwei Teilen, dem Buchblock und dem Einband. Da Verlegen Lotteriespielen ist, plant und schätzt man zwar die erwartbar sinnvolle Auflagenhöhe, weiß es aber nie genau*. Um nun die eigene Liquidität nicht zu sehr in Gefahr zu bringen, gleichzeitig aber in der Lage zu sein, gegebenenfalls schnell auf eine ansteigende Nachfrage reagieren zu können, hat man nur einen Teil der gedruckten Auflage mit einem Einband versehen und die übrigen Buchblöcke eingelagert.**
Hier hatte man in Zürich nun eine großertige Idee. Trotz umsatzstarker Autoren wie Dürrenmatt oder Loriot wandelte man bei Diogenes lange auf einem schmalen Grat, so daß Liquidität durchaus ein zu besprechendes Thema war. Also wurde entschieden, anstatt zwei verschiedene Buchblöcke für die Hardcover und die Taschenbuchausgabe zu produzieren und damit auch doppelte Satzkosten zu haben, gab es die leinengebundene Originalausgabe (ja früher™ erschienen Originalausgaben noch gebunden und waren Taschenbücher reine Zweitverwertung) gleich im Taschenbuchformat. Das gab Diogenestiteln auch äußerlich eine gewisse Eigenart. Sollte man sich also bei der Auflagenhöhe für die Erstausgabe verschätzt haben, braucht man wenigstens nicht neu drucken fürs Taschenbuch. Andernfalls hat man sich auf jeden Fall die Satzkosten gespart. Aus der Not eine Tugend machen nennt das der Volksmund, Schwächen in Stärken verwandeln sagt der Personal Coach dazu und läßt sich üppig bezahlen. Die betriebswirtschaftliche Notwendigkeit dafür entfiel erst in den achtziger Jahren, als mit Süskinds Parfum der Begriff Bestseller für den deutschen Markt völlig neu definiert wurde.***

Aber all das erklärt noch nicht wirklich den Charme, mit dem es Diogenes-Büchern gelang einen ganzen Berufsstand um den Finger zu wickeln. Ein Charme, der es ermöglicht, ganze Werbeetats zu streichen, weil BuchhändlerInnen diese Bücher verkaufen wollen, sich in einem Maße engagieren, das den Effekt ganzer Plakataktionen ersetzt. Letztlich weiß ich es auch nicht, mir fehlen da die passenden soziologischen Untersuchungen, aber da andererseits dieses Blog mit dem Anspruch angetreten ist, auf eine ausreichende empirische Datenbasis zu verzichten, wage ich einfach mal zu behaupten:
Das Geheimnis des Erfolges von Diogenes ist die spürbare Seele des Verlages, die unbändige Lust darauf, neues zu wagen und zu entdecken, an Autoren zu glauben und sie mit Leidenschaft zu vertreten – kurz: Es ist die Persönlichkeit des Verlegers, die in seinem Programm zum Ausdruck kommt. Es war und ist mir immer eine Freude, es ist das halbjährliche Highlight, wenn die neue Diogenesvorschau eintrifft, es ist damit immer eine kribbelnde Vorfreude verbunden, welche Entdeckungen es dieses Mal zu machen gilt. Man fühlt sich immer ein bißchen wie ein Kind bei der Bescherung, schlägt man die erste Seite auf – und für diese Freude an meinem Beruf, für all die Stunden mit einem kleinen weißen Buch, auf dem ein schlichtes d den Rücken zierte, für all die wunderbaren Entdeckungen, für die anhaltende Lust, Bücher zu machen, weil sie einfach gut sind und den Glauben daran, daß es Buchhändler und Leser gibt, die nicht nach Marktlage, sondern nach Lust und Laune kaufen und auch noch zueinander finden mögen, letztlich also für das Gefühl, als Leser ernst genommen zu werden – dafür möchte ich Daniel Keel danken.

Ich möchte aber nicht schließen, ohne noch auf ein Buch hinzuweisen, nämlich den höchst erquicklichen Band mit Autorenbriefen an Daniel Keel, der sich hier

lieferbar

findet.

P.S. Diogenes-Cover mit ihren kunsthistorischen Referenzen haben bei mir übrigens manchmal den bemerkenswerten Effekt, daß nach langjähriger Berufstätigkeit inzwischen der Buchtitel den Werktitel überlagert. Matisse´ »Blaue Dame« zum Beispiel ist für mich immer vorrangig Leon de Winters »Malibu«. Erst im zweiten Gedankengang taucht Matisse Name im vorderen Stirnlappen auf.
P.P.S. Im Übrigen wünsche ich dem Verlag, daß ihm eine Frau Ulla ersprart bleibt. *hüstel*


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*Man kann da sehr irren. Die 500 Exemplare Startauflage, die Bloomsbury für Harry Potter I vorsah, waren zum Beispiel deutlich zu wenig, wie sich herausstellte. Sehr viel häufiger jedoch verschätzt man sich in die Gegenrichtung – die Beispiele hierfür finden sich regelmäßig auf der 1-Euro-Liste bei Weltbild…
**Mit den technischen Entwicklungen der Drucktechnik in den letzten Jahrzehnten ist diese schöne Tradition allerdings weitgehend außer Gebrauch geraten. Als Meldenummer für Lieferhindernisse vegetiert sie aber noch vor sich hin.
***Ich gönne Verlegern einen solchen Glücksfall aus tiefstem Herzen. Zum einen weil so die eine oder andere Sorge in Sachen Lebensabend verschwinden mag (Lutz von Schulenburg, der Verleger der edition Nautilus, die seit fast 4 Jahrzehnten unverdrossen Revolutionsliteratur verlegen, meinte nach dem Erfolg von Tannöd, seine Frau und er bräuchten sich nun keine Gedanken über die Rente mehr machen – was ich mit einer Mischung aus Rührung und Erschrecken zur Kenntnis nahm, bedeutete es ja schließlich, daß sie sich diese Gedanken bis dahin machen mussten) und zum anderen, weil so natürlich ganz andere Möglichkeiten bestehen, auf einmal das Spektrum der verlegerischen Möglichkeiten wächst, auf einmal ganz andere Bücher möglich werden…

Historische Wende

Der 31. August 1997 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des Boulevardjournalismus. Die dramatischen Auswirkungen ihrer Arbeitsweise, manifestiert im Tod Lady Dianas und ihres Lebensabschnittsgefährten Dodi Al-Fayed, ließen die Journalisten umdenken, dem Publizieren von Paparazzi-Fotos abschwören, um so deren Arbeitsgrundlage zu zerstören, und fürderhin die Privatsphäre von Personen öffentlichen Interesses zu respektieren, damit sich dergleichen nie wiederhole. Mit großer Zerknirschung gestand man die eigene Mitschuld an diesem Tod ein und die staunende Leserschaft erlebte einen unvorhergesehen Umschwung in der Yellow Press, die sich seitdem jeglicher willkürlicher Aburteilung, Gerüchteverbreitung und Prominentenhatz enthält. Ja, so war das, damals.

Erstaunlich finde ich dabei übrigens weniger die Halbwertszeit dieser Beteuerungen als vielmehr die ungebrochene Nachfrage des Publikums. Es ist ja nicht so, daß Rupert Murdoch, Matthias Döpfner und wie die Kollegen alle heißen mögen, aus reiner Böswilligkeit ihre Zeitungen mit erfundenen, abgehörten, aufgebauschten, erpressten Geschichten füllen lassen – nein, es geht darum Geld zu verdienen. Möglichst viel Geld. Und nun mag es fragwürdig sein, sein Geld mit solcherlei Methoden verdienen zu wollen und auf die niedersten Instinkte zu setzen – allein, es gehören zwei dazu: Den ganzen Spaß muß auch jemand kaufen. Sonst sieht es nämlich schlecht aus mit dem Geldverdienen. Es sind täglich Millionen und Abermillionen Menschen bereit, dafür zu bezahlen, daß andere Menschen, die das Glück oder Pech haben, öffentliches Interesse erregt zu haben (und dazu gehört nach Auffassung der Axel Springer AG bekanntermaßen nicht viel), verfolgt, belauscht, erpresst werden. Die bereit sind, dafür zu zahlen, daß die minimalen Bürger- und Menschenrechte für all jene nicht mehr gelten, für die der Boulevardjournalismus das entscheidet.

Man kommt nicht umhin, hier heftigst Prostetnik Vogon Jeltz in seiner Einschätzung vollumfänglich zuzustimmen:

Ich weiß nicht, […] ein lahmer Drecksplanet ist das. Ich habe nicht das geringste Mitleid.

*

Und nun – Musik.


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*in: Adams, Douglas: Per Anhalter durch die Galaxis. Gesamtausgabe. Rogner & Bernhard Berlin. 3. Aufl. 2008, S. 38.

Recht haben oder: Warum ich kein Jurist geworden bin.

Ein Urteil entgeistert die Welt. Da bekommt ein Mörder Schadensersatz, weil ein ermittelnder Beamter ihm Folter angedroht hatte. Die Volksseele kocht und der hessische Polizeigewerkschaftschef spricht von einem „absoluten Skandal.“
Ich wünsche mir, daß andere Instanzen zu einem anderen Urteil kommen, weil es sich nicht gut anfühlt, dieses Urteil, weil es tatsächlich Unbehagen hervorruft. Allein, ich bin kein Jurist, kann also nicht beurteilen, inwieweit hier Spielraum besteht. Aber der Urteilsbegründung nach scheint die Sache juristisch im Kern auf eine einzige Frage zu reduzieren zu sein: Hat es Folterandrohung gegeben? Wenn ja, dann ist gegen Gäfgens Menschenwürde verstoßen worden und dann hat er Anspruch auf Entschädigung. So simpel schreibt und erklärt es denn auch Udo Vetter im Lawblog.
Das ist so auch ganz richtig. Wir sollten die wenigen Gelegenheiten, bei denen mal aus der Geschichte gelernt wurde, nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Folter, auch deren Androhung, sind ein No-Go. Daran gibt es nichts zu rütteln. Punkt.
Trotzdem gefällt mir das Urteil ganz und gar nicht. Aber warum?
Ich denke, die Kritik, die bisher zu hören ist, zielt in die falsche Richtung. Menschenwürde gilt für Menschen. Und auch die abscheulichsten Straftäter sind Menschen. Ein Abrücken vom Prinzip der allgemeinen, voraussetzungslosen Menschenwürde hätte fatale Auswirkungen, denn sind einmal die Türen geöffnet, die einen für der Menschenwürde würdig und die anderen eben nicht zu befinden, geht es nur noch darum, wie weit diese Tür zu öffnen sei und wer noch alles durchpassen darf. Das haben wir nun aber lange genug probiert. Geben wir der anderen Idee mal noch eine Weile eine Chance.
Falsch ist nicht das Urteil, weil es die zu Grunde liegenden Prinzipien, die ich für richtig halte, konsequent umsetzt. Nein, das, was Unbehagen hervorruft, ist der Klagende selbst, der so wenig Skrupel zu haben scheint, daß „skrupellos“ nicht ausreicht, ihn zu beschreiben. Sein Anwalt erdreistet sich auch noch, sich als Heros der Menschenrechte zu inszenieren*, wo er doch nichts weiter tut als einem, hier sei noch einmal Herr Schmitt zitiert, „selbstverliebten Gewalttäter“ Gelegenheit zu geben, sich als Opfer eines Justizfrevels** zu inszenieren. Ich glaube, das ist die Widerwärtigkeit der ganzen Geschichte. Daß hier jemand, der einen elfjährigen Jungen ermordet hat, für sich reklamiert, Todesangst bei der Vernehmung durch einen offenbar verzweifelten Polizeibeamten, den er gerade eben noch mit seinem provozierenden, arroganten Verhalten in die Irre und den Rand des Irrsinns trieb, verspürt zu haben und nun dauerhaft traumatisiert deswegen zu sein.
Der Sprecher des Weißen Rings, Veit Schiemann, hat in einem Interview mit mdr info, das mein Bild dieses Verbandes ob der Ausgewogenheit desselben ernsthaft ins Wanken bringt, völlig zu Recht angemerkt, daß der Begriff der Todesangst doch wohl eher zu Jakob von Metzler denn zu seinem Mörder paßt. Hohn und Spott den Opfern gegenüber aber spricht nicht das Urteil – es ist einzig Gäfgen, der höhnt und spottet, der auf dem Grab seines Opfers noch juristische Partys feiert mit einem beispiellosen Tanz durch die Instanzen. Reue sieht anders. Ganz offenbar bereut er gar nichts, er gefällt sich in einer Opferrolle, offenkundig ausblendend, daß er ein paar andere Denkaufgaben zu lösen hätte. Mit seinen Prozessen grinst er förmlich den Eltern seines Opfers noch einmal ins Gesicht.
Das Problem dabei: Er hat Recht. Er darf das.
Eine Jugendrichterin sagte einmal zu mir, sie habe das Gefühl, man erwarte von den Gerichten, sie mögen die Dinge wieder in Ordnung bringen, die draußen (also außerhalb des Gerichtssaals) schief gelaufen sind. Das könne sie aber gar nicht leisten.
Ich gehe sogar noch weiter: Es gibt kaum ein uneeigneteres Mittel als die Justiz dafür. Rechtsstaatlichkeit meint doch nicht, daß das Recht alles im Staate richtet. Es ist dies eine völlige Verkennung dessen, was Richter und Anwälte eigentlich tun. Es geht bei Gericht um nicht mehr und nicht weniger als darum, ob jemand Recht hat. Und das erschließt sich aus den Rechtsnormen, die alle Beteiligten vorfinden. Das ist alles. Und auch wenn das eine ganze Menge ist, weil dann immerhin Dinge wie persönliche Neigungen oder weltanschauliche Bekenntnisse keine Rolle spielen – was wirklich viel Wert ist – es ist weit davon entfernt, sozioethische Debatten zu ersetzen oder gar Erziehung zu übernehmen. Nein, vor Gericht geht es nur um eins: Recht zu haben und es zu bekommen (was tatsächlich zweierlei ist). Das scheint stud. jur. Gäfgen bereits verinnerlicht zu haben. Und zwar so sehr, daß es alle anderen Fragen in den Hintergrund drängt. Er hat Recht und nun will er das auch verdammt nochmal bekommen.
Ich weiß nicht, was ich weniger könnte. So jemanden vertreten, über ihn urteilen zu müssen oder ihm als Gegenpartei gegenüber stehen. In keiner Konstellation könnte ich für die Beibehaltung meiner pazifistischen Grundsätze garantieren. Um jemanden, der so denkt, der in seiner Rechthaberei alles Menschliche zu vergessen haben scheint, für den das nur ein weiterer Sachverhalt zu sein scheint, des es für die nächste Klausur zu bearbeiten gilt, ernsthaft zu vertreten (da rede ich noch nicht vom euphorischen Nachvornstürmen seines tatsächlichen Anwaltes, der sich wohl auf dem Weg zum Friedensnobelpreis wähnt), muß man in einer Art und Weise denken können, wie ich nie denken möchte. Ich kann und will das nicht. Und das war einer der entscheidenden Gründe, warum meine Studienwahl im letzten Moment nicht auf „Jura“ fiel. Akademisch ist das eine hoch spannende Angelegenheit, aber es geht doch immer um Menschen und ihre Schicksale – und die sind für mich doch mehr als nur Sachverhalte.
Ich bewundere jeden, der diesen Beruf ergreifen und ausüben kann und dabei Mensch bleibt – ich könnte es nicht. An einem von beidem würde ich scheitern.

P.S. Und dann heißt dieser Mensch auch noch ernsthaft „Magnus“. Nunja, für gloria aeterna hat es ja gereicht…
*Denn er irrt, wenn er von einem Sieg für die Menschenrechte spricht – das Verhalten der Beamten ist ja bereits juristisch aufgearbeitet worden, die haben Strafen bekommen für ihr Fehlverhalten, der Sieg der Menschenrechte ist also schon längst erfochten. Er kämpft hier für etwas ganz anderes.
**In der ersten Version stand hier noch „Justizirrtums“ – das ist natürlich Unsinn. 04.08.11, 22:27

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Gestürzte Götter

Eine junge Frau ist gestorben. Zu Grunde gegangen an multipler Sucht, unter der voyeuristischen, sensationsgeilen Beobachtung der Gesellschaft. Da standen sie alle da und schauten zu, wie ein Mensch zerbrach.

Amy ist nicht gestorben, nein vielerorts konnte man dann diverse Versionen von “die ist endlich abgekratzt” hören. Und wenn man dem dann etwas entgegen setzte, bekam man ein “aber das hat sie sich doch selbst zuzuschreiben”. Ja, ach. Aber so ist das wohl, wenn man einmal diese Figur ist, der dann eine gesamte Öffentlichkeit beim langsamen Verenden zuschaut.

schreibt Herm in seinem hier dringend zur Lektüre empfohlenen Beitrag „Für Amy
Es ist in den letzten Tagen viel zum Tode Amy Winehouses zu lesen gewesen. Und natürlich wird sie gewürdigt als eine Frau mit großer Stimme und großem Talent, die leider, leider, den Drogen verfallen ist und nun leider, leider so früh von uns ging und es war ja auch nicht und die Schlagzeilen, die sich so wenig auf die Musik bezogen.
Warum eigentlich nicht? Was bringt uns dazu, Geld zu bezahlen, damit Menschen bis in intimste Bereiche ausgespäht werden? Daß sie keine Sekunde Ruhe, Frieden, Privatheit haben?
Was bringt uns dazu, lustvoll von Fehltritten, Ausrutschern, Abstürzen, Verfall zu lesen?
Was ist es, das uns antreibt, Befriedigung am grundlegenden Scheitern anderer Menschen zu empfinden?
Was bringt uns dazu, jedes noch so kleine Detail erhaschen zu wollen, um beim öffentlichen Sterben eines Menschen aber auch ja nichts zu verpassen?
Es scheint nur wenig befriedigender zu sein, als Götter stürzen zu sehen. In unserer weitgehend säkularisierten Welt müssen wir uns unsere Heroen selbst schaffen – und es scheint gut zu tun, zu sehen, wenn die dann – Überraschung! – „auch nur Menschen“ sind. Mit welcher Gefühlskälte da über Mitmenschen geurteilt wird, die den Fehler begangen haben, etwas zu schaffen, das anderen etwas bedeutet, ist geradezu abstoßend und läßt mich ein weiteres Mal an der Menschheit zweifeln. Wäre ich nicht zufällig Bestandteil derselben, ich hielte es mit Protestnik Vogon Jeltz: „Ein lahmer Drecksplanet ist das, ich habe nicht das geringste Mitleid“.

In der SouthPark-Folge „Britney´s neuer Look“ (natürlich aus der großartigen Staffel 12) gehen die Macher genau dieser Frage nach. Und ich kann mich ihrer Analyse nur vollumfnglich anschließen. Was Tucholsky dem Leser 1985 zuruft, gilt auch in ganz anderen Zeitdimensionen: „Besser seid ihr auch nicht als wir und die vorigen. Aber keine Spur, aber gar keine –“
Wir nennen unsere Fruchtbarkeitsgötter nicht mehr so, aber noch immer beten wir sie an und zerstören ihre Statuen und Tempel, sobald sie nicht mehr funktionieren. Heute darf es eben auch gerne mal der heroisierte Mitmensch sein.

Schließen möchte ich mit einem beim Herm geborgten Zitat aus Russell Brands Posting zum Tod von Frau Winehouse, in der Hoffnung, es möge dem einen oder anderen in Erinnerung rufen, daß auch hier ein Mensch starb:

When you love someone who suffers from the disease of addiction you await the phone call. There will be a phone call. The sincere hope is that the call will be from the addict themselves, telling you they’ve had enough, that they’re ready to stop, ready to try something new. Of course though, you fear the other call, the sad nocturnal chime from a friend or relative telling you it’s too late, she’s gone.

Frustratingly it’s not a call you can ever make it must be received. It is impossible to intervene.


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Moralische Überlegenheit

Eines meiner prägendsten Erlebnisse in Bezug darauf, wie unsere Gesellschaft so tickt, hatte ich in einer politikwissenschaftlichen Einführungsveranstaltung. Dort war eine Schautafel zu sehen, die dem Auditorium die Unterschiede zwischen freien und unfreien Staatssystemen erklären sollte. Es ging dabei um den Anteil von Bereichen, Themen, Werten, die gesellschaftlich diskutabel, also diskursfähig seien. „Freie“ Systeme sehen dabei nur einen kleinen Teil von Grundwerten vor, die eben als Grundlage des Systems nicht zur Disposition stünden und einen sehr großen Bereich, der gesellschaftlich offen diskutiert und ausgehandelt würde – bei den „Unfreie“ dann vice versa. So daß eben in „unfreien“ Staatssystemen schnell und hart gegen Bürger vorgegangen wird, die sich aus dem kleinen, erlaubten Bereich herausbewegten und ihnen keinerlei Rechte mehr zubilligten. Neben der Tatsache, daß ich mich fragte, was eine solche simplifizierende Schwarz-Weiß-Malerei in einer universitären Lehrveranstaltung zu suchen habe (und nebenbei meine, sicher voreilige, Skepsis gegen die Disziplin „Politikwissenschaft“ begründete) erschütterte mich die Selbstverständlichkeit, mit der das hingenommen und als richtig empfunden wurde.* In der nachfolgenden Diskussion äußerte ich die Anmerkung, daß ich zwischen beiden dargestellten Systemen keinen grundsätzlichen, sondern nur einen graduellen Unterschied ausmachen könne. Was im Übrigen auch leicht zu erkennen sei, denn auch die freien, demokratischen, rechtsstaatlichen Systeme reagierten exakt genauso wie die angeblich so ganz anderen Staaten, sobald eben jemand in den nichtdiskutablen Bereich vordringt. Ich wählte damals als verdeutlichendes Exempel, nicht sehr geschickt, den Umgang der BRD mit RAF-Terroristen, bei denen nämlich auf einmal diverse Rechtsstaatsprinzipien nicht mehr galten. Die genauso außerhalb der Gesellschaft gestellt wurden und denen fundamentale Rechte aberkannt wurden, genauso wie das andere Systeme auch tun.
Und heutzutage freut sich die Kanzlerin dieses Landes darüber, daß es gelungen sei, einen Menschen zu töten. Ohne Anklage, Prozess und trotz der vielbeschworenen Verdammung der Todesstrafe.

„Die Botschaft, die von dem heutigen Tag ausgeht, lautet: Terrorakte bleiben nicht ungesühnt“, sagte Merkel am Montag in Berlin. Dies müsse „allen Gefolgsleuten des Terrorismus“ klar werden. Der Tod Bin Ladens sei ein „großer Erfolg“ im Kampf gegen den Terrorismus. „Auch wenn es lange dauert, so wird es auch in Zukunft weitere Erfolge geben“, sagte Merkel. „Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten.“

So zitiert die Frankfurter Rundschau die Kanzlerin. Das lasse man sich mal auf der Zunge zergehen. Sie hält also die gezielte Tötung eines Menschen, noch dazu ohne juristische Grundlage, für einen großen Erfolg. Und freut sich schon auf weitere Tote. Halali.
Es gibt keine andere Grundlage dafür, als daß der Regierungschef eines Staates entschieden hat, daß dieser Mensch sein Leben verwirkt habe. Worin genau besteht jetzt der elemetare Unterschied zur Fatwah gegen Salman Rushdie, die wir doch ganz schlimm und böse finden? Wohlgemerkt: Zu Recht. Aber eben nur deshalb zu Recht, weil ein solcher Vorgang gegen grundsätzliche Werte und Vorstellungen verstößt. Darauf wirklich berufen kann man sich aber doch nur, wenn man sich selbst daran hält.

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

Sagt Kant. Und dieses Diktum ist die Grundlage für jegliches Gefühl moralischer Überlegenheit. Wenn wir der Meinung sind, daß unsere Art zu denken und zu leben die richtige Art ist, sollten dann nicht wenigstens wir uns auch daran halten, ehe wir es von anderen einfordern? Der „Führer der freien Welt“, wie Obama ernsthaft in einem Kommentar genannt wurde, schaut daheim am Bildschirm zu wie ein schwerbewaffneter Spezialtrupp auf seinen Befehl einen unbewaffneten Menschen tötet. Und wir stehen da und gratulieren. In den USA fanden öffentliche Straßenfeiern statt. Ich weiß nicht, was andere so assoziierten, aber ich konnte hier keinen strukturellen Unterschied zu den Jubelfeiern am 11.9.01 in Palästina erkennen. Einen graduellen sicherlich, Bin Laden hatte mehr auf dem Kerbholz als die Angestellten des WTC. Nur: Davon, daß hier grundsätzlich anders gedacht und gelebt wird, kann keine Rede sein. Alles, was hier bejubelt wurde, war die Genugtuung über eine gelungene, blutige Rache. Nichts anderes. Willkommen in der Steinzeit.
Was ist denn das bitteschön anderes als genau dasselbe Spiel, das die Terroristen spielen? In reiner Selbstherrlichkeit entscheiden, daß irgendjemand nicht mehr zu leben habe – täte ich das, wanderte ich als Mörder in den Knast. Insofern darf bei dem des öfteren aufgetretenen Buchstabendreher in Sachen Obama/Osama gerne von einer Freudschen Fehlleistung ausgegangen werden. Strukturell sind die beiden kaum noch auseinanderzuhalten. Graduell vielleicht noch. Die Art und Weise der Tötung Osama bin Ladens und noch viel mehr die Reaktionen der politischen Eliten darauf sind eine Bankrotterklärung des demokratisch-rechtstaatliche-christlich-abendländischen Lebensmodells. Man muß sich ja schämen, für Demokratie und Rechtsstaat einzutreten, wenn man sich anschaut, was in deren Namen getan wird. Wie diese Prinzipien von ihren angeblichen Protagonisten mit Füßen getreten werden.
Wie hier ganz offiziell und unverhohlen Menschenjagd betrieben und bejubelt wird. Aber CounterStrike ist was ganz schlimmes. Klaro.
Ich hoffe, daß das Nobelpreiskommitee den nächsten Preisträger kahlhäuptig präsentiert. Denn mindestens bis dahin sollten sie aus dem
Haareraufen nicht mehr herauskommen.

Aber hey, He’s Barack Obama – He’s come to save the day.

Es gibt Tage, da verzweifle ich derart an dieser unfaßbaren Welt, daß ich mich frage, ob es nicht gut wäre, wenn diese Maya-Typen Recht hätten und hier 2012 der Reset-Knopf gedrückt wird. Bis dahin versuche ich es nochmal mit ihm hier.


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*Wir reden hier immerhin über unsere „geistige Elite“, also die, am ehesten noch checken sollen, wie der Hase läuft – und sich zumindest auch so gerieren, als würden sie das auch.

Verschwindende Künste (3)

Heute: Cafégespräche

So viel Café wie im Zeitalter des Latte-Macchiato war wohl noch nie. Selbst außerhalb selbsternannter Hipsterhochburgen herrscht hierzulande kein Mangel an Möglichkeiten, koffeinhaltige Heißgetränke einzunehmen. Und es ist auch keineswegs so, daß dabei nicht kommuniziert wird. Allerdings beobachte ich einen deutlichen Wandel darin, wie und und mit wem.
In my younger and more vulnerable years* saßen zwei Menschen, die sich entschlossen hatten, miteinander Kaffee trinken zu gehen, an einem Tisch, sprachen miteinander, sahen sich dabei an, manchmal sogar in die Augen und in bestimmten Konstellationen auch besonders intensiv und wurden dabei nur von mehr oder weniger aufmerksamen Caféhauspersonal unterbrochen. Ich mag das sehr. Es gibt die unterschiedlichsten Arten von Cafés mit ganz unterschiedlicher Athmosphäre. Vom Bahnhofshallenfeeling bis zur Reminiszenz ans heimische Kuschelsofa bietet die moderne Großstadt da eine breite Palette an Varianten an*. Entscheidend ist das aber nicht oder zumindest nicht so sehr, wie die Caféhausbetreiber naturgemäß annehmen.*** Denn bei einem wirklich guten, einem schönen Cafégespräch verschwindet die Welt um einen herum. Man konzentriert sich aufeinander, hört zu, antwortet. Es entsteht eine Spannung, eine Intensität, die vielleicht dazu führt, über Dinge zu sprechen, über die man nicht ohne weiteres geneigt ist, zu reden. Oder es entsteht eine Konversation, die weit weg vom Mühsal des Alltags über dies, jenes und noch etwas anderes plaudern läßt. Nach einem wirklich schönen Cafégespräch verabschiedet man sich gelöst, zufrieden und unbedingt mit einem Lächeln im Gesicht, das mehr als nur freundliche Höflichkeit audrückt. Diese Intensität eines Gespräches, die ich als wohltuend empfinde, entseht eben durch die Konzentration der Gesprächspartner aufeinander – und zwar nur aufeinander.
Nun haben wir heute aber fürs tägliche Leben dreihundert nichtige Maschinen mehr**** und um die alle unterzubekommen, tragen wir sie auch mit uns herum. Was dazu führt, daß Cafégespräche zunehmend aus Kontrollblicken auf Displays bestehen. Oder aus Kommunikation mit gar nicht Anwesenden. Und so tippen, wischen und sprechen wir nun auf und in technische Spielzeuge, jegliche Gesprächsathmosphäre gründlichst zerstörend. Vielleicht hatten wir gerade eine Stimmung erreicht, in der unser Gegenüber mit etwas herausrücken wollte, das ihm (oder ihr) auf dem Herzen lag – da wenden wir unseren Blick ab, weil es soeben piepte. Das Ungesagte wird ungesagt bleiben. Eine Liebeserklärung im Café, schon von sich aus durchaus riskant, wird nun zusätzlich dadurch bedroht, daß im entscheidenden Moment Mama anruft, um zu fragen, was sie am Wochenende kochen soll. Oder der Nebenbuhler justament jetzt eine MMS mit Rosen schickt. Oder der RSS-Feed gerade eine Sensation zu verkünden hat. Oder im Email-Ordner eine neue Gewinnbenachrichtigung eingetroffen ist.
Ich sehe immer mit leichtem Bedauern die Paare an Tischen in Cafés sitzen, ein jeder mit einem Mobilgerät seiner Wahl vor sich auf dem Tisch und immer wieder schweift der Blick ab vom Gesicht aufs Display. Ich aber sage euch: Was auch immer da draußen passiert, was auch immer die Welt euch mitzuteilen hat – es gibt Momente, da darf einem das draußen und die Welt mal ganz herzlich egal sein. Es ist toll und es ist ein unglaublicher Fortschritt, daß wir die Möglichkeit haben, jederzeit mit jedem Teil dieser Welt kommunizieren zu können, jederzeit jede strittige Frage per Faktencheck klären zu können. Möglichkeit bedeutet aber eben auch: Es lassen zu können. Ein Gespräch verliert nicht dadurch an Qualität, daß die Frage nach der korrekten Flügelspannweite eines Condors ungeklärt bleibt. Gsprächsqualität hat überhaupt sehr wenig mit technischen Fragen zu tun (sorry, Mr. D’Avis). Und es ist schade, daß uns diese Kunst abhanden zu kommen scheint. Indem wir durch die Chance darauf, mit jedem zu kommunizieren präferieren, geben wir die Möglichkeit auf, mit einem zu sprechen. Fast bin ich versucht, laut auszurufen: Habt Mut, euch eures Mobiltelefons nicht zu bedienen.
Aber dann wäre ich ja Kulturpessimist. Und das bin ich ja nicht. Auch wenn viel zu selten bedacht wird, was der Hausheilige zum Wandel der Welt sagte:

Die Leute blicken immer so verächtlich auf vergangene Zeiten, weil die dies und jenes ›noch‹ nicht besaßen, was wir heute besitzen. Aber dabei setzen sie stillschweigend voraus, daß die neuere Epoche alles das habe, was man früher gehabt hat, plus dem Neuen.
Das ist ein Denkfehler.
Es ist nicht nur vieles hinzugekommen. Es ist auch vieles verloren gegangen, im guten und im bösen. Die von damals hatten vieles noch nicht. Aber wir haben vieles nicht mehr.

*****

P.S. Ganz ähnliches ließe sich übrigens auch zu Kneipengesprächen sagen.


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*aus: Fitzgerald, Francis Scott: The Great Gatsby. siehe auch die Buchempfehlung „Das Buch zum Sonntag (7)
**Die Palette der koffeinhaltigen Heißgetränke steht dieser in Sachen Vielfalt allerdings auch nicht nach, so daß „Kaffee bestellen“ inzwischen ein eigenes Subgenre des komödiantischen Gewerbes geworden ist.
***Das gilt auch für andere Geschäfte. Die KollegInnen in der Branche werden das nicht gern hören, aber ich halte Warenpräsentation für völlig überbewertet. Nicht für irrelevant, aber für überbewertet. Merkwürdigerweise ist noch immer entscheidend, was da ist und weit weniger wie.
****aus: Gruß nach vorn. in: Werke und Briefe: 1926, S. 237. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 4319 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 4, S. 404)
*****aus: Schnipsel. in: Werke und Briefe: 1932, S. 209. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8925 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 10, S. 98)

Humilitas

Als nichtreligiöser Mensch lese ich religiöse Schriften etwas anders als dies religiöse Menschen vielleicht tun. Sie sind aber durchaus lesenswert, denn man bedenke: Da haben sich Menschen die Mühe gemacht, ein Bücher zusammenzustellen, die auf alle nur erdenklichen Fragen des Lebens eine Antwort bereitzuhalten versprechen. Und das mit durchaus bemerkenswerten Ergebnissen:

5 Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. 6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. 7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!
8 So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen

*

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel gehört zu den bekannteren Topoi der abendländischen Geistesgeschichte. Sie ist auch ihres religiösen Gewandes entkleidet höchst lehrreich. Die Lehre, die ich daraus ziehe, ist die der Demut menschlichen Strebens im Angesicht unserer bescheidenen Fähigkeiten, dieses in Einklang mit den Erfordernissen der Vernunft zu bringen. Viel zu sehr streben wir nach mehr, noch mehr und noch viel mehr, aus purem Eigennutz.** Oder anders ausgedrückt: Es scheint uns schwer zu fallen, auf etwas zu verzichten, einen Schritt nicht zu gehen, der uns scheinbar weiter bringt. Denn entscheidend ist nicht das Vorankommen, sondern die Richtung, in die man geht.
In seinem etwas anstrengenden Beitrag zu den physikalischen Grundlagen der Atomkraft weist Harald Lesch auf einen entscheidenden Punkt hin: Wir hantieren mit der vielleicht stärksten Kraft des Universums, wenn wir mit Kernspaltung herumexperimentieren. Und geben uns der Illusion hin, diese kontrollieren zu können. Hybris galore.
Aufmerksame Geschichtsstudenten erfahren in ihren Seminaren zum Umgang mit normativen Schriftquellen, daß bei einer hohen Anzahl von Vorschriften zu einem bestimmten Sachverhalt ein permanentes Fehlverhalten in diesem Bereich anzunehmen ist. Eltern kennen ähnliches in Erziehungsfragen: Die Regeln, auf denen man am häufigsten insistiert, sind genau jene, welche ständig gebrochen gebrochen werden. Die Bibel ist voller Geschichten, die sich um die Anmaßung der Menschen drehen, sich selbst Gott gleich zu stellen, insbesondere, indem sie seine Anweisungen ignorieren. Ihre Uneinsichtigkeit ist wiederkehrendes Motiv. Immer wieder wird gewarnt und immer wieder wird gestraft. Bis zur Vernichtung, die aber auch nichts zu helfen scheint.*** Wenn wir also schon „christlich-jüdisches Erbe“ spielen wollen, dann wäre es vielleicht ganz sinnvoll, dessen Grundlage noch einmal zur Hand zu nehmen. Die Überlegung, daß es Dinge gibt, an denen man nicht rühren sollte, weil sie sich aufgrund ihrer Komplexität, ihrer nicht absehbaren Auswirkungen, ihrer Langfristigkeit einfach nicht dazu eignen, wird mir viel zu wenig angestellt. Nur, weil etwas möglich ist und weil es uns vielleicht einen momentanen Vorteil bringt, muß es nicht gut sein. Das kann natürlich bedeuten, daß wir auf einiges verzichten müssten. Das kann bedeuten, daß wir uns vom ewigen Fortschritt verabschieden müssen, daß wir nicht noch die 162. Weiterentwicklung der Telekommunikation erleben, daß wir nicht 24h-Klimaanlagen betreiben können, dementsprechend in bestimmten Gegenden nicht siedeln können, daß es Mißernten durch Schädlinge und Wetterveränderungen geben wird, daß wir vielleicht auch nicht den Krebs besiegen werden, daß behinderte Kinder zur Welt kommen, obwohl wir dies ausschließen könnten. Doch es könnte sein, daß dies trotzdem der klügere, der weisere Weg ist.
Das, was diese Spezies in der Atomdebatte abliefert, macht auf mich den Eindruck, als diskutierten wir darüber, ob beim Turmbau zu Babel vielleicht einfach nur ein paar Gerüste zu wenig standen. Der Wahnsinn ist aber der Turmbau selbst. Und ebensowenig wie dieser vor der unbeherrschbaren Macht Gottes zu beschützen war, werden wir scheitern, wo wir uns mit Kräften anlegen, die über uns hinaus genauen. Ganz egal, ob es sich da um Genmutationen oder Bindungsenergie handelt. Mag sein, daß es nicht vorteilhaft wäre, auf manchen scheinbaren Fortschritt zu verzichten. Klüger könnte es aber trotzdem sein.


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*Gen. 11, 5-8 zitiert nach: Die Bibel (Luther 1984)
**Kant schreibt hierzu: Das Bewußtsein und Gefühl der Geringfähigkeit seines moralischen Werts in Vergleichung mit dem Gesetz ist die Demut (humilitas moralis). in: Kant: Die Metaphysik der Sitten. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 27286 (vgl. Kant-W Bd. 8, S. 569-570)
***Und jede Warnung, jede Drohung, die vom Himmel kam/wurde überhört, von den Schafen des Herrn/Und jeden Tag versagen wir ein weiteres Mal. singen die Toten Hosen in „Die zehn Gebote„.

Misericordia et Caritas

Ich bin derzeit ganz ordentlich fassungslos.
In Japan starben wahrscheinlich mehr als zehntausend Menschen an den Folgen eines Erdbebens mit nachfolgendem Tsunami. Hunderttausende sind obdachlos, ohne ausreichende Versorgung, manches Mal in Eiseskälte ausharrend. Dort haben Menschen ihr Leben verloren – und zwar nicht nur konkret, sondern auch metaphorisch. Sie verloren ihre Stadt, ihre Wohnung, ihre Freunde, ihre Eltern, Geschwister, Kinder. Ein unsagbares Leid brach über die Menschen der Sendaiebene herein und sie leiden noch immer.
Und wir?
Wir diskutieren technische Details japanischer Kraftwerke, stellen Überlegungen an, welche Bauteile wohl welche Belastung noch aushalten werden und wie sinnvoll Meerwasser zur Kühlung ist. Wir wägen ab, ob Wasserwerfer nur eine Notlösung sind und inwieweit die Idee, Sand zur Versiegelung zu verwenden, sinnvoll ist. Es gibt jeden Morgen im Wetterbericht des Morgenmagazins eine Grafik, die anzeigt, wohin eine radioaktive Wolke getrieben werden würde. Ganz professionell werden dabei natürlich gleich drei unterschiedliche Höhen berückschtigt und farblich getrennt dargestellt. Wir disutieren außerdem, ob eigentlich unsere Atomkraftwerke sicher sind und was die Abschaltung einiger derselben eigentlich für unseren Strompreis bedeutet und ob wir das nun gut finden sollen.
Sagt mal, ihr lieben Mitmenschen, geht´s eigentlich noch? Ist das wirklich ein Abbild unserer Überlegungen und Gedanken, was da gerade medial passiert? Sind nur die Journalisten und Politiker jeglicher Couleur zynische Arschlöcher oder sind wir wirklich so abgestumpft? Diese unerträgliche Mischung aus Halbwissen, Gefühllosigket und Panikmache nennt sich dann „Qualitätsjournalismus“.
Ja, ich halte die Atomkraft für einen Irrweg. Ja, es ist richtig und wichtig, die Unkalkulierbarkeit dieser Technologie zu thematisieren. Und ja, dafür sollte man auf die Straße gehen. Und ja, diese Frage sollte in anstehende Wahlentscheidungen einbezogen werden. Doch wie unberührt vom geschehenen, realen, jetzt erlebten Leid muß man eigentlich sein, um sich jetzt über eine Woche lang darüber die Köpfe heiß zu reden? Wieviel Kaltheit gehört eigentlich dazu, stundenlange Sondersendungen zu bringen, aufwendige Grafiken zu erstellen, Experten zu interviewen zu Ereignissen, die passieren könnten – anstatt diese Zeit, diese Kraft, diese Expertise zu nutzen, um, verdammt noch mal, zu helfen, bei den Ereignissen, die tatsächlich passiert sind? Ich diskutiere gerne und intensiv über Sinn und Zweck von Atomenergie – aber nicht jetzt. Ich meine: Da sterben Menschen! Hallo?
Auch wenn es wahrlich einfachere Dinge gibt als als Gaijin Japanern zu helfen – man ist hierzulande sehr stolz auf sein christliches Erbe, auf die ach so großartige Leitkultur im Zeichen des Kreuzes. Barmherzigkeit und tätige Nächstenliebe sind Grundpfeiler christlicher Ethik. Hic Rhodos.
Ich kann und will einfach nicht glauben, daß wir im postmodernen Individualwahn wirklich schon so weit sind, daß wir nur noch zur Frage: „Was bedeutet das für mich?“ fähig sind und die Frage „Was heißt das für Dich?“ nicht stellen können. So schwer es mir fällt, Guido Westerwelle zuzustimmen und so sehr mir klar ist, daß er seine Gründe dafür haben wird, aber er hat Recht. Es ist nicht die Zeit, über unsere Stromversorgung zu reden. Im Angesicht des Leides gibt es nur eine Aufgabe: Helfen. Und um die zu trauern, denen nicht mehr zu helfen war.


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P.S. Es sind manchmal kleine Formulierungen. Die DJG Berlin schreibt in ihrer Erdbebenbotschaft: Wir wünschen allen Betroffenen von Herzen alles Gute und werden alles dafür tun, sie bei der Rückkehr in den hoffentlich bald wieder einkehrenden Alltag – sofern es das auf absehbare Zeit überhaupt noch gibt – zu unterstützen. Sofern es das überhaupt noch gibt. Mir kamen da die Tränen.
P.P.S. Bemerkenswerter Weise wundern wir uns ja darüber, daß man sich in Japan in Krisenzeiten gegenseitig hilft, anstatt in Panik und Aufruhr übereinander herzufallen. Das muß man sich auch mal ganz langsam durch den Kopf gehen lassen. Es gehört zu den wenigen Gründen, die ich herausfiltern konnte aus dem undurchschtigen Konglomerat, das meine Faszination für Japan darstellt: Die Menschen dort leben tatsächlich zusammen – und nicht nebeneinander. Zum Verständnis dazu: Frau Pia-Tomoko Meid.

Aufmerksamkeit

Zum Glück leben wir ja nicht mehr 1931 und haben jetzt Qualitätsjournalismus, der nämlich immer sachorientiert schreibt und deshalb unbedingt als Bestandteil des Kulturerbes umfänglich geschützt gehört.
Damit kann dieser Text des Hausheiligen wohl ins Archiv, nicht wahr?

Das Persönliche

Schreib, schreib . . .
Schreib von der Unsterblichkeit der Seele,
vom Liebesleben der Nordsee-Makrele;
schreib von der neuen Hauszinssteuer,
vom letzten großen Schadenfeuer;
gib dir Mühe, arbeite alles gut aus,
schreib von dem alten Fuggerhaus;
von der Differenz zwischen Mann und Weib . . .
Schreib . . . schreib . . .

Schreib sachlich und schreib dir die Finger krumm:
kein Aas kümmert sich darum.

Aber:

schreibst du einmal zwanzig Zeilen
mit Klatsch – die brauchst du gar nicht zu feilen.
Nenn nur zwei Namen, und es kommen in Haufen
Leser und Leserinnen gelaufen.
»Wie ist das mit Fräulein Meier gewesen?«
Das haben dann alle Leute gelesen.
»Hat Herr Streuselkuchen mit Emma geschlafen?«
Das lesen Portiers, und das lesen Grafen.
»Woher bezieht Stadtrat Mulps seine Gelder?«

Das schreib – und dein Ruhm hallt durch Felder und
Wälder.

Die Sache? Interessiert in Paris und in Bentschen
keinen Menschen.
Dieweil, lieber Freund, zu jeder Frist
die Hauptsache das Persönliche ist.

in: Werke und Briefe: 1931, S. 500-501. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8480-8481 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 9, S. 231-232)

Oder eben auch nicht. An einer Stelle, die ich grad nicht mehr finde, las ich, daß laut einer Studie die Glaubwürdigkeit im Netz nicht davon abhängt, ob jemand unter Pseudonym oder Klarnamen schreibt. Das hätte ich zwar spontan auch gesagt, aber Aussagen empirisch abzusichern, kann ja nie schaden. Jedenfalls empfehle ich dringend, diesen Kommentar von @haekelschwein zur Debatte um „Gutti-gut-finde-Facebookgruppen“ bei netzpolitik.org zu lesen.

Kleine Kostprobe:

Es bringt nichts, sich über unpolitische Menschen mit einfacherer Bildung lustig zu machen.
Was sollen die daraufhin tun, plötzlich klug werden? Wie soll das gehen? […]
Dass er Politiker war, erschien aber nur als Anlass, über ihn zu berichten, nicht jedoch als Inhalt der Boulevardberichte. Deren Konsumenten interessieren sich auch nicht für Politik, sondern für schillernde Prominente.
Guttenbergs Beliebtheit bei dieser Schicht leidet deshalb auch nicht unter seinen Fehlern als Politiker, weil seine Fans gar nicht genau sagen könnten, worin dessen Politik eigentlich besteht, sondern sie sind sich lediglich sicher, dass ein Mensch, der ihnen derart sympathisch ist, auch auf diesem obskuren Feld namens Politik etwas Großes leistet.
Alle Gegenargumente, die Guttenbergs politische Versäumnisse aufzählen, verfangen deshalb nicht.


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Multi-Tasking

Zum Themenkreis Multi-Tasking, Zeitmanagement und Prokrastination eine kurze Anmerkung des Hausheiligen dieses Blogs, Dr. Kurt Tucholsky:

Da erzählen sich die Leute immer so viel von Organisation (sprich vor lauter Eile: »Orrnisation«). Ich finde das gar nicht so wunderherrlich mit der Orrnisation.
Mir erscheint vielmehr für dieses Gemache bezeichnend, daß die meisten Menschen stets zweierlei Dinge zu gleicher Zeit tun. Wenn einer mit einem spricht, unterschreibt er dabei Briefe. Wenn er Briefe unterschreibt, telefoniert er. Während er telefoniert, dirigiert er mit dem linken Fuß einen Sprit-Konzern (anders sind diese Direktiven auch nicht zu erklären).
Jeder hat vierundfünfzig Ämter. »Sie glauben nicht, was ich alles zu tun habe!« – Ich glaubs auch nicht. Weil das, was sie da formell verrichten, kein Mensch wirklich tun kann. Es ist alles Fassade und dummes Zeug und eine Art Lebensspiel, so wie Kinder Kaufmannsladen spielen. Sie baden in den Formen der Technik, es macht ihnen einen Heidenspaß, das alles zu sagen; zu bedeuten hat es wenig. Sie lassen das Wort ›betriebstechnisch‹ auf der Zunge zergehn, wie ihre Großeltern das Wort ›Nachtigall‹. Die paar vernünftigen Leute, die in Ruhe eine Sache nach der andern erledigen, immer nur eine zu gleicher Zeit, haben viel Erfolg.
Wie ich gelesen habe, wird das vor allem in Amerika so gemacht. Bei uns haben sie einen neuen Typus erfunden: den zappelnden Nichtstuer.

aus: Schnipsel. in: Werke und Briefe: 1932, S. 212. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8927f. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 10, S. 99)


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Äh, Gypten?

Die Welt konnte in den letzten Tagen und Wochen wieder einmal von Ägypten lernen. Das kommt in der Weltgeschichte immer mal wieder vor, dieses Mal wurde unter anderem ein für alle Mal die Frage „Wofür soll denn dieses Facebook gut sein, ist das nicht nur so eine Spielerei für computersüchtige Exhbitionisten?“ ins Abseits und in Hollywood drehen die Autoren vermutlich gerade frei, weil die Ideen zu „The Social Network 2“ gerade derart sprudeln, daß das Rothaargebirge vor Neid grün wird.
Mubarak ist nun also zurückgetreten und geflohen. Wie sich das für einen Diktator gehört, dahin, wo es schön ist. Auch wenn ich nicht ausschließen möchte, daß er das Hotel nochmal wechselt, glaube ich alles in allem aber, daß unterkommen wird.
Betrachtet man die hiesigen Reaktionen, scheint Ägypten so etwas wie das Gelobte Land geworden zu sein. Das war früher anders, da mußte man um jeden Preis aus Ägypten fliehen, um ins Gelobte Land zu gelangen (insofern verständlich, daß eben dort die Reaktionen etwas verhaltener sind)*. Ich mag ein Schwarzseher, Defaitist oder eine sonstige Spaßbremse sein: Aber kann mir ganz kurz jemand erklären, wieso es jetzt ein zu bejubelnder Durchbruch für Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie ist, wenn Ägypten jetzt von einer Militärregierung beherrscht wird?
Und es sei darauf hingewiesen, welche Freunde unserer Ordnung noch so alles jubeln. Die Offiziellen des Iran haben sich bereits sehr zeitig auf die Seite der Demonstranten gestellt (hier mal ganz kurz Küppersbusch, der aufzeigt, daß Werte an sich gar nichts Wert sind: „Ich bringe es bei aller „Selbstbestimmung“ nicht übers Herz, das Mullahregime Irans toll zu finden“), weil nämlich der Mubarak ja ein Freund des bösen Amerikas ist und nun das ägyptische Volk sich das endlich nicht mehr bieten lassen wolle. Ganz ähnliche Motive dürften wohl die gestern in Jubelfeiern in Gaza zusammengekommen Hamas-Fans haben, auch wenn die in ihrer Mubarak-Bewertung die Prioritäten eher auf den Israel- und, was wahrscheinlich noch schlimmer ist, Abbas-Freund legen.
Womit wir bei dem Grund wären, der mich derzeit wenig in die Jubelei hierzulande einstimmen läßt (den Ägyptern sei ihr Jubel gegönnt, ihnen ist dort wirklich etwas Großartiges gelungen). Es ist doch überhaupt nicht absehbar, was aus deser Revolution wird. Das wiederum könnten die Ägypter sehr gut von der Weltgeschichte lernen. Keine Gesellschaftsänderung ohne Konzept. Und nichts gegen die Idee, Mubarak loszuwerden, aber „Mubarak muß weg.“ ist kein Konzept (so wie „Hussein muß weg“ auch keines ist, aber das ist ein anderes Thema) – denn jetzt ist er weg und wir kommen zur vielleicht welthistorisch bedeutendsten Frage: „Und nu?“
Dem Sturm auf die Bastille folgten solche Freunde der Meinungsfreiheit wie Saint-Just und Robespierre, der Vertreibung Pahlavis der allsets beliebte ARD-Zuschauer Chomeini und ob die den Sturz der DDR-Regierung auslösende Bürgerrechtsbewegung nun tatsächlich Helmut Kohl als Erfüllung ihrer Sehnsüchte sah, wage ich zumindest in Frage zu stellen.
Die Lage in Ägypten ist derzeit noch viel zu unentschieden, um als Außenstehender tatsächlich schon Freude daran empfinden zu können. Was, wenn die Militärs Gefallen am Bestimmen finden (und berufsbedingt besteht da ganz ernsthafte Gefahr)***? Was, wenn die Islamisten mobilisieren, einen Gottesstaat an der Grenze Israels errichten und uns der Nahe Osten (und dann wahrscheinlich nicht nur der) endgültg um die Ohren fliegt? Oder was, wenn sich einfach ein neuer Kollege findet, der möglicherweise die Unterdrückung besser beherrscht? Sprich: Wenn eben die Leute zum Zuge kommen, die ein Konzept haben? So, wie das zu allen Zeiten stets und immer der Fall war, weil Herrschaft immer eine zugrunde liegende Idee braucht?
Hat sich irgendjemand der Jubelnden hier mal die Mühe gemacht, wenigstens ganz kurz die jüngere ägyptische zu rekapitulieren? Daß Nasser als Mitglied eines Offiziersclubs nach dem Sturz des Königs an die Macht kam, diese an einen Kollegen weitergab, woraufhin ein munteres Herrschermorden einsetzte, an dessen bisherigem Ende Mubarak steht? Es gleichzeitig nicht den geringsten Hinweis darauf gibt, daß das ausgerechnet jetzt anders werden soll?

Ich möchte hier nicht mißverstanden werden: Die Demonstranten des Tahrir-Platzes sind zu bewundern und zu beglückwünschen für ihre beeindruckende Leistung, für ihren Mut und für ihre Besonnenheit, allen Provokationen zum Trotz nicht zur Gewalt zu greifen. Und sie haben allen Grund und alles Recht, sich zu feiern.
Doch trotzdem war das erst der leichtere Teil der Aufgabe. Wenn in Ägypten wirklich eine andere Art der Herrschaft aufgebaut werden soll, dann beginnt die wahre Arbeit erst jetzt.
Und für uns hier, die wir bequem von zu Hause beobachteten und mit Hilfe von „Gefällt mir“ und #jan25 uns Revolutionärsattitüden anbastelten, sollte statt Freude Sorge vorherrschen. Denn was dort in Ägypten geschehen wird, ist noch lange nicht ausgemacht und ob es den Ägyptern, ihren Nachbarn und dem Rest der Welt nachher wirklich besser gehen wird, steht bestenfalls in den Sternen.


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Ja, ich weiß, daß das andere Ursachen hat, aber dann funktioniert der Witz nicht.
**Ganz unabhängig davon, daß dieses Muster derart oft vorkam, daß wir schon von einem Regelfall ausgehen dürfen.

De omnibus dubitandum

Es ist kein Zufall, daß Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten Religionen entwickelten. Was bleibt am Ende aller Tage? Warum sind wir eigentlich hier? Und was macht der ganze Kladderadatsch überhaupt für einen Sinn, wenn wir eh sterben? Solche und ähnlich gelagerte Fragen sind schwer zu beantworten und erzeugen eine Sehnsucht nach Antworten, die kaum zu befriedigen ist. Und so schaffen sich die Menschen Erklärungen, die ihnen helfen sollen, das Hier und Heute, das Jammertal des irdischen Daseins, die Sinnlosigkeit der eigenen Existenz zu ertragen. Die soziologische Bedeutung von ausdifferenzierten Religionen, die umfangreiche moralische Grundsätze entwickelten und so natürlich zum Zusammenhalt von Gesellschaften beitragen, weil sie eine gemeinsame ethische Grundlage schaffen, möchte ich heute einmal nicht erörtern. Mir soll es nur um die individuelle Perspektive gehen. Kant schreibt in der Vorrede zur „Kritik der praktischen Vernunft“:

Die Ideen von Gott und Unsterblichkeit sind aber nicht Bedingungen des moralischen Gesetzes, sondern nur Bedingungen des notwendigen Objekts eines durch dieses Gesetz bestimmten Willens, d.i. des bloß praktischen Gebrauchs unserer reinen Vernunft; also können wir von jenen Ideen auch, ich will nicht bloß sagen, nicht die Wirklichkeit, sondern auch nicht einmal die Möglichkeit zu erkennen und einzusehen behaupten.

Religion macht nur Sinn, wenn man denn auch glaubt. Es hat in der Geschichte zahlreiche Beweise für die Existenz jeglichen höheren Wesens, jeglichen Fortlebens des Lebens nach dem Tod gegeben, die jedoch alle eines gemeinsam haben: Sie können durchaus wahr sein – müssen es aber nicht. Göttliches Eingreifen bleibt immer nur eine Erklärungsmöglichkeit und die Entwicklung der Naturwissenschaften legt nahe, daß dies in Zukunft auch so bleiben wird. Es kann schon sein, daß wir uns in einem ewigen Kreis der Wiedergeburt befinden, es kann sein, daß wir dereinst alle am Jüngsten Tage wiederaufserstehen werden, es ist gut möglich, daß uns Charon über den Styx in den Hades fährt – allein: Man muß es schon glauben. Denn wie Kant völlig zu Recht anmerkt, handelt es sich dabei um Fragen, die der Verstand gar nicht zu lösen vermag. Und so ist es auch nachvollziehbar, wenn im Johannes-Evangelium der Jünger Thomas, der an den Berichten vom auferstandenen Jesus zweifelt solcherlei widerfährt:

Und über acht Tage waren abermals seine Jünger drinnen und Thomas mit ihnen. Kommt Jesus, da die Türen verschlossen waren, und tritt mitten ein und spricht: Friede sei mit euch! Darnach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände, und reiche dein Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein HERR und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Dieweil du mich gesehen hast, Thomas, glaubest du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

(Joh. 20, 26-29)*

Denn der Zweifel ist eine große Gefahr für den Glauben. Zwar kann Zweifeln zu einer Festigung desselben führen, es steht aber auch der Glaubensverlust als Option offen und so ist es sicherer, diesen gar nicht erst zuzulassen.
Die wahre Faszination des Glaubens liegt denn eben auch in der Sicherheit, die er verspricht. Wahrer, tiefempfundener Glaube ermöglicht ganz erstaunliche Dinge, es müssen ja nicht immer gleich Berge sein, die versetzt werden (Mt. 18, 21), schon allein der Seelenfriede, die innere Ruhe, die einkehrt, wenn die Fragen nach dem großen Warum ad acta gelegt werden können, weil sie keine mehr sind, weil es eine tröstliche Antwort gibt, die nicht mehr in Frage gestellt zu werden braucht, schon allein dies ist doch eine erstaunliche Sache und ein verdammt guter Grund, zu glauben.
Ich mag da einer sehr romantischen Sicht des Glaubens unterliegen und es scheint auch mit der Praxis etwas schwierig zu sein und so friedfertig eine Religion auch sein mag, es dürfte wohl kaum eine geben, in deren Namen nicht schon getötet wurde. Wobei ich hier den Glauben etwas weiter fassen möchte, da der Begriff der Religion etwas zu eng ist. Liest man wütende Schriften wie etwa Dawkins´ „Gotteswahn“, der mit einem Furor zu Werke geht, der nur noch religiös zu erklären ist, so wird offenbar, daß es keinerlei höheren Wesens bedarf, um an etwas zu glauben. Letztlich ist der Glaube an etwas immer ein Glaube an ein abstraktes Konstrukt, an etwas nicht vollständig erfaßbares, an etwas, das uns alles und jeden zu erklären vermag. Ob das nun ein vielarmiger Dauerwiedergänger, die alles besiegende Vernunft oder ein Spagetthimonster ist, spielt dabei keine Rolle. Entscheidend ist, daß der Glaube Sicherheit gibt. Und diese Sicherheit wird dann wichtig, wenn es im Leben kritisch wird. Wenn es Situationen zu ertragen gibt, die kaum auszuhalten sind. Wenn es gilt, Schmerz und Verlust zu erdulden, wenn unfassbares geschieht. Dann, erst dann zeigt sich, ob der eigene Glaube etwas taugt.

„God is a concept by which we measure our pain“
In diesem höchst persönlichen Song** verabschiedet John Lennon nicht nur etliche metaphysische Konzepte, sondern auch noch den eigenen, ihm zugeschriebenen Göttlichkeitsstatuts. Aber: Auch er glaubt. An sich und an die Frau an seiner Seite, an ihre und seine Liebe. Und das kann genügen, Sicherheit und Vertrauen zu gewinnen, die Kraft zu erlangen, dieses Leben anzugehen, egal welche Schwierigkeiten sich vor einem auftürmen.

Die Vorstellung nämlich, daß die Welt vielleicht einfach so ist, wie sie sich darstellt, daß es kein Vorher und kein Nachher im Leben gibt, daß Menschen, die sterben, eben einfach nicht mehr existieren, daß die Menscheit womöglich so dämlich ist, wie sie sich anstellt, daß die eigene Existenz nicht wertvoller und sinnvoller ist als die der Sanddüne am Strand, daß Wert und Sinn nur hat, was was ein jeder selbst mit Wert und Sinn füllt und daß jeglicher Glaube nur ein großer Selbstbetrug ist, um sich das Leben schönzulügen – diese Vorstellung ist wahrlich keine schöne. Und da stellt sich mir die Frage: Wenn dem aber so ist, wenn nichts bleibt, wenn die Existenz alles ist, was es gibt, wenn also völlig egal ist, ob man glaubt oder nicht: Wäre es dann nicht schön, glauben zu können?

Und so entlasse ich die geneigte Leserschaft aus diesem besonders wirren Beitrag mit dem alten Brecht:

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

***


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*zitiert nach der rev. Lutherübersetzung 1912
**wobei anzumerken ist, daß Lennons Songs letztlich immer höchst persönlich sind.
***zitiert nach: Brecht, Bertolt: Der gute Mensch von Sezuan. Suhrkamp Frankfurt am Main 1964, S. 144

Neujahr.

Neujahrsansprachen rangieren auf der Hitliste der beliebtesten Zeitvertreibe eher nicht unter den Top Ten. Durchaus nicht zu Unrecht, denn, mal ehrlich, was soll man da schon groß sagen?
Die Auguren heutiger Tage (Wirtschaftsweise, Weltuntergangspropheten, Wirrköpfe sonstiger Couleur) lagen alle schonmal gründlich daneben. Verständlich, daß es da einen Hang zum Unkonkreten gibt, was die Ansprachen Offizieller natürlich noch öder macht. Denn schließlich wissen wir ja Dank Doc Brown, daß die Zukunft ein unbeschriebenes Blatt sei – jegliche Aussagen zum neuen Jahr sind also reine Orakelei.
Insofern gibt es nur eine gültige Neujahrsansprache, nämliche diese hier:

Laßt alle Hoffnung fahren.

Nichtsdestotrotz möchte ich den Hausheiligen zu Wort kommen lassen. Denn ganz so defaitistisch wie das depressive, Sartre zitierende Kastenweißbrot muß man die Sache nicht angehen.

Und eine Stimme sagte: „Und 1919?“ „Ja, und 1919?“ riefen alle. Das neue Jahr erhob sich und machte eine Verbeugung. In der Hand trug es eine kleine, elegante, lederne Reisetasche. „Was haben Sie dadrin?“ fragte 1918. „Darin trage ich ein Heilmittel für die da unten!“ sagte es. Und da wurde es ganz still.
„Darin trage ich den guten Willen. Ich darf es euch noch nicht sagen, was noch alles – aber das verspreche ich euch: wenn sie einer zu Räson kriegt, der gute Wille bekommt´s fertig. Der gute Wille der Niedergetretenen und der gute Wille der an die Freiheit Gekommenen. Der gute Wille der Staaten, nicht mehr Menschen zu knuten und einzusetzen wie totes Material – Menschen sind um ihrer selbst willen da! – Der gute Wille der Familie, Menschen zu erziehen und nicht nur zukünftige Onkel und Tanten und Vereinsmitglieder. Der gute Wille des Menschen, zu wissen, wofür er da ist, auf der bunten Erdkugel -: um seiner selbst willen, um seiner selbst willen, um seiner selbst willen!“
Und kaum hatte das Jahr ausgesprochen, da klangen großmächtige Glocken in den Saal, die Türen sprangen auf, und ein fernes brausendes Rufen drang durch die Luft. „Da – seht!“ sagte einer. Und obleich die alten Jahre das Schauspiel schon so oft gesehen hatten, kamen sie doch alle an die Tür und schauten: da hing die Erde groß und leuchtend in der Luft, wie ein ungeheurer Ball, es puffte und knallte und glühte auf ihr – da feierten sie Neujahr – „Ich muß gehen!“ sagte 1919 und verschwand.
„Prosit Neujahr!“ riefen die Jahre hinter ihm drein. Und ein ganz junges Jahr, das noch lange nicht herankommt – sein Name fängt mit zwei Nullen an -, krähte mit einer furchterregend pipsigen Stimme, im Diskant: „Und mach´ einmal Frieden da unten, du!“ – Und da lachten alle die alten Jahre brausend.
Und so wollen wir auch, wir, ich und du, in das neue, unbekannte Jahr hinübergehen, lachend, trotz alledem!“

*

All der gute Wille freilich nützt erst dann etwas, wenn er zur Tat wird („die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“**). Wünschen, Hoffen, Glauben, Beten – alles ganz wunderbare Sachen und wer die Kunst der Kontemplation beherrscht, dürfte daraus auch Ruhe und Kraft gewinnen. Wer aber wirklich etwas ändern will, wird um die Tat nicht herumkommen.
Und so mag das Schlußwort heute Gerhard Schöne gehören.


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*zitiert nach: Die Jahre. in: Tucholsky, Kurt: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Texte 1914-1918 (=Bd. 2), Rowohlt. Reinbek 2003. S. 455
**nach: Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. MEW, Bd. 1, S. 385.

καὶ σὺ τέκνον

Ich weiß nicht, ob sich noch jemand erinnert, womit die Grünen vor gut 30 Jahren als Partei starteten. Vielleicht weiß es ja noch irgendjemand in dieser Partei. Veilleicht erinnert sich dort noch jemand an den Slogan von der „Anti-Parteien-Partei“, entsinnt sich des „Marschs durch die Institutionen“? An die Idee, Politik ganz anders zu machen?
Sollte da noch jemand sein, könnte der oder diejenige mir dann bitte das hier erklären?

gruene

Im Laufe der letzten Jahre haben die Grünen eine Position nach der anderen geräumt. Und da reden wir nicht nur über Kleinigkeiten. Die Friedenspartei beschloß schon Angriffskriege (Kosovo, Afghanistan), die Ökopartei genehmigte Kohlekraftwerke (Hamburg), die Partei der sozialen Bewegung beschloß Kürzungen für Kinder von Arbeitslosen (HartzIV – und ist sich heute nicht zu schade, eben diese niedrigen Sätze anzuprangern).
Nun, da es keine Positionen mehr zu räumen gab, wurde nun auch noch das letzte Feld aufgeben. Es ist nicht nur so, daß die Grünen sämtliche netzpolitischen Bemühungen der letzten Jahre nun endgültig getrost in den Skat drücken können, es ist nicht nur so, daß sie auf diesem Politikfeld mit der Zustimmung zum unsäglichen JMStV ihre Glaubwürdigkeit verloren haben (und da können noch so viele netzpolitische Kongresse veranstaltet werden), nein:
Die Idee, irgendwie anders zu sein als die anderen, der Stachel im Parteiensystem zu sein, eine Kraft zu sein, bei der es immer noch ein bißchen mehr um die Sache geht als um Personalien, die, zumindest in meinen Augen, zentrale grüne Idee, für Positionen statt Posten zu stehen, ist nunmehr endgültig und öffentlich aufgegeben worden. Wo ist da der Aufschrei der Basis? Wo ist da das Rumoren? Bitte, liebe Mitglieder der Grünen, wie könnt ihr das hinnehmen? Wir sind dagegen, aber aus parlamentarischen Zwängen stimmen wir dafür? Hallo? Ist da irgendwo noch jemand zu Hause?
Andererseits

lemke

habe ich vielleicht einfach eine falsche Vorstellung davon, wer eigentlich so Mitglied in dem Verein ist, wenn eine Woche später solche Zuwächse verkündet werden.
Mich jedenfalls hat diese ganze Angelegenheit sprachlos gemacht. Mit welcher Ruhe, ja geradezu nonchalant hier eine Partei ihr Selbstverständnis öffentlich in die Kanalisation befördert, läßt mich wirklich fassungslos zurück.
Vielleicht fassungslos, zumindest aber nicht sprachlos allerdings reagierte die Netzgemeinde. Hier mal zwei Beispiele. Zum einen dieses großartige Plakat:

lemke

(via pantoffelpunk)

Zum anderen die Mitmachplattform „Parlamentarische Zwänge„.

Und stünde ich nicht so fassungslos und sprachverloren da, würde ich vielleicht eine solche Wutrede schreiben.

Möglicherweise irre ich mich, möglicherweise sehe ich zu schwarz (Haha, Knaller.), aber, liebe Grüne, wolltet ihr nicht einmal anders sein? War nicht das Ziel, Partei zu sein, ohne daß die frustrierten Massen in dieses Lied des Hausheiligen singen und euch mitdenken? Brauchen wir tatsächlich eine APO gegen die Grünen? Also auch ihr?

Das Parlament

Ob die Sozialisten in den Reichstag ziehn –
is ja janz ejal!
Ob der Vater Wirth will nach links entfliehn,
oder ob er kuscht wegen Disziplin –
is ja janz ejal!
Ob die Volkspartei mit den Schiele-Augen
einen hinmacht mitten ins Lokal
und den Demokraten auf die Hühneraugen . . .
is ja janz ejal!
is ja janz ejal!
is ja janz ejal!

Die Plakate kleben an den Mauern –
is ja janz ejal!
mit dem Schmus für Städter und für Bauern:
»Zwölfte Stunde!« – »Soll die Schande dauern?«
Is ja janz ejal!
Kennt ihr jene, die dahinter sitzen
und die Schnüre ziehn bei jeder Wahl?
Ob im Bockbiersaal die Propagandafritzen
sich halb heiser brüllen und dabei Bäche schwitzen -:
is ja janz ejal!
is ja janz ejal!
is ja janz ejal!
Ob die Funktionäre ganz und gar verrosten –
is ja janz ejal!
Ob der schöne Rudi den Ministerposten
endlich kriegt – (das wird nicht billig kosten):
is ja janz ejal!
Dein Geschick, Deutschland, machen Industrien,
Banken und die Schiffahrtskompanien –
welch ein Bumstheater ist die Wahl!
Reg dich auf und reg dich ab im Grimme!
Wähle, wähle! Doch des Volkes Stimme
is ja janz ejal!
is ja janz ejal!
is ja janz ejal -!

in: Werke und Briefe: 1929, S. 675f. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 7163 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 7, S. 299f.)


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Sagt mal, geht’s noch?

Bizarr.
Was sich in diesem Lande gerade abspielt, ist einfach nur bizarr.
Wenn Terror eine Idee hat, dann die, dasjenige System zu destabilisieren, gegen den er sich richtet. Das ist immer dann ein probates Mittel, wenn man sich in einer unterlegenen Position sieht. Und nicht selten führt das auch zum Erfolg, denn der große Vorteil an dieser taktik ist die eigene Unsichtbarkeit. Man bildet einen Gegner, der nicht zu fassen ist, der immer und überall auftauchen kann und genauso schnell wieder verschwindet (auf Selbstmordattentäter zu setzen ist dabei übrigens ein bemerkenswerter Schachzug, denn es entfällt dabei die Notwendigkeit, über Fluchtwege, das Unbemerktbleiben nach der Tat nachzudenken, was die Planungen unglaublich vereinfacht und völlig neue Optionen eröffnet). Ein zu fassender, damit letztlich nicht zu definierender Gegner aber ist extrem gefährlich. Wer immer sich mit Militärgeschichte befaßt hat, weiß, daß Unberechenbarkeit ein kaum zu bemessender strategischer Vorteil ist. Freischärler aller Zeiten arbeiteten da nach demselben Prinzip. Und das sollte man sich erst einmal vergegenwärtigen, denn ich glaube, daß es zum Verständnis unbedingt notwendig ist, sich dieser Traditionslinien bewußt zu sein. Dann nämlich erst kann es gelingen, zu verstehen, was die Leute antreiben könnte.
Ich bin sicher, sehr viele in der geneigten Leserschaft kennen dieses Bild aus dem Schulunterricht:

Goya

Weiterlesen „Sagt mal, geht’s noch?“

Zirkus Sarrazini

Es ist ja alles nicht so einfach. Die Kollegen und Kolleginnen in der geneigten Leserschaft werden mir stoßseufzend zustimmen (übrigens gibt es für Stoßseufzer auch kaum einen besseren Tag als den heutigen): Kunden, die sich einen Buchtitel, einen Autor oder die Farbe des Umschlags korrekt gemerkt haben, sind selten.* Und natürlich sind immer die doofen Buchhändler schuld (was übrigens sehr unfair ist, denn ein wenig Sachkenntnis und flexibles Denken gehört schon dazu, aus der Kundenanfrage „Guten Tag, ich suche das Buch ‚Der Kampf'“ auf diesen Titel zu kommen). Jedenfalls hieß das Buch „Deutschland schafft sich ab“ bereits nach wenigen Tagen intern nur noch das „Zirkusbuch“, seit der erste Kunde nach dem „Buch von dem Sarrasini“ fragte. Ich habe mich persönlich ja sehr zeitig aus der entstehenden Debatte verabschiedet. Zum einen, weil ich nicht bereit bin, mit jemandem zu diskutieren, der sich seine „Fakten“ einfach ausdenkt. Zum anderen, weil die Debatte kaum diese Bezeichnung verdiente. Mir fiel es schwer, in diesem Themenkomplex die Contenance zu wahren, weil es gar zu viel war, worüber ich mich aufregen müsste – was meiner Hausärztin wohl nicht gefallen hätte.
Glücklicherweise gibt es aber Menschen mit stärkeren Nerven. Und so sei auch heute wieder auf ein anderes Blog verwiesen. Der zum Bookmarken empfohlene Gregor Keuschnig analysiert sehr genau, sehr tiefgründig und sehr unaufgeregt Sarrazins Machwerk, die anschließende Debatte, warum er eigentlich gelesen wird und überhaupt alles drumherum.

Oder anders: Ein Beitrag, der in meinen Augen unbedingt der maßgebliche Text zum Thema werden sollte.

Zur Lektüre bitte hier entlang.

Und zur Belohnung fürs Lesen gibt es auch noch ein Video:


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*Bei der Gelegenheit noch ein Hinweis in eigener Sache: Neben der durchaus merkwürdigen Funktion, die Suchanfrage nach Umfang einzuschränken, kann bei Lehmanns inzwischen auch nach Coverfarbe gesucht werden – dies als freundlicher Hinweis für die KollegInnen, mir hat das bereits einige Male geholfen, denn glücklicherweise muß die Farbe nur beinhaltet sein und nicht dominieren, was ja meist das Hauptproblem bei der beliebten Anfrage: „Ich weiß nicht mehr, wie das Buch oder der Autor hieß. Aber es war grün.“ ist. Zum Ausprobieren bitte hier entlang. Funktioniert recht gut und wird sicher immer besser, je weiter die Datenbank verbessert wird (Wir haben ja gerade erst gerelauncht. 😉 )

Der Unverstandene. Wirre Gedanken.

Auf mdr info hörte ich gestern diesen Kommentar des Paris-Korrespondenten Christoph Wöß.
Ich bin kein Kenner Frankreichs. Ich bin überhaupt kein Kenner von irgendetwas (wie an anderer Stelle schon geschrieben, wissen Buchhändler immer von allem etwas, dafür aber nichts richtig). Von Frankreich allerdings verstehe ich noch weniger als von vielem anderem. Mag also sein, daß der Kurzkommentar von Herrn Wöß gar nicht so gut ist, wie er mir als unbedarftem Zuhörer schien.
Allerdings erscheint mir seine Analyse durchaus überzeugend, weil sie einfach zu allem paßt, was ich bisher zu lesen und zu hören bekam. Ein geschlossenes Weltbild allein ist allerdings eine sehr schwache Garantie, was jedem klar sein dürfte, der sich einmal mit Fundamentalisten unterhalten hat.

Insofern können die folgenden Gedanken also auch kompletter Nonsense sein, aber hey, „It´s my party.“ Weiterlesen „Der Unverstandene. Wirre Gedanken.“

Das Leiten in der Kultur

Irgendwo in meinem Hinterkopf lauert noch ein grandios-brillanter, alles umfassender und ein für alle Mal klärender Essay zur Kultur der Angst, die inzwischen die Rolle des metaphorischen Opiums übernommen hat, für das zu anderen Zeiten ein durchaus brillanter Denker die Religion vorgesehen hat (wobei auch diese ja durchaus aus einer Angst heraus zu erklären wäre, aber wie gesagt, der Essay ist noch irgendwo im Hinterkopf…)
Bis ich diesen geschrieben habe, sei dringendst, wärmstendst und unbedingt dieser Beitrag von Malte Welding empfohlen, in dem er klar und hellsichtig etliche Dinge benennt und vor allem einmal: Diese ganze unsägliche Debatte um Zuwanderung, Leitkultur, Integrations(un)willen und Multikulti gerade rückt und dort ansetzt, wo es wirklich weh tut.
Das, was wir hier momentan betreiben, ist in meinen Augen nichts weniger als ein Ausverkauf sämtlicher Ideale, für die wir doch stehen wollen (womit ich ja nicht bestreiten will, daß diese selbstverständlich unerreicht waren und sind, aber eine Gesellschaft, die ihre Visionen aufgibt, hat keinen Bestand.)

Zum Einstieg mal dieses Zitat, das ich mühsam aus vielen in Frage kommenden Stellen ausgewählt habe:

So leid es mir tut, und so schwer es meine Arbeit als Mensch und
Mitbewohner macht: Ethnie, sexuelle Glaubensrichtung, Hautfarbe, sogar
Geschlecht: all diese beliebten Unterscheidungsmerkmale bieten keinen
Hinweis darauf, wie ein Mensch ist.

So, genug der Vorrede, bitte lesen Sie jetzt:

Malte Welding: Nerv mich doch!

Nicht ganz passend, aber trotzdem immer wieder vor Augen zu führen, wenn man versucht ist, mal eben ganze Bevölkerungsgruppen pauschal abzuwerten:

Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,
habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten,
habe ich nicht protestiert;
ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie die Juden holten,
habe ich nicht protestiert;
ich war ja kein Jude.
Als sie mich holten,
gab es keinen mehr, der protestierte.

(Martin Niemöller)


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Das wird man ja mal noch sagen dürfen.

Die Geschichte der Meinungsfreiheit ist eine Geschichte voller Mißverständnisse. Eines der aktuell bevorzugten Mißverständnisse beruht darauf, daß offenbar viele annehmen, Meinungsfreiheit bedeute, die eigene Meinung unwidersprochen äußern zu dürfen.
Das bedeutet sie eben nicht. Meinungsfreiheit bedeutet eben auch die des Andersdenkenden und als Bestandteil einer mehr oder weniger offenen Gesellschaft gehört der Austausch von Argumenten, der Meinungswettstreit zu dieser Freiheit dazu. Welchen Zweck sollte sie auch sonst haben? Wer Selbstbestätigung will, kann sich ja vor einen Spiegel stellen. Natürlich kann niemand dazu gezwungen werden, tatsächlich über Einwände nachzudenken oder gar sich von Tatsachen verwirren zu lassen, mithin also schlicht auf der eigenen Sicht der Dinge zu beharren, ganz egal, ob das Sinn macht – es entspricht aber nicht unbedingt dem Konzept, auf dem die Idee der Meinungsfreiheit beruht.
Ich habe hier im Blog ja gelegentlich meiner Sorge Ausdruck gegeben, daß die sogenannte „Neue Rechte“ mit ihren zum Teil subtilen Methoden massiv unterschätzt werden. Wie weit diese mit ihren Argumentationsstrukturen bereits im gesamtgesellschaftlichen Diskurs angekommen sind, ist der eigentlich erschreckende Befund der unsäglichen Sarrazin-Debatte. Einer der Kernpunkte ist nämlich die Behauptung, böse, von Althippies kontrollierte Systemmedien würden die Meinungsfreiheit untergraben, indem sie ein Meinungskartell bildeten, in dem nur eine bestimmte Denkrichtung erlaubt sei.
Der Applaus für Thilo S. von Rechtsaußen kam also keineswegs einfach nur deshalb, weil seine Thesen so schön ins Weltbild passen, sondern durchaus auch deshalb, weil er sich ganz hervorragend eignet, eben jene These vom Meinungskartell zu stützen. Daß jemand, der seit Jahren in nahezu allen Medien präsent ist, in den letzten Wochen eine Anwesenheitsliste in Fernsehtalkshows hatte, um die ihn so mancher beneiden dürfte, kurz: Der eine Bühne bereitet bekam, um seine Meinung ausgiebig kundzutun, daß dieser also in seiner Meinungsfreiheit beschnitten sein soll, scheint mir absurd. Noch viel absurder finde ich allerdings, daß das auch noch funktioniert.
Daher bin ich äußerst dankbar für diesen Kommentar Robert Misiks, der in die Kategorie: „Artikel, die ich geschrieben hätte, könnte ich so schreiben.“ fällt.

Bitte weiterlesen.


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P.S. Mein Lieblingskommentar zu Sarrazin stammt immer noch von Ben Wettervogel, der nach einem Beitrag zum Thilo im Morgenmagazin das Wetter anmoderierte mit: „Morgen werden 17 Grad, das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“

Nebellichter

Anläßlich der künstlich aufgeplustertern Aufregung zu Google Streetview machte ich hier einige Anmerkungen zu den Nebelwerfern in der Politik und
ihren willfährigen Gehilfen im Hauptstadt-„Journalismus“.
Nun, es gibt glücklicherweise auch im journalistischen Milieu noch denkende Menschen und einigen von diesen verdanken wir nun diesen kleinen Film, der ein paar Dinge mal wieder ins recht Licht rückt.
Nicht Google mit ein paar Fassadenschnappschüssen, deren Veröffentlichung auch noch widersprochen werden kann, ist unser vorrangiges Problem. Im Namen der ach so bedrohten Sicherheit wurden weit problematischere Datensammlungen in Auftrag gegeben. Von denen abzulenken freilich in Berlin reichlich Grund besteht. Hier also der Film von Alexander Lehmann zu Buugle:

Und noch einmal Pispers, der eine bemerkenswerte Frage stellt:


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Nebelwerfer. Eine Polemik.

Ich wollte ja eigentlich nicht. Dieses Mal, sagte ich mir immer wieder, dieses Mal gibst Du nicht auch noch Deinen Senf dazu.
Aber der innere Senfproduzent ließ sich von der angeordneten Kurzarbeit überhaupt nicht beeindrucken und da zu viel Senf im Bauch den Magenschleimhäuten schadet, muß ich nun doch.
Es wäre denn auch sehr einfach, die ganze GoogleStreetView-Geschichte als Sommerlochkasperade abzutun, einmal herzlich über die Leute zu lachen, die sich bei ihrem Protest gegen die Abbildung ihrer Häuser mit Famen und Haus in Presse und Fernsehen präsentieren oder den Kopf zu schütteln über den unfaßbaren Unsinn, der über den Dienst des beliebten Zwischennetzunternehmens verbreitet wird.
Könnte man. Und dann zur Tagesordnung übergehen.
Wenn es da nicht diesen GO-Antrag gäbe, der einen Punkt auf die Agenda bringt, den ich für gewichtig halte:

awillburger/status/21913178130

Betrachtet man die Aufregung um dieses Thema, die in keinerlei Verhältnis zur Sache stehen, und vor allem, wer sich da so ins Zeug legt, so flüstert der innere Wisnewski doch sofort: Da soll abgelenkt werden. Da wird vertuscht. Die planen doch eine ganz große Sache.
Es braucht freilich keines verschwörungstheoretischen Feingespürs, um die simple Ablenkungstaktik zu erkennen und so ist denn der oben zitierte Tweet auch nur einer unter unzähligen ähnlich gelagerten Äußerungen. Während ich aber für Frau Aigners heroischen Kampf gegen Windmühlen wenigstens noch eine verständliche Motivation ins Felde zu führen wüsste (was soll sie auch machen mit ihrem belächelten Ministerium, ihrer offensichtlichen Überforderung, die sich in sinnfreier Symbolpolitik – das angekündigte Löschen ihres Facebookaccounts wird Zuckerberg auf der eigenen Relevanzskala wohl irgendwo zwischen einem umgefallenen Sack Reis und einem zerstörten Blumenkübel einsortiert haben – manifestiert), ist mir die Motivation unseres offiziellen PolitikJournalismus völlig unbegreiflich.
Wieso steigt man denn darauf ein? Warum in alles in der Welt hält man es für wichtiger jede Äußerung irgendeines Menschen mit politischem Mandat nachzuplappern und zu verbreiten, anstatt mal ernsthaft Fragen zu stellen?
Wo ist denn die große mediale Kampagne zur Netzneutralität, wenn man denn schon über Google reden will? Tagelange Berichterstattung von Tagesschau bis Bild wäre hier doch viel eher angebracht.
Wo die erbosten Volksmassen, die sich doch sicher finden ließen, deutete man auch nur an, was im SWIFT-Abkommen eigentlich drin steht?
Wie wäre es denn gewesen, über die erstaunliche Zurückhaltung der Regierung in Sachen EU-Datenschutzrichtlinie zu berichten anstatt über eine Belanglosigkeit wie StreetView? Man stelle sich vor, jedes Mal, wenn Frau Aigner ihre Meinung dazu Kund getan hätte, wäre ihre Untätigkeit in dieser Sache thematisiert worden.
Stellt sich die Frage: Warum passiert das nicht? Wenn die Regierenden, aus nachvollziehbaren, wenn auch keineswegs ehrenwerten Gründen, Nebelkerzen wirft, wieso wird dann noch die Nebelmaschine angeworfen, wo es doch nötig wäre, ein Windgebläse aufzustellen?
Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, daß unser Haupstadtjournalismus inzwischen so sehr Hauptstadt geworden ist, daß ihm der Journalismus abhanden gekommen ist. Wieso setzt nicht die achso wichtige und gerühmte Vierte Gewalt die Themen, sondern läßt sie sich mundgerecht vorkauen?
Braucht es denn etwa der Äußerung einer Frau Aigner, damit ein Thema ein Thema wird? Habt ihr bei all den super-konspirativen Mittagessen mit Hinter- und Vorderbänklern vergessen, wer eure Zeitungen macht? Wißt ihr noch, was investigativ ist? Themenfindung? Recherche, anyone?
Wißt ihr noch, warum sich Zeitungen mal durchgesetzt haben? Weil sie Neues berichteten, analysierten und in Zusammenhänge stellten. Wär doch schön, wenn es so etwas wieder gäbe, ne?

Und die spannende Frage, die sich mir zum Abschluß stellt: Warum in alles in der Welt lassen wir das mit uns machen?

Schließen möchte ich mit einem Kommentar des Hausheiligen, Getroffene mögen bellen:

An das Publikum

O hochverehrtes Publikum,
sag mal: bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: »Das Publikum will es so!«
Jeder Filmfritze sagt: »Was soll ich machen?
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!«
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
»Gute Bücher gehn eben nicht!«
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?

So dumm, daß in Zeitungen, früh und spät,
immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;
aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;
aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn
könnten mit Abbestellung drohn?
Aus Bangigkeit, es käme am Ende
einer der zahllosen Reichsverbände
und protestierte und denunzierte
und demonstrierte und prozessierte . . .
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?

Ja, dann . . .
Es lastet auf dieser Zeit
der Fluch der Mittelmäßigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Grießbrei-Fresser –?
Ja, dann . . .
Ja, dann verdienst dus nicht besser.

in: Werke und Briefe: 1931. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 8493f. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 9, S. 237-238)


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